die beiden ersteren erhalten geblieben sind.
Die Eiszeit brachte auch den Moschusochsen aus Nordamerika zu uns
herüber, der dann später wieder aus Europa verschwand und nur in
Grönland sich noch erhalten hat.
Das langhaarige Fell gibt dem Moschusochsen einen vortrefflichen
Schutz gegen die Kälte. Der Moschusochse erinnert in seiner massigen,
plumpen Figur zwar an einen Ochsen, hat aber sonst, besonders in der
Kopfbildung, eine große Ähnlichkeit mit dem Schaf. Der sehr kurze, nur
wenige Zentimeter lange Schwanz ist in dem dichten, langhaarigen Pelz
verborgen.
[Sidenote: Abstammung des Haushundes]
Die Eiszeit vermochte auch die Raubtiere nicht völlig zu verdrängen.
Höhlenbär, Höhlenlöwe und Höhlenhyäne trieben ihr Unwesen. Unter
ihnen war der Höhlenbär am häufigsten vertreten, wie die überaus
zahlreichen Knochenreste, die man in unterirdischen Höhlen des
Diluvium aufgefunden hat, beweisen. Auch Tiger, Panther und Vielfraß
lebten noch im Diluvium in unseren Breiten. „Aber zwischen diese
reiche Musterkarte wilder Bestien“, sagt +Bölsche+, „schiebt sich ein
mildes Bild: auch aus ihrer Reihe sonderte sich der Mensch damals
einen unschätzbaren Freund, den Hund. Seine ersten Reste erscheinen
in den uralten Menschensiedlungen der Schweizer Seen, den sogenannten
Pfahlbauten und in gewissen Abfallhaufen, die sich ebenfalls als Spuren
des vorgeschichtlichen Menschen in Dänemark noch erhalten haben. Aus
der Art, wie in diesen Müllgruben aus urgrauer Zeit die weggeworfenen
Tierknochen der Mahlzeiten charakteristisch benagt und dezimiert sind,
hat man wohl mit Recht geschlossen, daß der Hund hier bereits ein
ständiger Gesellschafter des Menschen war.“ Über die Abstammung des
Haushundes ist man auch heute noch nicht im klaren. Wahrscheinlich ist
er aus verschiedenen Wildhundformen hervorgegangen, wofür in erster
Linie Wolf und Schakal in Betracht kommen, während der Fuchs und
seine Verwandten wohl auszuscheiden sind. Die ersten Haushundreste,
die aus der Steinzeit bekannt sind, zeigen einen spitzartigen Typus.
Dieser „Torfspitz“ scheint ebenso wie die altägyptischen Hunde vom
Schakal abzustammen. Die zahlreichen Hunderassen, die sich im Laufe
der Jahrtausende herausgebildet haben, sind zum Teil anscheinend
verschiedenen Ursprungs, zum Teil durch Vermischung der Rassen
entstanden. --
[Illustration:
Abbildung 3 Aus dem Museum für Naturkunde in Berlin
Ameisenigel
Eierlegendes Säugetier]
[Illustration:
Abbildung 4 Aus dem Museum für Naturkunde in Berlin
Schnabeltier
Eierlegendes Säugetier]
[Illustration:
Abbildung 5 James’ Preß Agency, London
Eichhörnchen-Flugbeutler
Vorder- und Hinterfüße sind durch eine Flughaut verbunden, die einen
Gleitflug ermöglicht]
[Sidenote: Riesenalk]
Unter den Vögeln der Eiszeit ist an erster Stelle der Riesenalk zu
nennen, ein etwa metergroßer Tauchvogel mit verkümmerten, zum Fliegen
unfähigen Flügeln. Er hat sich bis in die Neuzeit hinübergerettet,
und erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts sind die letzten Reste
dieses interessanten Naturdenkmals durch den Menschen ausgerottet
worden. Ausgestopfte Exemplare und Eier des Riesenalks stehen noch in
den Museen als Zeugen verklungener Zeiten.
[Sidenote: Dronte]
Eine andere erst in historischer Zeit ausgestorbene, uralte Vogelart
ist die Dronte, eine flugunfähige Taube der Insel Mauritius. Dieser
gänsegroße, eigentümliche Vogel hatte einen dicken, plumpen Körper nach
Art des gemästeten Federviehs heutiger Zeit, sehr kurze, stummelartige
Flügel und einen aus gekräuselten Federn bestehenden, hochgerichteten
Schwanz. Das Gefieder war hellgrau, Schwanz- und Flügelfedern gelb,
der Schnabel gelb mit roter Spitze. Leider ist dieser am Ende des 17.
Jahrhunderts ausgerottete Vogel der Nachwelt nicht erhalten geblieben,
denn das letzte ausgestopfte Stück vernichtete der Unverstand des
Konservators des Museums in Oxford im Jahre 1755, weil der Balg von
Motten angefressen war. ~Sic transit gloria mundi!~
[Sidenote: Stammesgeschichte d. Menschen]
Die Eiszeit hat uns hinübergeführt zu dem jüngsten Abschnitt der
Erdgeschichte, zur Quartärzeit, die ihre besondere Bedeutung dadurch
erhält, daß jetzt auch der Mensch in die Reihe der Lebewesen tritt.
Die Spuren des Menschen lassen sich mit Sicherheit nur bis in das
Diluvium verfolgen. Der Streit über den tertiären Menschen ist noch
keineswegs geschlichtet. Noch immer fehlen sichere Anhaltspunkte für
das Vorhandensein des Menschen in der Tertiärzeit.
Während zahlreiche, versteinerte Knochenreste uns über die Entwicklung
vieler Tiere Aufschluß geben, fehlen solche Wahrzeichen früherer
Ahnenstufen beim Menschen. „Wahrlich, wenn ein verbriefter Stammbaum“,
sagte +Branco+ in seinem Vortrag über den fossilen Menschen auf dem
V. Internationalen Zoologen-Kongreß 1901 zu Berlin, „eine lange
Ahnenreihe, wie viele meinen, die Berechtigung gewährte, auf andere
herabzublicken, die solchen Stammbaum nicht besitzen -- die Schweine
und Rhinozeronten, das Rindvieh und manch andere Wiederkäuer, Kamele,
Pferde, Elefanten, die könnten voll Stolz und voll Hochmut auf den
Menschen niederblicken, der als ahnenloser Parvenü plötzlich in ihrer
Mitte dasteht.“ --
[Sidenote: Neandertalrasse, Pithecanthropus]
Der Neandertalmensch kann nach heutiger Anschauung der Anthropologen
nicht als Vorläufer der heutigen Menschen betrachtet werden. Zwar
zeigt der lange Schädel mit seinen vorspringenden Augenbrauenbögen und
der nach rückwärts fliehenden Stirn eine größere Ähnlichkeit mit dem
Schädel der Menschenaffen, als es bei den heutigen Menschenschädeln,
den Kurzköpfen, der Fall ist, aber er kann trotzdem nicht als frühere
Ahnenstufe gelten, da er nicht ausschließlich diluvialer Herkunft
ist, sondern gleiche Schädel zusammen mit normalen Kurzschädeln auch
im Alluvium gefunden sind. Die Neandertalmenschen haben also mit den
Kurzschädeln zusammengelebt. Es handelt sich daher nicht um eine
Vorstufe in der Ahnenreihe des Menschen, sondern nur um eine Rasse. Man
darf wohl annehmen, daß die Flachköpfe geistig weniger begabt waren als
die Rundköpfe mit ihrem größeren Hirnraum und daher im Kampf ums Dasein
unterlegen sind.
In großer Zahl sind Flachkopfschädel, die völlig den Typ des
Neandertalmenschen tragen, in Krapina in Kroatien ausgegraben worden.
Sie stammen alle aus dem Alluvium, aus der jüngsten Zeit der
Erdgeschichte. Hier scheint sich also die Flachkopfrasse neben der
kurzköpfigen Form am längsten erhalten zu haben.
Nicht viel besser als mit dem Neandertalmenschen steht es mit dem
berühmten, heiß umstrittenen Pithecanthropus, jenem Schädelfragment,
das der Holländer +Dubois+ 1891 auf Java fand, und das das größte
Aufsehen erregte. Das sehnsüchtig gesuchte Mittelding zwischen Mensch
und Affe sollte endlich entdeckt sein! Pithecanthropus ist wie der
Neandertalschädel ein Flachkopf, aber die Affenmerkmale sind noch
ausgeprägter. Er ist flacher, und die Augenbrauenbögen treten noch
stärker hervor. Die Höhe des Schädeldachs über der Längsachse beträgt
61 ~mm~ gegen 85 ~mm~ beim Neandertalschädel und 100-110 ~mm~ beim
heutigen Menschen. Die Höhe des Schimpansenschädels beträgt 45 bis
50 ~mm~. Pithecanthropus steht also in dieser Beziehung in der Mitte
zwischen dem modernen Menschen und den Menschenaffen. Die Gelehrten
stritten sich, ob man es mit einem Menschenaffen, einem Menschen oder
gar mit einem Übergang zwischen beiden zu tun habe, und noch heute ist
dieser Streit nicht endgültig ausgefochten, und er wird kaum jemals
ausgetragen werden können, wenn nicht weitere Funde folgen, denn das
Schädelfragment genügt nicht, um ein endgültiges Urteil zu fällen.
Außer dem Schädelbruchstück wurde in 15 ~m~ Entfernung noch ein
Oberschenkelknochen zutage gefördert, der jedoch so menschenähnlich
ist, daß er zu dem affenartigen Schädel wenig paßt, sondern vielleicht
von einem richtigen Menschen stammt. Beide Knochenreste lassen sich
daher kaum miteinander in Beziehung bringen, denn sie scheinen
nicht demselben Wesen anzugehören, sondern zwei ganz verschiedenen
Geschöpfen. Infolgedessen hat auch der Entdecker dieses rätselhaften
Fundes +Dubois+ in seiner neuesten Abhandlung über Pithecanthropus
in den Veröffentlichungen der Kgl. Akademie der Wissenschaften
in Amsterdam, den Schenkelknochen bei seinen Ausführungen ganz
ausgeschaltet. +Dubois+ sucht in dieser Schrift nachzuweisen, daß
Pithecanthropus bereits ein Mensch gewesen sei, jedoch mit sehr flacher
Schädelbildung. Hiermit würde Pithecanthropus seine ihm von vielen
Seiten bisher zuerkannte Bedeutung als Übergangsform zwischen Mensch
und Affe verlieren. Das letzte Wort über diesen interessanten Fund ist
jedoch auch hiermit noch nicht gesprochen. --
In jüngster Zeit wurden in Südafrika zwei neue Funde gemacht, die
für die Frage nach der Stammesgeschichte der Menschheit von größtem
Interesse sind.
[Sidenote: Rhodesiamensch]
Im Jahre 1921 wurde in Broken Hill in Nord-Rhodesia ein Menschenschädel
ausgegraben, der durch stark hervortretende Augenbrauenbögen, flache
Stirn und weit vorgeschobene Kiefer noch affenähnlicher erscheint
als der Neandertalmensch, und nach dem Urteil des französischen
Anthropologen +Marcellin Boule+ sogar eine gewisse Übereinstimmung mit
dem Gorillaschädel zeigt. Hiernach scheint also der Rhodesiaschädel
eine ältere Stufe in der Entwicklung der Menschheit darzustellen als
der Neandertaler. Im Widerspruch zu dieser Erscheinung steht jedoch
ein anderes sehr merkwürdiges Merkmal. Während am Neandertalschädel
das Hinterhauptloch, durch das das Rückenmark in den Schädel tritt,
so liegt, daß der Kopf nicht aufrecht, sondern etwas nach vorn
geneigt getragen wurde, weist die Stellung des Hinterhauptlochs am
Rhodesiaschädel bereits auf eine völlig aufrechte Kopfhaltung hin, wie
sie der rezente Mensch hat. Im Gegensatz zu dem stark ausgeprägten
Affentyp spricht dies Merkmal für eine höhere Entwicklungsstufe als der
Neandertalmensch.
Die jüngste Untersuchung des interessanten Fundes durch den deutschen
Anatom +Maurer+ ergab nun eine überraschende Aufklärung über sein
Alter. Maurer erkannte nämlich eine Verletzung, die durch den Schuß
eines modernen Geschosses hervorgerufen zu sein scheint. Es läßt sich
deutlich ein Ein- und ein Ausschuß im Schädel feststellen. Trifft
dies Merkmal zu, das von englischen Gelehrten wunderbarerweise bisher
nicht beachtet worden ist, dann kann es sich nicht um einen Fund aus
prähistorischer Zeit handeln, sondern der Mensch, der den Schädel
getragen hat, muß in unserer Zeit gelebt haben. Nicht mit Unrecht hat
man daher darauf hingewiesen, daß vielleicht in einer unbekannten
Gegend im Innersten Afrikas noch heute Menschen leben, die der
Neandertalrasse nahestehen. Eine solche Vermutung ist durchaus nicht
unglaubwürdig, wenn man bedenkt, daß erst vor einem Vierteljahrhundert
ein neues Säugetier, das Okapi, dessen Vorfahren bereits aus dem
Miozän Europas bekannt waren, entdeckt wurde. Das Okapi ist ein etwa
1,5 ~m~ hoher, den Giraffen nahverwandter Paarhufer. Ebenso wie die
Giraffe trägt das Okapi zwei Hornzapfen auf der Stirn. Von dem rotbraun
gefärbten Fell des Körpers heben sich die zebraartig schwarz und weiß
gestreiften Läufe und Hinterschenkel eigenartig ab. Das Okapi wurde
1901 im Kongostaate entdeckt.
[Sidenote: Australopithecus]
Dem Rhodesiaschädel folgte im Jahre 1924 ein zweiter, vielleicht
noch bedeutungsvollerer Fund. Im Dezember des genannten Jahres wurde
in Taungs in Betschuanaland in Südafrika ein Menschenaffenschädel
ausgegraben, der mit ziemlicher Gewißheit als tertiär angesprochen
werden kann. Es ist der Schädel eines dem Schimpansen nahestehenden
großen Affen, dessen Lebensalter nach dem Gebiß auf 3-4 Jahre
einzuschätzen ist. Es handelt sich also um den Schädel eines noch
im Kindesalter stehenden Menschenaffen. Für die Jugend des Schädels
spricht auch sein sehr menschenähnlicher Bau, denn bei allen Affen
ist in der Kindheit der Gesichtsteil viel menschenähnlicher als im
Alter, wo das Tierische mehr zum Ausdruck kommt. Der Kopf des jungen
Affen mit der gewölbten Stirn ist runder und besser proportioniert.
Die Augenbrauenbögen treten noch nicht wulstartig hervor, und die
Prognathie der Kiefer, die gerade den tierischen Ausdruck erhöht,
ist noch weniger ausgeprägt. Erst mit dem zunehmenden Alter schieben
sich die Kiefer vor, erscheinen die Wülste über den Augen und flacht
sich die Stirn ab, wodurch sich der menschenähnliche Ausdruck des
Gesichts mehr verliert und das Tierische stärker betont wird. Der
sehr menschenähnliche Typ des Taungsaffen, den der britische Anatom
+Raymond Dart+ in Johannesburg „~Australopithecus africanus~“ benannt
hat, darf also nicht stammesgeschichtlich bewertet werden. Es ist nur
eine natürliche Folgeerscheinung des sehr jugendlichen Alters des
Affen, aber nicht ein Hinweis auf eine höhere Entwicklungsstufe in der
Richtung zum Menschen.
Australopithecus zeigt aber ein anderes, sehr auffälliges Merkmal,
das ihn zweifellos über die heutigen Menschenaffen erhebt und ihn
dem Menschen näherstellt. Der Gehirnraum des Schädels ist nämlich
auffallend groß und entspricht etwa dem Hirnraum eines erwachsenen
Gorillas. +Dart+ hat nun für den erwachsenen Australopithecus eine
Schädelkapazität von 650-700 ~ccm~ berechnet. Australopithecus hat also
ein größeres und besser entwickeltes Gehirn besessen als die heutigen
Menschenaffen, deren Schädelkapazität im Höchstmaß 500 ~ccm~ beträgt.
Für den wahrscheinlich diluvialen Pithecanthropus wird eine
Schädelkapazität von ~ca.~ 900 ~ccm~ angegeben. Australopithecus reiht
sich also in bezug auf die Hirngröße zwischen Pithecanthropus und die
rezenten Menschenaffen ein.
Wie wir sahen, ist Pithecanthropus, bevor keine weiteren, besser
erhaltenen Schädel aufgefunden werden, für die Stammesgeschichte
des Menschen kaum zu verwerten, da noch nicht einmal aufgeklärt
ist, ob es sich um einen Affen oder einen Menschen handelt. Dagegen
ist Australopithecus zweifellos ein Affe gewesen, und zwar ein
Menschenaffe, mit auffallend hoch entwickeltem Gehirn. Ebenso wie einst
Pithecanthropus als Bindeglied zwischen Mensch und Affe betrachtet
wurde, trägt auch +Dart+ kein Bedenken, seinen Australopithecus als
Übergangsform zwischen Mensch und Tier anzusehen, ob mit Recht oder
Unrecht, das wird erst die weitere Forschung zeigen.
Spärlich sind bis heute die Funde, die für die Stammesgeschichte der
Menschheit Bedeutung haben. Aber die spärlichen Funde haben doch einen
großen, nicht zu unterschätzenden Wert. Sie zeigen uns, daß der Mensch
nicht immer so beschaffen war, wie er heute ist, sondern daß auch er
sowohl körperlich wie geistig manche Umwandlung erfahren hat. Der
Neandertalmensch mit seinem flacheren, mehr tierischen Schädel stand
zweifellos auf einer geringeren Stufe der Intelligenz als der heutige
Mensch. Dasselbe gilt wohl in noch höherem Maße vom Rhodesiamenschen,
von dem vielleicht letzte Überreste noch heute ihr Dasein fristen
in unbekannter Gegend Afrikas. In Gegensatz zu diesen primitiven
Urmenschen tritt der Überschimpanse Australopithecus mit seinem für
einen Affen auffallend hoch entwickelten Gehirn. Die Kreise berühren
sich. Hier der Mensch auf niedriger Entwicklungsstufe, dort der Affe
in hoher geistiger Vollkommenheit! Überall leuchtet das eine Wort
„Entwicklung“ hervor!
Welche Überraschungen haben uns die paläontologischen Funde bereits
gebracht, und wieviel Neues dürfen wir bei der rastlosen Forschung
der Wissenschaft noch erhoffen. Jeder Tag kann einen neuen Fund
bringen, der unerwartetes Licht in den Schatten der Stammesgeschichte
der Menschheit wirft, die zweifellos die interessanteste Frage der
Wissenschaft bildet.
Fortpflanzung und Liebesleben
Geburt, Aufstieg, Niedergang, Tod. Dies sind die Gesetze, die des
Lebens Kreislauf mit eiserner Strenge umschließen, und doch gibt es
Lebewesen, die das Angesicht des Todes nicht zu schauen brauchen, denen
die Natur ein ewiges Dasein geschenkt hat. Es sind jene kleinsten
Organismen, die wir als Infusorien im Wassertropfen unter dem Mikroskop
bewundern.
[Sidenote: Einzeller]
Die Infusorien gehören zu den einzelligen Tieren, Protozoen, die im
Wasser, auf dem Lande oder parasitär im Körper anderer Tiere wohnen.
Der Körper aller Lebewesen ist aus unzähligen kleinsten Bausteinen,
Zellen genannt, zusammengesetzt, die die Grundform, den Urstoff alles
Lebens bilden. Jede Zelle besteht aus einer flüssigen Masse, dem
Protoplasma mit einem inneren Kern. Solche Zelle, als Einzelwesen
gedacht, ist das Urtier oder der Einzeller.
[Sidenote: Fortpflanzung durch Teilung und Knospung]
Die einfachste Art der Fortpflanzung geht durch eine Teilung des
Urtiers in zwei neue Lebewesen vor sich. Der Körper spaltet sich
entweder in der Länge oder in seiner Breite in zwei gleiche Teile, die
jeder ein neues Tier darstellen. Das Muttertier stirbt nicht, sondern
lebt in veränderter Form weiter.
Häufig erfolgt anstatt der Zweiteilung auch eine Vielteilung. Der
Zellkörper löst sich in zahlreiche Sporen oder Gameten auf, welche
sich paarweise verschmelzen und zu einem neuen Einzeller werden. Die
einzelnen Gameten sind entweder gleichwertig oder aber verschieden
in der Größe. Im letzteren Falle vereinigt sich stets eine größere
Gamete mit einer kleineren, so daß man die beiden Gametenformen
mit der Ei- und Samenzelle höherer Tiere vergleichen kann und ihre
Verschmelzung, wissenschaftlich „Kopulation“ genannt, als der Beginn
einer geschlechtlichen Fortpflanzung angesehen werden darf.
Bei einigen Infusorien kommt neben der Teilung und der Kopulation
sogar eine regelrechte Paarung zweier Elterntiere vor. Zwei
Infusorien schwimmen umeinander herum, suchen sich zu berühren, bis
eine vorübergehende Vereinigung erfolgt, bei der die Kerne ihres
Innenkörpers sich teilen und Kernstücke gegenseitig ausgetauscht
werden, die dann wieder in jedem Tier zu einem einheitlichen Kern
verschmelzen. Auf diese Weise wird der Zelle neue Kernsubstanz
zugeführt, wodurch die Lebensenergie erhöht wird. Diese Paarung,
die man „Konjugation“ nennt, scheint für viele Einzeller eine
Lebensnotwendigkeit zu sein. Versuche ergaben, daß eine dauernde
Fortpflanzung durch Teilung ohne zeitweise Konjugation zur Entartung
führt. Die neuen Generationen werden immer kleiner, verlieren die
Beweglichkeit und damit auch die Fähigkeit, sich zu ernähren, und gehen
schließlich zugrunde. Die fehlende Konjugation wirkt also ähnlich wie
eine übertriebene Inzucht bei höheren Tieren.
Wieder andere Urtiere pflanzen sich durch Knospung fort, indem sich vom
Muttertier kleine Einzelzellen abschnüren.
Die Zählebigkeit der Urtiere ist außerordentlich groß. Die Infusorien
umgeben sich, wenn das Wasser austrocknet, mit einer Hülle (Zyste)
und trotzen in diesem Zustande allen Witterungseinflüssen. Sie irren
im Staube vom Winde getragen umher, bis sie schließlich wieder ins
Wasser gelangen, um zu neuem Leben zu erwachen. Hierauf beruht die
Erscheinung, daß reines, destilliertes Wasser, wenn es unbedeckt
hingestellt wird, in kurzer Zeit mit Infusorien erfüllt ist. Eine
Urzeugung, wie man früher glaubte, findet im Wasser nicht statt,
sondern die kleinen Lebewesen gelangen durch die Luft im enzystierten
Zustande hinein.
Die Gestalt der Urtiere ist sehr verschieden, sackförmig, becherförmig,
rund oder länglich, und wechselt bei der flüssigen Körpermasse
außerordentlich leicht. Ferner finden sich formunbeständige Fäden und
Anhängsel am Körper, die der Fortbewegung und der Nahrungsaufnahme
dienen. Andere haben zahllose kleine Wimpern, mit denen sie im Wasser
rudern. Alle diese Anhängsel, die keine eigentlichen Organe sind,
sondern Ausstülpungen des Protoplasmas, nennt man „Organellen“.
Sogar Sinnesorganellen treten in Form feiner Borsten auf, die ein
Tastvermögen ermöglichen. Bei den Strahlentierchen (Radiolaria)
finden wir bereits die ersten Anfänge einer Skelettbildung in Form
von kleinen, feinen Stäbchen aus Kiesel, Kieselsäure oder Quarz,
also aus mineralischer Substanz. Sie liegen entweder lose in dem
Protoplasmakörper eingebettet oder bilden ein Gitterwerk von allen
möglichen zierlichen und absonderlichen Gestalten, wie Blüten, Reusen,
Flaschen, Körbchen, Schalen, Spangen, Kreuze oder mehrarmige Leuchter.
Schier unerschöpflich ist die Fülle der eigenartigen Formen, die
bisweilen von bezaubernder Schönheit sind, so daß die Begeisterung,
mit der ein +Haeckel+ von diesen „Kunstformen der Natur“ spricht,
vollauf zu verstehen ist.
Die Urtiere zeigen Reaktionen auf gewisse Reize. Sie schwimmen dem
Lichtschein nach, verändern ihre Gestalt bei starker, plötzlicher
Belichtung oder bei Erschütterung und werden durch chemische
Einflüsse angezogen oder abgestoßen. Man hat geglaubt, hieraus auf
ein Seelenleben der Urtiere schließen zu dürfen. Andere Forscher
widerlegen nicht mit Unrecht diese Annahme mit dem Hinweise, daß z. B.
ein Quecksilbertropfen durch chemische Einwirkung zu einer höchst
auffallenden Beweglichkeit und Veränderung seiner Gestalt veranlaßt
werden kann. Sie sehen daher in den Bewegungen der Urtiere weiter
nichts als mechanische, unbewußte Reaktionen auf äußere Reize, die mit
bewußter Empfindung und Seelenleben nichts zu tun haben, ebensowenig
wie wir auch bei der Pflanze von einem wirklichen Seelenleben sprechen
können.
Welche von beiden Anschauungen die richtige ist, läßt sich freilich
schwer entscheiden, doch kann man immerhin vermuten, daß das Urtier
mit seinem einzelligen Körper, der die elementarste Stufe des Lebens
darstellt, wohl kaum ein seelisches Empfinden besitzt, das ein
zielbewußtes Handeln zur Folge hat.
[Sidenote: Vielzeller]
Alle vielzelligen Lebewesen, die Tiere sowohl wie der Mensch, beginnen
ihr Dasein als Einzeller. Die Eizelle des weiblichen und die Samenzelle
des männlichen Geschlechts sind solche Einzeller.
[Sidenote: Haeckels Biogenetisches Grundgesetz]
Der Anfang der Keimesgeschichte führt also stets auf das einzellige
Urwesen zurück. Der Aufbau des aus der Verschmelzung von Ei-
und Samenzelle entstehenden Körpers läßt sich ebenfalls mit der
Entwicklungsgeschichte der Urtiere vergleichen, denn der Prozeß ist
ein gleicher. Das Urtier pflanzt sich fort durch Teilung in mehrere
Einzelwesen. Ebenso spaltet sich auch die befruchtete Eizelle
in verschiedene Produkte, aus denen sich im Laufe der weiteren
Entwicklung die Teile des Körpers und seiner Organe bilden. Während
bei dem Urtier aus der Teilung selbständige Einzelwesen hervorgehen,
die ein individuelles Leben führen, bleiben bei der Teilung der
Eizelle die Abschnitte im Zusammenhang, um in engster Gemeinschaft
einen Einheitsstaat zu gründen, der in seiner Zusammengehörigkeit
einen einheitlichen Körper darstellt. Die einzelnen Zellen des
ersten Teilungs- oder Furchungsprozesses hat der um den Ausbau der
Entwicklungslehre so verdiente Forscher +Ernst Haeckel+ „Blastula“
genannt. Mit der Blastulabildung beginnt die Embryonalentwicklung
aller höheren Lebewesen. +Ernst Haeckel+ sieht in diesen Vorgängen
der Ontogenie der Vielzeller einen Beweis für ihre Abstammung von
einzelligen Urtieren und begründete hierauf sein „Biogenetisches
Grundgesetz“, das besagt, daß die Ontogenie (Keimesgeschichte) eine
Wiederholung der Phylogenie (Stammesgeschichte) ist.
[Sidenote: Blastula und Gastrulation]