Aus dem Laich entschlüpft nach zehn Tagen zunächst eine Larve, die

mit der erwachsenen Scholle noch keine Ähnlichkeit hat. Sie hat noch

nicht die platte Schollengestalt, sondern hat normale Fischfigur.

Sofort nach dem Ausschlüpfen beginnt die Larve nach der Seeküste

zu wandern und nimmt auf ihrer Reise allmählich die Gestalt des

Flachfisches an. Das linke Auge bewegt sich über die Stirn hin fort

nach der rechten Seite des Kopfes, und der Körper wird breiter, bis

schließlich der schwimmende Fisch von der vertikalen zur horizontalen

Körperhaltung übergeht. Als fertige Schollen erreichen die Jungfische

nach einer Wanderung von etwa 4 Monaten die Meeresküste, nicht um hier

zu verbleiben, wie man vermuten sollte, sondern um sich sofort von

neuem auf die Wanderschaft zu begeben, um wieder größere Meerestiefen

zu erreichen. Diese Rückwanderung geht sehr langsam vonstatten,

da die Meerestiefe, in der die Fische leben, in einem bestimmten

Verhältnis zum Wachstum steht. Zwei- bis dreijährige Schollen, die eine

Körperlänge von etwa 15-20 ~cm~ haben, leben in einer Meerestiefe von

10-20 ~m~, Fische von etwa 25 ~cm~ Größe verlangen eine Meerestiefe von

etwa 30-40 ~m~, und größere Schollen leben in Tiefen von 50 bis 70 ~m~.

Die Wanderungen der Schollen stehen also in einem gesetzmäßigen

Zusammenhang mit der Fortpflanzung und dem Wachstum.

Nicht nur zur Fortpflanzung, sondern auch zu anderen Jahreszeiten

unternehmen alle Flachfische größere oder kleinere Wanderungen, um

ihren Aufenthaltsort zu wechseln. Der Heilbutt hält sich im Sommer in

der Nähe der Küste auf und wandert zum Winter in größere Meerestiefen.

Der Steinbutt steigt im Frühjahr aus der Tiefe des Meeres nach den

flachen Ufern der Sandbänke herauf, und die Flunder erscheint nur

zu bestimmten Zeiten im Küstengebiet, die je nach der Örtlichkeit

verschieden sind. Bei diesen Wanderungen, die sich hauptsächlich in

vertikaler Richtung bewegen, spielen wohl die Nahrungsverhältnisse die

ausschlaggebende Rolle.

[Sidenote: Wanderungen der Heringe]

Mit der Nahrung hängen auch die Wanderzüge des Herings zusammen, die

volkswirtschaftlich von größter Bedeutung sind, da sie die so wertvolle

Heringsfischerei ins Leben gerufen haben. Auf diesen Wanderzügen, bei

denen die Heringe dem Plankton des Meeres folgen, das ihre bevorzugte

Nahrung bildet, schwimmen sie zu Millionen und Milliarden in dicht

gedrängter Masse nahe des Wasserspiegels dahin. Im Wasser folgen ihnen

die Walfische, Delphine und Seehunde, in der Luft zahlreiche Möwen und

andere Seevögel, um die in so reichem Maße gespendete Nahrung nach

Kräften zu vertilgen. Die unablässige Verfolgung ihrer Feinde schart

die Heringe immer dichter zusammen, so daß sich die ganze Masse wie

ein Strom dahinwälzt, der sich durch die glitzernden Leiber der Fische

auf dem Wasserspiegel kennzeichnet. Solche „Heringsberge“, wie man

die wandernde Fischmasse genannt hat, haben bisweilen eine riesige

Ausdehnung von vielen Meilen in der Länge und Breite. Fischerboote, die

in die Heringszüge geraten, laufen Gefahr, zu kentern.

Kein Wunder, daß nicht nur die Tiere, sondern vor allem der Mensch aus

den gewaltigen Heringsansammlungen Nutzen zog und die Heringsfischerei

ins Leben rief, deren Anfänge bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen.

Sie entwickelte sich zuerst in Schweden, besonders in der Landschaft

Schonen. Später wurde der Heringsfang auch in Norwegen, Holland,

England, Schottland und Deutschland ein wichtiger Erwerbszweig, dessen

Bedeutung nicht allein in der reichen Einnahme liegt, sondern vor

allem in der Schaffung eines überaus wichtigen Volksnahrungsmittels.

In Deutschland wurden in den letzten Jahren vor dem Kriege jährlich

etwa 300000 Tonnen Salzheringe aus dem Ertrag der deutschen Fischerei

hergestellt. Dies reichte aber nicht annähernd aus, um den Bedarf des

deutschen Volkes zu decken, denn es wurde außerdem noch die drei- bis

vierfache Menge an Salzheringen von außerhalb eingeführt. Diese Zahlen

geben einen ungefähren Begriff von der wirtschaftlichen Bedeutung der

Heringsfischerei.

Bei den Wanderungen der Fische erregt die Frage, wie sich die Fische

hierbei orientieren, in besonderem Maße unser Interesse. Wenn die

Heringe auf ihren Zügen den Tieren des Planktons folgen, so ist die

Orientierung hier in sehr einfacher Weise gegeben. Die Fische folgen

eben der Nahrung.

Bei den Schollen, welche zum Laichen stark salzhaltige und warme

Meeresteile aufsuchen, spielen offenbar die Meeresströmungen, der

Salzgehalt und die Temperatureinflüsse die entscheidende Rolle. Die

Orientierung erfolgt hier mit dem Geschmack und dem Gefühl.

Der Geschmack ist bei den Fischen der am höchsten entwickelte Sinn.

Er wird durch besondere Organe, die sogenannten „Geschmacksknospen“,

vermittelt. Diese bestehen aus Sinneszellen mit feinen Schmeckstiftchen

und aus dazwischengelagerten Stützzellen. In diese Zellen münden

zahlreiche Verästlungen der Gehirngeschmacksnerven. Geschmacksknospen

befinden sich nicht nur im Maul und auf den Lippen, sondern auch an den

Kiemen, auf den Flossen, ja bisweilen sogar auf dem ganzen Körper, wie

+Herrick+ und +Parker+ experimentell am Zwergwels nachgewiesen haben.

Außer dem Geschmackssinn ist auch der mit diesem in enger Verbindung

stehende Geruchssinn bei den Fischen vorzüglich ausgebildet.

[Sidenote: Orientierung der Fische]

Wenn der Lachs zum Laichen stets dasjenige Flußgebiet aufsucht,

in dem er geboren wurde, und hierbei sogar die Nebenflüsse eines

größeren Stromes berücksichtigt, so dürfen wir wohl annehmen, daß die

Orientierung mit Hilfe des hochentwickelten Geschmacks und des feinen

Geruchs erfolgt. Freilich muß außerdem noch ein gutes Gedächtnis

hinzukommen, denn der Lachs muß sich aus seiner Jugendzeit eine

Erinnerung an den spezifischen Geschmack und Geruch des Flußwassers,

dem er entstammt, und das er zum Laichgeschäft wieder aufsucht, bewahrt

haben. Eine derartige Seelenfunktion liegt aber durchaus im Bereich

der Möglichkeit, denn durch neuere Versuche ist nachgewiesen worden,

daß die Fische in ihrem Kleinhirn ein Zentrum besitzen, das sie zu

gutem Gedächtnis und Assoziationsmöglichkeit befähigt. Auch scheint bei

den Fischen gerade das Ortsgedächtnis sehr gut ausgebildet zu sein.

Sie gewöhnen sich z. B. sehr schnell daran, bestimmte Stellen, wo sie

gefüttert werden, regelmäßig und sogar zu bestimmten Zeiten aufzusuchen.

Geschmack, Geruch und ein hochentwickelter Ortssinn scheinen jedenfalls

die wichtigsten Faktoren zu sein, die den Fischen auf ihren Wanderzügen

die Richtung angeben. Dagegen muß es sehr zweifelhaft erscheinen,

ob diese Orientierung in zielbewußter, verstandesmäßiger Weise

ausgeführt wird. Die meisten Handlungen des Tiers lassen sich letzten

Endes auf angeborene Triebe, die automatisch in Tätigkeit treten,

zurückführen, worauf wir in einem späteren Kapitel näher zurückkommen

werden. So dürfen wir also annehmen, daß die Orientierung der Fische im

Unterbewußtsein erfolgt, indem Gedächtnis und Assoziation reflektorisch

das Streben nach einem Gewässer mit einem bestimmten Geruch und

Geschmack auslösen, und die Ausführung dieses angeborenen Wunschgefühls

durch einen Reiz der Geschmacks- und Geruchsnerven ermöglicht wird.

Die innere Unruhe, die den laichreifen Fisch auf die Wanderschaft

treibt, müssen wir ebenfalls auf einen angeborenen Trieb zurückführen,

der sich zugleich mit dem Erwachen des Geschlechtstriebes einstellt.

[Sidenote: Orientierung der Vögel]

Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Zugvögeln. Der im Organismus

des Vogels einsetzende Zugtrieb veranlaßt die Zugbewegung im Herbst,

wobei freilich der Geschlechtstrieb nicht in Frage kommt. Anders

liegen aber die Verhältnisse im Frühjahr. Hier erfährt der Zugtrieb

des Vogels durch den gleichfalls erwachenden Fortpflanzungstrieb eine

wesentliche Verstärkung, die sich darin zeigt, daß der Frühjahrszug

bedeutend schneller verläuft als der Fortzug im Herbst. Die Allmacht

der Liebe erzeugt in der Vogelseele das Bestreben, möglichst schnell

nach dem Brutplatz der Heimat zu gelangen, und beschleunigt daher

die Geschwindigkeit auf dem Zuge. Der weiße Storch durchmißt auf dem

Herbstzuge täglich ca. 120-200 ~km~, auf dem Frühjahrszuge dagegen 400

~km~. Ebenso wie die Fische zeigen auch die Zugvögel im allgemeinen das

Bestreben, zur Fortpflanzung dorthin zurückzukehren, wo sie selbst das

Licht der Welt erblickt haben. Die Rückkehr in die Heimat zur Zeit der

geschlechtlichen Reife scheint also ein Naturgesetz zu sein, das im

Tierleben weittragende Bedeutung hat.

Andererseits tritt auch ein grundlegender Unterschied zwischen den

Wanderungen der Fische und dem Zuge der Vögel hervor. Der Laichplatz,

den der wandernde Fisch aufsucht, ist seine Geburtsstätte, also ein

Ort, an dem er schon einmal gewesen ist, und an den er sich eine

Erinnerung bewahrt haben kann. Dies ist aber beim Zugvogel nicht der

Fall. Der junge Vogel, der sich zum ersten Male im Herbst auf die

Reise begibt, kennt weder das Land, dem er zustrebt, noch den Weg, der

hinführt, denn er war ja noch niemals dort. Trotzdem findet er auf

unbekanntem Wege in das unbekannte Land der Winterherberge, und zwar

ohne Führung älterer Artgenossen oder seiner Eltern, denn viele Vögel,

wie z. B. Raubvögel, der Kuckuck und andere, ziehen nicht gesellig,

sondern einsam. Hier kann also von einer zielbewußten Orientierung

überhaupt keine Rede sein, denn es fehlen jegliche Anhaltspunkte

dafür, da sowohl der zurückzulegende Weg wie das Ziel der Reise

völlig unbekannt sind. Es kann sich also nur um eine automatische

Seelenfunktion handeln, die ohne Verstand, lediglich im Unterbewußtsein

vollbracht wird, und darum nehmen wir Ornithologen an, daß dem Zugvogel

zugleich mit dem Zugtrieb auch die Fähigkeit angeboren ist, eine

bestimmte, zweckmäßige Richtung, die in ein geeignetes Winterquartier

führt, auf der Wanderung einzuschlagen. Hierbei kann es sich natürlich

nur um eine allgemeine Richtung handeln, z. B. im Herbst nach Westen

oder Süden zu fliegen. Dagegen können wir nicht annehmen, daß das

Innehalten eines komplizierten Wanderwegs, der seine Richtung vielfach

ändert, auf reiner Vererbung beruhen soll. Hier müssen noch andere,

von der Außenwelt stammende Reize hinzukommen, und diese Reize geben

vermutlich die Wasserläufe, die Flüsse und Meeresküsten, denen die

Zugvögel mit Vorliebe folgen. Dies gab mir Veranlassung, eine doppelte

Art der Orientierung der Zugvögel anzunehmen, die ich in meiner Schrift

„Die Rätsel des Vogelzuges“ grobe und feine Orientierung genannt

habe. Die grobe Orientierung, d. h. die Fähigkeit, einer bestimmten

Himmelsrichtung zu folgen, ist eine angeborene Eigenschaft, die feine

Orientierung erfolgt durch äußere Reize. In dieser Richtung fliegt der

Zugvogel so lange, als der Zugtrieb in ihm rege ist. Hört der Zugtrieb

auf, so bleibt der Vogel dort, wo er sich gerade befindet, und diese

Stelle ist eben sein Winterquartier. Die Dauer des Zugtriebes ist von

der Natur so abgestimmt, daß sie zu der Länge des Zugweges bei normaler

Flugleistung im gleichen Verhältnis steht. Auf diese Weise wird auch

die Frage, wie der junge Vogel, der zum ersten Male allein ohne Führung

seiner Eltern die weite Reise ausführt, das entfernte, ihm unbekannte

Winterquartier findet, ohne Schwierigkeit gelöst. Er strebt überhaupt

nicht einem bestimmten Ziele zu, sondern das Ziel der Reise ergibt sich

von selbst aus dem Erlöschen des Zugtriebes.

Wir sehen hieraus, wie automatisch, rein triebmäßig eine Zugbewegung

verlaufen kann, und dies dürfen wir bei anderen Tieren, die wie die

Fische geistig erheblich hinter den Vögeln zurückstehen, erst recht

vermuten. --

Wenn wir von den Fischen uns weiter zurück in das Reich der Tiere

wenden, so finden wir wieder bei den Insekten große Wanderungen, die

hauptsächlich der Suche nach geeigneten Nahrungsplätzen gelten.

[Sidenote: Heuschreckenplagen]

Berüchtigt seit alten Zeiten sind die Wanderzüge der Wanderheuschrecke,

die in mehreren Arten Südeuropa, Afrika, Asien und Amerika bewohnt.

Eine der sieben Plagen, die zu Moses Zeiten Ägypten heimsuchten, war

das Massenauftreten der Heuschrecken, die das Land verwüsteten. Berühmt

ist die anschauliche Schilderung, die der Prophet +Joel+ (Kap. II,

2-10) von einer über Palästina hereinbrechenden Heuschreckenverheerung

gibt. Er vergleicht die Heuschrecken mit einem feindlichen Heer, das

plündernd und sengend das Land durchzieht: „Vor ihm geht ein verzehrend

Feuer und nach ihm eine brennende Flamme. Das Land ist vor ihm wie ein

Lustgarten, aber nach ihm wie eine wüste Einöde. Sie sprengen daher

oben auf den Bergen, wie die Wagen rasseln, und wie eine Flamme lodert

im Stroh, wie ein mächtiges Volk, das zum Streit gerüstet ist. Sie

werden laufen wie die Riesen und die Mauern ersteigen wie die Krieger.

Sie werden in der Stadt umherreiten, auf der Mauer laufen und in die

Häuser steigen, und wie ein Dieb durch die Fenster hineinkommen. Vor

ihm erzittert das Land und bebet der Himmel; Sonne und Mond werden

finster, und die Sterne verhalten ihren Schein.“

Diese klassische Schilderung des Propheten entspricht durchaus der

Wirklichkeit. Zu Myriaden, in dichtgedrängter Masse fallen die

Heuschrecken gleich einem Wolkenbruch in das Land ein und vernichten in

kurzer Frist Felder, Weinberge, Anpflanzungen und Gärten. Alles Grün

ist kahl gefressen, das Land ist auf weite Strecken völlig verödet

und gleicht den traurigen Verheerungen einer gewaltigen Feuersbrunst.

+Brehm+ berichtet in seinem „Tierleben“, daß eine aus vierzigtausend

Pflanzen bestehende Tabaksplantage innerhalb einer halben Minute von

einem plötzlich einfallenden Heuschreckenschwarm völlig vernichtet

wurde. Die Tiere bedeckten wie ein dichter Mantel die ganze

Anpflanzung, die völlig verschwunden war, als der Schwarm nach einer

halben Minute sich erhob und weiterzog, um das grausige Werk an anderer

Stelle fortzusetzen.

Schon die ungeflügelten Heuschreckenlarven begeben sich in großen

Scharen zu Fuß auf die Wanderschaft und ziehen plündernd durch das

Land. Durch Hineinreiten und Schwenken mit Tüchern wissen die Farmer

die gefräßigen Tiere von ihren Anpflanzungen abzuhalten, während man

gegen den Überfall der erwachsenen Flugheuschrecken völlig machtlos ist.

Im Altertum und im Mittelalter scheinen die Heuschreckenplagen

gewaltiger und zahlreicher gewesen zu sein, als es in unserer Zeit der

Fall ist, obwohl die Nachrichten über Verheerungen durch Heuschrecken

bis heutigen Tages nicht verstummen. Besonders Afrika hat unter

der Plage zu leiden. Im Jahre 1799 wurde fast ganz Marokko von den

Heuschrecken verwüstet, und ein Jahr später wiederholte sich dasselbe

Schauspiel in Kleinasien. 1747 fand ein großer Einbruch in Europa vom

südlichen Rußland aus statt. Gewaltige Schwärme traten zuerst in Ungarn

auf, verbreiteten sich von hier über Süddeutschland bis nach Frankreich

und zogen sogar über den Kanal nach England. Selbst über das offene

Meer nehmen die Heuschrecken ihren Weg. +Berger+ beobachtete einen Flug

Wanderheuschrecken mitten auf dem Ozean auf der Fahrt von Hongkong nach

Manila. --

[Sidenote: Heerwurm, Raupen und Prozessionsspinner]

Zu Anfang des 17. Jahrhunderts erregte eine wundersame, gespensterhafte

Erscheinung die Aufmerksamkeit der Menschen. Eine graue, 3-4 ~m~

lange Schlange bewegte sich in langsam schlängelnden Windungen

durch das Dunkel des Waldes. Das seltsame Gespenst trat hin und

wieder in Deutschland sowie in Schweden und Norwegen auf. Eine

nähere Untersuchung ergab, daß die Schlange aus zahllosen kleinen

Würmern bestand, die in dichtgedrängter Masse über den Waldboden

wanderten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es durch

wissenschaftliche Forschungen festzustellen, daß diese Würmer die

Larven einer Mücke sind, die nach dieser eigenartigen Erscheinung

Heerwurm-Trauermücke (~Sciara militaris~) benannt wurde. Die Larven

nähren sich von den auf dem Boden des Laubwaldes liegenden faulenden

Blättern und leben meist versteckt unter dem Fallaub. Zu ihrem

Gedeihen bedürfen sie eines bestimmten Feuchtigkeitsgrades. Allzu

große Trockenheit wird ihnen ebenso verderblich wie übermäßige Nässe.

Sagt ihnen die Feuchtigkeit ihres Aufenthaltsorts nicht zu, dann

scharen die Larven sich zusammen und wandern, ein langes, finger- bis

handbreites Band bildend, aus, um eine andere Gegend aufzusuchen. Die

einzelne Larve in dem langen Zuge bewegt sich nach Art der Raupen fort,

indem sie den Körper nach oben krümmt, den hinteren Teil des Leibes

vorschiebt und den vorderen Teil ausstreckt. Hierdurch erhält der

wandernde Heerwurmzug eine wogende, wellenförmige Bewegung.

Mit dem Heerwurm verband sich allerhand Aberglauben. Zog ein Heerwurm

talabwärts, so deutete man hieraus auf Frieden und reiche Ernte,

bewegte er sich bergan, so wurde Krieg und Unglück prophezeit. Wer

einem Heerwurm im Walde begegnete, legte seine Kleider vor ihn auf

den Weg. Kroch der Heerwurm darüber fort, so galt dies als ein

glückbringendes Orakel, wich er dem Kleidungsstück aus, dann lautete

die Wahrsagung auf Unheil und Tod.

Die weit verbreitete Gattung der Trauermücken „Sciara“ hat ihren Namen

nach den dunkeln Flügeln dieser Insekten erhalten, die in Laubwäldern

leben.

Ähnliche Wanderungen wie beim Heerwurm finden wir auch bei den

Raupen des Prozessionsspinners, die an Eichen, Kiefern und anderen

Nadelhölzern leben. Sind die Bäume ihres Aufenthaltsorts kahl

gefressen, so verlassen die Prozessionsraupen ihren Aufenthaltsort und

kriechen, wie der Heerwurm ein dichtes Band bildend, nach anderen

Bäumen, deren Laub ihnen Nahrung spendet.

Die Raupen des Eichenprozessionsspinners (~Cnethocampa processionea~)

spinnen sich am unteren Teil des Stammes, am liebsten in einer

Astgabel, ein Nest aus lockerem Gewebe, in dem sie den Tag verbringen.

Bei der Abenddämmerung verlassen sie ihre Behausung und kriechen im

Gänsemarsch, eine hinter der anderen, am Baumstamm zur Krone herauf,

um hier die Blätter zu verzehren. Sind die Tiere sehr zahlreich, dann

bilden sie auf ihrem Nahrungszuge einen Keil. Eine Raupe übernimmt an

der Spitze die Führung, ihr folgen paarweise geordnet zwei Raupen, und

die nächsten Glieder sind zu dreien, vieren usw. gebildet. Haben sich

die gefräßigen Tiere gesättigt, so begeben sie sich in ihre Behausung

zurück. Dieser eigentümliche, an eine Prozession erinnernde Marsch hat

dem Schmetterling den Namen „Prozessionsspinner“ gegeben. --

[2] Friedrich von Lucanus, Die Rätsel des Vogelzuges. Ihre Lösung auf

experimentellem Wege durch Luftfahrt und Vogelberingung. Verlag

Beyer & Söhne, Langensalza. 2. Auflage 1923.

In Nacht und Finsternis

„Alles Leben und alle Bewegung auf unserer Erde wird mit wenigen

Ausnahmen unterhalten durch eine einzige Triebkraft, die der

Sonnenstrahlen, welche uns Licht und Wärme bringen.“ Diese Worte des

großen Physikers Helmholtz zeigen die gewaltige Bedeutung der Sonne für

das organische Leben auf der Erde. Ohne Sonne wäre eine Entwicklung

des Lebens gar nicht denkbar gewesen. Sie ist die Quelle und die

Ursache alles Lebens. Entziehen wir der Pflanze nur für kurze Zeit das

Sonnenlicht, so verkümmert sie. Der menschliche und tierische Körper

verfällt, des Sonnenlichts beraubt, elendem Siechtum. Das Sonnenlicht

ist der ärgste Feind jener kleinsten Organismen, die als Bakterien

unser Dasein bedrohen. Die heilende Wirkung der Sonnenstrahlen kann

durch nichts ersetzt werden.

[Sidenote: Maulwurf]

So wichtig Sonnenlicht und Sonnenwärme für die organische Welt auch

sind, so gibt es dennoch sogar unter den höherstehenden Tieren solche

Formen, die das Sonnenlicht scheuen, ja für die Nacht und Finsternis

notwendige Lebensbedingungen sind.

Wie sagt doch Rückert vom Maulwurf?

„Der Maulwurf ist nicht blind, gegeben hat ihm nur

Ein kleines Auge, wie er’s brauchet, die Natur;

Mit welchem er wird sehen, soweit er es bedarf

Im unterirdischen Palast, den er entwarf.

Und Staub ins Auge wird ihm desto minder fallen,

Wenn wühlend er emporwirft die gewölbten Hallen.

Den Regenwurm, den er mit anderen Sinnen sucht,

Braucht er nicht zu erspäh’n, nicht schnell ist dessen Flucht.

Und wird in warmer Nacht er aus dem Boden steigen,

Auch seinem Augenstern wird sich der Himmel zeigen,

Und ohne daß er’s weiß, nimmt er mit sich hernieder

Auch einen Strahl, und wühlt im Dunkeln wieder.“

Der Maulwurf ist nicht blind, wie der Dichter sehr richtig sagt, aber

er hat nur sehr kleine Augen, die nicht größer sind als ein Mohnkorn.

Da sie außerdem von den Gesichtshaaren ganz überwachsen sind, können

sie für ein Sehen kaum oder nur sehr gering in Betracht kommen. Da der

Maulwurf ganz auf eine unterirdische Lebensweise eingestellt ist und

er seine Nahrung, die hauptsächlich aus Regenwürmern und Engerlingen

besteht, im Dunkeln unter der Erde sucht, so bedarf er des Augenlichts

nicht in der Weise wie andere Tiere. Seine Orientierung erfolgt

ausschließlich mit dem hochentwickelten Geruchssinn und dem ebenfalls

vorzüglich ausgebildeten Gehör. Mit dem Geruch spürt der Maulwurf seine

Nahrung auf, während er mit dem Gehör sich vor Gefahren schützt. Das

leiseste Geräusch, das von außen in seine unterirdischen Gänge dringt,

nimmt er sofort wahr und veranlaßt ihn, sich tiefer einzugraben.

Die Vorderfüße des Maulwurfs stellen ein ganz hervorragendes Werkzeug

zum Graben dar. Die mit starken, flachen Nägeln bewaffneten Hände sind

sehr breit und bilden eine Grabscheitfläche. Durch einen besonderen

Knochen, das Sichelbein, das sich dem Daumen anreiht, wird die

Handfläche verstärkt und verbreitert. Damit das Tier bei seinen

unterirdischen Arbeiten sich leicht durch das Erdreich hindurchzwängen

kann, sind die Arme sehr kurz und ganz am Körper verborgen, so daß

nur die nach rückwärts gedrehten Hände aus dem Fell hervorragen,

die schraubenartig bewegt werden können, was für die Grabarbeit von

größtem Nutzen ist. Der Oberarm ist nicht wie bei anderen Säugetieren

an das Schulterblatt, sondern an das Schlüsselbein angesetzt und

ebenfalls sehr beweglich. Ober- und Unterarm stellen kurze, sehr

kräftige Schrauben dar, die dem Maulwurf die Arbeit des Grabens

schnell und mühelos ermöglichen. Bei seinen Minierarbeiten zieht der

Maulwurf den Kopf möglichst weit ein und schaufelt dann die Erde mit

den Händen vor sich fort. Er verrichtet die Arbeit so schnell, daß er

auch in horizontaler Richtung unter der Erde rasch vorwärts kommt, ja

geradezu im Erdreich läuft oder, richtiger gesagt, „schwimmt“, denn ein

Schwimmen ist gewissermaßen die Bewegung der grabenden Hände und das

Vorwärtsgleiten des Körpers. Wenn sich die Erde hierbei zu sehr vor ihm

anhäuft, dann wirft er sie mit dem Kopf nach oben heraus, wodurch die

bekannten Maulwurfshügel entstehen.

Auch die übrige Ausrüstung des Körpers ist dem unterirdischen Leben

vortrefflich angepaßt. Das Fell besteht aus ganz kurzen, dichten,

samtartigen Haaren, die beim Wühlen in der Erde ihre Lage nicht

verändern und sich infolgedessen nicht abscheuern. Anstatt eines

äußeren Ohres ist nur ein Gehörspalt vorhanden, der durch eine

Hautfalte verschlossen werden kann, um ein Eindringen von Erde zu

verhüten. Die Nasenlöcher liegen auf der Unterseite der rüsselartig

verlängerten Oberlippe und sind hierdurch gegen eine Verunreinigung

durch Sand geschützt. Die Oberlippe trägt eine besondere Hautfalte,

welche die Unterlippe verschließt und so ein Eindringen von Erde in den

Mund verhütet. Schließlich ist die walzenförmige Gestalt des ganzen

Körpers zum Fortgleiten in der Erde außerordentlich geeignet.

Im Zauber des Tierlebens · 第 12 / 26 段