sich innerhalb mehrerer Monate zum Käfer entwickelt, der dann das
unterirdische Verließ verläßt, um die kurze Zeit seines Daseins mit
der mühevollen Arbeit des Pillendrehens zu verbringen, bis auch er
wieder der Erschöpfung von all der Arbeit erliegt. Wenn die Käfer ihr
oberirdisches Leben beginnen, dann ist von ihren Eltern und Vorfahren
niemand mehr am Leben, der sie in der eigenartigen Technik des
Pillendrehens unterweisen kann, und doch fertigen sie die Dungkugeln
genau nach allen Regeln der Kunst an und versenken sie in die Erde,
wie es einst ihre Erzeuger getan haben -- ein Beweis, daß diese
Verrichtungen mit Intelligenz und Verstand nichts zu tun haben, sondern
angeborene Triebhandlungen sind, die reflektorisch zur Geltung kommen.
Die Pillendreher haben noch eine andere Berühmtheit erlangt. Sie
spielten in dem Tierkultus der alten Ägypter eine große Rolle. Diese
sahen in der eigenartigen Gestalt des Käfers und seinem wundersamen
Treiben das Symbol der Erde und Sonne. Das Bildnis des Käfers wurde in
gewaltiger Größe in Stein gemeißelt und als Schmuck in den Tempeln und
den Gräbern der Pharaonen aufgestellt. Diese „Skarabäen“ geben noch
heute beredtes Zeugnis von jenem Volk, das vor Jahrtausenden an den
Ufern des heiligen Nil eine so hohe Kultur entwickelt hatte.
[Sidenote: Totengräber]
Viele Insekten legen ihre Eier an Aas ab, das den später
ausschlüpfenden Larven zur Nahrung dient. Ein kleiner schwarzer Käfer
mit zwei orangefarbigen Binden auf den Flügeldecken, der Totengräber
(~Necrophorus vespillo~), vergräbt kleine Tierleichen, wie Maulwürfe,
Mäuse, Vögel oder Frösche in die Erde. Die Käfer sammeln sich in
größerer Anzahl an einer Leiche, kriechen darunter und scharren die
Erde fort, so daß der tote Körper allmählich versinkt. Die aufgeworfene
Erde fällt wieder über das Grab, und bald ist von dem bestatteten Tier
nichts mehr zu sehen. Die Käfer legen dann an der vergrabenen Leiche
ihre Eier ab. Die Larven leben von den Verwesungsstoffen und verpuppen
sich später in der Erde.
So findet sogar der traurige Beruf des Totengräbers eine Nachahmung in
der Tierwelt. --
[Sidenote: Bauten der Bienen, Wespen und Ameisen]
Bewundernswerte Baukünstler sind die Bienen, Wespen und Hornissen. Die
sechseckige Form der Zellen, die die Honigbiene für den Bau ihrer Waben
wählt, stellt die bestmögliche Ausnutzung des Raumes dar.
Die Mauerwespe gräbt ein etwa 10 ~cm~ tiefes Loch in eine Lehmwand.
Der ausgehobene Lehm wird mit Speichel angefeuchtet und erweicht und
für den Bau einer Röhre, die sich von der Öffnung der Höhlung aus
schräg nach unten neigt, verwandt. Den Innenraum des Nestes füllt die
Mauerwespe mit Larven und kleinen Raupen aus, die vorher durch einen
Stich betäubt und gelähmt werden und später der Wespenmade zur Nahrung
dienen. Dann legt die Wespe ein Ei in den Brutraum und verschließt
ihn mit Lehm. In dem Brutraum verbringt die nach wenigen Tagen
ausschlüpfende Made ihr Larvenstadium, lebt von dem aufgespeicherten
Vorrat, um im nächsten Frühjahr nach vollzogener Metamorphose als Wespe
ihre unterirdische Wohnung zu verlassen.
Sehr kunstvolle, papierdünne Nester aus Tonerde, Bast, verfilzten
Tierhaaren und anderen Stoffen bauen die Papierwespen. Die Nester haben
die Gestalt einer Kugel, Halbkugel, eines Kegels oder Zylinders und
hängen an Zweigen oder Blättern.
Sehr geschickte Baumeister sind die Ameisen. Sie errichten ihre
Wohnungen in der Erde, in hohlen Baumstümpfen und unter Steinen oder
schichten auch aus Reisern, Tannennadeln, Steinchen und Sand einen
hohen Haufen zusammen. Das Gebäude besteht aus zahlreichen Gängen und
mehreren Stockwerken mit vielen Räumen, die ihre besondere Bestimmung
haben. Da gibt es Vorratskammern, Versammlungssäle, Zufluchtsräume für
den Aufenthalt bei schlechter Witterung, Bruträume für die Eier und
Puppen und Schlafkammern, in denen die kalte Winterzeit verbracht
wird. Auch die über der Erde in Form großer Haufen angelegten
Behausungen sind stets unterkellert und reichen mitunter bis zu ½ ~m~
tief in das Erdreich hinab. Von der Wohnstätte aus werden zahlreiche
Straßen angelegt, die in die weitere Umgebung führen, und auf denen
die Ameisen das Baumaterial, das für eine beständige Ausbesserung und
Erweiterung des Baues notwendig ist, herbeischaffen. Eine ausländische
Ameise (~Atta fervens~) baut von ihrer Behausung aus unterirdische
Tunnel von 150 ~m~ Länge, an deren Ausgang sich noch eine etwa 50
~m~ lange oberirdische Straße anschließt. Einige amerikanische
Ameisenarten überdachen die über der Erde angelegten Wege. Überhaupt
finden wir gerade in den Tropen, der eigentlichen Heimat der Ameisen,
außerordentlich viel Abwechslung in der Art und Weise der Herstellung
ihrer Bauten. Eine südamerikanische Ameise errichtet in den Zweigen der
Bäume große Nester, die wie Körbe herunterhängen. Eine australische
Ameise legt ihre Ansiedlung in die hohlen Äste und Zweige der
Cecropienbäume an.
[Sidenote: Gartenbau der Ameisen]
Eine Ameise, die im brasilianischen Tropenwald lebt, übt sogar die
Gärtnerkunst aus. Sie schichtet im Gipfel der Bäume Erdteilchen auf,
die schließlich einen großen Klumpen bilden, der ihre Behausung
ist. Auf der Erde wuchert in kurzer Zeit ein üppiger Pflanzen- und
Blumenwuchs, und es entsteht in luftiger Höhe ein prächtiger hängender
Garten.
Die in den Tropenwaldungen Amerikas lebenden blattschneidenden Ameisen
der Gattung Atta legen sich regelrechte Pilzkulturen an. Zu diesem
Zweck suchen die Tiere in großen Scharen Bäume und Sträucher auf und
schneiden mit ihren scharfen Kiefern kleine Stückchen aus den Blättern
heraus. Dann begibt sich die ganze Kolonne im geschlossenen Zuge
heimwärts. Jede Ameise trägt ein Blattstückchen, das größer ist als sie
selbst und sie wie ein Schirm bedeckt, was einen höchst sonderbaren
Eindruck macht. Zu Haus werden die Blätter zerkleinert und in Haufen
aufgeschichtet, auf denen dann sehr bald ein Pilz wuchert, der den
Ameisen zur Nahrung dient. Die Pilzkulturen werden sorgsam gepflegt,
mit dem eigenen Mist gedüngt und von Unkraut und anderen Pilzarten
gesäubert. Man kann also bei den Blattschneiderameisen von einer
wirklichen Gartenbaukunst sprechen.
[Sidenote: Ackerbau der Ameisen]
Den Ackerbau betreibt die in Texas heimische Ernteameise (~Pogonomyrmex
barbatus~). Sie bewohnt dürre Gegenden mit nur spärlichem Graswuchs
und lebt von dem Samen des sogenannten Ameisengrases (~Aristida
fortida~). Die Tiere sammeln reiche Vorräte von dem Samen ein. Die
Körner beginnen zu keimen, und es entsteht auf dem Ameisenhaufen mit
der Zeit ein üppiger Graswuchs, dessen Samen den Tieren willkommene
Nahrung spendet. Es ist freilich zweifelhaft, ob es sich hier wie
bei den Pilzkulturen der Blattschneiderameisen um einen zielbewußten
Ackerbau handelt. Das Einsammeln von Grassamen hat anscheinend nur den
Zweck, Vorräte für kärgliche Zeiten anzulegen, erfolgt jedoch nicht zur
Bebauung des Landes. Der Graswuchs ist vielmehr eine unbeabsichtigte
Nebenerscheinung, die freilich den Tieren sehr zustatten kommt. --
[Sidenote: Burg der Termiten]
Vollendete Baumeister sind die Termiten, die nicht zu den Ameisen
gehören, sondern eine besondere Ordnung in der Klasse der Insekten
bilden und sich den Schaben anreihen. Sie bewohnen die heißen Länder.
Die Termitenhügel bestehen im Innern aus einer aus Holz gefertigten
Masse, die äußerlich mit einer Erdkruste umkleidet ist. Die einzelnen
Teile des Baues werden mit einem aus dem Vordarm kommenden Sekret
aneinandergefügt. Das Sekret erhärtet sehr schnell und wirkt wie
Zement, wodurch der ganze Bau eine ungeheure Festigkeit erhält. Er ist
so stark, daß er selbst den strömenden Regengüssen der Tropen, Sturm,
ja umstürzenden Bäumen Widerstand leistet und sogar mit Hacke und Beil
nur schwer zu zertrümmern ist. Bisweilen ist die Widerstandsfähigkeit
so groß, daß eine gewaltsame Zerstörung nur mit Anwendung von
Sprengstoffen möglich wird.
Die Bauten der afrikanischen Termiten sehen wie große Heuschober aus
und erreichen eine Höhe bis zu 3 ~m~. Die australischen Termiten führen
schlanke, turmartige Bauten auf, die oben spitz zulaufen, bis 6 ~m~
hoch und etwa 1,5 ~m~ breit sind.
Bei den Insekten, und besonders bei den Ameisen, Bienen und ihren
nächsten Verwandten, ist unter allen Tieren der Sinn für die Baukunst
zur höchsten Entwicklung gelangt. Sie errichten für ihr geregeltes
Staatenleben wahre Prachtbauten, die stolzen Burgen und trutzigen
Festungswerken gleichen, wie sie die Kultur des Menschengeschlechts in
aufblühender Kunst und Wissenschaft geschaffen hat.
[Sidenote: Vogelnester]
Vollendete Meister in der Bautechnik sind auch die Vögel, die durch das
eigenartige Federkleid, das in keiner anderen Tiergruppe wiederkehrt,
und durch die Umbildung der Kiefer zum Schnabel eine fest in sich
abgeschlossene Reihe im Reich der Tiere bilden.
Alle Handwerke, die menschlicher Erfindungsgeist ersann, werden auch
von den Vögeln ausgeübt. Die Vögel errichten ihre Bauten lediglich zum
Zweck der Fortpflanzung. Das Nest ist der Brutraum für die Eier und die
Wiege für die Nachkommenschaft.
Wie überaus mannigfaltig ist die Bauart der Niststätte! Bienenfresser,
Eisvogel und Erdschwalbe führen Minierarbeiten aus und graben sich
tiefe Erdhöhlen. Die Spechte sind die Zimmerleute im wahren Sinne
des Wortes. Sie meißeln mit ihrem harten, scharfkantigen Schnabel
birnenförmige Höhlungen in die Baumstämme und schaffen dadurch
zugleich anderen Höhlenbrütern, wie Wiedehopf, Hohltaube und Blaurake,
die nicht imstande sind, solch grobe Arbeit zu verrichten, passende
Niststätten. Wie abhängig diese Vögel von der Zimmerarbeit der
Spechte sind, geht am besten daraus hervor, daß Wiedehopf, Blaurake
und Hohltaube, die bei uns in Deutschland recht selten geworden
waren, wieder erheblich zugenommen haben, seitdem der Schwarzspecht,
dessen verlassene Wohnungen sie mit Vorliebe beziehen, in den letzten
Jahrzehnten zahlreicher geworden ist.
Das Töpferhandwerk üben unsere Schwalben aus, die aus Lehmklümpchen,
welche sie mit ihrem Speichel zusammenleimen, ihre Nester bauen.
Der Kleiber mauert den Zugang zu seiner Nisthöhle mit Lehm zu, wenn er
zu weit ist, um sich vor den Angriffen von Eichkätzchen und anderem
Raubzeug zu schützen.
Eine kunstvolle Burg mauert der südamerikanische Töpfervogel, ein etwa
stargroßer, rotbrauner Sperlingsvogel. Er errichtet auf einem dicken,
wagerechten Ast eine Lehmburg von ~ca.~ 16 ~cm~ Höhe, 20 ~cm~ Länge
und 11 ~cm~ Tiefe. Die Wände sind 2-4 ~cm~ dick. Der fertige Bau wiegt
8-9 Pfund. Innen ist der Raum durch eine Scheidewand, die halb so hoch
wie der ganze Bau ist, in zwei Abteilungen getrennt, von denen die
hinterste der Nistraum ist. Den Zugang bildet eine runde Öffnung an
einer Längsseite.
Buchfink und Zeisig filzen ihre halbkugligen Nester aus Spinnengeweben
und Flechten zusammen.
Die Webekunst in höchster Vollendung betreiben die Webervögel, die
ihren Namen hiernach erhalten haben. Sie flechten und weben ihre Nester
aus Bastfäden und Grashalmen zusammen. Diese haben die Form einer
Kugel, eines Beutels oder einer Retorte und hängen frei an einem
Zweige. Der Eingang ist stets nach unten gerichtet.
Pfahlbauer sind die Rohrsänger, welche napfförmige, tiefe Nester aus
Rohr und Schilf zwischen senkrecht stehenden Rohrstengeln über dem
Wasserspiegel errichten.
Schwimmende Nester, die gewissermaßen ein Floß darstellen, bauen
die Taucher und das Wasserhuhn im Wasser. Die Nester sind an
festgewachsenen Rohrhalmen verankert, so daß sie von der Strömung nicht
fortgetrieben werden können.
Sogar das Schneiderhandwerk ist in der Vogelwelt vertreten. Die in
Indien und auf den Sundainseln heimischen Schneidervögel nähen mit
einem aus Pflanzenwolle selbst gedrehten oder aufgefundenen Bindfaden
ein oder auch mehrere Blätter zu einer Tüte zusammen, in die sie das
Nest stellen. Der Vogel sticht hierbei mit dem Schnabel Löcher in den
Rand der Blätter und zieht den Faden sehr geschickt hindurch. Auch
der in Südeuropa lebende Cistensänger näht sich aus Blättern eine
Nesthülle. Er bereitet sich den Faden aus Spinngewebe und Pflanzenwolle.
[Sidenote: Webeameisen]
Ähnlich wie der Schneidervogel treiben es auch manche Ameisen. Die
in den Tropen der Alten Welt wohnenden Webeameisen (~Oecophylla~)
spinnen in Büschen und Bäumen Blätter zusammen, um ihre Nester darin
zu errichten. Ist der Zwischenraum zwischen zwei Blättern zu groß, um
diese zusammenzuziehen, so bilden die Ameisen eine lebende Brücke.
Eine Ameise faßt eine zweite mit ihren Greifzangen um den Leib, diese
hält in derselben Weise eine dritte, diese wieder eine vierte usw.,
bis schließlich die ganz vorn schwebende Ameise imstande ist, das
Nachbarblatt zu erfassen und heranzuziehen. Zum Zusammenspinnen der
Blätter benutzen manche Arten ihre Larven, welche den Spinnfaden
absondern. Die Larven spinnen aber nicht selbsttätig, sondern werden
von den Ameisen mit den Zangen erfaßt und als „Webeschiffchen“
verwendet, indem sie schnell zwischen den Rändern der Blätter hin und
her bewegt werden. Diese Webekunst der Ameisen, bei denen die Larven
das Handwerkzeug bilden, ist eine der wunderbarsten Erscheinungen im
Zauber des Tierlebens.
Manche Raubvögel, wie der Fischadler und der Wespenbussard, haben
die Gewohnheit, ihre aus Ästen und Reisig hergestellten Horste mit
frischen, grünen Zweigen zu belegen, um den Nistplatz unkenntlich zu
machen und zu verblenden. --
Die kunstvollen Bauten, welche Säugetiere, Vögel und Insekten
ausführen, müssen um so mehr unsere Bewunderung erregen, als die
kleinen Baukünstler ohne Werkzeuge und ohne Gerät ihre Arbeiten
ausführen. Die Natur gab ihnen die notwendigen Werkzeuge mit auf den
Lebensweg, indem sie ihren Körper entsprechend ausrüstete und dem
Gebrauch der Organe zugleich die notwendige Geschicklichkeit verlieh.
Der Vogel trägt das Material für den Nestbau mit seinem Schnabel herbei
und benutzt diesen als Pfriemen, Nadel, Zange oder Meißel, wobei auch
die mit Krallen bewehrten Füße zum Festhalten des Baustoffes gute
Dienste leisten. Nagetiere, wie Biber und Eichhörnchen, besitzen in den
scharfen, langen Nagezähnen vorzügliche Werkzeuge zum Zerkleinern von
Holz und wissen außerdem ihre Vorderfüße sehr geschickt als Hände zu
gebrauchen. Die Ameisen tragen mit ihren zu Zangen umgebildeten Kiefern
den Baustoff herbei und schichten ihn sachgemäß auf. Die Schienen an
den Hinterbeinen der Arbeitsbiene sind flach, etwas ausgehöhlt und mit
Borsten besetzt. In diesen natürlichen „Körbchen“ sammelt die Biene den
Blütenstaub, aus dem das für die Ernährung so wichtige „Bienenbrot“
bereitet wird.
[Sidenote: Stachelkleid des Igels]
Ein äußerst praktisches Werkzeug ist das Stachelkleid des Igels. Wird
er von einem Feind bedroht, so rollt er sich zur Kugel zusammen. Kopf,
Füße und Leib sind dann völlig in dem Stachelpanzer verborgen, der wie
ein Verhau aus Stacheldraht den ganzen Körper schützt. Aber der Igel
weiß die Stacheln noch in anderer Weise sehr praktisch zu benutzen. Sie
dienen ihm als Gerät zum Fortschaffen von Gegenständen. Wenn er sich
sein Winterlager bereitet, dann wälzt er sich im trockenen Laub. Die
Blätter bleiben an den Stacheln haften, und er trägt sie dann auf dem
Rücken nach seiner Behausung. Im Sommer und Herbst verzehrt der Igel
mit Vorliebe Obst. Findet er unter einem Baum reichliches Fallobst,
dann wälzt er sich auf dem Boden, spießt die Früchte hierdurch auf und
trägt sie huckepack nach einem Versteck.
Aber auch Tiere, denen derartige natürliche Werkzeuge fehlen, wissen
sehr kunstvolle Bauwerke zu errichten. Es gibt Fische, die für die
Brutpflege Nester bauen, die kaum weniger kunstvoll sind als die
Nester der Vögel, obwohl sie keine Gliedmaßen haben, die als Hand oder
Werkzeug verwendet werden können.
[Sidenote: Nestbau der Fische]
Die meisten Fische legen ihren Laich einfach im Wasser ab und kümmern
sich nicht um die Entwicklung der Jungen, die nach dem Ausschlüpfen
auf sich selbst angewiesen sind und sich vom ersten Tage ihres Lebens
an allein durch die Welt schlagen müssen. Einige Fischarten bauen
jedoch regelrechte Nester zur Eiablage und unterziehen sich später
mit großer Fürsorge der Erziehung der jungen Brut, und zwar ist es
meist das Männchen, dem die Aufgabe des Nestbaus und die Führung der
Jungen zufällt. In keiner Klasse der Wirbeltiere beteiligen sich die
Männchen so eifrig und hingebend an der Erziehung der Nachkommenschaft
als gerade bei jenen Fischarten, die sich durch Nestbau und Brutpflege
auszeichnen.
Die Europas Küsten bewohnende Meergrundel (~Gobius minutus~) errichtet
unter einer leeren Muschelschale eine Vertiefung im Sande, indem
sie diesen mit dem Maul fortschafft und durch wirbelnde Schläge mit
den Flossen fortweht. Liegt die Muschelschale nicht mit der hohlen
Seite nach unten, so packt sie der Fisch mit dem Maul und wirft sie
durch einen kräftigen Ruck herum. Die Oberseite der Muschel wird dann
ebenfalls durch Befächeln mit den Flossen mit Sand überschüttet, so
daß der Nistplatz völlig verdeckt und unkenntlich gemacht wird. In
dies von ihm erbaute Nest treibt das Männchen mehrere Weibchen zur
Eiablage hinein, die dann später von dem Männchen befruchtet werden.
Solange Eier im Nest sind, hält das Männchen treulich Wache am Nest und
vertreibt jeden Feind aus seiner Nähe. Mit dem Ausschlüpfen der Jungen
hört die Brutpflege des Männchens auf, das sich um seine Kinder nicht
weiter kümmert.
Einen sehr eigenartigen Nestbau vollbringt der chinesische Großflosser
(~Macropodus viridiauratus~), ein kleines, nur etwa 8 ~cm~ langes
Fischchen, dessen blaugrüner Körper schön kupferfarben quergestreift
ist. Der Fisch zeichnet sich durch unverhältnismäßig große, breite
Flossen aus, die schön rotbraun gefärbt sind und bei dem größeren
Männchen bedeutend stärker entwickelt sind, als bei dem kleineren, auch
unscheinbarer gefärbten Weibchen. Zur Laichzeit baut das Männchen an
der Oberfläche des Wassers ein Nest aus Luftblasen, die es ausspeit
und die mit einer feinen schleimigen Schicht überzogen sind, wodurch
die luftige Wiege eine gewisse Dauerhaftigkeit erhält. Unter innigem
Liebesspiel, wobei sich die Gatten mit den Lippen erfassen und wirbelnd
herumdrehen, erfolgt die Ablage der Eier unter dem Nest. Sie steigen in
die Höhe und bleiben an dem Schaumnest kleben. Das Männchen übernimmt
allein die Brutpflege und bewacht sorgsam das Nest mit dem Laich,
sowie später die jungen Fischchen, die in den ersten Lebenstagen
noch im Nest bleiben. Verläßt ein Jungfisch die Wiege, so wird er
vom Vater mit dem Maul erfaßt und wieder in die schützende Wohnung
hineingespien. Schwächliche Junge hüllt der fürsorgende Vater in eine
Luftblase ein, um ihnen auf diese Weise reichlicheren Sauerstoff
zuzuführen. So groß die Liebe des Makropodenmännchens zu seiner
Nachkommenschaft auch ist, so hält sie doch nur solange an, als die
Jungen der Führung und Aufsicht bedürfen. Ist diese Zeit vorüber, dann
erlöscht der Bemutterungstrieb und das Männchen, das noch kurz zuvor
ängstlich auf das Wohl seiner Kinder bedacht war, trägt kein Bedenken,
diese zu verspeisen, falls sie sich nicht rechtzeitig aus seiner Nähe
entfernen. Wir sehen hieraus, wie rein triebmäßig und automatisch das
Tier handelt. In dem Augenblick, wo der angeborene Trieb zur Brutpflege
erloschen ist, weiß der Fisch offenbar gar nicht mehr, daß die bei ihm
weilenden kleinen Fischchen seine eigenen Jungen sind. Er betrachtet
sie einfach als willkommene Beute. Ohne Verstand und ohne Überlegung
befriedigt er ganz maschinenmäßig den angeborenen Trieb!
Ein äußerst geschickter Baumeister unter den Fischen ist der
europäische Stichling (~Gasterosteus aculatus~), ein etwa 8 ~cm~
langes, buntfarbiges Fischchen, dessen Rücken mit drei kräftigen
Stacheln bewehrt ist, mit denen die sehr erregbaren und eifersüchtigen
Männchen erbitterte Zweikämpfe ausfechten, indem sie sich gegenseitig
die Stacheln in den Leib zu bohren suchen. In der Fortpflanzungszeit
baut das Männchen zwischen Wasserpflanzen ein etwa faustgroßes,
länglichrundes, überdachtes Nest aus Pflanzenteilen, die es mit dem
Maul abbeißt und herbeischleppt. Das Nest hat zwei Öffnungen. Bei der
Auswahl des Baumaterials geht der Fisch ganz planmäßig zu Werke. Er
prüft das Gewicht des Materials, indem er es fallen läßt, und wählt
nur die schweren Stücke, die untersinken, während die leichten Teile,
die zur Wasseroberfläche emporsteigen, keine Beachtung finden. Die
Stoffe werden sorgfältig zusammengeschichtet, ungeeignetes Material
wird entfernt und durch neues ergänzt. Die einzelnen Teile werden mit
einem aus der Harnblase abgesonderten Nierensekret zusammengeklebt,
wodurch der Bau Festigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen den Einfluß
des Wassers erhält. Das Zusammenleimen erfolgt in der Weise, daß der
Fisch mit dem Leib über den Bau hinweggleitet und dabei einzelne
Tropfen des Klebstoffs ausscheidet und auf das Baumaterial fallen läßt.
Die äußeren Umrisse des Nestes werden in wenigen Stunden hergestellt.
Die Vollendung des Baues dauert einige Tage. Dann begibt sich der
Stichling auf die Brautschau. Er treibt mehrere Weibchen nacheinander
in das Nest, wo sie ihren Laich ablegen. Nun hält das Männchen treulich
Wacht und verteidigt den Brutplatz mit größtem Mut gegen sich nähernde
Feinde. Jede schadhafte Stelle des Nestes wird sofort ausgebessert.
Ferner begibt es sich häufig in das Nestinnere, um durch zitternde
Bewegungen mit den Brustflossen das Wasser in Fluß zu bringen und zu
erneuern, wodurch den Eiern der für ihre Entwicklung so notwendige
Sauerstoff zugeführt wird. Die ausgeschlüpften Jungen werden vom Vater
geführt und beschützt, bis sie so weit herangewachsen sind, daß sie
sich allein ernähren können.
[Sidenote: Intelligenz und angeborene Triebe]
Wenn wir die kunstvollen Bauten der Biber und anderer Nager, der
Vögel, Fische und Insekten betrachten, so stehen wir bewundernd und
staunend vor den Leistungen der Tiere, die den kühnsten Erfindungen des
Menschengeistes kaum nachstehen. Dürfen wir diese Handlungen, die uns
wie ein Zeichen von Kultur anmuten, auf Intelligenz, auf Verstand und
Überlegung zurückführen?
Je mehr man sich mit der Beobachtung der Tierseele beschäftigt, um
so mehr gewinnt man den Eindruck, daß das Tier in der Hauptsache von
angeborenen Trieben beherrscht wird, die seine Handlungsweise bestimmen.
Als Ornithologe habe ich mich viel damit befaßt, junge Nestvögel
aufzuziehen, um ihre körperliche und vor allem ihre seelische
Entwicklung kennenzulernen. Da wundert man sich immer wieder, wie der
junge Vogel ohne Pflege seiner Eltern, ohne von diesen Unterricht
und Anweisung zu erhalten, in kurzer Frist seine Selbständigkeit
erlangt und alle Lebensverrichtungen, wie sie für seine Art typisch
und notwendig sind, sich aneignet. Der junge Vogel braucht das
Fliegen, Laufen oder Schwimmen nicht erst zu erlernen. Sobald seine
Schwungfedern ausgewachsen sind, weiß er seine Flügel zu gebrauchen. Er
erhebt sich vom Nestrand in die Luft und schwingt sich in den freien
Äther, ohne daß ihm von seinen Eltern gezeigt wird, wie man die Flügel
zu bewegen hat, wie man den Schwanz zum Steuern gebrauchen muß, wie man
den Körper um seine Längsachse drehen und wenden muß, um Schwenkungen
auszuführen. Alles dies sind für den jungen Vogel, der seine ersten
Flugversuche macht, sozusagen selbstverständliche Dinge, die er nicht
erst mühsam zu erlernen braucht, sondern die die Natur als Erbstück ihm
mit auf den Lebensweg gab.
Die kleine Ente und jeder andere Schwimmvogel begeben sich gleich nach
dem Ausschlüpfen aus dem Ei ins Wasser und schwimmen und tauchen lustig
in dem nassen Element, als ob sie es nie anders gekannt hätten.