Auerochse und der Wisent. Auerochse und Wisent, die der Laie häufig
für dieselben Tiere hält, waren zwei ganz verschiedene Arten, die in
früherer Zeit nebeneinander in Europa gelebt haben. Der Auerochse war
ein geradrückiges Rind mit sehr langen nach vorn und aufwärts gebogenen
Hörnern, das unserem heutigen Rindvieh sehr ähnlich sah. Der bedeutend
massigere Wisent, der den Ur bis auf den heutigen Tag überlebt hat, ist
durch einen kurzen Hals und hochgewölbten Rücken gekennzeichnet. Sein
Fell besteht aus langen, etwas gekräuselten Grannenhaaren und einem
darunter stehenden dichten Wollpelz. Die Hörner sind nicht wie beim
Ur nach vorn, sondern seitwärts herausgebogen und bedeutend kürzer.
Der Unterschied zwischen Auerochse und Wisent ist so groß und so
auffallend, daß man beide Tiere als völlig verschiedene Arten ansehen
muß, die nichts miteinander zu tun haben. Dagegen haben Wisent und
Bison viel Ähnlichkeit miteinander. Ebenso wie der Wisent trägt auch
der Bison einen dichten Pelz und kurze, seitwärts gebogene Hörner. Aber
das Wuchtige und Massige der Erscheinung kommt beim Bison noch mehr
zur Geltung. Der Kopf ist unverhältnismäßig groß und sehr breit, der
Widerrist noch höher als beim Wisent. Überhaupt fällt beim Bison der
mächtige Brustteil im Gegensatz zu dem schmächtigeren Hinterteil des
Körpers sehr auf, während der Wisent mehr eine gewisse Ausgeglichenheit
in den Formen zeigt. Auch in der Körpergröße übertrifft der Bison
den Wisent ganz erheblich. Der Wisent erreicht ein Körpergewicht bis
höchstens 700 ~kg~, der Bison dagegen bis zu 1000 ~kg~. --
Nach den Untersuchungen +Nehrings+ hat der Auerochse noch bis zum 15.
Jahrhundert an einigen Stellen in Europa in freier Wildbahn gelebt.
Im 16. und 17. Jahrhundert wurden noch wenige Stücke in eingehegten
Revieren gehalten, von denen 1627 das letzte Tier starb, womit der
Auerochse, an den sich soviel Sagen des alten Germanentums knüpfen,
verschwunden war. Der Auerochse ist als der Stammvater unseres
Hausrindes anzusehen. Der Ausgangspunkt der Zähmung des Urs liegt
in Mesopotamien und Ägypten, wo er als heiliges Wesen galt. Aus dem
religiösen Rinderkultus entwickelte sich allmählich die Überführung des
Rindes in den Hausstand des Menschen und seine Verwendung als Nutztier.
Wir dürfen also unsere heutigen Hausrinder als die Nachkommen des
Auerochsen ansehen.
Besser als dem Ur erging es dem Wisent, der sich bis auf den heutigen
Tag, freilich nur in wenigen Überresten, erhalten hat. Im Altertum
sehr zahlreich über ganz Europa verbreitet, lebte der Wisent hier noch
in einzelnen Gegenden bis in das 18. Jahrhundert. In der Mitte des
14. Jahrhunderts kam der Wisent noch in Pommern vor, und selbst im
18. Jahrhundert gab es noch einige Wisente in Ostpreußen. Der letzte
deutsche Wisent in freier Wildbahn wurde bei Tilsit im Jahre 1755 von
einem Wilderer erlegt. Hundert Jahr länger erhielt sich der Wisent in
Ungarn, wo er bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch in Siebenbürgen,
im Rodnaer und im Keleman-Gebirge vorkam.
Für den Weidmann bildete die Erlegung eines Wisents, dieses tapferen
und wehrhaften Wildes, seit den ältesten Zeiten die Krone der Jagd.
Die alten Germanen und die Ritter des Mittelalters gingen im mutigen
Kampfe mit dem Speer dem Wisent zu Leibe. Die Erlegung eines Wisents im
tapferen Zweikampf erfüllte den Jäger mit Ruhm und Stolz. Als später
nach der Erfindung der Feuerwaffe der Bestand der Wisente erheblich
verringert war, wurde die Jagd auf den Wisent ein Vorrecht gekrönter
Häupter, die das begehrte Wild in besonderen Revieren hegten und
große Treibjagden veranstalteten. Besonders die Könige von Polen und
die Zaren des Russischen Reiches widmeten sich mit größtem Eifer der
Wisentjagd. So blieb diesem edlen Wilde in Polen und in Rußland eine
Zufluchtsstätte erhalten, wo es dank der weidmännischen Bestrebungen
der Herrscher mit Verständnis gehegt wurde. Der Wald von Bialowies und
der Kaukasus waren diese ehrwürdigen Stätten, wo die letzten Reste
des Wisents als Zeugen herrlicher, verklungener Zeiten ihr Leben
fristeten. Leider muß man sagen „waren“, denn heute sind sie nicht
mehr. Der sinnlosen Wut und dem blöden Unverständnis des russischen
Bolschewismus mußten diese herrlichen Naturdenkmäler zum Opfer fallen.
Die Rätetruppen haben die Wisente schonungs- und erbarmungslos
niedergeknallt. Hat man doch in Rußland Treibjagden auf Wisente mit
Maschinengewehren unter Aufbietung ganzer Regimenter der roten Garde
als Schützen und Treiber abgehalten. So haust der Bolschewismus, der
im Kleide des Kommunisten und Spartakisten auch an unsere Tür klopft.
Darum, deutsche Jugend, sei auf der Hut vor diesem alle Kulturwerte
zerstörenden Wahnwitz menschlichen Geistes!
[Sidenote: Maßnahmen zur Erhaltung des Wisents in Europa]
Außer in den russischen Jagdgehegen wurden noch in den europäischen
Zoologischen Gärten und in einem Wildpark des Fürsten Pleß Wisente
gehalten, die sich regelmäßig fortpflanzten und so einen dauernden
Bestand bildeten. Die Not des Krieges hat auch hier aufgeräumt, so
daß die Anzahl sehr zusammengeschmolzen ist. Der Wisentpark im
Pleßschen Revier ist leider auch ein Opfer der Revolution geworden.
Die letzte Stunde des gewaltigsten europäischen Naturdenkmals begann
zu schlagen. Da ertönte der Ruf edel denkender Männer: „Wisent in Not,
in allerhöchster Not.“ Unter Führung des Direktors des Zoologischen
Gartens der Stadt Frankfurt a. M., ~Dr.~ +Priemel+, taten sich
zahlreiche Männer zusammen, um den Wisent vor dem Untergange zu retten
und begründeten im Jahre 1923 die „Gesellschaft zur Erhaltung des
Wisents“. Die letzten Reste des edlen Wildrindes sollen gesammelt
und zur weiteren Zucht zunächst in einem geeigneten, größeren Gehege
untergebracht werden, das +Graf Arnim+ in Boitzenburg in der Uckermark
in hochherziger Weise zur Verfügung gestellt hat. Ist der Bestand
genügend herangewachsen, dann wird eine Aussetzung des Wildes in einem
der größeren Staatsforsten in Ostpreußen geplant. Möge das edle Werk
durch vollen Erfolg gekrönt sein! --
Ebenso wie in Europa war der Wisent auch in Asien in früheren Zeiten
weit verbreitet, wo er jedoch bis auf ein kleines Rückzugszentrum im
Innern von Persien ebenfalls völlig verschwunden ist. Aber auch hier
sind die Tage des Wisents gezählt, der in Persien nicht den geringsten
Jagdschutz genießt. Die „Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“ plant
daher, einige Wisente aus Persien zu überführen zur Blutauffrischung
des hiesigen Bestandes, den die Gefahren der Inzucht allzusehr bedrohen.
So wird es hoffentlich gelingen, eins der wertvollsten Naturdenkmäler
aus der Tierwelt vor dem Untergang zu bewahren. --
[Sidenote: Rentier]
Ebenso wie der Bison unternimmt auch das Rentier in Sibirien und
Nordamerika regelmäßige, große Wanderungen (Abbildung 12). Im Herbst
verlassen die Rentiere die baumlosen Niederungen und suchen in den
Wäldern Schutz vor den Unbilden des Winters, um dann im Mai wieder in
die Steppe zurückzuwandern. Bei diesen Wanderungen werden gewaltige
Strecken von mehr als 100 geographischen Meilen zurückgelegt, wobei
sich die Rentiere zu großen Herden vereinigen. Da bei den Rentieren
nicht wie bei den anderen Hirscharten nur die männlichen Tiere, sondern
auch die Kühe Geweihe tragen, so gleicht eine in dichtgedrängter Masse
wandernde Rentierherde mit den Geweihen einem wandelnden Wald.
Das erste dicht über der Stirn hervorsprießende Ende am Geweih wird in
der Weidmannssprache „Augsprosse“ genannt. Sie ist beim Rothirsch die
Hauptwaffe für den Kampf, und jene Hirsche, bei denen die Augsprossen
besonders lang sind und sich nicht nach oben biegen, sondern wagerecht
nach vorn stehen, sind die gefährlichsten Gegner. Sind zugleich die
übrigen Enden des Geweihs nur schwach oder gar nicht entwickelt, dann
ist die Gefährlichkeit der starken Augsprosse noch größer. Solche
Hirsche forkeln im Zweikampf jeden anderen Hirsch, auch wenn er stärker
ist, mit den wie Dolche wirkenden Augsprossen zu Tode. Der Jäger nennt
sie daher „Schadhirsche“, weil sie unter dem Wildstand argen Schaden
anrichten.
Bei dem Rentier ist die Augsprosse auch stark entwickelt, aber sie
trägt vorn eine breite Schaufel, die zwar keine gefährliche Waffe ist,
aber ein sehr praktisches Gerät, um im Winter auf der Nahrungssuche
den tiefen Schnee fortzuschaufeln. Für das Rentier ist also das Geweih
notwendiger als für andere Hirscharten, da es eine praktische Bedeutung
hat. Dies mag wohl der Grund sein, weshalb nicht nur die Hirsche,
sondern auch die Kühe ein Geweih tragen. --
In Lappland ist das Rentier seit langen Zeiten zum Haustier geworden
(Abbildung 13). Es vertritt dort unser Rindvieh. Sein Wildbret dient
den Lappen zur Nahrung, die Decke wird zu Kleidungsstücken und Leder
verarbeitet, aus den Knochen werden Geräte hergestellt. Das gezähmte
Rentier unterscheidet sich von dem wilden durch seine etwas schwächere
Gestalt und das Auftreten von weißen und weißgescheckten Tieren.
Die weiße Farbe beruht jedoch nicht auf Albinismus, sondern ist das
sogenannte domestizierende Weiß, was bei allen Haustieren vorkommt.
Infolgedessen haben weiße Haustiere auch keine roten Augen, die nur
für den Albinismus charakteristisch sind. Den Albinos fehlt jegliches
Pigment, infolgedessen auch das Pigment in der Iris, die durchsichtig
ist und das rote Blut durchscheinen läßt.
Wohlhabende Lappländer besitzen Rentierherden von mehreren tausend
Stücken. Die Einbürgerung des Rentiers als Haustier läßt sich bis in
das 9. Jahrhundert verfolgen, wahrscheinlich ist sie aber noch viel
älter.
[Sidenote: Moschusochse]
Ebenso wie das Rentier unternimmt auch der Moschusochse, der das
Polargebiet von Nordamerika bewohnt, im Winter große Wanderungen, die
das Tier jedoch aus dem arktischen Gebiet nicht hinausführen, sondern
nur der Nahrungssuche dienen. Haben sie an einer Stelle die unter der
hohen Schneedecke verborgene kümmerliche Äsung aufgezehrt, dann wandern
die Moschusochsen weiter und legen hierbei häufig große Strecken in
dem weiten Gebiet der Arktis zurück. Der Weg führt über das Eis des
zugefrorenen Meeres von Insel zu Insel. Entsprechend des Aufenthalts
in einem kalten Klima ist der Moschusochse mit einem langhaarigen Pelz
bekleidet, der eine dichte Unterwolle trägt. Trotz der scheinbaren
plumpen Gestalt sind die Tiere sehr beweglich. Sie laufen schnell und
gewandt und erklettern ebenso geschickt wie Ziegen und Gemsen hohe
und steile Felsen und führen sogar an schroffen Felswänden im losen
Steingeröll die sichersten Sprünge aus.
[Sidenote: Wanderungen der Lemminge]
Während Bison, Rentier und Moschusochse regelmäßige Wanderungen
ausführen, die mit den Lebensbedingungen dieser Tiere in engster
Verbindung stehen, werden andere Säugetiere nur zeitweise von einem
Wandertrieb erfaßt, der an keine bestimmte Jahreszeit gebunden ist
und ebenso wie die Wanderungen des sibirischen Tannenhähers und
des Steppenhuhns sich in ganz unregelmäßigen Abständen wiederholt.
So unternimmt z. B. der im arktischen Europa und Asien beheimatete
Lemming, ein kleines nur 15 ~cm~ langes, gelb und schwarz geflecktes
Nagetier, zeitweise große Wanderungen, bei denen sich die Tiere meist
nur zu kleineren Scharen von höchstens 100 Stück vereinigen und nur
ausnahmsweise große Gesellschaften, die nach Hunderten zählen, bilden.
Die Tiere drängen sich auf ihren Wanderungen nicht dicht zusammen,
sondern halten größere Abstände voneinander. Jedes Tier sucht sich
seinen eigenen Weg. Die Wanderungen bewegen sich in der Regel aus dem
Gebirge nach der Ebene, und da die Tiere sich hierbei die gangbarsten
Stellen aussuchen, so gibt es in manchen Gegenden ganz bestimmte Pfade,
die die Lemminge immer wieder benutzen. Ebenso wie beim Vogelzuge
kann man auch bei den Wanderungen der Lemminge von „Zugstraßen“
sprechen. Bestimmte Himmelsrichtungen werden jedoch von den wandernden
Lemmingen nicht innegehalten, sondern die Richtung der Zugbewegung
hängt lediglich von der Richtung der von den Gebirgskämmen in die Ebene
führenden Pfade ab. In der Regel verlassen nicht alle Lemminge ihre
Heimat, sondern immer nur ein Teil ihres Bestandes, und zwar meist die
Männchen. Es scheint also das Wandern der Lemminge mit dem Sexualleben
in Verbindung zu stehen. Die überzähligen Männchen wandern aus, um
in anderen Gegenden auf die Suche nach einer Frau auszugehen. Den
Massenwanderungen der Lemminge geht stets eine übergroße Vermehrung
der sehr fruchtbaren Tiere voraus, die eine Übervölkerung hervorruft.
Die Übervölkerung führt naturgemäß zu einer Ausbreitung, die die
Tiere allmählich in Regionen bringt, die ihnen weniger zusagen. Das
Gefühl der Unbehaglichkeit ergreift sie und weckt das Bestreben,
geeignetere Gegenden aufzusuchen, die bessere Lebensbedingungen bieten,
woraus dann der Wandertrieb entsteht. So mag neben dem unbefriedigten
Fortpflanzungstrieb der Männchen, deren Zahl bei starker Vermehrung
vielleicht unverhältnismäßig groß ist, auch die Übervölkerung und der
Trieb zur Ausbreitung die Ursache der Wanderungen sein. --
Alle Tiere, welche wie die Zugvögel, der Wisent und das Rentier
regelmäßig wandern, kehren stets in ihre Heimat zurück. Die Tiere aber,
die sich nur ausnahmsweise und in ganz unregelmäßigen Abständen auf
die Wanderschaft begeben, kehren fast niemals zur alten Wohnstätte
zurück, sondern gehen auf der Reise, die eine regelrechte Auswanderung
ist, meist zugrunde. Dies ist beim Tannenhäher, dem Steppenhuhn und
auch beim Lemming der Fall. Nur sehr selten sind Rückwanderungen von
Lemmingen beobachtet worden. Die wandernden Tiere werden in der Regel
von Seuchen befallen, die sie völlig aufreiben, oder gelangen in
Gegenden, die ihren Lebensbedingungen nicht entsprechen, und sterben
des Hungertodes. Den wandernden Lemmingscharen folgen mit Vorliebe
die Raubvögel, besonders Schnee-Eule und Rauhfußbussard, um sich den
durch die Natur reichgedeckten Tisch nicht entgehen zu lassen. So
werden durch die Wanderzüge eines Tieres auch andere Tiere zum Wandern
veranlaßt. --
[Sidenote: Wanderungen der Eichhörnchen]
Übervölkerung und Nahrungsmangel treiben mitunter auch das Eichhörnchen
auf die Wanderschaft. Besonders in Sibirien sind Massenwanderungen von
Eichhörnchen keine seltene Erscheinung. Wenn auch die Eichhörnchen
meist nur in kleineren Trupps wandern, so kommen hin und wieder
auch größere Massenvereinigungen vor, die Hunderte, ja Tausende von
Tieren zusammenscharen. Diese lassen sich bei ihren Wanderungen durch
keine Hindernisse aufhalten, dringen in Ortschaften ein, übersteigen
hohe Gebirgszüge und durchschwimmen sogar reißende Flüsse, wie den
breiten Jenissei. Ebenso wie die Lemminge sind auch die wandernden
Eichhörnchen dem Tode preisgegeben. Auch bei uns in Deutschland wurden
schon Wanderzüge von Eichhörnchen beobachtet. Im Jahre 1907 durchzog
eine große Schar Eichhörnchen den Harz und tat in den Kulturen der
Nadelbäume bedeutenden Schaden. Der Durchzug währte jedoch nur wenige
Tage.
[Sidenote: Wanderungen der Ratten]
Ein berüchtigtes und mit Recht gefürchtetes Wandertier ist die
Wanderratte. Ursprünglich in China beheimatet, hat sie sich von hier
aus über ganz Asien verbreitet und gelangte auch nach Europa. Außerdem
wurde sie durch Schiffe nach Europa verschleppt und kam auf diese Weise
auch nach Amerika. Überall, wo die Wanderratte unfreiwillig durch
den Schiffsverkehr eingeführt wurde, hat sie sich eingebürgert und
schnell weiter ausgebreitet. Dank ihrer großen Fruchtbarkeit ist die
Vermehrung eine überaus schnelle, so daß an Orten, wo sie ungestört
ist, sehr bald eine gewaltige Rattenplage eintritt. Die dem Tiere
innewohnende rege Wanderlust, die wohl hauptsächlich eine Folge der
durch die starke Vermehrung verursachten Übervölkerung ist, treibt
die Wanderratten auf die Reise, um neue Ansiedlungsmöglichkeiten zu
suchen. Auf ihren Wanderzügen rotten sich die Tiere zu Hunderten und
Tausenden zusammen und scheuen sich nicht, breite Ströme, ja sogar
Meeresteile zu überschwimmen. So erschien im Jahre 1846 auf einer
Insel im Kleinen Belt eine große Rattenschar, die nur über das Meer
dorthin gelangt sein konnte. Da die Ratte als Allesfresser überall
geeignete Lebensbedingungen findet, gehen die wandernden Scharen nicht
zugrunde, wie es beim Lemming, dem Tannenhäher und dem Steppenhuhn
der Fall ist, sondern sie gründen sich ein neues Heim, indem sich die
Schar allmählich auflöst und verteilt. Bald wimmelt es an der neuen
Wohnstätte wieder von Ratten, und eine Übervölkerung setzt abermals
einen Wanderzug in Bewegung. So erfolgt die Ausbreitung ungeheuer
schnell. Die Wanderratte hat die Hausratte, von der sie sich durch
bedeutendere Größe und die rein weiße Unterseite unterscheidet,
fast ganz verdrängt, so daß die Hausratte jetzt geradezu ein
seltenes Tier geworden ist, das nur noch an wenigen Stellen neben
der Wanderratte auftritt. Neben der Färbung, die bei nicht selten
vorkommenden melanistischen Wanderratten der gleichmäßig grauschwarzen
Farbe der Hausratte ähnlich ist, ist der Schwanz ein sicheres
Unterscheidungsmerkmal beider Arten. Die Hausratte hat einen sehr
langen Schwanz, der aus 260-270 Ringen besteht, die Wanderratte dagegen
einen verhältnismäßig kürzeren Schwanz von nur 210 Ringen.
[Sidenote: Wanderungen der Mäuse]
Ähnlich wie bei der Wanderratte kommen auch bei der Feldmaus bisweilen
Auswanderungen vor, wenn durch übergroße Vermehrung der Bestand ein
zu zahlreicher geworden ist. Die wandernden Feldmäuse bewegen sich
in langer, dünner Linie, die einzelnen Tiere dicht zusammengedrängt,
vorwärts und gleichen von weitem einer kriechenden, großen Schlange.
Die wandernden Mäuse fallen bisweilen auch in Waldungen ein, wo sie in
den jungen Kulturen großen Schaden anrichten können. Die Wanderungen
der Feldmaus finden im allgemeinen selten statt und bilden daher im
Gegensatz zu den Wanderzügen der Lemminge und Wanderratten nur eine
Ausnahmeerscheinung.
[Sidenote: Wanderungen des Aals und Lachses]
Gesetzmäßige und regelmäßig wiederkehrende Wanderungen vollführen die
Fische. Der Lachs zieht zum Laichen aus dem Meere nach den Flüssen,
während umgekehrt der Aal zur Fortpflanzung aus den Flüssen in das
Meer wandert. Ebenso wie die Zugvögel immer wieder ihre ursprüngliche
Heimat, in der sie selbst das Licht der Welt erblickt haben, zum Brüten
aufsuchen, begeben sich auch die Lachse zum Laichen stets dorthin, wo
sie geboren sind. Die Lachse, welche aus der Weser stammen, kehren
zur Fortpflanzungszeit stets in die Weser zurück, die Lachse aus dem
Rhein immer wieder nach dem Rhein. Ja sogar die Nebenflüsse, wie Aar,
Mosel und Lahn, sollen von den Fischen ihrer Herkunft entsprechend
zum Laichgeschäft aufgesucht werden, wie man durch Markierung junger
Lachse mit kupfernen Ringen, die in den Flossen befestigt wurden,
festgestellt hat. Auf der Wanderung, die je nach dem Alter der Fische
und der Örtlichkeit ihrer Herkunft zu verschiedenen Jahreszeiten
stattfindet, lassen sich die Lachse durch keine Hindernisse aufhalten.
Sie überwinden Stromschnellen, nicht zu hohe Wasserfälle und Wehren
mit großer Gewandtheit und Leichtigkeit, da sie, wie alle Salmoniden,
vorzügliche Springer sind und sich mehrere Meter in die Höhe schnellen
können. Auf ihren Flußwanderungen legen die Lachse täglich etwa
40 ~km~ zurück. Die Männchen, welche harte Fehden in Sachen der
Liebe ausführen, werden im 2., die Weibchen erst im 3. Lebensjahre
fortpflanzungsfähig.
Im Gegensatz zum Lachs, der ein Meeresbewohner ist, wandert der Aal
als Süßwasserfisch umgekehrt aus den Flüssen ins Meer. Der Laichplatz
des Aals liegt mitten im Atlantischen Ozean zwischen dem 25. und
45. Grad nördl. Br., in einer Tiefe von ~ca.~ 1000 ~m~. Dem noch
unbekannten Laich des Aals, den man bisher noch nicht gefunden hat,
entschlüpfen die Aallarven. Sie haben die Gestalt eines Weidenblattes
und halten sich anfangs in größeren Meerestiefen auf. Innerhalb von
1-2 Jahren wachsen sie unter dauernder Umwandlung zu kleinen, 6-8
~cm~ langen Fischchen heran und erhalten allmählich die Aalgestalt.
Jetzt beginnt die Wanderung der jungen Aale, die einen farblosen,
durchsichtigen Körper haben und Glasaale genannt werden. Sie sammeln
sich in großen Scharen an den Flußmündungen und steigen die Flüsse
hinauf, um fortan ihr Leben in den Flußgebieten und den mit ihnen
zusammenhängenden Binnengewässern zu führen. In dichtgedrängter
Masse wälzt sich der Strom der jungen Aale dahin. Große Hindernisse,
wie steile Wasserfälle und hohe Wehren, werden von den Fischchen
überwunden. Selbst der Rheinfall bei Schaffhausen und der Rhonefall
vermögen nicht die wandernden Jungaale aufzuhalten. Tausende, ja
Millionen Fische finden hierbei ihren Tod, und ihre Leiber dienen den
Überlebenden als Stützpunkte beim Überwinden des Hindernisses. Der
Schwarm löst sich allmählich auf, und die jungen Aale zerstreuen sich
in den Flußgebieten. Nach 5-8 Jahren werden die Männchen, nach 7-9
Jahren die Weibchen geschlechtsreif, und nun beginnt die Rückwanderung
ins Meer, um den Laichplatz im Atlantischen Ozean aufzusuchen. Wie bei
vielen Insekten, so scheint auch beim Aal die Fortpflanzung den Tod
herbeizuführen. Man hat noch niemals die Rückwanderung der Laichaale
vom Meer in die Flüsse beobachtet. Sie scheinen also die Liebe mit dem
Tode zu besiegeln. Hierfür spricht auch die eigenartige Erscheinung,
daß zugleich mit der Entwicklung der Keimdrüsen die Verdauungsorgane
einschrumpfen und die Ernährung aufhört. Die fortpflanzungsfähigen
Fische sind dem Hungertode preisgegeben, den sie selbst wohl nicht
fühlen mögen, da Magen und Därme außer Tätigkeit treten. Die Umwandlung
des Aals zum fortpflanzungsfähigen Tier dauert ungefähr 3-4 Monate und
macht sich auch äußerlich bemerkbar. Der Kopf wird spitzer, die Augen
treten mehr heraus, der Körper wird trotz der unterbrochenen Ernährung
straffer, und die Haut erhält einen schönen metallischen Glanz. Der Aal
heißt jetzt „Blankaal“ im Gegensatz zum noch nicht geschlechtsreifen,
helleren „Gelbaal“. In der Entwicklung des Aals lassen sich also 4
verschiedene Stadien unterscheiden: Aallarve, Glasaal, Gelbaal und
Blankaal.
Über die Fortpflanzungsgeschichte des Aals sind wir erst seit
1895 unterrichtet. Wohl kannte man schon lange die merkwürdigen,
blattartigen Fischchen des Atlantischen Ozeans, aber man ahnte nicht,
daß dies die Larven des Aals waren. Diese Entdeckung machten 1895
die italienischen Gelehrten +Grassi+ und +Calandruccio+. Spätere
Forschungen dänischer und norwegischer Gelehrten klärten uns dann
darüber auf, daß der Laichplatz des Aals in den Tiefen des Atlantischen
Ozeans liegt. Man hat noch unter dem 53. Grad westlicher Länge
Aallarven im Ozean gefunden. Der Laichplatz des europäischen Flußaals
liegt also näher nach Amerika als nach Europa hin. Bei der weiten
Wanderung ins Meer legt der Aal täglich nicht mehr als etwa 15 ~km~
zurück und braucht somit etwa ¾ Jahr, bis er seinen Laichplatz erreicht.
[Sidenote: Wanderungen der Schollen und anderer Flachfische]
In ähnlicher Weise wie beim Aal vollzieht sich auch das
Fortpflanzungsgeschäft der Scholle. Auch hier finden Wanderungen der
alten Fische nach bestimmten Laichplätzen statt, und die jungen Larven
der Scholle führen wieder ihrerseits große Wanderungen aus, um die
notwendigen Lebensbedingungen zu finden.
[Illustration:
Abbildung 16 James’ Preß Agency, London
Blattschwanzgecko
Die Saugscheiben an den Zehen befähigen das Tier, an glatten,
senkrechten Wänden umherzulaufen]
[Illustration:
Abbildung 17 James’ Preß Agency, London
Zwergmäuse
mit ihren Nestern]
Der Laichplatz der Schollen liegt in möglichst salzhaltigen und
warmen Meeresteilen. Solche Laichplätze sind der südwestliche
Teil der Nordsee zwischen Holland und England und der nördliche Teil
zwischen Jütland und Schottland. Beide Stellen zeichnen sich durch
hohen Salzgehalt und warme Temperatur aus infolge des Einflusses
des Golfstromes, der hier in die Nordsee eindringt. Ein bevorzugter
Laichplatz in der Ostsee ist das Becken östlich von Bornholm, das die
Schollen von der pommerschen Küste und der Südküste Schwedens zum
Laichen wählen. Die Meerestiefe beträgt an den Laichplätzen nicht mehr
als höchstens 80 ~m~, da die Schollen größere Tiefen vermeiden.