Keimesentwicklung deutlich zutage. Auf das Stadium der Blastula folgt
die „Gastrulation“. Gastrulation heißt „Magenbildung“, abgeleitet von
dem griechischen Wort „gaster“ Magen. Die Larvenform der Blastula
bildet im weiteren Zellenaufbau eine äußere und eine innere Schicht.
Aus ersterer, dem Ektoderm, geht in der weiteren Entwicklung die Haut
und das Nervensystem hervor. Letztere, das Entoderm, ist die erste
Anlage für die Ernährungswerkzeuge. Der Embryo ist jetzt sozusagen
ein Magentier, das nur aus einem hohlen Magen und einer äußeren Wand
besteht, und gleicht hierin den Schwämmen, die sich den Urtieren
unmittelbar anreihen, und zwar der einfachsten Form, den Kalkschwämmen.
Der Kalkschwamm ist ein unten festgewachsener Becher, der an seinem
oberen Ende eine Öffnung hat. Der ganze Innenraum wird von der
Magenhöhle gebildet. Die äußere Hülle ist mit unzähligen feinen Poren
durchsetzt. Durch dieses Netz dringt fortwährend ein Wasserstrom in das
Innere des Körpers, der aus der oberen Öffnung, Osculum genannt, wieder
abfließt. Mit dem Wasser gelangen kleinste Teile pflanzlichen und
tierischen Ursprungs in die Magenhöhlung und werden so weit als möglich
von den Körperzellen aufgesogen und verwertet. Der Rest wird mit dem
Wasser wieder nach außen befördert. So ein Kalkschwamm ist also weiter
nichts als ein einzelner, lebender Magen, und ebenso sieht auch der
auf der Gastrulationsstufe stehende Embryo des vielzelligen Wesens
aus. Also auch hier wieder eine Wiederholung einer niederen Stufe im
Tierreich, die nach dem biogenetischen Grundgesetz als Ahnenstufe
anzusehen ist.
Auch in der späteren Entwicklung behält das Gesetz seine Gültigkeit.
Es bilden sich bei allen Embryonen an den Halsseiten vorübergehend
Kiemenbögen, und die äußeren Gliedmaßen erscheinen zuerst als
flossenartige Plättchen, beides ein Hinweis auf eine ehemalige
Fischnatur vor Millionen von Jahren. Der Vogelembryo trägt anfangs
einen wohlentwickelten Schwanz, der dann durch Verwachsung der
Knochen wieder zurückgebildet wird. Die Abstammung der Vögel vom
langschwänzigen Reptil tritt hier deutlich hervor. Auch der Embryo
des Menschen trägt vorübergehend einen Schwanzansatz und einen
Haarpelz, was nach Haeckel auf seine tierische Abstammung und seine
Verwandtschaft mit dem Affen hindeutet. --
[Sidenote: Schwämme]
Bei den Schwämmen kommt neben einer Fortpflanzung durch Knospung
bereits eine geschlechtliche Fortpflanzung durch Eier und Samen vor.
Wie bei den Blüten der Pflanzen sind häufig männliche und weibliche
Keimzellen in demselben Organismus vereint, bei anderen Schwämmen
sind die Geschlechter individuell getrennt. Die Eier entwickeln sich
im Muttertier zu Larven, die nach ihrer Geburt mit Hilfe besonderer
Bewegungsorgane, der Geißeln, im Wasser umherschwimmen, um sich bald
festzusetzen und zum fertigen Schwamm auszubilden.
Die Schwämme besitzen ein Skelett, das bei den Kalkschwämmen aus
Kieselsäure besteht und bei den schon früher erwähnten Glasschwämmen
aus einem wunderbaren, formenreichen Kieselnetzwerk, das feinen
Glasfäden gleicht.
Unser allbekannter Badeschwamm, der in keinem Toilettenzimmer
fehlt, ist das Hornskelett der „Hornschwämme“, das nicht wie beiden
Kieselschwämmen aus Mineralsubstanz, sondern aus Sponginfasern
aufgebaut ist. Im lebenden Zustande ist ein Schwamm ein gelblicher,
brauner oder schwarzer fleischiger Klumpen. Zum Gebrauch wird von
dem Hornskelett das weiche Körpergewebe durch Pressen entfernt. Der
Wert eines Schwammes hängt von der Art der Skelettbildung ab. Je
feinmaschiger es gebaut ist, je fester und zugleich elastischer die
Fasern sind, um so größer ist die Saugfähigkeit und die Haltbarkeit,
und um so höher der Wert.
[Sidenote: Hohltiere]
Ebenso wie die Schwämme stehen auch die Hohltiere, zu denen die
Quallen, Blumentiere und Polypen gehören, noch auf dem Standpunkt der
Gasträa. Sie sind Magentiere, die aus einem magenartigen Hohlraum
mit einer Öffnung und einer Außenwand bestehen. Ihre Fortpflanzung
geht teils wie bei den Urtieren durch Knospung oder Teilung vor sich,
teils geschlechtlich durch Bildung von Ei- und Samenzelle. Neben einer
Trennung der Geschlechter kommt auch Zwitterbildung vor. Im ersteren
Falle erfolgt die Befruchtung durch Übertragung des Samens durch das
Wasser.
Die Hohltiere sind zum Teil mit langen Nesselorganen ausgerüstet. Viele
sind von bezaubernder Gestalt und herrlicher Farbenpracht. Die zarten
Quallen und die vielfarbigen Seerosen müssen immer wieder von neuem
unsere Bewunderung erregen.
Zwischen den festsitzenden Polypen und den frei schwimmenden
Quallen oder Medusen besteht ein eigenartiger Zusammenhang, der
zur Fortpflanzung in innigster Beziehung steht. Beides sind
dieselben Tiere, nur in veränderter Form. Die Quallen entstehen aus
Polypen. Durch Einschnürung wird der Körper des Polypen in mehrere
scheibenförmige Abschnitte zerlegt, die sich allmählich loslösen
und dann als Quallen frei umherschwimmen. Die Medusen sind bei
diesen Polypenquallen die eigentlichen Geschlechtstiere, welche Eier
ablegen, aus denen Larven hervorgehen, die sich festsetzen, um zum
Polyp auszuwachsen. Quallen und Polypen stellen also zwei verschiedene
Generationen dar. Der Polyp, der sich durch Knospung fortpflanzt, ist
die ungeschlechtliche Generation, die Qualle die geschlechtliche.
Dieser Generationswechsel findet aber nicht immer statt. Es gibt auch
Quallen, die nicht aus Polypen entstehen, sondern sich unmittelbar aus
Eiern fortpflanzen, ebenso bilden nicht alle Polypen Medusen. Auch kann
die Qualle am Polyp haftenbleiben und hier Eier ausscheiden, aus denen
sich neue Polypen entwickeln. Die Art und Weise der Fortpflanzung ist
außerordentlich mannigfaltig. Bei vielen Medusen kennt man noch nicht
die zugehörige Polypenform, und ebenso ist auch die Quallenform vieler
Polypen noch unbekannt.
[Sidenote: Strahlentiere]
Die Stachelhäuter oder Strahlentiere (~Echinodermata~) sind radiare
Tiere, d. h. ihr Körper läßt sich durch eine Anzahl strahlenförmiger
Schnitte in gleiche Teile zerlegen. Dem Bau des Körpers liegt in der
Regel die Fünfzahl zugrunde. Um einen zentralen Hauptteil gruppieren
sich fünf gleiche Körperteile, die bei den Seesternen die Figur eines
Sternes bilden, bei den Seelilien wie die Blütenblätter einer Blume aus
einem Stiel hervorsprießen. Bei den Sterntieren ist die geschlechtliche
Fortpflanzung die Regel. Sie legen Eier, aus denen Larven schlüpfen,
die eine vielseitige Umwandlung durchmachen, ehe sie die Gestalt des
erwachsenen Tieres annehmen. Bei manchen Arten findet eine Brutpflege
statt, indem die Eier und Jungen in besonderen Bruttaschen sich
entwickeln. Die Sterntiere, und zwar besonders die Seesterne, haben
die Fähigkeit, verstümmelte oder verlorene Organe in kurzer Frist zu
ersetzen. Abgeschnittene Arme wachsen sofort wieder neu. Ja sogar
ein abgetrennter Arm wächst sich zu einem ganzen Tier aus, indem
eine Mittelscheibe mit vier neuen Armen hervorsprießt. So kann also
auch eine Vermehrung durch gewaltsame Teilung erfolgen. Bei einigen
Seesternen findet diese Fortpflanzung durch Teilung regelmäßig neben
der geschlechtlichen Fortpflanzung statt. Ihr Körper schnürt sich in
zwei Hälften durch, deren jede durch Regeneration die fehlenden Teile
ersetzt und so ein neues Individuum bildet. --
[Sidenote: Fortpflanzung der Würmer]
Der große Kreis der Würmer, die sich im allgemeinen durch einen
schlauchförmigen oder bandartigen Körper kennzeichnen, zeigt
entsprechend der mannigfachen Organisation des Körpers auch
eine große Verschiedenheit in bezug auf die Fortpflanzung.
Ungeschlechtliche Fortpflanzung durch Teilung oder Knospung
wechselt mit geschlechtlicher. Viele Würmer machen eine verwickelte
Metamorphose durch, mit der oft ein Parasitismus verbunden ist. Andere
Würmer führen im Larvenstadium eine freie, im Alter dagegen eine
parasitäre Lebensweise, wieder andere bleiben während ihres ganzen
Daseins Parasiten. Die fortpflanzungsreife Trichine wohnt niemals im
Muskelfleisch, sondern stets nur im Darm. Die legereifen Weibchen
bohren sich in den Darm ein und setzen hier ihre Brut ab. Die jungen
Trichinen werden durch den Blutkreislauf fortgeführt und gelangen so in
andere Körperteile. Sie durchbrechen die Wände der Blutgefäße, um sich
schließlich im Muskelfleisch zu verkapseln. In diesem Zustande bleibt
die Trichine Jahrzehnte lebensfähig. Es bildet sich mit der Zeit eine
Kalkschale um den eingekapselten Körper. Gelangen die eingekapselten
Trichinen durch Genuß des Fleisches in den Darm anderer Tiere oder des
Menschen, so löst sich die Kalkschale auf, die Trichine wird frei und
bildet sich zum fortpflanzungsfähigen Tier aus.
[Illustration:
Abbildung 6 James’ Preß Agency, London
Mondfisch
Ein schwanzloser Fisch von mondähnlicher Gestalt]
[Illustration:
Abbildung 7 James’ Preß Agency, London
Königspinguin]
Noch komplizierter ist die Entwicklung der Bandwürmer, die ein
Zwischenstadium als Finne haben und als solche in der Regel nur in ganz
bestimmten Wirtstieren leben.
Der gewöhnliche Bandwurm besteht aus einem Kopfteil, der durch einen
kurzen Halsansatz mit dem aus einzelnen Gliedern sich zusammensetzenden
Körper verbunden ist. Weder besitzt der Kopf eine Mundöffnung, noch
der Leib einen Magen und Darm. Die Ernährung erfolgt durch zahlreiche,
kleine Poren, die auf der ganzen Oberfläche des Leibes verteilt sind,
und die aus dem im Darm liegenden Speisebrei die geeigneten Stoffe
aufsaugen. Der Kopf ist ein knopfartiges Gebilde und mit Saugnäpfchen
oder Widerhaken versehen, die sich im Darm anheften. Jedes Glied
besitzt seine eigenen Fortpflanzungsorgane in Gestalt von männlichen
und weiblichen Geschlechtsteilen. Jedes Glied des Bandwurms ist
also ein Geschlechtstier für sich, in dem sich durch Zwitterbildung
das Geschlechtsleben abspielt. Man kann daher den Bandwurm als eine
Tierkolonie auffassen.
Die Glieder mit legereifen Eiern stoßen sich ab und gelangen mit dem
Kot des Wirtstieres ins Freie. Die Eier enthalten einen kugelförmigen
Embryo, der mit sechs Haken versehen ist, und haben eine feste, zähe
Umhüllung, die allen Witterungseinflüssen trotzt. Sie befinden sich
vorzugsweise in Dunghaufen, werden aber auch vom Winde überallhin
verschleppt. Gelangen sie später in den Magen eines Tieres, z. B. einer
Maus, einer Ratte oder eines Kaninchens, so schlüpft der Embryo aus,
bohrt sich vermittels seiner Haken durch die Magenwand und wandert in
ein Organ oder auch in das Muskelfleisch. Hier legt sich der Embryo
fest und wird zur Finne, die eine mit wäßriger Flüssigkeit angefüllte
Blase darstellt, in derem Innern die Anlage des späteren Bandwurmkopfes
eingebettet ist. Die Finne, auch Blasenwurm genannt, bleibt in diesem
verkapselten Zustande lange Zeit, unter Umständen bis zu 20 Jahren
lebensfähig. Wird mit Finnen behaftetes Fleisch von einem Tier oder
vom Menschen in rohem Zustande genossen, so verwandelt sich die
Finne im Darm zum Bandwurmkopf, an den dann allmählich die Glieder
heranwachsen. Die abgestoßenen, legereifen Glieder werden vom Kopf aus
durch neue Glieder ersetzt. Der größte Bandwurm ist der Grubenkopf
(~Dibothriocephalus latus~), der mit 3000-4000 Gliedern eine Länge von
9 ~m~ erreichen kann. Die Finne lebt in Fischen, besonders im Hecht und
in der Quappe.
[Sidenote: Naturgesetze der Fruchtbarkeit]
Die Eierproduktion der einzelnen Glieder ist ungeheuer groß. Ein Glied
des gewöhnlichen Menschenbandwurms (~Taenia solium~) enthält etwa 50000
Eier. Wenn täglich nur drei Glieder legereif werden, so würden im Jahre
90 Millionen Eier erzeugt werden, von denen freilich nur ein geringer
Teil zur weiteren Entwicklung gelangt, etwa von fünf bis zehn Millionen
nur eins. Die gewaltige Eiproduktion ist also notwendig, um ein
Aussterben des Bandwurms zu verhindern. Die Natur verfolgt überhaupt
das Prinzip, Tiere, die großen Gefahren ausgesetzt sind, durch eine
reiche Fortpflanzung vor dem Untergang zu schützen. Die Vermehrung
der Maus, die überall, wo sie sich sehen läßt, bedroht wird, ist sehr
groß. Die jungen Tiere werden früh geschlechtsreif, die Würfe sind
sehr zahlreich und folgen sich sehr schnell. Die Hausmaus wird bereits
im Alter von sechs Wochen fortpflanzungsfähig und bringt im Laufe
eines Jahres fünf- bis sechsmal Junge zur Welt. Bekannt ist die große
Fruchtbarkeit des Kaninchens. Ebenso wie die Mäuse ist das Kaninchen
unmittelbar nach dem Werfen wieder begattungsfähig und bringt im Laufe
des Sommers 5-6 Würfe mit 4-12 Jungen zur Welt.
Die großen Raubvögel, Adler und Geier, die keinen Gefahren ausgesetzt
sind, legen nur 1-2 Eier und machen jährlich nur eine Brut, die
kleinen Singvögel, die viel Feinde haben, und deren Bestand außerdem
durch die im Frühjahr und Herbst stattfindenden Wanderungen erheblich
gelichtet wird, machen meist zwei, bisweilen sogar drei Bruten mit
Gelegen von 4-6 Eiern. Überall also das Prinzip der schnellen und
reichlichen Vermehrung, wenn die Art sehr gefährdet ist, und im
Gegenteil dazu das Prinzip der Sparsamkeit, wenn eine natürliche
Bedrohung fehlt. Auf diese Weise bleibt das Gleichgewicht in dem
Tierbestande der Natur erhalten. Die Tiere, die keiner Gefahr
preisgegeben sind und meist ein Räuberleben führen, nehmen infolge
spärlicher Vermehrung nicht überhand, während arg verfolgte Tiere, die
anderen Geschöpfen zur Nahrung dienen, ihren gelichteten Bestand durch
eine reiche Vermehrung genügend ergänzen.
Die Bandwürmer leben als Finnen und im fertig entwickelten Zustande nur
in ganz bestimmten Tieren, und zwar die Finne stets in einem anderen
Tier als der Bandwurm. Die Finne des Schweines und des Rindes wird im
Darm des Menschen zum Bandwurm, die Finne der Maus im Darm der Katze
oder des Hundes. Die Finne des Quesenbandwurmes (~Taenia coenurus~),
der im Darm des Hundes lebt, haust im Gehirn der Wiederkäuer, besonders
der Schafe, und erzeugt hier die gefährliche Drehkrankheit. Die
befallenen Tiere verlieren die Orientierung, drehen sich im Kreise
herum, verweigern die Nahrung und gehen zugrunde. Auf Schäfereien soll
man daher streng vermeiden, das Gehirn solcher Schafe an Hütehunde zu
verfüttern, um eine weitere Verbreitung der Seuche zu verhindern.
Die den Bandwürmern nahestehenden Rundwürmer machen eine ähnliche
Metamorphose durch.
Im Unterschied von den Bandwürmern sind bei den Rundwürmern die
Geschlechter getrennt. Die Befruchtung der stets erheblich größeren
Weibchen erfolgt durch Begattung. Die Rundwürmer oder Kratzer haben
vorn einen mit Widerhaken besetzten Rüssel, der sich tief in den Darm
des Wirtstieres einbohrt und hier schwere Entzündungen, die häufig zum
Tode führen, erzeugen kann. Besonders gefürchtet ist der Riesenkratzer
(~Echinorhynchus hirudinaceus~). Seine Eier werden von Engerlingen der
Mai- und Rosenkäfer gefressen, in deren Leiber die Larven ausschlüpfen
und heranwachsen. Da die Schweine mit Vorliebe Engerlinge verzehren,
so werden sie sehr leicht von dem gefährlichen Schmarotzer befallen,
indem sich die Larve in dem Darm des Schweines zum Wurm umbildet. Eine
gründliche Vertilgung der Maikäfer ist auch in dieser Beziehung für den
Landwirt außerordentlich wichtig.
[Sidenote: Liebesleben der Schnecken]
Unter den niederen Tieren bieten die Schnecken viel Interessantes in
ihrem Liebesleben. Die große Schlammschnecke (~Limnaea stagnalis~),
die in unseren stehenden Gewässern überall vorkommt, ist ein Zwitter.
Jedes Tier hat sowohl männliche wie weibliche Geschlechtsteile.
Trotzdem ist eine gegenseitige Begattung die Regel, bei der das eine
Tier als Weibchen, das andere als Männchen sich betätigt. Dasselbe
Tier ist also imstande, einmal die Liebe als Frau, ein anderes Mal
als Mann zu genießen. Dagegen kommt eine gleichzeitige Betätigung der
männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane zweier Partner nicht vor.
Wohl aber kann sich ein drittes Tier zu dem Liebesakt zweier Schnecken
zugesellen. Es besteigt das obere Tier, welches sich als Männchen
betätigt, und führt in dessen freiliegende weibliche Geschlechtsöffnung
sein Zeugungsorgan ein. Diese dritte Schnecke wird häufig von einer
vierten und diese wieder von einer fünften vergewaltigt. So entsteht
eine Kette von Schnecken im Liebesrausch. Das unterste Tier tritt nur
als Weibchen, das oberste Tier nur als Männchen in Tätigkeit, alle
anderen Tiere genießen die Freuden der Liebe doppelt. Verurteilt man
die Schnecke zur Einzelhaft, so begattet das liebesdürstige Tier sich
selbst, indem es das lang vorstreckbare Zeugungsglied in seine eigne
Scheide einführt.
Bei den Landschnecken finden wir ebenfalls ein sehr ausgeprägtes
Liebesleben, in dem die Tiere durch allerlei grausame Mittel, die
geradezu sadistisch genannt werden können, sich gegenseitig reizen. Die
Landschnecken sind gleichfalls Zwitter. Die liebesbedürftigen Tiere
leiten die Begattung durch ein seltsames und lange dauerndes Vorspiel
ein. Die Schnecken richten sich in heftiger Erregung aneinander hoch,
sinken darauf wieder zurück, um eine Ruhepause von 15-30 Minuten zu
machen. Dann beginnt das Spiel von neuem, das aber jetzt sehr lange,
bisweilen bis zu zwei Stunden anhält, wobei die Tiere ihre Körper mit
den Unterseiten aneinander reiben. Der Vorgang endet damit, daß das
stärker erregte Tier seinen „Liebespfeil“, ein dolchartiges Kalkstück
seines Geschlechtsteils, mit aller Gewalt tief in den Leib des
Partners stößt. Das verwundete Tier zuckt vor Schmerz zusammen. Das
Schmerzgefühl erhöht die Geilheit, und nun erfolgt die gegenseitige
Begattung, bei der jedes Tier gibt und empfängt. Die gegenseitige
Befruchtung dauert bei einigen Schneckenarten fast eine Stunde. Die
afrikanischen Nachtschnecken besitzen ein ganzes Bündel solcher
Liebespfeile, mit denen sie den Partner durchbohren. Andere Arten haben
anstatt eines Pfeiles einen mit scharfen Dornen besetzten Lappen, mit
denen die Tiere sich reiben.
Während der Paarung erfolgt eine starke Schleimabsonderung des Körpers,
der noch lange die Spuren eines solchen Liebesdramas verrät, besonders
wenn der Schleim mit rotem Farbstoff gemischt ist, wie bei einigen
italienischen Schneckenformen.
Das komplizierte Liebesleben der Schnecken ist jedenfalls das
Eigenartigste und Wundersamste, was die Natur, die unerschöpflich ist
in ihrem Schaffen, auf diesem Gebiet ersonnen hat. --
[Sidenote: Fortpflanzung und Liebesleben der Insekten]
Auch bei den Insekten zeigen Fortpflanzung und Liebesleben manch
fesselnde und eigenartige Erscheinung.
Die Insekten oder Sechsfüßler bilden die artenreichste Klasse
im ganzen Tierreich. Die Dreizahl beherrscht die Gliederung des
Körpers, der in drei Abschnitte, Kopf, Brust und Leib zerfällt,
die deutlich voneinander abgesetzt sind. Die scharfe Abschnürung
des Leibes der Wespe von ihrer Brust ist ja als „Wespentaille“
sprichwörtlich geworden. Auch die Brust gliedert sich wieder in drei
Teile: Vorderbrust, Mittelbrust und Hinterbrust. Der Körper ist mit
einer Chitinhaut bekleidet, die aus einer höchst eigentümlichen
stickstoffhaltigen Holzmasse besteht. Das Chitin ist außerordentlich
widerstandsfähig gegen äußere Einflüsse, was am besten daraus
hervorgeht, daß sich ausgetrocknete Insektenleiber ohne besondere
Konservierung Jahrhunderte in Sammlungen aufbewahren lassen, ohne daß
sie ihre Gestalt verlieren oder irgendeine Einbuße erleiden. Bei den
Käfern bildet die sehr harte Chitinhülle einen festen Panzer, bei den
Heuschrecken ist sie eine lederartige Haut und bei den Fliegen und
Schmetterlingen dünn und weich.
Sehr wichtige Organe für das Leben der Insekten sind die am Kopf
sitzenden Fühler, die in erster Linie dem Tastsinn dienen, aber auch
das Gehör und den Geruch zu vermitteln scheinen. Die Fühler sind von
außerordentlich verschiedener Gestalt, so daß sich eine allgemeine
Angabe überhaupt nicht machen läßt. Sie sind bald kolbenförmig, bald
borstenförmig, becherartig oder fadenartig dünn und lang und bestehen
aus zahlreichen Gliedern, deren Anordnung ebenso mannigfaltig ist, so
daß man von gezähnten, geblätterten oder geschuppten Fühlern sprechen
kann.
Bei den Bockkäfern erreichen die Fühler eine außerordentliche Länge,
die bei manchen Arten die Leibeslänge um ein Vielfaches übertrifft.
Die Bockkäfer gebrauchen ihre langen Fühler als Balancierstangen beim
Klettern, indem sie dieselben seitwärts ausstrecken.
Die Insekten atmen nicht durch den Mund, sondern durch Öffnungen
(Stigmen) am Leibe und der Brust, die mit einem den Körper
durchziehenden Röhrensystem, Tracheen genannt, in Verbindung stehen.
Fast alle Insekten machen in ihrer Entwicklung eine Metamorphose
durch. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die sich verpuppen. Aus der
Puppe entsteht dann erst das fertige Insekt, Imago genannt. Larve und
Imago sehen ganz verschieden aus, wie es ja unverkennbar in der Raupe
und dem Schmetterling sich ausprägt. Die Puppen sind „freie Puppen“,
wenn die Gliedmaßen des Insekts bereits frei liegen, man nennt sie
„Mumienpuppen“, wenn sie ein geschlossenes Ganzes bilden, an dem
die Leibesteile des fertigen Insekts nur durch Furchen oder geringe
Erhöhungen angedeutet sind, und „Tönnchenpuppen“, wenn die Puppe mit
einer besonderen Hülle, dem Kokon, umgeben ist.
Bisweilen fehlt das Puppenstadium. So bildet sich in der im Wasser
lebenden Larve der Libelle allmählich das fertige Insekt aus. Die
verwandlungsfähige Larve kriecht an einem Pflanzenstengel aus dem
Wasser heraus, ihre Haut platzt auf dem Rücken auf und die fertige,
geflügelte Libelle steigt heraus wie ein Phönix aus der Asche.
Die Dauer des Larvenzustandes und der Puppenruhe wie die Lebenszeit des
fertigen Insekts sind sehr verschieden. Meist spielt sich der ganze
Vorgang im Laufe des Sommers ab, und das Insekt stirbt gleich nach
der Fortpflanzung noch vor dem Winter. Die Lebenszeit der Insekten
ist also eine recht kurze. Häufig folgen sich sogar zwei oder mehrere
Generationen im Laufe des Sommers. Nach ihrer kurzen, bisweilen nur
nach Stunden zählenden Lebensdauer führt die Eintagsfliege ihren Namen.
Die Eintagsfliegen entwickeln sich wie die Libellen ohne Puppenstadium
unmittelbar aus der ans Land steigenden Wasserlarve, um sofort ihren
luftigen Hochzeitsreigen zu beginnen. Ihr kurzes Dasein, das jedoch
nicht immer nur auf einen Tag beschränkt ist, sondern bisweilen auch
2-3 Tage währen kann, ist einzig und allein dem Liebesleben gewidmet.
Die zarten Tiere haben nur verkümmerte, unbrauchbare Mundteile und
nehmen keine Nahrung zu sich. Alles ist auf das Geschlechtsleben
eingestellt. Die Männchen vereinigen sich zu Tausenden und Millionen,
um über dem Wasserspiegel ihre gemeinsamen Tänze aufzuführen, an denen
die Weibchen nicht teilnehmen. Erscheint ein Weibchen in der Nähe des
Tanzplatzes, so stürzen sich mehrere Männchen auf den begehrten Schatz.
Eins von ihnen vereinigt sich mit dem Weibchen, während die übrigen
sich wieder der tanzenden Schar zugesellen, um vielleicht das nächste
Mal mehr Glück zu haben.