dann geradezu von einer „Warnfarbe“ sprechen kann. Die auf dunklem
Grunde orangegelb gemusterte Krustenechse (~Xeloderma suspectum~)
ist die einzige Echse, welche wie die Schlangen Giftzähne hat. Das
Gift befindet sich in besonderen Giftdrüsen und dringt beim Biß durch
die gefurchten Zähne in die Wunde. Das Gift tötet Hunde und Katzen
infolge Herzlähmung in kurzer Zeit, ruft jedoch beim Menschen nur
vorübergehende Krankheitserscheinungen hervor. Die eigenartige Echse
lebt auf der Westseite der Kordilleren.
Als Warnfarbe kann man auch die schwarzgelbe Zeichnung unseres
Feuersalamanders (~Salamandra maculosa~) ansehen, der an den
Bauchseiten und auf dem Kopf Drüsen besitzt, die ein scharfes,
ätzendes Sekret absondern, das den Salamander für Tiere, welche von
Lurchen leben, ungenießbar macht, ja sogar kleinere Tiere tötet.
Nur die Ringelnatter ist gegen das Gift unempfindlich und scheut
sich nicht, gelegentlich auch den Feuersalamander anzugreifen und zu
verzehren. Auch für den Feuersalamander selbst ist das Drüsensekret
unschädlich, denn größere Tiere fressen nicht selten in Gefangenschaft
kleinere Genossen auf, ohne Schaden zu erleiden. Die Fortpflanzung
des Feuersalamanders zeigt besondere Eigentümlichkeiten. Gewöhnlich
werden die Larven lebendig geboren, d. h. sie schlüpfen bereits im
Mutterleibe aus dem Ei. Bisweilen werden auch Eier abgelegt, und die
Jungen schlüpfen dann sofort aus. Es handelt sich in diesem Falle
gewissermaßen um eine Frühgeburt. Der vom Weibchen empfangene männliche
Samen kann viele Monate in einem besonderen Behälter aufbewahrt werden,
von dem aus dann eine spätere Befruchtung der Eier erfolgt. So bringt
bisweilen ein einzeln gehaltenes Salamanderweibchen zur Überraschung
seines Besitzers nach einem halben Jahr plötzlich Junge zur Welt, ja es
kann abermals nach mehreren Monaten eine zweite Geburt folgen, ohne daß
das Weibchen mit einem Männchen in Berührung kam.
Beim Feuersalamander und der Krustenechse handelt es sich nicht um
eine Schutzfarbe, die als Mimikry wirkt und das Tier durch Anpassung
an die Umgebung unsichtbar macht, sondern im Gegenteil um eine sehr
auffallende Färbung, die gewissermaßen ein Aushängeschild ist und dem
lüsternen Feind schon von weitem entgegenruft: „Rühre mich nicht an,
ich bin giftig.“ Diese Nutztracht ist also gerade das Gegenteil der
Mimikry.
Aber auch eine bunte Färbung kann unter Umständen als Schutzfarbe
wirken, indem das Tier gerade durch bunt zusammengewürfelte Farben
unkenntlich gemacht wird. Ich konnte diesen Vorgang zuerst an einem
Kleinen Buntspecht (~Dryobates minor~) beobachten, dem kleinsten
Vertreter der bei uns heimischen Spechte, der nicht größer als ein
Sperling ist. Er trägt wie seine größeren Vettern, Großspecht und
Mittelspecht, ein schwarzweiß geschecktes Federkleid und eine rote
Kopfplatte, ist also ein sehr auffällig gefärbter Vogel. Ich hielt
einen jung aufgezogenen Kleinspecht längere Zeit in einer Zimmervoliere
und war immer wieder erstaunt, wie oft ich den Vogel übersah, auch
wenn er nicht weit vor mir an einem Stamm saß, freilich ohne sich zu
bewegen. Ich forschte der Ursache dieser eigentümlichen Erscheinung
näher nach, bis ich schließlich die Erklärung fand. Durch die bunte,
wirre Färbung werden die Umrisse des Körpers verwischt. Dieser
wirkt nicht mehr als einheitliches Ganzes, sondern er wird durch
die unregelmäßige Fleckung und Zeichnung aufgelöst. Ich habe auf
diese Art der Schutzfärbung zuerst in einem Vortrag der Deutschen
Ornithologischen Gesellschaft im Jahre 1902 hingewiesen und sie
„Körperauflösung“ oder „Somalyse“ genannt[5].
[Sidenote: Somalyse]
Die Somalyse spielt im Leben der buntgefärbten Tiere eine nicht zu
unterschätzende Rolle. Die Jugendkleider vieler Hirscharten sind weiß
gefleckt. Das Kalb drückt sich, wenn die Mutter nicht in der Nähe
ist, bei nahender Gefahr regungslos auf den Erdboden nieder und wird
infolge der Fleckung, die die Konturen des Körpers auflöst, nicht so
leicht erkannt. Junge Möwen, Regenpfeifer, Strandläufer, Kiebitze und
viele andere Vogelarten tragen ein unregelmäßig dunkel geflecktes und
getupftes Dunenkleid, das, wenn sich die Tiere ruhig verhalten, schon
auf nahe Entfernung ihre Körperform völlig unkenntlich macht. Die grün,
rot und blau gefärbten Papageien verschwinden im Tropenwald weniger
durch ihre Anpassung an die prächtige Blumenflora, sondern durch die
Körperauflösung, welche durch die Zusammenstellung der bunten Farben
hervorgerufen wird. Dies kommt am besten bei den buntgescheckten Loris
zur Geltung, die, wie ich mich oft genug beim Anblick eines großen, mit
diesen herrlichsten Papageien besetzten Flugkäfigs überzeugen konnte,
schon aus nicht zu weiter Entfernung leicht übersehen werden, da durch
die buntgescheckte Färbung der einheitliche Eindruck verlorengeht.
Dasselbe ist auch bei vielen Reptilien der Fall, deren Schuppenkleid
gefleckt oder gestreift ist. Die Kreuzotter mit ihrem schwarzen
Zickzackstreifen auf der Oberseite ist, wenn sie zusammengerollt ruht,
nur sehr schwer zu erkennen.
Bekanntlich sind Eier der meisten offen brütenden Vogelarten gefleckt.
Ein auf bläulichem Grunde rötlich oder braun geflecktes Ei ist der
Farbe des Nestinnern durchaus nicht angepaßt, aber es verschwindet
schon in geringer Entfernung unseren Blicken, weil durch die Fleckung
das Ei als solches nicht mehr zu erkennen ist. Die Eigestalt wird eben
durch die Zeichnung aufgehoben.
Der Begründer der Tierphotographie +Schillings+, der als erster mit der
photographischen Kamera ins dunkle Afrika hinauszog, um „Natururkunden“
von den Tieren der Wildnis heimzubringen, sagt in seinem vortrefflichen
Werke „Mit Blitzlicht und Büchse“: „daß die so auffallend schwarzweiß
gestreifte Färbung der Zebras ihre Träger in keiner Weise von der sie
umgebenden Landschaft abhebt. Je nach der Beleuchtung sehen Zebras ganz
verschieden gefärbt aus; aber selbst da, wo ihre schwarzweiße Färbung
auf nächste Entfernung zur Geltung kommen könnte, verschwinden die
Tiere in ganz außerordentlichem Maße mit der Färbung der Steppe.“
Die Ursache dieser eigenartigen Erscheinung, über die der berühmte
Forscher seine Bewunderung ausspricht, liegt eben darin, daß die dunkle
Querstreifung des hellen Felles die Umrisse des Körpers schon in großer
Nähe völlig auflöst. Dieselbe Wirkung erzielt auch das gestreifte
Tigerfell und die gefleckte Leopardenhaut.
Das Prinzip der Somalyse hat im Weltkriege eine große Bedeutung
gewonnen. Man bemalte Geschütze, Flugzeughallen, Wagen und andere
Teile der Heeresausrüstung mit bunten Farben, um ihre im Gelände sich
abhebende Gestalt zu verwischen und sie für die Flieger unkenntlich zu
machen.
Die Mimikry ist an eine ganz bestimmte Umgebung gebunden. Sie kommt
nur dann zur Geltung, wenn das Tier sich auf dem Untergrunde befindet,
dessen Farbe es angepaßt ist. Die Somalyse hat dagegen eine viel
weitere, eine allgemeine Bedeutung. Sie ist völlig unabhängig von der
Umgebung, denn sie beruht nicht auf einer Anpassung und auf einer
Nachahmung, sondern sie wirkt ganz selbständig, einzig und allein durch
eine möglichst unregelmäßige Verteilung der Farben, die die Umrisse der
Gestalt verwischen und den Tierkörper in seinem Gesamteindruck auflösen.
Die Somalyse beruht auf Fleckung und Streifung, besonders
Querstreifung, und zeigt uns, daß die buntfarbigen Tiere ebenso eine
Schutzfarbe besitzen wie die einfarbigen Tiere, die einer bestimmten
Umgebung angepaßt sind.
[Sidenote: Entstehung der Schutzfarben]
Eine andere, sehr wichtige Frage ist die, auf welche Weise diese
Schutzfarben entstanden sind.
Der große englische Naturforscher +Charles Darwin+, der den von
+Lamarck+ zuerst ausgesprochenen Gedanken einer allmählichen
Entwicklung der Lebewesen aus einfachen, niedrigen Formen zu einer
gewaltigen Lehre erhob, führt die Entstehung der Arten auf eine
natürliche Zuchtwahl und Auslese zurück. Vererbung und Abänderung
(~Variation~), beeinflußt durch den Kampf ums Dasein, der eine
natürliche Auslese verursacht, sind nach +Darwin+ die Faktoren, welche
die Arten bilden und umformen.
[Sidenote: Darwinismus]
Mit Hilfe des Darwinismus läßt sich die Entstehung jener Schutzfärbung,
die wir in ihrer Anpassung als Mimikry bezeichnen, unschwer erklären.
Alle Lebewesen, sagt +Darwin+, variieren bis zu einem gewissen Grade.
Je weiter wir in der Stammesgeschichte zurückgehen, um so größer mag
die Variationsbreite gewesen sein und die Möglichkeit, sich umzubilden.
Der Laubfrosch war ursprünglich nicht ausschließlich grün, sondern es
kamen auch Individuen vor mit weniger ausgesprochener grüner Farbe,
die vielleicht mehr eine gelbe oder braune Färbung zeigten. Alle
diese vom Grün abweichenden Variationen hoben sich von dem grünen
Blätterwerk mehr ab als ihre grüngefärbten Artgenossen. Sie wurden
infolgedessen von den Feinden leichter erkannt und fielen diesen eher
zum Opfer als die grünfarbigen Frösche mit ihrem dem grünen Laub besser
angepaßten Kleid. So erfolgte im Kampf ums Dasein eine Auslese der
Natur, die alles Unzweckmäßige vernichtete und eine rein blattgrüne
Farbenvarietät des Laubfrosches heranzüchtete, wobei die Vererbung eine
ausschlaggebende Rolle spielte.
Dies ist in kurzen Zügen, an einem einfachen Beispiel erläutert,
der Gedankengang des Darwinismus. Es war nicht eine kühne, genial
erfundene, spekulative Hypothese, die +Darwin+ aufstellte, sondern die
in seiner Heimat, in England so blühende Rassenzucht der Haustiere gab
dem ernsten Forscher und Denker den Hinweis für seine neue Lehre. Durch
eine künstliche Zuchtwahl vermehrten die Züchter die Tierrassen. Sie
wählten zur Zucht stets nur solche Individuen aus, die die zu formenden
und zu festigenden Rassemerkmale zunächst andeutungsweise und später
in immer höherem Grade zeigten, bis schließlich durch eine sorgfältige
Auslese, die alles Minderwertige ausmerzte, die Rasse in höchster
Potenz herausgeformt und durch Vererbung konstant gefestigt war. Diese
wichtigen Prinzipien der Rassenzucht übertrug +Darwin+ auf die Natur,
in der der Kampf ums Dasein auf natürlichem Wege jene Auslese erwirken
soll, die der Züchter zielbewußt ausübt.
Der von +Darwin+ neu geprägte Begriff der „natürlichen Zuchtwahl“ hat
eine fundamentale Bedeutung erlangt, weil hier zum ersten Male die
Bildung der Lebewesen auf einen rein natürlichen Vorgang zurückgeführt
wird, ohne Zuhilfenahme übernatürlicher Kräfte, ohne Wunderglauben.
[Sidenote: Entwicklungslehre und Religion]
Noch mehr als die Lehre eines +Kopernikus+ hat der Gedankengang
+Darwins+ die Weltanschauung umgestaltet, ja sie völlig aus den Angeln
gehoben. Von gegnerischer Seite, besonders von der Kirche, wurde
scharfer Einspruch gegen die ketzerische Lehre des britischen Forschers
erhoben. Das Fundament der Religion, an dem schon ein +Kopernikus+,
ein +Lamarck+ gerüttelt hatten, schien völlig zusammenzustürzen. Mit
aller Gewalt lehnte sich die Theologie gegen die neue Weltanschauung
auf, die Moral und Ethik zu untergraben drohte. Unbeirrt der scharfen
Fehde und Anfeindung ging die Wissenschaft ihren Weg weiter. Selbst
der große Forscher +Cuvier+, der mit aller Kraft das teuflische Werk
+Darwins+ zu bekämpfen suchte und sich ganz auf den alten Boden der
biblischen Schöpfungsgeschichte stellte, vermochte den Stein, der ins
Rollen gekommen war, nicht aufzuhalten. Die Entwicklungslehre oder
Deszendenztheorie blieb in der Wissenschaft anerkannt. Sie wurde von
+Darwins+ Schüler, dem Jenaer Zoologen +Ernst Häckel+, dem genialen
Schöpfer des Biogenetischen Grundgesetzes, vollends ausgebaut und
gefestigt.
[Illustration:
Abbildung 27 Friedrich v. Lucanus phot.
Harzhirsch
in der Suhle]
[Illustration:
Abbildung 28 James’ Preß Agency, London
Junger Gorilla]
Bedeutet die Entwicklungslehre, welche die allmähliche Entwicklung der
Lebewesen aus gemeinsamen, niedrigen Urformen herleitet, in der Tat
eine Vernichtung der christlichen Religion! Untergräbt sie wirklich
Moral und ethisches Empfinden? Dies kann nur der ernstlich glauben,
welcher die Dinge engherzig und laienhaft ansieht.
Was sagt doch die Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose der Bibel? Das
erste, was geschaffen wird, ist das Licht, das, wie die Wissenschaft
uns lehrt, die Quelle alles Lebens ist. Der zweite Schöpfungstag bringt
die Entstehung des Weltensystems, der am dritten Tage die Bildung der
Erde mit erhärteter Oberfläche, mit Trennung von Land und Wasser folgt.
Es entstehen auf der Erde als erste organische Gebilde die Pflanzen.
Am vierten Schöpfungstage wird das Weltensystem durch Schaffung neuer
Gestirne, deren Licht die Erde erleuchtet, vervollkommnet. Die beiden
folgenden Schöpfungstage sind der Bildung der Tierwelt gewidmet. Am
letzten Tage tritt dann der Mensch als Krone der Schöpfung in die Welt.
Nicht in kindlichem Aberglauben sollen wir die Schöpfungstage, wie sie
uns +Moses+ vor Augen führt, als 24-Stunden-Tage auffassen. Als große
Perioden müssen wir sie ansehen, als jene gewaltigen Zeiträume von
Jahrmillionen, die die Wissenschaft in der Entwicklungsgeschichte der
Erde als Primärzeit, Sekundärzeit usw. unterscheidet.
Die Reihenfolge der mosaischen Schöpfungsgeschichte entspricht durchaus
der wissenschaftlichen Forschung, die nachgewiesen hat, daß erst die
Pflanzenwelt und dann die Tierwelt entstanden ist, und daß der Mensch,
dessen Dasein kaum bis in die Tertiärzeit hineinreicht, den letzten
Akt der fortschreitenden Entwicklung verkörpert. Er ist, dank seines
hoch ausgebildeten Gehirns, dem eine wahrhaft göttliche seelische Kraft
innewohnt, der Herr der Schöpfung, der, um mit Moses zu reden, über
alles Tier, das auf Erden kriechet, herrschet.
Die biblische Schöpfungsgeschichte nimmt freilich die Erschaffung
jedes einzelnen Lebewesens unabhängig von der Gesamtheit an; aber in
der Zeitfolge, wie das Weltsystem mit dem Planeten „Erde“ und den ihn
belebenden Organismen in Erscheinung tritt, offenbart sich bereits
eine allmähliche Entwicklung nach denselben Grundsätzen, wie sie die
Deszendenzlehre aufstellt. Hierin liegt eine gewaltige Tiefe und
Größe der biblischen Weltanschauung, die zur heutigen Wissenschaft
keineswegs, wie der Laie glaubt, im Widerspruch steht, sondern mit ihr
in versöhnender Harmonie ausklingt.
Der geniale Israelit, der den Schöpfungsakt Gottes niederschrieb,
hat freilich von der Größe seines Gedankenganges, von dessen
wissenschaftlicher Bedeutung keine Vorstellung gehabt. Er hat seine
Vorstellungen mit kindlichem Gemüt niedergelegt, aber mit einem Gemüt,
das eine gewaltige Geistesgröße in sich birgt. --
Wir wissen heute, daß alle Erscheinungen in der Welt unabänderlichen
Gesetzen unterliegen, jenen Gesetzen, die das Weltsystem schufen, die
Werden und Vergehen in eiserner Gewalt halten. Die Gesetzmäßigkeit in
der Welt, in unserem Dasein kann und braucht das religiöse Empfinden
nicht zu ertöten. Die berühmte Ignorabimus-Rede von +Du Bois-Reymond+
hat auch heute noch trotz allen wissenschaftlichen Fortschrittes
ihre Gültigkeit. Selbst wenn es dem Forscher gelänge, die Urzelle
künstlich herzustellen, das Leben auf physikalisch-chemischem Wege in
der Retorte entstehen zu lassen, so bleibt das Fundament der Religion
dennoch bestehen. Es bleibt immer wieder ein Letztes in Dunkel gehüllt,
der Ursprung jener Kräfte, die imstande sind, ein Leben zu erzeugen.
Mag der Freidenker diesen Ursprung „Stoff und Kraft“ nennen, mag der
Gläubige hierin „Gott“ erblicken, im Grunde genommen ist es dasselbe
-- ein gewaltiges Etwas, das die Welt beherrscht, dessen Wesen unsere
Sinne niemals erfassen können.
+Spinozas+ wahrer Lehrsatz: „Nach großen, ehernen Gesetzen müssen wir
alle unseres Daseins Kreislauf vollenden“, so unerbittlich hart er auch
erscheinen mag, steht nicht im Gegensatz zum ethischen Empfinden, nicht
im Widerspruch zum religiösen Gefühl.
Der Mensch mit seinen hohen Geistesgaben ist das einzige Wesen, das
die Begriffe der Moral und der Ethik kennt, die der Tierseele fremd
sind. Das Tier folgt automatisch im Unterbewußtsein seinen jeweiligen
Trieben, die sein Wesen gesetzmäßig beherrschen. Es kann daher niemals
für seine Handlungsweise verantwortlich gemacht werden. Gut und Böse,
Recht und Unrecht vermag kein Tier zu unterscheiden, geschweige denn
zu ahnen. Die Erkenntnis dieser Begriffe füllt nur die Menschenseele
aus und macht den Menschen erst zu dem, was er ist, -- zum Menschen!
Darum dürstet die Menschenseele nach Höherem als nach jenem, was die
nüchterne Wissenschaft uns geben kann, darum behalten die herrlichen,
tiefempfundenen Worte der Bergpredigt des schlichten Galiläers, der im
Stall zu Bethlehem geboren wurde und einen harten Lebensweg wandelte,
ebenso ihre Gültigkeit wie der Korintherbrief eines Paulus, der die
Liebe als höchstes menschliches Gut preist. --
+Charles Darwin+ trug kein Bedenken, die Entwicklungslehre
letzten Endes auch auf den Menschen anzuwenden und dies in seinem
epochemachenden Werke „Die Abstammung der Menschen“ frei und offen der
Welt zu verkünden. Hiermit trat der Mensch in die Reihe der Tiere als
deren naher Verwandter.
Wohl kaum ist ein Gedanke so falsch verstanden und bewertet worden wie
die tierische Abstammung des Menschen. „Der Mensch stammt vom Affen
ab“, heißt es im Volksmund. Ein wie törichter Gedanke! Wer kann mit
seinem Ahnen zusammen leben, das schließt der Begriff der Abstammung
von vornherein aus. Die gemeinsame Wurzel liegt weit, sehr weit
zurück. Die Spaltung zwischen Mensch und Affe muß sehr früh vor sich
gegangen sein, es kann nur ein Wesen in Betracht kommen, das in der
Entwicklung tief unter den heutigen Affen gestanden hat, und das die
Fähigkeit besaß, nach der einen Seite hin sich zum Baumtier, dem Affen,
auszubilden und anderseits durch stete Entwicklung des Gehirns zum
Menschen zu werden. Der Gedanke der tierischen Abstammung des Menschen
ist durchaus nicht entwürdigend. Er zeigt uns die gewaltige Bedeutung
der Entwicklung, die es fertiggebracht hat, den Menschengeist zu einer
so hohen Stufe emporzutragen, die zwischen Tierseele und Menschenseele
eine gewaltige Kluft aufgetan hat. Das Verständnis für Moral, Kunst
und Wissenschaft ist das alleinige und höchste Gut der Menschenseele,
das den Menschen wieder aus der Reihe der Tiere heraushebt und ihn zum
gottähnlichen Wesen macht.
Die Entwicklung kennt keinen Stillstand, sie geht unaufhaltsam weiter.
So eröffnet die Lehre von der Entwicklung des Menschen aus niedriger
Form den Ausblick auf einen weiteren Fortschritt jenes Organs, das
den Menschen zum Menschen gemacht hat, auf eine immer höher werdende
Stufe des Geistes. Der Übermensch als vollendetes Wesen, dem kein
Mangel des Geistes mehr anhaftet, dem Haß, Grausamkeit und Neid fremd
sind, dessen Herz allein die reine Liebe für seine Mitmenschen und alle
Geschöpfe beseelt, steht vor unserem geistigen Auge als vollkommenste
Entwicklungsstufe, die vielleicht in Jahrmillionen einst erreicht wird.
Wahrlich ein erhebender Gedanke, dem nichts Niedriges, sondern nur
Hohes und Heiliges innewohnt.
Die Auffassung von der tierischen Herkunft des Menschen gibt uns
durchaus nicht das Recht, unseren unlauteren Begierden, die tierischen
Ursprungs sind, freien Lauf zu lassen, wie das ungebildete Volk wohl
glaubt. Im Gegenteil, sie ist nur ein Grund mehr zur Selbstzucht und
Selbstbeherrschung. Wir müssen uns unserer Geisteskraft, die wir der
Entwicklung verdanken, würdig zeigen. Moral und Ethik muß unser Sinnen
und Trachten ausfüllen. Wer anders denkt und dies nicht tut, entwürdigt
sich selbst, verleugnet seine menschliche Natur und sinkt wieder zum
Tier herab, was er einst gewesen ist. --
[Sidenote: Unsterblichkeit]
Dissidenten und Atheisten glauben die auf den Menschen angewandte
Entwicklungslehre als Beweis anführen zu können, um die Unsterblichkeit
der Menschenseele zu widerlegen. Der Begriff der Unsterblichkeit läßt
sich weder wissenschaftlich beweisen, noch wissenschaftlich leugnen.
Keine Kraft im Weltall geht verloren. Sie setzt sich nur um und tritt
in anderer Erscheinung wieder auf. So mag auch die Geisteskraft des
Menschen unsterblich sein, in welcher Form dies geschieht, entzieht
sich unserer Erkenntnis, und kein kirchliches Dogma kann uns hierauf
Antwort geben. Es bleibt Sache des Glaubens und des religiösen
Empfindens, das dem Einzelnen überlassen ist. --
Nach +Darwins+ Lehre soll die Schutzfarbe der Tiere, wie die Sandfarbe
der Wüstenbewohner, die leuchtende, bunte Färbung der Tropenfauna und
das weiße Haar- und Federkleid der Bewohner der Eisregion, im Kampf ums
Dasein durch natürliche Auslese entstanden sein. So einleuchtend diese
Theorie auch klingt, so läßt sie sich nach den neuen Forschungen in
ihrem vollen Umfange nicht mehr aufrecht halten.
[Sidenote: Neue Forschungen über die Entstehung der Färbung der Tiere]
Wir wissen heute, daß die Färbung der Tiere auch noch von anderen, rein
äußerlichen Faktoren bedingt wird. Das Klima spielt hierbei eine nicht
zu unterschätzende Rolle.
Außerordentlich lehrreich für die Beurteilung der Farbenbildung sind
die Versuche, welche +Kammerer+ mit Reptilien gemacht hat. Es gelang
ihm durch Erhöhung bzw. Erniedrigung der Außentemperatur die Färbung
von Eidechsen zu verändern.
Die auf der Oberseite herrlich grün, unterwärts gelb gefärbte
Smaragdeidechse (~Lacerta viridis~) bildet je nach Größe und mehr
oder weniger lebhafter Färbung mehrere geographische Rassen. So
fehlt der größten in Kleinasien und Syrien lebenden Form (~Lacerta
viridis major~) die schöne blaue Kehlfärbung der südeuropäischen
Smaragdeidechsen, die besonders die Männchen in der Brunstzeit
ziert. Durch starke Temperaturerhöhung brachte +Kammerer+ die blaue
Farbe der südeuropäischen Rassetiere zum Verschwinden und erzielte
hierdurch auf künstlichem Wege die Farbe der ~major~-Rasse. Ebenso
gelang es +Kammerer+ durch Einwirkung hoher Temperatur bei weiblichen
Mauereidechsen (~Lacerta muralis~) eine prächtigere Färbung, wie
sie nur die Männchen haben, hervorzurufen. Es entstanden an den
Seiten blaue Flecke und der Bauch färbte sich rot. Eine Erhöhung der
Außentemperatur in Verbindung mit Feuchtigkeit erzeugt nach +Kammerer+
vermehrte Pigmentbildung und infolgedessen ein Dunklerwerden der
Färbung, während niedrige Temperatur und Trockenheit Pigmentschwund und
infolgedessen Aufhellung hervorbringen. Bei einigen Eidechsen entstand
sogar im ersteren Falle völliger Melanismus.
Ähnliche Beispiele wie bei den Eidechsen lassen sich auch aus der
Insektenwelt anführen. Geographische Rassen von Schmetterlingen lassen
sich künstlich erzeugen, je nachdem man die Puppen in kalter oder
warmer Temperatur zur Entwicklung bringt. Im ersteren Falle erfolgt
eine Aufhellung, im letzteren ein Dunklerwerden der Färbung.