Das junge Hühnchen, welches in einer Brutmaschine die Eischale verließ

und niemals mit seiner Mutter oder anderen Hühnern in Berührung kam,

läuft sehr bald hurtig umher und pickt die Körner, die es findet, auf.

Ein angeborener Trieb sagt ihm, wie es sich zu ernähren hat.

Der Neuntöter oder Rotrückige Würger hat die Gewohnheit, seine Nahrung,

die in Insekten, kleinen Fröschen und jungen Nestvögeln besteht, auf

einem Dornzweig aufzuspießen, um sich einen Vorrat zu sichern. Wenn wir

einen jungen, erst wenige Tage alten Würger dem Nest entnehmen und im

Zimmer aufziehen, so beginnt er, sobald er selbständig geworden ist,

Mehlwürmer oder kleine Fleischstücke auf einen Nagel oder Dornzweig,

den wir in seinem Käfig angebracht haben, aufzuspießen und legt sich

genau ebenso einen Galgen an, wie es seine Artgenossen in der Freiheit

tun, obwohl er es niemals gesehen hat.

In meiner Schrift „Das Leben der Vögel“[4], die auch das Seelenleben

der Vögel eingehend behandelt, habe ich darauf hingewiesen, daß dem

Baumfalken, der ebenso wie der Wanderfalk nur von Vögeln lebt, die er

fliegend fängt, sogar das Beutemachen im Fluge angeboren ist. Ein von

mir erzogener junger Baumfalk beobachtete meine im Käfig befindlichen

Zimmervögel gar nicht, sobald ich aber einen Vogel im Zimmer frei

fliegen ließ, fing er ihn sofort sehr geschickt im Fluge mit den

Fängen, fußte dann mit seiner Beute auf einem Schrank oder anderem

hohen Sitzplatz auf, tötete das Opfer durch einen Biß in den Schädel,

rupfte die Federn und begann dann zu kröpfen. Genau ebenso verfährt der

Baumfalk in der Freiheit, und der junge Vogel, der in zarter Jugend aus

dem Horst genommen und von Menschenhand aufgezogen war, tut dies genau

in derselben Weise, ohne einen Unterricht von seinen Eltern erhalten zu

haben. Die Vorstellung, daß die alten Vögel ihre Jungen in den für sie

notwendigen Lebensverrichtungen unterweisen und anlernen, ist durchaus

irrig. Die Lebensverrichtungen beruhen auf angeborenen Trieben, die

ganz selbständig und von allein in der Vogelseele erwachen.

Sogar die Technik des Nestbaues ist dem Vogel angeboren. Der junge

Vogel, der zum ersten Male zur Fortpflanzung schreitet, errichtet

das Nest, wie es für seine Art typisch ist, ohne jeden Unterricht,

ohne Kenntnis von den Gesetzen der Schwere, von geometrischen und

mathematischen Regeln. Der Töpfervogel baut seine Lehmburg, der

Schneidervogel näht Blätter zusammen, der Webervogel flechtet ein

Hängenest, ohne in diesen Künsten unterrichtet zu werden. Wir sehen

hieraus, daß der Nestbau weiter nichts ist als eine Triebhandlung,

die der Vogel vollbringt, ohne sich selbst über seine Handlungsweise

im klaren zu sein. Die Ausführung erfolgt vielmehr ganz mechanisch

und automatisch, im Unterbewußtsein, wie es für die Triebhandlungen

charakteristisch ist.

Ebenso wie mit dem Nestbau der Vögel verhält es sich auch mit den

Bauten der Biber, Eichhörnchen und aller anderen Tiere. Wir dürfen

sie nicht als das Ergebnis hoher Intelligenz, nicht als Auswirkungen

verstandesmäßigen, logischen Denkens auffassen, sondern können hierin

nur angeerbte, automatische Triebhandlungen erblicken. Dies zeigt

sich am besten darin, daß die Tiere ihre Kunst lediglich nur so weit

ausüben, als sie für ihre Lebensbedürfnisse in der Natur notwendig

sind, jedoch nicht imstande sind, sie bei anderen Gelegenheiten

zweckentsprechend anzuwenden. Der gefangene Biber denkt nicht

daran, einen Haufen aus Reisern oder Ästen aufzuschichten, um die

Einfriedigung seines Käfigs übersteigen zu können und sich einen Weg

zur Freiheit zu verschaffen. Der gekäfigte Buntspecht zermeißelt die

in seinem Gewahrsam aufgestellten Aststücke lediglich, um seinen

angeborenen Trieb, nach im Holz verborgenen Larven zu suchen, zu

befriedigen, wird aber niemals planmäßig und zielbewußt einen starken

Holzpfeiler zertrümmern, um sich in den Besitz der Freiheit zu setzen.

Solange ihm kein anderes Holz als der Pfeiler seines Käfigs zur

Verfügung steht, hämmert er freilich an diesem umher. Er untersucht

aber immer wieder andere Stellen und arbeitet ganz planlos daran herum,

kommt aber nicht darauf, an einer bestimmten Stelle ein großes Loch zu

meißeln, durch das er seinen Körper hindurchzwängen kann, und doch wäre

dies für ihn ein leichtes, denn in der Freiheit stellt er ja solche

Löcher her, wenn er einen Brutraum zimmert.

Die großen Papageien, wie Araras und Kakadus, sind imstande, mit ihrem

harten, scharfkantigen Schnabel gewaltige Zerstörungen anzurichten.

Sie zernagen nicht nur dicke Holzstämme in kurzer Zeit, sondern

durchschneiden sogar Eisendraht und durchbohren starkes Blech. Ich

habe sehr viel Papageien für tierpsychologische Untersuchungen in

Gefangenschaft gehalten, aber niemals beobachten können, daß die Tiere

ihre Zerstörungskunst mit Überlegung anwendeten, um sich zu befreien.

Der auf einem Ständer mit einer Kette angefesselte Papagei würde sich

unschwer befreien können, wenn er seine Sitzstange, an die die Kette

mit einem Ring befestigt ist, an einer Stelle durchnagen würde. Dies

tut er aber nicht, sondern er nagt an dem Holz der Stange nur aus

Zeitvertreib und reiner Zerstörungslust bald an dieser, bald an jener

Stelle, so daß es häufig sehr lange dauert, bis er die Sitzstange

zerstört hat. Ist dies wirklich geschehen, dann kommt er nicht auf den

Einfall, den Ring der Kette abzustreifen und sich zu befreien, sondern

bleibt ruhig auf seinem gewohnten Sitz, um die Stange an einer anderen

Stelle von neuem zu zerstören.

Alle diese Beispiele, die man noch beliebig vermehren könnte, zeigen

immer wieder, daß das Tier nicht überlegt und nicht verstandesmäßig

handelt, sondern lediglich automatisch seinen angeborenen Trieben

folgt. So dürfen wir auch in den so sinnreich erscheinenden

Kunstbauten, welche die Tiere errichten, keine Leistungen hohen

Verstandes und großer Intelligenz erblicken, sondern können sie nur

als mechanische Handlungen, die reflektorisch von angeborenen Trieben

ausgelöst werden, bewerten.

Der Ausspruch der alten Römer „~animal non agit, sed agitur~“ hat hier

seine volle Berechtigung.

[Sidenote: Affekte, Verwertung von Erfahrung, Assoziation]

So sehr die angeborenen Triebe auch im Vordergrunde der Tierseele

stehen, so beherrschen sie andererseits das Tier doch nicht völlig. Das

Tier hat bis zu einem gewissen Grade auch die Fähigkeit, sich geistig

über diese Triebe zu erheben. Die Affekte, Zorn, Freude, Trauer,

Mut und Furcht, sind der Tierseele ebenso eigen wie dem Menschen.

Wir wissen ferner, daß das Tier durch Erfahrung lernt, und daß es

imstande ist, die Erfahrungen, die es gemacht hat, zweckentsprechend

zu verwerten. Dort, wo die Tiere durch den Menschen verfolgt werden,

werden sie scheu und furchtsam, wo sie Gutes von ihm empfangen,

begegnen sie dem Menschen mit Vertrauen und Sorglosigkeit. Falsch wäre

es aber, hieraus schließen zu wollen, daß das Tier verstandesmäßig

handelt, daß es überlegt, logisch denkt und Schlußfolgerungen ableitet.

Die moderne Tierpsychologie hat nachgewiesen, daß die geistigen

Fähigkeiten der Tiere, die der Laie so gern überschätzt, kaum über

die Funktion der Assoziation hinausgehen, die die Elementarstufe der

höheren Geistestätigkeit darstellt. Die Assoziation beruht nicht

auf Urteilskraft und logischem Denken, sondern sie ist nur die rein

mechanische Verknüpfung zweier Ereignisse in der Weise, daß bei

Wiederholung des einen das andere, auch wenn es nicht in Erscheinung

tritt, unwillkürlich mitempfunden wird. Empfängt ein Tier an einer

bestimmten Örtlichkeit Gutes und Wohltaten vom Menschen, so wird es

hier zahm und zutraulich, weil es die Wohltaten mit dem Menschen an der

betreffenden Stelle in Verbindung bringt -- ein Vorgang, der sich im

Rahmen der Assoziation abspielt.

Das Zustandebringen von Assoziationen setzt ein gutes Gedächtnis

voraus, und gerade das Gedächtnis ist bei vielen Tieren hervorragend

ausgebildet, was auch wieder ein Beweis ist, daß das Tier nicht nur

Reflexmaschine ist, sondern auch zu einer höheren geistigen Funktion

befähigt ist.

Die geistigen Eigenschaften der Tiere sind sowohl artlich wie

individuell sehr verschieden. Von einer Lurche, einem Fisch oder einem

Wurm können wir nicht dieselben geistigen Eigenschaften verlangen wie

von einem Hund oder einem Affen. Wir müssen also die verschiedenen

Klassen, Ordnungen und Arten der Tiere nicht nur physiologisch, sondern

auch psychologisch ganz verschieden bewerten.

Häufig macht sich bei ganz nah verwandten Formen ein großer Unterschied

in geistiger Beziehung bemerkbar. Dies ist z. B. bei der Nachtigall

und dem Rotkehlchen der Fall, worauf ich schon in meinem „Leben der

Vögel“ hingewiesen habe. Eingehende Versuche, die ich mit Nachtigall

und Rotkehlchen ausgeführt habe, bewiesen, daß das Rotkehlchen ein

bedeutend höher entwickeltes Seelenleben besitzt als die Nachtigall.

Das Rotkehlchen assoziiert sehr schnell und vielseitig und zeigt sich

Herr in jeder Lage. Die Nachtigall ist viel einseitiger veranlagt,

ihre Assoziationsbegabung ist nur gering entwickelt. Bei einer Ordnung

der Vögel nach dem Maßstabe der Intelligenz würden also Nachtigall und

Rotkehlchen, die nach ihrem Körperbau eine nahe Verwandtschaft zeigen

und daher systematisch zu derselben Gattung gehören, in voneinander

weit entfernten Gruppen einzureihen sein.

Auch individuell tritt ein großer Unterschied in der geistigen

Begabung hervor. Während der eine Hund sehr schnell lernt und sich

mühelos abrichten läßt, begreift ein anderer Hund derselben Rasse nur

schwer, was sein Herr verlangt. Ein Papagei lernt sehr leicht und fast

ohne besonderen Unterricht sprechen, indem er Redensarten, die er

öfters hört, von allein auffaßt, ein anderer begreift trotz sorgsamen

Unterrichts und aller Mühe, die man sich mit dem Vogel gibt, nur wenig

oder gar nichts.

[Sidenote: Gehirn der Vögel]

Unter den Vögeln übertreffen nach meinen Erfahrungen die Papageien alle

anderen Vögel in geistiger Veranlagung. Sie gleichen hierin mehr den

höherstehenden Säugetieren als den Vögeln, deren seelische Funktionen

im allgemeinen nicht bedeutend sind. Im Gegensatz zu den Säugetieren

ist bei den Vögeln die graue Rinde des Gehirns nur sehr wenig

ausgebildet, so daß sie für die psychische Tätigkeit fast gar nicht in

Betracht kommt. Selbst bei den Papageien, die das vollkommenste Gehirn

unter den Vögeln besitzen, ist die graue Rinde nur schwach entwickelt.

Wenn trotzdem ihre geistigen Fähigkeiten nicht unbedeutend sind, so ist

dies ein Beweis, daß die graue Rinde allein für die Seelentätigkeit

nicht maßgebend ist.

[Sidenote: Intelligenz der Menschenaffen]

Unter den Säugetieren stehen in geistiger Veranlagung die Affen, und

von diesen wieder die Menschenaffen, obenan.

Sehr wertvolle Aufklärung über das Seelenleben der Menschenaffen

verdanken wir +Köhler+, dem Leiter der von der deutschen Akademie

der Wissenschaften vor dem Weltkriege auf Teneriffa begründeten

Anthropoidenstation, die leider, wie so viele andere Kulturwerke, ein

Opfer des Krieges geworden ist.

Aus den wertvollen Versuchen, die +Köhler+ mit Menschenaffen

ausführte, geht hervor, daß besonders der Schimpanse geistig sehr hoch

steht (Abbildung 29 u. 30). Köhlers Schimpansen errichteten sich aus

Kisten, die sie übereinander auftürmten, eine Leiter, um eine in der

Kuppel ihres Käfigs unerreichbar aufgehängte Banane herunterzuholen.

Freilich ging ihr Verstand nicht so weit, daß sie die Kisten zielbewußt

in richtiger Lage, wie sie für ein Gleichgewicht notwendig ist,

aufeinander stellten, sondern sie verfuhren hierbei planlos, so daß

die Kisten häufig wieder herabstürzten, und es mitunter längere Zeit

dauerte, bis der Bau gelang. Ebenso verstanden sie es sehr geschickt,

mit einer langen Stange eine an der Zimmerdecke hängende Frucht

herunterzuschlagen, oder sie benutzten die Stange als Kletterbaum,

indem sie diesen senkrecht hinstellten, schnell hinaufkletterten

und die Frucht ergriffen, bevor die Stange das Gleichgewicht verlor

und umfiel. Eine außerhalb des Käfigs hingelegte Banane holten die

Schimpansen mit einem Stab heran, ja sie schoben sogar mehrere Stäbe,

die eine Vorrichtung zum Ineinanderstecken hatten, zusammen, wenn der

einzelne Teil zu kurz war, um die außerhalb des Käfigs liegende Frucht

zu erreichen. Zu diesen Leistungen waren die Affen nicht etwa besonders

abgerichtet, sondern sie vollführten sie von selbst. Es waren ihre

eigenen Erfindungen.

[Sidenote: Gebrauch von Werkzeugen durch Affen]

Aus diesen sehr interessanten Versuchen geht hervor, daß der Schimpanse

zur Erreichung eines bestimmten Zieles, z. B. um sich in den Besitz von

Nahrung zu setzen, zielbewußt zweckmäßige Werkzeuge benutzt, ja sogar

mehrere Werkzeuge miteinander verbindet. +Köhler+ schließt hieraus,

daß der Schimpanse innerhalb gewisser Grenzen einsichtiger Handlungen

fähig ist, d. h. ein gewünschtes Ziel durch eine mehrere Teilhandlungen

umfassende, aber einheitlich zusammenhängende Handlung erreichen kann.

Ähnliche Vorgänge kann man auch an anderen Affen beobachten. Die

Kapuzineraffen schlagen mit Steinen die harte Schale von Nüssen auf. Im

Berliner Zoologischen Garten lernen es die Kapuzineraffen sehr bald, in

Ermanglung von Steinen die Falltür, welche den Außen- und Innenkäfig

verbindet, zu diesem Zweck zu benutzen. Sie legen die Nuß an den

unteren Rand der Türöffnung und schlagen dann mit der Hand die Falltür

so lange auf und zu, bis die Nußschale zertrümmert wird.

Einen Gebrauch von Werkzeugen finden wir auch bei den Pavianen, die

Steine von den Bergwänden herabschleudern, wenn sie angegriffen und

verfolgt werden.

Im Berliner Zoologischen Garten lebte vor Jahren ein Makak, der Leute,

welche ihn neckten oder ärgerten, mit Sand bewarf. Der Affe nahm eine

Handvoll Sand und schleuderte ihn durch das Gitter des Käfigs gegen

seinen Widersacher.

Nach den Berichten von +Zenker+, der den Gorilla (Abbildung 28) im

afrikanischen Urwald eingehend beobachtet hat, bricht sich dieser

Affe Zweige von den Bäumen ab, um sich mit ihnen die lästigen Fliegen

abzuwehren. „Das wäre ganz unzweifelhaft Gebrauch von Werkzeugen auch

im Freileben eines Tieres, wo von Nachahmung des Menschen und Anregung

durch diesen keine Rede sein kann“, sagt mit Recht +Heck+ in der

vierten, neubearbeiteten Auflage von „Brehms Tierleben“.

Eine äußerst interessante Beobachtung des Gebrauchs eines Werkzeuges

durch einen Menschenaffen konnte ich vor kurzem im Berliner

Zoologischen Garten machen. Ich stand im Affenhause vor dem Käfig

des etwa achtjährigen Orang-Utan. Der rotbehaarte Menschenaffe saß

mit verschränkten Armen im Halbschlaf in seinem Käfig. Plötzlich

erhob er sich langsam mit der seiner Sippe eigenen Behäbigkeit,

kletterte zur Kuppel des Käfigs herauf, deren Stabgitter mit einem

engmaschigen Drahtgeflecht überdeckt war, um ein Durchgreifen des

Affen zu verhindern. Hier erfaßte der Orang das überstehende Drahtende

einer schadhaften Masche und drehte es ab. War es schon auffallend,

daß der Affe den Draht offenbar zielbewußt abdrehte, indem er stets

nach derselben Seite die drehenden Handbewegungen ausführte, so war

doch das, was nun folgte, geradezu verblüffend. Der Affe begab sich

mit dem abgerissenen Drahtstück zum Boden und steckte den Draht in

ein kleines, nur stecknadelkopfgroßes Loch, das sich in dem Zinkbelag

seines Käfigs befand. Jetzt erweiterte er das Loch systematisch durch

fortgesetztes Drehen des Drahtes und hatte es in kurzer Zeit so weit

vergrößert, daß er mit der Fingerspitze hineinfassen konnte, um

den Belag aufzureißen. Auch hierbei zeigte er wieder verblüffenden

Verstand. War ein Stück abgerissen, dann schob er zunächst den Draht

unter den noch fest aufliegenden Belag, um die Kante etwas hochzuheben

und einen Angriffspunkt zu erhalten. Schließlich versuchte er mit den

Zähnen den Belag aufzureißen. Aber die scharfen Kanten des Metalls

verursachten seinem Mund Schmerzen. Nun holte er seine Schlafdecke,

wickelte sie um den mit der Hand hochgehobenen Rand des Zinkbelags

und faßte diesen dann mit den Zähnen. Das war eine Glanzleistung von

zielbewußter Handlungsweise. Man hatte das erhabene Gefühl, daß sich

hier in der Tierseele der Beginn alles höheren Denkens regte. Der

zielbewußte Gebrauch von Werkzeugen trat hier in seinen ersten Anfängen

zutage, man glaubte sich um Jahrmillionen zurückversetzt in jene alte

Zeitepoche, wo ein Pithecanthropus oder Australopithecus die ersten

Werkzeuge in die Hand nahm und den Grundstein zur späteren Kultur des

Menschen legte.

Ein Zeichen derartig hoher Intelligenz finden wir unter den Tieren

nur bei den Affen, und besonders bei den Menschenaffen. Freilich

ist das Gehirngewicht im Verhältnis zum Körpergewicht auch bei

den Menschenaffen noch bedeutend geringer als beim Menschen, der

unter allen Lebewesen das höchstentwickelte Gehirn besitzt, dessen

Leistungsfähigkeit ihn weit über die Tiere, auch über die Menschenaffen

erhebt. Ein großer Unterschied zwischen dem Menschen- und Tierhirn

besteht darin, daß der wichtigste Teil des menschlichen Hirns, das

Sprachzentrum, den Tieren, auch den Menschenaffen völlig fehlt.

Ein Vergleich zwischen zwei entsprechenden Hirnwindenfeldern beim

Menschen und beim Menschenaffen zeigt, daß beim Menschenaffen nur

etwa ein Sechstel der Zentren vorhanden sind, die die verschiedenen

Gehirnleistungen verursachen. Der Abstand zwischen Menschenhirn und

Affenhirn ist also sehr groß. Dank seines hochentwickelten Gehirns

ist der Mensch allein imstande, in logischer Gedankenfolge Schlüsse

zu ziehen und abstrakt zu denken. Diese Fähigkeit gab ihm allein die

Möglichkeit, sich zu Kultur emporzuschwingen, sich die Erde mit all

ihren Lebewesen untertan zu machen und selbst die geheimnisvollsten

Kräfte der Natur, Elektrizität und Magnetismus, in seinen Dienst zu

bannen. Als glänzendes Zeugnis menschlichen Geistes und menschlicher

Erfindungsgabe zieht heute das lenkbare Luftschiff, das ein Zeppelin

ersann, durch den blauen Äther und müssen die Schallwellen im

unermeßlichen Weltenraum über Land und Meer den Weg nehmen, den der

Menschenwille ihnen vorschreibt. Gegen solche Taten bleiben die

Handlungen der Menschenaffen, so sehr wir sie auch als tierische

Leistung bewundern, weit zurück. Gerade daß wir darüber staunen, daß

ein Tier, wie der Schimpanse oder Orang, überhaupt befähigt ist, ein

Werkzeug in primitiver Weise zu gebrauchen, zeigt am besten, wie

gering die geistigen Fähigkeiten der Tiere zu bewerten sind. --

[Sidenote: Gedächtnis des Schimpansen]

Aus den Versuchen Köhlers geht ferner hervor, daß der Schimpanse ein

ganz vortreffliches Gedächtnis besitzt. Eine Birne, die vor den Augen

der Tiere in die Erde gegraben war, wurde von ihnen am folgenden Tage

sofort herausgeholt. Die Schimpansen untersuchten stets sogleich

die richtige Stelle, die sie sich genau gemerkt hatten. Ein ebenso

vorzügliches Gedächtnis besaß ein Maki, den ich längere Zeit in

Gefangenschaft hielt. Fand er bei seinen Spaziergängen im Zimmer

ein Stückchen Apfel, das ich irgendwo versteckt hatte, so suchte er

später die betreffende Stelle sofort zielbewußt wieder auf, wenn er

in dasselbe Zimmer kam, auch dann, wenn Tage oder Wochen dazwischen

lagen. Nicht nur die Affen, sondern fast alle Tiere, auch solche, die

geistig nicht hochstehen, haben bekanntlich ein gutes Ortsgedächtnis

und behalten solche Stellen, wo sie Nahrung gefunden haben, lange in

der Erinnerung.

So gut das Erinnerungsvermögen des Schimpansen an die Vergangenheit

auch ist, so scheint ihnen anderseits eine zielbewußte Berücksichtigung

der Zukunft nicht eigen zu sein. Wohl schleppten +Köhlers+ Schimpansen

Futtervorräte mit sich, wenn sie während des Fressens in einen

anderen Raum getrieben wurden, aber dies Verhalten läßt sich auch auf

eine augenblickliche Futtergier, also auf eine Gegenwartsempfindung

zurückführen, und es muß daher sehr zweifelhaft erscheinen, ob es sich

hier um eine zielbewußte Sorge für die Zukunft handelt.

Der Begriff der Zukunft scheint der Tierseele überhaupt zu fehlen. An

meinen gefangenen Vögeln, selbst an den geistig so regsamen Papageien

konnte ich immer wieder beobachten, daß sie beim Entleeren ihres Kotes

niemals darauf Rücksicht nahmen, ihr Futter- und Wassergefäß sauber zu

halten. Sie begriffen es selbst in jahrelanger Gefangenschaft nicht,

daß das Trinkwasser durch den Kot verdirbt und ungenießbar wird.

Ebenso zernagt ein Papagei immer wieder seine hölzerne Sitzstange,

ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß er hierdurch seine bequeme

Sitzgelegenheit verliert.

Andere Tiere, wie Hamster, Biber, Kleiber und Meisen, sammeln

Nahrungsvorräte für den Winter ein. Aber auch hierbei fehlt den

Tieren offenbar das Verständnis dafür, daß es sich um eine Sorge für

die Zukunft handelt. Hamster, Kleiber und Meisen, die man in ganz

jugendlichem Alter in Gefangenschaft aufzieht, legen sich im Herbst

auch im Käfig Vorratskammern an, obwohl sie niemals eine Wintersnot

kennengelernt haben und auch keine Anleitung älterer, erfahrener

Artgenossen erhalten haben. Hieraus geht hervor, daß das Einsammeln

von Nahrung nur auf Grund eines angeborenen Triebes erfolgt, der

automatisch in der Tierseele erwacht. Wir können daher in dem Anlegen

von Wintervorräten keine zielbewußte Vorstellung von der Zukunft

erblicken.

[Sidenote: Begriff des Zeitunterschieds und das Ichbewußtsein beim Tier]

Die Erinnerung der Tierseele an vergangene Geschehnisse braucht nicht

auf Verstandesleistung zu beruhen, sondern läßt sich auch durch die

einfache seelische Funktion der Assoziation erklären. Die Wiederkehr

eines Ereignisses, das mit einem anderen in Verbindung steht, löst

die Erinnerung an dieses aus. Das Tier empfindet dann das, woran

es sich erinnert, nicht als etwas Vergangenes, sondern als etwas

Gegenwärtiges. Die Vergangenheit wird dadurch in der Tierseele wieder

zur Gegenwart. Ebenso wie dem Tier die Vorstellung von der Zukunft

unbekannt ist, scheint es auch zweifelhaft, ob das Tier imstande ist,

die Vergangenheit im Geiste bewußt zu durchleben.

Wir dürfen daher vermuten, daß das Tier keine Vorstellung von der

Zeit besitzt. Es kennt nur die Gegenwart, aber nicht die Begriffe

der Vergangenheit und Zukunft. Hieraus würde sich als weitere Folge

ergeben, daß das Tier kein Ichbewußtsein hat, denn das Bewußtsein

des eigenen Ich beruht darauf, daß man sich selbst in Gegensatz zur

Zeitfolge stellt. Die klare Vorstellung von der Vergangenheit, die

Erkenntnis der Gegenwart und die zielbewußte Berücksichtigung der

Zukunft heben die eigene Person aus der Außenwelt heraus und verleihen

ihr im Ichbewußtsein eine Sonderstellung. --

[Sidenote: Soziales Leben d. Schimpansen]

Im Zauber des Tierlebens · 第 18 / 26 段