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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1926 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht
mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Der Übersichtlichkeit halber wurden die Fußnoten an das Ende der
jeweiligen Kapitel verschoben.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
folgenden Symbole gekennzeichnet:
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Antiqua: ~Tilden~
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Friedrich von Lucanus
Im Zauber des Tierlebens
*
Dieses Buch
wurde als vierter Band der
siebenten Jahresreihe für die Mitglieder
des Volksverbandes der Bücherfreunde
hergestellt und wird nur an diese abgegeben.
Den Einband entwarf August Becker.
Das echte Ziegenleder wurde von der
Lederfabrik Carl Simon Söhne G. m. b. H.
in Kirn an der Nahe
geliefert
Nachdruck verboten
Copyright 1926 by Volksverband der Bücherfreunde
Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin
[Illustration: F. v. Lucanus]
Im Zauber des Tierlebens
von
Friedrich von Lucanus
*
Mit einem Bildnis
des Verfassers und 32 Abbildungen
*
[Illustration]
Volksverband der Bücherfreunde
Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
Berlin 1926
Inhaltsverzeichnis
Tiere der Vorwelt 11
Zeitalter der Erdgeschichte, ihre Tierwelt. Morgenrötetier.
Brückenechse. Lanzettfisch. Saurier der Sekundärzeit. Das Mammut
und andere Altelefanten. Der Urvogel Archäopteryx. Die Tierwelt
des Tertiär. Entstehung des Pferdes. Die Eiszeit. Riesenhirsch.
Moschusochse. Abstammung des Haushundes. Riesenalk und Dronte.
Stammesgeschichte des Menschen, Neandertalrasse, Pithecanthropus,
Rhodesiamensch, Australopithecus.
Fortpflanzung und Liebesleben 40
Einzeller. Fortpflanzung durch Teilung und Knospung. Vielzeller.
Haeckels Biogenetisches Grundgesetz. Blastula und Gastrulation.
Schwämme, Hohltiere und Strahlentiere. Fortpflanzung der Würmer.
Trichine, Bandwurm. Naturgesetze der Fruchtbarkeit. Liebesleben
der Schnecken. Fortpflanzung und Liebesleben der Insekten.
Parthenogenesis. Bienen, Ameisen, Ibisfliege, Gallwespe,
Schlupfwespen. Polyembryonie. Eineiige und zweieiige Zwillinge.
Fortpflanzung, Brutpflege und Liebesleben der Fische, Amphibien
und Reptilien. Der künstliche Brutofen der Wallnister oder
Großfußhühner. Perverses Liebesleben der Laufhühnchen. Winterbrut
des Kreuzschnabels. Herbstbrunft des Rothirsches. Rauschzeit des
Schwarzwildes im Winter. Fortpflanzung des Rehes und der Fledermäuse.
Eierlegende Säugetiere. Beuteltiere. Der Dingo, ein Wildhund
Australiens.
Biotechnik 84
Die Schwimmblase des Fisches und ihre Bedeutung. Darmatmung.
Hauptsinnesorgane der Fische. Ohr der Fische, seine Bedeutung als
Gleichgewichtssinn und Geschwindigkeitsmesser. Das Schwimmen der
Fische, Säugetiere und Vögel. Schwimmen der Quallen. Nesselorgane
der Quallen als Dynamitbomben. Kletterbewegungen der Affen. Der
Affenschwanz als Klammerorgan. Das Fliegen der Lurche, Kriechtiere,
Fische, Säugetiere, Insekten und Vögel. Die Technik des Fliegens.
Fluggeschwindigkeit und Flugdauer der Vögel. Stimme und Gesang
der Vögel. Instrumentallaute des Storches, der Spechte, der
Bekassine und der Enten. Instrumentallaute der Fische. Stimme
der Lurche. Instrumentallaute der Reptilien. Klapperschlange,
Klappschildkröte, Wundergecko. Das Zirpen der Heuschrecken, Grillen
und Zikaden. Totenuhr. Kraftleistungen der Insekten. Holzwespen
zerstören Stahlmantelgeschosse. Schnellapparat der Schnellkäfer.
Pfeilschwanzkrebse. Elektrische Tiere. Zitterwels, Zitteraal,
Zitterrochen. Besondere Instrumente: Eckzähne des Walrosses,
Stoßzähne des Elefanten, Horn des Nashorns. Schwertfisch, Sägefisch,
Hammerfisch. Seihapparat des Walfischmauls und der Wasservögel.
Der Vogelschnabel als technisches Werkzeug. Die Saugzunge der
Honigsauger, die Pinselzunge der Loris, die Löffelzunge des
Ararakakadus.
Wanderungen 130
Wanderungen der Zugvögel: Entfernung der Winterherberge,
Schnelligkeit des Wanderfluges, Zugstraßen und Zug in breiter Front.
Entstehung und Ursachen des Zuges. Tag- und Nachtwanderer. Geselliger
und einsamer Zug. Fluganordnungen auf dem Zuge. Zugrichtungen,
Höhe des Zuges. Orientierung. Wanderungen des Tannenhähers und
Steppenhuhnes. Wandertaube und Karolinasittich. Wanderungen des
Bisons. Bison, Wisent und Auerochse. Maßnahmen zur Erhaltung des
Wisents in Europa. Rentier und Moschusochse. Wanderungen der
Lemminge, Eichhörnchen, Ratten und Mäuse. Wanderungen des Aals und
Lachses. Wanderungen der Schollen, anderer Flachfische und der
Heringe. Heringsberge. Heringsfischerei. Orientierung der Fische
und Vögel auf den Wanderungen. Heuschreckenplagen. Raupen der
Prozessionsspinner.
In Nacht und Finsternis 172
Maulwurf und Goldmull. Guacharo. Ziegenmelker, Eulen und Kiwi.
Koboldmaki. Olm, Blindwühlen, Ringelechsen, Blindschlangen,
Geckos. Tierleben der Tiefsee. Leuchtorgane der Tiefseetiere.
Tiefseeexpeditionen. Leuchtkäfer. Leuchtorgane der Prachtfinken.
Bedeutung buntfarbiger Schnabelränder junger Sperlingsvögel.
Winterschlaf und Sommerschlaf der Amphibien, Reptilien und
Fische. Winterschlaf der Säugetiere: Haselmaus, Gartenschläfer,
Siebenschläfer, Murmeltier, Fledermäuse, Hamster, Ziesel. Abnormer
Sommerschlaf des Siebenschläfers. Dachs und Bär.
Kunst und Handwerk im Leben der Tiere 213
Kunstbauten des Bibers. Leben des Maulwurfs, sein Brunnenbau. Nest
der Zwergmaus. Der Ringelschwanzphalanger. Nest- und Fallenbau des
Eichhorns. Netze der Spinnen. Erdbau der Minierspinne. Fallgrube
des Ameisenlöwen. Kunst der Pillendreher. Leichenbestattung der
Totengräber. Bauten der Bienen, Wespen, Ameisen. Gartenbau,
Pilzkulturen und Ackerbau der Ameisen. Burgen der Termiten.
Vogelnester. Die Vögel als Erdarbeiter, Zimmerleute, Töpfer,
Korbflechter, Weber, Pfahlbauer und Schneider. Webeameisen.
Sammelkörbchen der Bienen. Stachelkleid des Igels. Nestbau der
Fische. Beruhen die Kunstbauten der Tiere auf Intelligenz? Bedeutung
der angeborenen Triebe. Das Fliegen und Schwimmen der Vögel, die Art
ihres Nahrungserwerbs und Nestbaues. Die Kunstbauten des Bibers als
Triebhandlungen. Affekte, Verwertung von Erfahrungen. Assoziation.
Artliche und individuelle Unterschiede in der geistigen Begabung.
Gehirn der Vögel. Intelligenz der Menschenaffen. Anthropoidenstation
auf Teneriffa. Gebrauch von Werkzeugen durch Affen. Gedächtnis
des Schimpansen und anderer Tiere. Begriff des Zeitunterschieds
und das Ichbewußtsein beim Tier. Soziales Leben des Schimpansen.
Geselligkeitstrieb. Verteidigung bedrängter Artgenossen. Kunst- und
Schönheitssinn der Tiere.
Schutzfarben und Nutztrachten 256
Mimikry. Stabheuschrecke. Wandelndes Blatt. Mimikry der
Schmetterlinge, der Teufelsblume und Gottesanbeterin. Der
Fetzenfisch. Schutzfärbung des Laubfrosches, der Wüstenspringmaus,
des Schneehuhnes und anderer Tiere. Bodenfarbiges Gefieder
der Erdbrüter. Sommerkleid der Erpel. Schutzfarbe der Fische.
Farbenveränderung der Fische, des Laubfrosches und einiger Reptilien.
Das Stachelkleid des Molochs, Riesengürtelschweifs und der
Krötenechse. Blutspritzen der Krötenechse. Warnfarbe giftiger Tiere.
Somalyse. Entstehung der Schutzfarben. Darwinismus. Entwicklungslehre
und Religion. Unsterblichkeit. Neue Forschungen über die Entstehung
der Färbung der Tiere. Wert der Schutzfarbe. Mimikry des Kuckuckseies.
Verstellungskünste 290
Vorgetäuschte Flügellahmheit der Vögel. Schutz- und
Schreckstellungen. Giftige Fische. Tarnkappe des Tintenfisches.
Sichtotstellen der Insekten.
Soziales Leben und Staatenbildung 300
Vergesellschaftung der Schmetterlinge, Eidechsen und Salamander.
Massenauftreten der Raupen, ihre Orientierung durch den Tastsinn.
Schwarmbildung der Fische. Rudel der Hirsche, Antilopen, Zebras
und Büffel. Gemeinsame Verteidigung der Moschusochsen. Wachposten
der Gemsen und Steinböcke. Soziales Leben der Affen. Horden-
und Familienleben der Menschenaffen. Angriffe des Gorillas auf
den Menschen. Raubtiere. Jagden der Wölfe und des Hyänenhundes.
Gemeinsamer Fischfang des Schuhschnabels und der Schlangenhalsvögel.
Geselligkeitstrieb der Vögel. Symbiose. Krokodil und Krokodilwächter.
Madenhacker. Symbiose eines Fisches und einer Aktinie. Parökie
der Korallenfische. Synökie des Nadelfisches mit der Seegurke.
Schiffshalter. Parasitismus der Fische. Tierkolonien der Blumentiere.
Korallenriffe. Seefedern. Staatsquallen. Staatenbildung der Bienen
und Ameisen. Arbeitsteilung, Sklaverei, Kriegführung, Viehhaltung
der Ameisen. Narkotische Genußsucht. Treibjagden der Treiberameisen.
Staatsleben der Termiten. Verständigung der Termiten und Ameisen.
Farbensinn der Insekten. Sprache der Bienen.
Verzeichnis der Abbildungen
1. Diplodocus 16
2. Flugsaurier 17
3. Ameisenigel (eierlegendes Säugetier) 32
4. Schnabeltier (eierlegendes Säugetier) 32
5. Eichhörnchen-Flugbeutler 33
6. Mondfisch 48
7. Königspinguin 49
8. Fliegender Fisch 64
9. Schwertfisch 65
10. Tukan 80
11. Bison 81
12. Rentier 112
13. Rentierherde 113
14. Uhu 128
15. Kiwi 129
16. Blattschwanzgecko 160
17. Zwergmäuse mit ihren Nestern 161
18. Kreuzspinne bei der Anfertigung des Netzes 176
19. Stabheuschrecken 177
20. Wandelndes Blatt 208
21. Chamäleon mit vorgestreckter Zunge 209
22. Riesengürtelschweif 224
23. Krötenechse 225
24. Anoli 225
25. Kragenechse 256
26. Kugelfisch 257
27. Harzhirsch in der Suhle 272
28. Gorilla 273
29. Junge Schimpansen 304
30. Schimpanse 305
31. Junger Orang-Utan 320
32. Orang-Utan „Sandy“ 321
Tiere der Vorwelt
Die Fauna, die heute die Erde belebt, ist nicht das Werk eines
einmaligen Schöpfungsaktes. Sie ist aus bescheidenen Anfängen
hervorgegangen und hat sich allmählich zu jenen Formen ausgewachsen,
die heute die jeweiligen Endglieder in der Stufe der stetig
fortschreitenden Entwicklung und Umwandlung bilden.
Ebenso wie die Erde selbst vielfachen Umformungen unterworfen war, und
unter dem Wechsel des Klimas die Vegetation eine wiederholte Umbildung
erfuhr, war auch der Charakter der Tierwelt in den verschiedenen
Erdperioden ein ganz anderer.
[Sidenote: Zeitalter der Erdgeschichte, ihre Tierwelt]
Die Paläontologie unterscheidet fünf Zeitalter der organischen
Erdgeschichte: Das Archozoische Zeitalter oder Primordialzeit, das
Paläozoische Zeitalter oder Primärzeit, das Mesozoische Zeitalter
oder Sekundärzeit, das Känozoische Zeitalter oder Tertiärzeit und das
Anthropozoische Zeitalter oder Quartärzeit, jene Zeit, in der der
Mensch in die Welt tritt.
Innerhalb dieser Zeitabschnitte lassen sich verschiedene
Unterabschnitte erkennen. Während die Primordialzeit nur eine
Formation, die Laurentische, aufweist, setzen sich die übrigen
Zeitalter aus mehreren Formationen zusammen. Es würde zu weit
führen, sie alle einzeln zu nennen. Hervorgehoben sei nur, daß
die Steinkohlenformation der oberen Primärzeit angehört, daß die
Sekundärzeit sich in drei Formationen, Trias, Jura und Kreide, die
Tertiärzeit ebenfalls in drei Formationen, Eozän, Miozän und Pliozän,
und die Quartärzeit in zwei Unterabschnitte, Diluvium und Alluvium,
das die heutige Zeitepoche ist, gliedert.
Diese Zeitperioden sind eine mehr oder weniger willkürliche Einteilung,
ein System der paläontologischen Wissenschaft. In Wirklichkeit gibt es
keine scharfen Trennungsstriche, sondern allmähliche, über Jahrtausende
sich erstreckende Übergänge reihen die Erdperioden unmerklich
aneinander und verschmelzen sie zu einem einheitlichen Ganzen. Langsam
und allmählich entstand das Tier- und Pflanzenleben. Jahrtausende
und Jahrmillionen waren notwendig, um eine Veränderung der Formen
hervorzurufen, Altes vergehen und Neues entstehen zu lassen. „πάντα
ῥεῖ“, wie Heraklit so treffend sagte, „Alles dauernd im Fluß“. --
Das älteste Gestein der Laurentinischen Formation ist der
kristallinische Schiefer. Da er Kohlensubstanz, Graphit und Anthrazit
sowie Kalk enthält, so ist die Annahme eines organischen Lebens in
dieser Zeit durchaus berechtigt; denn Kohle ist der Rückstand einer
ehemaligen Vegetation und Kalk der Rest von Muschelschalen und anderen
tierischen Gehäusen. Von anderer Seite wird freilich gegen die Annahme
eines organischen Lebens in jener Zeitperiode Einspruch erhoben, weil
im kristallinischen Schiefer Versteinerungen nicht mit Sicherheit
nachgewiesen werden können. Dann müßte man freilich annehmen, daß Kalk
und Kohle in diesem Falle ihren Ursprung nicht aus der organischen
Welt herleiten, sondern auf eine andere Weise entstanden sind. Dies
widerspricht jedoch unserer Auffassung von dem Wesen dieser Stoffe.
[Sidenote: Morgenrötetier]
Im Laurentinischen Gestein in Kanada fand man eigentümliche Gebilde,
die ein Netzwerk von Verästelungen darstellten. Namhafte Forscher sehen
hierin die Versteinerungen von einzelligen Tieren aus der Ordnung der
Wurzelfüßer oder Rhizopoden, die aus einem Protoplasmakörper mit einem
kalkartigen Gehäuse bestanden haben. Trifft diese Erklärung zu, dann
würde dies einzellige Wesen der Primordialzeit das älteste Tier der
Erdgeschichte sein, jenes Wesen, auf das sich die spätere Entwicklung
der ganzen Tierwelt aufbaut und das gewissermaßen die Morgenröte in der
Tierwelt darstellt. Man hat es daher das „Morgenrötetier“ genannt.
Von anderen Forschern wird freilich der organische Ursprung dieser
Zeichen in dem ältesten kanadischen Gestein geleugnet. Sie meinen
vielmehr, daß es sich nur um eine anorganische Bildung im Gestein
selbst handelt. Die Frage ist heute noch ungelöst, und infolgedessen
sind organische Versteinerungen in der Primordialzeit noch nicht mit
Sicherheit nachgewiesen.
In der Primärzeit, dem Altertum der Erdgeschichte, gab es in den ersten
Perioden bereits Würmer, Krebse, Schnecken und andere Weichtiere, wie
uns Abdrücke ihrer Fußspuren und Versteinerungen erkennen lassen. Sogar
die ersten Wirbeltiere traten auf in Gestalt eigentümlicher Fische mit
gepanzertem Körper und einer einheitlichen Augenöffnung auf der Mitte
der Stirn, die darauf hindeutet, daß diese Tiere vielleicht einäugig
waren; jedoch können in der länglich geschlitzten Augenöffnung auch
zwei Augen dicht nebeneinander gelegen haben. Insekten, die an die
heutigen Grillen, Skorpione und Eintagsfliegen erinnern, lebten bereits
zu jener Zeit. Auch die typische Meeresfauna, Korallen, Stachelhäuter
und Quallen, war schon vorhanden. Am Ende dieser Zeitperiode traten die
ersten Amphibien und Reptilien auf.
[Sidenote: Brückenechse]
Noch heute lebt auf Neuseeland ein Vertreter jener ältesten Reptilien.
Es ist dies die Brückenechse (~Sphenodon punctatus~), eine etwa 75 ~cm~
große Eidechse von plumper Gestalt mit großem, eckigem Kopf. Kopf,
Rücken und Schwanz tragen einen Kamm aus Stacheln. Die Farbe des
Tiers ist olivgrün mit kleinen hellen Flecken. In ihrem inneren Bau,
dem Skelett und den Organen vereinigt die sonderbare Echse Merkmale
der Lurche, Schildkröten und Schlangen. So bildet die Brückenechse
eine Mittelform, eine „Brücke“, zwischen diesen Tieren. Der heutigen
Brückenechse sehr nahe verwandte Formen, die Urbrückenechse und
der Protorosaurus, sind bereits aus den Versteinerungen der oberen
Primärzeit bekannt. Die Brückenechse ist daher eins der ältesten
Wirbeltiere, das sich aus den Anfängen der Erdgeschichte bis auf den
heutigen Tag in fast unveränderter Form erhalten hat.
[Sidenote: Lanzettfisch]
Ein würdiges Seitenstück zur Brückenechse ist der Lanzettfisch, ein
kleines, nur wenige Zentimeter langes fischähnliches Wesen, das an
den flachen Meeresküsten lebt. „Ein Schauer der Ehrfurcht“, sagt
+Otto Steche+ in der neuen Ausgabe von Brehms Tierleben, „müßte den
Beobachter, dem unsere Vorstellungen über die Entwicklung der Tierreihe
nicht bloße Worte sind, beim Anblick dieses unscheinbaren Tieres
erfüllen. Gilt es doch für den Urahnen unseres Stammes, das älteste
Tier, von dem wir mit einiger Sicherheit die Reihe der Wirbeltiere
ableiten können, als deren höchste Blüte wir Menschen uns zu betrachten
gewohnt sind.“
Der Lanzettfisch (~Amphioxus~) bildet mit wenigen Verwandten den
besonderen Unterkreis der schädellosen Wirbeltiere (~Acrania~),
denen, wie schon der Name verrät, ein Schädel fehlt. In seiner
langgestreckten, flachen Gestalt ähnelt Amphioxus einem dünnen
Weidenblatt. Ein Kopf ist nicht vorhanden, sondern das vordere
Leibesende läuft ebenso wie das hintere Ende in eine Spitze aus, die
eine runde Öffnung besitzt.
Äußere Gliedmaßen fehlen, nur ein schmaler Flossensaum steht auf
dem Rücken und verbreitert sich hinten zu einer lanzettförmigen
Schwanzflosse. Eine eigentliche Wirbelsäule ist noch nicht vorhanden,
sie wird nur durch einen dünnen, knorpeligen Strang angedeutet, der
Achsenstab (~Chorda dorsalis~) genannt wird. Unmittelbar über dem
Achsenstab, und mit diesem durch eine Scheide verbunden, läuft ein
Markstrang, der dem Rückenmark der höheren Wirbeltiere entspricht.
Die vordere Leibesöffnung dient als Mund, die hintere als After.
Beide Öffnungen sind durch einen Darm verbunden. Der Darm ist durch
eine Einschnürung in zwei Hälften geteilt. Der vordere Teil dient
ausschließlich der Atmung. Das zur Atmung durch die Mundöffnung
eingezogene Wasser sickert durch die Darmwand in die Leibeshöhle und
läuft durch eine besondere Leibesöffnung nach Verbrauch des Sauerstoffs
wieder nach außen ab. Der hintere Teil des Darmes besorgt die Verdauung
der aus Infusorien bestehenden Nahrung, die mit dem Wasser aufgenommen
wird. Ein am hinteren Darmteil befindlicher Sack funktioniert in
einfachster Form als Leber. Ein Herz fehlt; der Kreislauf des farblosen
Blutes wird durch die Adern selbst verursacht. Der Lanzettfisch ist
getrennten Geschlechts. Ei- und Samenzellen befinden sich in kleinen
Taschen im Leibe und werden durch die Mundöffnung ausgestoßen.
Amphioxus stellt offenbar den Urtyp des Wirbeltieres dar. Er zeigt
uns in seiner wurmähnlichen Gestalt die Umformung des Wurmes zum
Wirbeltier. Mit Recht dürfen wir daher den Lanzettfisch als das älteste
Wirbeltier betrachten, das jedenfalls noch bedeutend älter sein muß als
die Brückenechse mit ihrer schon vollendeten Wirbeltiergestalt und jene
Fische, die schon in der oberen Primärzeit die Gewässer bevölkerten.
Sein Ursprung liegt viel weiter zurück, er ist eine Schöpfung
mindestens der ältesten Primärperiode, der Kambrischen Formation,
vielleicht sogar der allerältesten Zeitepoche, des archozoischen
Erdalters.
[Sidenote: Saurier der Sekundärzeit]
Die typischen Tiere der Sekundärzeit sind jene gewaltigen Riesenechsen,
die Saurier, die zusammen mit riesenhaften froschähnlichen Amphibien
die Erde belebten.
Das Gebiß dieser Reptilien erinnert mit seinen mächtigen, spitzen
Eckzähnen teils an das Gebiß der heutigen Raubtiere, teils mit seinen
gleichförmigen Zahnreihen an das Gebiß der Pflanzenfresser und des
Menschen.
In der Jurazeit finden wir die Fischechsen Ichthyosaurus und
Plesiosaurus, beides echte Wasserbewohner mit zu Flossen gewordenen
vorderen und hinteren Gliedmaßen, die ihr Wesen nach Art der Walfische
im Weltmeer trieben. Der kurzhalsige Ichthyosaurus hatte eine lange,
schnabelartige, mit zahlreichen Zähnen bewaffnete Schnauze, während
der langhalsige Plesiosaurus mit seinem gestreckten, geschmeidigen
Körper einen kleinen, schlangenartigen Kopf besaß und in hervorragender
Weise dem Leben im Wasser angepaßt war. Der Plesiosaurus übertraf den
Ichthyosaurus bedeutend an Größe. Das Tier erreichte eine Länge von
etwa 15 ~m~, wovon fast die Hälfte auf den Hals kam, der je nach der
Art 40-72 Wirbel besaß. Dieser lange, offenbar sehr bewegliche Hals
machte das Tier zu einem gewandten Fischfänger.
Noch gewaltiger waren die Körperdimensionen der Landsaurier jener Zeit.
Der aufgefundene Oberschenkelknochen eines Atlantosaurus zeigt bei
einer Dicke von 0,63 ~m~ eine Länge von nicht weniger als 2 ~m~. Die
Gesamtlänge dieses Riesen schätzt man auf etwa 30 ~m~.
[Illustration:
Abbildung 1 Aus dem Archiv der Deutschen Lichtbild-Gesellschaft
Diplodocus
Ein Riesenreptil der Jurazeit]
[Illustration:
Abbildung 2 Aus dem Archiv der Deutschen Lichtbild-Gesellschaft
Ein Flugsaurier der Jurazeit]
Ein gewaltiges Saurierlager entdeckte vor zwei Jahrzehnten die Berliner
Tendaguru-Expedition in unserer einst so stolzen Kolonie Ostafrika.
Ihre Ausgrabungsarbeiten, die wertvolles und hochinteressantes
Material zutage förderten, werden heute von den Engländern mit Eifer
fortgesetzt. Ganz gewaltige Knochen Jahrmillionen alter Drachentiere
sind im Tendagurugebiet gefunden worden. Oberarmknochen von mehr als 2
~m~ Länge kamen zum Vorschein. Man hat das Wesen, das diesen massigen
Arm getragen hat, Brachiosaurus genannt, das vielleicht das größte
Geschöpf war, das jemals auf der Erde als Landtier gelebt hat, und
das den berühmten Diplodocus Amerikas, der bei 25 ~m~ Gesamtlänge das
größte völlig erhaltene Saurierskelett ist, was bisher aufgefunden
wurde, wohl noch übertroffen hat.
An dem Skelett des Diplodocus (Abbildung 1), das eine Höhe von 4
~m~ hat, fallen besonders der ungeheuer lange Schwanz und der sehr
lange Schwanenhals auf, die beide an Länge den Rumpf ganz erheblich
übertreffen. Der lange Hals trägt einen sehr kleinen, flachen,
breitschnauzigen Kopf, der zu der Körpergröße des Tieres in gar
keinem Verhältnis steht. Der lange Hals wurde wahrscheinlich beim
Schreiten in die Höhe gestreckt, so daß das Tier im hohen Farn- und
Schachtelhalmwald einen freien Überblick hatte. Die vier Beine sind
ungefähr gleich groß und haben den Körper in wagerechter Haltung
getragen. Der Diplodocus führte wahrscheinlich eine amphibienartige
Lebensweise, d. h. er hielt sich sowohl im Wasser wie auf dem
Lande auf. Dem Gebiß nach zu urteilen, das aus langen, dünnen
Zähnen im vorderen Teil der Kiefer besteht, ist der Diplodocus ein
Pflanzenfresser gewesen. Er hat wohl Algen und Wasserpflanzen vom
Wassergrunde aufgenommen, wobei ihm der lange Hals zum Tauchen und
Gründeln zustatten kam. Die gewaltigen Knochen des Tieres sind im
Verhältnis zu ihrer Größe außerordentlich leicht, da sie nicht massiv
sind, sondern große Hohlräume enthalten, worin man eine gute Anpassung
an ein Wasserleben erblicken kann. Das trotz seiner Größe sehr leichte
Knochengerüst befähigte das Tier zum Schwimmen und Tauchen.
Das Gewicht eines lebenden Diplodocus kann auf 20000 ~kg~ geschätzt
werden. Der Diplodocus war also fünfmal so schwer als ein
ausgewachsener Elefant, der etwa 4000 ~kg~ wiegt.
Einen noch kleineren Kopf hatte der in Größe und Aussehen dem
Diplodocus ähnliche Brontosaurus. Sind schon die Halswirbel zum Teil
größer als der Schädel, so erreicht das Rückenmark seine größte
Ausdehnung in den Lendenwirbeln, wo sein Umfang das Hirn um das
Dreifache übertrifft, so daß man geradezu von einem „Beckenhirn“ reden
kann.
Die geistigen Fähigkeiten dieser Tiere können nicht groß gewesen sein;
sie wirkten lediglich durch die Masse ihres Körpers.
Dasselbe Mißverhältnis zwischen Kopf und Rumpf zeigt auch der
Stegosaurus, eins der wunderlichsten Geschöpfe, das jemals die Erde
beherbergt hat. Bei diesem Tier ist der Markraum der Lendenwirbel
sogar zehnmal so groß als der Hirnraum des winzigen, spitzen Kopfes.
Der ganze Körper der 10 ~m~ langen Echse war mit einem Panzer aus
Knochenplatten bedeckt. Auf dem Rücken und dem hinteren Schwanzende
stand ein gewaltiger Kamm aus hohen, breiten und flachen knöchernen
Platten. Das Schwanzende war mit langen, spitzen Stacheln bewehrt,
die zweifellos eine fürchterliche Waffe bildeten. Das Tier erwehrte
sich seines Gegners mit Schwanzschlägen, wobei die Stacheln wie Speere
den Angreifer durchdolchten. Die Hinterfüße waren länger als die
Vorderfüße, und man darf daher vermuten, daß das Tier sich ähnlich
wie ein Frosch hüpfend fortbewegte. Man stelle sich ein solches
Ungetüm, mit Panzerplatten und Speeren bewaffnet, vor, wie es langsam
dahinkriecht oder hüpfend auf einen zukommt, und man wird die grotesken
Tiergestalten der Sekundärzeit bei reicher Phantasie einigermaßen
begreifen können.
Im Gegensatz zu Diplodocus und Brontosaurus hatte Stegosaurus nur einen
kurzen Hals.
Kurzhalsig war auch der dreigehörnte Ochsensaurier Triceratops. Im
Gegensatz zu den vorher beschriebenen Formen hatte er einen sehr großen
Schädel von geradezu abenteuerlicher Form. Der hinten sehr breite Kopf
verjüngt sich nach vorn auffallend und läuft in eine Schnauze aus,
die einem Papageischnabel nicht unähnlich ist. Auf der Stirn stehen
zwei lange, nach oben gerichtete Hörner, wie beim Ochsen, und auf der
Nase ein drittes kürzeres Horn wie beim Nashorn, die Waffen von Ochse
und Nashorn auf einem Tier vereint! Den Abschluß des Hinterkopfes zum
kurzen Hals bildet ein breiter Hornkragen. Der große Kopf hat eine nur
winzige Hirnhöhle. Die geistige Begabung des Triceratops war also auch
nicht größer als bei den kleinköpfigen Verwandten.
Der Körper des wunderlichen Unholds war anscheinend gepanzert.
Außer dem Ochsensaurier sind noch andere gehörnte Reptilien aus dieser
Zeit bekannt, die jedoch meist eine geringere Körpergröße hatten.
Wieder andere Formen hatten sehr kurze Vorderfüße, aber sehr lange
Hinterfüße, mit denen sie nach Känguruhart in aufrechter Haltung
hüpften. Diese Springsaurier, Compsognathus genannt, waren nicht größer
als eine Springmaus, also Zwerge neben den Riesenformen.
Eine aufrechte Körperhaltung hatte auch das etwa 10 ~m~ lange
Iguanodon, das sich mit seinen kurzen Hinterbeinen nicht springend,
sondern schreitend oder trabend vorwärts bewegte und dabei auf den
langen, kräftigen Schwanz stützte.
Eine andere Form der Saurier waren die Flugsaurier, die wie die
Fledermäuse eine Flughaut besaßen, die an den Hinterfüßen begann, sich
an den Körperseiten entlangstreckte und an den Händen der vorderen
Gliedmaßen sich zu einer weiten Flugfläche entfaltete. Sie hatten eine
spitze Schnauze, die an den Vogelschnabel erinnerte. Mit den heutigen
Vögeln haben jedoch diese Flugsaurier nichts zu tun. Sie können
nicht als ihre Vorfahren betrachtet werden, da ihre Flugwerkzeuge
nach einem ganz anderen Prinzip gebaut waren. Die Flugsaurier waren
Fallschirmflieger, die nach Art der Fledermäuse im Flatterflug sich
durch die Luft bewegten (Abbildung 2).
Durch die aufgefundenen Knochenreste und teilweis völlig unversehrten
Skelette sind wir über das Aussehen der Saurier der Sekundärepoche
ganz vorzüglich unterrichtet. Die Drachen, von denen eine Siegfriedmär
und andere Sagen alter Zeit berichten, treten in den gewaltigen
Sauriern als lebende Geschöpfe vor unser Auge. Sie sind keine Erfindung
dichterischer Phantasie, die Sage wird hier zur Wahrheit!
Im Jahre 1923 machte eine amerikanische Ausgrabungsexpedition in Asien
am Fuße des Altai eine neue, hochwichtige Entdeckung. Sie fand die
ersten versteinerten Sauriereier, die in ihrer Gestalt und mit der
gekörnten Oberfläche den Eiern der heutigen Reptilien sehr ähnlich
sind. Sie waren mit erhärtetem Sand gefüllt. In einem Ei ließen sich
sogar Knochenreste eines Embryos nachweisen. Die Eier haben eine Länge
von 20 ~cm~. Etwa zehn Millionen Jahre sind diese Eier unberührt
an dem Platz geblieben, wo sie einst von einem gewaltigen Saurier
abgelegt worden sind. Sie wurden viele Hundert Meter tief verschüttet,
versteinerten hier und wurden nach langer Zeit durch die Erosion,
welche an dem mongolischen Felsen Jahrtausende und aber Jahrtausende
nagte, wieder ans Tageslicht befördert.
Auf welche Weise konnten sich überhaupt die Knochen der Saurier
Jahrmillionen erhalten? Die Tiere versanken durch das Gewicht ihres
gewaltigen Körpers in den Schlamm und erlitten den Erstickungstod. Der
Schlamm schloß die Luft ab und bewahrte den Riesenleib vor Verwesung.
Das Fleisch vertrocknete, die Knochen blieben erhalten. Der Schlamm
wurde im Laufe der Zeit durch die Umwandlung der Erde zu hartem
Gestein, auch die darin geborgenen Knochen versteinerten und wurden
zum Fossil. An der Stätte, wo der Forscher heute freudestrahlend den
verborgenen Schatz hebt, hat sich ehemals ein grausiges Drama im Kampf
ums Dasein abgespielt.
Die Riesensaurier der Sekundärzeit dürfen wir nicht als Stammformen
der heutigen Säugetiere betrachten. Jene gewaltigen, ungeschlachten
Geschöpfe mußten von der Bühne des Lebens abtreten, als die Erde eine
andere Oberflächengestalt erhielt, in die sie nicht hineinpaßten.
Als Ahnen der heutigen Säugetiere kommen kleinere Reptilienformen
in Betracht, deren Knochenbau und vor allem Zahnbildung sehr an die
heutigen Säugetiere erinnert. So wurde in der Triasformation Afrikas
der Schädel eines Reptils gefunden, der ein vollständiges Raubtiergebiß
besitzt. Man hat dies Tier, das vielleicht der Urahn der Raubtiere
ist, ~Lycosaurus curvimola~ benannt. Das Gebiß eines anderen Tieres,
~Pareiosaurus serridens~, hat große Ähnlichkeit mit einem Pferdegebiß.
Wieder ein anderer Schädel besitzt das Gebiß des Igels. Das Problem,
ob diese vorweltlichen Tiere, die man als Gruppe der „Theromorphen“
zusammengefaßt hat, wirklich als die Stammväter der heutigen
Säugetierwelt und damit auch des Menschen anzusehen sind, ist freilich
noch nicht gelöst. Die Ansichten der Paläontologen widersprechen
sich zum Teil. Soviel ist aber sicher, daß die Theromorphen in der
Phylogenie der Säuger eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. --
Die Funde aus der Sekundärzeit zeigen uns, daß es schon damals
Säugetiere gegeben hat. Unter den versteinerten Knochen befinden sich
Schädelfragmente, die mit Sicherheit als Säugetierreste angesprochen
werden können. Überbleibsel dieser Säuger, die etwa die Größe eines
Hasen gehabt haben, sind sowohl in Südafrika wie in Europa aufgefunden
worden. Die Tiere müssen also bereits eine weite Verbreitung gehabt
haben. Man hat dies älteste, bis jetzt bekannte Säugetier ~Tritylodon
longaevus~ benannt. Welche Rolle dieses Tier in der Phylogenie spielt,
läßt sich nach den nur spärlichen Knochenresten vorläufig nicht
feststellen.
[Sidenote: Mammut und andere Altelefanten]
Auch heute noch trägt die Erde Lebewesen von gewaltiger Größe: den
Elefanten als größtes Tier des Festlandes und den Walfisch als größtes
Wassertier. Im Diluvium, also in der Zeitepoche, die der Jetztzeit
unmittelbar vorangeht, lebten noch Elefanten, die ihre heutigen
Nachkommen ganz bedeutend an Größe übertrafen. Hierzu gehört das
Mammut, der zottig behaarte Elefant der Eiszeit, der noch mit dem
Menschen zusammen gelebt hat. Seine langen Stoßzähne waren nicht,
wie man früher annahm, nach außen und oben gewunden, sondern, wie
+Pfizenmayer+ neuerdings nachgewiesen hat, nach innen und unten. Mit
diesen nach unten gerichteten Stoßzähnen hat das Mammut den Schnee
fortgeschaufelt bei der Suche nach Gräsern und Halmen auf der Erde, die
seine Nahrung bildeten. Im Unterschied zu den heute lebenden Elefanten
besaß das Mammut nur vier Zehen an den Füßen. Es bildet also eine
besondere Art und kann nicht zu ihren Ahnen gehören.
Vom Mammut sind nicht allein wohlerhaltene Skelette, sondern sogar
ganze Kadaver im Eise des nördlichen Sibiriens aufgefunden worden,
deren Fleisch noch völlig frisch war. Die Tiere sind offenbar in
der Eiszeit im Morast oder auf großen Schneefeldern versunken, dann
eingefroren und im Eise bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben.
Das ausgewachsene Mammut übertraf die heute lebenden Elefanten ganz
bedeutend an Körpergröße. Seine Länge betrug 3 ~m~, die Höhe 2 ~m~.
Ganz unverhältnismäßig groß waren die Stoßzähne, die bei einer Länge
von 4-5 ~m~ ein Gewicht von 250 Pfund hatten. Der Schädel eines in
Sibirien aufgefundenen großen Mammuts wog mit den Stoßzähnen 200 ~kg~.
Der deutschen Oldoway-Expedition gelang es noch kurz vor dem
Weltkriege, Knochenreste ausgestorbener Altelefanten aus
Deutsch-Ostafrika heimzubringen, die in den Besitz des Museums für
Naturkunde in Berlin gelangten. Ein gewaltiges Beckenstück, ein 1,47
~m~ langer Oberschenkel, ein Fuß mit einer Höhe von ½ ~m~ und über 3
~m~ lange Stoßzähne deuten darauf hin, daß diese Elefanten, die wohl
als die Stammväter des heutigen afrikanischen Elefanten anzusehen sind,
im Vergleich zu diesem wahre Riesen gewesen sein müssen.
Unter den heute lebenden Landtieren reicht in der Körpergröße kein
einziges auch im entferntesten an die Riesen früherer Zeitepochen
heran, und sogar der Elefant mit seinem gewaltigen, massigen Körper
verschwindet gegen seine ausgestorbenen Vorfahren und die riesenhaften
Saurier der Sekundärzeit. Dennoch birgt unsere Erde noch eine
Tiergestalt, die den Kolossen vergangener Zeiten ebenbürtig zur Seite
steht, ja diese vielleicht in der Körpergröße übertrifft. Es ist dies
der Riesenwal, der größte unter den Walfischen, das größte aller
heutigen Tiere, ja vielleicht überhaupt das größte Wesen, das die Natur
seit Beginn der Erdgeschichte erschaffen hat. Mit einer Körperlänge von
30 ~m~ tritt er in die Reihe der gewaltigen Saurier der Sekundärzeit
und übertrifft diese sogar noch, weil bei ihnen ein bedeutender Teil
der Körperlänge auf den sehr langen Schwanz abgeht, was bei dem
verhältnismäßig kurzschwänzigen Walfisch nicht der Fall ist. Das
Gewicht des Riesenwals beträgt 2000-3000 Zentner, der Umfang des
Leibes etwa 12 ~m~. Ein so gewaltiges Tier, das unbeschränkten Raumes
für seine Bewegung bedarf, ist eben nur in den Fluten des Weltmeeres
denkbar. --
Wenn der Besucher eines Zoologischen Gartens vor dem Wasserbecken
steht, das mit großen Alligatoren und Schildkröten besetzt ist,
so begnügt er sich in der Regel damit, die trägen und nach seinen
Begriffen häßlichen Geschöpfe eine Zeitlang lässig zu betrachten, um
sich dann mit größerem Interesse den Wasserbehältern zuzuwenden, in
denen zierliche, buntfarbige Tropenfische in bizarrer Gestalt sich
hurtig tummeln. Er ahnt aber nicht, daß Krokodil und Schildkröte schon
vor Millionen Jahren auf der Erde gelebt haben, als die Weltmeere und
Erdteile noch ganz andere Gestalt hatten und Gräser, Schachtelhalme und
Farnkräuter in baumhohem Wuchs das Land beschatteten. Mit Ehrfurcht
soll man daher diese Geschöpfe, die zu den ältesten Bewohnern unserer
Erde gehören und schon in der Sekundärzeit lebten, und gegen die die
Tradition des Menschengeschlechts verblaßt, betrachten!
[Sidenote: Der Urvogel Archäopteryx]
Der wichtigste paläontologische Fund stammt aus der Jurazeit,
der Mittelperiode der Sekundärzeit. Im Jahre 1861 wurde auf der
Langenaltheimer Haardt bei Solnhofen der versteinerte Abdruck eines
Geschöpfes gefunden, das halb Vogel, halb Eidechse zu sein schien.
Im Jahre 1877 folgte ein zweiter Fund, der ein besser erhaltenes
Exemplar dieses interessanten Wesens zutage förderte. Nicht allein
das Skelett ist fast völlig erhalten, sondern auch der Abdruck des
Federkleides läßt sich gut erkennen. Dieser Urvogel, ~Archaeopteryx
macrura~ benannt, vereinigt in nicht zu verkennender Weise Merkmale der
Echsen und Vögel, und man kann ihn daher mit Recht als „Echsenvogel“
bezeichnen.
Echsenartig ist der lange, aus zahlreichen Wirbeln bestehende Schwanz.
Die vorderen Gliedmaßen sind bereits zu Flugwerkzeugen nach Vogelart
umgebildet, aber die Finger sind noch nicht wie bei den heutigen
Vögeln verkümmert, sondern zum Teil frei und beweglich und mit langen,
hervorstehenden Krallen ausgerüstet. Diese Krallen dienten als
Kletterorgane, mit denen der Urvogel sich in Zweigen festhakte und
kletternd fortbewegte. Die Hand ist also ein Mittelding zwischen der
Eidechsenhand und Vogelhand. Echsenartig sind ferner die Rückenwirbel,
welche jene eigenartige, doppelgehöhlte Sanduhrform zeigen, die für
die Saurier der Sekundärzeit charakteristisch war, und die gewisse
Amphibien und die Fische noch heute besitzen. Zum Unterschied von
den jetzigen Vögeln besaß Archäopteryx außer den mit dem Brustbein
verbundenen Rippen noch Bauchrippen, was ebenfalls an die Reptilien
erinnert. Ober- und Unterkiefer sind bereits zu einem Vogelschnabel
umgebildet, aber dieser Schnabel trägt wie das Maul des Krokodils oben
und unten zwei Reihen Zähne. Kein heutiger Vogel besitzt Zähne, die mit
Wurzeln in den Kiefern stecken. Die zahnartigen Ausschnitte am Schnabel
der Entenvögel sind keine Zähne, sondern Fortsätze der Schnabelscheide,
die als hornartiger Überzug die Schnabelhälften einhüllt.
Der Fuß der Archäopteryx war ein ausgesprochener Vogelfuß und besitzt
bereits das typische Kennzeichen des Vogelfußes, den Lauf, jenen
zwischen dem Unterschenkel und den Zehen eingeschalteten Knochen, der
eine Verlängerung des Mittelfußes darstellt, und den der Laie häufig
irrtümlich für den Unterschenkel hält, der bei vielen Vögeln im
Gefieder verborgen und nur wenig sichtbar ist.
In höchster Vollendung zeigt sich die Vogelnatur der Archäopteryx im
Federkleid, das das typische Wahrzeichen der Vögel ist und in keiner
anderen Tierreihe wiederkehrt.
Der versteinerte Flügelabdruck läßt 17 Schwungfedern mit 6 oder 7
Handschwingen erkennen. Es handelt sich also um einen regelrechten
Vogelflügel. Einige Lücken in der Reihe der Handschwingen legen die
Vermutung nahe, daß der Urvogel bereits 10 solcher Federn getragen hat,
wie es die Normalzahl der Handschwingen der heutigen Vögel ist.
Eigenartig ist die Befiederung des langen Schwanzes. Hier sitzen
die Federn in zwei gegenüberstehenden Reihen an den Wirbeln. Jeder
Wirbel trägt ein Federpaar. Der Schwanz hatte also das Aussehen eines
Farnblattes.
Am Körper läßt die Versteinerung nur einige Federn am Halse erkennen.
Man darf daher annehmen, daß Archäopteryx wie die heutigen Vögel am
ganzen Leibe befiedert war.
Archäopteryx ist also ein Vogel mit teilweiser Eidechsengestalt, eine
echte Übergangsform zwischen Vogel und Echse und somit das beste
Beweisstück für die Richtigkeit der Entwicklungslehre. Die Abstammung
der Vögel von Reptilien, die man auf Grund physiologischer Merkmale und
aus der Embryologie der Vögel schon längst vermutet hatte, wird durch
Archäopteryx bewiesen.
Es ist das Verdienst des genialen Ingenieurs +Werner von Siemens+, des
um die Verwertung der Elektrizität so hochverdienten Mannes, daß die
zweite wohlerhaltene Versteinerung von Archäopteryx nicht wie der erste
Fund, den die britische Regierung kaufte, ins Ausland ging, sondern
der deutschen Wissenschaft erhalten blieb. +Werner von Siemens+ erwarb
sofort den wertvollen Fund für die damals sehr ansehnliche Summe von
20000 Mark. Aus seiner Hand ging dann das bedeutungsvolle Fossil in den
Besitz des Museums für Naturkunde in Berlin über, wo es das Glanzstück
der paläontologischen Sammlung bildet. +Werner von Siemens+ hat mit
dieser hochherzigen Tat einen neuen Zweig in den Lorbeer gewunden, der
seinen Namen ziert.
Archäopteryx war mit seinen Kletterflügeln noch kein so vollendeter
Flieger wie die heutigen Vögel. Er war wohl nur imstande, im
Flatterflug kleine Strecken zu durchmessen. Er lebte hauptsächlich
im dichten Gebüsch, wo er sich flatternd und zugleich kletternd
fortbewegte.
Auch unter den heutigen Vögeln gibt es noch Formen, die an Archäopteryx
erinnern. Trägt doch das junge Schopfhuhn oder Hoatzin noch bewegliche
und bekrallte Finger, mit denen es nach Archäopteryx-Art in Zweigen
umherklettern kann. Mit dem Wachstum geht dann dies atavistische
Merkmal verloren, das nach +Häckels+ Biogenetischem Grundgesetz die
Abstammung vom Archäopteryx oder von nahen Urformen bedeutet. Das alte
Schopfhuhn hat normale Vogelflügel. --
[Sidenote: Die Tierwelt der Tertiärzeit]
Die Tertiärzeit ist die Bildnerin der heutigen Tierwelt. Unzählige
Fische belebten die Gewässer; Frösche, Salamander und Kröten, von
Gestalt und Aussehen ähnlich den heutigen, durchkrochen den Sumpf.
Vögel mit vollendetem Flugvermögen, an Familien, Gattungen und Arten
nicht minder zahlreich als heute, segelten im blauen Äther; Antilopen,
Giraffen, Elefanten, Nashörner, Hirsche und Pferde durchzogen das Land,
das ihnen überall geeignete Rastplätze und günstige Lebensbedingungen
gab, denn der Mensch, der Störenfried der Natur, dessen Kultur der
größte Feind der Tierwelt ist, fehlte noch in dieser Zeit.
Affen schaukelten sich in den Bäumen, Fledermäuse gaukelten im Schatten
der Nacht, Wale und Haie durchzogen den Ozean, Robben sonnten sich auf
den Sandbänken des Meeres, und die Nagetiere trieben ihr Wesen wie
heute.
Zahlreich vertreten waren die Raubtiere. Löwen, Bären, Wölfe, Tiger und
Schakale durchstreiften blutdürstig das Land. Überall fanden sie bei
dem großen Tierreichtum damaliger Zeit willkommene Beute, ohne jedoch
durch ihren Eingriff Schaden zu stiften und den gewaltigen Tierbestand
zu dezimieren. Im Gegenteil, ihr Auftreten war nur nützlich, denn
es veranlaßte die Tiere zur Wachsamkeit, weckte ihre geistigen
Fähigkeiten, schärfte ihre Sinne und verlieh ihnen so die wichtigste
Lebensnotwendigkeit für den Sieg im Kampf ums Dasein und für die
Erhaltung der Art.
Auch die Tertiärzeit hat ihre besonderen Tiere gehabt. In Ozeanien
lebten gewaltige Beuteltiere von der Größe des Nashorns. Der
aufgefundene Schädel eines solchen Beutelriesen mißt nicht weniger als
1 ~m~.
Reich sind die Funde tertiärer Tiere in den Pampas Südamerikas. Hier
hausten einst riesige Gürteltiere und ganz gewaltige Faultiere, die dem
Elefanten an Größe gleichkamen.
[Sidenote: Entstehung des Pferdes]
Der ältesten Tertiärschicht Nordamerikas verdanken wir einen Fund, der
ein helles Licht auf die Entwicklung der Huftiere wirft. Das Urhuftier
(~Phenacodus primaevus~) hatte noch fünf Zehen, unter denen die dritte
Zehe als längste hervortritt. Beim heutigen Pferd ist nur die dritte
zum Huf gewordene Zehe erhalten geblieben, während die übrigen Zehen
verkümmert sind. So darf man vielleicht Phenacodus mit seiner langen
dritten Zehe als die Stammform des Pferdes ansehen, denn der Weg
zur Rückbildung der Zehen mit Ausnahme der mittleren Zehe ist hier
gewissermaßen schon angedeutet. Die zunehmende Verkümmerung der Zehen
läßt sich an anderen Fossilien gut verfolgen. Beim Hyracotherium,
einem anderen tertiären Huftier, ist die Zahl der Zehen an den
Vorderfüßen bereits auf vier und an den Hinterfüßen sogar schon auf
drei zurückgegangen. Die dritte Zehe des Vorderfußes überragt die
andern ganz erheblich an Länge, und eine Randzehe trägt unverkennbare
Anzeichen der Verkümmerung. Im mittleren Eozän ist dann diese Randzehe
bis auf ein kleines Rudiment völlig verschwunden, so daß das Huftier
dieser Zeitperiode, Mesohippus genannt, hinten und vorn nur drei Zehen
besaß.
Während die Huftiere des unteren und mittleren Tertiär nur kleine Wesen
waren, etwa von der mittleren Größe eines Hundes, tritt im Pliozän,
am Ende der Tertiärzeit, bereits ein Huftier von der Größe des Esels
auf, das Hipparion, das eine weite Verbreitung hatte, da zahlreiche
Knochenreste in Amerika, Asien und Europa aufgefunden sind. Von den
drei Zehen des Mesohippus kommt als Trittfläche nur noch die zum Huf
gewordene Mittelzehe in Betracht, während die beiden anderen Zehen zu
Afterklauen geworden sind und den Boden nicht mehr berühren. In der
weiteren Entwicklung gingen auch die Afterklauen verloren, und hiermit
trat das Pferd als Einhufer auf.
Im Gegensatz zu den früheren Ahnenstufen, die in Körperbau und Gebiß
noch katzenähnlich waren, ist das Hipparion schon ein richtiges Pferd
gewesen.
Nicht alle Tiere der Tertiärzeit haben sich bis heute erhalten oder
weiter fortentwickelt. Viele Formen haben sich überlebt und keine
Nachkommen hinterlassen. Hierzu gehören mit Ausnahme des Pferdes alle
Unpaarhufer. Ein solches Tier war der elefantengroße Brontops, der im
Körperbau dem Nashorn glich und zwei nebeneinanderstehende Hörner auf
dem Kopfe trug. Die Füße besaßen vorn vier, hinten drei wohlentwickelte
Zehen mit Hufbildung.
Die Hirsche im mittleren Tertiär unterschieden sich von den späteren
Hirschen hauptsächlich durch eine reichere Verästelung des Geweihs, das
mit seinen vielen Sprossen wie eine entblätterte Baumkrone aussah.
Ein riesengroßes, elefantenartiges Rüsseltier war das Dinotherium,
dessen verhältnismäßig kurze, hauerartige Stoßzähne wie beim Walroß
nach unten gerichtet waren.
Unter den tertiären Affen finden sich Knochen von Halbaffen oder Makis,
von großen Pavianen und Gibbons. Auch der echte Schimpanse lebte damals
schon, aber seine Reste sind wunderbarerweise nicht in seiner heutigen
Heimat, in Afrika, sondern in Asien aufgefunden worden. Aus Frankreich
sind tertiäre Menschenaffen bekannt, die teils dem Schimpansen, teils
dem Gorilla nahestehen.
Das Vorkommen von Menschenaffen in Europa zur Tertiärzeit deutet schon
darauf hin, daß damals andere klimatische Verhältnisse geherrscht haben
müssen. Europa hatte zu jener Zeit ein warmes, tropenartiges Klima,
und es lebte hier eine Tierwelt, die der heutigen Tropenfauna glich.
Affen und Papageien schaukelten sich in Palmen, wo heute deutsche
Eichen und Kiefern wachsen. Gazelle, Giraffe, Nashorn und Elefant zogen
ihre Fährte im Lande des späteren Germanentums. Mit leuchtenden Farben
geschmückte Vögel erstrahlten im Glanz der Tropensonne, die Europas
Palmenwälder und Blütenpracht beschien.
[Sidenote: Die Eiszeit. Riesenhirsch. Moschusochse]
Um die Wende dieser Zeitepoche brach eine gewaltige Katastrophe herein,
die alles dies mit einem Schlage vernichtete. Es war die Eiszeit, die
wie ein weißes Leichentuch die nördliche Hälfte der Erdkugel überzog,
unter dem die Tropenpracht zerrann. Die Tiere, deren Lebensbedingungen
an ein gleichmäßig warmes Klima gebunden waren, fluteten zurück vor
dieser Vereisung, um in den Äquatorialländern, die sich ihr warmes
Klima bewahrten, Zuflucht zu suchen, viele gingen zugrunde, andere,
deren Körperbeschaffenheit der Kälte zu trotzen vermochte, harrten
aus und paßten sich den neuen Verhältnissen an. Als Nachfolger der
tropischen Elefanten trat in Europa das Mammut auf, das mit seinem
zottig behaarten Leib eine typische Schöpfung der Eiszeit ist.
Ein anderes diluviales Wesen der Eiszeit war der Riesenhirsch, in
seinem Aussehen unserem Rothirsch ähnlich, aber mit einem gewaltigen
Schaufelgeweih auf dem Kopf, das eine Spannweite von 3,5 ~m~
erreichte. Es ist nicht unmöglich, daß der Riesenhirsch noch bis in
die historische Zeit hinein gelebt hat. Vielleicht darf der „grimme
Schelch“, den Siegfried in der Sage des Nibelungenliedes erschlug, als
Riesenhirsch gedeutet werden. Dies ist jedoch nur eine kühne Phantasie,
denn eine Urkunde aus alter Zeit über diesen mächtigen Geweihträger ist
nicht vorhanden. In keinem Bilde wird er uns gezeigt, nirgends wird
er beschrieben. In keiner Reliquienkammer befindet sich ein solches
Geweih. Die Annahme, daß unter dem Schelch des Nibelungenliedes der
Riesenhirsch zu verstehen ist, liegt nahe, weil mit dem Schelch ein
anderes Tier gemeint sein muß als der Elch, der besonders genannt wird.