Manche Vögel haben eine fabelhafte Flugdauer. Der Mauersegler verbringt

den größten Teil seines Lebens in der Luft, in der sich sogar die

Begattung abspielt. Möwen und andere Seevögel fliegen stundenlang

über dem Meere, ohne zu ermüden. Die ausdauerndsten Flieger sind die

Sturmvögel, deren Heimat der offene Ozean ist, wo sie tagelang in

Unwetter und Sturm über den Wellen dahinschweben, nur hin und wieder

eine kurze Rast auf dem Wasserspiegel haltend. Ein Albatros, der größte

Sturmvogel, folgte einem Schiff, das mit 4,5 Knoten Geschwindigkeit

fuhr, sechs volle Tage im Fluge.

Die Sturmvögel gehören zu den wunderbarsten Vogelgestalten. Sie suchen

ihre Nahrung, Fische und Meerestiere, an der Oberfläche des Wassers und

treiben sich tagelang mitten auf dem Weltmeere umher, bald niedrig über

den Wellen fliegend, geschickt jeder Bewegung des Wassers folgend, ohne

sich zu benetzen, bald in herrlichen Schwenkungen höher steigend, um

dann in reißend schnellem Fluge durch die Luft zu schießen. Mit größter

Gewandtheit und Schnelligkeit drehen und wenden sie sich im Fluge

nicht nur nach der Seite, sondern auch auf- und abwärts. Die kleineren

Sturmtaucher verschwinden aus reißend schnellem Fluge plötzlich in den

Wellen, schwimmen, auf der Jagd nach Beute, ein Stück unter Wasser,

wobei sie mit den Füßen und Flügeln rudern, um dann wie eine Rakete

aus dem Wasser wieder aufzutauchen und durch die Luft zu jagen. Die

Sturmvögel sind die besten, gewandtesten und ausdauerndsten Flieger

aller Vögel. Sie nisten an den Meeresküsten und auf Inseln, teils auf

dem Erdboden, teils in selbst gegrabenen Erdlöchern. Die Farbe des

Gefieders ist im allgemeinen rauchbraun mit mehr oder weniger weißen

Abzeichen auf dem Rücken und der Unterseite. Die Sturmvögel bewohnen

alle Weltmeere zwischen dem Nördlichen und Südlichen Eismeer. Ihr

Verbreitungszentrum liegt jedoch in den warmen Zonen.

Eine besondere Eigentümlichkeit der Sturmvögel ist der Bau der

Nasenlöcher. Diese liegen entweder zusammen in einer einheitlichen

Röhre auf der Firste des Schnabels, oder in zwei verwachsenen Röhren,

oder aber in zwei getrennten Röhren auf jeder Seite des Schnabels. Die

Sturmvögel bilden eine eigene Ordnung in der Reihe der Vögel.

[Sidenote: Stimme und Gesang der Vögel]

Außer dem Flugvermögen ist noch eine zweite Eigenschaft bei den

Vögeln zur höchsten Entwicklung gelangt, nämlich die Stimme. Sie hat

bei keinem anderen Tier eine solche Vollkommenheit erreicht als beim

Vogel und besonders beim Singvogel. Der Gesang der Nachtigall in

milder Lenzesnacht mit seinen flötenden, sehnsuchtsvoll schluchzenden

Tönen, der markige Schlag der Drossel, das melancholische Lied des

Rotkehlchens und die frischen Wirbel der Feldlerche sind herrliche

Musik, die das Herz des nüchternsten Menschen erwärmen müssen.

Die hohe Ausbildung der Stimme bei den Vögeln ist vielleicht eine

Folge ihrer Flugkraft. Die große Beweglichkeit, die der Flug dem

Vogel verleiht, erhöhte die Bedeutung der Stimme als gegenseitiges

Verständigungsmittel, als Anlockungsmittel bei ihrem geselligen

Leben, und um in der Paarungszeit den Zusammenschluß der Geschlechter

herzustellen. Der Gesang der Singvögel spielt ja gerade in der

Brunstzeit eine so bedeutende Rolle beim Erwerb der Gattin, die durch

die verführerischen Töne angelockt und geschlechtlich erregt wird, und

als Waffe im Kampf mit dem Nebenbuhler. Ein Sängerkrieg im wahrsten

Sinne des Wortes ist der Vogelgesang im Frühjahr.

Eine so hohe Fähigkeit der Stimmbildung verlangt freilich eine

besondere Organisation. So besitzt denn der Vogel ein eigenes Organ

für die Erzeugung der Stimme, einen zweiten Kehlkopf, der zwischen

Luftröhre und Bronchien eingeschaltet ist. Es ist der „untere

Kehlkopf“ oder „Syrinx“, der mit besonderen Membranen, die durch ein

kompliziertes Muskelsystem gespannt werden, ausgerüstet ist. Der

untere Kehlkopf läßt sich in seinem Bau mit einem Blasinstrument

vergleichen. Ebenso sind die Luftsäcke, die einen großen Teil des

Vogelkörpers durchziehen und von den Lungen mit Luft versorgt werden,

sowie die teilweis eigenartig geformte Luftröhre, die sich bisweilen in

großen Windungen durch das Brustbein hindurch bis in die Leibeshöhle

erstreckt, von großer Bedeutung für die Stimme. Es würde zu weit

führen, hier auf den Bau dieser Organe näher einzugehen, zumal ich sie

in meinem Werk „Das Leben der Vögel“[1] eingehend geschildert habe,

das auch die „Stimme und den Gesang der Vögel“, ihre Entstehung und

Bedeutung ausführlich behandelt.

[Sidenote: Instrumentallaute der Störche, Spechte, Bekassinen, Enten]

Freilich besitzen nicht alle Vögel des Gesanges süße Gabe. Viele

Vögel, z. B. Gänse, Enten, schnepfenartige Vögel und andere vermögen

nur wenige Laute hervorzubringen, die zum Teil sogar recht unschön

sind. Andere Vögel sind ganz oder doch fast stumm. Der Strauß bringt

nur in der Paarungszeit ein dumpfes Brummen hervor und sagt sonst gar

nichts. Der männliche Wiedehopf ruft ein eintöniges „hup, hup“, sein

Weibchen ist stumm. Unser allbekannter Freund Adebar ist bis auf ein

heiseres Zischen, das im Rachen erzeugt wird und kein eigentlicher

Stimmlaut ist, völlig schweigsam. Nur die jungen Nestvögel lassen ein

katzenartiges Miauen hören. Den Mangel seiner Stimme weiß der alte

Storch aber in anderer Weise zu ersetzen. Er klappert mit dem Schnabel,

indem er die Schnabelhälften heftig aneinanderschlägt und dabei den

Kopf auf den Rücken legt und allmählich aufrichtet. Das Klappern

spielt im Leben des Storchs, den der Volksmund nicht mit Unrecht

„Klapperstorch“ nennt, eine große Rolle. Es ist nicht nur ein Zeichen

geschlechtlicher Erregung, sondern wird auch sonst fleißig geübt. Es

dient zur gegenseitigen Begrüßung und zum Ausdruck freudiger, wie

bösartiger Stimmung. Sogar die ganz jungen Störche klappern bereits

im Horst mit ihren noch weichen Schnäbeln, oder richtiger gesagt, sie

führen nur die Klapperbewegung aus, denn die anfangs noch weichen

Schnabelränder erzeugen noch keinen Ton.

Das Klappern des Storchs ist eine Instrumentalmusik, wie sie auch von

anderen Vögeln ausgeübt wird. Hierzu gehört das Trommeln der Spechte.

Der Specht führt hierbei mit seinem sehr harten Schnabel schnelle,

wirbelartige Schläge auf einem dürren Ast aus, dessen Holz hierdurch in

seinen Bestandteilen in Schwingungen versetzt wird und einen surrenden

Ton erzeugt.

Die männlichen Spechte trommeln im Frühjahr, um sich den Weibchen

bemerkbar zu machen, und zwar sind es hauptsächlich die Buntspechte,

welche diese Kunst ausüben, da sie außer ihrem eintönigen Lockruf, der

wie ein kurzes, scharfes „kick“ klingt, weiter keine Töne hervorbringen

können. Die Grünspechte, die einen weithinschallenden, melodischen Ruf

haben, trommeln weniger, sondern suchen sich mehr durch ihre Stimme

bemerkbar zu machen.

[Illustration:

Abbildung 12 James’ Preß Agency, London

Rentier]

[Illustration:

Abbildung 13 Friedrich v. Lucanus phot.

Rentier-Herde

in einem Lappenlager in Tromsoe]

Wenn wir im Frühjahr des Abends an einem Luch entlang wandern, dann

hören wir aus der Höhe eigenartige Töne herabschallen, die an das

Meckern einer Ziege erinnern. Es ist die Bekassine oder Himmelsziege,

die ihren Balzflug in der Luft ausübt und diese sonderbaren Töne

hervorbringt, die den fehlenden Gesang ersetzen sollen. Durch

einwandfreie Untersuchung namhafter Ornithologen ist festgestellt

worden, daß es sich auch hier nicht um Stimmlaute, sondern um

Instrumentalmusik handelt. Die Bekassine bringt die Töne mit den

Schwanzfedern hervor. Sie läßt sich im schrägen Bogen mit halb

angezogenen Schwingen in der Luft ein Stück herunterfallen und spreizt

die Schwanzfedern aus. Der Luftstrom, der unterhalb der Flügel nach

rückwärts entweicht, trifft auf die äußeren Schwanzfedern und setzt sie

in Schwingungen, welche einen surrenden Ton hervorrufen. Durch feine

Zuckungen mit den Flügeln wird die Tonfolge fortlaufend unterbrochen,

wodurch ein dem Meckern ähnliches Tremulieren entsteht. Aus dem Absturz

schwingt sich der Vogel wieder in die Höhe, um das Spiel von neuem zu

beginnen.

In einer Jagdzeitschrift behauptete jüngst ein Weidmann, daß er eine

Bekassine beobachtet habe, die auf dem Erdboden sitzend meckerte, und

zweifelte infolgedessen die Theorie des Schwanzmeckerns an. Dies ist

jedoch ein Irrtum, der wohl dadurch veranlaßt wurde, daß gleichzeitig

eine zweite Bekassine in der Nähe ihren Balzflug ausführte, was von

dem Beobachter übersehen wurde. Daß die Bekassine die Töne tatsächlich

mit den Schwanzfedern hervorbringt, ist durch eingehende Beobachtung

und experimentelle Untersuchung festgestellt worden und unzweifelhaft

richtig. Man kann das Meckern künstlich hervorrufen, wenn man eine

äußere Schwanzfeder der Bekassine mit dem Kiel senkrecht auf einer

biegsamen Rute befestigt und dann diese kräftig durch die Luft

schwingt.

Die Tauben lassen beim Auffliegen ein laut klatschendes Geräusch

erschallen, indem sie die Flügelspitzen über dem Rücken kräftig

aneinanderschlagen. Man darf diese Instrumentallaute wohl als ein

Warnsignal ansehen, das die Genossen zur Flucht veranlassen soll.

Eine sexuelle Bedeutung hat das Flügelklatschen, das der Ringeltäuber

im Balzflug ausübt.

Bei der Indischen Baumente (~Dendrocygna javanica~) zeigt die erste

Schwungfeder eine starke Ausbuchtung auf der Innenfahne, durch die im

Fluge ein lautes, pfeifendes Geräusch hervorgebracht wird. Diese Feder

ist also ein regelrechtes Musikinstrument, eine „Schallschwinge“, die

zur gegenseitigen Verständigung dieser stimmlosen Enten dient, um im

Fluge die Verbindung aufrechtzuerhalten.

Das Kaninchen, welches nur in höchster Lebensnot Klagetöne ausstößt,

im übrigen aber fast stumm ist, warnt seine Genossen bei Gefahr durch

lautes Aufschlagen mit den Hinterläufen auf den Erdboden. Sobald dies

Signal ertönt, fahren alle in der Nähe befindlichen Wildkaninchen zu

Bau.

[Sidenote: Instrumentallaute der Fische]

Unter den im allgemeinen stummen Fischen gibt es einige Arten, die

Töne hervorbringen können, die ebenfalls keine Stimm-, sondern

Instrumentallaute sind. Einige Welsarten Amerikas und der Knurrhahn

bringen durch krampfartige Zusammenziehung der Muskeln im Innern ihres

Körpers Geräusche hervor, die sich auf die äußere Wand der Schwimmblase

übertragen, welche als Resonanzboden wirkt und den Ton verstärkt.

Andere Fische erzeugen Töne durch Reibung der Kiemendeckelteile,

der Zähne, der Schultergürtelknochen und der Flossenstacheln. Diese

Geräusche lassen bei einigen Arten besonders die Männchen zur

Fortpflanzungszeit hören, um die Weibchen anzulocken, woraus man

meinte schließen zu können, daß nicht alle Fische taub sind, eine

Annahme, die freilich noch der Bestätigung bedarf, da, wie schon an

anderer Stelle gesagt wurde, die Wahrnehmung der Schallwellen auch

durch den Wasserdruck auf die Seitenorgane erfolgen kann.

[Sidenote: Stimme der Lurche]

Unter den Lurchen finden wir bei den Fröschen bereits einen

wohlentwickelten Kehlkopf mit Stimmbändern. Bei vielen Arten wird

die Stimme noch durch ein besonderes Instrument, die Schallblasen,

welche mit Luft angefüllt werden, verstärkt. Die Schallblasen liegen

entweder innerlich, wie bei den Unken und Grasfröschen, oder sie

treten äußerlich hervor, wie beim Laubfrosch und Wasserfrosch. Die

Schallblasen des Laubfrosches liegen unter der Kehle und sind von

einer gemeinsamen Haut überzogen, so daß die aufgeblähten Blasen wie

eine große Kugel erscheinen. Beim Wasserfrosch treten die beiden

Schallblasen durch besondere Schlitze an den hinteren Seiten des Kopfes

hervor.

[Sidenote: Instrumentallaute der Reptilien]

Unter den Reptilien ist die Klapperschlange wegen ihres an der

Schwanzspitze sitzenden Rasselinstruments allgemein bekannt. Diese

Klapper entsteht erst allmählich durch die wiederholten Häutungen der

Schlange. Der Vorgang ist folgender: Die beiden letzten, verschmolzenen

Schwanzwirbel sind mit einer hornartigen Kappe überzogen. Bei der

Häutung streift sich diese Kappe nicht ab, sondern bleibt als Ring an

der sich neu bildenden Hornhaut des Schwanzendes haften. Durch weitere

Häutungen nimmt die Zahl der Ringe zu, die jedoch auch bei alten,

erwachsenen Tieren meist nicht mehr als 12 beträgt und selten bis auf

21 anwächst, was die höchste bisher festgestellte Ringzahl ist. Der

Prozeß scheint sich also nicht bei jeder Häutung, die mehrmals im Jahre

stattfindet, zu wiederholen. Die einzelnen Hornringe sind gegeneinander

beweglich und erzeugen durch schnelles Hin- und Herschwingen des

Schwanzendes das Rasseln. Das Klappern geschieht nicht nur in der

Erregung, wodurch es unter Umständen zum Warnsignal werden kann,

sondern bezweckt in erster Linie die gegenseitige Anlockung der

Geschlechter. Durch das Klappern verraten sich die Giftschlangen ihrem

ärgsten Feind, dem Menschen, und tragen so unbewußt zu ihrer eigenen

Vernichtung bei.

Die amerikanischen Klappschildkröten (~Cinosternum~) haben auf der

Innenseite des Oberschenkels eine mit Hornhöckern besetzte Stelle.

Durch Reibung dieser Gebilde können die Schildkröten einen zirpenden

Ton hervorbringen.

Die Klappschildkröten führen ihren Namen nach der eigenartigen

Verschlußvorrichtung ihres Panzers. Das Brustschild besteht aus drei

Teilen, von denen der vordere und hintere Teil beweglich sind und

an den Rückenpanzer angeklappt werden können, was den Tieren einen

vorzüglichen Schutz gegen ihre Feinde gibt.

Ein eigenartiger Musikant ist der mittelasiatische Wundergecko. Der

kleine Kerl bringt mit dem Schwanz zirpende Töne hervor, indem er die

dachziegelartig übereinanderliegenden Hautschuppen aneinanderreibt.

Durch sein Zirpen lockt der Gecko Heuschrecken an, die seine bevorzugte

Nahrung bilden. „Er ergeigt sich“, wie Brehm treffend sagt, „seinen

Lebensunterhalt.“ --

[Sidenote: Das Zirpen der Heuschrecken]

Das Zirpen der Heuschrecken im saftigen Wiesengras hat ja jeder

schon gehört. Das Instrument, mit dem der kleine grüne Musikant die

lieblichen Töne hervorbringt, befindet sich an den Hinterfüßen und den

Flügeln. An der Innenseite der keulenartig verdickten Schenkel der

Hinterbeine steht eine Reihe kleiner Zapfen, und die Flügel haben eine

leistenartig vorstehende Ader. Durch Reiben der Zapfen an dieser Ader

entsteht der zirpende Ton, der durch die als Resonanzboden wirkenden

Flügel noch verstärkt wird. Die Tiefe und Höhe des Tons wechselt je

nach der Schnelligkeit, mit der der Musikant die Geige spielt. Die

Töne werden natürlich von den Heuschrecken selbst vernommen. Ihr Ohr

sitzt aber nicht am Kopf, sondern am ersten Ring des Hinterleibes. Hier

befindet sich auf jeder Seite ein Häutchen, das Trommelfell, das über

einen Hohlraum gespannt ist, in dem der Hörnerv liegt.

Bei den Grillen erfolgt das Zirpen durch ein Aneinanderreiben beider

Flügeldecken, die vorstehende Schrilladern besitzen.

Meister in der Tonkunst sind die Zikaden, die in über 1000 Arten die

warmen Länder, besonders Asien bewohnen. Eine Art, die Bergzikade,

kommt auch in Deutschland vor. Die Zikaden tragen einen komplizierten

Singapparat am Hinterleibe, der aus zwei Trommelhäuten besteht, die

durch starke Muskeln in Schwingungen versetzt werden. Hierdurch

entstehen sehr laute, schrille Töne. Die Zikaden leben sehr gesellig

im Gipfel der Bäume. Beginnt ein Männchen seinen Gesang, so stimmen

alle übrigen ein, und der ganze Wald hallt plötzlich von einem

tausendstimmigen Konzert wider, das, ebenso jäh wie es begann, nach

kurzer Zeit verstummt, um bald wieder von neuem zu beginnen. So

wechseln in der strahlenden Glut der Tropensonne brausender Gesang und

unheimliches Schweigen stundenlang ab. Jede Art bringt besondere Töne

hervor, die bald melodisch, bald gellend und unschön erklingen, so daß

der Eindruck des Zikadenkonzerts außerordentlich verschieden sein kann.

Hieraus erklärt sich auch die abweichende Beurteilung dieser Musik.

Während Anakreon in seiner Ode die Zikaden preist mit den Worten:

„Glücklich nenn’ ich dich, Zikade!

Daß du auf den höchsten Bäumen,

Von ein wenig Tau begeistert,

Ähnlich einem König singst“,

beklagt sich Virgil über die „gellenden Töne“.

Ebenso wie unser Maikäfer erscheint die Zikade in gewissen

Zeitabständen in besonders großer Menge. In Nordamerika wiederholt sich

der Zikadensegen alle 17 Jahre, eine andere im Süden der Vereinigten

Staaten lebende Art hält eine Zeitfolge von 13 Jahren inne. --

[Sidenote: Totenuhr]

Klopfende Töne, die in gleichmäßigen Abständen wiederholt werden und

an das Ticken einer Uhr erinnern, bringen die Klopfkäfer hervor, indem

sie mit dem Kopf gegen Holz schlagen, um sich gegenseitig von ihrer

Anwesenheit zu verständigen und sich zusammenzufinden. Der Volksglaube

betrachtet das unheimliche Klopfen der versteckt lebenden Käfer als

Vorboten eines Trauerfalles und nennt daher den kleinen Störenfried

„Totenuhr“. Die Larven bohren sich Gänge im trockenen Holz und

verursachen die allbekannte Wurmstichigkeit der Möbel und Hausbalken.

[Sidenote: Kraftleistungen der Insekten]

Die Insekten vermögen zum Teil ganz gewaltige Kraftleistungen zu

vollbringen, wie sie kein anderes Geschöpf auch nur annähernd ausführen

kann. Der Floh ist imstande, mit seinen zu Springwerkzeugen gewordenen

Hinterfüßen 1 ~m~ weite Sprünge auszuführen, das ist etwa das

Tausendfache seiner Körperlänge! Auch besitzt der kleine Schelm eine

geradezu übernatürliche Körperkraft, denn er vermag das Achtzigfache

seines Gewichts zu ziehen.

Die Larven vieler Insekten, die im Holz leben, entwickeln geradezu

fabelhafte Kräfte bei der Herstellung ihrer Gänge.

Der nur wenige Millimeter große Borkenkäfer bohrt sich durch die Rinde

tief in den Stamm der Bäume hinein, um hier seine Eier abzulegen, eine

Arbeit, die eine gewaltige Kraft verlangt.

Die höchste Kraftentfaltung finden wir bei den Holzwespen. Die Weibchen

treiben ihren langen Legestachel tief in einen Baumstamm hinein, um

hier die Eier unterzubringen. Die Larven fressen sich dann später immer

weiter in das Holz, um sich zu verpuppen. Auch die ausgeschlüpften

Holzwespen verbringen geradezu unerhörte Kraftanstrengungen, um aus

dem Innern des Holzes ans Tageslicht zu gelangen. Kiefernholzwespen,

welche im Holz von Kisten, in dem Artilleriemunition aufbewahrt wurde,

zur Entwicklung gelangt waren, versuchten sich einen Weg ins Freie zu

bahnen und fraßen dabei den harten Stahlmantel der Geschosse an.

Die Schnellkäfer (~Elateridae~) vermögen sich, wenn sie auf dem Rücken

liegen, vermittels eines Dornes an der Unterseite der Vorderbrust, der

in eine Grube der Mittelbrust hineinpaßt und wie eine Feder wirkt, in

die Höhe zu schnellen. In der Luft dreht sich der Käfer um, so daß er

mit dem Bauch zur Erde niederfällt und aus seiner hilflosen Rückenlage

befreit wird. Dieser Schnellapparat ist für ihn ein wichtiges Werkzeug,

da er wegen seiner kurzen Füße nicht imstande ist, sich aufzurichten,

wenn er durch Zufall auf den Rücken gefallen ist.

Eine abenteuerliche Gestalt unter den Kerbtieren ist der

Pfeilschwanzkrebs, der in mehreren Arten die Küsten des Atlantischen

und Stillen Ozeans bewohnt. Mit ihrem eigentümlichen Körperbau haben

die Pfeilschwanzkrebse ein wahrhaft vorsintflutliches Aussehen und

sind auch im wahrsten Sinne des Wortes vorweltliche Tiere, denn

nahe Verwandte, die fast dasselbe Aussehen hatten wie die heutigen

Pfeilschwanzkrebse, lebten schon in der paläozoischen Erdperiode. Die

heutigen Vertreter dieser Spinnenkerfe erreichen zwar nicht mehr die

Riesengröße ihrer Vorfahren, die bis 2 ~m~ lang waren, haben aber

immer noch die stattliche Körperlänge von ½ ~m~. Der größte Teil des

gepanzerten Tieres besteht aus dem ovalen Kopfbrustschild, an den

sich der gleichfalls gepanzerte und mit Stacheln bewehrte Hinterleib

anschließt. Der Körper trägt sechs Paare von Gliedmaßen. Das erste Paar

sind kurze, scherenförmige Fühler, die anderen Paare dienen sowohl als

Beine zur Fortbewegung wie als Kauorgane und sind zu diesem Zwecke mit

besonderen Kauwerkzeugen ausgerüstet. Das merkwürdige Tier hat vier

Augen, von denen zwei als kleine Punktaugen in der Mitte und zwei an

den Seiten des Kopfschildes sitzen. Der Hinterleib trägt einen langen,

sehr beweglichen Schwanzstachel. Dieser Schwanz ist ein sehr wichtiges

Werkzeug für das Tier. Fällt der Pfeilschwanzkrebs beim Überklettern

von Steinen auf den Rücken, so stemmt er den Schwanzstachel gegen den

Boden und richtet sich durch die Hebelwirkung wieder auf, denn die

kleinen, kurzen Füße sind nicht imstande, den schwerfälligen Körper

umzuwenden.

[Sidenote: Elektrische Tiere]

Selbst die Kraft der Elektrizität haben die Tiere in ihren Dienst

gestellt. Zitterwels, Zitteraal und Zitterrochen haben elektrische

Batterien in ihrem Körper, mit denen sie starke Schläge austeilen

können. Die elektrischen Organe bestehen aus einer Anzahl

nebeneinanderliegender Platten, die aus umgewandelter Muskelsubstanz

gebildet sind, und einem Gewebe, das zwischen den einzelnen Platten

eingeschaltet ist. Es entspricht der Apparat dem Kupfer und Zink der

Voltaschen Säule. Die elektrische Batterie steht mit dem Nervensystem

in Verbindung, durch das die Entladung ins Werk gesetzt wird. Die

elektrischen Schläge folgen sich sehr schnell. Beim Apparat des

Zitteraals erfolgen 200-300 Entladungen in der Sekunde, die eine Stärke

von 300 Volt haben. Der Fisch kann die Stärke und Zahl der Entladungen

willkürlich bemessen. Die Kraft nimmt jedoch beim Gebrauch erheblich

ab und erreicht erst nach längerer Ruhe wieder die volle Höhe. Der

Zitteraal vermag durch seine sehr kräftigen Schläge große Tiere, sogar

den Menschen zu betäuben.

Die elektrischen Organe dienen dazu, Beutetiere zu betäuben oder zu

töten, und sind zugleich ein vorzügliches Abwehrmittel in Gefahr.

Ihre Lage am Körper ist verschieden. Beim Zitteraal befinden sie sich

unter dem Schwanz, beim Zitterwels umhüllen sie wie ein Mantel fast den

ganzen Leib und beim Zitterrochen liegen sie hinter den Kiemen. Die

einzelne Batterie des Zitteraals besteht aus 6000 Platten. --

Vielen Tieren gab die Natur Vorrichtungen, die ganz besonderen

Zwecken dienen, Apparate und Instrumente, die für die Lebensweise von

entscheidender Bedeutung wurden.

[Sidenote: Eckzähne des Walrosses]

Das Walroß trägt im Oberkiefer zwei gewaltige Eckzähne, die senkrecht

nach unten stehen und über den Unterkiefer weit herausragen. Sie

erreichen beim erwachsenen Tier ein Gewicht von 3 ~kg~ und eine Länge

von ¾ ~m~. Diese Stoßzähne dienen den Bewohnern der Eisregion des

hohen Nordens als Eisbrecher, um sich einen Weg durch das Treibeis

zu bahnen. Ferner benutzen die Walrosse ihre Zähne als Stütze beim

Erklettern der Eisblöcke, und schließlich sind die Zähne beim

Nahrungserwerb von großem Nutzen. Die Nahrung des Walrosses besteht aus

Krebstieren, Mollusken und anderen niederen Lebewesen des Meeres. Mit

den Zähnen wühlt das Walroß den Schlamm an der Küste und im Meeresgrund

auf, um die hier befindlichen Tiere hervorzuholen, die dann mit Hilfe

der starken Schnauzborsten zusammengefegt und eingeschlürft werden. Das

Walroß gehört zu den größten der heute lebenden Säugetiere. Es erreicht

eine Länge von 4,5 ~m~ mit einem Leibesumfang von 3 ~m~ und ein Gewicht

bis zu 1000 ~kg~.

In früherer Zeit dehnte sich das heute ausschließlich auf den höchsten

Norden beschränkte Verbreitungsgebiet nach Süden bis zu den Küsten

Schottlands und Norwegens aus. Auf der Bäreninsel war das Walroß

vor 100 Jahren noch so zahlreich, daß die Fänger auf einem Jagdzuge

manchmal viele Hundert dieser Tiere erbeuteten. Heute kommt das Walroß

hier nicht mehr vor, und auch auf Spitzbergen ist es fast ganz

verschwunden. Menschlicher Unverstand und Habgier haben auch hier

einmal wieder in unverantwortlicher Weise gewütet!

[Sidenote: Stoßzähne des Elefanten]

Im Zauber des Tierlebens · 第 8 / 26 段