Die beiden mächtigen Stoßzähne des Elefanten, die das so begehrte

Elfenbein liefern, sind die verlängerten, einzigen Schneidezähne.

Sie besitzen keine Wurzeln, sondern sind unten offen und haben wie

die Schneidezähne der Nagetiere ein unbegrenztes Wachstum. Wenn die

Stoßzähne in erster Linie auch nur ein sekundäres Geschlechtszeichen

sind, da sie den Weibchen häufig fehlen und, wenn sie vorhanden sind,

stets bedeutend kleiner und schwächer bleiben, so haben sie doch

anderseits eine nicht zu unterschätzende Bedeutung als Instrument. Der

männliche Elefant schlitzt mit ihnen die Stämme hoher Bäume auf, um sie

zu Fall zu bringen, wenn er sie nicht niedertreten kann, und um auf

diese Weise zu dem begehrten Laub des Wipfels zu gelangen. Außerdem

löst er mit den Stoßzähnen die Rinde ab, um den ausfließenden Saft des

Kernholzes zu genießen, und gräbt Knollen und Wurzeln aus der Erde.

Bei diesen Arbeiten bedient sich der Elefant vorzugsweise des linken

Stoßzahnes, der infolgedessen häufig bedeutend mehr abgenutzt ist als

der rechte. Als Waffe scheinen die Stoßzähne weniger gebraucht zu

werden. Brunftige Männchen, die um den Besitz eines Weibchens kämpfen,

umfassen sich mit dem Rüssel und suchen sich mit dem Gewicht ihres

Körpers zu Fall zu bringen oder zu verdrängen.

Ein anderes wichtiges Organ des Elefanten ist die zum Rüssel

umgebildete Nase. Der Rüssel ist zunächst ein Schlauch, mit dem der

Elefant sein Getränk einsaugt, um es dann ins Maul zu spritzen. Der

Rüssel eines großen Elefanten vermag 10 Liter Flüssigkeit aufzunehmen.

Ferner ist der Rüssel mit seinen beiden fingerartigen Endgliedern ein

vorzügliches Greiforgan, das mit einem feinen Tastgefühl ausgestattet

ist. Mit den Fingern vermag der Elefant kleinste Gegenstände vom

Erdboden aufzunehmen. Reißt er Äste von Bäumen herunter, so umschlingt

er sie mit dem Rüssel in mehreren Windungen.

[Sidenote: Horn des Nashornes]

Das Nashorn benutzt sein gewaltiges Horn auf der Nase als Standhauer

und Axt. Im dichtesten Dorngestrüpp, gegen dessen Verletzung es durch

seinen borkigen Hautpanzer geschützt ist, bahnt es sich schnell und

sicher einen Weg, indem es die Zweige mit dem Horn zur Seite schlägt.

Auch zum Ausroden von Sträuchern wird das Horn gebraucht, um zu

den Wurzeln, die eine Lieblingsnahrung dieses Dickhäuters bilden,

zu gelangen. Größere Bäume werden mit dem Horn aus dem Erdreich

herausgehoben. So dient das Horn als Stemmeisen, Grabscheit, Axt und

Beil.

[Sidenote: Schwertfisch]

Nach dem fast 1 ~m~ langen, doppelschneidigen, sehr scharfen

Schwert, das der Schwertfisch an der oberen Kinnlade trägt, hat

dies kampfesmutige Ungeheuer des Meeres seinen Namen erhalten. Der

Schwertfisch (~Xiphias gladius~), der eine Körpergröße von 2-3 ~m~

erreicht, bewohnt alle Meere, jedoch vorzugsweise in den wärmeren

Breiten. Mit seiner gefährlichen Waffe schlachtet er wie ein

Scharfrichter seine Opfer ab. Er schwimmt in einen dicht gedrängten

Fischschwarm hinein, schlägt mit Gewalt nach allen Seiten mit dem

Schwert umher und tötet so eine große Anzahl der Fische. Die Kraft des

Schlages und die Schärfe der Waffe ist so groß, daß die Fische häufig

ganz durchschnitten werden. Ist die Zahl der Opfer groß genug, dann

hält der grausame Wüterich seine Mahlzeit. Die fürchterliche Waffe

hat den Charakter des Tieres verdorben, das von Mordlust und geradezu

sinnloser Bosheit erfüllt ist. Es läßt seine Wut auch an anderen

größeren Lebewesen aus, die ihm nicht zur Nahrung dienen. So greift

der Schwertfisch ohne weiteres Walfische an, die ihm zu nah kommen,

und verletzt sie mit dem scharfen Schwert in bedenklicher Weise.

Badende Menschen sind schon vom Schwertfisch durchstochen worden,

ja kleinere Schiffe wurden durch den Dolchstoß seines Schwertes zum

Sinken gebracht. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß bei der Ausbesserung

größerer Überseeschiffe das abgebrochene Schwert eines solchen Fisches

im Schiffsrumpf gefunden wird -- ein Zeichen, mit welcher Wucht der

Fisch seine Waffe gebraucht, und wie groß deren Schärfe ist (Abbildung

9).

[Sidenote: Sägefisch]

Ein würdiges Seitenstück zum Schwertfisch ist der etwa 5 ~m~ lange

Sägefisch, der in mehreren Arten in allen Weltmeeren warmer Zonen lebt.

Der Oberkiefer trägt einen etwa 1,5 ~m~ langen schmalen Fortsatz, der

an beiden Seiten mit scharfen Hautzähnen besetzt ist und wie eine

Doppelsäge aussieht. Mit dieser fürchterlichen Waffe soll der Fisch

anderen großen Fischen, sogar Walen den Leib aufschlitzen. Sonst ist

über seine Lebensweise noch wenig bekannt.

[Sidenote: Hammerfisch]

Da wir einmal bei eigentümlichen Fischformen angelangt sind, so soll

auch der sonderbare Hammerfisch nicht unerwähnt bleiben. Der Kopf

dieses Haifisches hat die Gestalt eines wagerecht gehaltenen Hammers,

dessen Stiel der Halsansatz bildet. Auf jedem Ende des Hammers sitzt

ein Auge. Einen besonderen Zweck scheint diese höchst eigentümliche

Kopfform nicht zu haben. Sie ist vielmehr eine Laune der Natur, die

diese Fische bereits in der Kreidezeit erschaffen hat. --

[Sidenote: Seihapparat des Walfischmauls]

Der Walfisch kann infolge seines engen Schlundes nur kleine Fische

von der Größe des Herings verschlucken. Das gewaltige Tier braucht

aber sehr viel Nahrung. Da hat die schöpferische Kraft dem Tier in

sehr sinnreicher Weise geholfen. Sie gab ihm ein gewaltiges Maul,

mit dem der Wal imstande ist, eine große Anzahl Fische auf einmal

aufzuschnappen, wofür besonders die Züge der Heringe, die zu Millionen

in dichtgedrängter Masse dahinschwimmen, eine willkommene Gelegenheit

bilden. Beim Schließen des Mauls wird eine bedeutende Wassermenge mit

aufgenommen. Um das Wasser abfließen zu lassen, ohne die Fische dabei

zu verlieren, besitzt das Walfischmaul besondere Einrichtungen, die als

Seihapparat wirken. Die Kiefer sind bei den Zahnwalen mit einer Reihe

dichtstehender Zähne besetzt, durch deren Zwischenräume das Wasser

abfließt, ohne daß die Fische hindurchgleiten können. Andere Wale haben

anstatt der Zähne sogenannte Barten in den Kiefern, sichelförmige

Hornplatten, mit fein gefasertem Rand, die wie ein feinmaschiges

Netz wirken, durch das das Wasser abläuft. Diese Wale heißen zum

Unterschiede von den Zahnwalen „Bartwale“.

[Sidenote: Der Vogelschnabel als technisches Werkzeug]

Auch der Schnabel mancher Wasservögel ist zum Seihapparat geworden.

Bei den Schwänen, Gänsen und Enten stehen an den Außenkanten des

Schnabelüberzugs feine zahnartige Gebilde, durch welche ebenso wie bei

den Walen das Wasser bei der Nahrungsaufnahme abfließt. Sogar die Zunge

dieser Vögel ist mit Fransen ausgestattet, die die Nahrung vor dem

Verschlucken noch einmal durchsieben.

Bei den Vögeln vertritt der Schnabel oft die Stelle eines besonderen

Werkzeuges, das für den Lebensunterhalt von Wichtigkeit ist.

Der dünne, feingebogene Schnabel des Baumläufers stellt eine Sonde dar,

mit der der Vogel in die feinsten Ritzen der Baumrinde eindringen kann,

um verborgene Kerfe hervorzuholen.

Der harte, scharfkantige Schnabel der körnerfressenden Singvögel,

besonders der Kernbeißer, wirkt als Kneifzange, mit der der Vogel die

Hülsen hartschaliger Sämereien aufknackt. Der Kirschkernbeißer ist

sogar imstande, mit seinem massigen Schnabel Kirschkerne zu zertrümmern.

Die Schnepfe gebraucht ihren langen, nervenreichen Stecher als Pinzette

und holt damit Würmer aus der Erde, indem sie den Schnabel hineinbohrt.

Um die Nahrung leicht erfassen zu können, ohne den ganzen Schnabel

öffnen zu müssen, was infolge des Widerstandes der Erde größere Kraft

verlangen würde, besitzt die Schnepfe die Fähigkeit, nur das vordere

Ende des Schnabels unabhängig von dem übrigen Schnabelteil öffnen und

schließen zu können. Bei der frisch erlegten Schnepfe läßt sich diese

eigenartige Beweglichkeit des Schnabels durch einen seitlichen Druck

mit den Fingern gegen den Kopf leicht hervorrufen.

Der Kreuzschnabel besitzt in seinen kreuzweise übereinanderliegenden

Schnabelhälften ein praktisches Instrument zum Öffnen der Tannenzapfen.

An diesen eigentümlichen Vogel mit seiner wechselnden Gefiederfarbe,

der sogar im Winter bei Frost und Schnee zur Brut schreitet, knüpfen

sich allerhand Sagen und Märchen. Man glaubte früher, daß das Wasser,

das durch den Kot des Vogels verunreinigt ist, ein unfehlbares

Heilmittel gegen Fallsucht und Krämpfe sei, und zwar sollten die

Vögel, bei denen die Hakenspitze des Oberschnabels rechts neben dem

Unterschnabel liegt, die Krankheiten der Männer, die Linksschnäbler

dagegen die Krankheiten der Frauen heilen. In einsamen Gebirgsdörfern,

wo der Kreuzschnabel ein beliebter Käfigvogel ist, mag noch heute

dieser Aberglaube Geltung haben.

Beim amerikanischen Hakenweih (~Rostrhamus sociabilis~) bildet die

Spitze des Oberschnabels einen langen, nach unten gebogenen Haken, der

weit über den Unterschnabel reicht. Die Nahrung dieses unserem Bussard

nahestehenden Raubvogels besteht aus Schneckenleibern. Der Vogel lauert

der kriechenden Schnecke auf und stößt den Haken des Schnabels durch

ihren Körper dicht vor dem Gehäuse, wodurch die Schnecke verhindert

wird, sich einzuziehen. Dann reißt er die Schnecke aus dem Gehäuse

heraus und verzehrt sie.

Der sehr große, unförmige, aber dünnwandige und leichte Schnabel

der Tukane ist eine Fruchtpresse, die den Vögeln beim Verzehren von

Früchten gute Dienste leistet (Abbildung 10).

Ein vielseitiges Instrument ist der Papageischnabel. Der gekrümmte

Oberschnabel läuft in eine den Unterschnabel überragende, gebogene

Spitze aus und trägt häufig auf jeder Seite einen zahnartigen Ansatz,

der in eine entsprechende Vertiefung des Unterschnabels hineinpaßt.

Der dicke, breite, nach unten gewölbte Unterschnabel hat vorn eine

breite, ausgeschweifte Kante, deren Enden in hochstehende Spitzen

auslaufen. Mit diesem Werkzeug kann der Papagei Unglaubliches leisten.

Er benutzt es als Zange, Bohrer und Schraubenzieher. Immer wieder

muß man staunen, was für Zerstörungen ein großer Papagei, besonders

ein Kakadu, vollbringen kann. Dicker Draht wird durchkniffen,

Eisenblech durchlöchert und zernagt, das härteste Holz in kurzer Frist

zersplittert. Die Gebrauchsfertigkeit des Schnabels wird noch dadurch

erhöht, daß der Oberschnabel durch ein zwischen ihn und den Schädel

eingeschaltetes Scharnier sehr beweglich ist, im Gegensatz zu anderen

Vögeln, bei denen der Oberschnabel mit dem Schädel fest verwachsen ist.

Die Papageien vermögen mit ihrem kräftigen Schnabel sehr schmerzhafte

und nicht ungefährliche Bißwunden beizubringen. Eine Arara kann mit

ihrem mächtigen Schnabel mit einem Biß die Handknochen zertrümmern.

Die gewaltige Wirkung des Schnabels zeigt sich am besten darin, daß

die großen Araras imstande sind, die eisenharte Schale der Paranüsse

aufzuknacken.

[Sidenote: Saugzunge der Honigsauger]

Bei den zierlichen, bunt gefärbten Honigsaugern Afrikas, die nicht zu

den Kolibris, sondern zu den Singvögeln gehören, ist die Zunge mit

ihren einwärts gebogenen Rändern zum Saugschlauch geworden, mit dem die

Vögel den Nektar aus den Blüten schlürfen.

[Sidenote: Pinselzunge der Loris]

Die Loris, kleine bis mittelgroße, sehr bunt gefärbte Papageien, die

Australien und die umliegenden Inseln bewohnen, haben eine Pinselzunge,

d. h. ihre Zunge trägt am vorderen Ende einen Büschel haarartiger

Borsten, mit denen die Vögel den Saft der Blüten und Früchte

auftutschen.

[Sidenote: Löffelzunge]

Auf Neuguinea lebt ein riesengroßer, tiefschwarzer Kakadu mit

nacktem, rotem Gesicht und breitem Federbusch auf dem Kopfe. Seine

rote, walzenförmige, fleischige Zunge ist ausgehöhlt, und die Ränder

können nach innen umgebogen werden. Mit diesem „Löffel“ befördert

der absonderliche Vogel die mit dem gewaltigen Schnabel zerkleinerte

Nahrung, die hauptsächlich aus Nüssen besteht, in die Speiseröhre.

Der Ararakakadu hat eine schnarrende Stimme, die an das Knarren einer

Tür erinnert und von dem üblichen Kreischen der anderen Papageien

völlig abweicht. Der Vogel hat in seinem gewaltigen Schnabel eine

Riesenkraft. Gefangene zerbeißen Futtergefäße aus gebranntem Ton,

dickem Porzellan, ja sogar aus Gußeisen mit Leichtigkeit. Nur ganz

schwere schmiedeeiserne Geschirre leisten seiner Zerstörungswut

Widerstand.

Der Schnabel der Spechte mit der vorn abgeschnittenen, aber scharfen

Kante ist ein regelrechter Meißel, mit dem die Vögel festes Kernholz

durch kräftige Schläge zersplittern können. Als Höhlenbrüter nisten

sie nicht in natürlichen Baumhöhlen, sondern meißeln sich ihre

birnenförmigen Bruthöhlen in die Baumstämme und schaffen hierdurch

anderen Höhlenbrütern, wie Hohltaube, Wiedehopf und Blaurake, passende

Niststätten.

[Illustration:

Abbildung 14 Friedrich v. Lucanus phot.

Uhu]

[Illustration:

Abbildung 15 Aus Benzingers Lichtbildern f. d. Unterricht

Kiwi oder Schnepfenstrauß

Ein flügelloser Vogel mit haarartigem Gefieder]

So finden wir überall im Tierleben eine mannigfache Technik. Die

Gliedmaßen und Organe sind zum Teil zu Instrumenten geworden, wie

sie menschlicher Erfindungsgeist zur Ausübung der Kunst, für die

Forschung in der Wissenschaft und zum Handwerk ersann. Die Natur

gab den Tieren diese technischen Hilfsmittel zur Erfüllung ihrer

Lebensaufgaben und ihrer Daseinsnotwendigkeiten, damit sie den Kampf

des Lebens siegreich bestehen, bis die Kräfte erlahmen und des Lebens

Kreislauf sich schließt, um neuen Generationen Platz zu machen, die

vielleicht dereinst in Anpassung an veränderte Lebensbedingungen, die

Erdumwälzungen hervorrufen, in fortschreitender Entwicklung eine andere

Technik des Lebens erwerben.

[1] Friedrich von Lucanus, Das Leben der Vögel. Verlag August Scherl,

Berlin 1925.

Wanderungen

Die Lust zum Wandern ist nicht allein eine uralte, tiefeingewurzelte

Eigenschaft des Menschengeschlechts, sondern sie tritt in noch höherem

Maße in der Tierwelt auf.

[Sidenote: Wanderungen der Zugvögel]

Alljährlich im Herbst und Frühjahr begeben sich unsere Zugvögel auf die

weite Wanderschaft, die sie von Erdteil zu Erdteil führt. Gewaltige

Strecken werden auf dieser Luftreise durchflogen. Kuckuck, Schwalben,

Segler, Nachtigall, Pirol und viele andere Vögel suchen das tropische

Afrika als Winterherberge auf. Freund Adebar dehnt sogar seine Reise

bis über den Äquator hinaus aus und überwintert im südlichen Afrika,

in der englischen Kapkolonie und den früheren Burenstaaten, wo die

dort zahlreich auftretenden Heuschrecken, die eine gewaltige Plage des

Landes sind, ihm zur Nahrung dienen. Vielleicht bilden die Heuschrecken

die Ursache zu dieser weiten Wanderung der Störche.

Ganz gewaltige Reisen vollbringen die Regenpfeifer und Strandläufer,

die das arktische Gebiet der Alten und Neuen Welt bewohnen. Sie ziehen

aus ihrer zirkumpolaren Heimat bis Südafrika, Südamerika und Indien

und überfliegen zum Teil nicht weniger als 133 Breitengrade, was eine

Entfernung von etwa 15000 ~km~ bedeutet! Diese weite Strecke legen die

Vögel zweimal im Jahre, auf dem Herbstzug und auf dem Frühjahrszug,

zurück! Das sind gewaltige Flugleistungen, die aber noch von einer

Vogelart, der Küstenseeschwalbe (~Sterna paradisea~), übertroffen

werden. Die Küstenseeschwalbe ist von allen Vögeln am weitesten nach

Norden vorgedrungen. Ihr Brutgebiet reicht bis zum 82. Grad nördl.

Br. Von hier zieht sie nach den Berichten amerikanischer Ornithologen

bis zum südlichen Eismeer, um dort zu überwintern. Sie überfliegt also

zweimal jährlich den ganzen Erdkreis.

Auf diesen weiten Wanderungen nehmen sich die Vögel freilich Zeit.

Sie fliegen in kleineren Etappen, die täglich etwa 200 bis 300 ~km~

betragen, und brauchen mehrere Wochen, bis sie am Ziel sind. Die alte

Annahme, daß die Zugvögel mit gewaltiger Geschwindigkeit reisen, die

sie in wenigen Stunden über ganze Erdteile trägt, ist durch die neueren

Forschungen widerlegt worden und gehört in das Reich der Fabel.

Andere Vögel, wie z. B. die kleineren Singvögel, reisen noch langsamer.

Durch die Vogelberingung, die heute unser bestes Mittel zur Erforschung

des Vogelzuges ist, wurde nachgewiesen, daß Stare, Drosseln und

Rotkehlchen nur 30-60 ~km~ täglich zurücklegen.

Durch Messungen der Fluggeschwindigkeit ziehender Vögel wurde

festgestellt, daß sie auf dem Wanderfluge etwa die Schnelligkeit eines

Eilzuges entwickeln, also ~ca.~ 60-70 ~km~ in der Stunde.

[Sidenote: Zugstraße u. Zug i. breiter Front]

Die viel umstrittene Frage, ob die Vögel auf ihren Wanderungen

bestimmten, gesetzmäßig festliegenden Zugstraßen folgen, ist durch die

Vogelberingung dahin geklärt worden, daß manche Vogelarten zweifellos

solche Zugstraßen haben, andere dagegen nicht, sondern auf dem Zuge

sich fächerförmig über den Erdteil verteilen, nur einer allgemeinen

Richtung folgend. Man spricht in letzterem Falle vom Zuge in „breiter

Front“. Ein Vogel, der ganz bestimmte Zugstraßen innehält, ist der

weiße Storch. Die Beringung von Störchen hat ergeben, daß die Brutvögel

aus Mittel- und Osteuropa im Herbst über den Balkan, die Dardanellen,

Kleinasien, Syrien, Palästina und den Suezkanal nach Afrika ziehen,

während die westlichen Vögel ihren Weg über Frankreich, Spanien und

Gibraltar nehmen. Die Grenze zwischen diesen beiden Zuggebieten bildet

die Weser. Beim Zug des Storches ist es also vollauf berechtigt, von

„Zugstraßen“ zu sprechen, die freilich nicht auf engen, schmalen Linien

verlaufen, sondern eine breite Ausdehnung haben, die z. B. auf dem

Balkan und in Kleinasien ~ca.~ 200-400 ~km~ beträgt.

Viele Vögel scheinen auf ihrem Zuge durch die Sahara den Tarso- und

Tassili-Gebirgen zu folgen. Diese Zugstraße ist noch breiter, sie hat

eine Ausdehnung von etwa 1000 ~km~. Gleichwohl kann man auch hier noch

von einer Zugstraße sprechen, denn sie hebt sich als fest begrenzter

Abschnitt aus dem großen Wüstengebiet der Sahara heraus, das in seiner

Gesamtausdehnung eine Breite von ~ca.~ 5000 ~km~ besitzt.

Mit dem Begriff „Zugstraße“ dürfen wir also keine schmale Linie

verbinden, sondern die „Zugstraße“ charakterisiert nur die Zugbewegung

auf einer enger begrenzten Fläche innerhalb eines größeren zu

Gebote stehenden Raumes. Wird dieser Raum in seiner +ganzen+ Breite

überflogen, dann sprechen wir vom Zuge in „breiter Front“.

Über die Bezeichnungen „Zugstraße“ und „breite Front“ im Problem des

Vogelzuges ist in unserer ornithologischen Literatur schon so viel

Verwirrung angerichtet worden, daß es mir notwendig erschien, diese

Begriffe hier näher zu erläutern. --

[Sidenote: Entstehung u. Ursachen d. Zuges]

Die Entstehung des Vogelzuges müssen wir auf die Eiszeit und den durch

sie hervorgerufenen Wechsel der Jahreszeiten zurückführen. Solange noch

gleichmäßig warmes, tropenartiges Klima in unseren Breiten herrschte,

fanden die Vögel während des ganzen Jahres geeignete Lebensbedingungen

in ihrer nördlichen Heimat. Dies änderte aber die Eiszeit mit ihren

klimatischen Umwälzungen. Viele Vögel wurden durch das kalte Klima

allmählich aus ihrer Heimat verdrängt und siedelten sich im Süden

unter dem Äquator an, wo die Unwirtlichkeit der Eiszeit sie nicht

berührte. Später, nach dem Rückgang der Eiszeit, erfolgte dann von

neuem eine Ausbreitung von Süden nach Norden, wo die Vögel im Sommer

wieder geeignete Lebensbedingungen fanden. Der Winter zwang aber die

Vögel, in das warme Tropenklima zu flüchten, um dann im Frühjahr zum

Brüten wieder nach dem Norden zurückzukehren. Mit Berechtigung kann

man fragen: Warum blieben die Vögel nicht in ihrer südlichen Heimat,

die ihnen zu allen Jahreszeiten die besten Lebensbedingungen spendete,

und weshalb nahmen sie die Schwierigkeit und Unbequemlichkeit der

Wanderung auf sich? Wenn wir auch bei der Beantwortung dieser Frage

lediglich auf Spekulation angewiesen sind, so geht man vielleicht

nicht fehl, die Ausbreitung des Brutgebiets nach Norden auf eine

Übervölkerung der Vögel in der tropischen Zone zurückzuführen, wo sich

die Vögel zur Eiszeit in großen Massen zusammendrängten. Außerdem wohnt

vielen Vogelarten eine ausgesprochene Neigung inne, ihr Brutgebiet

dauernd zu vergrößern. Auch heute können wir solche Verschiebungen in

der Vogelwelt beobachten. So dehnt z. B. der Girlitz beständig sein

Wohngebiet nordwärts aus.

Der Girlitz, der ja nur eine geographische Rasse des wilden

Kanarienvogels ist und infolgedessen nach der ternären Nomenklatur

den Namen ~Serinus canaria serinus L.~ führt, war ursprünglich ein

Bewohner des subtropischen Klimas der Mittelmeerländer. Von hier

breitet er sich ständig nach Norden aus. Vor etwa 300 Jahren war er

bis Süddeutschland vorgedrungen und bereits bei Frankfurt a. M. ein

häufiger Brutvogel, wonach er damals „Frankfurter Vögelchen“ genannt

wurde. Heute ist er bereits in der Mark Brandenburg, in Pommern,

Schlesien und dem westlichen Polen eingewandert und in neuerer Zeit

sogar in Schweden festgestellt worden. Die Singdrossel, die zu Linnés

Zeiten in Skandinavien noch unbekannt war, singt ihr Lied bereits unter

dem 60. Grad nördl. Br. Ähnliche Beispiele ließen sich noch für viele

andere Vogelarten anführen.

Die Eiszeit mag nicht alle Vögel aus dem Norden verdrängt haben. Sie

war wohl kaum so unwirtlich, daß nicht einige Arten mit kräftiger

und widerstandsfähiger Natur in den kurzen Sommermonaten hier

ausharren konnten. Nur der Winter zwang sie, vorübergehend im Süden

ihren Aufenthalt zu nehmen. So entwickelte sich auch bei ihnen die

Eigenschaft des Ziehens unter der klimatischen Umwälzung der Eiszeit.

Alle Vögel, die auf der Suche nach einer geeigneten Winterherberge

eine unzweckmäßige Richtung einschlugen, gingen zugrunde, während

diejenigen Individuen, die in Gegenden gelangten, die von der Vereisung

unberührt geblieben waren, den Winter überstanden und im Sommer zum

Brüten in die Heimat zurückkehren konnten. So wurde im Laufe der Zeit

durch natürliche Zuchtwahl ein Vogelstamm herangezüchtet, bei dem der

Zug, und zwar der Zug in eine bestimmte Richtung, eine regelmäßige

Lebenserscheinung wurde, die sich allmählich zu einer erblichen Anlage

verankerte. Somit wäre der Vogelzug ein Beweis für die Erblichkeit

erworbener Eigenschaften, die bekanntlich von manchen Forschern in

Abrede gestellt wird. Daß die Zugbewegung heute bei vielen Vögeln

eine erbliche Veranlagung ist, läßt sich mit Sicherheit nachweisen.

Storch, Kuckuck, Wiedehopf, Pirol, Segler und andere Vögel verlassen

uns bereits im Hochsommer, im August, also zu einer Zeit, wo von einer

Temperaturabnahme oder Nahrungsmangel noch keine Rede ist. Es kann also

nur ein innerer, periodisch erwachender Trieb sein, der den Fortzug

veranlaßt. Ferner zeigen Nachtigall, Grasmücke, Würger und viele andere

Zugvögel in der Gefangenschaft sowohl im Frühjahr wie im Herbst eine

starke Unruhe, die den Vogel rastlos im Käfig umherflattern läßt. Es

ist der angeborene Zugtrieb, der in ihnen erwacht, und den sie durch

ihre Unruhe befriedigen müssen.

Bei anderen Vögeln, wie z. B. den nordischen Enten und Tauchern, kommt

der Zugtrieb weniger zur Geltung. Sie verlassen ihre Heimat erst dann,

wenn die Vereisung im Winter ihre Lebensbedingungen unterbindet. Ihre

Wanderungen sind also nur ein Ausweichen nach eisfreien Gebieten und

werden nicht durch einen inneren, angeborenen Trieb, sondern durch

äußere klimatische Einflüsse hervorgerufen.

[Sidenote: Tag- und Nachtwanderer]

Im Zauber des Tierlebens · 第 9 / 26 段