Es waren ein paar ganz leidlich nette Verse geworden. Als ich fertig war,
sah ich Adolf mit Spannung an. »So, nun kommst du!«
»Ach, weißt du, ich habe gar kein Gedicht gemacht; ich wollte nur
herauskriegen, wie du dichten kannst!« Und er fing gewaltig an zu lachen;
die Buben kamen angesprungen und lachten der Spur nach mit, und ich ärgerte
mich wirklich ein wenig darüber, daß ich mich so hatte hereinlegen lassen.
Doch zeigte ich's nicht und freute mich im stillen meines Trumpfes, den ich
für diesen Abend im Sack hatte.
Dann, als wir wieder zu Hause waren und ich die Kinder ins Bett getan
hatte, kleidete ich mich um und deckte den Tisch zum Abendessen recht fein
und hübsch, wie Adolf es gern hatte. Auch zwickte ich mich noch einmal
tüchtig ins Ohrläppchen, ehe ich ihn rief, -- um mir Mut zu machen. Als er
in's Zimmer kam, blieb er überrascht vor mir stehen.
»Ei, Mädel, was bist du hübsch!«
Er stand ganz stille vor mir, ließ seine Augen lächelnd und voll großem
Wohlgefallen auf mir ruhen, und am Schlusse nahm er meinen Kopf zwischen
seine Hände und küßte mich auf den Mund.
Dann setzten wir uns zum Essen; es war mir zwar unter dem Kusse etwas warm
geworden, doch tat ich so unbefangen als möglich und gab mir Mühe, recht
vergnügt zu sein. In dem Winter, ehe Gottfried starb, hatte ich mir einen
feinen lichtfarbenen Stoff gekauft und ein Kleidlein daraus genäht; das
trug ich nun, und es war das erstemal, daß mich Adolf darin sah. Ich habe
das reiche, braune Haar unserer Mutter geerbt und bin gerade und wohl
gewachsen; auch war mir das Kleid gelungen und hübsch und festlich
geworden; so mag es wohl sein, daß ich an jenem Abend gut ausgesehen habe.
-- Auf dem Tisch stand ein großer, farbiger Strauß von allen Blumen des
Gartens, die Fenster waren weit offen, ließen Wärme und Sommergeruch
herein, und als das Licht brannte, hielt die schwärmerische Schar der
Nachtfalter ihren Einzug und begann um Lampe und Tischtuch einen leisen
schwirrenden Tanz zu halten. Das Essen war gut und schmeckte uns herrlich;
zum Schlusse gab es ein süßes Speislein und einen hellen, herb und köstlich
duftenden Wein. Adolf strahlte in seiner heitersten Stimmung, war voller
Witz und Uebermut und riß mich bald in seine Ausgelassenheit mit hinein.
Mir erschien diese köstliche Nacht so recht als ein Vorschmack des neuen
Lebens, in das ich nun hinüber gehen wollte, und daß schon in der nächsten
Stunde der entscheidende Schritt dazu getan werden sollte, erfüllte mich
mit einem geheimen, glücklichen Rausch.
Nach dem Essen setzte sich Adolf ans Klavier und spielte Mozart, von dem er
wußte, daß es mein Liebling unter den Musikern war. Ich trug den Tisch ab,
setzte mich dann an's Fenster in Margrets Korbstuhl und dachte, in dieser
gehobenen Stimmung müsse ich nun meine Angelegenheit fein heraus bringen.
Adolf hörte mit seiner Musik auf, kam zu mir herüber und setzte sich auf
den Nähtisch vor mich hin. Nun wollte ich es ihm sagen. -- Es kam jedoch
anders.
Adolf beugte sich zu mir herunter und suchte meinen Blick; dann sah er mir
ernst und seltsam in die Augen und fing an, mit einer leisen und weichen
Stimme auf mich einzusprechen.
»Ich möchte dir etwas sagen, Ageli, aber du mußt mir dein ganzes schönes,
feines Verständnis entgegenbringen, sonst weiß ich nicht, wie ich's machen
soll. Wenn ich mir noch so große Mühe gebe, es zart und anständig zu sagen,
so kommt es doch plump und ruppig heraus und tut dir vielleicht weh. Nicht
wahr, du hilfst mir ein bißchen?«
Ich blieb still und hielt den Atem an; da sprach er langsam weiter.
»Ich möchte dich fragen, ob du mich nicht ein bißchen lieb hast und ob du
vielleicht meine Frau werden möchtest. Und sieh, jetzt meinst du gewiß, ich
tue das nur deshalb, weil du den Haushalt so gut verstehst und die Kinder
und mich so fein versorgst, und damit ich keine Haushälterin brauche und
weil es für mich das bequemste so ist. Aber das darfst du ganz gewiß nicht
meinen. Du bist so ein feiner, lieber Kerl; sieh, wenn du das alles gar
nicht an dir hättest, so stünde ich jetzt dennoch vor dir und würde dir
dasselbe sagen, du mußt es mir glauben. Denn ich habe dich sehr lieb, und
ich meine, wir könnten glücklich miteinander werden. Besinn' dich einmal
darüber.«
Als ich aus meiner dumpfen Bestürzung einigermaßen aufgewacht war, wartete
ich immer noch darauf, daß er irgend etwas von Margret sage. Gott im
Himmel, war er denn wahnsinnig, daß er jetzt, kaum ein Vierteljahr nach
ihrem Tode, _so_ vor einer anderen stand! Er mußte sich doch entschuldigen,
er mußte es mir begreiflich machen, warum er so etwas Gemeines tat, er
mußte noch irgend etwas sagen, daß es das Abscheuliche und Unbegreifliche
ein wenig wegnahm. Ich wartete zitternd.
Es blieb aber alles still, er beugte sich nur noch ein wenig mehr zu mir
herunter.
Da packte mich ein unsinniger Zorn und Ekel; ich schrie auf und stieß ihn
weg und lief schluchzend aus dem Zimmer.
In meiner Stube schloß ich mich ein. »Gottfried« -- -- sagte ich in das
Dunkel hinein, »-- lieber, lieber Gottfried«. Und vor dem reinen Glanze,
der in diesem Namen war, erfaßte mich eine mächtige Scham für mich und für
Adolf, und dieser erschien mir in diesem Augenblicke so widerwärtig und so
unsäglich gemein, daß es mich schüttelte vor Abscheu und Empörung. Ich
warf mich auf mein Bett und lag da mit wildem heftigem Schluchzen. Hell
und hohnvoll kam mir mein auswendig gelerntes Sprüchlein, das ich noch vor
einer Viertelstunde hatte zu Adolf sagen wollen, ins Gedächtnis, vor meinem
Innern erstand die schöne, schimmernde Welt, die ich sehen und besingen,
lieben und haben wollte, und der selig wunderliche Drang meines Dichtens
trieb mit warmen Wellen in meinem Blut. Und nun sollte ich den dicken
Fouqué heiraten, und alles sollte aus sein!
-- Seine erste Frau war ihm weggelaufen, die zweite war ihm gestorben und
wäre es vielleicht nicht, wenn sie es besser bei ihm gehabt hätte. Was
sollte es mir viel anders gehen! Und wenn man ein Vierteljahr tot war, war
man vergessen, und er ging zu einer anderen.
* * * * *
Flammend und empört stand alles in mir auf. -- Nein, nein, nein --! Ich
wollte es nicht, und es konnte mich niemand dazu zwingen. Ich putzte mir
mit Heftigkeit die Tränen ab, und mein fester Entschluß war bald gefaßt.
Eine Stunde noch blieb ich stille liegen, dann horchte ich zu meiner Tür
hinaus, ob Adolf wohl noch auf sei. Das Licht brannte nimmer, und ich
konnte nichts von ihm hören. So ging ich leise daran, mein schönes Kleid
auszuziehen und mit allem andern in meinen Koffer zu packen. Ich verschloß
und adressierte ihn, schrieb noch einen Brief an Breisel, daß er ihn mir
besorgen und auch meine Bücher gleich mitschicken solle, und nach ein paar
Stunden war ich fertig. Leise ging ich durch den dunklen Gang zur Glastür;
aus dem Schlafzimmer der Kinder drang ein kurzer, weinerlicher Ton; es war
das Peterlein, und an meinem Herzen tat es mir einen Augenblick stark und
lähmend weh. Doch lief ich schnell vorbei und die Treppe hinunter und biß
die Zähne zusammen, daß ich es überwand.
Es wurde in diesen Hochsommernächten niemals völlig dunkel draußen; als ich
auf die Straße kam, war nur eine tiefe Dämmerung, und irgendwo wollte es
schon hell werden. Und wieder wie in jener Nacht, da ich die alte Genovev
verhauen hatte, war plötzlich und geisterhaft Adolfs Stimme über mir:
»Einen Augenblick, Ageli! Du hast deine Hausschuhe vergessen!« -- Und aus
der Höhe flog es rechts und links zu meinen Füßen auf das Pflaster und
schlug höhnisch klatschend auf.
Grimmig starrte ich nach oben; Adolf lehnte geruhig aus dem Fenster. »Ich
möchte bloß wissen, wann du eigentlich schläfst,« rief ich bitter und
wütend hinauf.
»Nie!« sagte er unerschütterlich. »Auf Wiedersehen, Ageli!«
»Da kannst du lang warten,« dachte ich empört, ließ die Pantoffel liegen
und verschwand so schnell als möglich um die nächste Straßenecke.
An einem Hotel läutete ich an der Nachtglocke; ich bekam ein Zimmer, und
es war auch ein schönes Bett darin; bloß schlafen konnte ich in jener Nacht
nimmer.
-- Nach zwei Tagen schon war ich als Kurgast in einem Forsthaus
untergekommen, ein paar Stunden weit vom Gottlosen Zinken weg. Ich atmete
wieder die geliebte Luft meines Hochlandes, ich spürte die südliche Glut
seiner Sonne, und in den Nächten lauschte ich mit zitternder Sehnsucht
dem ersten Sturm entgegen. Lag es mir auch zu Anfang von des kleinen Peter
Schreilein her noch manchesmal wie ein böser und quälender Druck auf der
Brust und meinte ich oft, durch die Zweige der Tannen das gute Gesicht
meines Freundes Breisel betrübt und vorwurfsvoll auf mich gerichtet zu
sehen, so verschwand dieses doch mit jedem neuen der göttlichen Tage mehr,
und bald war ich sorglos wie ein junger Vogel meiner süßen, ungekannten
Freiheit hingegeben.
Ich hatte eine Stube voll alter brauner Möbel, und zu den Fenstern hinaus
sah man einen kleinen, bäurischen Garten in der Sommerblüte, ein Stück
ständig blauen Himmels und unermeßlich viel Wald, davon ab und zu ein
leiser Wind in meine Stube kam und mit den weißen Vorhängen ein zärtlich
anmutiges Spiel trieb. Es war mir unsagbar verwunderlich, wenn ich so still
dasaß und mich den ganzen Tag um nichts bekümmern durfte als um mich
selber und lauter schöne Sachen. Die Mahlzeiten wurden mir auf meine Stube
gebracht; jeden Abend gab es dasselbe: Kartoffeln und Rauchfleisch zusammen
in eine Pfanne geschnitten, was dann mit Butter und Zwiebeln gebraten
wurde. Dieses Gericht unterhielt mich so neben dem Schreiben her des Abends
wohl eine Stunde lang in angenehmer Weise, indem erst in der Küche unten
ein Geklapper mit Tellern und Pfannen und ein mächtiges Gebrutzel losging,
sodann in lieblichen Wogen das entstandene Gerüchlein zu meinem Fenster
hereinkam, bis endlich die Försterin die Treppe heraufschlurfte und mir die
Herrlichkeit samt einem Glase kühler Milch auf's Tischtuch stellte. Jeden
Morgen ging ich an den einsamen Bach hinunter, um zu baden; auf dem Heimweg
nahm ich mir mit der Försterin Erlaubnis einen Strauß aus dem Garten mit.
Meine Hände wurden jeden Tag feiner und weißer, und es war mir am
Anfang ein seltsam wonniges Gefühl, beständig ohne Schürze und in guten,
sommerlichen Kleidern zu sein.
Jede Stunde kam und ging in seliger Bläue und war voll zarter innerlicher
Heiterkeit --; halb bewußt und genießerisch, halb mit einer träumerischen
Trunkenheit, die mich durch die jähe und mächtige Wandlung meines Lebens
erfaßt hatte, nahm ich die Schönheit in mich auf. Es war mir so wohl, daß
ich hätte den ganzen Tag singen und jubeln und tanzen mögen.
Und gleich dem jauchzenden Ungestüm meines eigenen und sinnlichen
Menschentums war wie ein Sturm die fremde Macht über mir und sang und
glühte und quoll in unerschöpflicher Fülle. Zum erstenmal nun durfte ich
ihr untertan sein ohne Hindernisse und Hemmungen; ich tat es mit tiefer
Beglücktheit und brauchte und benutzte sie so verschwenderisch, wie sie
sich mir gab. Ich dichtete und schrieb, und ich arbeitete mit solcher Wut
und Maßlosigkeit, wie ich es in der herbsten Erntezeit auf dem Zinken nicht
getan hatte. Jede Minute tat mir leid, die von dieser Köstlichkeit abging;
nur, wenn der Schlaf mich wirklich unüberwindlich bezwang, legte ich mich
nieder, und oft geschah es, daß ich nachts jählings erwachte, und daß es
mich aus dem Bette trieb vor Erregung und glühend rieselnder Lust.
Dann zündete ich mein Licht an, setzte mich an den Tisch und schrieb im
Nachthemd weiter.
Mitunter geschah es am Tage, daß mich ein körperliches Erschöpftsein zwang,
minutenlang die Feder aus der Hand zu legen und mich müde ein wenig an
meinen Stuhl zu lehnen. Und es schien mir, als ob diese stillen Pausen, in
denen nur das Bienengesumm über dem blühenden Garten vernehmbar war, das
schönste von diesem allem seien. Wie das Fluten von schweren, langsamen
Wogen ging es mir dann durch den Leib, und in der wonnigen Entspannung der
Kräfte sah ich über mein Buch hinweg und schöner noch als das Gegenwärtige
mir die bunten und schimmernden Bilder meiner Sehnsucht nahe zuleuchten,
und ich vermeinte zu spüren, wie die Welt mit allen Herrlichkeiten sich mir
entgegenneigte.
Es mochte etwa vierzehn Tage so gegangen sein, da merkte ich, wie die
seltsame Gewalt in mir langsam nachließ. Es kam gar nicht plötzlich, es
fing leise und allmählich an und war jeden Tag ein wenig mehr so. Auch
verwunderte es mich zu Anfang gar nicht. So wütend hätte das ja nicht
weiter gehen können, und ich spürte auch, daß ich schlaff und überanstrengt
sei.
Also machte ich an einem Nachmittag einen weiten Spaziergang, schlief
darnach gründlich und ausgiebig wohl zwölf Stunden aneinander, nahm mein
Morgenbad im Bache und setzte mich frischen Muts wieder hinter meine
Schreiberei. Siehe, es ging wirklich besser. Nur am andern Tage mußte
ich mich wieder absonderlich lang besinnen, bis mir etwas einfiel, und am
dritten tat es not, daß ich aufs neue spazieren ging und schlief. Als
es dann so kam, daß ich zwei Tage faulenzen und marschieren mußte, um am
dritten etwas schreiben zu können, berechnete ich, daß mir das zu teuer
käme und sann auf ein anderes Mittel. Es war mir von der Landwirtschaft
her erinnerlich, daß man einen Boden düngen müsse, wenn er mager war und
dennoch tragen sollte. Meine Bücher hatte ich ja da, und ich sagte mir
vor, daß auch ein ganz großer Geist nicht immer aus der Phantasie schöpfen
könne, sondern hie und da eine Anregung dazu haben müsse. Nun machte ich
mir ein paar gute Tage, las den Grünen Heinrich noch einmal und Werthers
Leiden, fand auch heraus, daß mich merkwürdigerweise Jean Pauls ergötzliche
und vielgeschwänzte Mode am meisten anrege, und derart angetrieben lief
meine Schreiberei, wenn auch mühselig, wieder ein paar Tage weiter. Dann
half auch das nimmer; ich war stecken geblieben, saß müßig, kaute an der
Feder und lauerte tagelang vergebens, daß mir etwas einfalle. Mit recht
betrüblichen und unangenehmen Gefühlen mußte ich mir sagen, daß es mit
meiner Inspiration aus sei, doch ließ ich darum den Kopf noch nicht ganz
hängen. Das Gerüste meines Romans wußte ich genau in mir, es handelte sich
also noch ums Niederschreiben und Ausmalen, und ich meinte, man könnte das
auch ohne Inspiration, wenn man sich nur die nötige Mühe dazu gebe. So saß
ich nun mit zähem Eifer auf meinem Stuhle fest, und wendete alles auf, was
ich an Fleiß und Ausdauer und Schweiß besaß, damit es weiter ginge.
Und nun kam eine Zeit, wie es so kurios und jämmerlich und beschämend in
meinem Leben keine mehr gab.
Jeder noch so bläßliche Funken an Geist oder irgend einer höheren Gewalt
hatte mich verlassen; ich saß lange Stunden unbeweglich stille und starrte
auf mein Papier; ich hätte mich ja sehr gern manchmal ein wenig gekratzt,
wenn mir eine Mücke über den Scheitel lief, und es wäre mir eine holde
Abwechslung gewesen, ein bißchen was auf mein Löschblatt zu malen; aber ich
fürchtete zu sehr, daß dann der Gedanke, der etwa grad in diesem Augenblick
aufsteigen wollte, dadurch behindert werden könnte; und ich beherrschte
mich mit eiserner Energie. In meinem Hirn war eine dumpfe und finstere
Spannung; es schien mir zumute zu sein wie einer alten Kanone, die geladen
war und aus irgend einem Grunde nicht losging. Ich blätterte in meinem
Manuskript vorwärts, um mich durch den vielen, leeren Platz, der noch
dahinten war, anspornen und anfeuern zu lassen; jedoch blieb in mir alles
gleich zähe, dunkel und vernagelt, und die Seiten starrten mich betrübt und
blöde an. Ich blätterte auch rückwärts und fand alles, was da stand, ganz
gut und vortrefflich, ja, wirklich, es war nichts zu tadeln dran und alles
ausgezeichnet -- wenn es nur so weiter gegangen wäre. Auch blätterte ich in
meinen schönen Büchern, die ich zur Anregung rings um mich aufgebaut hatte,
und fand es hier noch viel besser und vortrefflicher; bloß nützte es mir
nichts, und ich steckte das Lesen bald ganz auf, weil es mich nur noch
mehr irremachte; wenn mir ein halbwegs brauchbarer Satz einfiel, wußte ich
zuletzt nimmer, war er von mir oder von Goethe.
Mit einer eselhaften Geduld probierte ich alles mögliche aus, was etwa gut
und zweckdienlich sein könnte. Ich saß der Reihe nach auf allen Stühlen
meines Zimmers herum, hatte bald die Beine langausgestreckt, bald das eine
über das andere geschlagen, bald in Wut und Verzweiflung beide an den Bauch
heraufgezogen. Das einemal saß ich auf dem Sofa und hatte sogar noch ein
Kissen untergeschoben, damit es nur ja nicht an der Bequemlichkeit fehle,
dann fand ich, daß dieses verkehrt sei und setzte mich auf den eckigsten
und härtesten Stuhl, damit ich den Ernst der Stunde spüre. Ich lag im Bett
und besann mich an die rissige Stubendecke hinauf, ich machte Dauerläufe in
der Stube hin und her, die Hände auf dem Rücken und den Blick gesenkt; --
es war alles vergebens, es blieb dunkel und unfruchtbar in mir. Mit Grauen
entdeckte ich, daß ich keinen Kinderaufsatz mehr hätte schreiben können,
so völlig ausgesogen war mein Gehirn; wenn mir vorher einer diesen Zustand
geschildert hätte, -- ich hätte nicht geglaubt, daß es so etwas gebe.
Ich mußte oft nach Worten suchen und mich lange und mühevoll auf Sachen
besinnen, die ein Schwachkopf gewußt hätte; ich hatte gehört, daß schon
mancher Dichter verrückt geworden sei, und manchmal glaubte ich im Ernste,
daß es mit mir auch so werde und daß dies der Anfang davon sei.
Und immer noch gab ich mir Mühe und meinte, es müsse wieder anders
werden. Einmal an einem kühlen Tage hatte ich ein warmes rotwollenes Kleid
angezogen, und siehe, am Abend hatte ich eine halbe Seite aufs Papier
gebracht, die man stehen lassen konnte. Ich dachte nun, es liege vielleicht
am Kleid, behielt das rote auch in den nächsten Wochen noch an und briet
und schwitzte mich mit rührender Geduld durch die heißen Tage hindurch.
Wert hatte es leider auch keinen. Desgleichen probierte ich es mit dem
Fasten, nach dem bedeutsamen Worte: ein voller Bauch studiert nicht gern;
doch war es nichts damit; eher spürte ich nach dem Genuß von Rettichen eine
leise Andeutung von Besserung in meinem Hirn. Ich aß also Rettige, bis ich
Leibschmerzen bekam. Am schlimmsten ging es mir mit dem Alkohol; in einer
Nacht fiel mir plötzlich ein, daß schon hie und da ein Dichter nur mit
Saufen habe schreiben können. Ich log also dem Förster vor, ich hätte
Bauchweh und bekam dafür ein Glas bitteren Wacholderschnaps, den ich mit
fürchterlicher Anstrengung hinunter brachte; dann bekam ich einen Rausch
und darauf einen Katzenjammer, mußte einen Tag im Bett liegen, winselte und
vermeinte, der Bittere wolle mir in den Himmel verhelfen. -- Nein, es war
wirklich nicht schön.
Zuweilen gelang es mir mit alle diesem, als Frucht eines Tages ein paar
Sätze fertig zu bringen, in einem ausgesucht prachtvollen Stil, in noch
prachtvollerer Schrift und im übrigen so, daß ich am andern Morgen wütend
alles wieder ausstrich.
Dazu hatte mich schon nach ein paar Wochen ein Uebel befallen, das
schlimmer als dies alles war; eine Sehnsucht nach körperlicher Arbeit. Ach,
ich kannte dieses drängende und schwüle Fieber von einer früheren Zeit
her; nur war es diesmal viel stärker, und es trat auf wie eine richtige
Krankheit mit Kopfweh und Schlaflosigkeit und bösen, nervösen Zuständen.
Oft, wenn ich am Tage stille dasaß und in meine hoffnungslose Borniertheit
versunken war, erschien mir wie in einer Vision das Peterlein, ich stellte
mir die Seligkeit vor, es zu baden, in die Windeln zu packen und ihm seinen
Schoppen zu geben. Mit allen schönen und herrlichen Farben malte ich mir
aus, wie man einen Kuchen buk oder eine Wäsche wusch, bis mich irgend
ein Geräusch aus meiner Versunkenheit weckte und ich mit einem Seufzer
emporfuhr. Ich dachte dann bitter, wie ich _dazu_ noch so viel Phantasie
habe. Einmal ging es mit mir durch; ich half den Förstersleuten beim
Oehmdabladen; es war eine Stunde Paradies in all diesem Elend; ich sah
aber ein, daß ich mir eine solche Pflichtvergessenheit nicht zum zweitenmal
erlauben dürfe.
Und jeden Tag war stets derselbe leuchtend blaue Himmel; unabänderlich
schien die Sonne über dem kleinen Garten, nur daß darin die Blumen seltener
wurden und die Aepfel röter. Das Essen war so gut wie im Anfang, es
schmeckte mir sogar, und mit seltsam bitterem Hohne merkte ich, daß ich bei
diesem Leben in die Dicke geriet und mir die Kleider enge wurden.
Einmal machte ich einen weiten Gang, planlos in die Wälder hinein, nur,
damit ich in der Nacht ein bißchen schlafen könne. Auf einer Anhöhe hielt
ich stille und sah mich um. Fern im Abendschein sah ich ein Gehöft liegen,
ich schrie auf und hatte den Gottlosen Zinken erkannt. Dann lag ich am
Boden, stampfte und weinte und schluchzte in einer ungeheuerlichen Scham.
-- Ich weiß nicht, was schließlich noch aus diesem Jammer hätte werden
können; mit einiger Vernunft wäre ich abgereist, hätte irgendwo eine
Stellung angenommen und ruhig abgewartet, bis sich der Brunnen meiner fremd
herrieselnden Lust aufs neue wieder gefüllt habe; so aber war ich verbockt
und darein verbohrt, daß es in diesem Sommer noch und aus eigener Mühe
und Anstrengung geschehen müsse. So saß ich Tag für Tag in stierer
Verzweiflung, mein Geld ging zur Neige, und mit bösem Grauen dachte ich an
die kalten Tage.
Da kam ein Brief von meinem jüngsten Bruder, der noch zu Hause war, --
von Breisel nach hier umgeschrieben --: die Mutter habe den Fuß gebrochen,
müsse im Bett liegen, und von den Schwestern könne keine abkommen, um sie
zu pflegen. So ging der Hilferuf weiter an mich.
Ich packte schon meine Sachen zusammen, noch ehe ich den Brief zu Ende
gelesen hatte. Ach, ich hätte nie gedacht, daß ich in meinem Leben noch
einmal so roh werden würde, -- ich lachte und weinte und jubelte vor Freude
darüber, daß meine Mutter den Fuß gebrochen habe.
* * * * *
Nun war ich daheim; die Mutter lag freundlich und geduldig in ihrem Bett,
ich pflegte sie, besorgte den Haushalt und die Geißen, und lag des Nachts
in der alten, wohlbekannten Stube mit dem Firmament. Es war ruhig im Haus,
nun, wo sogar der Mutter Strickmaschine nicht mehr klapperte. Regine
war jetzt als Lehrerin irgendwo angestellt, und die kleine Eva lernte
Krankenpflege in einer großen, fernen Stadt. Nur der stille Hannes war noch
da und ging in der Stadt in die Schule; er wollte Lehrer werden, und die
beiden großen Geschwister hatten ihm das Geld dazu versprochen.
Wie ein wüster Traum lag die böse letzte Zeit hinter mir; die bitterlichen,
beschämenden Einzelheiten waren mir kaum mehr erinnerlich, nur als
ein wochenlanger und greulich dicker Stumpfsinn blieb mir das Ganze im
Gedächtnis; und schon jetzt gab es Stunden, wo ich es so weit überwunden
und hinter mich gebracht hatte, daß ich von Herzen drüber lachen konnte.
Ich war mir selber fremd, so plötzlich von allen Stürmen weg im Frieden als
Kind bei der Mutter zu sein und lief wie verwandelt durch das stille Haus
und auf den alten Stiegen. Es war mir urseltsam zumut, nicht schwer und
nicht ganz leicht; sonderlich in der Nacht fuhr ich oft erschrocken aus
dem Schlafe, vermeinend, das Peterlein habe geweint, -- oder sah ich Adolfs
schönes, lachendes Gesicht in beängstigender und verwirrender Nähe über mir
und hatte Mühe, mich von dem Spuk wieder frei zu machen.
An einem Abend, als der Bub zu Bett gegangen war, hatte ich der Mutter
alles erzählt, von Gottfried an bis zu Fouqués Heiratsantrag und zu dem
schnöden Ende meines Sommeraufenthalts; sie hörte stille zu, am Ende nahm
sie meine Hand und streichelte sie ein bißchen: »Du Armes, was hast du
alles erleben müssen. Aber nun bleibst du bei mir, bis du wieder mit dir
zurecht gekommen bist.«
Ich verstand nicht so recht, wie sie das meine; sie sagte sonst nichts
darüber, nur ihren Blick spürte ich oft lieb und nachdenklich auf mir
ruhen. Ich freute mich immer auf die Abende, wo wir still und vertraut
beieinander waren und ich ihrem tiefen, wundersamen Wesen nahe sein durfte.
Wenn die Arbeit im Haus herum getan und der Hannes in seinem Stübchen war,
trug ich die Lampe auf das Tischlein neben sie und setzte mich mit meinem
Strickzeug dazu auf ihren Bettrand hin.
Und da geschah es nun, daß, wenn wir so in der tiefen Stille beieinander
saßen, die Mutter anhub zu erzählen. Etwa von jenen Zeiten, da sie noch
Dienstmagd gewesen war, dann von meinem Vater, von ihrem Brautstand und so
allmählich von ihrer Ehe und jenen Tagen und Stunden, um deretwillen ihr
Haar weiß geworden war.
Mich packte das alles mit einer mächtigen Wucht und mehr, als sie
wahrscheinlich ahnte. Hatte ich etwa in der letzten Zeit gemeint, daß ich
selber viel erlebt und durchgefressen habe, so stand ich nun jämmerlich
klein und winzig neben diesen Tiefen und Höhen und Abgründen, die sich vor
mir auftaten. Und dann frug ich mich voll innerer Unruhe: war nicht doch
eine Absicht dabei, wenn mir die Mutter das sagte? Meinte sie am Ende
doch, ich sollte den Schwager heiraten? Ich wußte, daß sie ihn selber nicht
sonderlich hochschätzte; aber an den Kindern hing sie mit ihrer ganzen
inbrünstigen Mütterlichkeit, und es war ihr wohl um diese. Sie sagte noch
immer kein Wort von alle dem, aber je länger ich um sie war, desto gewisser
wurde es mir, wie sie es meinte. Von da an lag ich oft tief in die Nächte
hinein wach, und es wurde mir alles wieder neu und schmerzlich lebendig.
Ich wehrte mich gegen die Unruhe und Plackerei, die mich da in meinem
sauberen Frieden so meuchlings überfiel, und konnte sie doch nicht bannen;
es trieb mich unsichtbar und mächtig um, und ich wußte nicht, was ich tun
sollte.
Und wie nun die Mutter so zu mir sprach wie zu einem reifen und rechten
Menschen, der es wert ist, daß man ihm sein bestes gibt, wie sie ernst
und leise, doch tapfer und ohne Scham mir auch das Verschwiegenste
und Heiligste ihres Herzens sagte und mich ihres köstlichen Vertrauens
würdigte, da begriff ich, daß sie etwas ganz ungeheuer Großes tat, das
Größte und überhaupt das Einzige, was mir ein Mensch tun konnte. -- Von
da ab wehrte ich mich nimmer; ich ließ mein Herz ruhig in den Bränden der
Scham und Liebe liegen und alles still an mir geschehen. Ich hätte noch
wohl auskneifen können, vor Adolf und vor meiner Mutter; nun konnte ich es
aber vor mir selber nimmer.
Ich spürte mit Wehmut und Lächeln, daß mir in diesen Nächten leise meine
Jugend entgleite; jene Zeit, von der die kühle Frau Gunhild einmal gesagt
hatte, daß man sich zu wichtig nehme und daß es Torheit und Egoismus sei.
Es mochte sein, daß da manche Lust und schimmernde Hoffnung mit unterging,
aber was ich dafür eintauschte, war unvergleichlich schöner.
Denn wenn es Ziel und Kern des Lebens war, seinen eigenen, unvollkommenen
und verwirrten Menschen samt aller Leidenschaft und Unruhe hinzugeben und
zu verlieren, um sich dafür als ein Teil jener Kraft wieder zu finden, die
von Gott ausgeht als seine reinste, ureigenste Gewalt, zu uns strömt und
durch uns wieder zu ihm, daß wir Armen, sobald wir unser selbst vergessen
und für andere leben, dürfen selber Götter sein, selber Ströme der Klarheit
und Unsterblichkeit in uns haben, um sie in die Welt zu strahlen, daß wir
selber in Herzen und in Händen dürfen spüren, was des Lebens Ursprung
ist, -- ach, so ist keine farbige Jugend so helle, daß sie vor jenem Licht
bestehen könnte.
-- Dann kam eine Nacht im November, der Sturm ging ums Haus und brauste in
den Kirchhoftannen; ich saß unausgekleidet unter meinem Fenster und hörte
darauf hin. Es war mir wunderlich wie nie und elend und rührselig zumut, es
kribbelte mir in allen Gliedern, schließlich konnte ich nimmer widerstehen.
Leise kletterte ich zum Fenster hinaus, meine Füße gingen einen
wohlbekannten Weg, -- da war der Kirchhof und ein armes, vergessenes Grab.
»Namenlos, ach du lieber, lieber Namenlos.«
Ich lag in seinen feuchten Blättern und hielt den wilden Busch umschlungen
wie ehedem als ganz kleines Mädchen. Meine Tränen liefen in seine Erde
hinein; in dieser Stunde aber bekam er einen Namen, und ich versank in
seinen Fluten, daß ich für immer drin bleiben mußte.
Am andern Tag war es Sonntag und die Mutter versuchte ihren ersten Gang
seit jenem Unfall. Ich führte sie ein Stück bergan, dann ruhten wir auf
einem Bänklein aus und sahen in das Tal hinunter.
Da sagte ich es ihr. »Du, Mutter,« fing ich an, »ich glaube, ich möchte
Adolf doch heiraten.«
Sie sah mich an, ein liebes, köstliches Lächeln ging über ihr Gesicht, und
indem sie mich auf Mund und Stirne küßte, sagte sie leise: »Ich habe es
gewußt, Agnesle!«
Und in dem Augenblick war ich nimmer ihr Kind, es war, als sei ich ihre
Schwester geworden und reif und weise, das Leben zu tragen wie sie.
* * * * *
Ein paar Tage vor Weihnachten fuhr ich von zu Hause fort. Auf der ganzen
Reise fürchtete ich mich vor Adolfs Spott und Triumph und wäre froh
gewesen, wenn ich den Empfang schon hinter mir gehabt hätte. Nur um eines
freute ich mich, nämlich, daß er nichts von meinem verkrachten Roman wußte.
Sonst hätte ich mich auch wahrlich kaum zu ihm getraut.
Es war kalt und regnerisch und später Abend, als ich hinkam. Unten im Laden
war alles schon dunkel; da die Tür zum Hinterstüblein unverschlossen
war, ging ich einen Augenblick hinein und drehte das Licht an. Ach es sah
fürchterlich aus; mit wehmütiger Heiterkeit machte ich mir einen Begriff
davon, wie es wohl oben sein möge. Unversehens streiften meine Blicke
Breisels Gesälzhafen; lächelnd schaute ich hinein und sah am Boden eine
winzige, betrübte, schimmelige Kruste. Armer Kerl; -- es sollte wieder
anders werden.
Mit klopfendem Herzen stieg ich hinauf und fand Adolf in der Küche, wo er
eine höchst seltsame Hantierung betrieb. Es schien, als sei gar keine Magd
oder Haushälterin da. Erst konnte ich nicht erkennen, was er eigentlich
da mache; da sah ich, daß er schmutzige Windeln und Kinderwäsche waschen
wollte, indem er nämlich jedes einzelne Stück mit einem Reißnagel an den
Rand des Schüsselbrettes über den Ablauf festspießte, dann einen Schlauch
am Wasserhahnen befestigte und nun höchst genial drauf los flößte, auf und
ab und an allen Stücklein herum.
Und wie ich nun so stand, glühend vor Erregung, wie ich das Lachen verbiß,
während mir doch vor Scham und Rührung und Zaghaftigkeit ein paar Tränlein
herunterliefen, da drehte sich Adolf um und erkannte mich. Ueber sein
Gesicht kam eine ungeheure Fröhlichkeit, ehrlich und kindhaft und ohne
Spott, und er strahlte mich voller Liebe an.
»Schau, das Ageli. -- Fein!«
Dann kam er auf mich zu, hielt seine nassen Hände ausgebreitet und weit von
sich ab; er beugte sich zu meinem Gesicht und küßte mich auf den Mund.
Und nach einer Viertelstunde saß ich drinnen im Wohnzimmer; Adolf hatte mir
mit seinen weißen, zärtlichen Fingern den Mantel und die Mütze abgenommen
und mir das Haar zurückgestrichen. Er machte mir einen Tee, buk mir ein
Eierküchlein und lief voller Eifer ab und zu. In der Gaststube zündete er
ein Feuer an, richtete das Bett und tat sogar eine Wärmflasche hinein; nur
einmal kam er mit großer Betrübnis zu mir.
»Du mußt entschuldigen, Ageli; es ist neulich ein Katzenschißchen auf dein
Bett gekommen, und es müffelt noch ein wenig. Es ist mir wirklich leid;
aber gelt, du nimmst es nicht zu schwer --!«
Als ich nun in meine Stube ging, kam er noch einmal, sah mich voller
Uebermut und Spitzbüberei an und überreichte mir meine Pantoffeln.
»Ich habe sie damals wieder von der Straße herauf geholt und sie dir
aufgehoben; ich wußte ja, daß du wieder kommen würdest.«
Ich wurde rot und sah zu Boden. Und ach, da erblickte ich plötzlich, daß
Fouqués Hausschuh ein Loch habe, durch das Loch guckte der Strumpf heraus,
und der hatte auch eins, so daß ich ein Stücklein nackte Zehe sah. Und über
dem erschien mir unverweilt jene andere blaugefrorene Zehe, die in meinem
Leben so bedeutsam war; ich spürte zitternd, wie die mächtigen Ströme des
Namenlos über mich hereinbrausten, und inmitten der stürmenden Bedrängnis
zog ich Adolfs lockigen Kopf zu mir her und küßte ihn heiß und herzlich.
Und das war damals bei Gottfried auch nicht anders gewesen.
Dann leuchtete er mir mit dem Lämpchen in meine Stube und spielte hernach
auf dem Klavier eine zarte und selige Melodie, bis ich eingeschlafen war.
* * * * *
Darüber ist nun schon manches Jahr hingegangen. Ich muß sagen, daß ich
meinen Mann herzlich liebe; wir ergänzen uns und passen ineinander, wie es
prächtiger nimmer sein könnte. Ich habe selber noch zwei Kinder bekommen,
und es ist stets ein farbiges, fröhliches und beglückendes Getümmel um mich
herum, so, wie ich es immer geliebt habe. Des Werktags habe ich Sorgen und
schaffe und lasse meine Kräfte springen; Sonntags und an manchen Abenden
aber gibt's Musik und Literatur und heitere Gesellschaft bei einem Glase
Wein; ja, seit ich entdeckt habe, daß mein Mann ein guter Tänzer ist, gehen
wir sogar hie und da miteinander zu einem Tanze. Im Sommer aber, wenn's
im Sortiment ruhig ist, wenn Breisel hinter dem Ladentisch nickt und
einer neuen Zwetschgenernte entgegen träumt, machen wir alle zusammen ein
Reislein auf den Gottlosen Zinken hinauf; bloß, daß Frau Finkenlohr schon
lange nicht mehr da, sondern mitsamt ihrem Zuckerschleckbüchslein zur
ewigen Ruhe eingegangen ist.
Mit meinen Freunden Roth lebe ich immer noch in einer warmen, ungetrübten
Freundschaft; zwar habe ich Herrn Roths Lebensweisheit nicht mehr weiter
bei mir angewandt; im Gegensatz zu ihm gebe ich mir in solchen Sachen
keine große oder besondere Mühe, sondern lasse mich einfach von meinen
innerlichen Strömen weiter treiben; aber manchmal will es mich bedünken,
als liefen unsere beiden Lebenspläne und Anschauungen am Ende doch irgendwo
in Einem zusammen.
Und dann ist da noch etwas, das ich sagen muß. Zuweilen, etwa in einer
Sommernacht, wenn ich ein Kind an der Brust habe und Adolfs Klavierspiel
durch die Nacht zu mir herüber kommt, geschieht es, daß ich die fremde,
rieselnde Dichterlust meiner Jugendtage wieder über mir spüre. Sie hat jene
Leidenschaft und drängende Gewalt ganz verloren; es ist nur, als ob es in
meinem Gemüte leise und köstliche Wellen schlüge. Ich sitze dann still und
horche in mich hinein; Verse und Lieder steigen in ruhiger und müheloser
Klarheit in mir auf, und sie sind so reif und schön und selig wie keines
von damals. Ich behalte es aber für mich und sage niemand etwas davon.
Und dieses ist mir beinahe so lieb, als wenn am Ende meines Lebens in
Fouqués Sortiment meine gesammelten Werke lägen.
_Ende_
Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn.