Sechstes Buch

In der Zeit, die nach Gottfrieds Tod kam, wurde es so recht offenbar, was

ich trotz aller Schwärmerei und höheren Bedürfnissen, trotz meinem Dichten

und eines gelegentlichen Schwunges im Grunde für ein ungenialer, gut

bürgerlicher und lächerlich irdischer Mensch sei. Man hätte doch meinen

sollen, daß nun, nachdem mein Leben in allen seinen Grundfesten erschüttert

worden war, ich wurzellos und schwermütig darinnen stehe, es verabscheue,

hasse und möglichst schnell auch daraus zu kommen wünsche; doch war

dem keineswegs so. Als ein ordentlicher Mensch suchte ich mich so im

allgemeinen mit dem Vergangenen abzufinden, streckte strebsam meine Fühler

aus, auf was ich nun meine Zukunft aufbauen könne und fand auch alsbald ein

Fach, in das ich mich einzureihen habe; nämlich das der nützlichen alten

Jungfern.

Ich muß gestehen, daß ich dabei nicht unbeeinflußt war. Unserem Haus

gegenüber wohnten im Oberstock zwei bejahrte, ledige Schwestern namens

Heitenreiter. Sie hatten in häuslichen Berufen ihr Leben hingebracht und

man erzählte sich, daß die beiden außerordentlich treu und tüchtig seien.

Nun genossen sie in den zwei Stüblein ihr Erspartes und einen friedlichen

Lebensabend. Ich sah sie oft, wie sie ihre Blumenstöcke begossen, ihr

Staubtuch zum Fenster hinaus schüttelten oder auf ihrem winzigen Balkönchen

saßen und Kinderkittel strickten; und ihr geruhiges und heiteres Hantieren

erfüllte mich mit einer kleinen wohligen Sehnsucht. Auf der Straße sah man

die beiden alten Fräulein stets zusammen, und ihnen zu begegnen und einen

Blick in die guten, runzligen Gesichter tun zu dürfen, war mir jedesmal ein

Genuß. Es lag so eine feine, seltene Friedlichkeit darüber und trotz aller

Güte und Bescheidenheit etwas leise Ueberlegenes und fast Hoheitsvolles,

das mir einen wirklichen Respekt abnötigte.

Ja, es lohnte sich schon, einmal Fräulein Heitenreiter zu werden und mit

siebzig solche friedlichen und abgeklärten Runzeln zu haben. Fest schaffen

wollte ich schon, und das so gewissermaßen als halbe Heilige zu tun und

die Leute nicht merken zu lassen, daß man sonst noch etwas wisse oder etwa

Goethe gelesen habe, dabei samt seinem abgehauenen Lebensglück vergnügt zu

sein, das hatte seinen eigenen Reiz. Vielleicht machte dies den sonderbaren

und heimlichen Adel der Heitenreitergesichter aus, daß sie so wacker allein

und ohne Mann ihr rechtschaffenes Leben hinter sich gebracht hatten und

dabei ohne jenes wunderliche Geschmäcklein, ohne Mops und ohne Bitterkeit

gelandet waren. Es war freilich schwer, auf Liebesfreuden und Kinderhaben

verzichten zu müssen, und es lag mir vorerst sehr wenig, solches nicht mehr

als das Natürliche und Gute und Erstrebenswerte für mich anzusehen;

ich mußte nun eben versuchen, den andern Köstlichkeiten des Lebens

nachzusteigen und wenig mehr in die Tiefe zu gehen. Die Hauptsachen, um

eine alte Jungfer zu werden, hatte ich ja; das Gedächtnis einer schönen

und unglücklich ausgegangenen Liebschaft und ein Kommödlein mit Fächern

und heimlich verwahrten Dingen darin. Das und mein geistiges Erbe aus jener

Zeit müßten ausreichen, mir das habhafte Glück der andern zu vergüten,

und es kam mir so vor, als sei meine Liebe schön genug dazu gewesen und

unglücklich genug ausgegangen.

In diesen Zukunftstraum nun spann ich mich immer mehr ein und dachte

schon im Voraus mit gerührter Freude, welch echte und gute Tante die

Fouquéskinder an mir bekämen.

Andere, denen so etwas wie mir geschehen war, gingen ja wohl in ein Kloster

oder wurden Barmherzige Schwestern, und auch ich hatte mich kurze Zeit mit

solchen Plänen getragen. Das sich selber vergessen und für andere schaffen

gefiel mir ja recht gut daran; doch hatte ich das Leben zu inbrünstig lieb,

als daß ich es hätte auf diese Art in Sack und Asche tun mögen. Nein, es

reiften vielmehr gerade in dieser Zeit die abenteuerlichsten Pläne in mir,

etwa in die Kolonien zu gehen und Farmersmagd zu werden oder nach Amerika

und meine Urschel zu suchen. Und als ich dieser Sehnsucht nach fremden

Ländern, nach neuen Eindrücken und Erlebnissen und südlicher Schönheit

ein wenig auf den Grund ging, entdeckte ich bald, daß sie zwar schon seit

Urschels Zeiten in mir angeregt war und seither leise in mir fortbestanden,

ihren richtigen Ursprung aber doch erst in der jüngsten Vergangenheit hatte

und in engem Zusammenhang stand mit einer Sache, die mich gegenwärtig stark

erfüllte und, wie ich hoffte, meinem Leben eine gute und nicht unwichtige

Wendung geben sollte.

So viel ich sonst bei Fouqués drüben war, so unmöglich schien es mir, an

den Dienstagsabenden unter Menschen zu gehen. Zu Anfang nach Gottfrieds

Tode saß ich still und traurig in meinem kleinen Zimmer, las seine Briefe

und weinte viel. Als nun eine Zeit vorüber war, fiel mir jene Erzählung in

die Hände, die ich damals auf dem Zinken angefangen hatte, und ich bekam

Lust, sie weiter zu schreiben; auch befand ich die Dienstagabende für

würdig, damit ausgefüllt zu werden. Und indem ich nun zu schreiben anfing,

wurde ich gewahr, daß die fremde, wonnig rieselnde Gewalt, die mich seit

meiner Abreise vom Gottlosen Zinken fast unberührt gelassen hatte, wieder

über mir war, und ich war erstaunt, wieviel stärker, buntglühender und

schöner sie als damals war. Ich wußte nicht, machte dies das mächtige

Erlebnis dieses Jahres und die vielen neuen Eindrücke, oder war ich

überhaupt reifer und geistig kräftiger geworden; jedenfalls spürte ich

es mit Freuden und Dankbarkeit und war fest entschlossen, es diesesmal

auszunützen. Man muß mir glauben, daß ich dabei sicherlich nicht daran

dachte, einmal berühmt und ein großer Dichter zu werden und mich im Geiste

schon gefeiert und umschmeichelt sah; ich hatte keineswegs viel Glauben

an mich und meine Verse, und es hätte mir genügt, einmal ein Buch, das

ich geschrieben hätte, gedruckt zu sehen und mir dadurch bei meinen

Geschwistern und dem Schwager ein bißchen Achtung zu verschaffen. Eher noch

hoffte ich, daß die Schreiberei mir ein wenig Geld einbrächte; doch war

ich auch darin bescheiden genug und hatte überdies keine Ahnung, was so

ein Honorar etwa betragen möge; wenn ich für meine Novelle zwei Mark und

fünfzig Pfennige bekommen hätte, wäre ich wahrscheinlich recht zufrieden

gewesen. Am meisten freute mich das Dichten sozusagen für mich selber; es

half mir auf eine feine und fast edle Art über die Trauer hinweg und das

Tägliche und etwa Drückende und Kleinliche heiter und still beglückt zu

tragen; auch erfüllte es mich mit einer tätigen Freude und wieder wie

damals mit Genuß und leiser Leidenschaft.

Uebrigens paßte es zu dem Pläneschmieden dieser Zeit ausgezeichnet. Mußte

ich mit meinen Zukunftsplänen doch noch einigermaßen auf festem Boden

bleiben, so konnte ich mich hier ungehindert in schwindelnd phantastische

Höhen versteigen. Auch fand ich, daß es sich in meinen Lebensplan trefflich

füge; wenn man wie ich allein durchs Leben gehen wollte, hatte so etwas

nicht unerhebliche Bedeutung, und es vertrug sich mit dem Reisen und fremde

Länder sehen so prächtig wie später mit dem Altjungferntum im Dachstock.

Die Novelle war beinahe fertig, und an den schönen stillen Sommermorgen,

wenn ich in der Küche stand und Gemüse putzte oder Beeren zum Einkochen

richtete, dachte ich mir einen feinen, langen Roman aus.

-- Leider hatte ich zum Schreiben noch weniger Zeit als damals auf dem

Zinken; bei Fouqués war es nötiger als je, daß eine gute Seele sich um den

Haushalt annahm. Zu eben jener Zeit kam ich einmal vom Markt heim und sah

einen der Fouquésbuben vor seines Vaters Ladentür herum spazieren, nur mit

einem Höschen bekleidet, das an einem Paar trübseliger und verschlissener

Hosenträgerlein hing.

»Ja, Heiner, wo hast du denn dein Hemd?« fragte ich ihn.

»Ha, es ist doch in der Wäsche!« sagte er und sah mich erstaunt an, ob ich

das nicht begreifen könne; mir aber fiel es bedrückend auf die Seele.

Margret war nun glücklich mit dem fünften Kind in gesegneten Umständen.

Ihr Mann bedauerte es, da es mit ihrer Gesundheit nicht gut stand; sie aber

freute sich, als ob's das erste wär'. »Es ist bloß halb gelebt, wenn man

keine kleinen Kinder hat,« sagte sie oft.

Zu ihrem angeborenen Hang zum Müßigsein und einer genialen Faulenzerei kam

nun die körperliche Entkräftung, und wenn sie Schmerzen oder

Beschwerden hatte, eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegenüber ihren

Haushaltungsgeschäften. Sie konnte stundenlang im Garten sitzen und mit

ihrem jüngsten Kinde spielen indes im Haushalt alles drunter und drüber

ging, und das Sonderbare daran war nur, daß sie dies keineswegs bedrückte,

sondern daß sie vergnügt dabei war und sich ihrer Muße und der guten Stunde

freute. Ich kam einmal dazu, wie sie mit einer Lauffrau Putzerei hielt,

wobei sie, die Laute im Arm, auf der obersten Leiterstufe saß: »Schäpperle,

ach liebe Schäpperle, putzen Sie mir doch den Boden vollends naus! Wissen

Sie, Sie könnens viel schöner! Gelt, Frau Schäpperle? Kommen Sie, ich will

Ihnen auch was Schönes dazu vorspielen:

Hinter meiner Schwiegermutter ihrem großen Himmelbett

Steht ein großer Sack voll Sechser, wenn i nur die Sechser hätt'!«

Sie konnte in solchen Augenblicken bestrickend liebenswürdig sein und

einfach unwiderstehlich, man mußte ihr den Willen tun.

Eines Morgens stand sie vor meiner Glastür und trug dem Hausmädchen auf,

sie wolle mich einen Augenblick sprechen. Als ich kam, guckte sie mich lieb

und spitzbübisch an und bettelte mit den Augen wie ein Kind. Ob ich ihr

nicht aushelfen könne; sie hätten eine Rechnung zu zahlen und im Augenblick

nicht so viel beieinander.

Peinlich erschrocken nahm ich sie schnell in mein Zimmer, und als sie so im

hellen Morgenlicht vor mir stand, nahm ich mit Entsetzen wahr, daß sie noch

nicht gekämmt und ihr hübscher weißer Halskragen sehr schmutzig sei. Es

fiel mir noch so mancherlei auf; ach, ich schämte mich so, daß ich gar

nicht mehr hinsehen mochte. Schweigend gab ich ihr alles Geld, das ich da

hatte und versprach ihr, am Mittag noch mehr von der Sparkasse zu holen,

worauf sie mir jubelnd um den Hals fiel und mich warm und dankbar küßte.

»Ich wußte ja, daß du mir aushelfen würdest! Du bist halt eine Gute. Man

kommt nicht umsonst zu dir. Aber gelt, es macht dir auch Freude, wenn

du uns was tun kannst? Du, komm heut Abend bald herüber; ich will einen

Heringssalat machen, weil du ihn so gern magst! Adieu, Adieu!«

Dann war sie hinaus und die Treppe hinunter; mir aber war es gar nicht nach

Heringssalat zumute.

Ich spürte in dieser Zeit wohl, daß es mit meiner Auslandsreise noch eine

gute Zeit anstehe und daß ich Fouqués noch gewaltig unter die Arme greifen

müsse, ehe ich an mich selber denken dürfe.

-- Neben all diesem gab es noch Stunden voll verzweifeltem Heimweh nach

Gottfried, wo ich alle meine Pläne und alle Dichterei mit Freuden gegeben

hätte, um noch einmal eine Stunde mit ihm zusammen zu sein, wo ich weinte

und wütete und nicht begreifen konnte und es in mir jämmerlich elend

war. Dann fielen die Luftschlösser und guten, strebsamen Gedanken zu

erbärmlichen Trümmerhaufen zusammen, und ich begriff mit grauenhafter

Erkenntnis, wie unsäglich viel ich verloren habe und wie es nie, nie mehr

zu ersetzen wäre.

Und lange Zeit träumte ich jede Nacht denselben Traum. Ich saß auf dem

geschweiften Kanapee in Gottfrieds Stube, er hatte seinen Kopf in meinem

Schoß liegen, sagte Liebesworte und sah mit strahlenden Augen zu mir auf.

Der Hölderlin lag auf dem Tisch, auch war der Apfelkorb da und ein Krug mit

Blumen.

Und jedesmal sagte ich traurig: »Ach, das ist alles bloß im Traum so, und

nachher, wenn ich aufwache, bist du gestorben und ich bin allein. Ich weiß

es gut, es ist immer so.«

»Nein, nein,« sagte er und schlang seine Arme um meinen Hals, »diesesmal

ist es gewiß kein Traum, du darfst mirs glauben; ich bleibe immer, immer

bei dir!«

»Das sagst du immer. Und dann wache ich auf, und es ist gelogen.«

»Aber so glaube es mir doch diesesmal noch --, hörst du, Agnes, liebe,

liebe Agnes! Spüre doch, wie ich lebendig bin.« Und er küßte und liebkoste

mich und tat so innig und voller Liebe, und wenn es am schönsten war,

erwachte ich und lag in einer dunklen Nacht und in naß geweinten Kissen.

* * * * *

Obschon ich vermeinte, eine leidlich angenehme und anständige Person zu

sein, gab es doch einen Menschen, der mich haßte wie die Sünde und ewige

Verdammnis und mir diesen Haß täglich und stündlich in wohl gemessenen und

gewürzten Portionen zu Gemüte führte.

Dieser Mensch war Genovev. -- Sie mußte durch irgend wen von meiner

Liebesgeschichte und ihrem bösen Ausgang erfahren haben; war es durch

Margrets Monatsfrau, hatte die Alte gehorcht oder hehlings meine Schubladen

ausspioniert, ich wußte es nicht; daß es sich aber so verhielt und sie

genau unterrichtet war, erfuhr ich nun mit jedem Tage um so deutlicher.

In langen, vor Entrüstung bebenden Reden erging sie sich nun mit vor

geheimer Schadenfreude triumphierenden Seitenblicken auf mich, wie

gewisse Leute schon in der frühen Jugend so voller Sündigkeit, Unzucht und

verabscheuungswürdiger Liederlichkeit wären, daß sogar Gott der Herr, der

doch gewiß langmütig, gnädig und voller Geduld sei, nicht mehr länger habe

zusehen können und seinen Zorn habe auf den einen der Sünder herabfahren

lassen und ihn zermalmet. Und wie der andere Sünder, statt Buße zu tun, in

sich zu gehen und sich zu bekehren, nichtsdestoweniger sein Gemüt verhärte

und verstocke, daß es einen Stein erbarme. Schließlich, als sie sich

beinahe einmal verschnappte, woher sie es wisse, behauptete sie noch, Gott

der Herr selber habe ihrs geoffenbart, daß in ihrer Nähe eine weibliche

Kreatur sei, die des Nachts zu fremden Männern ginge und dergleichen

abscheuliche und lästerliche Dinge triebe, davor sie, Genovev, der Herr

behüten möge, solches auch nur auszusprechen, und sie beschwor händeringend

und tränendrückend die kleine Hausmagd, sich vor gewissen bösen

Frauenspersonen in acht zu nehmen, die oft in des Menschen nächster Nähe

und schlimmer als der Satan selber seien.

Im Anfang war ich noch zu traurig, um auf das bigotte Geplärre richtig

hinzuhören, und es konnte mich kaum zu einem müden Lachen bringen.

Später begriff ich es erst richtig, und es brachte mich in eine herzliche

Heiterkeit, wenn ich mir unter den fürchterlichen »fremden Männern« meinen

lieben, zarten, kindlichen Jungen vorstellte. Die Sache fing erst an, mich

zu ärgern, als die Alte nach einem Vierteljahr immer noch nicht versiegt

war; und als sie ihren Haß mittelst allerhand spitzigen und boshaften

Tätlichkeiten auf das unumgängliche Beieinandersein und Miteinanderarbeiten

des täglichen Lebens übertrug, ging es mir gegen die Gemütlichkeit.

An einem Sonntag abend hatten Fouqués Gäste, wobei es meistens recht heiter

und übermütig zuzugehen pflegte; ich war etwas trüber Laune und konnte

keine Lust aufbringen, hinüber zu gehen. Als nun Genovev wieder mit ihrer

Buße und Bekehrung anfing und ich sie besänftigen wollte, machte ich ihr

die Freude und versprach, heute abend einmal mit in ihre Betstunde zu

gehen. Wir liefen also miteinander den ziemlich weiten Weg dorthin durch

den regnerischen Abend, und während Genovev mit der Beständigkeit eines

Wasserfalls an mich hin und an mir vorbei schwätzte, hatte ich Muße zu

bedenken, wie es eigentlich in Wirklichkeit mit meiner Frömmigkeit stehe.

Ich war zwar öfters, besonders vom Zinken aus, zum Gottesdienst in der

Kirche gewesen, doch hatte ich nie einen sonderlichen Gewinn daraus

davongetragen. Ich erinnerte mich, daß ich in meiner Kindheit sehr fromm

gewesen sei, oft und bei dem geringsten Anlaß gebetet habe und bei jeder

kindlichen Unart mich sehr vor Gott gefürchtet hatte. Wie mir dieses dann

eigentlich verloren gegangen war, kann ich mich nicht mehr entsinnen, doch

fiel mir darüber ein viel späteres Erlebnis ein. Frau Gunhild hatte einen

Kanarienvogel, dessen Käfig alle Samstage zu putzen mir anvertraut war.

Nun war ich einmal so unachtsam, dieses Geschäft auf der offenen Veranda zu

besorgen, der Kerl entschlüpfte, tat die Flügelein auseinander und flog in

einem hohen, schwingenden Bogen davon. Ich wußte, wie sehr Frau Gunhild an

dem Tierlein hing und wie aussichtslos es war, ihm nachzugehen oder

sonst etwas zu unternehmen, und ich empfand namenlose Reue und Betrübnis.

Plötzlich kam ich darauf, zu beten und formte in meinem Innern eine Bitte

an Gott, die heiß und dringlich hätte werden sollen. Aber ob ich mir

auch die größte Mühe gab, mein Herz tat nicht mit, und es blieb kalt und

unbewegt in mir; die Worte kamen mir so sonderbar verloren und fremd vor

und schienen mir so sinnlos, daß ich bald wieder aufhörte. Nachher war

mir, als sei mein Kinderglaube so unwiederbringlich davon geflogen wie der

kleine, schöne, helle Vogel, der am Ende irgendwo ersoff.

Unterdessen waren wir in dem Betsaal angekommen. Es waren viele, fast

lauter ältere Leute da und eine üble Luft darin. Erst war noch von der

Tür her ein großer Spektakel mit den Regenschirmen; dann fing jemand an,

Harmonium zu spielen, und man sang ein Lied mit vielen Versen. Hierauf

bestieg ein Bruder das Känzelein, betete, las aus der Bibel und redete

darüber. Er sagte ziemlich wohlgesetzt und mit priesterlichen Gebärden etwa

das, daß Mühe und Arbeit mit nichten am Schlusse dieses Lebens ein

Ende hätten, sondern daß im Gegenteil droben im Himmel das Schaffen und

Sichregen und Wirken noch viel gewaltiger los ginge, und ein jeder im

Weinberg des Herrn und Reiche Gottes Tag und Nacht und ohne Ende arbeiten

müsse zu des Höchsten Lob und dergleichen mehr. Und die müden und

verhärmten Gesichter der Frauen wurden noch viel müder und verhärteter und

trüber dabei und senkten sich traurig vornüber. Manche Köpfe fingen an zu

nicken, und ich ärgerte mich heillos über den Kerl. Nach ihm kam einer und

erzählte seine Bekehrung, die mir überaus verlogen vorkam. Und indem ich

schon mit Langeweile und Ungeduld auf den Schluß wartete, stieg noch einer

auf das kleine Pult, und plötzlich schämte ich mich, der Aerger und die

Langeweile waren weg, und ich spürte, daß es um des Gesichtes dieses einen

willen wert gewesen sei, hierher zu kommen.

Der Mann mochte etwa vierzig Jahre alt sein oder älter und war von nicht

sehr großer, untersetzter Figur. Sein Gesicht war ein wenig bleich und so,

wie man die Heilandsgesichter gemalt sieht, ernst, gut und sanft und mit

einem kräftigen, dunklen Bart. Die Augen waren groß und braun und dabei so

himmelgut und gesättigt von einem inneren Glanze, wie ich's vermeinte, noch

nie gesehen zu haben. Mit Scham und doch mit Freude sah ich zu dem Manne

auf, und es wurde mir unter seinem Blick seltsam wohl und ruhig. Ueber was

er sprach und ob er gut sprach, kann ich nicht mehr sagen. Als ich mich

zusammenriß und darauf aufpassen wollte, ging er eben wieder herunter.

Dann sagte einer: »Wir wollen noch einen Seufzer beten!« worüber ich lachen

mußte, man sang ein Lied und dann war es aus.

Ganz unter dem Banne der guten braunen Augen ging ich an Genovevs Seite

heim; ich beschrieb ihr den Mann und befragte sie, konnte aber nur

erfahren, daß er Roth heiße, Kanzleigehilfe sei und am Entengraben wohne.

In meiner Bewegung und Begeisterung versprach ich Genovev, das nächstemal

wieder mitzugehen, was sie überaus gnädig aufnahm.

Als ich nun wieder und auch noch ein drittesmal in die Betstunde ging, war

der Mann wohl da, und ich konnte zwischen vielen Leuten hindurch seinen

dunkelhaarigen Kopf mit dem bäuerlichen Nacken sehen; jedoch sprach er

nicht und ging am Schlusse schnell aus dem Saal.

Betrübt machte ich mich an jenem dritten Abend auf den Heimweg. Genovev war

diesesmal nicht mit, und da es so schön und sommerlich und dämmerig war,

machte ich noch einen Umweg durch ein paar stille, entlegene Gassen. Nach

einer Weile hörte ich Schritte hinter mir und dann neben mir hergehen,

und als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, erkannte ich meinen

Braunäugigen; er hatte wohl noch irgend etwas besorgt oder mußte

aufgehalten worden sein. Er grüßte mich, wie es unter Stundenleuten so

der Brauch war und mochte wohl bei meinem Gegengruß die herzliche Freude

gesehen haben, denn er verlangsamte seinen Schritt, ging neben mir her und

fing ein freundliches, allgemeines Gespräch mit mir an. Als wir eine Weile

so gegangen waren, sagte ich ihm, daß ich die letzten Male vergeblich drauf

gewartet habe, ihn sprechen zu hören und wann er es denn wieder tue.

»Ich werde überhaupt nimmer sprechen,« sagte er, und als ich ihn erstaunt

um den Grund fragte, sah er mich einen Augenblick prüfend und mit einem

ganz leisen Lächeln an.

»Wenn Sie Interesse dran haben, dürfen Sie es schon wissen. Bloß, -- ich

kann mich nicht aufhalten; meine Frau ist im Wochenbett, -- es ist unser

drittes Kind, -- und sie wartet auf mich. Aber vielleicht haben Sie Zeit,

mich ein Stück zu begleiten?«

Ich sagte gerne und dankbar zu und lief an seiner Seite weiter durch den

warmen, stillen Abend. Er schwieg eine Weile, dann fing er an.

»Ich muß mich eigentlich schämen, daß ich zweiundvierzig Jahre alt geworden

bin und viele, viele Male in der Stunde gesprochen habe, ehe ich zu dieser

anderen Erkenntnis gekommen bin. Nun wissen Sie, ich bin vor ein paar

Monaten krank gewesen und mußte viel liegen, da hatte ich Zeit, um über

all das so recht nachzudenken. Und seither ist es allmählich anders mit mir

geworden.

Sehen Sie, wenn einer in der Stunde spricht oder Stadtmissionar wird oder

zur Heilsarmee geht oder auch nur einen Beitrag gibt zu einem Kirchenbau,

so tut er es doch im Grunde deshalb, weil er die Menschen ein wenig besser

machen möchte und sie mehr zum Guten bringen, auch, weil er innerlich das

Bedürfnis dazu hat und es ihn froh macht, für das Reich Gottes etwas tun zu

dürfen. Und wenn man das nun ehrlich und genau bedenkt, sieht man, daß

es fast ein Hohn ist, wie wenig dabei heraus kommt und wie wenig man in

Wirklichkeit mit diesem nützt und an den Menschen fertig bringt. Ach,

so furchtbar wenig; und als ich so darüber nachgedacht habe, hat es mich

namenlos traurig gemacht.

Nun habe ich das alles auf die Seite getan. Ich will zu keinem Menschen

mehr sagen, er soll gut sein und in die Kirche gehen und ein Christ werden;

ich will von jetzt an über das alles schweigen und alle Kräfte und alle

inneren Triebe nur noch dazu anwenden, selber ein rechtes Leben zu führen,

gut zu werden, und so wenig als möglich dazu und davon sagen. -- Sie

meinen, ich sei doch schon seither ein guter Mensch gewesen? Ach, nur so im

Sinn der Leute und im ganz, ganz Groben. Wenn man das richtig machen will,

dann hat man ganz unendlich viel zu tun und fleißig zu sein und an sich zu

arbeiten, die dreißig oder vierzig Jahre, die ich, wenn's gut geht, noch zu

leben habe, werden mir kaum dazu reichen. Sie dürfen ja nicht meinen, daß

das immer so leicht sei, so auf die rechte Art sein Leben zu führen; es

wird einem manchmal so schwer, daß man an sich verzweifeln möchte; freilich

macht es einen dann nachher froh und glücklich, -- o, man kann nicht sagen,

wie. Und das dürfen Sie auch gewiß nicht denken, daß ich etwa meine, ich

könne auf diese Art gerecht und sündenfrei werden; ach nein, man braucht

Christi Gnade immer noch haufenweis' dazu. Ich spüre es jeden Tag, daß ich

kein Heiliger werde; bloß so gut und tüchtig, wie es ein Mensch auf dieser

Erde erreichen kann, möchte ich werden.«

Herr Roth war eine Weile still und schien sich zu besinnen. Dann fuhr er

langsam fort:

»Sie und die meisten anderen Menschen werden das sonderbar finden, --

ich glaube aber ganz fest daran, daß keine Mission und Betstunde die Welt

besser macht, sondern das stille und gute Leben der Einzelnen. Und ich weiß

es ganz gewiß, daß ich als armer und einfacher Mann, auch wenn ich die Gabe

habe, zu reden, nichts tun kann was besser und wertvoller wäre, als mit

einem festen Willen und mit Gottes Hilfe zu versuchen, ein rechter und

guter Mensch zu werden.

Und sehen Sie, es führt am Ende doch noch eine Brücke zu den anderen

Menschen. Wenn meine Frau jeden Tag sieht, wie ich lebe und wie es mich

froh macht, so gefällt es ihr vielleicht, und sie versucht es auch. Wenn

wir nun unsere Kinder so in unserem Sinne erziehen, und sie ererben und

sehen von uns nichts als Gutes und Lauteres, so werden vielleicht auch sie

fest darin, und wenn am Ende meines Lebens dann doch durch mich auch nur

zwei oder drei gute und frohe Menschen in der Welt wären, so wäre ich

unsäglich glücklich.«

Unterdessen waren wir vor Herrn Roths Haus angekommen; es war ein kleiner

Garten davor, und als ich die prachtvoll blühenden Rosen bewunderte, meinte

er: »Ich möchte Ihnen gern ein paar davon schneiden; wenn Sie derweil

meiner Frau Grüß Gott sagen wollen, so wird es uns freuen.«

Er ging mit mir hinein, die Kinder sprangen uns entgegen, und in einem

weißen Bett lag eine saubere und vergnügte Frau und hatte ein winzig

Kleines an der Brust. Ich gab ihr die Hand und bestaunte das Kindlein;

wir sprachen ein wenig miteinander und merkten sogleich, daß wir einander

verstanden und schon gleich ein bißchen lieb gewannen. Als dann Herr Roth

mit den Rosen kam, luden sie mich ein, bald einmal wieder zu kommen, und

ich versprach es Ihnen und wunderte und freute mich.

Dann ging ich durch den immer leise hellen Sommerabend heim; die warme Luft

war je und je voll einem starken und süßen Geruch aus den Gärten, und indem

ich über den seltsamen Menschen nachdachte, meinte ich, dies alles schon

einmal gehört zu haben, bloß viel kürzer und noch schöner, dann fiel es

mir ein und daß es mit Gottfried zusammen in den schönsten Stunden meines

Lebens gewesen war, und zu Hause schlug ich es auf und las es:

»Reines Herzen zu sein,

Das ist das Höchste,

Was Weise ersannen,

Weisere taten.«

-- Das Erlebnis jenes Abends war mir ein mächtiger Antrieb und zündender

Funke in die Pläne hinein, die ich mir für mein Leben ausgedacht hatte; es

freute mich, daß ich immer noch etwas dazu erfuhr und kennen lernte, wie

ich dieses reich und fein und wertvoll machen könne. Ich probierte es auch

zwei Tage lang, so ganz gut und richtig zu leben, wie Herr Roth es mir

geschildert hatte; aber im Gedränge und in den Sorgen des dritten Tages

ließ ich es wieder fahren. Doch hatte ich immerhin etwas von dem süßen und

frohen Frieden geschmeckt und legte mir Herrn Roths Lebensplan und Weisheit

gleichsam zurück, bis ruhigere Tage kämen, als einen Schatz, den mir

niemand stehlen und den ich jederzeit nach Bedarf benützen könne.

In die Betstunde ging ich nimmer, wohl aber des öfteren zu meinen neuen

Freunden am Entengraben. Ich spürte, daß es nichts Verläßlicheres gab,

als diese beiden Menschen; ich kann nicht sagen, daß wir sehr interessante

Gespräche mit einander geführt hätten oder daß ich mir viel geistige

Anregung dort geholt hätte, aber wenn ich nach einem bewegten und

sorgenvollen Tag eine Viertelstunde unter dem Blick der milden braunen

Augen saß, fiel eins ums andere von dem was mich plagte weg, und es wurde

mir sonderbar leicht und wohl. Herr Roth war ein stiller, ernster Mensch,

er sprach nicht viel und war eher zum grübeln und sinnieren geneigt;

dagegen war seine Frau von einer überaus warmen und gütigen Fröhlichkeit

und wenn auch bei weitem nicht so klug wie ihr Mann, viel mehr geeignet zum

Helfen und zum Trösten und einem etwas Liebes tun. Trotz aller Frömmigkeit

verfiel sie gelegentlich in eine kleine Neckerei mit ihrem steifen und

schwerfälligen Mann, die überaus ergötzlich anzuhören war. Er hing mit

fast zu großer Liebe an ihr, einmal klagte er mir, er könne den von ihm

angestrebten Grad von Reinheit und Frömmigkeit nie erreichen, da er

seine Frau mit solcher Glut und Leidenschaft liebe, wie es Gott unmöglich

gefallen könne.

An einem Abend kam ich zu ihnen, als sie eben am Essen saßen; die Frau hieß

mich mit fröhlicher Herzlichkeit willkommen, holte einen Stuhl und belud

mir einen Teller mit Gemüse und Kartoffeln. Ich tat mit, und während dem

Essen versprach sie sich ein übers anderemal, indem sie mich duzte und sich

zwar gleich darauf verbesserte, mich aber so lieb und neckisch dabei ansah,

daß man ihre Absicht merken konnte, und am Ende gestand sie's freimütig,

sie und ihr Mann hätten mich gern und würden sich freuen, wenn ich gute

Freundschaft mit ihnen halte und zu ihnen beiden von jetzt an Du sagen

wolle.

Ich war froh darüber, so eine gute und friedliche Heimat gefunden zu haben,

und war den lieben Leuten von Herzen zugetan. So klar und einfach ihr

Wesen war, blieb es mir doch noch lange merkwürdig, und zum Hochachten und

Bewundern ist es mir noch heute. Sie stammten beide von Bauersleuten, doch

besaß Herr Roth einige Bildung und hatte als junger Mensch viel gelesen und

gehört. Er saß auch jetzt noch gerne des Abends über einem Buch, doch war

es mir befremdlich, wie gänzlich unwichtig und unnötig ihm alles dieses

zum Leben schien und wie undenkbar es ihm war, daß solches einen wahrhaft

glücklich machen und erfüllen könne; gleichwie er alles Schöne auf der Erde

gelten ließ und, wo es ihm beschert war, mit dankbarer Freude hinnahm und

doch in jeder Stunde bereit war, es mit fast derselben Freude wieder zu

verlieren und hinzugeben.

Wenn ich mit diesen Leuten von meinem Leben sprach, erschien es mir, als ob

viel Gutes und Schönes darin gewesen sei. Ich sagte ihnen viel von meiner

Mutter, nach der sie immer wieder fragten, und auch von Elsbeth und der

schönen Gunhild und Frau Finkenlohr; sie verstanden mich und hörten es

gern, wenn ich erzählte. Und es war sonderbar, mit diesen beiden, die doch

für eng und strenge rechtlich galten, konnte ich von meiner Liebschaft

und sogar von jener wunderbaren Nacht sprechen, und sie verurteilten

mich nicht, sondern gaben mir die Hand und waren lieb und zart mit mir.

Vielleicht spürten sie die echte Liebe, die dahinter stand.

* * * * *

Ich muß nun leider berichten, wie ich in der frömmsten Zeit meines Lebens

und da ich den besten Umgang, das beste Beispiel und die besten

Vorsätze hatte und eben im Begriff stand, mich zu einer halben Heiligen

emporzuschwingen, einen ganz greulichen Fall und Absturz tat, und wie der

etwaige Stolz auf meine Tugend mit einer recht beschämenden Geschichte

gestraft wurde.

Mein edler Mitmensch Genovev machte mir zu jener Zeit das Leben ordentlich

sauer. Es war nicht bloß, daß sie wütender und verachtungsvoller als je

über mich predigte und über jeden Spüllumpen und jede Kutterschaufel, die

ich in der Hand gehabt hatte, das Kreuz schlug, ehe sie sie berührte; das

hätte ich noch ertragen. Aber die Alte spürte, daß es mir doch allmählich

auf die Nerven ging und mich ärgerte und sah ihren Plan, mich hinauszuekeln

und eine andere neben sich zu bekommen, die ihr weniger auf die Finger

guckte, verlockend nahe. Auch baute sie im Grunde so sehr auf meine

Naivität und Unwissenheit, die wohl niemals etwas von ihren heimlichen

Gängen erfahren habe, daß sie nun die meiste Vorsicht und Diplomatie fahren

ließ und mir offensichtlich und so übel als möglich meinen Tag und meine

Arbeit versalzte.

Ich hatte die Novelle fertig, sauber abgeschrieben und an eine Zeitschrift

geschickt, und neben dem seltsam leeren und öden Gefühl an den Dienstagen

plagte mich nun noch das beständige und unruhevolle Fieber der Erwartung,

das sich trotz aller Beherrschung nicht umgehen ließ; denn schließlich war

ich eben doch ein junges Mädchen und dieses Ereignis zu wichtig in meinem

Leben.

Dazu jährte es sich in diesen Tagen, daß ich meinen fünftägigen

Sommerurlaub gehabt hatte und auf den Zinken gereist war, wo auch Gottfried

seine Ferien wieder verbrachte. Die selige Zeit leuchtete mir nun heiß und

ungewollt im Gedächtnis auf, ich mußte mehr als je an Gottfried denken, und

es war mir schmerzlich und ungut zumute.

Nun hatten die Professorsleute zu einem Abendessen eine feine und größere

Gesellschaft eingeladen, und schon tagelang vorher war deshalb ein

mächtiger Umtrieb und Spektakel. Jedes wollte sich von seiner besten Seite

zeigen; die Professorin legte mir mit Ernst und größtem, anerkennendem

Vertrauen das gute Gelingen des Mahles ans Herz, ich tat so etwas gerne,

freute mich auf eine stramme Kocherei und hoffte, die trüben und törichten

Gedanken darüber eine Weile los zu werden.

Den Glanzpunkt des Essens sollte eine französische Geflügelpastete geben,

ich hatte sie den Tag zuvor gebacken, damit man sie dann vor dem Anrichten

nur noch zu wärmen und zu füllen brauche. Sie war prachtvoll geworden, ach,

ich sehe sie im Geiste heut noch vor mir. Der Abend kam also, da

Genovev zum Herumreichen zu unappetitlich war, besorgten es ich und das

Hausmädchen. Mit Vergnügen und Eifer gingen wir daran; zuvor hatte ich noch

meine Pastete in den Wärmofen gestellt und es Genovev aufs eindringlichste

angekündigt, mir darauf aufzupassen, und als die Suppe vorbei und der Fisch

aufgetragen war, ließ ich das Hausmädchen allein bei den Gästen und ging

eilig in die Küche, meine Pastete fertig zu machen. Ich zog sie stolz aus

dem Ofen und stellte sie auf den Tisch. Da merkte ich es erst.

Sie war schwarz verbrannt, beinahe wie ein Mohr, und aus einer Ecke tönte

Genovevs leises Gewieher wie Hohngelächter von sieben Teufeln.

Ich schabte und putzte ja nun, so gut es gehen wollte und trug es mit Würde

und Ergebenheit, wie nachher der Hausherr, als er mich mit der verhunzten

Pracht zur Tür hereinkommen sah, ohne Ahnung der Moritat zu seinem

Gegenüber sagte: »Passen Sie auf, Doktor, nun kommt das Glanzstück dieses

Abends; Pasteten sind nämlich die Spezialität unserer jungen Stütze; Sie

essen's nirgends besser -- -- --« In meinem Innern aber wußte ich, daß ich

heute noch Genovev unter meinen Fäusten haben und ihr den Buckel verhauen

mußte, oder es war mir keine Minute mehr wohl und erträglich in meiner

Haut. Das mit der Pastete hatte dem Faß den Boden ausgeschlagen.

Der Abend verlief vollends schön und ohne weiteren Zwischenfall. Gleich

einem gewiegten Uebeltäter und Totschläger ließ ich mein Opfer mit keinem

Blicke ahnen, was ich Finsteres im Sinne hatte, war wohl gleichgültig gegen

Genovev, doch im übrigen durchaus nicht anders als sonst. Gegen halb elf

Uhr gingen die Gäste, wir räumten noch schnell die Tafel ab, dann sagte ich

laut Gutenacht und ging hörbar in mein Zimmer.

Eine Weile später schlich ich mich lautlos in den Hof hinunter; es war sehr

dunkel und stille. Einmal glaubte ich zwar, von Fouqués Gärtlein, das dicht

daneben war, ein Geräusch zu vernehmen, doch war es alsbald wieder ruhig.

Richtig tappte nach einer Viertelstunde fast so leise wie ich Genovev die

Treppe herunter; die Kellertür knarrte ein wenig, dann stellte ich mich

davor und lauerte. Ach, es klappte großartig! Sie kam, ich packte sie am

Kragen, drohte bei dem geringsten Laut, den sie von sich gebe, daß ich

morgen alles Gesoffene und Gestohlene haarklein dem Professor erzähle und

schleppte sie in den Hof, wo ich es ihr so gründlich besorgte, daß es mich

trotz allem heute noch freut.

Lautlos wankte sie davon, ich hörte noch, wie sie sich droben in ihrer

Stube einschloß, dann setzte ich mich müd und zitternd vor Aufregung

auf den Kellersims im Hof. Ach, es war mir kein bißchen sieghaft oder

triumphierend zumut; meine abgründige Wut war jäh verraucht, es blieb nur

eine Schlaffheit und weinerliche Abgespanntheit und alles Bedrückende und

Traurige von vorher fiel doppelt schwer über mich herein. Wenn ich an

meine Freunde Roth dachte und an das gute und rechte Leben, das ich führen

wollte, wurde ich noch in der Dunkelheit rot vor Scham; -- und mit meiner

Schreiberei war es auch nichts, sonst hätte ich doch schon irgend eine

Antwort bekommen müssen. Es war mir zum Heulen elend und jämmerlich zumut.

»Das hast du fein gemacht, Ageli!« sagte plötzlich eine Stimme nahe mir,

laut und lachend.

Ich sprang auf, wahnsinnig erschrocken, und starrte in die Dunkelheit. »Um

Gotteswillen, wer ist da -- --?«

»Dein Schwager, liebes Kind,« sprach die Stimme mit spottend sanftem Ton,

und ich erkannte nun wahrhaftig im Dunkeln Fouqués dicke Gestalt am Zaun

lehnend. »Komm an mein Herz, Kind, und laß dir gratulieren. Sieh, es

sind hier liebenswürdigerweise zwei Zaunlatten weg; komm noch eine Weile

herüber, es würde mich außerordentlich freuen.«

»Wenn du es niemand sagst -- --,« sprach ich, immer noch zitternd vor

Schreck.

»Ganz, wie du es wünschest,« sagte er liebenswürdig; erhob jedoch zu meinem

namenlosen Entsetzen gleich darauf seine Stimme zu einer Stärke, daß es

in der stillen Nacht gewaltig laut und hallend tat: »Ich werde es niemand,

niemand, niemand sagen, daß ich hocherfreuter Zeuge dessen war, wie in

stiller Stunde --«

Unterdessen war ich aber schon bei ihm drüben, fauchte ihn an wie ein

wilder Kater und schüttelte ihn weinend und bebend.

»Adolf -- wenn du nicht augenblicklich still bist --«

»Verhaust du mir auch den Ranzen?« fragte er lachend; doch war er gleich

darauf ruhig, nahm meinen Arm und führte mich zu einem versteckten

Gartenbänklein, wo er mit väterlicher Güte sein großes Sacktuch herauszog

und mir die Tränen damit wegputzte, bis ich lachen mußte. Darauf ging er

ins Haus und kam nach einer geraumen Weile mit einem Krüglein Wein und zwei

Gläsern wieder. Er schenkte ein und hielt mir das Glas an die Lippen.

Wir tranken also, es wurde mir ein bißchen besser zumut, und da es mir

war, als sei ich Adolf eine Erklärung schuldig, erzählte ich ihm die

ganze tragische Geschichte der letzten Wochen und wie mich die Bosheit

und Gemeinheit dieses Frauenzimmers geplagt und bombardiert und gezwiebelt

habe, und am Schlusse sprach ich traurig von dem trüben Ereignis mit der

Pastete. Adolf saß unbeweglich und hörte mir zu; nur hin und wieder vernahm

man sein leises, erfreutes und prachtvolles Lachen durch die Stille.

»Du hast gut lachen,« sagte ich am Ende bitter. »Du bist über alle solche

Sachen erhaben, und es kann dich nichts aus deiner Ruhe bringen. Ich

glaube, dich hätte nicht einmal die schwarze Pastete angefochten!«

»Nein, wahrhaftig nicht!« lachte er. Ich starrte trübe vor mich hin. »Weiß

Gott, wie du's machst!«

»O, ich tue bloß das Gegenteil von dem, wie du's machst,« sagte er ruhig.

»Du hast doch jetzt selber gemerkt, daß es nicht ganz schlau war, wie du's

angegriffen hast. Du hättest der Alten keinen größeren Gefallen tun können,

als auf ihre Bosheit einzuschnappen. Die nimmt gern ihren Buckel voll Hiebe

in den Kauf, wenn sie weiß, wie unmäßig sie dich geärgert hat. Siehst du,

man muß die Leute ansehen, wie wenn sie alle einen Tropfen an der Nase

hätten oder ein Loch im Aermel -- und auch so mit ihnen umgehen. Im Anfang

ist das eine Kunst, später geht's von selber. Um ganz unabhängig und frei

und glücklich zu sein, gehört freilich noch ein dickes Fell dazu, --

und dann noch -- weißt du, noch ein paar innerliche Sachen, die du

wahrscheinlich doch noch nicht verständest, auch wenn ich dir's jetzt

erklären würde. Ich sag es dir später einmal, wenn du mehr von Philosophie

verstehst. Du bist jetzt auch noch ein wenig zu jung dazu.«

Ich sann dieser sonderbaren Lehre betroffen nach und fragte zweifelnd,

ob er wirklich meine, daß ein Mensch nur mit diesem und so ohne weitere

Anstrengung richtig glücklich werden könne.

»Unbedingt ja,« antwortete er felsenfest und ruhig. Ich sagte ihm nun, daß

ich immer gemeint habe, man könne sein Glück und seine innere Fröhlichkeit

nur durch einen rechtschaffenen und tätigen Lebenswandel erwerben und

setzte ihm Herrn Roths Lebensanschauung auseinander, die ja nun auch die

meine war.

»Ei, so plage dich doch!« rief er. »Wir wollen sehen, wer in seinem Leben,

und, worauf ihr es doch am meisten abgesehen habt, am Ende dieses Lebens,

glücklicher ist, du oder ich!«

Wir gerieten in ein heftiges Wortgefecht; Adolf redete mich schließlich

in Grund und Boden hinein. Ich saß still und wußte nichts mehr drauf zu

erwidern.

»Das kann alles wahr sein,« sagte ich nach einer langen Weile, »und es

kann für alle andern Menschen passen und recht sein. Aber daß _mein_ Glück

irgendwo anders liegt, das glaube ich eben doch. Wenn ich wüßte, daß du es

ernst nehmen und mich nicht auslachen würdest, könnte ich es dir vielleicht

sagen.«

»Ich lache dich sicher nicht aus,« antwortete er freundlich und ohne Spott.

»Im Gegenteil; ich freue mich recht, wenn du es mir sagen willst.«

Da fing ich an, daß schon lange, ehe mir Herrn Roths Weisheit aufgegangen

sei und lange, ehe ich überhaupt mit Bewußtsein und Verstand über solche

Sachen nachgedacht habe, etwas in mir gewesen sei, das viel echter und

glühender und gewaltiger sei und viel mehr zu mir selber gehört habe und

aus mir selber gekommen sei als alles das andere. Ich erzählte ihm von dem

Grab des Namenlos und der großen, roten, nackten Zehe, auch von dem Morgen

bei der Buche und von der Zeit, nachdem der spitzfindige Herr Bürger vom

Zinken abgereist war. Und später von der Nacht in des Bäsleins Babetts

Gastkammer, von der Zeit mit Gottfried und von allen diesen Stunden, da ich

die göttlichen Ströme in mir gespürt habe. Und als ich zu Ende war, wurde

ich sehr verlegen und wußte nicht, wie er es aufgenommen habe.

»Ich danke dir, Ageli,« sagte er herzlich. »Es ist sehr fein und etwas ganz

Besonderes, und ich glaube schon, daß man damit glücklich werden kann. Ich

bin nun gespannt, wie es dir im Leben geht. Bloß sieh, du sprichst davon,

daß es dich dränge, alle Menschen zu lieben und ihnen zu dienen. Weißt du,

da ist eben das gewöhnliche brave Geschmäcklein dran, und du wirst es auch

so im üblichen -- hm -- christlichen Sinn meinen?«

»Nein,« sagte ich zögernd, »-- ich glaube, ich -- ich meine -- das --

menschlich!«

Da fing er nun doch an, laut und aus Herzensgrund in die schweigende Nacht

hinaus zu lachen; ich hielt ihm erschrocken und beschämt den Mund zu, aber

es lachte dennoch übermütig und knabenhaft darunter hervor. »So, so, du

meinst das Lieben menschlich! -- -- ach, Mädel, du bist köstlich! -- --«

* * * * *

Ein paar Wochen darnach kam an einem Morgen Margrets Aeltester zu mir

herauf, aufgeregt und verstört: Die Mutter liege auf dem Boden und jammere

und könne nicht mehr aufstehen; der Vater sei nicht da, ob ich nicht

geschwind herüberkommen könne.

Eilig ging ich mit dem Buben hinüber; wirklich lag Margret umgesunken da,

unfähig, sich zu erheben, und wimmerte und wand sich in Schmerzen. Ich

brachte sie ins Bett, Adolf kam und holte einen Arzt und eine Pflegerin,

und man sprach von einer Ueberführung ins Krankenhaus, falls Frau Fouqué

zu Hause nicht die nötige Pflege habe. Margret wehrte sich flehentlich

dagegen.

»Meine Schwägerin ist sehr gewissenhaft,« sagte Adolf zu dem Arzt und

sah mich an. »Wenn du hier bleiben könntest --!« Ich nickte ihm eilig und

selbstverständlich zu, und alles war in Ordnung. Man ließ Margret da, auch

die Pflegerin blieb vorerst, und zur Besorgung des Haushalts erbot sich

eines der Fräulein Heitenreiter gerne auszuhelfen, bis ich frei wäre.

In einer Stunde war alles beschlossen. Das Zusammensein mit Genovev

und dadurch meine ganze Arbeit war seit jenem dunklen Abend herzlich

unerquicklich und hätte doch kaum so weiter gehen können. Also kündigte ich

und war schon nach vierzehn Tagen mit meinen Sachen in Fouqués Gastzimmer

untergebracht.

Es bleibt bei diesem nur noch zu sagen übrig, daß Genovev ihre guten Tage

nicht mehr lange genießen konnte; sie wurde nach einem halben Jahre in eine

Anstalt überführt, da sie am =delirium tremens= erkrankt war.

Bei Margret ging es etwas besser, sie hatte keine Schmerzen mehr, und die

Pflegerin war entbehrlich, als ich hinkam. Nur war sie sehr geschwächt

und durfte das Bett nicht verlassen; wir beschlossen nun, daß ich auf eine

lange Zeit ganz dableiben solle, zum mindesten bis das Kind da sei und

über das Gröbste hinaus, bis dem Haushalt wieder auf die Füße geholfen und

Margret wieder ganz, ganz gesund sei. Ueber diese Aussicht geriet nun die

ganze Familie Fouqué in eine solch freudige Begeisterung, daß ich halb tot

geküßt und gedrückt wurde und alle Ursache hatte, gerührt und beglückt zu

sein.

Margret wurde zum erstenmal in ihrer Ehe gepflegt, versorgt, verwöhnt,

sie lag strahlend und selig da und fühlte sich beständig als Fürstin oder

Prinzessin, wie sie jeden Morgen so sauber gekämmt und gewaschen in ihrem

reinen weißen Bett lag und in ihrer aufgeräumten Stube herumsah. Hatte sie

sich jemals Sorgen oder trübe Gedanken gemacht, so fiel das nun völlig von

ihr ab; fragte ich sie etwas über irgend eine Geldangelegenheit, so hielt

sie sich die Ohren zu, zog unwillige Stirnrunzeln und drehte sich auf die

andere Seite. Sie überließ das alles mir; mochte ich sehen, wie ich damit

zurecht kam; -- wenn ich nur sie in Ruhe ließ. Nun, da sie keine Schmerzen

mehr hatte, lag sie stets vergnügt und ledig aller irdischen Beschwertheit

da und lebte gleich einem Kind ihre schönen, müßigen Sommertage hin.

»Ich bin so arg glücklich,« sagte sie oft. »Es ist mir in meinem Leben noch

nie so gut gegangen wie jetzt. Gelt, Adolf, es ist die schönste Zeit

von unserer ganzen Ehe? Und das ist alles, weil das Ageli da ist! -- Ach

Kinder, ihr müßt es schrecklich lieb haben. Es ist eine arg Gute!«

Fouqué schwärmte kaum minder für mich; doch war ich klug und ehrlich genug,

wohl zu wissen, daß dieses nicht den etwaigen Reizen meiner Persönlichkeit,

meinen geistigen Interessen oder meiner Aufopferungsfähigkeit zugrunde

lag, sondern lediglich deshalb war, weil ich gut kochen konnte. Er hatte

beständig ungeheuerliche Lobsprüche dafür auf Lager, und wir konnten uns an

den Abenden, wenn ich bei einer Näherei saß, stundenlang über italienische

und französische Kochrezepte unterhalten. An die Philosophie kamen wir

vorerst nicht viel.

Trotz allem, was ich schon von Margrets Haushalt kannte und wußte, hätte

ich mir die Karre nicht so jämmerlich verfahren vorgestellt. Es war

wirklich stark, und ich schämte mich unendlich vor der ordentlichen und

appetitlichen Fräulein Heitenreiter, daß sie diese Wirtschaft gesehen

hatte! Später gewöhnte ich es mir ab, mich zu schämen.

Alles was man in die Hand nehmen wollte, war kaputt oder nicht sauber

oder überhaupt verschlampt. Die ganz notwendigen Gebrauchsgegenstände, wie

Margrets Haarbürste, die Schere und das Küchenmesser fand ich an Schnüren

gebunden, die an der Wand festgenagelt waren, damit sie wenigstens nicht

abhanden kämen. Dafür entdeckte ich an den absonderlichsten Orten

ganze Kolonien von Stecknadeln, Kaffeelöffeln, einzelnen Strümpfen und

Kinderhandschuhen und abgegangenen Hosenknöpfen. Es fehlte so am nötigsten,

daß ich heimlich auf die Sparkasse ging und etwas von meinem Geld holte

und Kinderleintücher und ein wenig Anderes drum kaufte. Fouqués merkten

so etwas nicht. Es tat not, daß ich um fünf Uhr morgens aufstand, um für

Margret und das Jüngste zu waschen, und ich mußte bis tief in die Nacht

hinein über dem Nähen und Flicken sitzen. Und dennoch war es mir, als

rutsche das was ich arbeite, allsogleich wieder in ein Loch und verschwinde

ungesehen; und alles was ich tue, sei umsonst; ich war verzweifelt, daß

trotz meiner Aufbietung aller Kräfte kein Schwung in diesen jämmerlichen

und verlotterten Haushalt zu bringen war. Man mußte noch ganz froh und

zufrieden sein, wenn wieder ein Tag herumging, ohne daß man aus seiner Haut

fuhr, und wenn am Abend alle satt und noch am Leben waren.

Die Buben waren prächtige und aufrichtige Kerle, bloß von solch unbändiger

Wildheit und einem solchen Leichtsinn, daß mir Margret in ihrer Kindheit

noch als Lamm dagegen erschien; ach, sie mochten von der Fouquéschen Seite

noch so das Richtige dazu bekommen haben. Mit bleichem Grauen sah ich ihre

fürchterlichen Expeditionen über den Laufsteg hinüber und am Schloßberg,

ich hätte, weiß Gott, von keinem geglaubt, daß er das vierzehnte Lebensjahr

erreiche und noch den Kopf und alle Glieder habe. Es passierten jeden Tag

ungezählte Malheure; der eine warf den Milchtopf um, der zweite tappte in

die Scherben und blutete; ich schickte den dritten zur Milchfrau, da man

doch wieder Milch haben mußte, und dieweil ich dem einen seine Hiebe gab

und dem andern den Fuß verband, kam er wieder und hatte das Geld verloren,

weil er auf der Straße irgend etwas nachgesprungen war; nur in der Küche

stand inzwischen tröstlich ein Trupp fleißiger Katzen und leckte die Milch

auf. Täglich gab es Beulen, Risse, Schnitte und Löcher in den Köpfen,

dazwischenhinein wurde gelegentlich auch ein Arm oder Bein gebrochen, wobei

man dann leider zum Doktor schicken mußte; bei allem übrigen derartigen

lachte mich Margret schallend aus, wenn ich es tragisch nahm oder Anstalt

machte, die Buben zu verbinden und in der Stube zu behalten. Kam einer

heulend und blessiert angelaufen, so nahm sie ihn geschwind zu sich ins

Bett, erfand irgend eine fabelhafte Geschichte, kitzelte ihn ein bißchen

und lachte mit ihm, dann schickte sie ihn wieder weg. Löcher in den Hosen

nahm sie viel schwerer, da diese nicht von selber zuheilten. Auch Adolf,

wenn er beim Mittagessen seine Buben sah, lachte in einem solchen Fall

gemütlich und sagte höchstens: »So, Kerl, warst du wieder auf der Mensur?«

Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich auch, daß ich eines Morgens ins

Schlafzimmer kam, wo das dreijährige Mädelchen noch im Bett lag, und wo ich

mit Entsetzen wahrnahm, daß die Kleine auf ihrem weißen Deckbettlein mit

einem ansehnlichen Klumpen prächtig nassen Gartenlehms spielte, den sie

sich in einem unbewachten Augenblick geschwind barfüßig geholt hatte. Ehe

ich noch ein Wort sagen konnte, fing Margret herzlich an zu lachen und

meinte bittend: »Gelt, du schimpfst jetzt nicht und läßt ihr's noch eine

Weile; sie spielt gerade so fein und das Bett ist sowieso schon dreckig!«

Schlimmer als das bedrückten mich die Geldnöte der Familie. War es bei uns

zu Haus auch sehr arm zugegangen, so war doch nie eine wirkliche Not und

immer noch irgendwo ein Sparpfennig gewesen. Bei Fouqués aß man Forellen

oder Geflügel, wenn es gute Zeiten waren, ging das Geld aus, holte man in

der Ladenkasse, und war auch da nichts, so hatte man eben Tee und Brot zu

Mittag. Jedesmal, wenn die Miete oder eine Rechnung zu zahlen war und kein

Geld dafür da, überlegte ich mir's, ob ich nicht mein Erspartes holen solle

und dran geben; und jedesmal schlug ich mir's wieder aus dem Kopf. Lieber

wollte ich den Dingen ein wenig auf den Grund gehen.

Im Laden unten war als Gehilfe -- Lehrling gab es keinen -- ein Junggeselle

namens Breisel. Ob er ein tüchtiger Buchhändler sei, konnte ich nicht

beurteilen; doch besaß er eine äußerst treue Seele und mein Schwager hatte

ihn mit dem Geschäft übernommen. So großartig, so vornehm und verwöhnt nun

Fouqué auftrat, so dünn und bescheiden war Breisel. Ich kam bald dahinter,

daß er kein ordentliches Gehalt bezog, sondern gleich uns aus der

Ladenkasse nahm, was er brauchte, wobei der arme Tropf recht schlimm

wegkam, da er mehr als gewissenhaft war und genügsam wie eine Kirchenmaus.

Er hätte bis nachts zwölf Uhr gearbeitet, wenn ihn nicht Adolf zur Zeit

heimgeschickt hätte; -- er hätte es schließlich auch ganz ohne Gehalt

getan, so mit Leib und Seele war er im Bann der schönen Fouqués.

Mit diesem Breisel nun suchte ich mich hinter dem Rücken meines

Schwagers anzubiedern; ich wußte, daß er eine Schwäche habe, nämlich für

Zwetschgenmarmelade. So kochte ich ihm einen Topf voll ein und brachte

sie an einem Abend, als Adolf verreist war, hinunter. Wenn Breisel ein

Hundeschwänzchen gehabt hätte, so hätte er nun gewedelt; er war unendlich

gerührt. Ich blieb aber sehr ernst, sagte, wie ich wohl wisse, daß ihn mein

Schwager nicht recht bezahle und man ein wenig für ihn sorgen müsse. Von so

vieler Liebe hingerissen, setzte sich Breisel auf den Ladentisch, baumelte

aufgeregt mit seinen dünnen Beinen und schüttete mir sein Herz aus. Und was

ich längst geahnt hatte, wurde mir nun düster bestätigt, daß nämlich das

Geschäft trotz des aufgebrauchten Kapitals und trotz der Schulden hätte

ordentlich gehen können und das Einkommen ausreichen müssen, wenn Fouqué

kein solch unheimlich fauler Tropf und Schlamper gewesen wäre.

»Ich muß fast den ganzen Tag im Laden sein und bedienen,« sagte Breisel

klagend; »wenn nun eine Sendung kommt, so bleibt sie eben unausgepackt, bis

ich dran komme, -- und wenn es noch so pressiert; Herr Fouqué tut es nicht

und sonst ist niemand da. Es gäbe so viele Bestellungen zu erledigen, ach,

es wird mir schwindelig, wenn ich dran denke; -- wissen Sie, besonders

jetzt auf Weihnachten hin. Aber ich habe keine Zeit dazu und Herr

Fouqué schiebt es von Tag zu Tag hinaus. Man sollte Auswahlsendungen

zusammenstellen, und man sollte Remittenden packen, die Auslagen neu machen

und Rechnungen herausschreiben; und mit dem Bücherführen sind wir schon

seit Jahren im Rückstand; ich weiß mir nicht mehr zu helfen wegen der

Steuer. Und die neuen Börsenblätter hat Herr Fouqué in der Tasche, ach, und

wenn ich sie brauche und haben möchte, dann findet er sie meistens nimmer.

Aber das Allerärgste ist mir, daß er mich mit Ladenschluß fortschickt,

und alles, was zu tun wäre, bleibt liegen! Ich sag' es immer: allzugut ist

liederlich, jawohl: liederlich -- -- --!«

Am hellen Tage aber oder in Adolfs Gegenwart hätte der sanfte Herr Breisel

etwas Derartiges nicht gesagt.

Ich ließ es mir durch den Kopf gehen; die geheime Mitverschworenheit und

alle guten Eigenschaften Breisels hatte ich mir gesichert, da ich von

nun an stets darauf bedacht war, daß in dem kleinen Ladenstüblein neben

Breisels Hut ein Gesälzhafen stehe, der gleich dem Oelkrüglein jener Frau

von Sarepta nimmer leer wurde. Ich ließ mir zeigen, wie man Bestellungen

machte und einfache Geschäftsbriefe schrieb, wie man Bücherballen packte

und ein Schaufenster richtete, und am Ende weihte mich Breisel sogar

in seine Strazzen ein. Fouqué kam mit dem gewohnten Scharfsinn sofort

dahinter; als er mich ertappte, sah er mich eine Weile mit seinem seltsam

spöttischen und überlegenen Blicke an, und ich wurde rot darunter, als

müßte ich mich schämen und nicht er sich. »Ach, richtig -- du brauchst ja

so etwas, um glücklich zu sein, nicht wahr? Dann tu es nur; ich verderbe

dir die Freude nicht. Bloß den Breisel darfst du mir nicht über die Zeit

anspannen, sonst geht er ein.«

Und Adolf ließ mich ruhig gewähren.

-- -- Eines war mir damals voller Unbegreiflichkeit und beinahe Heiligkeit:

Margrets Ehe. Ging auch keines der beiden darin irgendwie über seine

Grenzen hinaus, so, daß es sich etwa dem andern zu lieb überwunden hätte,

etwas strebsamer und tüchtiger zu werden, so lag doch die Liebe, die sie

zu einander hatten, verklärend und wie ein beständiger Adel über dem trägen

und so wenig tiefen Leben der beiden. Es war die Liebe eines Brautstandes

oder einer ganz jungen, ungetrübten Ehe, -- voller Zärtlichkeit,

Leidenschaft und Ueberschwang und einer bei den beiden doch sonst so

seltenen glühenden Beständigkeit. So im Lauf der Krankheit nahm mir Adolf

fast die ganze Pflege Margrets ab; es war ganz wenig, was ich noch an ihr

tun durfte. Er brachte ihr zu essen, wusch und bettete und besorgte sie und

das alles leicht und gewandt und mit unglaublich geschickten Händen.

Ich weiß noch, wie mir Margret eines Morgens, als ich sie betten wollte,

erklärte: »Ich danke schön, Ageli; ich möchte lieber warten bis Adolf

kommt. Du mußt mir verzeihen, aber er macht das so viel zarter und feiner

als du!«

Er überhäufte sie mit Geschenken, Blumen und Leckerbissen und dachte sich

die feinsinnigsten Sachen aus, mit denen er sie erfreuen und zum

Lachen bringen konnte. War er um sie, zeigte er stets seine hellste und

gewinnendste Fröhlichkeit, und wenn sie bei Nacht wach lag und nicht

einschlafen konnte, stand er auf und spielte auf dem Klavier ihre

Lieblingsstücke.

Und für Margret wiederum gab es nichts Schöneres, als, wenn er nicht da

war, immerwährend von ihm zu sprechen und zu schwärmen. Ueberaus gern

erzählte sie von der Zeit, da sie ihn kennen gelernt hatte und von ihrem

Brautstand; wenn ihr etwas besonders Feines daraus einfiel, so konnte sie

mich von der Arbeit wegrufen, um es mir zu sagen, so wichtig war es ihr.

Einmal hatte ich mich wegen irgend einer Schlamperei gewaltig über Adolf

geärgert; obwohl ich es vor Margret möglichst zu verbergen suchte, so

merkte sie es doch und rief mich zu sich her. »Du machst es noch nicht ganz

recht mit ihm, Ageli,« sagte sie mit ganz ungewohntem Ernst und sah mich

fast vorwurfsvoll an. »Ich weiß wohl, daß er Fehler genug hat, aber du mußt

immer daran denken, daß er ein Genie ist und so ungewöhnlich und bedeutend,

daß solche Sachen doch ganz verschwinden. Ein wahrhaft großer Mensch hat

sich noch nie mit Streberei vertragen, und es ist ein Verbrechen, wenn man

ihn mit dem gewohnten und kleinlichen Maßstab mißt. Du mußt doch merken,

daß man ihm seine kleinen Sünden hingehen lassen muß, wenn man solche einem

Maier oder Huber auch nicht verzeihen würde.« Und sie wurde ganz erregt

dabei. --

-- »Seine erste Frau muß ein Frosch gewesen sein,« sagte sie oft. »Denk dir

bloß, wie man von Adolf weglaufen kann!«

An einem Abend, als er im Konzert war, sprachen wir auch wieder von ihm.

»Weißt du, daß er ein Dichter ist?« fragte Margret.

»Meinst du seine Knittelverse?«

»Nein,« sagte sie geheimnisvoll. »Wenn du mich nicht verrätst, will ich dir

etwas zeigen. In seinem Bücherschrank steht ganz rechts, ich glaube in

der zweiten Reihe, ein Band lyrischer Gedichte von einem ganz unbekannten

Modernen.« Und als ich das Büchlein geholt hatte, fuhr sie fort: »Sieh,

es steht auf jeder Seite bloß ein ganz kleines, dünnes Verslein von dem

Menschen, da hat es Adolf gejuckt, auf den unmenschlich vielen leeren Platz

etwas hinzuschreiben, weißt du, nur des Spasses und der schlechten modernen

Verse wegen!«

Wir schlugen das Buch auf, und siehe, um den süßen Lyriker herum standen

Adolfs Kratzefüße in holder Eintracht. Ich habe mich seit jenem Abend noch

manchmal an dem wunderlichen Büchlein ergötzt und will hier ein paar von

den Gedichten niederschreiben.

Wenn die Becher klingen,

Denk an kein Zerspringen!

Wenn der Früchte goldene Sonnen

Ihre Fülle senken,

Lasset uns an kein Zerronnen --

Heute nicht an Morgen denken!

Laßt uns singen,

Daß die Lieder, die die Götter schenken,

Hell erklingen!

* * * * *

»Leben« heißt die tolle Dirne,

Die Dein Arm in Lust umfange.

Rosen decken ihre Stirne,

Geht ihr Mund in keckem Sange.

Trink den Wein aus ihrem Glase.

Schmeckt er nicht, so nimm den Scherben,

Wirf ihr eine blutige Nase.

Buhl mit ihrer Schwester »Sterben«.

* * * * *

Verspielt war Lieb und Lust und Glück

Und nichts mehr übrig blieben.

Da hab ich einen Augenblick

Dem Teufel mich verschrieben.

Da floß der Wein, da sprang mein Blut

Rot in die graue Stunde.

Und winkend brach mir Flammenglut

Vom kühl verbotnen Munde.

Mit leeren Händen griff ich drein

Und haschte nach den Funken,

Und hab vom Mund und roten Wein

Das ganze Feuer trunken!

* * * * *

Schatz, mein Schatz, Du machst mir bittern Schmerz!

Ich hab Dich wollen küssen,

Ward nausgeschmissen,

Das bricht mein Herz.

Schatz, mein Schatz, mir war's so kalt im Haus!

In Deinen schönen Armen

Wollt' ich erwarmen,

Jetzt ist es aus.

Schatz, mein Schatz, nun bist Du gar verlobt!

Nach Deinen weißen Brüsten

Tät mich gelüsten,

Nun han ich ausgetobt!

* * * * *

Mit Faulheit bin ich hochbegabt

Und Lust am Rauch der Pfeife.

Daß einer sich am Schanzen labt, --

Wer weiß, wann ich's begreife.

Mein Sinn, der wilde Meereswind,

Will keine Mühlen treiben,

Zerschellt an Klippen, toll und blind

Und heult um kleine Scheiben.

Wer betet oder spinnt und klagt,

Der habe meinen Segen.

Ich weiß allein, was mir behagt,

Und will des Lebens pflegen.

* * * * *

-- Im November kam das Kind. Es war ein großer prächtiger Knabe, und

Margret behauptete, es sei keins von ihren andern so schön gewesen. Sie

konnte das schlafende Büblein stundenlang in ihrem Bette haben und es mit

Glück und Rührung betrachten, auch fiel es mir auf, wieviel ängstlicher und

sorgsamer als mit den Großen sie mit ihm war. »Es ist ein ganz Besonderes!«

sagte sie oft, »ich seh es schon jetzt. Ich möchte gern, daß du ihm Patin

wirst, Ageli, weil du so eine Liebe bist. Und du mußt mir versprechen, daß

du für ihn sorgst, wenn wir es einmal nicht können sollten. Er soll es gut

haben, Ageli, gelt, du verbürgst es mir?«

Ich versprach es; als das Peterlein getauft wurde, stand ich Gevatter, und

im Innern machte ich Pläne mit ihm, als ob's mein Eigener wäre.

Etwa drei Wochen nach der Geburt des Kleinen sagte der Arzt zu Adolf

und mir, daß Margret nicht mehr lange zu leben habe. Ich war gänzlich

unvorbereitet, da sie ohne Schmerzen und immerwährend glücklich und

vergnügt gewesen war, nun überfiel es mich mit Schrecken und Grauen; ich

konnte es nicht fassen, war namenlos betrübt, daß das schöne und fröhliche

Wesen nicht mehr sein solle und brach in ein fassungsloses Schluchzen aus.

Adolf nahm es ruhig und schweigend auf.

-- Wenn ich nun gedacht hätte, daß es bei Fouqués von jetzt ab anders

werden würde, etwa stiller und ernster, so hatte ich mich gründlich

getäuscht. Der Winter kam, und die Kinder waren meist auf das Haus und die

Stuben angewiesen; nun trugen sie ihre Spiele, ihre Händel, ihren Unband

und ihr Gelächter an Margrets Bett. Das Kleine lag in seinem Körblein

daneben, krähte und strampelte, daß es eine Lust war, und alle Augenblicke

stand Adolf da mit Blumen und Spässen, bereit zu Liebesdiensten und

heiterer Gesellschaft. Margret wurde zwar matter, und an ihrem Körper sah

man die Zerstörung wohl, aber es war keine Stunde, in der sie einen trüben

Gedanken gehabt hätte und nicht befriedigt und strahlend glücklich gewesen

wäre.

An einem Märztag, als die Kinder schon wieder draußen waren und Adolf auf

einen halben Tag nach auswärts gereist, rief mich Margret zu sich. »Es

ist mir ein bißchen bang,« sagte sie zu mir, »und ich kann es fast nimmer

erwarten, bis Adolf da ist. Kann man nichts tun, daß er früher heimkommt?«

Ich besann mich, doch war alles ziemlich aussichtslos; man mußte eben

warten. Margret gefiel mir nicht --. Ich holte Adolfs Gedichte, legte ihr

den Kleinen aufs Bett und setzte mich zu ihr. Endlich kam Adolf; Margrets

Gesicht glänzte und lachte, und sie lag selig still in seinen Armen.

Dann tat sie noch einen fast verlegenen, spitzbübischen und bittenden Blick

zu mir herüber und sagte ganz leise: »Gelt, Ageli, du bist so gut und läßt

uns jetzt allein --!«

Betrübt und beinahe ärgerlich ging ich hinaus und an meine Arbeit. Als

nach einer Stunde die Kinder heimkamen, trat Adolf aus dem Schlafzimmer und

sagte, daß Margret gestorben sei.

-- Als ich ihm am Abend dieses Tages Gute Nacht gesagt hatte und eben in

mein Zimmer wollte, hielt er mich noch ein wenig am Aermel fest und sah

mir ernst und eigentümlich in die Augen: »Es ist schade, daß du nicht dabei

warst, als sie starb. Ich sage dir nur, du kannst froh sein, wenn es mit

samt deiner Anstrengung und Plackerei an deinem Ende so schön und glücklich

hergeht. Gute Nacht, Ageli; es ist nichts mit eurer Weisheit.«

Als am Morgen die Leichenfrau kam, setzte ihr Adolf ein gutes Vesper vor,

fragte sie nach der Schuldigkeit und bezahlte sie. Dann, als sie an ihre

Arbeit gehen wollte, bot er ihr ihre Jacke und ihren Hut und nötigte sie

freundlichst zur Tür hinaus. »Wir danken Ihnen recht schön, Frau Müller;

das andere besorgen wir gerne selber!«

Nun wusch er Margret mit seinen schönen, weißen Händen, bekleidete sie und

legte sie in den Sarg und machte das alles ruhig und unendlich zart

und fein. Ich sah nur zu und stand still dabei, kaum daß ich ein paar

Handlangerdienste tun durfte.

Auch als nun die Trauerbesuche kamen, benahm er sich ernst und würdig und

war ohne Spott und ohne seine boshaften Blicke. Nur als am zweiten Tag der

Stadtpfarrer ihn aufsuchte, um ihm Beileid zu sagen und etliches wegen

der Leichenrede zu fragen, geschah ihm etwas recht Mißliches. Ich war eben

ausgegangen und Adolf mit seinem kleinen Mädelchen allein in der Wohnung.

Das Kind war in dem fremden und ungewohnten Getriebe ängstlich und

weinerlich geworden; Adolf setzte sich daher mit ihm auf einen Stuhl in den

Gang und versuchte in seiner herkömmlichen Weise, es zu trösten. Die beiden

gerieten dabei an jenes schöne und ergötzliche Spiel, wobei man sich erst

an der Nase zieht und dazu die Zunge herausstreckt, sich sodann erst am

rechten, hernach am linken Ohrläppchen packt und die Zunge jeweils in der

angedeuteten Richtung bewegt, endlich aber sich aufs Kinn stupst und die

Zunge dabei hineinschnappen läßt und dieses alles so närrisch und gewandt

als möglich wiederholt. Und sie betrieben dieses Spiel mit Eifer und

herzlicher Vergnügtheit eben in dem Augenblick, als der geistliche Herr

die Treppe heraufkam und durch die offene Glastür das seltsame Gebaren der

trauernden Hinterbliebenen sehen konnte. Er sah es aber nicht lange mit

an, sondern ging meuchlings, ohne Gruß und in tiefer Entrüstung die Treppe

wieder hinunter, und die Leichenrede am andern Tag fiel auch darnach aus.

Auch meine Mutter war zu Margrets Begräbnis hergekommen; wir hatten uns

seit damals nimmer gesehen, und sie erkannte mich kaum mehr, so groß und

stark war ich inzwischen geworden. Es war mir ein eigenes Gefühl, als

sie mich küßte und mir in die Augen sah; ich wußte nicht, sollte ich mich

schämen oder stolz sein. Die alte, herzliche Liebe war aber schnell wieder

da, und wir waren in jenen Tagen viel beieinander. Die Mutter hatte sich

nicht verändert; sie sah schön und vornehm aus in ihrem vollen weißen Haar

und dem feinen Kleid, das ihr der Greiner geschenkt hatte, und sie saß wie

eine fremde, alte Königin unter uns.

-- Als die Trauergäste fort waren und eben die letzten von ihnen um die

Straßenecke bogen, stand Adolf unter dem Fenster und schaute ihnen nach;

er räusperte sich von Herzen und spuckte hinter ihnen her in den schönen

weißen Märzenschnee hinunter. Dann schnaufte er tief auf und drehte sich

um. Als ich später am Wohnzimmer vorbei kam, hatte er die Tür und

alle Fenster sperrangelweit aufgerissen, so daß der kalte Wind mächtig

durchfuhr. In der Stube aber lief Adolf mit einer kräftigen Zigarre auf

und ab, die dicken Wolken in alle Winkel blasend, als ob er ein übles

Gestänklein ausräuchern wolle; und als er mich, die ich erschrocken über

ein solch befremdendes Getue in der offenen Tür stehen geblieben war,

gewahrte, nickte er mir freundlich zu: »So, nun könntest du die Stube

wieder warm heizen; man kann's jetzt wieder aushalten hier drin!« Und er

machte seine Fenster zu.

Die Ströme des Namenlos · 第 13 / 18 题