Letztes Buch

Es verstand sich von selber, daß ich vorerst dablieb, bis die Verhältnisse

etwas geordneter waren und das Kind größer. Und merkwürdig schnell brachte

ich nun das fertig, was zu Margrets Lebzeiten nicht gelungen war: den

verlotterten Haushalt einigermaßen herauf zu bringen. Ich machte freilich

die wilden und jeder Pünktlichkeit abholden Buben nicht von heut auf morgen

anders, und täglich kam mir Adolf mit einer Schlamperei oder seine Katzen

mit irgendwelcher Tragödie zwischen meine edlen Bestrebungen. Aber mit

einemmal blieben die Stuben sauber und aufgeräumt, es hatte keiner mehr ein

zerrissenes Hemd an, die Mahlzeiten standen pünktlich auf dem Tische, und

Adolf ging wenig mehr ins Wirtshaus, da ich ihm auf den Abend etwas Gutes

kochte, vorher die Kinder ins Bett tat und einen hübschen Tisch dazu

deckte. Das Geld reichte besser, wenn man es einteilte, -- nach und

nach wurde auch der Weißzeugkasten durchgeflickt, und der jahrelang

aufgespeicherte Staub kam hinter den Möbeln hervor. Und wenn man genau

hinsah, so schien es fast, als sei in diesem Haushalt einzig Margret das

hemmende Element gewesen. Nun, da sie nicht mehr da war, war auch mit einem

Schlage jenes unheimliche Loch verschwunden, für das ich seither gearbeitet

hatte; und unter meiner unentwegten Arbeit ging es glatt und gedeihlich

vorwärts.

Am Anfang war es freilich keinem wohl dabei. Adolf suchte betrübt nach

einem Staub, in den er seine Verse schreiben konnte, den Buben war es

unbehaglich in ihren neuen Hosen; auch war es nicht gemütlich, immer zur

pünktlich festgesetzten Essenszeit von seinem Spiel oder Geschäft weglaufen

zu müssen, und vor lauter Ordnung fand erst keiner seine Sachen mehr. Dazu

fehlte einem der vergnügte Spektakel, der stets um Margret herum gewesen

war, das leere Bett bedrückte einen ordentlich, und es dauerte eine gute

Zeit, bis man sich an alles das gewöhnt hatte und bis die alte Fröhlichkeit

in neuere und festere Bahnen gelenkt war.

An den Abenden bekam ich nun auch eher die Hände frei für Breisels Nöte.

Ich erinnere mich, daß wir in jenem Jahr zum erstenmal mit den Büchern in

Ordnung waren, daß wir Ladenputzerei hielten und daß unsere Rücksendungen

noch beinahe recht zur Ostermesse nach Leipzig kamen.

In jener Zeit mußte ich oft und ungewollt über meinen Schwager nachdenken.

Wir lebten ja nun so nahe zusammen, daß ich ihn gründlich kennen lernen

konnte. Es erfüllte mich mit grenzenloser Verachtung, daß er zumeist, wenn

ich spät abends todmüde vom Geschäft heraufkam, in behaglicher Faulenzerei

am Klavier saß; und doch, -- _wie_ er es tat und wie er mich dabei lächelnd

und leisen Spottes voll anschaute, so mußte es mir doch wieder gefallen.

Ich wußte, wie unendlich gewinnend und anziehend er sein konnte und daß er

etwas an sich hatte, das einem jungen Mädchen gefährlich war. Doch hatte

ich einen mächtigen und doppelten Talisman dagegen: ich durfte nur einen

Augenblick an meinen toten Gottfried denken und sein leuchtendes Bild in

meinem Innern erstehen lassen oder ich brauchte bloß ein wenig Goethe oder

Hölderlin zu lesen, so schwand gleich alles Schwüle und Dunkle. Ich stand

wieder in dem reinen und glühend hellen Lichte jener Liebestage, davor

Fouqué samt seinem Breisel und dem verfahrenen Haushalt nichtig und

jämmerlich wurden und es nimmer wert waren, daß ich ihnen außer der Kraft

meiner Hände noch etwas anderes schenkte. Und dann kam noch ein Ereignis

dazu, das mich vollends aus dem Fouqué'schen Banne riß und hoch darüber

emporhob.

Eines Morgens, nachdem ich längst alle Hoffnung aufgegeben hatte, bekam

ich Nachricht von meinem eingesandten Manuskript. Ich hätte es falsch

adressiert, -- nun sei es nach vielen Irrfahrten aber doch in die rechten

Hände gekommen; man habe es angenommen, wolle es bald abdrucken und biete

mir fünfzig Mark dafür an. Dann standen noch einige Fragen in dem Brief,

-- ob ich schon mehr habe erscheinen lassen, was ich noch vorrätig habe

und dergleichen mehr. Ich freute mich unsäglich darüber, schrieb hin und

schickte ein paar Gedichte mit. Darauf kam von dem wohlwollenden Redakteur

eine Einladung, ob ich ihn nicht an einem Abend einmal besuchen möge; er

hätte mich gern kennen gelernt.

Die Stadt lag mit dem Zug zu fahren eine Stunde von der unsern weg;

ich erfand nun Adolf gegenüber eine Ausrede, fuhr hin und wurde von dem

Redakteur und seiner lebhaften Frau freundlich empfangen. Dann wurde ich

zum Nachtessen eingeladen, es war noch ein Herr da, der etwas von der

Schriftstellerei verstand, ich mußte erzählen, sprach auch von meinem

Roman, den ich schreiben wolle, und es war mir zumut wie im Traum

und Märchen. Dabei erfuhr ich auch zum erstenmal, daß man mit dem

Bücherschreiben wirkliches Geld verdienen konnte; Gottfried hatte das nicht

so recht gewußt, und Adolf hatte ich in meiner Angst, er möchte etwas von

meiner Schriftstellerei erfahren und mich deshalb auslachen, nie darüber zu

fragen gewagt. Nun war ich ungemein erstaunt und erfreut darüber.

In der schönen Sommernacht fuhr ich heim. Das Herz war mir voller

Hoffnungen und seligklopfender Erwartung. Die ganze leuchtende Ferne

meiner Träume war vor mir aufgetan; die fremden Länder und Meere und

Herrlichkeiten meiner Sehnsucht wollten Wirklichkeit werden und waren mir

zum erstenmal verlockend nahe. Ach, nun sollte alles Zufällige, Kleinliche

und Hemmende wegfallen, mein Leben sollte mir gehören und ganz in dem

beständigen, unangreifbaren Reich des Geistes sein. Ich konnte mir zwar

noch nicht recht vorstellen, wie das werden würde; wenn ich einen Plan

fassen wollte oder mir etwas Näheres ausdenken, so floß alles in einen

feinen schimmernden Duft und Nebel zusammen. Doch war es köstlich und kam

den Wonnen einer allerersten Jugend gleich, so halb blind und träumend

diesem Schönen und Wunderbaren, das auf mich wartete, entgegen zu

fahren und die reine und kindliche Seligkeit des Ahnens und unbewußten

Vorausfreuens zu genießen. Deutlich spürte ich nur das Eine: das, was

mir all dieses erschließen sollte, jene fremde, schöpferische Lust, war

gewaltig und drängend über mir, jeden Augenblick bereit, mich wegzuführen

und hinzureißen und mich mit ihrer göttlichen Fülle zu überschütten.

Seit Gottfrieds letzten Tagen war ich nimmer so selig gewesen wie bei

dieser nächtlichen Fahrt durch das warme Land; ja, es war mir, als sei mir

eine neue Liebschaft aufgegangen und liege mir süß und betörend im Blute.

In den nächsten Tagen schaffte ich wie ein Gaul aus lauter bedrängender

Freude heraus, und mit den Buben war ich so lustig und übermütig, daß der

sanfte Breisel baß verwundert durch sein Fensterlein in den Hof hinaus

äugte. Aber mein Herz und meine Gedanken waren weit ab davon; sie dichteten

und fuhren auf blauen Meeren und sahen in Fouqués Sortiment ein Buch

liegen, das die Agnes Flaig geschrieben hatte. Etliche Male nahm ich

einen Anlauf, Adolf davon zu sagen, ihn zu veranlassen, daß er sich eine

Haushälterin suche und mir meine Freiheit gebe. Ich hatte im Sinne, mich

einige Zeit in irgend einer schönen Stille von meinem Ersparten zu nähren,

bis ich meinen Roman geschrieben hatte. Das Honorar wollte ich für das

Peterlein zurücklegen, damit es vorläufig etwas für die Not habe; dann aber

wollte ich in die Welt hinaus, und die Herrlichkeit konnte losgehen. So

oft ich aber anhub, Adolf meinen Entschluß zu sagen, blieb es mir vor

Zaghaftigkeit im Halse stecken und ich brachte es nicht heraus.

Nun hatte ich mir's aber für einen Sonntagabend ordentlich vorgenommen, und

nach Frauenart suchte ich Adolf in möglichst gute Laune zu bringen, damit

er's gnädig aufnehme. Ich sorgte also, daß Blumen da waren und ein Wein,

den er gern hatte, und richtete ein gutes Abendessen. Am Nachmittag gingen

wir mit den Kindern und dem Kleinsten im Wägelein zu Margrets Grab hinaus

und brachten ihr einen frischen Kranz; hernach aber machten wir einen

weiten Spaziergang über die sommerlichen Berge. Adolf war in prächtigster

Laune; es hätte meiner schlauen Fürsorge für den Abend gar nicht bedurft.

Er neckte mich beständig und stiftete die Buben zu allerhand Unfug an, der

mich zur Entrüstung und zum Schrecken bringen sollte, worüber mich dann

alle unbändig auslachten. An einem kleinen See im Wald ruhten wir aus, die

Kinder spielten um uns herum und aßen ihr Vesperbrot, indes Adolf und ich

im Grase lagen und genießerisch über das stille, glänzende Wasser hinsahen.

»Es ist doch elend fein hier,« sagte Adolf. »Was meinst du, -- wir wollen

jedes ein Gedicht darüber machen und es dann einander vorlesen, welches

schöner ist --?«

Ich ging darauf ein, setzte mich ein wenig abseits und begann mit

fürchterlicher Sorgfalt und Bemühung den stillen See anzudichten, denn ich

wollte mich nicht vor Adolf schämen müssen. Dann schrieb ich's auf und ging

zu ihm hinüber. »Bist du fertig, Adolf?«

Die Ströme des Namenlos · 第 14 / 18 题