Indischen Ozean auf der Fahrt nach Ceylon. Unser Blick streift über
die endlose Wasserfläche. Plötzlich taucht vor uns eine Schar kleiner
Lebewesen aus dem Wasser auf, ihre Leiber glitzern wie Silber in
dem Schein der Tropensonne. Sie schweben eine kurze Strecke über
dem Meeresspiegel dahin, um schnell wieder im Wasser, aus dem sie
raketenartig auftauchten, zu verschwinden. Es waren fliegende Fische.
Diese eigentümlichen Gesellen sind Bewohner der warmen Meere; eine Art,
der Schwalbenfisch (~Exocoetus volitans~), kommt auch im Mittelmeer
vor. Die Flugfische besitzen sehr große, lange und breite Brustflossen,
welche beim Fliegen als Tragflächen wirken. Der Fisch schnellt sich
durch einen kräftigen Schlag mit der Schwanzflosse aus dem Wasser,
spreizt die flügelartigen Brustflossen aus und gleitet in einer Kurve
mit nur geringer Erhebung und kurzem aufsteigendem, aber langem
abfallendem Ast über dem Wasserspiegel dahin. Im Fluge werden die
ausgebreiteten Brustflossen nicht aktiv bewegt. Sie werden nicht als
Flügel, sondern nur als Fallschirm gebraucht. Dagegen stellen sich die
Flossen automatisch nach dem Winde ein, und die kräftigen Brustmuskeln,
welche die Flossen halten, wirken dabei wie die Schnur eines Drachens.
Der Flug der Fische erfolgt nach dem Prinzip des Drachens. Bei
günstigem Aufstieg gegen den Wind können die Fische eine Entfernung bis
zu 200 ~m~ im Gleitflug zurücklegen. Meist ist die Flugbahn nur 20-30
~m~ lang. Kommt beim Aufsteigen aus dem Wasser der Wind von der Seite,
so drehen sich die Flugflossen allmählich gegen den Wind ein, wodurch
eine stärkere Krümmung der Flugbahn hervorgerufen wird. Am Tage erheben
sich die Fische meist nur 1-2 ~m~ über das Wasser, in der Nacht dagegen
führen sie höhere Flüge bis zu 6 ~m~ aus. In der Nacht werden die
Fische häufig durch den Lichtschein der Schiffe angelockt und fallen
dann bei ihrem Fluge auf Deck nieder.
Die Flugfische benutzen ihre Flugfertigkeit, um der Verfolgung der
Raubfische zu entgehen, wie im Übermut und aus Spielerei, was dem
„Springen“ anderer Fische entspricht (Abbildung 8).
[Sidenote: Das Fliegen der Säugetiere]
Auch unter den Säugetieren finden wir Fallschirmflieger. Die einfachste
Form des Fallschirms stellt der zweizeilig behaarte, buschige Schwanz
des Eichhörnchens dar. Im Sprung streckt das Eichhörnchen den Schwanz
nach hinten und sträubt die langen dichten Haare seitwärts, wodurch
eine Tragfläche gebildet wird, die den Sprung des Tiers unterstützt.
Schneidet man einem Eichhörnchen den Schwanz ab, so ist es nicht mehr
imstande, weite Sprünge auszuführen.
Besser ausgerüstet als die gewöhnlichen Eichhörnchen sind die
Flughörnchen, die eine Spannhaut zwischen den Vorder- und Hinterfüßen
haben, welche in der Ruhe zusammengefaltet, beim Sprunge schirmartig
aufgespannt wird. Die Flughörnchen beleben in verschiedenen Gattungen
mit etwa 50 Arten die nördliche Hälfte der Erdkugel von der warmen bis
zur kalten Zone. Sie führen sämtlich ein Nachtleben und halten sich am
Tage in hohlen Bäumen oder anderen Verstecken verborgen.
Die größte Art ist der in Ostindien und auf Ceylon beheimatete Taguan
(~Petaurista oral~), der eine Länge von 120 ~cm~ erreicht, wovon etwa
die Hälfte auf den sehr langen Schwanz kommt. Das Tier ist auf der
Oberseite schwarzgrau, unten weißgrau gefärbt. Die mit sehr kurzen
Haaren bedeckte Flughaut ist rötlich schwarzbraun. Der Taguan ist
imstande, vermittels seiner Flughaut 60 ~m~ weite Sprünge auszuführen
und kann mit Hilfe des als Steuer wirkenden Schwanzes noch in der Luft
die Richtung verändern.
Der Zwerg unter den Flughörnchen lebt in Arrakan und Kotschinchina und
hat eine Leibeslänge von nur 12 ~cm~.
Der kaum größere Assapan (~Glaucomys volans~) Nordamerikas zeichnet
sich durch große Beweglichkeit und Gewandtheit aus. Mit unglaublicher
Schnelligkeit tollt er in den Zweigen umher, führt weite Sprünge
aus, hängt sich schwebend an einen Ast, um im nächsten Augenblick
fortzuhuschen. Man vermag den zierlichen, behenden Bewegungen des
Tieres und dem schnellen Wechsel seiner Stellungen kaum mit dem Auge
zu folgen. Aus großer Höhe springt der Assapan im Schwebeflug herab,
um noch im letzten Augenblick vor dem Aufprall auf der Erde durch
eine jähe Wendung einen Baumstamm oder Ast zu ergreifen und hurtig an
ihm emporzurutschen. Das zierliche, gelbbraun gefärbte Tier ist ein
wütender Räuber, der neben Pflanzenkost sehr die Fleischnahrung liebt,
kleine Vögel, sogar Säugetiere überfällt und erwürgt.
Flughörnchen gelangen öfters in den Tierhandel. Sie sind sehr anmutige
und fesselnde Zimmergenossen, die meist schnell zahm werden.
Nicht nur bei den Eichhörnchen, sondern auch in anderen Klassen der
Säugetiere finden wir Fallschirmflieger. Hierzu gehört der etwa
katzengroße Kaguang (~Galeopithecus volans~), der die Sundainseln,
einige benachbarte kleinere Inseln und die Malaiische Halbinsel
bewohnt. Das sonderbare Tier, das in Gebirgswäldern haust, besitzt
ebenso wie die Flughörnchen eine Flughaut zwischen den vorderen und
hinteren Gliedmaßen. Seine systematische Einreihung hat den Forschern
viel Kopfzerbrechen verursacht, da es sowohl Merkmale der Halbaffen wie
der Fledermäuse, der Raubtiere, der Beuteltiere und der Insektenfresser
zeigt. Die neuere Systematik gliedert die Pelzflatterer, denen der
Kaguang angehört, den Insektenfressern ein.
Unter den Beuteltieren hat der Eichhörnchen-Flugbeutler (~Petaurus
sciureus~) die Kunst des Fallschirmfliegens erworben (Abbildung 5).
Eine höhere Stufe in der Technik des Fliegens als die Fallschirmflieger
haben die Fledermäuse erreicht. Hier erhebt sich der Flug aus dem
passiven Gleitflug der Fallschirmflieger zum aktiven Gebrauch der
Flugwerkzeuge. Die Fledermäuse und ihre Verwandten bilden die besondere
Ordnung der Flattertiere (~Chiroptera~), deren Hände zu Flugwerkzeugen
geworden sind. Armknochen und Finger sind sehr lang. Die drei innersten
Finger übertreffen an Länge sogar den sehr langen Unterarm. Durch diese
Verlängerung der vorderen Gliedmaßen kann die faltenreiche Flughaut,
die von den Hinterfüßen längs des Leibes bis zu den Händen reicht
und auch die Finger ganz überzieht, weit ausgespannt werden. Die
Flugeinrichtung ist also in der Hauptsache auf die vorderen Gliedmaßen
verlegt, was bereits an die Vögel erinnert, bei denen die Arme zu
Flügeln geworden sind.
Auch der übrige Bau des Körpers ist bei den Flattertieren in
ähnlicher Weise wie bei den Vögeln dem Flugwesen angepaßt. Um die
Atmung beim Fliegen zu erleichtern, ist der Brustkorb sehr geräumig,
da die Wirbelsäule nach hinten gekrümmt ist, und das Brustbein sich
unten von der Wirbelsäule nach außen entfernt. Ebenso wie bei den
Kielbrustvögeln befindet sich auf der Mitte des Brustbeins ein Kiel,
der die Ansatzfläche für die Brustmuskulatur, die die Arme beim Fliegen
bewegt, vergrößert. Die Rippen sind zum großen Teil mit dem Brustbein
und den Wirbeln, teilweise auch untereinander fest verschmolzen, so daß
der Körper die zum Fluge notwendige Starrheit besitzt. Auch eine große
Anzahl der Lendenwirbel ist mit dem Becken verwachsen.
Die Flughaut ist sehr kompliziert gebaut und besitzt ein filzartiges,
sehr elastisches Gewebe, das reichlich mit Blutgefäßen durchsetzt
ist und einen lebhaften Stoffwechsel unterhält. Ferner ist sie mit
Sinneshaaren ausgestattet, die ein feines Tastempfinden ermöglichen.
Die Flugbewegung ist ein Flattern, d. h. die Flügel müssen
ununterbrochen bewegt werden, um den Körper in der Luft zu halten. Ein
Schweben, wie es die Vögel tun, kann die Fledermaus nicht ausführen.
Trotzdem ist der Flug sehr gewandt, schnell und rascher Wendungen
fähig. Ebenso wie bei den Vögeln hängt die Gewandtheit des Fliegens von
der Bildung der Flügel ab. Fledermäuse mit langen, schmalen Flugflächen
fliegen viel gewandter und schneller als solche mit kurzen und breiten
Flughäuten. Vom Boden können die Fledermäuse nur unbeholfen und schwer
auffliegen. Sie rutschen mit ausgebreiteten Flughäuten vorwärts, heben
den Körper hoch und versuchen in die Höhe zu springen, bis es ihnen
glückt, im Sprung die Flugwerkzeuge zu entfalten und sich in die Luft
zu erheben. Infolge der Unbeholfenheit auf dem Erdboden ruhen alle
Flattertiere stets in hängender Stellung. Im Absturz ist es ihnen ein
leichtes, die Flughäute zu entspannen und den Flug aufzunehmen.
Die Nahrung der Flattertiere besteht in Früchten und Insekten. Einige
Arten, die amerikanischen Blattnasen, saugen auch größeren Tieren das
Blut aus. Für die Viehherden bilden diese blutsaugenden Fledermäuse
eine große Plage. Der im Volksmunde als Blutsauger verschriene Vampir
Brasiliens ist aber völlig zu Unrecht in diesen Verdacht gekommen. Er
macht in dieser Beziehung gerade eine rühmliche Ausnahme unter seinen
Verwandten, lebt nur von Insekten und Früchten und saugt niemals Blut.
[Sidenote: Das Fliegen der Insekten]
Völlig verschieden vom Fallschirmflug und Flatterflug ist das Fliegen
der Insekten, das eine ganz besondere Technik darstellt.
Die Insekten, auch Sechsfüßler genannt, bilden einen besonderen Kreis
unter den Gliedertieren, die sich durch einen in mehrfache Abschnitte
(~Segmente~) gegliederten Körper und durch ebenfalls gegliederte Füße
auszeichnen. Die Festigkeit des Körpers wird durch die Chitinhülle
gegeben, die das fehlende innere Skelett ersetzt.
Die Insekten sind die einzigen wirbellosen Tiere, die fliegen können.
Freilich besitzen nicht alle Vertreter dieser Klasse die Flugfähigkeit;
viele Arten sind unflugfähig, bei anderen sind entweder nur die
Männchen oder nur die Weibchen im Besitz der Flugkunst.
Mit Ausnahme der Mücken und Fliegen, die nur zwei Flügel besitzen,
haben alle flugfähigen Insekten vier Flügel. Je ein Flügelpaar befindet
sich an der Mittel- und Hinterbrust. Bei den Käfern ist das vordere
Flügelpaar zu harten Flügeldecken geworden.
Die Technik des Insektenflugs beruht auf dem Prinzip des Hubflugs,
d. h. die Arbeit der Flügel muß zunächst den Körper in der Luft halten,
und nur die überschüssige Kraft, die hierfür nicht verbraucht wird,
dient zur Fortbewegung. Das Heben des Körpers ist also die primäre
und die Fortbewegung die sekundäre Erscheinung. Da der Hubflug aus
einem beständigen Steigen und Fallen besteht, so ist der Fall um
so größer, je langsamer die Flügelschläge aufeinander folgen. Je
schneller also die Flügel arbeiten, um so günstiger gestaltet sich
der Hubflug. Infolgedessen ist bei vielen Insekten die Anzahl der
Flügelschläge ungeheuer groß. Der Hubflug wird dadurch zum Schwirrflug.
Die Stubenfliege macht im Fluge in der Sekunde 190 Flügelschläge, die
Honigbiene 200 und die Hummel sogar 240. Da im Fluge die meiste Kraft
zur Erhaltung des Körpers in der Luft verbraucht wird, so ist die
Fluggeschwindigkeit der Insekten nicht allzu groß. Sie beträgt bei der
Stubenfliege 2,20 ~m~ in der Sekunde und bei der Biene 3,75 ~m~. Die
Geschwindigkeit des Insektenflugs ist also im Vergleich zum Vogelflug
sehr gering, denn die Brieftaube durchfliegt in der Sekunde ~ca.~
19 ~m~. Im Gegensatz zum Insektenflug beruht der Vogelflug auf dem
Prinzip des Drachenflugs, bei dem die Triebkraft in erster Linie der
Vorwärtsbewegung zugute kommt.
Bei den mit vier Flügeln ausgerüsteten Insekten leisten Vorder-
und Hinterflügel ungefähr dieselbe Arbeit mit derselben Anzahl der
Flügelschläge. Eine Ausnahme machen jedoch die Käfer mit ihren zu
harten Schutzdecken umgebildeten Vorderflügeln. Die frühere Ansicht,
daß ihre Vorderflügel am Fliegen nicht aktiv beteiligt sind, ist durch
neuere Beobachtung widerlegt worden. Sie bewegen sich von oben nach
unten, ohne jedoch die Horizontallinie zu erreichen, und ihre Schläge
sind langsamer als die der Hinterflügel, die die Hauptarbeit des
Fliegens verrichten. Der Maikäfer ist nicht imstande, ohne weiteres
aufzufliegen, sondern er muß erst eine mühsame Vorbereitung treffen.
Er „zählt“, wie der Volksmund sagt, d. h. er bewegt in gleichmäßigem
Takt Leib und Fühler auf- und abwärts. Hierdurch wird durch die an den
Seiten des Leibes liegenden Atemöffnungen ein Luftvorrat in besondere
Luftsäcke eingepumpt. Dieser Luftvorrat befähigt erst den Maikäfer,
sich in die Luft zu erheben.
Die Schmetterlinge mit ihren großen und breiten Flügeln sind imstande,
außer dem Hubflug auch einen Segel- und Gleitflug auszuführen. Ihre
Flugtechnik nähert sich daher der Flugkunst der Vögel.
Libellen und Fliegen können im Fluge sehr schnelle und scharfe
Wendungen und Drehungen ausführen, weil der Schwerpunkt ihres Körpers
in der Drehachse zwischen den Flügeln liegt.
Wenn ein größeres Insekt, wie eine Libelle oder ein Schmetterling, im
Zimmer unterhalb der Decke dahinfliegt, so stößt es fortgesetzt an
der Decke an. Die Ursache liegt nicht an einer Ungeschicklichkeit des
Fliegens, sondern hat ihre physikalischen Gründe. Über dem fliegenden
Insekt entsteht ein luftleerer Raum, der sich um so weniger schnell mit
Luft füllen kann, je näher das Tier der Decke ist. Hierdurch wird der
luftleere Raum verstärkt und das Tier nach oben gezogen, wodurch der
Anprall an der Zimmerdecke erfolgt.
[Sidenote: Das Fliegen der Vögel]
Die höchste Vollkommenheit hat das Flugwesen bei den Vögeln erreicht,
die die Beherrscher der Luft geworden sind. Das Fliegen der Vögel ist
bald ein Dahinstürmen durch die Luft, wobei die Flügel ruderartig
bewegt werden, bald ein Gleiten oder ein Schweben und Kreisen, wobei
der Vogel ohne Flügelschlag die Luft durchschneidet, in prachtvollen
Schwenkungen sich hebend und senkend. Der Flug der Kolibris ist ein
Schwirren. Mit unglaublich schnellen Flügelschlägen, die man mit dem
Auge nicht mehr wahrnehmen kann, rüttelt der Kolibri vor der Blüte
und taucht dabei seinen langen Schnabel in den Blumenkelch, um Nektar
zu schlürfen und kleinste, im Innern der Blüte verborgene Insekten
hervorzuholen. Der Turmfalke steht mit hastigen Flügelschlägen in der
Luft, nach Insekten oder Mäusen ausspähend. Eine solche Flugkunst
erfordert eine besondere Organisation sowohl des Körpers wie der
Flugwerkzeuge.
Ein gewandter Flug verlangt vor allem eine gewisse Starrheit
des Rumpfes. Dieser muß wie ein stählernes Luftschiff die Luft
durchschneiden. Jede Biegsamkeit und Weichheit würde für die Erhaltung
des Gleichgewichts hinderlich sein. Infolgedessen bildet das Skelett
des Vogels eine geschlossene Einheit. Die Wirbelsäule ist unbeweglich,
mit dem Becken fest verschmolzen und bildet mit den Rippen und dem
sehr großen Brustbein ein geschlossenes Ganzes. Die Festigkeit des
Brustkorbes wird bei vielen Vögeln noch durch besondere Hakenfortsätze
der Rippen, welche diese gegenseitig stützen, erhöht. Von dem kurzen
Schwanzskelett sind die ersten Wirbel mit dem Becken verwachsen und
die letzten Wirbel zu einem einheitlichen Knochen, dem Steißknochen,
verschmolzen, so daß nur die mittleren 5-7 Wirbel frei und beweglich
sind, um dem Schwanz Bewegungsfreiheit zu geben.
Der Schultergürtel stellt die Verbindung der Flügel mit dem Rumpf
her. Die säbelförmigen Schulterblätter laufen dem Rückgrat parallel
und erstrecken sich bisweilen fast bis zum Becken. Am vorderen Ende
der Schulterblätter befinden sich die Rabenschnabelbeine. Sie führen
senkrecht nach unten zum Brustbein und sind fest mit diesem verankert.
Sie verleihen den Schultern und den auf ihnen ruhenden Flügeln eine
feste Stütze. Die Schlüsselbeine sind zum einheitlichen Gabelbein
verwachsen. Also überall im Körperbau das Prinzip der Festigkeit und
geschlossenen Einheit, wie es für den Flug erforderlich ist.
Das große und breite Brustbein trägt in der Mitte eine kammartige
Erhöhung, den Kiel, der die Ansatzfläche für die Brustmuskeln,
welche die Flügel bewegen, vergrößert. Dieser Kiel ist das typische
Wahrzeichen für die Flugfähigkeit des Vogels. Er fehlt nur den
Straußen, Nandus, Emus, Kasuaren und Kiwis, welche nicht fliegen
können. Man nennt daher diese Vögel „Flachbrustvögel“ (~Ratitae~) im
Gegensatz zu den „Kielbrustvögeln“ (~Carinatae~).
Arme und Hände haben ihre ursprüngliche Bedeutung völlig verloren
und sind ganz dem Flugwesen angepaßt. Unterarm und Hand sind die
Träger der Schwungfedern, die dementsprechend als „Handschwingen“ und
„Armschwingen“ unterschieden werden. Da die Hand ihre Bedeutung als
Greiforgan eingebüßt hat, so ist die Zahl der Finger und Handknochen
erheblich reduziert. Es sind nur 2 Mittelhandknochen und nur 3
Finger vorhanden, von denen 2 verwachsen sind und der äußere dritte,
der als Daumen anzusehen ist, ein besonderes kleines Flügelchen,
wissenschaftlich „Alula“ genannt, trägt, dessen Bedeutung wir später
noch kennenlernen werden. Kasuare und Kiwis haben sogar nur einen
Finger an ihrer ganz verkümmerten Hand.
Die Bewegung der Armknochen ist beschränkt und nur so weit gestattet,
als es für den Flug notwendig ist. Hierdurch wird jede unnütze
Bewegung, die den Flug beeinträchtigen würde, ausgeschaltet. Hand und
Unterarm können nämlich nur horizontal in der Ebene des ausgespannten
Flügels bewegt werden, aber in keiner anderen Richtung. Sie gestatten
also nur die Bewegung, die zum Öffnen und Schließen der Flügel
notwendig ist. Sie werden wie ein Taschenmesser auf- und zugeklappt.
Der geöffnete Flügel bildet also eine einheitliche feste Tragfläche,
die beim Fliegen schraubenartig im Schultergelenk bewegt wird.
[Sidenote: Die Technik des Fliegens]
Der Flug der Vögel erfolgt in verschiedener Weise. Werden die Flügel
gleichmäßig auf und nieder bewegt, so spricht man vom „Ruderflug“. Die
Flügel wirken in der Luft wie die Ruder eines Bootes im Wasser. Der
Ruderflug, den alle Vögel ausführen, ist die typische Flugbewegung.
Erfolgt sie sehr schnell mit schnurrenden Flügelschlägen, so wird der
Ruderflug zum „Schwirrflug“, wie ihn in höchster Vollkommenheit die
Kolibris ausüben. Im Gegensatz zum Schwirrflug steht der Flatterflug,
der mit hastigen, unbeholfenen Flügelschlägen vor sich geht, wie wir
ihn bei den Hühnervögeln finden.
Beim „Gleitflug“ senkt sich der Vogel in schräger Linie aus der Höhe
herab mit völlig unbeweglichen Flügeln. Der Motor wird also abgestellt,
und die noch im Körper aufgespeicherte Kraft der Vorwärtsbewegung wird
dabei ausgenutzt. Die ausgespannten Flügel wirken dann als Fallschirm.
Eine besondere Eigentümlichkeit des Vogelflugs ist der„Segelflug“, der
den Forschern viel Kopfzerbrechen verursacht hat. Der segelnde Vogel
schwebt ohne sichtbaren Flügelschlag durch das Luftmeer, senkt sich,
steigt höher, führt gewandte Schwenkungen aus, zieht Kreise oder bewegt
sich in Schraubenlinien auf- und abwärts -- eine vollendete Technik des
Fliegens! Besonders die Möwen sind wahre Künstler im Segelflug. Ihnen
fast gleich tun es die größeren Raubvögel. Wohl jeder hat schon das
Kreisen des Bussards hoch in der Luft bewundert.
Wie ist dieser Flug ohne Flügelschlag möglich? Zu seiner Erklärung
hat man die verschiedensten Theorien aufgestellt. So glaubte man, daß
aufsteigende Luftströmungen den Vogel in der Luft tragen und heben,
so daß die Triebkraft der Flügelbewegung unnötig wird und die Flügel
nur als Segel und Fallschirm wirken. Diese Annahme ist jedoch nicht
zutreffend, denn die Vögel schweben auch an solchen Orten, wo keine
aufsteigenden Luftströme vorhanden sind, z. B. die Möwen über dem
Meeresspiegel, die Raubvögel und Störche über dem flachen Lande. Andere
Forscher meinten daher, daß der Segelflug mit Hilfe feiner, zitternder
Bewegungen der Flügel ausgeführt werde, die in größerer Entfernung
nicht mehr wahrnehmbar sind. Solche geringen Flügelbewegungen können
aber unmöglich ausreichen, um den Vogelkörper in der Luft zu tragen
und ihn sogar zu so ungewöhnlichen Flugkünsten zu befähigen. Nach
einer anderen Auffassung soll die aus der Kreisbewegung sich ergebende
Zentrifugalkraft die Energie zur Überwindung der Schwerkraft liefern.
Hiergegen läßt sich einwenden, daß der Segelflug keineswegs von einer
Kreisbewegung abhängt, da er auch geradlinig erfolgt.
Alle diese Erklärungen sind nur reine Theorien, die einer
gewissenhaften Kritik nicht standhalten können.
Der durch seine ersten Flugversuche berühmte Techniker +Otto
Lilienthal+ schreibt in seinem Werke „Der Vogelflug als Grundlage
der Fliegekunst“: „Fragen wir uns, worauf wir die Möglichkeit des
Segelns zurückzuführen haben, so müssen wir in erster Linie die
geeignete Flügelform dafür ansehen; denn nur solche Flügel, deren
Querschnitte senkrecht zu ihrer Längsachse die geeignete Wölbung
zeigen, erhalten eine günstige Luftwiderstandsrichtung, daß keine
größere Geschwindigkeit verzehrende Kraftkomponente sich einstellt.
Aber es muß noch ein anderer Faktor hinzutreten; denn ganz reichen
die Eigenschaften der Fläche allein nicht aus, um dauerndes Segeln
zu gestatten. Es muß ein Wind von einer wenigstens mittleren
Geschwindigkeit wehen, welcher dann durch seine aufsteigende Richtung
die Luftwiderstandsrichtung so umgestaltet, daß der Vogel zum Drachen
wird, der nicht nur keine Schnur gebraucht, sondern sich sogar frei
gegen den Wind bewegt.“
+Gustav Lilienthal+, der Bruder des verstorbenen Aviatikers, hat
die Untersuchungen über die Biotechnik des Fliegens fortgesetzt und
nachgewiesen, daß außer einer geeigneten Wölbung des Flügels vor allem
die Dicke der Flügelknochen für den Segelflug in Betracht kommt. Nach
+Lilienthal+ ist der Auftrieb einer gewölbten Fläche um so größer, wenn
die vordere Kante verdickt ist, wie es beim Vogelflügel der Fall ist.
Alle Vögel, die segeln, haben besonders starke Armknochen. Während
z. B. der Unterarm des Fasans, der nicht segeln kann, nur ¹⁄₃₀ so dick
ist als die Flügelbreite, beträgt die Armstärke beim Albatros, der ein
vortrefflicher Segler ist, den achten Teil der Flügelbreite. Außerdem
spielt auch die Länge der Flügel für das Segeln eine große Rolle.
Nach +Lilienthal+ können nur Vögel mit stark gewölbten und verdickten
Flügeln den Segelflug ausüben, und zwar nur im möglichst gleichmäßigen
Winde, also über dem Lande nur in größeren Höhen, über dem Wasser auch
in geringerer Tiefe. Der segelnde Vogel wird also vom Winde getragen
und getrieben.
Im Gegensatz zu +Lilienthals+ Erklärung steht die Anschauung
+Ahlborns+, der meint, daß nicht ein gleichmäßiger Wind, sondern
gerade die Windschwankungen die Kraftquelle für den Segelflug geben,
indem sie dieselbe Wirkung ausüben wie die aktiven Flügelschläge. Die
positiven Windstöße wirken wie die Tiefschläge der Flügel, die Flauten
wie die Hochschläge. Die eigentlichen Triebfedern beim Segelflug sind
die gespreizten äußeren Handschwingen, die sich automatisch in die
Vortriebstellung einrichten.
Der Segelflug, den nur gewisse Vögel ausüben können, bedarf jedenfalls
noch einer weiteren gründlichen Erforschung, denn die Widersprüche über
seine Entstehung und die Art seines Wesens sind noch zu groß, um ein
klares Urteil zu gestatten.
Eine andere Flugart ist das „Rütteln“, wobei der Vogel mit schnellen
Flügelschlägen an derselben Stelle in der Luft stehenbleibt. Man sieht
es hauptsächlich vom Turmfalken, der infolgedessen auch Rüttelfalk
genannt wird. Ebenso wie der Segelflug bedarf auch der Rüttelflug, der
nur wenigen Vögeln eigen ist, noch der Aufklärung.
Die Alula oder der Afterflügel des Daumens scheint zum Bremsen der
Fluggeschwindigkeit und zum Steuern zu dienen. Vor dem Landen wird der
entfaltete Afterflügel abgespreizt und aus der Flügelfläche heraus
schräg nach oben gestellt. Hierdurch wird der Körper um seine Querachse
nach oben gedreht, und der Vogel kommt in eine aufrechte Haltung, wie
sie zum Sitzen erforderlich ist. Ein ungleichmäßiges Aufrichten beider
Afterflügel dient wahrscheinlich zur Quersteuerung.
Die seitliche Steuerung während des Fluges wird mit den Flügeln
ausgeführt. Durch Verminderung des Flügelschlages und Anziehen eines
Flügels wird der Körper seitwärts beigedreht.
Der Schwanz kommt anscheinend als Steuer nur wenig in Betracht.
Der ausgebreitete Schwanz wirkt als Tragfläche, die einen Auftrieb
verursacht und die Herstellung des Gleichgewichts erleichtert.
Infolgedessen wird beim abwärts gerichteten Fluge der Schwanz nach oben
gestellt, um seine hebende Wirkung auszuschalten.
Die Beine werden beim Fliegen auf längere Strecken nach hinten unter
den Schwanz gelegt. Den Hals strecken wohl die meisten Vögel beim
Fliegen nach vorn, einige, wie z. B. die Reiher, ziehen ihren langen
Hals ein.
Das Auffliegen erfolgt stets gegen den Wind, und zwar meist in schräger
Linie. Kleine Vögel, wie z. B. die Lerchen, steigen auch senkrecht in
die Höhe, was man als „Kletterflug“ bezeichnet.
[Sidenote: Fluggeschwindigkeit und Flugdauer der Vögel]
Die Fluggeschwindigkeit der Vögel ist früher sehr überschätzt
worden. Die größte Fluggeschwindigkeit entfalten die tropischen
Stachelschwanzsegler (~Chaetura~) und der Fregattvogel mit einer
Eigengeschwindigkeit von etwa 40-44 ~m/sec.~ Die Geschwindigkeit der
Brieftaube beträgt etwa 19-20 ~m/sec.~, also ungefähr 70 ~km~ in der
Stunde, was nahezu der Schnelligkeit eines Eilzuges gleichkommt.