Die Zugvögel wandern teils des Nachts, teils am Tage, viele Arten

sowohl in der Nacht wie am Tage. Ausgesprochene Tagwanderer sind

die meisten Raubvögel, die Raben und Störche, während Singvögel,

schnepfenartige Vögel und Regenpfeifer fast ausschließlich oder

vorwiegend die Nacht zu ihren Reisen wählen. In finsteren Nächten

werden die Vögel bei ihrem Fluge über die See durch den Lichtschein

der Leuchttürme angelockt. Mit rasender Gewalt fliegen sie gegen die

hellen Fenster des Leuchtfeuers und stoßen sich den Kopf ein. Hunderte

von Vogelleichen bedecken dann am folgenden Morgen den Erdboden in der

Umgebung der Leuchttürme. Leider ist es bisher noch nicht gelungen,

wirksame Abwehrmaßnahmen gegen diesen traurigen Vogelmord zu treffen.

Alle Versuche, die man gemacht hat, blieben erfolglos.

[Sidenote: Geselliger und einsamer Zug]

Viele Raubvögel, der Kuckuck, der Wiedehopf und andere Arten ziehen

einsam nach dem fernen Süden, andere Vögel vereinigen sich zu größeren

oder kleineren Scharen. Kraniche und Störche versammeln sich vor dem

Fortzug zu Hunderten und Tausenden an bestimmten Plätzen.

[Sidenote: Fluganordnungen auf dem Zuge]

Kraniche, Gänse, Enten, Schwäne, Regenpfeifer und andere Vögel bilden

auf dem Zuge einen Winkel oder Keil. Sie gruppieren sich in zwei

Linien, die sich vorn in einem spitzen oder stumpfen Winkel schneiden.

Die Vögel fliegen hierbei nicht hintereinander, sondern jeder Vogel

überragt seinen Vordermann nach außen. Es findet also eine seitliche

Staffelung statt. Man meint, daß die Keilform des Wanderfluges den

Vögeln die Überwindung des Luftwiderstandes erleichtert, indem der

von den Vögeln gebildete Keil, als aeromechanisch untrennbares

Ganzes aufgefaßt, wie ein Luftschiff die Luft durchschneidet.

Austernfischer, Brachvögel und Ibisse bilden auf dem Zuge keinen Keil,

sondern eine breite Front, indem die Vögel in einer breiten Linie

nebeneinander fliegen. Im Gegensatz zur Winkelform ist diese breite

Linie, als einheitliches Ganzes aufgefaßt, für die Überwindung des

Luftwiderstandes gerade ungünstig, denn ein breiter Körper überwindet

den Luftwiderstand schwerer als ein spitzer. Hier versagt also die für

den Winkelflug gegebene Erklärung. Infolgedessen sind andere Forscher

der Ansicht, daß man diese Fluganordnungen der Zugvögel nicht als ein

einheitliches Ganzes ansehen darf, sondern daß die Flugleistungen der

einzelnen Vögel in Betracht gezogen werden müssen. Jeder Vogel erzeugt

beim Fliegen einen aufwärtssteigenden Luftstrom, der dem Nebenmann

zugute kommen soll, da er sich der Fluggeschwindigkeit überlagert,

eine Abnahme des Fortbewegungswiderstandes hervorruft und somit eine

Verminderung der Flugarbeit zur Folge hat.

Dieser Vorteil des durch den Nebenvogel erzeugten aufwärtssteigenden

Luftstroms, der sich auf Grund der Prandtlschen Aeroplantheorie

nachweisen läßt, kommt in erster Linie bei der einreihigen Flugordnung

der Austernfischer, die dicht nebeneinander fliegen, zur Geltung.

Dagegen erscheint es recht zweifelhaft, ob dies auch für den Winkelflug

Gültigkeit hat. Hier sind die Vögel, die in den beiden benachbarten

Linien nebeneinander fliegen, so weit getrennt, daß die Wirkung der

Luftströme kaum noch zur Geltung kommen kann. Es ist daher recht

zweifelhaft, ob diese Erklärungen für die Flugordnungen der Zugvögel

das Richtige treffen.

Bei dem Winkelflug folgen sich die Vögel, die auf derselben Seite

fliegen, nicht auf Vordermann, sondern sie sind seitlich gestaffelt.

Hierdurch hat jeder Vogel die Front frei und ist infolgedessen davor

geschützt, auf seinen Vordermann aufzuprellen, wenn dieser die

Fluggeschwindigkeit verkürzt. Dasselbe ist in noch größerem Maße der

Fall beim Zuge in einer geraden Linie, wo jeder Vogel ein völlig freies

Gesichtsfeld hat. Wenn man also für die Erklärung der Flugformationen

von der aerodynamischen Wirkung absieht, so kann vielleicht diese rein

äußerliche Ursache für die Bildung der Flugformen von Bedeutung sein,

die die Vögel vor dem Zusammenstoß schützt.

Junge Enten folgen im Schwimmen auf dem Wasser ihrer Mutter meist

ebenfalls in Winkelform, oder sie bilden eine schräge Linie, wobei

ebenfalls eine Stafflung nach außen stattfindet. Die Stafflung hat

hier zweifellos den Zweck, das Gesichtsfeld der Vögel frei zu machen.

Diese suchen ihre Nahrung, die in Mückenlarven und Wasserinsekten

besteht, während des Schwimmens auf der Oberfläche des Wassers. Würden

nun die jungen Enten hintereinander schwimmen, so würde der vorderste

Vogel alle Nahrung fortschnappen, während die nachfolgenden Enten das

Nachsehen hätten. Hier ist also der Zweck der Winkelform oder der

schrägen Linie mit einer Stafflung nach außen völlig ersichtlich. Die

Formationen dienen hier lediglich dem freien Gesichtsfeld.

Nur wenige Vögel bilden auf dem Zuge derartige Flugordnungen. Die

meisten ziehen in großen, wolkenartigen Schwärmen, und trotzdem

herrscht hier eine bewundernswerte Disziplin. Da fliegt eine große

Schar nordischer Leinzeisige in dichtgedrängter Masse dahin. Wie auf

Kommando schwenken die Vögel plötzlich ab und führen die schärfsten

Wendungen aus, ohne daß ein Zusammenprallen erfolgt. Trotz der rasenden

Geschwindigkeit, die einem Eilzuge gleichkommt, macht jeder Vogel genau

in demselben Augenblick die gleiche Wendung, ohne daß unter den nach

Hunderten und Tausenden zählenden Vögeln eine Verwirrung entsteht,

ohne daß der Schwarm sich lockert oder auflöst. Da steht man vor einem

Rätsel, dessen Lösung noch völlig in Dunkel gehüllt ist. --

[Sidenote: Zugrichtungen]

Die Vogelberingung hat die Richtigkeit der schon von älteren

Ornithologen ausgesprochenen Vermutung, daß in Europa der Herbstzug

weniger nach Süden als nach Westen und Südwesten gerichtet ist,

vollauf bestätigt. Diese westliche Zugrichtung können wir als eine

nach dem milden Klima des Atlantischen Ozeans verlaufende Zugbewegung

ansehen. An der Festlandsküste verhindert dann das Weltmeer die

Fortsetzung des westlichen Fluges. Die Vögel biegen nach Süden ab,

um über Gibraltar Afrika zu erreichen. Die Vögel des nördlichen

Europa folgen auf ihrem westlichen Zuge mit Vorliebe den Küsten der

Ost- und Nordsee. Außer dieser „Westlichen Küstenstraße“, wie ich

dies Zuggebiet in meinen „Rätseln des Vogelzuges“ genannt habe[2],

lassen sich nach den Ergebnissen der Vogelberingung noch zwei andere

Zuggebiete in Europa erkennen, die von zahlreichen Vogelarten, Land-

wie Wasservögeln, auf ihrem Zuge durchflogen werden. Das eine Gebiet,

die „Italienisch-Spanische Zugstraße“, führt aus Osteuropa über

Oberitalien, den Löwengolf nach Spanien und Afrika, das zweite Gebiet,

die „Adriatisch-Tunesische Zugstraße“, bringt die beschwingten Wanderer

über die Adria, Sizilien nach Tunis. --

[Sidenote: Höhe des Zuges]

Um für die Beurteilung der sehr umstrittenen Frage nach der Höhe des

Vogelzuges zuverlässige Angaben zu erhalten, stellte ich im Jahre 1901

die Luftfahrt in den Dienst der Vogelzugforschung. In der mehr als

zwanzigjährigen Beobachtungszeit bestätigten die Angaben der Luftfahrer

immer wieder, daß die Zugvögel sich im allgemeinen nicht sehr hoch

über die Erdoberfläche erheben. Die Flughöhe übersteigt selten 400 ~m~

relativer Höhe. In nur wenigen Fällen, die als große Ausnahme gelten,

wurden Vögel in Höhen über 1000 ~m~ von den Luftfahrern beobachtet.

Die größte bisher festgestellte relative Flughöhe beträgt 2300 ~m~.

Hier traf ein Flieger eine Schar Schwalben an, die sich auf dem Zuge

befanden. Nach dem heutigen Stande der Wissenschaft müssen wir also

annehmen, daß die Vögel auf ihren Wanderungen keine sehr großen

Höhen aufsuchen. Die frühere Annahme, daß die Zugvögel in gewaltigen

Höhen, von 10000-12000 ~m~, wo sie der Wahrnehmung von der Erde aus

völlig entzogen sind, ihre Luftreisen ausführen, läßt sich nicht

aufrechterhalten. Sie ist um so weniger glaubwürdig, als wir heute

wissen, daß in diesen Höhen der Luftdruck so niedrig und die Kälte so

groß ist, daß ein längerer Aufenthalt der Vögel hier ganz unmöglich ist.

[Sidenote: Orientierung]

Hiermit sind jedoch die Fragen, die sich an das fesselnde und

rätselhafte Problem des Vogelzuges knüpfen, noch lange nicht erschöpft.

Hierzu gehören vor allem der Zusammenhang des Zuges mit der Witterung

und die Orientierung der Zugvögel. Über beide Fragen sind zahlreiche

Theorien aufgestellt worden, die jedoch einer strengen Kritik nicht

standzuhalten vermögen. Nach den neueren Beobachtungen scheint die

Zugbewegung, die in der Hauptsache auf einem angeborenen, periodisch im

Vogel selbst erwachenden Trieb beruht, wenig mit den meteorologischen

Verhältnissen zusammenzuhängen, und die Orientierung der Zugvögel

müssen wir wohl auf einen angeborenen Richtungssinn zurückführen, der

den Vogel ganz automatisch leitet. Wir werden uns mit der Frage nach

dem Orientierungsvermögen der Tiere später noch näher befassen.

Außer den regelmäßig wiederkehrenden Wanderungen der Zugvögel, die

durchaus gesetzmäßig verlaufen, unternehmen bisweilen ausgesprochene

Standvögel plötzlich große Wanderungen. Solche unregelmäßigen

Wanderungen wurden besonders vom sibirischen Tannenhäher und dem

asiatischen Steppenhuhn beobachtet.

Der sibirische Tannenhäher unterscheidet sich von dem gewöhnlichen

auch bei uns als Brutvogel auftretenden Tannenhäher durch einen

schlankeren, sehr viel dünneren Schnabel. Er hat daher in der modernen

ternären Nomenklatur den lateinischen Namen ~Nucifraga caryocatactes

macrorhynchos Brehm~ erhalten. Dank der systematischen Subtilforschung

sind wir jetzt imstande, bei vielen Tieren geographische Rassen

zu unterscheiden, die sich durch eine Abweichung in der Größe

und Färbung oder bei den Vögeln auch durch Unterschiede in der

Schnabel- und Fußbildung kennzeichnen. So hat z. B. der Kleiber in

Skandinavien und Nordrußland eine hellere, fast weiße Unterseite,

während der mitteleuropäische Kleiber unterwärts ockergelb gefärbt

ist. In der Mitte zwischen beiden Formen steht der Kleiber aus

Ostpreußen und Polen, dessen Unterseite rahmfarben gefärbt ist. Um

diese Unterschiede wissenschaftlich zum Ausdruck zu bringen, hat

man die ternäre Nomenklatur eingeführt. Die mitteleuropäische Form

heißt ~Sitta europaea caesia Wolf.~, die nördliche, helle Rasse

~Sitta europaea europaea L.~ und die ostpreußische Mittelform ~Sitta

europaea homeyeri Hart.~ Der ursprünglich von Linné gegebene Artname

„~europaea~“ wird beibehalten, zu dem ein neuer, dritter Name, der

die geographische Rasse bezeichnet, hinzugesetzt wird. Man spricht

dann in der Wissenschaft von einem „Formenkreis“, der in diesem Falle

„~Sitta europaea~“ heißt, und der die verschiedenen Unterarten oder

Rassen, die mit einem weiteren Namen gekennzeichnet werden, umschließt.

Durch die beiden Artnamen mit dem Gattungsnamen entstehen also im

ganzen drei Namen (ternäre Nomenklatur). Linné hat in seiner von

ihm eingeführten binären Nomenklatur den Kleiber „~Sitta europaea~“

genannt und hat hiermit zunächst den schwedischen Kleiber gemeint,

ohne gewußt zu haben, daß die Kleiber in anderen Gegenden sich von dem

schwedischen Kleiber unterscheiden. Um nun zum Ausdruck zu bringen, daß

der Linnésche Name „~Sitta europaea~“ sich nur auf den schwedischen

Kleiber bezieht, und um das Autorenrecht zu wahren, wird dieser Artname

zweimal wiederholt. Da nun in der neueren Systematik die Gattungsnamen

teilweise geändert werden mußten und manchmal ein früherer Artname zum

Gattungsnamen erhoben wurde, so entsteht in der ternären Nomenklatur

bisweilen die zwar unschöne, aber schwer zu vermeidende Wiederholung

von drei gleichen Namen. So heißt z. B. der europäische Uhu, den Linné

„~Strix bubo~“ nannte, nach der ternären Nomenklatur „~Bubo bubo

bubo~“, weil der ursprüngliche Artnamen „~bubo~“ ein Gattungsbegriff

geworden ist. Nach dem Prioritätsgesetz, das den Artnamen des ersten

Autors sichert, muß der Artname Linnés „~bubo~“ bestehen bleiben, und

er muß verdoppelt werden, um den von Linné beschriebenen europäischen

Uhu von andern geographischen Rassen, die in denselben Formenkreis

gehören, abzutrennen. --

[Sidenote: Wanderungen des Tannenhähers]

Der dünnschnäblige Tannenhäher lebt in Sibirien und dem nördlichen

Asien bis Korea und trägt ein braunes, mit großen weißen Tupfen

geziertes Federkleid. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus den

Sämereien der Nadelhölzer, besonders aus Zirbelnüssen, den Früchten

der Arven. In Jahren, wo die Arven nur wenig Nüsse tragen, leiden

die Tannenhäher in Sibirien unter Nahrungsmangel, sie verlassen dann

in großen Scharen ihre Heimat und wandern westwärts nach Europa,

wo sie in größeren oder kleineren Trupps umherschweifen. Außer in

Deutschland wurden auch schon in Frankreich, England und Skandinavien

derartige Einwanderungen des sibirischen Tannenhähers beobachtet. Die

letzte größere Tannenhäherinvasion erfolgte im Jahre 1917. Auf der

Kurischen Nehrung durch die Vogelwarte Rossitten beringte Tannenhäher

setzten ihre Reise nach Südwesten in das Innere Deutschlands und nach

Österreich fort.

[Sidenote: Wanderungen des Steppenhuhnes]

Ebensolche westlichen Wanderungen unternimmt zeitweise auch das

Steppenhuhn, welches die dürren Steppen Asiens bewohnt. Die größten

Einwanderungen fanden in den Jahren 1863 und 1888 statt, wo die

Steppenhühner zu Tausenden in Europa erschienen. Meist bildeten die

Vögel kleine Völker von etwa 20-40 Stück, doch wurden auch große

Scharen von 300-400 Vögeln angetroffen. Trotz einiger Brutversuche, die

die Steppenhühner in Deutschland, Holland und Großbritannien machten,

erfüllte sich die Hoffnung auf eine dauernde Einbürgerung der Vögel

nicht. Alle die großen Scharen, die in Europa einwanderten, gingen

hier im Laufe von 1-2 Jahren zugrunde. Den Vögeln fehlen offenbar als

Steppenbewohnern die geeigneten Lebensbedingungen. Um so mehr muß man

sich wundern, daß diese Wanderungen, die ebenso wie beim Tannenhäher

offenbar auf Nahrungsschwierigkeiten beruhen, immer wieder nach Westen

gerichtet sind, wo die Vögel in den kultivierten Ländern Europas keine

Existenzmöglichkeiten finden und dann elend zugrunde gehen. Sie wissen

den Rückweg in ihre Heimat anscheinend nicht wieder zu finden, denn

es sind niemals Rückwanderungen der Steppenhühner und Tannenhäher

beobachtet worden.

Die Wanderungen der europäischen und auch der asiatischen Zugvögel

sind vorwiegend nach Westen und Südwesten gerichtet, und auch die

unregelmäßigen Auswanderungen der Steppenhühner und Tannenhäher

erfolgen auffallenderweise nach Westen, obwohl in diesem Falle, wie

wir sahen, die westliche Richtung recht unzweckmäßig ist, da sie

den Vögeln, die der Nahrungssorge entgehen wollen, die Lage nicht

verbessert, sondern sie in den sicheren Tod führt. Auch die großen

Völkerwanderungen im Mittelalter waren stets nach Westen gerichtet,

und die Ausbreitung der Städte erfolgt bei uns meist auch nach Westen.

Der Drang nach dem Westen scheint bei Mensch und Tier stark ausgeprägt

zu sein. Sollte hier vielleicht ein innerer Zusammenhang bestehen,

dessen Ursachen uns noch unbekannt sind! Auffallend ist es, daß die

westliche Richtung aller dieser Wanderungen der Drehung der Erde,

die von West nach Ost erfolgt, entgegengerichtet ist. Vielleicht

ist ein unwillkürliches Empfinden, die Rotationsbewegung der Erde

zu kompensieren, die Veranlassung zu einer bevorzugten Bewegung in

entgegengesetzter Richtung nach Westen? --

Der Leser, der weniger mit der ornithologischen Systematik vertraut

ist, könnte durch den Namen „Steppenhuhn“ leicht in den Glauben

versetzt werden, daß es sich um einen hühnerartigen Vogel handelt. Dies

ist aber nicht der Fall. Das Steppenhuhn (~Syrrhaptes paradoxus~)

gehört zu den sogenannten Flughühnern, die mit den Scharrvögeln,

also den Hühnern, nichts zu tun haben. Die Flughühner bilden eine

Ordnung für sich, die sich den Tauben eng anschließt. Sie sind wie die

Tauben vorzügliche Flieger und haben im Gegensatz zu den Hühnern, die

kurze und runde Flügel besitzen, sehr spitze und lange Flügel. Die

sehr kleinen, meist nur dreizehigen Füße sind bis zu den Zehen dicht

befiedert. Die Zehen sind bis zur Spitze mit einer Haut verbunden, so

daß eine einheitliche Fußsohle entsteht, die das Einsinken im losen

Steppensand verhindert. Die Flughühner sind ausgezeichnete Flieger,

die auf der Nahrungssuche weite Strecken in der Steppe sehr schnell

durchmessen. Ihr Federkleid ist dem Erdboden des dürren Steppengebietes

vortrefflich angepaßt und auf sandfarbenem Grunde mehr oder weniger

dunkel gewellt und gefleckt. --

Der Einfall der Steppenhühner zu vielen Tausenden in Europa, die

Vereinigung von Kranichen, Störchen, Staren und vieler anderer Vögel zu

Hunderten und Tausenden auf dem Zuge, dies alles wurde weit übertroffen

durch die Massenwanderungen der Wandertaube, die noch bis zum Ende des

vorigen Jahrhunderts in Nordamerika lebte und eine der interessantesten

aller Vogelarten war. Sie ist wie so viele Tiere durch den Unverstand

des Menschen und durch seine blinde Vernichtungswut ausgerottet worden.

Die Wandertaube, eine große, blaugraue, langgeschwänzte Taube, durchzog

in gewaltigen Massen, deren Kopfzahl nicht nach Tausenden, sondern

nach Millionen und Milliarden zählte, das Land auf der Suche nach

Nahrung. Nach Angabe des amerikanischen Forschers Audubon erschienen

die Wandertauben bisweilen in solchen Mengen, daß die ganze Luft von

ihnen erfüllt war, die Sonne verdunkelt wurde und der Kot der Vögel

wie Schneeflocken herabrieselte. In den Wäldern, die die Tauben zur

Nachtruhe aufsuchten, brachen die Äste der Bäume unter der Last der

auf ihnen ruhenden Tiere, und der Waldboden wurde meilenweit mit

dem Kot der Vögel bedeckt. Die Fluggeschwindigkeit der Wandertauben

wurde von den Amerikanern auf eine englische Meile in einer Minute

geschätzt, also auf fast 100 ~km~ in der Stunde, was freilich für einen

länger anhaltenden Dauerflug eine gewaltige Leistung ist, falls diese

Angabe als zuverlässig betrachtet werden kann. Auf kürzere Strecken

entwickeln freilich manche Vögel erstaunliche Flugleistungen. Die

besten Flieger, Albatros und Stachelschwanzsegler, sollen imstande

sein, eine Fluggeschwindigkeit von 40-44 ~m~/~sek.~ zu entfalten,

also zwei englische Meilen in 36-42 Sekunden zurückzulegen. Diese

Fluggeschwindigkeit, die die Vögel freilich nur auf kurze Strecken und

nicht auf der Wanderung ausführen, würde also die Fluggeschwindigkeit

der Brieftaube um mehr als das Doppelte übertreffen.

[Sidenote: Wandertaube]

Überall, wo die Wandertauben erschienen, wurden sie rücksichtslos von

den Menschen verfolgt. Man schoß und fing sie zur eigenen Nahrung, man

metzelte sie schonungslos nieder, um die Schweine damit zu mästen, die

von allen Seiten zu Hunderten herbeigetrieben wurden. Gegen Ende der

sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nahmen die Wandertauben ab,

und seit den neunziger Jahren fehlt jede Kunde von diesen eigenartigen

Vögeln, die der Vernichtungswut des Menschen zum Opfer gefallen sind.

Falls sich nicht im Innern Nordamerikas noch einzelne Überreste

erhalten haben, die den Bestand allmählich wieder vergrößern, muß diese

Vogelart leider als ausgestorben betrachtet werden.

[Sidenote: Karolinasittich]

Eine andere Vogelart Nordamerikas, der Karolinasittich, der einzige

in den Vereinigten Staaten vorkommende Papagei, ist ebenfalls in der

zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch den Menschen ausgerottet

worden. Die gelb und rot gefärbten Köpfe dieses schönen Sittichs

wurden ein begehrter Hutschmuck der Damenwelt. Die Mode schlachtete

die Sittiche zu Tausenden und aber Tausenden hin, bis sie schließlich

ausgerottet wurden, womit Nordamerika eine weitere Vogelart verlor, die

dem Lande ein so besonderes, charakteristisches Gepräge gab.

[Sidenote: Wanderungen des Bisons]

Zu Wandertaube und Karolinasittich gesellt sich noch ein drittes Tier

Amerikas, das, wenn auch nicht völlig, so doch zum größten Teil der

Gewinnsucht und Habgier des Menschen zum Opfer gefallen ist. Es ist der

amerikanische Bison (Abbildung 11), der einst in unzählbaren Herden, zu

vielen Millionen den nördlichen Teil der Neuen Welt bewohnte. Mit der

fortschreitenden Kultivierung Amerikas wurde der Bison allmählich in

die im Innern liegenden Steppengebiete zurückgedrängt.

Die Union-Pazifik-Bahn teilte das Verbreitungsgebiet der Bisons

in zwei Teile, einen nördlichen und einen südlichen. Da dank der

Eisenbahn die Bisongebiete so leicht und bequem zu erreichen waren,

bildeten sich zahlreiche Jagdgesellschaften, um den Abschuß im großen

Maßstabe ins Werk zu setzen und aus der Verwertung des Fleisches und

der Felle Gewinn zu ziehen. Der Abschuß oder, richtiger gesagt, die

Schlächterei der harmlosen und schwerfälligen Tiere war keine Kunst und

erforderte keine hohe weidmännische Begabung. Einzelne Schießer, den

Ausdruck „Jäger“ für diese empörenden Massenschlächter zu gebrauchen,

widerstrebt unserem weidmännischen Empfinden, brachten auf einem

Jagdausfluge nicht weniger als 1000, ja bis 3000 Bisons zur Strecke.

Ein gewisser A. Andrews soll nach amerikanischer Mitteilung innerhalb

einer Stunde 63 Bisons niedergeschossen haben. Seine unrühmliche

Handlungsweise wird aber nach einer Mitteilung des Amerikaners Dodge

noch von einem anderen Schützen übertroffen, der es fertigbrachte, in

¾ Stunden in einem Umkreis von nur 400 ~m~ 112 Bisons abzuschlachten.

Nur mit Ekel und Verachtung kann man sich von einem solchen Treiben

abwenden!

Infolge dieser törichten und sinnlosen Schießerei wurde der Bestand

der Bisons, so gewaltig er auch war, in kurzer Zeit aufgerieben.

Mit Eröffnung der Union-Pazifik-Bahn im Jahre 1869 begann die

Massenschlächterei der Bisons. 1871 wurde die Anzahl der südlich der

Bahn lebenden Tiere noch auf 3 Millionen veranschlagt, nach 4 Jahren

waren von dieser stattlichen Herde nur noch wenige, kümmerliche

Überreste vorhanden. Nicht anders erging es der nördlichen Herde, die

in 3 Jahren so gut wie ausgerottet war. Es ist völlig unbegreiflich

und unverständlich, daß die amerikanische Regierung diesem ruchlosen,

wahnsinnigen Treiben habgieriger Schießer zusah, ohne rechtzeitig

einzugreifen und den Leuten ihr schmachvolles Handwerk zu legen. Erst

nachdem das Werk vollbracht war und der Bison so gut wie ausgerottet

ward, versuchte man in zwölfter Stunde noch das Rettungswerk. So waren

die einst nach Millionen zählenden Bisons innerhalb weniger Jahre bis

auf etwa 800 Stück zusammengeschmolzen.

Außer im Yellowstone-Park und im Schutzpark von Alberta hat man noch

verschiedene Reservate eingerichtet, wo der Bison völligen Schutz

genießt. So hat der Bestand sich in letzter Zeit wieder etwas gehoben,

ohne jedoch auch nur im entferntesten an jenen der früheren Zeiten zu

erinnern.

Solange die Bisons noch ungestört lebten, unternahmen sie zweimal

jährlich große Wanderungen. Sie wanderten zum Winter südwärts und

kehrten zum Frühjahr wieder nach dem Norden zurück. Es waren also

regelmäßige Züge, ähnlich wie die Wanderungen der Zugvögel. Die Bisons

aus Kanada sollen ihre Reisen bis zum mexikanischen Golf ausgedehnt

haben. Auf diesen Wanderungen vereinigten sich die Bisons zu gewaltigen

Scharen. Reisende berichteten, daß sie eine volle Woche hindurch

unaufhörlich mit ihrer Karawane neben wandernden Bisonherden hergezogen

sind.

[Sidenote: Bison, Wisent und Auerochse]

Im Zauber des Tierlebens · 第 10 / 26 段