Den Forschungen auf der Anthropoidenstation in Teneriffa verdanken wir

ferner interessante Aufklärung über das soziale Leben des Schimpansen.

Da der Schimpanse im Freien stets in Familien oder Gruppen lebt, ist

sein Geselligkeitstrieb sehr ausgeprägt. Dies äußert sich besonders

darin, daß ein einzelnes Tier, das gewaltsam von der Gruppe abgesondert

wird, unter der Trennung sehr leidet. Es schreit und jammert und macht

alle Anstrengungen, wieder zu der Gruppe zu gelangen. Wesentlich

anders benehmen sich aber die Tiere in der Gruppe. Sie empfinden

die Trennung von ihrem Genossen nur sehr wenig und zeigen nur dann

eine vorübergehende und auch nur geringe Teilnahme, wenn dieser sehr

schreit. Sie unternehmen aber niemals Versuche, das getrennte Tier zu

befreien und es der Gruppe wieder zuzuführen. Wir sehen hier wieder,

daß es sich nur um die automatische Befriedigung eines angeborenen

Triebes handelt, nämlich des Geselligkeitstriebes. Das abgesonderte

Tier leidet unter der Isolierung, weil es den Geselligkeitstrieb nicht

befriedigen kann, während die anderen Tiere dies Empfinden nicht

haben, solange sie in der Gruppe leben. Die Befriedigung des eigenen

Wohlbefindens steht also allein im Vordergrunde.

Wesentlich anders verhalten sich die Schimpansen, wenn ein Tier in

der Gruppe vom Menschen angegriffen und bedroht wird. Dann stürzen

sie sofort herbei, um ihrem bedrängten Kameraden zu helfen und ihn

zu verteidigen. Ob es sich hier wirklich um eine zielbewußte Absicht

zur Hilfe handelt, d. h. um eine edle, selbstlose Tat, muß immerhin

zweifelhaft erscheinen. Der Anblick des Kampfes eines Artgenossen löst

wohl bei den übrigen Tieren ebenfalls eine Wut- und Kampfesstimmung

aus, die sie zum Angriff veranlaßt. Es kann sich also ebensogut um

eine rein automatische Übertragung einer Gemütsstimmung handeln, und

wir sind kaum berechtigt, hier etwa von ethischen oder moralischen

Empfindungen zu sprechen. Gerade bei den Tieren wird noch mehr wie bei

den Menschen die Gemütsstimmung ungeheuer leicht übertragen. Wenn sich

z. B. zwei Hunde beißen, so stürzen alle in der Nähe befindlichen Hunde

herbei und beteiligen sich an der Rauferei nur aus Lust am Beißen und

Streiten, aber nicht in der Absicht, einem Kameraden zu helfen. Sie

beißen dann sinnlos sowohl auf den Angreifer wie auf den Bedrängten

los. --

[Sidenote: Kunst- u. Schönheitssinn d. Tiere]

Die Schimpansen haben einen gewissen Sinn für Kunst und Schönheit.

Sie belustigen sich damit, einen Reigen aufzuführen. Sie gruppieren

sich kreisförmig um einen Baum oder irgendeinen Gegenstand und trotten

unter eigentümlichen, rhythmischen Bewegungen einer hinter dem

anderen her. Bei diesem sonderbaren Tanz behängen sie sich gern mit

Gegenständen, wie Lappen, bunten Fäden oder Strohhalmen, die sie sich

um die Schultern, über den Hals und die Ohren legen. Auch einzelne

Tiere schmücken sich in dieser Weise und stolzieren in ihrer Zierde

gefallsüchtig umher. Man kann also geradezu von einem Kunst- und

Schönheitssinn sprechen.

Etwas Ähnliches finden wir auch in der Vogelwelt. In Australien lebt

ein den Staren nahverwandter Vogel, der Laubenvogel (~Ptilonorhynchus

violaceus~), der sich für sein Liebesleben überdachte Lauben baut.

Diese werden aus Reisern und Laub auf dem Erdboden hergestellt. Sie

haben eine längliche Gestalt und zwei Eingänge. Den Innenraum schmücken

die Vögel mit bunten Vogelfedern und farbigen Gegenständen aus und

legen auch außen vor die Eingänge Muscheln und bunte Steinchen. Diesen

Vögeln ist also ein gewisser Schönheitssinn eigen, der sich in der

Freude an bunten Gegenständen ausdrückt.

Die Liebeslauben sind der Ort, an dem die Geschlechter vor der

eigentlichen Brutzeit miteinander tändeln und sozusagen die

Flitterwochen verleben. Sie dienen aber nicht als Nistplatz, sondern

die Vögel errichten später ein Nest in Bäumen, in dem sie die Eier

erbrüten und die Jungen erziehen.

Die Freude des Schimpansen und der Laubenvögel an Schmuck und bunten

Gegenständen dürfen wir wohl als den Anfang eines Kunstsinnes ansehen,

der sich später beim Menschen zur höchsten Vollkommenheit entwickelt

hat. So finden wir auch hier wieder unverkennbare nahe Beziehungen

zwischen Mensch und Tier. --

[4] Friedrich von Lucanus, Das Leben der Vögel, Verlag Scherl 1925.

Schutzfarben und Nutztrachten

Ein schöner Sommertag ladet uns zu einem Besuch des Zoologischen

Gartens in Berlin ein. Wir durchwandern die herrlichen, parkartigen

Anlagen und erfreuen uns an dem reichen Tierbestand, der dank der

eifrigen Fürsorge des langjährigen, verdienstvollen Direktors,

Geheimrats +Heck+, die schweren Gefahren der Inflationszeit glücklich

überwunden hat und wieder auf einer Höhe steht, die dem alten Ruhm

dieses Instituts volle Ehre macht. Zum Schluß betreten wir das

Aquarium, um die reichhaltige Sammlung an Reptilien, Amphibien und

Fischen, die alle Weltteile und Weltmeere umfaßt, kennenzulernen. Im

obersten Stockwerk befindet sich das Insektarium. Wir stehen vor einem

großen Glasbehälter, der mit frischen Zweigen ausgeschmückt ist und

einem kleinen Wald gleicht. Die Aufschrift des Namensschildes lautet:

„Indische Stabheuschrecken“.

Wir sehen zunächst kein Tier. Erst bei näherer Betrachtung fällt

uns plötzlich die Bewegung eines Gegenstandes auf, den wir bisher

für einen Zweig hielten. Langsam lösen sich lange, spinnenartige

Füße aus dem Blätterwerk, die einen langgestreckten, dünnen Körper

tragen, der einem Pflanzenstengel gleicht. Jetzt erblicken wir in dem

dichten Blättergewirr überall solche eigenartigen Tiergestalten, deren

Körper so sehr einem Zweig gleicht, daß er in der Umgebung völlig

verschwindet. Die Wirkung wird noch durch die braungrüne Farbe der

Tiere erhöht.

[Illustration:

Abbildung 25 James’ Preß Agency, London

Kragenechse

oben mit zusammengefaltetem Kragen

unten mit aufgespanntem Kragen in Abwehrstellung]

[Illustration:

Abbildung 26 James’ Preß Agency, London

Kugelfisch]

[Sidenote: Mimikry]

Diese eigenartige Anpassung von Tieren an Gegenstände ihrer Umgebung,

die sie unsichtbar macht, heißt wissenschaftlich „Mimikry“

(Nachahmung). Der große Nutzen der Mimikry besteht darin, daß das Tier

hierdurch vor den Nachstellungen seiner Feinde geschützt ist. Es wird

in der Ruhe nicht erkannt und infolgedessen übersehen.

[Sidenote: Stabheuschrecke, Wandelndes Blatt]

Die Mimikry ist besonders verbreitet unter den Insekten. Ein

Seitenstück zur Stabheuschrecke ist das Wandelnde Blatt (~Phyllium

siccifolium~), das in seinem Aussehen völlig einem grünen Blatt

gleicht. Die Flügeldecken zeigen sogar die Rippen und Verästelung der

Struktur eines Blattes. Infolgedessen herrscht bei den Eingeborenen

Indiens, der Heimat dieses merkwürdigen Tiers, der Glaube, dies

entstehe aus einem Blatt, das durch Wunder und Zauber Füße erhalte.

Auf Madagaskar gibt es einen kleinen Käfer, der einer Baumflechte

täuschend ähnlich ist und auf mit Flechten bedeckten Zweigen lebt, wo

er dann völlig unsichtbar ist.

[Sidenote: Schmetterlinge]

Viele Schmetterlinge gleichen in der Ruhe mit aufgerichteten,

zusammengelegten Flügeln einem welken Blatt. In vollendetster Weise

tritt dies bei den in Afrika und Asien verbreiteten Arten der Gattung

Callima hervor. Bei einer indischen Art (~Callima inachis~) ist die

Unterseite der Flügel rötlichgelb gefärbt. Die Ähnlichkeit mit einem

welken Blatt wird noch durch schwarze Tupfen, wie sie absterbende

Blätter haben, und durch dunkle Linien, die den Blattadern gleichen,

erhöht. Der hintere Rand der Hinterflügel läuft in einen langgezogenen

Fortsatz aus, der sich auf den Ast, auf dem der Schmetterling ruht,

anlegt und den Stiel des durch die zusammengelegten Flügel gebildeten,

welken Blattes vortäuscht. --

Die Mimikry besteht nicht nur in einer Nachahmung der Umgebung,

sondern bisweilen auch in der Ähnlichkeit mit einem anderen Tier, das

gefürchtet ist und von den Feinden des harmlosen Verstellungskünstlers

gemieden wird. Unter der abschreckenden Maske ist dann das Tier vor

den Nachstellungen seiner Feinde geschützt. Der in Europa und Asien

verbreitete Hornissenschwärmer (~Aegeria apiformis~) hat, wie der

Name sagt, das Aussehen einer Hornisse. Der gelb und braun gestreifte

Körper trägt glasartige durchsichtige Flügel. Beim Fliegen läßt dieser

kleine, harmlose Schmetterling, der im Kleide der gefürchteten Hornisse

die Mitwelt irreführt, ebenso wie sein Vorbild einen surrenden Ton

hören, wodurch der Betrug noch vervollständigt wird. Die Flügel des

jungen, aus der Puppe schlüpfenden Schmetterlings sind noch nicht

durchsichtig, sondern mit braunen Schuppen bekleidet, die aber sehr

lose sitzen und gleich beim ersten Flug durch den Luftzug abgestreift

werden. Der Hornissenschwärmer ist ein sehr schädliches Insekt, da die

Raupe sich in den Stamm der Bäume einfrißt und hier einen fast ¼ ~m~

langen Gang aushöhlt, um sich zu verpuppen. Die Arbeit beansprucht

sehr viel Zeit. Es dauert über ein Jahr, bis die mühsame Bohrarbeit

vollbracht ist. Erst im Herbst des zweiten Lebensjahres spinnt sich die

Raupe aus zernagtem Holz ihr Puppengehäuse, aus dem im darauffolgenden

Frühjahr der fertige Schmetterling ausschlüpft. Der Larven- und

Entwicklungszustand währt also fast 2 Jahre. In neuerer Zeit macht

sich der Hornissenschwärmer auch in Südamerika bemerkbar, wohin er

wahrscheinlich durch den Holzhandel verschleppt ist.

[Sidenote: Teufelsblume]

Als Wolf im Schafpelz tritt die Teufelsblume (~Idolum diabolicum~) auf,

die unsere ehemalige Kolonie Deutsch-Ostafrika bewohnt. Sie gehört zu

den Fangschrecken oder Gottesanbeterinnen. Das grün gefärbte Insekt

besitzt vorn zwei lange Fangarme, die am Grunde blattartig erweitert

und weiß und lila gefärbt sind. Mit hoch emporgestreckten Armen,

die einer prächtigen Blüte gleichen, sitzt das raubgierige Tier an

einer Pflanze und lauert auf Fliegen und Schmetterlinge, die der

verführerischen Blume einen Besuch abstatten wollen. In dem Augenblick,

wo das Tier sich auf den „Blütenkelch“ niederläßt, wird es von dem

trügerischen Insekt ergriffen und erbarmungslos verspeist.

Eine andere Fangschrecke (~Empusa egena~), die im Gebiete des

Orangeflusses lebt, besitzt weiße, rosa geränderte Flügel, die von

dem beutelauernden Tier nach oben entfaltet werden und wie eine zarte

Windenblüte aussehen. Nähert sich ein Insekt, so wiegt die Fangschrecke

ihren Leib leise hin und her und schaukelt die Blütenflügel wie

eine vom Winde bewegte Blume, um das Opfer vollends zu täuschen und

anzulocken.

[Sidenote: Gottesanbeterin]

Eine nahe Verwandte dieser eigenartigen Fangschrecken, die im harmlosen

Kleide der lieblich duftenden Blüten auftreten, aber innerlich wie

„reißende Wölfe“ sind, ist die europäische Gottesanbeterin (~Mantis

religiosa~). Sie entbehrt zwar der trügerischen Anlockungsmittel ihrer

Verwandten, wird aber durch ihre grüne Farbe im Busch so unkenntlich

gemacht, daß sie von den Beutetieren, denen sie auflauert, nicht

bemerkt wird. Sie ist besonders raubgierig und mordlustig und stellt

nicht nur anderen Insekten, sondern sogar kleinen Wirbeltieren nach,

die sie sehr vorsichtig beschleicht.

Die Wildheit der Gottesanbeterin zeigt sich in abstoßender und

sadistischer Weise in der Liebe. Nach vollzogener Paarung ergreift das

Weibchen das kleinere und schwächere Männchen mit den Fangarmen, aber

nicht im Gefühl der Liebe und Wollust, sondern -- um es zu erwürgen

und zu verspeisen. So ist es Sitte bei den Gottesanbeterinnen, diesen

raubgierigen und blutdürstigen Insekten, bei denen nicht einmal die

Liebe zarte Empfindungen und Gefühle auslöst.

Der Name „Gottesanbeterin“ erklärt sich aus der Gewohnheit dieser

Tiere, bei der Lauer auf Raub die Fangarme wie „ein betender Priester“

zum Himmel emporzustrecken. --

In den Meeren Australiens lebt ein wundersamer Gesell, dessen bizarre

Körperformen ohnegleichen sind. Es ist der den Seepferdchen nah

verwandte Fetzenfisch (~Phyllopteryx eques~). Der Körper dieses

Knochenfisches ist mit langen, stachel- und bandartigen Fortsätzen

bedeckt, die nach allen Richtungen wirr abstehen. Der Fisch hält sich

im Tang und Seegras auf und verschwindet hier durch seinen zerfetzten

Körper völlig. Die Fetzenfische sind zum Teil sehr lebhaft gefärbt.

Sie tragen auf rotem Grunde blaue, gelbe und weiße Abzeichen, die

als Streifen und Flecke auftreten. Die bunte Farbe ist aber durchaus

nicht unvorteilhaft, sondern erhöht noch die täuschende Wirkung der

zerfetzten Gestalt in dem bunten Pflanzengewirr.

[Sidenote: Schutzfärbungen]

Viele Tiere sind ohne Rücksicht auf die Körperform nur durch ihre Farbe

der Umgebung vortrefflich angepaßt, so daß sie in der Ruhe völlig

verschwinden. Zweifellos liegt hierin ein guter Schutz gegen die

Nachstellungen ihrer Feinde. Das bekannteste Beispiel ist der grüne

Laubfrosch auf dem grünen Blatt. Die Wüstenbewohner, wie Wüstenfuchs,

Springmaus, Wüstenlerche, Steinschmätzer und Echsen tragen ein

rötlichgelbes Haar-, Feder- oder Schuppenkleid, das der Farbe des

Wüstensandes gleicht. Im hohen Norden tritt weiße Farbe auf. Schneehuhn

und Wiesel legen im Winter ein weißes Kleid an, das zu der Schneedecke

vorzüglich paßt. Der Eisbär, der die Region des ewigen Winters bewohnt,

ist dauernd in Weiß gekleidet. Unter den Vögeln sind vor allem die

Bodenbrüter durch eine Schutzfarbe ausgezeichnet, und zwar sind es

vornehmlich die Weibchen, die diesen Vorteil genießen, um während des

Brütens möglichst wenig aufzufallen.

Die Fasanenhenne, die Stockente und alle anderen weiblichen Enten haben

ein düsteres, bodenfarbiges Gefieder. Die Männchen dagegen prangen

in einem buntfarbigen Federkleid, das aber für die Erhaltung der Art

keinen erheblichen Nachteil hat, da sie sich am Brutgeschäft und der

Erziehung der Jungen nicht beteiligen. Im Gegensatz dazu sind beim

Rebhuhn, dem Brachvogel und den Lerchen beide Geschlechter mit einer

Schutzfarbe versehen, und dies erscheint auch notwendig, da bei diesen

monogam lebenden Vögeln das Männchen ebenso wie das Weibchen für die

Nachkommenschaft sorgt.

Bei den Enten weicht der Verlauf der Sommermauser insofern von anderen

Vögeln ab, als die Schwungfedern nicht allmählich, sondern fast zu

gleicher Zeit ausfallen, wodurch der Vogel unflugfähig wird. Nun haben

wir hier die höchst sonderbare Erscheinung, daß die Erpel in dieser

Zeit ein erdfarbenes Kleingefieder anlegen, das dem Federkleid der Ente

gleicht, und erst später wird durch eine zweite Mauser das Prachtkleid

angezogen. --

In besonders hohem Maße ist die Schutzfarbe bei den Fischen entwickelt.

Alle Fische, welche im klaren Wasser leben und unweit der Oberfläche

umherschwimmen, haben silberglänzend gefärbten Bauch und Seiten,

dagegen einen dunklen Rücken. Die düstere Rückenfarbe schützt gegen

Feinde, die sie von oben aus der Luft angreifen, da sich der Fisch von

dem dunklen Untergrunde des Gewässers nicht abhebt. Die hellglänzende

Unterseite dagegen ist ein gutes Schutzmittel gegen Raubfische, die

auf dem Boden liegend ihrer Beute auflauern und den schwimmenden

Fisch von unten sehen, denn in der von unten gesehenen, glitzernden

Wasserfläche verschwindet der glitzernde Fischleib. Ferner spiegelt die

silberfarbene Unterseite der Fische im Wasser, so daß sie durch den

Reflex des Lichtes die jeweilige Farbe des Wassers erhält.

Der Körper des Hechtes ist dunkel quergestreift, was eine

ausgezeichnete Anpassung an seinen Lebensaufenthalt ist. Der Hecht

steht gern im Röhricht und lauert hier unbeweglich auf Beute. Die

Querstreifung ahmt die Rohrhalme nach und entzieht dadurch den Räuber

den Blicken seiner Opfer. Wir sehen hieraus, daß der Zweck einer

Schutzfärbung nicht nur darin besteht, ein Tier vor den Nachstellungen

seiner Feinde zu schützen, sondern daß hierin auch eine Erleichterung

des Beutemachens liegt, indem die Mimikry den lauernden Räuber

unsichtbar macht.

Denselben Vorteil genießt auch die Gottesanbeterin von ihrer grünen

Farbe, die sie im Blätterwerk unkenntlich macht. Hier ist die Färbung

ebenso wie beim Hecht weniger eine Schutztracht gegen feindliche

Angriffe, als eine Tarnkappe beim Beutemachen.

[Sidenote: Farbenveränderung der Fische]

Bei den Grundfischen ist die ganze Oberfläche des Körpers, also Rücken

und Seiten, dunkel gefärbt und häufig durch Flecken und Streifen

verziert. Hierdurch sind die Fische dem Untergrunde angepaßt, wie z. B.

der Wels, der Schlammbeißer, die Schmerle, die Forelle und unter den

Seefischen vor allem die Plattfische, Seezunge, Flunder und Steinbutt.

Letztere haben sogar die Fähigkeit, ihre Körperfarbe dem jeweiligen

Untergrunde, auf dem sie ruhen, anzupassen. Auf sandigem Boden nimmt

der Flachfisch eine Sandfarbe an, auf dunklem Grunde eine dunkle Farbe.

Ja die Anpassung geht so weit, daß sogar ein Muster nachgeahmt wird.

Schollen, welche auf einem mit zerbrochenen Muschelschalen besäten

Grunde liegen, erhalten große weiße Flecke. Die Farbenveränderung

geht in der Weise vor sich, daß das helle und dunkle Pigment in den

Farbzellen jeweilig verschieden angehäuft wird, so daß also bald diese,

bald jene Farbe hervortritt oder auch aus beiden Farben ein Muster

zusammengestellt wird. Der Reiz für diese Farbenveränderung geht von

den Augen aus, denn durch Versuche wurde nachgewiesen, daß geblendete

Fische ihre Farbe nicht mehr der Umgebung anpaßten. Es handelt sich

also um einen optisch-physiologischen Vorgang. Außerdem spielt auch das

Gefühl hierbei eine gewisse Rolle, denn wenn der Wassergrund mit einer

Glasfläche abgedeckt wird, so wird die Farbenanpassung beeinträchtigt.

Der Fisch unterscheidet also den hellen, sandigen Grund von dem

dunklen, steinigen Grund nicht nur mit den Augen, sondern auch mit

dem Gefühl. Lebt der Fisch dauernd, oder lange Zeit auf dem gleichen

Untergrund, so erfolgt eine Vermehrung der hierzu passenden Pigmente,

und die anderen Pigmente nehmen im gleichen Verhältnis ab, wodurch die

Fähigkeit der Farbenveränderung sich verliert.

[Sidenote: Chamäleon]

Ein Tier, das seit langen Zeiten durch seinen Farbenwechsel allgemein

bekannt ist und daher sprichwörtlich geworden ist, ist das Chamäleon

(Abbildung 21). Der Farbenwechsel des Chamäleons ist aber durchaus

nicht, wie man vielfach glaubt, eine Anpassung an die Umgebung, sondern

wird von ganz anderen Faktoren hervorgerufen. Licht und Temperatur,

sowie die Gemütsstimmung und jeweilige Körperbeschaffenheit rufen

die Farbenveränderung hervor. Die Lederhaut des Chamäleons besitzt

gelbe, rote und braune Farbzellen, die durch Kontraktion der farblosen

Oberhaut genähert oder von ihr entfernt werden können. Im letzteren

Falle sieht das Tier sehr hell, bisweilen fast weiß aus, im ersteren

Falle treten die Farben mehr hervor. Die Farbzellen können ferner

ihre Lage zueinander verändern. Sie können über- oder nebeneinander

liegen, wodurch die verschiedenen Farben und Farbenschattierungen

erzeugt werden. Auf diese Weise wechselt die Färbung zwischen weiß,

gelb, braun, grau, blau, rostrot und grün und den dazwischenliegenden

Abstufungen. Auf der Grundfarbe treten meist noch Zeichnungen hervor,

wie Flecke, Tupfen und Streifen von mehr oder weniger unregelmäßiger

Form. Die gewöhnliche Farbe ist ein schönes Grün oder Braungrün und

paßt sehr gut zu der Umgebung der auf Bäumen lebenden Tiere. Lebhafte

und dunkle Farbe ist ein Zeichen des Wohlbefindens, während helle Farbe

meist mit einem krankhaften Zustand verbunden ist. Vor dem Tode wird

das Chamäleon gelbweiß oder grauweiß. Wenn man das Chamäleon nur auf

einer Seite belichtet oder erwärmt, so verändert nur diese Seite die

Farbe, während die andere Seite nicht darauf reagiert, woraus der große

Einfluß des Lichtes und der Wärme auf den Farbenwechsel hervorgeht.

Eine weitere Eigentümlichkeit des Chamäleons ist die unabhängige

Bewegung der beiden Augen. Während das eine Auge nach oben gedreht

wird, kann zu gleicher Zeit das andere nach unten oder nach der Seite

gestellt werden. Zu der Beweglichkeit der Augen gesellt sich noch als

dritte Eigentümlichkeit die Art der Ernährung. Das Chamäleon lebt

von Insekten, hauptsächlich von Fliegen. Seine sehr langsamen und

unbeholfenen Bewegungen würden ihm den Fang der beweglichen Kerbtiere

sehr erschweren, ja fast unmöglich machen, wenn es nicht eine besondere

Vorrichtung hierfür hätte in Gestalt der Zunge, die etwa 15 cm weit

vorgeschnellt werden kann, die erspähte Beute anleimt und in den

Rachen führt. Die Zunge wird also als Pfeil gebraucht, mit dem das

Opfer aus der Ferne gewissermaßen geschossen wird. Die Mechanik der

beweglichen Zunge ist folgende: die kurze, dicke und kolbenförmige

Zunge ist vermittels einer Scheide mit dem Zungenbein verbunden. Die

Scheide steckt wie eine Röhre auf dem Zungenbein und ist in der Ruhe

harmonikaartig gefaltet. Durch Vorstrecken des Zungenbeines wird die

kolbenartige Zunge wie eine Kugel im Blasrohr nach vorn geschleudert.

Sie zieht dabei die bewegliche Scheide mit sich, deren zusammengelegte

Falten sich zu einem langen Rohr ausdehnen. Infolge großer Muskelkraft

wird die ganze Bewegung blitzartig schnell ausgeführt. Das Insekt wird

durch den Klebstoff, der vorn an der Zunge sitzt, angeleimt (Abbildung

21).

[Sidenote: Laubfrosch]

Ein gewisser Farbenwechsel läßt sich auch beim Laubfrosch wahrnehmen.

Die Farbe kann zwischen dem bekannten Blattgrün und einem schmutzigen

Braungrün wechseln. Die Veränderung der Farbe wird durch den Tastreiz

hervorgerufen. Befinden sich Bauch und Saugscheiben der Zehen auf

glattem Grunde, so tritt die rein grüne Farbe hervor, während

eine Berührung mit rauher Fläche die dunkle Färbung hervorruft.

Der Lichtreiz spielt dabei keine Rolle, da der Farbenwechsel bei

geblendeten Fröschen in derselben Weise erfolgt. So erklärt es sich,

daß Laubfrösche, die auf rauher Rinde sitzen, dunkel sind, während

der Frosch auf einem glatten Blatt grün ist. Durch diese seltsame

Einrichtung wird also automatisch eine Anpassung hervorgerufen, die dem

Tier einen vorteilhaften Schutz verleiht.

[Sidenote: Reptilien]

Einen lebhaften Farbenwechsel zeigen auch die Anolis, welche die

Wälder und Gärten Südamerikas beleben und sehr gewandt und hurtig in

den Zweigen umherklettern. Die sehr bunt gefärbten Tiere verändern

ihre Farbe noch auffallender und schneller als das Chamäleon, wobei

es sich jedoch weniger um eine Anpassung an die Umgebung zu handeln

scheint, sondern mehr die jeweilige Gemütsstimmung die Ursache ist.

Die Tiere sind außerordentlich erregbar und führen erbitterte Kämpfe

untereinander aus (Abbildung 24).

Eine andere Echse, der australische Moloch (~Moloch horridus~), besitzt

dagegen ähnlich wie das Chamäleon die Fähigkeit, sich in der Farbe bis

zu einem gewissen Grade der Umgebung anzupassen. Der auf rotbraunem

Grunde gelbgestreifte Körper nimmt auf grauem Gestein eine düstere

rauchgraue Färbung an.

Der Moloch besitzt aber noch eine andere vortreffliche Nutztracht, die

ihn vor Nachstellungen schützt. Sein ganzer Körper ist bis auf die

Unterseite mit dornartigen Stacheln bedeckt, die dem Tier ein wahrhaft

fürchterliches Aussehen geben und durch ihre Gefährlichkeit den

lüsternen Feinden den Appetit vertreiben.

Ein stacheliges Schuppenkleid trägt auch der südafrikanische

Riesengürtelschweif, eine Echse von fast ½ ~m~ Körperlänge. Der mit

wehrhaften Stacheln besetzte Schwanz, mit dem das Tier empfindliche

Schläge austeilt, ist eine vorzügliche Verteidigungswaffe des sonst

harmlosen Kriechtieres (Abbildung 22).

Eine ähnliche Nutztracht besitzt auch die amerikanische Krötenechse

(~Phrynosoma cornutum~). Mit seiner breiten, gedrungenen und plumpen

Figur gleicht das Tier mehr einer Kröte als einer Echse. Wie beim

Moloch ist der ganze Oberkörper mit Stacheln besetzt, die am längsten

auf dem Hinterkopf sind. Die Stacheln sind nicht allein ein gutes

Schreck- und Abwehrmittel gegen Feinde, sondern haben auch einen

praktischen Nutzen. Mit Hilfe der Kopfstacheln bohrt sich das

sonderbare Tier abends in den Sand ein, um hier die Nacht zu verbringen.

Die Krötenechse hat noch eine ganz besondere Eigenschaft. Bei gelindem

Druck spritzt aus der Nase und den Augen Blut heraus. Eine besondere

Schutzvorrichtung scheint das Blutspritzen nicht zu sein, sondern ist

wohl nur eine Folge der zarten Struktur der Blutgefäße (Abbildung 23).

[Sidenote: Warnfarbe giftiger Tiere]

Im Zauber des Tierlebens · 第 19 / 26 段