Weibchen geht den Weg allen Fleisches, sobald es die Eier im Wasser
abgelegt hat. Die Weibchen einiger Arten verbringen 10-14 Tage nach
der Begattung regungslos an einem ruhigen Ort, ohne Nahrung zu sich zu
nehmen. In dieser Zeit entwickeln sich die im Leibe befindlichen Eier
zu Embryonen, die von dem Weibchen lebendig am Wasser zur Welt gebracht
werden. Die größte europäische Eintagsfliege, in Ungarn „Theißblüte“
genannt, erscheint stets an gewissen Tagen in gewaltiger Menge, so daß
Land und Wasser unter den Tanzplätzen der Männchen mit den Leibern der
ermatteten Insekten dicht besät sind. Das Platzen der Larvenhüllen und
das Ausschlüpfen der Fliegen, was stundenlang unaufhörlich vonstatten
geht, erzeugt ein rieselndes Geräusch, wie ein leiser Regen. An der
Lippe, besonders bei Hamm in Westfalen, an der Maas in Belgien, an der
Donau und Theiß in Ungarn wiederholen sich jedes Jahr die gewaltigen
Schwärme dieser Eintagsfliege.
Beim Maikäfer dauert das Larvenstadium 3-4 Jahre. Der erwachsene
Engerling verpuppt sich im August. Im November kriecht der Käfer aus
und verharrt unter der Erde, bis die Frühjahrssonne im Mai ihn aus
seinem dunkeln Versteck herauslockt. Das Männchen stirbt während der
lange währenden Begattung ab, wird dann vom Weibchen abgestreift,
welches sich in die Erde verkriecht, um seine Eier abzulegen und dann
ebenfalls zu sterben. Bei den Insekten sind Fortpflanzung und Tod auf
das innigste miteinander verknüpft. Es gibt aber auch Ausnahmen. Bei
den Läusen findet eine wiederholte Fortpflanzung statt. Eine Kopflaus
bringt es in 2 Monaten auf etwa 5000 Nachkommen. Die jungen Läuse,
die keine Metamorphose durchlaufen, sondern gleich fertig dem Ei
entschlüpfen, sind bereits in 2-3 Wochen fortpflanzungsfähig. Ähnlich
liegen die Verhältnisse bei der Bettwanze, die den ganzen Sommer
hindurch eine reiche Nachkommenschaft erzeugt und dann überwintert, um
im nächsten Jahre ihre fruchtreiche Tätigkeit fortzusetzen. Die Wanzen
sind überaus lebenskräftig, vertragen Kälte und langes Fasten. Ein
Forscher hielt eine lebende Wanze ein halbes Jahr in Einzelhaft ohne
Nahrung.
Ebenso wie das Puppenstadium oder Larvenstadium kann unter Umständen
auch das Eistadium in der Entwicklung der Insekten fortfallen. Wir
sahen schon, daß es lebendiggebärende Eintagsfliegen gibt. Auch die
Schmeißfliegen legen keine Eier, sondern die Maden schlüpfen bereits im
Mutterleibe aus.
Während bei vielen Insekten entweder die Eier oder Larven überwintern
und dadurch die Art erhalten bleibt, überwintern bei den Wespen die
Weibchen der letzten Sommergeneration, um im folgenden Frühjahr ein
neues Staatenwesen zu gründen.
Bei den Bienen hat die Königin, welche bekanntlich die einzige
fortpflanzungsfähige weibliche Biene im Bienenstaat ist, ein Leben von
4-5 Jahren und legt jährlich 50000-60000 Eier. Eine so lange Lebenszeit
eines Insekts im Imago-Zustande ist aber eine Ausnahme. Die meisten
Insekten verbringen den größten Teil ihres Daseins als Larve, und die
Umwandlung zum fertigen Insekt dient lediglich der Fortpflanzung und
bildet den Abschluß des Lebens.
Bei den Bienen haben wir drei Geschlechter zu unterscheiden: die
Königin, welche allein Eier legt, die männlichen Drohnen und die
Arbeiter als unfortpflanzungsfähige weibliche Bienen. Die Königin
wird zu Beginn ihres Lebens nur einmal von einer Drohne befruchtet.
Sie unternimmt zu diesem Zweck einen Ausflug im Gefolge zahlreicher
Drohnen, unter denen nur einer das Glück des Liebhabers zuteil
wird. Dann kehrt sie als „Frau“ in den Stock zurück, in dem sie als
„Gefangene“ unter sorgsamer Pflege der Arbeiterinnen lebt, bis sie
von einer neuen, jungen Königin vertrieben wird. Ihre ganze Tätigkeit
besteht einzig und allein darin, Eier zu legen. Der männliche Same
wird in besonderen Samentaschen aufbewahrt und bleibt hier während der
ganzen Lebenszeit der Königin „gebrauchsfähig“. Die Königin hat es
nämlich ganz in der Gewalt, ob das Ei, welches sie legt, befruchtet
werden soll oder nicht. Im ersteren Fall wird das Ei einen Augenblick
an die Öffnung der Samentaschen angepreßt, wodurch einige Samenfäden
austreten und mit dem Ei verschmelzen. Soll die Befruchtung verhindert
werden, so gleitet das Ei schnell an den Samentaschen vorbei. Aus den
befruchteten Eiern gehen die Arbeiter hervor, aus den unbefruchteten
Eiern die männlichen Drohnen. Ist der Inhalt der Samentaschen
erschöpft, was bei zu langer Lebensdauer der Königin eintreten kann,
dann werden nur noch Drohnen erzeugt, und da die Arbeiter fehlen, so
geht ein solcher „drohnenbrütiger“ Stock zugrunde.
[Sidenote: Parthenogenesis]
Bei den Bienen haben wir also eine doppelte Art der Fortpflanzung,
einmal eine geschlechtliche durch Zeugung, und zweitens eine
„parthenogenetische“, d. h. jungfräuliche (Párthenos, griechische
Bezeichnung für Jungfrau).
Die Parthenogenesis kommt bei vielen Insekten vor, jedoch immer in
Verbindung oder Abwechslung mit geschlechtlicher Fortpflanzung. Den
Wechsel beider Arten der Fortpflanzung nennt man „Heterogonie“.
So spielt bei den durch ihre vorzügliche Mimikry ausgezeichneten
Stabheuschrecken die Jungfernzeugung eine besondere Rolle. Die meisten
Tiere sind weiblichen Geschlechts; die viel kleineren Männchen sind
sehr selten. Die Fortpflanzung erfolgt fast immer ungeschlechtlich,
und zwar gehen hier aus den parthenogenetischen Eiern stets Weibchen
hervor. Die Jungfernzeugung setzt sich durch viele Generationen
hindurch fort, hat man doch von gefangenen Stabheuschrecken schon
mehr als 20 Generationen auf diesem Wege entstehen sehen. Eine
ausschließliche Jungfernzeugung scheint jedoch nicht möglich zu
sein, denn sonst brauchte es überhaupt keine Männchen zu geben. Zur
Erhaltung der Art ist, wenn auch selten, so doch hin und wieder eine
geschlechtliche Fortpflanzung notwendig. Aus den befruchteten Eiern
werden anscheinend nur Männchen erzeugt.
Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zur Honigbiene zurück.
Wenn die Königin nur einmal in ihrem Leben begattet wird, wozu, kann
man fragen, sind dann im Bienenvolk die vielen Drohnen notwendig?
Im Bienenvolk entstehen im Laufe des Sommers junge Königinnen aus
befruchteten Eiern, indem die Larven von den Arbeitsbienen mit einem
besonders eiweißhaltigen Futterstoff, dem „Königinnenfutter“, versorgt
werden. Durch bessere Ernährung wird also aus der weiblichen Larve
anstatt einer unfruchtbaren Arbeitsbiene eine fortpflanzungsfähige
Königin auf künstlichem Wege ausgebildet. Ist diese herangewachsen,
dann verläßt die alte Königin ihr Heim, gefolgt von einer großen
Anzahl Bienen. Die Bienen „schwärmen“, wie der Imker sagt, um an
anderer Stelle mit der alten Königin einen neuen Staat zu gründen.
Die junge Königin des alten Stockes übernimmt dort die Regentschaft
und macht im Verlaufe der ersten 14 Tage ihren Hochzeitsflug in
Begleitung zahlreicher Drohnen. Wenn auch nur eine männliche Biene
zur Befruchtung notwendig ist, so hat die Masse der Drohnen doch
ihre Bedeutung. Die Königin wird bei ihrem Fluge durch die Drohnen,
die sie von allen Seiten umschwärmen, gegen die Nachstellungen
insektenfressender Vögel geschützt, und hierin ist wohl der Grund für
die zahlreiche Drohnenansammlung im Bienenstock zu erblicken. Die
meisten Drohnen kommen niemals in ihrem Leben zu einer geschlechtlichen
Betätigung. Ihre Lebensaufgabe besteht einzig und allein darin, die
junge Königin auf ihrem Hochzeitsfluge zu beschützen. Die Drohne, die
von der Königin zum Liebhaber auserkoren wurde, besiegelt ihr Glück
mit dem Tode. Aber nicht besser ergeht es den übrigen Drohnen, die
die Königin begleiteten. Ihre Lebensaufgabe, den Hochzeitsreigen der
jungen Herrscherin zu schützen, ist erfüllt, und ihr Dasein hat keine
Berechtigung mehr. Bei ihrer Rückkehr in den Stock harrt ihrer ein
trauriges Los. Die Arbeiterinnen, die sie früher sorglich fütterten und
pflegten, fallen über sie her und töten die elenden Ritter, die sich
wehrlos in ihr Schicksal ergeben. Einige ängstliche Gemüter suchen
sich dem Blutgericht zu entziehen und verbergen sich in Schlupfwinkeln,
wo sie elend verhungern.
Sind im Sommer keine weiteren Königinnen mehr zu erwarten, dann beginnt
ein neues Blutgericht. Die Drohnen werden von den Arbeiterinnen
abgeschlachtet, da sie als unnütze Fresser und Faulenzer überflüssig
sind. Das Prinzip der Unterstützung für Nichtstun, das ein Volk zur
Bequemlichkeit und Faulheit erzieht, kennt die strenge Zucht und
Ordnung des Bienenstaates nicht!
Die erste Arbeit, welche die junge Königin in ihrem neuen Heim
verrichtet, geht darauf aus, sich die Alleinherrschaft zu sichern. Sie
tötet sämtliche noch vorhandenen Königinnenlarven in ihren Zellen.
Nicht immer gelingt ihr das grausame Werk. Bisweilen wird wieder
eine junge Königin flügge, der dann die Vorgängerin das Feld räumt,
indem sie mit einem neuen Schwarm auswandert. Das Auswandern der
Königin erfolgt, bevor die neue Königin ihre Wiege verlassen hat. Die
Arbeitsbienen bewachen die Königinnenzelle mit größter Sorgfalt und
lassen die junge Herrscherin nicht eher frei, bis die alte Königin das
Feld geräumt hat. Befindet diese sich ausnahmsweise noch im Stock, wenn
ihre Nachfolgerin ausschlüpft, dann entspinnt sich sofort ein heftiger
Kampf auf Leben und Tod zwischen den beiden Rivalinnen. Niemals dulden
sich zwei Königinnen nebeneinander im Bienenstaat.
Verliert ein Stock durch Zufall seine Königin, dann ist er nicht dem
Untergang preisgegeben, da die Arbeitsbienen jederzeit in der Lage
sind, Larven ihresgleichen durch geeignete Fütterung zur Königin
heranzubilden.
Ebenso wie Königin- und Arbeiterlarven wachsen auch die Drohnen in
besonderen Zellen heran und werden mit einem eigenen Futter versorgt.
Die Lebensdauer der Arbeiterbienen währt im Sommer nicht länger als 6
Wochen. Nur die letzte Generation überwintert, um im Frühjahr, wenn das
Bienenleben wieder beginnt, die erforderlichen Arbeiten verrichten zu
können.
[Sidenote: Ameisen]
Bei den staatenbildenden Ameisen ist ebenso wie bei den Bienen die
Königin nur Eiermaschine, die die Fortpflanzung besorgt. Die Arbeiter
sind verkümmerte Weibchen, zu denen sich noch eine andere Kaste,
die „Soldaten“, gesellt, welche ebenfalls unfruchtbare Weibchen
sind. Über ihre Lebensaufgabe wie über die Arbeitsteilung im Bienen-
und Ameisenvolk wird uns das spätere Kapitel „Soziales Leben und
Staatenbildung“ eingehende Aufklärung geben.
Arbeiter und Soldaten sind ungeflügelt, die Königin und die Männchen
der Ameisen tragen Flügel. Die Königin legt jedoch, sobald sie ihre
Geburtsstätte verlassen und ein eigenes Heim gegründet hat, die Flügel
ab. Sie wird zum unflugfähigen Insekt und führt bis an ihr Lebensende
die Herrschaft im Ameisenstaat, während die jungen, anfangs geflügelten
Königinnen auswandern. Der Vorgang ist also gerade umgekehrt wie
bei den Bienen. Der erste und einzige Flug, den die junge Königin
unternimmt, ist der Hochzeitsreigen, bei dem die einmalige Begattung
erfolgt.
Die Königinnen der Ameisen kennen nicht die Eifersucht, die die
Bienenköniginnen erfüllt. Dank ihrer verträglichen Natur dulden sich
mehrere Weibchen nebeneinander.
Bei den Ameisen gibt es zwischen der Königin und den Arbeiterinnen
noch Übergangsformen, d. h. Arbeiterinnen, die der Königin ähnlich
sind und parthogenetische Eier legen, aus denen Arbeiter hervorgehen.
Auch die Arbeiterinnen unterscheiden sich durch ein verschiedenartiges
Aussehen, es gibt Formen mit sehr großem Kopf (Makroergaten)! und ganz
kleine Tiere (Mikroergaten). Die letzteren sind gewöhnlich die ersten
Nachkommen einer jungen Königin. Für die Geschlechtsbestimmung der
Ameisen ist jedenfalls wie bei den Bienen die Nahrung, welche die Larve
erhält, von Einfluß. --
[Sidenote: Ibisfliege]
In sehr eigenartiger Weise verläuft das Fortpflanzungsgeschäft der zu
den Zweiflüglern gehörenden Ibisfliege (~Atherix ibis~), die am Wasser
lebt. Zur Ablage der Eier bilden die Weibchen große Gesellschaften. Ein
Weibchen klammert sich an einem über dem Wasser hängenden Zweig an,
heftet den Eiklumpen fest und stirbt sofort. Auf den toten Körper läßt
sich ein zweites Weibchen nieder, benutzt diesen als Brutstätte und
bleibt als Leiche daran hängen. So geht es unaufhörlich fort, bis sich
schließlich ein großer Klumpen toter Fliegen gebildet hat, der wie eine
Traube herunterhängt. Die aus den Eiern schlüpfenden Larven ernähren
sich zunächst von den toten Leibern ihrer Mütter und lassen sich dann
ins Wasser herabfallen, um ihre weitere Entwicklung fortzusetzen. Die
schwarze Ibisfliege mit glashellen Flügeln lebt in Mitteleuropa, ist
aber nirgends häufig.
[Sidenote: Gallwespen]
An den Blättern der Bäume sehen wir häufig eigentümliche, kugelförmige
Gebilde. Sie rühren von einem Insekt her, der Gallwespe. Die Gallwespen
bringen ihre Eier durch einen Stich in das Fleisch eines Blattes.
Hier schlüpfen die Larven aus. Es bildet sich dann die Galle, die
die Larve völlig umschließt. Ihre Entstehung wird also nicht allein
durch den Stich der Wespe hervorgerufen, sondern auch durch Einwirkung
der Larve auf die Zellen des Blattes. Der Vorgang selbst ist jedoch
unbekannt. In der Galle macht dann die Larve ihre ganze Entwicklung bis
zum fertigen Insekt durch. Häufig enthält eine Galle mehrere Larven
in besonderen Zellen. Bei den Gallwespen wechselt geschlechtliche und
ungeschlechtliche Fortpflanzung ab.
[Sidenote: Schlupfwespen]
Die Schlupfwespen oder Ichneumoniden legen ihre Eier in die Leiber
anderer Insekten, deren Raupen und Puppen, oder in die Eier. Die
Larven wachsen im Innern des Wirtstieres heran, verpuppen sich hier,
um schließlich als fertige Schlupfwespe zum Vorschein zu kommen. Bei
einigen Arten verlassen die Larven vor der Verpuppung ihre lebende
Behausung. Das Schmarotzertum hat in den meisten Fällen den Tod
des Wirtstieres zur Folge. Da die Ichneumoniden mit Vorliebe die
forstschädlichen Insekten zu ihrem Brutschmarotzertum auswählen, so
sind sie außerordentlich nützlich und tragen in erster Linie zur
Bekämpfung von Insektenkalamitäten bei, vielleicht ebenso gut oder
noch besser als die insektenfressenden Vögel, die durch Vertilgung von
Schlupfwespen ihren sonst so großen Nutzen, den sie als Insektenfresser
stiften, teilweise wieder aufheben. Man hat infolgedessen versucht, die
wirtschaftliche Bedeutung der Vögel herabzusetzen und den Vogelschutz
aus diesem Grunde für unnötig zu erklären, eine Auffassung, die
aber mit den wertvollen Versuchen unseres ersten Vogelschützers,
des +Freiherrn von Berlepsch+, nicht im Einklang steht. Dieser
verdienstvolle Ornithologe hat durch jahrelange Versuche in seiner
Vogelschutzstation Seebach nachgewiesen, daß der Nutzen der Vögel
zur Bekämpfung einer Insektenkalamität gewaltig groß ist. Während in
seiner Forst, die durch Nistkästen und Vogelschutzgehölze ein wahres
Vogelparadies ist, seit langen Jahren keine Raupenplage auftrat, wurde
die angrenzende Staatsforst, in der kein organisierter Vogelschutz
betrieben wird, zu gleicher Zeit wiederholt von schwerem Raupenfraß
heimgesucht, der stets an der Grenze des vogelreichen +Berlepschschen+
Reviers haltmachte -- ein deutlicher Beweis, daß die Tätigkeit der
Vögel bei weitem höher eingeschätzt werden muß als der Nutzen der
Schlupfwespen. --
[Illustration:
Abbildung 8 James’ Preß Agency, London
Fliegender Fisch]
[Illustration:
Abbildung 9 James’ Preß Agency, London
Schwertfisch
Sein Schwert ist eine gefährliche Angriffswaffe]
[Sidenote: Polyembryonie. Eineiige und zweieiige Zwillinge]
Die Fortpflanzung der Schlupfwespen zeigt noch eine andere
Eigentümlichkeit. Bei einigen Arten kommt aus +einem+ Ei nicht eine
einzelne Larve heraus, sondern es schlüpfen aus demselben Ei eine
ganze Anzahl von Larven, die nach Hunderten zählen können. Diesen
eigenartigen Vorgang, die Entwicklung vieler Individuen aus einem
einzigen Ei, hat man „Polyembryonie“ genannt. Alle aus demselben Ei
hervorgegangenen Wespen haben stets das gleiche Geschlecht.
Ein ähnlicher Vorgang wurde sogar bei den Säugetieren festgestellt. Bei
einem südamerikanischen Gürteltier spaltet sich das Ei in vier Teile,
aus denen sich je ein Individuum entwickelt. Auch die Zwillingsgeburten
des Menschen entstammen nicht immer zwei Eiern, sondern bisweilen nur
einem Ei, das zwei Zellkerne enthält. Die Wissenschaft unterscheidet
daher „eineiige“ und „zweieiige“ Zwillinge. --
[Sidenote: Fortpflanzung, Liebesleben und Brutpflege der Fische]
Unter den Fischen gibt es einige Arten, die man als lebendiggebärend
bezeichnen kann, da der Laich bereits im Mutterleibe auskommt und
die jungen Fischchen also lebend geboren werden. Hierzu gehören
Haifische, Rochen, einige Zahnkarpfen und mehrere andere Arten. Bei
den lebendiggebärenden Fischen findet eine regelrechte Kopulation der
Geschlechter statt, wobei häufig eigenartige Stellungen eingenommen
werden. So schlingt bei den Haien sich das Männchen kreisartig um den
Körper des Weibchens herum, um die zu einem Begattungsorgan umgebildete
Bauchflosse in die weibliche Geschlechtsöffnung einzuführen. Die
Vereinigung währt etwa 20 Minuten.
Bei den meisten Fischen ist eine äußere Befruchtung die Regel, indem
beide dicht nebeneinander stehenden Geschlechter ihre Zeugungsprodukte
ins Wasser entleeren, wo das Sperma sich mit den Eiern vermischt. Dem
Laichakt gehen häufig erregte Liebesspiele voraus. Die Fische „reiben
sich“, d. h. Männchen und Weibchen schwimmen dicht aneinander vorbei
und berühren sich mit dem Bauch oder den Seiten. Schmerlen und Schleie
reiben mit den verdickten Strahlen ihrer Bauchflossen die Weibchen, um
sie geschlechtlich zu reizen.
Einen sehr erregten Liebestanz führt eine kleine Barbe (~Danio rerio
H.~) auf, die ein beliebter Zierfisch in der Aquarienliebhaberei ist.
Männchen und Weibchen wirbeln umeinander herum, wobei das Männchen das
Weibchen fortwährend mit dem Maule stößt und pufft. Schließlich hebt
das Männchen von unten mit dem Kopf das Weibchen bis zur Oberfläche des
Wassers empor, wo sich beide im Sinnenrausch mit zappelnden Bewegungen
umeinander herumschleudern.
Die meisten Fische leben polygam, und zwar verkehrt entweder ein
Weibchen mit mehreren Männchen (Polyandrie), oder es besitzt ein
Männchen mehrere Weibchen (Polygynie). Die Haie und wenige andere
Fische leben monogam. Die Haifische sollen sogar eine lebenslängliche
Ehe schließen.
Die Fruchtbarkeit der Fische ist ungeheuer groß. Die Scholle legt
je nach ihrer Größe 9000-500000 Eier. Der Dorsch produziert sogar
mehrere Millionen Eier in einer Laichperiode. Im Gegensatz dazu legt
der Stichling jährlich nur 80-100 Eier, was wohl die geringste bei den
Fischen vorkommende Eizahl ist.
Die Eier werden entweder einzeln abgelegt, oder sie bilden Schnüre und
Klumpen.
Der Laich wird teils an Pflanzen oder Steinen angeheftet, oder er sinkt
vermittels seiner natürlichen Schwere zu Boden, oder schwimmt frei im
Wasser in einer bestimmten Tiefe. Die letztere Art der Eier besitzen
dann besondere Öltropfen, welche das spezifische Gewicht verringern,
oder auch Schwebevorrichtungen in Gestalt von Fäden und Borsten.
Manche Seefische laichen in großen Tiefen, der Aal z. B. in 1000 ~m~
Tiefe.
Die Entwicklung des Laiches ist hauptsächlich von der Temperatur des
Wassers abhängig. Forellenlaich entwickelt sich bei 2°~C~ in 205 Tagen,
bei 10°~C~ dagegen in 41 Tagen.
Die Entwicklungsdauer der Eier unter normaler Temperatur schwankt je
nach der Fischart zwischen einigen Tagen und mehreren Monaten. Beim
Karpfen beträgt sie etwa eine Woche, bei den Lachsen 2-3 Monate.
Nicht alle jungen Fische haben bei der Geburt gleich ihre richtige
Fischgestalt, sondern besitzen bisweilen anfangs eine Larvenform, aus
der sich erst allmählich der vollendete Fisch herausbildet. Dies ist
bei den Neunaugen, dem Aal und den Plattfischen der Fall, worüber in
dem Kapitel „Wanderungen der Tiere“ noch näher berichtet werden soll.
Die meisten Fische kümmern sich nicht um den Laich und ihre
Nachkommenschaft, einige machen jedoch eine Ausnahme und betätigen sich
in einer mehr oder weniger ausgeprägten Brutpflege, die in höchster
Weise bei den nestbauenden Fischarten hervortritt.
Andere Fische bauen zwar keine Nester, aber sie wissen in anderer
Weise sehr geschickt, man könnte fast sagen sinnig, für eine geeignete
Kinderstube zu sorgen. Das Weibchen des Bitterlings (~Rhodeus amarus~)
bringt den Laich vermittels seiner langen, wurmartigen Legeröhre in
die Kiemen der Malermuschel. Da die Schalen dieser Muschel in der
Kiemengegend etwas klaffen, so kann die Legeröhre des Fisches nicht
beschädigt werden, wenn die Muschel ihre Schalen schließt. Während des
Laichaktes hält sich das Männchen in der Nähe auf, um seinen Samen
in den Atemschlitz der Muschel zu ergießen, sobald das Weibchen
abgelaicht hat. Die Befruchtung des Laiches erfolgt also innerhalb
der Muschel. Die in den Kiemen der Muschel ausgeschlüpfte Fischbrut
gelangt durch die Kloakenöffnung ins Freie. Die Muschel erleidet durch
den eigentümlichen Ammendienst keinen Schaden. Das Vorhandensein von
Fischlaich in der Malermuschel wurde zuerst im Jahre 1787 bekannt,
und 1869 entdeckte +Noll+, daß der Bitterling der Urheber dieser
eigentümlichen Erscheinung ist.
Der Bitterling ist ein zu der Familie der Karpfen gehörender, kleiner
europäischer Flußfisch, mit grünem Rücken und silberglänzenden Seiten.
In der Fortpflanzungszeit legt das Männchen ein farbenprächtiges Kleid
an. Der ganze Körper enthält einen schönen Schillerglanz, in dem
Stahlblau und Violett besonders hervortreten. Die Körperseiten sind
durch einen smaragdgrünen Längsstreifen geziert. Brust und Bauch sind
orangegelb, Rücken- und Afterflosse hochrot.
Das Weibchen des Butterfisches (~Pholix gunellus~) wählt als Brutofen
das Bohrloch einer Muschel, rollt sich in Schlangenwindungen um die
Eier und verharrt in dieser Stellung, bis die Jungen ausschlüpfen. Hier
findet also eine regelrechte Brutpflege statt. Der Butterfisch hat
aalähnliche Gestalt und glatte Haut. Er lebt in den Küstengewässern
Nordeuropas und im Nördlichen Eismeer.
Die Cichliden, welche Flüsse und Seen der Tropen bewohnen, brüten den
Laich in ihrem Maule aus und führen daher auch den Namen „Maulbrüter“.
Im Maule der Mutter verbleiben auch die embryonenhaften Jungen so
lange, bis sie Fischgestalt erhalten haben, was etwa 14 Tage währt.
Während dieser Zeit erweitert sich beim alten Fisch die Haut des
Unterkiefers zu einem Sack, in dem die junge Brut heranwächst. Die
Jungen werden nach Verlassen der sonderbaren Kinderstube noch längere
Zeit von dem alten Fisch geführt. Bei Gefahr sammeln sie sich vor dem
Kopf der Mutter. Diese öffnet das Maul und die Jungen schlüpfen hurtig
hinein. Ist die Gefahr vorüber, so gibt die Alte ihre Kinder wieder
frei.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Fischen üben bei den Maulbrütern
nicht die Männchen, sondern meist die Weibchen die Brutpflege aus.
Das Fortpflanzungsgeschäft der Fische hat so viel Interessantes und
Eigenartiges, daß wir auch noch einen Blick auf die absonderliche
Brutpflege der Seepferdchen und Seenadeln werfen wollen. Das Männchen
dieser sonderbaren Fische besitzt eine Bruttasche, in die das Weibchen
den Laich legt. Nach Empfang der Eier wird die Bruttasche wasserdicht
geschlossen. Die Eier werden in der Bruttasche befruchtet, betten sich
in die Haut ein und werden hier durch eine eiweißhaltige Flüssigkeit,
die aus der Haut kommt, ernährt. Wir sehen also bei diesen Fischen eine
Einrichtung, die an die Placenta, den Mutterkuchen der Säugetiere,
erinnert, der ja bekanntlich den Embryo ernährt. --
So finden wir bereits bei den Fischen die erste Anlage zur Entwicklung
des Säugetiers -- ein vortrefflicher Hinweis für die gemeinsame
Abstammung aller Lebewesen. Umgekehrt zeigt die Ontogenie der
Säugetiere den einstigen Fischahnen. Der Embryo aller Säugetiere erhält
auf einer gewissen Stufe seines Wachstums am Halse Kiemenbögen, wie
sie nur die Fische haben, die sich später wieder zurückbilden, und die
Gliedmaßen sprießen zuerst als flossenartige Plättchen aus dem Körper
hervor, um sich dann zu Füßen und Händen umzubilden. Die ehemalige
Fischnatur flackerte also noch einmal in der Keimesentwicklung auf.
[Sidenote: Amphibien]