Bei den Amphibien findet ähnlich wie bei den Insekten eine Metamorphose

statt. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die im Wasser leben und

sich erst allmählich zum fertigen Tier umwandeln, indem die Kiemen

einschrumpfen, Lungenatmung eintritt und gleichzeitig die äußeren

Gliedmaßen am Körper herauswachsen. Auf diese Weise entsteht aus der

Kaulquappe der Frosch.

Einige Frösche zeichnen sich durch eine absonderliche Brutpflege aus.

Bei dem in Chile lebenden Nasenfrosch (~Rhinoderma darwini~) bildet

die Brust- und Bauchhaut einen weiten Sack, der mit der Mundhöhle in

Verbindung steht. In diese Bruttasche steckt das Männchen die vom

Weibchen in seiner Gegenwart abgelegten und von ihm befruchteten Eier.

Der Frosch lebt monogam, und das Weibchen legt die Eier einzeln oder

paarweise innerhalb mehrerer Tage. Auch die Kaulquappen machen die

ganze Metamorphose in dem Kehlsack des Vaters durch und werden erst als

wohlentwickelte Frösche gewissermaßen aus dem Maule des Vaters geboren.

Der Nasenfrosch führt seinen Namen nach dem langen, spitzen Fortsatz

seines Maules, der wie eine spitze Nase aussieht. Der sehr kleine, nur

3 cm lange Frosch ist grün, gelb oder auch rotbraun gefärbt mit dunkler

Linienzeichnung auf der Oberseite.

Das Männchen der Geburtshelferkröte (~Alytes obstetricans~) wickelt

sich den Laich des Weibchens, der in langen Schnüren abgelegt wird,

um die Schenkel der Hinterfüße und schleppt die Last mit sich umher,

bis die Eier gereift sind. Dann begibt es sich ins Wasser, wo die

Krötenlarven auskriechen, um hier ihre 2-3 Jahre währende Umwandlung

durchzumachen.

Die amerikanische Wabenkröte oder Pipa (~Pipa americana~) besitzt im

weiblichen Geschlecht auf dem Rücken eine große Anzahl wabenähnlicher

Bruttaschen. Bei der Paarung umfaßt das Männchen, wie es bei den

Fröschen üblich ist, den Bauch des Weibchens mit den Vorderfüßen. Das

Weibchen stülpt seine Kloake weit nach oben heraus; die Eier werden

durch den Druck des Männchens herausgepreßt und von dem ausfließenden

Sperma befruchtet. Durch den Druck des Männchens werden die Eier

über den Rücken des Weibchens gleichmäßig verteilt, so daß in jede

Bruttasche ein Ei eingebettet wird. Die aus den Eiern schlüpfenden

Larven bleiben in den Bruttaschen der Mutter, bis sich die Umwandlung

zur fertigen Kröte vollzogen hat.

Ein brasilianischer Laubfrosch (~Phyllomedusa hypochondrialis~) legt

seine Eier auf Blättern, die über dem Wasser hängen, ab und klebt dabei

mit der Gallerte des Laiches das Blatt zu einer Tüte zusammen, in der

die Eier auskommen. Der Schaum, der die Eier umgibt, wird flüssig, und

in dieser in der Blattfalte stehenden Flüssigkeit fristen die Larven

die erste Zeit ihres Lebens. Allmählich löst sich die Tüte auf, und die

Jungen fallen ins Wasser, wo sie ihre Entwicklung vollenden.

Ein anderer Frosch, ~Arthroleptis seychellensis~, der, wie der Name

sagt, auf den Seychellen vorkommt, brütet seine Eier in feuchtem Laub

aus. Die Larven heften sich mit dem Bauch auf dem Rücken des alten

Frosches fest, werden durch dessen Haut ernährt und machen hier ihre

Umwandlung durch. --

[Sidenote: Reptilien]

Im Gegensatz zu den Lurchen entschlüpfen die Reptilien im fertig

ausgebildeten Zustande dem Ei. Eine Brutpflege tritt nur bei einigen

Krokodilen auf, die die Eier bewachen und die Jungen ins Wasser führen,

sowie bei einigen Riesenschlangen, welche ihre Eier ausbrüten. Sonst

kümmern sich gerade die Reptilien am wenigsten um ihre Nachkommenschaft.

Die Nilkrokodile vergraben ihre Eier in den Sand in der Nähe des

Wassers. Die amerikanischen Arten dagegen errichten regelrechte

Brutöfen aus feuchtem Laub und Pflanzenteilen, die sie zu einem Haufen

zusammenschichten, in dem die Eier geborgen werden. Das vermodernde

Laub erzeugt hohe Wärme, die die Eier zeitigt.

[Sidenote: Brutöfen der Wallnister]

Dieser künstliche Brutofen der Krokodile führt uns zu den Vögeln, unter

denen die zu den Hühnervögeln gehörenden australischen Wallnister

ebenso verfahren. Auch diese stellen aus Laub und Erde einen großen

Haufen her, in dem sie die Eier unterbringen. Sie brüten nicht selbst,

sondern die Eier kommen in diesem Brutofen durch die hier sich bildende

hohe Temperatur zur Entwicklung. Die jungen Wallnister verlassen in

einem sehr entwickelten Zustande das Ei. Sie sind die einzigen Vögel,

die mit einem fertigen Federkleid zur Welt kommen und schon im Alter

von wenigen Tagen flugfähig sind. Sie müssen sich vom ersten Tage ihres

Lebens an allein durch die Welt schlagen, da ihre Eltern sich nicht um

sie kümmern. Eine Ausnahme machen nur die Taubenwallnister, bei denen

eine kurze Brutpflege stattfindet. Das Männchen bewacht die Brutstätte

und deckt sogar bei anhaltend trockner Witterung eine neue Laubschicht

darauf, um die zur Gärung notwendige Feuchtigkeit darin zu erhalten. In

der ersten Zeit bringt es auch die Jungen abends wieder in dem Brutofen

unter zum Schutz gegen die Kälte der Nacht. Doch schon nach wenigen

Tagen überläßt der Vater seine Kinder ihrem eigenen Schicksal.

Die Nistweise der Wallnister ist offenbar die ursprüngliche Art der

Fortpflanzung der Vögel, aus der sich erst im Laufe der Zeit Nestbau

und Brutgeschäft entwickelt haben. So treten hier innige Beziehungen

zwischen den Vögeln und den Reptilien hervor, die beide auch in bezug

auf den Bau ihres Körpers manche Gleichheiten und Ähnlichkeiten

zeigen, die darauf hinweisen, daß die Vögel sich aus den Reptilien

entwickelt haben. Die Richtigkeit dieser Annahme bestätigt der Urvogel

Archäopteryx aus der Kreidezeit, der, wie wir gesehen haben, den

Übergang vom Reptil zum Vogel bildet.

Bei den Vögeln bieten Liebesleben und Fortpflanzung so viel

Interessantes, daß es unmöglich ist, all die vielseitigen Erscheinungen

erschöpfend zu schildern. Das Liebeswerben der Männchen erfolgt in

verschiedenster Art. Die Singvögel lassen in der Brunst ihre Stimme

zur vollsten Entfaltung gelangen. Der Schlag der Nachtigall in lauer

Maiennacht mit den tiefen, so zu Herzen dringenden Flötentönen

ist ihr Liebeslied. Andere Vögel, wie die Raubvögel, machen ihrem

Weibchen durch prachtvolle Flugspiele den Hof, wieder andere führen

liebestrunkene Tänze aus, wie es der Birkhahn tut, der sich mit

gefächertem Spiel im Kreis herumdreht und hohe Luftsprünge macht,

um sich den liebesbedürftigen Hennen bemerkbar zu machen. Die

Paradiesvögel entfalten in der Balz ihre prachtvollen, buntfarbigen

Schmuckfedern zu einem wallenden Schleier. Der verliebte Pfau schlägt

mit seinen verlängerten, farbenprächtigen Rückenfedern ein Rad.

Bei den Vögeln sind die Männchen vor den Weibchen besonders von der

Natur ausgezeichnet worden. Sie allein besitzen ein buntfarbiges

Hochzeitskleid, während das weibliche Geschlecht mit wenigen Ausnahmen

ein unscheinbares Gewand trägt, das das Tier beim Brutgeschäft und bei

der Führung der Kinderschar vor den Nachstellungen der Feinde schützt.

[Sidenote: Perverses Liebesleben der Laufhühnchen]

Eine Ausnahme machen die in Südeuropa und Asien heimischen

Laufhühnchen, kleine etwa stargroße Hühner. Bei ihnen ist das Männchen

schlicht erdfarben gezeichnet, während das Weibchen mit einem

buntfarbigen Brustschild geschmückt ist. Mit diesem eigentümlichen

Geschlechtsdimorphismus steht auch das Liebesleben, das geradezu

pervers verläuft, im Einklang. Nicht die Männchen, sondern die

buntfarbigen Weibchen balzen und fordern ihre unscheinbar gekleideten

Liebhaber zur Paarung auf. Nicht das Weibchen, sondern das Männchen

baut das Nest und brütet die vom Weibchen hineingelegten Eier aus, das

sich um seine Nachkommenschaft überhaupt nicht kümmert. Unter Führung

des Vaters wachsen die Jungen heran. Bei den Laufhühnchen sind also die

Rollen im Fortpflanzungsgeschäft vertauscht. Die Männchen übernehmen

alle Pflichten der Weibchen, die sich völlig emanzipiert haben und die

Rolle des männlichen Geschlechts spielen. --

[Sidenote: Winterbrut des Kreuzschnabels]

Ein sonderbarer Gesell in Sachen der Liebe ist auch unser

Kreuzschnabel, eine der charakteristischsten Erscheinungen unserer

Nadelwälder. Dieser Zigeunervogel, der keine feste Wohnstätte kennt,

sondern im Lande umherschweift, tritt bald hier, bald da in kleineren

oder größeren Trupps auf. So unstet wie sein Leben, sind auch seine

Liebesgelüste. Während alle anderen Vögel bei uns im Frühjahr und

Sommer zur Fortpflanzung schreiten, hält er sich an keine bestimmte

Jahreszeit. Er brütet ebensogut wie im Sommer auch im Herbst und

Winter. Tragen die Nadelhölzer reiche Zapfen, dann erwacht in dem

bunten Schelm die Sehnsucht der Liebe. Vom schneebedeckten Tannenzweig

singt er fröhlich sein bescheidenes Lied der Liebsten ins Herz, baut

sein Nest in rauhreifumsponnenen Zweigen und brütet in der Winterkälte

sein Gelege aus. Während alle anderen Vögel in Schnee und Eis darben,

zieht er sorglos seine Kinderschar auf, denn der reiche Samen der

Nadelhölzer deckt ihm den Tisch.

Eine besondere Eigentümlichkeit des Kreuzschnabels ist der

Farbenwechsel seines Gefieders. Nach dem Ablegen des grauen, dunkel

gefleckten Jugendkleides erhält das Männchen zunächst ein gelbes oder

auch grünes Gefieder, das im zweiten Jahre mit einem roten Federkleid

vertauscht wird und im Alter an Schönheit und Reinheit der Farbe immer

mehr zunimmt.

[Sidenote: Herbstbrunft des Rothirsches]

Die Zeit der Liebe ist in der Tierwelt keineswegs immer an den

Wonnemonat Mai oder den Sommer gebunden. Im Herbst, wenn die Natur

abstirbt, der Laubwald sich gelb und rot färbt, dann erwacht im König

unserer Wälder, dem edlen Hirsch, die Macht der Liebe. Mit orgelndem

Schrei durchzieht der Brunfthirsch den Wald und treibt sich sein Rudel

Wild zusammen, um ein Haremsleben zu führen. Aber nicht in Ruhe kann

er die Freuden der Liebe genießen. Geringe Hirsche begleiten ständig

den alten Pascha und seinen Harem in der Hoffnung, daß ein günstiger

Augenblick auch ihnen einen kurzen Liebesrausch gewährt. Ständig

umkreist der Platzhirsch sein Rudel und vertreibt mit dröhnendem Schrei

die Beihirsche, die seine Schönen zu verführen drohen und sich gewandt

den ernsten Angriffen des Starken zu entziehen wissen.

Eines Morgens schallt aus der Ferne der Brunftschrei eines Rivalen

herüber. Der Platzhirsch antwortet mit kräftiger Stimme -- eine Warnung

für den Nebenbuhler. Doch dieser fühlt sich ebenbürtig. Näher und näher

dringt sein Kampfruf herüber. Der Platzhirsch zieht ihm laut schreiend

entgegen. Gesenkten Hauptes stehen sich die Recken gegenüber, dann

ein lautes Krachen der Geweihe, und es beginnt ein heißer Kampf auf

Leben und Tod. Mit fest ineinandergelegten Geweihen sucht jeder den

anderen zu Fall zu bringen. Der Kampf wogt hin und her. Da gelingt es

dem einen Kämpen, seine starke Augsprosse in die Weichen des Gegners

zu bohren. Der Platzhirsch, der rechtmäßige Inhaber des Rudels, bricht

zusammen. Er ist von seinem Gegner abgekämpft und zu Tode geforkelt.

Noch ein lauter, weithin schallender Siegesschrei, und der Gegner

trollt zu dem Mutterwild, um sogleich die Herrschaft zu übernehmen.

Die Tiere, wie der Weidmann das weibliche Wild nennt, haben dem

Kampf teilnahmlos zugesehen und erkennen ohne weiteres das Recht des

Stärkeren an. Sie folgen unbewußt einem Naturgesetz, das durch die

Auslese im Kampf ums Dasein dem Stärkeren das Vorrecht gibt, ein hartes

und rücksichtsloses Geschick, aber doch ein sehr zweckmäßiges Mittel,

um die Art in ihrer Kraft und Ursprünglichkeit zu erhalten und sie vor

Degeneration zu bewahren. Darum gilt es als weidmännisches Gesetz, die

stärksten Hirsche und stärksten Rehböcke niemals frühzeitig im Jahre

abzuschießen, sondern bis zur Brunft leben zu lassen. Nur hierdurch

ist eine gute Geweih- und Gehörnbildung gewährleistet. Leider wird

gegen diese Regel noch immer sehr gesündigt, wozu der Jagdneid und die

Furcht, daß die gute Trophäe von einem anderen Schützen erbeutet werden

könnte, meist die Veranlassung geben.

Nicht immer wird von den Hirschen ein Kampf auf Leben und Tod

ausgefochten. Dies gehört sogar zu den Ausnahmen, da meist der

Schwächere beizeiten freiwillig das Feld räumt.

In der Brunft des Rothirsches liegt eine tiefe Poesie des deutschen

Waldes. Die Jagd auf den Brunfthirsch ist die Krone edlen Weidwerks,

und nicht mit Unrecht bilden der schreiende Hirsch und sein Kampf mit

dem Rivalen das bevorzugte Motiv für den Jagdmaler. Wer den Zauber der

hohen Jagd kennt, der weiß die herrlichen Gemälde, die die Künstlerhand

eines Kröner, Deiker, Friese, Drathmann oder Wagner schuf, in ihrer

Größe und Gewalt zu würdigen.

[Sidenote: Schwarzwild]

Noch später als beim Rotwild erwacht die Liebe in dem ritterlichen

Schwarzwild, das erst im Winter in die Rauschzeit eintritt. Auch unter

den stärkeren Keilern wird bisweilen ein Liebesduell ausgefochten.

Doch vermögen sich die Tiere mit ihren „Gewehren“ oder „Gewaff“,

wie der Jäger die Hauer des Wildschweins nennt, keinen besonderen

Schaden zuzufügen, da die dicke, mit Borsten bekleidete Schwarte einen

vorzüglichen Schutz bildet.

[Sidenote: Reh]

Im Gegensatz zum Rot- und Schwarzwild brunftet das Reh schon im Sommer.

Das Kitz wird im Mai gesetzt. Die Tragzeit beträgt 9-10 Monate. Das

ist für ein so kleines Tier im Vergleich zu anderen Säugetieren eine

auffallend lange Zeit. Infolgedessen glaubte man früher, daß die Brunft

im Juli und August nur eine Scheinbrunft sei, ein Vorspiel der Liebe

ohne ernstliche Folgen, und daß die Befruchtung erst später im November

erfolge, da dann die Böcke bisweilen die Ricken wieder treiben.

Diese Auffassung beruht jedoch auf einem Irrtum. Durch anatomische

Untersuchung wurde nachgewiesen, daß die Befruchtung bereits im Sommer

stattfindet, und daß die Nachbrunft im Winter nur ein aufflackerndes

Liebesspiel einiger Böcke ist, bei dem kein Beschlag erfolgt. Das im

Sommer befruchtete Ei macht zunächst nur den ersten Furchungsprozeß

durch, wandert dann in den Uterus und ruht hier lange Zeit ohne

weitere Entwicklung, die erst im Dezember einsetzt und dann in

der normalen Weise verläuft. Dieser eigenartige Vorgang in der

Fortpflanzungsgeschichte des Rehes ist eine vorzügliche Anpassung an

die klimatischen Verhältnisse. Im Sommer, wo bei reicher Äsung Bock und

Ricke auf dem Höhepunkt ihrer körperlichen Kraft stehen, erfolgt die

Paarung, und das Kitz wird erst zu Beginn des nächsten Sommers gesetzt,

wo das frische Grün der säugenden Ricke wieder kräftige Nahrung spendet.

[Sidenote: Fledermäuse]

Ähnlich verhält es sich mit der Fortpflanzung der Fledermäuse. Die

Paarung findet im Herbst vor Beginn des Winterschlafes statt. Der

Same des Männchens ruht in der Gebärmutter des Weibchens während des

Winters und befruchtet erst im Frühjahr die am Eierstock sich bildenden

Eier. Im Mai und Juni werden die Jungen geboren, also in einer für

ihre Entwicklung sehr günstigen Jahreszeit. Während des Gebäraktes

hängt sich die Mutter nicht wie bei der üblichen Ruhestellung mit den

Hinterfüßen auf, sondern mit den Händen, so daß also nicht der Kopf,

sondern der Leib nach unten gerichtet ist. Dann krümmt sie den Schwanz

nach oben, so daß das Ende der Flughaut einen Sack bildet, in den das

Junge hineinfällt. Einige Arten legen während der Geburt den Schwanz

auf den Rücken, so daß sich keine Geburtstasche bilden kann. Sie haben

am Ausgang der Schamteile zwei Drüsen, an die sich das Junge noch

während der Geburt ansaugt, um nicht herabzufallen. Später kriechen die

Jungen von den Drüsen oder aus der Geburtstasche zur Brust der Alten

herauf und saugen sich an den Zitzen fest. Sie verharren aber nicht

dauernd in dieser Stellung, sondern haken sich auch mit den Krallen im

Pelz der Mutter ein, die sie ständig mit sich umherträgt.

Das zoologisch interessanteste Gebiet der ganzen Erde ist Australien.

Mit Ausnahme eines Wildhundes, des Dingos, einiger Fledermäuse und

Ratten stehen alle Säugetiere Australiens noch auf einer primitiven

Stufe der Entwicklung, die in der Art der Fortpflanzung zum Ausdruck

kommt und sie von allen anderen Säugetieren scharf trennt.

[Sidenote: Eierlegende Säugetiere]

Im Jahre 1884 machte der Jenenser Zoologe +Wilhelm Haacke+ während

seines Aufenthalts in Australien eine aufsehenerregende Entdeckung.

Er zog aus der Hautfalte am Leibe eines Ameisenigels (Abbildung 3)

ein Ei hervor. Ein eierlegendes Säugetier! Wohl hatte man schon in

früherer Zeit die Behauptung aufgestellt, daß die Schnabeltiere, zu

denen der Ameisenigel gehört, Eier legen. Aber die Nachricht klang doch

zu märchenhaft, um ernst genommen zu werden, bis es schließlich Haacke

gelang, ihre Wahrheit nachzuweisen.

Die Schnabeltiere tragen einen Hornüberzug über die Kiefer, die

hierdurch wie beim Vogel zu einem Schnabel werden. Bei den aus

mehreren Arten bestehenden Ameisenigeln ist der zahnlose Schnabel lang

und dünn, beim eigentlichen Schnabeltier dagegen flach und breit wie

ein Entenschnabel (Abbildung 4). Letzteres ist ein ausgesprochenes

Wassertier, das nach Art der Enten mit dem breiten Schnabel auf dem

Grunde des Wassers seine aus Insekten und Würmern bestehende Nahrung

aufschnabelt. Das Schnabeltier ist ein vortrefflicher Schwimmer,

da seine Zehen mit Schwimmhäuten ausgerüstet sind. Es baut sich

unterirdische Wohnungen am Ufer, in denen es den Tag schlafend

verbringt.

Im Gegensatz zum Schnabeltier sind die Ameisenigel Landtiere. Ihre

Hauptnahrung bilden Ameisen, die sie mit ihrer langen Zunge aus

Ameisenhaufen herausholen. Der Rücken des Ameisenigels ist mit Stacheln

bedeckt, während das Schnabeltier einen dunkelbraunen Pelz trägt.

Das eigenartige Fortpflanzungsgeschäft dieser absonderlichen Tierformen

verläuft in folgender Weise. Das Weibchen legt ein oder auch zwei

Eier und schiebt sie mit dem Schnabel in die am Leibe befindliche

Bruttasche. Die Schale des Eies ist lederartig wie die Schale der

Reptilieneier. Im Brutbeutel nimmt das Ei mit der Entwicklung des

Keimlings ganz beträchtlich an Größe zu, indem es sich ausdehnt.

Während die Länge eines dem Uterus entnommenen Eies im Durchmesser nur

4,5 ~mm~ beträgt, hat das reife Beutelei eine Länge von 15 ~mm~. Dieses

Wachstum des Eies steht also ganz im Gegensatz zum Vogelei, das seine

Größe nicht verändert, und entspricht dem Vorgang des Säugetiereies und

Embryos im Mutterleibe, nur daß die Entwicklung sich nicht im Uterus,

sondern außerhalb des Körpers vollzieht. Es ist daher möglich, daß

eine Ernährung des Eies im Beutel durch Drüsenausscheidung aus dem

Körper der Mutter stattfindet, indem das Sekret durch die weiche Schale

aufgesogen wird.

Das gänzlich hilflose, embryonenhafte Junge, das beim Ameisenigel nur

eine Körperlänge von 5,5 ~mm~ hat, macht seine weitere Entwicklung

im Beutel durch, den es erst verläßt, wenn es behaart ist und die

Stacheln durchbrechen. Es wird dann von der Mutter in einer Erdhöhle

untergebracht und nur zum Nähren wieder in den Beutel genommen.

Der alte Ameisenigel hat kein Gesäuge, sondern es wird ein Sekret aus

Drüsen abgesondert, das von dem Jungen im Beutel aufgeleckt wird. So

sehen wir beim Ameisenigel und Schnabeltier die ersten Anfänge des

Säugetiers, aus denen sich erst später das vollkommene Säugetier, das

lebendige Junge zur Welt bringt und diese säugt, entwickelt hat.

Auch sonst zeigt der Körperbau der Schnabeltiere noch manche

Eigenarten, die im Vergleich zu anderen Säugetieren eine viel

primitivere Entwicklung erkennen lassen. Ebenso, wie bei den Reptilien

und Vögeln, münden Darm, Harnleiter und Fortpflanzungsorgane in einem

einheitlichen Ausgang, der Kloake. Man bezeichnet daher Ameisenigel

und Schnabeltier als „Kloakentiere“. Von den Eierstöcken des Weibchens

bringt nur der linke reife Eier hervor, während der rechte zwar Eier

bildet, die aber niemals zur Entwicklung gelangen. Die Tätigkeit des

weiblichen Geschlechtsapparats ist also ganz auf die linke Hälfte

beschränkt. Hierin tritt eine nahe Beziehung zu den Vögeln hervor,

deren Weibchen nur einen Eierstock auf der linken Seite haben. Bei

den männlichen Kloakentieren liegen die Hoden nicht außen, sondern

im Innern der Leibeshöhle, was durchaus dem Geschlechtsapparat der

männlichen Vögel und Reptilien entspricht. Das an der hinteren

Kloakenwand liegende Zeugungsglied dient lediglich der Samenentleerung,

aber nicht wie bei anderen Säugetieren der gleichzeitigen

Urinentleerung. Dasselbe ist auch bei jenen Vögeln der Fall, welche,

wie Strauße und Enten, einen Penis besitzen.

[Illustration:

Abbildung 10 James’ Preß Agency, London

Tukan

Der gewaltige, aber sehr dünne und leichte Schnabel dient als

Fruchtpresse]

[Illustration:

Abbildung 11 James’ Preß Agency, London

Amerikanischer Bison]

Das Gehirn der Kloakentiere unterscheidet sich wesentlich von

dem Gehirn aller anderen Säuger und zeigt nahe Beziehungen zum

Reptiliengehirn.

[Sidenote: Beuteltiere]

Die übrigen Säugetiere Australiens haben im Vergleich zu den

Schnabeltieren schon eine höhere Entwicklungsstufe erreicht, die aber

noch immer gering ist gegenüber allen anderen Säugetieren. Wohl gibt

es in Australien die verschiedenartigsten Formen von Säugetieren, die

unverkennbar den Charakter des Raubtiers, Nagetiers, Insekten- und

Pflanzenfressers tragen, aber dennoch durch eine weite Kluft von diesen

getrennt sind. Ihre Jungen kommen in einem ganz unentwickelten, völlig

embryonenhaften Zustande zur Welt und werden wie bei den Kloakentieren

noch längere Zeit in einem Brutbeutel getragen, in dem sie erst

heranreifen. In dem Brutbeutel saugt sich das winzig kleine Junge, das

beim Riesenkänguruh nur wenige Zentimeter lang ist, an die Zitze der

Mutter fest. Die Mundränder des Jungen verwachsen um die Zitze, welche

anschwillt und das ganze Maul des Jungen ausfüllt. Das Junge hängt dann

dauernd fest an der Zitze. Um eine ausreichende Atmung zu ermöglichen,

schiebt sich der Kehlkopf des Jungen in die innere Nasenöffnung hinein.

Diese besonderen Vorrichtungen am Maul und an den Atmungsorganen

verlieren sich später, wenn sie infolge des vorgeschrittenen Wachstums

des Jungen nicht mehr erforderlich sind. Man kann also geradezu von

einem „Larvenstadium“ bei den Beuteltieren sprechen, das der Larvenform

der Amphibien und niederen Tiere ähnlich ist. Die Jungen verlassen den

Beutel erst, wenn sie völlig entwickelt sind, was beim Riesenkänguruh

etwa 8 Monate dauert, kehren aber zum Saugen noch einige Zeit lang

regelmäßig wieder in den Beutel zurück. Das junge Beuteltier wird

gewissermaßen zweimal geboren, das erstemal, wenn es dem Mutterleibe

entsteigt, und das zweitemal, wenn es den Brutbeutel verläßt.

Das bekannteste Beuteltier ist das Känguruh, und jeder aufmerksame

Besucher eines Zoologischen Gartens hat wohl schon einmal die Freude

gehabt, ein junges Känguruh aus dem Beutel der umherspringenden Mutter

herausschauen zu sehen. Außerdem gibt es Beutelwölfe, Beutelmarder,

Beuteldachse, Beutelratten, Beutelspitzmäuse, Beuteleichhörnchen und

Flugbeutler (Abbildung 5). Wir sehen also, daß ein großer Teil der

Säugetiere in Australien in Form des Beuteltiers vorkommt, d. h.

in einer ursprünglicheren Gestalt, in einer primitiveren Stufe der

Entwicklung. Daß tatsächlich eine gewisse Beziehung zwischen den

Beuteltieren Australiens und den entsprechenden Tierformen anderer

Erdteile besteht, beweist die Feststellung des Gelehrten +Hans

Friedenthal+, daß der Bau der Haare beider Tierformen der gleiche ist.

Eine Beutelspitzmaus hat Spitzmaushaar, und der Beutelmaulwurf trägt

Maulwurfsfell. Wohl nicht mit Unrecht hat man daher angenommen, daß

die Säugetierwelt Australiens mit ihren eierlegenden Arten und mit

den Beuteltieren in dem abgeschlossenen Erdteil auf einer früheren

Entwicklungsstufe stehengeblieben ist. Australien ist das Land der

„lebenden Fossilien“.

[Sidenote: Der Dingo, ein Wildhund Australiens]

Im Zauber des Tierlebens · 第 5 / 26 段