Fünftes Buch

Ich war im Hause eines reichen Professors untergekommen und übernahm allda

die Küche und die Führung und Leitung des Haushalts. Außer mir waren noch

eine alte, abgedankte Haushälterin da, die früher das Regiment geführt

hatte und der nun die persönliche Bedienung der Herrschaften oblag -- und

noch eine kleine Bauernmagd für die groben Geschäfte. Kinder waren keine im

Haus, dafür aber Gäste, Gesellschaften und ein bewegtes Leben. Was mir mein

Amt lieb machte, war, daß mich die Professorsleute schätzten und in Ehren

hielten, mich frei und selbständig schaffen ließen und dann noch das, daß

mir die Küche übertragen war. Schon auf dem Gottlosen Zinken hatte ich das

Kochen mit Leidenschaft betrieben, nun, da ich's ohne Aufsicht durfte und

merkte, daß man viel Wert drauf legte, tat ich's erst recht gern. Ich kann

mir nun nicht helfen -- es ist schon so, und ich kann's auch in keinerlei

idealem oder geistigen Zusammenhang erklären, warum ich diese so äußerst

materielle und vulgäre Neigung mit solcher Liebe hegte, ich habe wenig

anderweitige Talente, kann weder Klavier spielen, noch malen oder gut

singen; ich bin aber stolz darauf, gut kochen zu können, und wenn es mir

gelingt, etwa ein Spanferkel rösch und knusperig zu braten, eine feine

Sauce fertig zu bringen oder ein Sülzlein schön und ohne Tadel zu bereiten,

so bin ich mit Hochgefühl und tiefer Befriedigung erfüllt und wer mich

deshalb verachtet, soll es tun; anders macht mich keiner.

Auch traf es sich, daß des Professors Haus ganz nahe dem meines Schwagers

stand, ein schmaler Hof lag dazwischen und die Gärtlein hinter dem Haus

stießen zusammen. Die Gasse, darin die beiden Häuser waren, zog sich dicht

am Schloßberg hin; von der Wohnung meiner Verwandten ging ein hölzerner

Steg zum Berg hinüber, wo sie unterhalb der Schloßmauer ein sonniges

Stücklein Land besaßen.

Zu Anfang litt ich an einem mächtigen Heimweh nach dem Gottlosen Zinken;

es war mir ein kleines Zimmer zugewiesen, das gegen den Berg zu ging und

in dem es ewig dunkel und kühl war. Ach, da war kein weiter, heller,

hochgewölbter Himmel, kein freies, stilles, schönes Land, es gab keine

tosenden Stürme, die in herber Herrlichkeit die Nächte durchfuhren, es gab

keinen nahen Wald mit stöhnenden und windverwühlten Bäumen! Man mußte sich

hübsch bescheiden lernen; hier war alles voller Berge, Gassen und Gelärm

und bedrückte mich elend.

Allmählich aber gewöhnte ich mich dran; eine Menge neuer, farbiger

Eindrücke stürmten auf mich ein, das vordem so leuchtende Bild des

Gottlosen Zinkens verblaßte sacht in mir.

Da lebte vor allem im Hause selber ein Mensch von höchst wunderlichem

Gebaren, das war die alte Haushälterin Genovev; da sie von Alters wegen

fast keinen Dienst mehr tun konnte und das Zusehen hatte, wie eine Junge

ihr das Regiment aus der Hand nahm, tat sie mir leid, und ich bemühte mich

geflissentlich um ihre Gunst, was sie mit der Würde und Majestät einer

gekränkten Kaiserin hinnahm. In seltenen guten Stunden fühlte sie sich

bewogen, mir aus dem Schatze ihrer reichen Lebenserfahrung einen guten Rat

zu geben; etwa, daß, wenn eine Sauce zu dunkel wäre, man Milch hineintue;

werde sie aber zu hell, so nehme man Zichorie oder Kaffeesatz.

Von außen betrachtet, war sie ergötzlich anzusehen, -- klein, fett, mit

verschmitzten Sauäuglein, aus denen sie ganz nach Belieben dicke, runde

Tränen kullern lassen konnte, soviel sie benötigte. Auf dem Haupt trug sie

ein halbes Pfund Haarnadeln und ein winziges, graues Schwänzlein in wenig

schöner Anordnung. Sodann hatte sie eine beträchtlich rote Nase mit sanften

bläulich-violetten Schattierungen; diese aber, sowie täglich mehrmaliges,

geheimnisvolles Verschwinden der Alten in der Richtung auf den Keller

zu, auch manch mysteriöses Sich-zu-schaffen-machen an des Professors

Likörschrank und ein affenartig schnelles Verschwinden, wenn in solchen

Augenblicken jemand in die Stube trat, brachten mich auf finstere

Verdächte, die sich leider immer tiefer begründeten. Ich bestrebte mich nun

zwar, zu tun, als ob meine Augen nichts gesehen hätten und mein Herz von

nichts wüßte; doch schwand meine tiefe Hochachtung und ich brachte es von

da an nimmer fertig, sie zu behandeln, als ob sie aus Marzipan oder die

Kaiserin von China sei. Sobald sie aber dies herausgefunden hatte, änderte

auch sie sogleich ihr Benehmen gegen mich und bombardierte mich nun täglich

mit einem Schwarm von äußerst schlauen, feinen Bosheiten.

Dessenungeachtet aber war sie ungeheuerlich fromm, Bibelsprüche und

erbauliche Liederverse liefen ihr wie Wasser vom Mund; keine Predigt, keine

Betstunde noch Beerdigung waren vor ihr sicher. Mit tiefer und

wortereicher Verachtung sah sie auf die übrige Menschheit herab, die voller

Gottlosigkeit und Unzucht dem Pfuhl der Hölle zustrebte; sie selber war

eine Heilige, Märtyrerin und göttlich Begnadete; sie hatte bedeutsame

Träume und Gesichte, darin der Herr selber mit ihr sprach und ihr Propheten

und Apostel erschienen, ja, zeitweise war sie ganz in den Himmel entrückt,

schwankte, lallte Unverständliches, schlief darnach wie ein Kartoffelsack

und erzählte Tags darauf von der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalems,

die sie geschaut hatte.

Besonders des Abends, wenn zuvor Genovev und Kellerschlüssel dunkle,

geheimnisvolle Viertelstunden lang »entrückt« gewesen waren, war jene

göttliche Begnadigung groß. Das Hausmädchen und ich standen andächtig

lauschend in der Küche bei ihr, sie aber saß mit mächtig tönendem

Redeschwalle, nur von gelegentlichen grunzenden Lauten unterbrochen, auf

ihrem breiten Küchenstuhl, die Aeuglein glänzend und verzückt gen Himmel

geschlagen, und sie drückte daraus fleißig kugelnde Tränen über die fetten

Backen hinab. Sie sprach von der Verderbnis der Welt und menschlichen Natur

und mehr noch von dem Golde und den Harfen und Engelscharen der Oberen

Stadt, darinnen sie schon im Geiste weilte, sie gestikulierte mit

unsichtbaren Evangelisten, Heiligen, Prälaten und Generalsuperintendenten,

mit denen sie auf du und du stand, schneuzte mit Ekstase in ihr kariertes

Sacktuch, schluchzte dazwischenhinein, daß es ihr Herzstöße gab und hob

die Arme schwärmend himmelan. Bis sie dann von all diesen Erscheinungen,

Gesichten und vom Lobe Gottes müd war, immer mysteriösere Laute von

sich gab, gefährlich auf ihrem Stuhl zu schwanken begann und schließlich

vornüber auf den Küchentisch sank und alsbald ein kräftiges Schnarchen

hören ließ.

Diese Stunden aber waren so ungeheuer närrisch und erheiternd, daß ich

jedesmal darnach erfrischt und aufs lebhafteste ermuntert wie nach einem

köstlichen Bade die Küche verließ, und daß mich oft in der Nacht noch das

Lachen schüttelte, wenn ich dran dachte. Auch brachte ich es um deswillen

fertig, ihr alle Boshaftigkeit, die sie mir antat, zu verzeihen, so daß

unser Verhältnis vorerst bis auf ein paar kleine, spitzige, schlau und

verhüllt geführte Feldzüge täglich das denkbar beste war.

-- Bei meinen Verwandten war ich am ersten Abend noch geschwind gewesen;

Margret schien es körperlich nicht gut zu gehen, auch wollte es mich

bedünken, als stünde es mit des Schwagers Geldwesen nicht gut; man hätte

im Haushalt einteilen und sparen sollen, dazu war aber die schöne, lustige

Margret nicht geschaffen, auch wenn sie sich Mühe gab, brachte sie's nicht

fertig. Eine Magd konnten sie sich nicht halten; es war nur eine Frau da,

die des Morgens im Haushalt etliches half. Nun wurde es Margret zuviel, der

Schwager wollte gut gekocht haben und ein geselliges Leben führen, und dazu

waren die vier kleinen, lebhaften Kinder da.

Doch merkte man von diesem allem, so von außen betrachtet, außer etlicher

Schlamperei in den Stuben und gelegentlich einem zerrissenen Hemmedlein

der Kinder kaum etwas, die Eheleute hatten einander lieb wie in den

Flitterwochen, führten ein eigenartiges, höchst vergnügtes Leben, ließen

fünfe gerade sein und machten sich keine Sorgen. Mein Schwager war ein

großer, imponierender Mann mit einer mächtigen Leibesfülle; so wenig

mir sein dicker Bauch gefiel, so schön erschien mir sein Gesicht, -- von

fröhlichem, gewinnendem Ausdruck, wahrhaft edel im Schnitt und voller

Gescheitheit, dazu von dichten, dunkeln und gelockten Haaren umstanden. Er

war ruhig und sicher im Wesen und gefiel mir recht gut.

An meinem ersten freien Sonntag, über den ich schon von der Frühe an

verfügen durfte, ging ich nun hinüber, um ihn mit meinen Verwandten zu

verleben; es war morgens um acht Uhr, und die Sonne schien heiter auf das

Schild am Haus: Adolf Fouqué, Antiquariat und Sortiment.

Die Wohnung lag über zwei Treppen hoch; da die Glastür unverschlossen

war, trat ich ein und gelangte vor das Wohnzimmer, daraus mir eine schöne,

feierliche Klaviermusik entgegenkam. Mein Klopfen wurde nicht gehört,

so ging ich hinein, und es bot sich mir ein vergnüglicher und seltsamer

Anblick. Mein Schwager saß im Hemd am Klavier und spielte; durch die

weit offene Tür sah man in ein noch von der Nacht her mit einer genialen

Schlamperei beseeltes Schlafzimmer, wo Margret mit rot geschlafenen Backen

und strahlenden Augen im Bette lag, ihr Jüngstes im Arm, und die hellen

Zöpfe hingen wirr und halb offen übers Kissen hinunter. Die Sonne füllte

blendend beide Stuben, in ihrem Schein sah man alle Möbel mit einem

gemütlichen Staube bedeckt; auf dem Klavier war mit dem Finger geschrieben

ein griechischer Vers in dem grauen Pelzlein zu lesen. Auch hatten die

meisten Dinge hier wie in der Schlafstube die Eigenart, just an dem Orte zu

liegen, wo sie nicht hingehörten, von Margrets himmelblauem Sonntagskleid

an bis zu dem Sandkistlein der Katzen, deren etliche mit fröhlichem

Getümmel die Stube bevölkerten und in prächtiger Ungeniertheit über Tische,

Betten und Klavier spazierten.

Der Schwager fuhr rücksichtsvoll in eine Hose, als er mich erblickte, ließ

sich dann aber nicht weiter in seinem Spiele stören; Margret bedeutete mir

stumm, mich zu ihr auf's Bett zu setzen. »Weißt du,« sagte sie leise, als

ich bei ihr war, »das ist bei uns alle Sonntage so; ich darf mir meine

Lieblingsstücke bestellen, Adolf spielt alles ohne Noten. Das ist unsere

Morgenandacht. Ach, hör doch, das ist Bach -- ist das nicht wunderbar

schön? Du mußt nun ganz still sitzen bleiben, gelt, und zuhören!«

So saß ich denn, obgleich es mein Hausfrauenherz mächtig gelüstete, die

Betten zu schütteln, das Kind anzuziehen und schließlich das Nötigste

abzustauben, nun höchst unvernünftigerweise stille auf meiner Schwester

Bett, und allmählich drang der Zauber dieser morgendlichen Stunde auch

in mein verstocktes Gemüte. Margret lag in halber Verzückung da; war der

Schwager mit einem Stück zu Ende und hielt einen Augenblick inne, so sagte

sie unverweilt und mit Feierlichkeit, als liege ihr das Wort seit langem

freudig bereit, den Namen eines nächsten, worauf er denn auch alsbald

lächelnd weiter spielte.

So ging es schön und festlich in den sonnigen Morgen hinein; als Adolf

endlich aufstand und mit der Begründung, er habe Hunger wie ein Loch, den

Klavierdeckel herunterklappte, war es über zehn Uhr. Margret fuhr munter

in einen Schlafrock, lief barfüßig aus und ein und trug, indes Adolf seinen

Kaffee kochte, auf dem ungedeckten Tisch ein auserlesen leckeres Frühstück

zusammen: die Sonntagsbrezeln und ein paar alte Pumpernickel, eine

Büchse mit Oelsardinen, einen Rest Käse und einen Zipfel Wurst, sowie ein

Stücklein Braten; die Butter ließ sich längere Zeit nicht finden, -- schon

hatte man den Kater im Verdacht, da brachte sie Margret im Triumph herein:

höchst seltsamerweise war die Butter an ihrem richtigen Platz gewesen, wo

man aber leider alten Erfahrungen gemäß zuletzt gesucht hatte.

Und mit dem gleichen schwelgerischen Genusse wie zuvor an Mozart und

Beethoven labten sich die Eheleute nun an ihrem üppigen Frühstück; aus der

Schlafstube der Kinder nebenan drang nun allmählich ein ohrenbetäubender

Lärm, die Katzen waren hungrig und liefen mit steil erhobenem Schwanze auf

dem Tisch zwischen Käs und Fischlein einher, steckten auch ab und zu den

Kopf in das Milchkännchen; es ging nun gegen elf Uhr, -- und doch saßen die

beiden, ohne sich im mindesten stören zu lassen oder sich etwa zu beeilen,

voll unbegrenzter Behaglichkeit vor ihrem Kaffee, waren herzlich vergnügt

über meinen Besuch und unterhielten mich prächtig.

Später tat dann Adolf einen seltsamen, vogelartigen Pfiff, darauf kollerten

mit Jubelgeheul die drei hemmetigen Sprößlinge herein, fielen über

Eltern, Katzen, Brezeln und Käse her, und die Wonne stieg zusehends. Auch

entwickelte man dann eine rührige Betriebsamkeit, wusch und kämmte sich

allerseits, zog schöne Kleider an und besorgte das Mittagessen. Der

Schwager erwies sich als äußerst geschickt in Haushaltungssachen, tat

kunstgerecht den Braten ans Feuer, badete den Säugling und versuchte

die Suppe. Des Nachmittags ging man insgesamt spazieren, auf einer

frühlingswarmen Wiese legte sich der dicke Schwager ins Gras, die

Kinder kletterten ihm auf dem Bauch herum; er wußte eine Unmenge kleiner

Kunststücke und Spässe, sodaß selbst uns Großen vor Lachen die Tränen

hinunter liefen. In einem Dorfwirtshaus ließ der Schwager dann ein

fürstliches Abendessen auffahren; man trank auch Wein dazu, und es war spät

in der Nacht, als wir mit den todmüden Kindern wieder nach Haus kamen.

War nun auch der Eindruck, den ich an jenem Sonntag von meinem Schwager

erhielt, ein vorwiegend guter und heiterer, so erwies sich leider, als ich

ihn in der nächsten Zeit von nahem kennen lernte, daß Fouqué ein äußerst

bequemer, egoistischer, ja, sozusagen grundfauler Mensch sei, der für alles

Lust, Talent und Liebe hatte, nur keinen Funken davon für sein Geschäft.

Er hatte in seiner Jugend verschiedentliches studiert, wovon aus dunklen

Gründen nichts zum Abschluß gekommen war, hatte dann zum Buchhändler

umgesattelt und vom väterlichen Erbe sein jetziges Geschäft gekauft. Auch

sei er schon einmal kurz verheiratet gewesen; seine Frau, eine Tochter aus

guter Familie, sei ihm aber nach halbjähriger Ehe wieder davon gelaufen,

weil er sie nicht habe verhalten können.

Nun war er an die Margret gekommen; die Grundsätze und Anschauungen der

beiden, was ein fröhliches Leben und eine geniale Wursthaftigkeit gegenüber

aller Pflicht und allem Ernste anbelangte, fügten sich so prächtig zusammen

wie ihre schönen, heiteren Gesichter. Wenn sie nun nicht bedauerlicherweise

jedes Jahr ein Kind bekommen hätten, für das gesorgt sein wollte, wenn

nicht auch von diesen beiden Glücklichen jeden Tag eine tüchtige Portion

Arbeit und Dazutun gefordert worden wäre, ja, dann wäre wohl alles gut und

glatt gegangen.

Der Schwager war zu einem schönen Leben, zum Freuen und Genießen geschaffen

wie selten einer; ob er aus seines Ladens Bedrängnis heraus eine Weile in

seinem Mauergärtlein sich frische Luft und Sonne zuführte und an seinen

Rosen roch, ob er mit seinen hübschen Kindern Narreteien trieb, ob er

Mozart hörte oder ein Gansleberlein aß, -- immer tat er es voller Andacht,

bedachtsam alles Schöne, auch das Bescheidenste, tief und dankbar in

sich aufnehmend und voll köstlich bewußter, genießerischer Lust und

spitzfindigem Auskosten alles Gebotenen. Er verfügte über eine Masse

Talente und Fertigkeiten, die das Dasein etwa schön und vergnüglich

machen konnten, er dichtete, spielte Klavier, konnte kochen und war ein

ausgezeichneter Gärtner; er hatte eine seltsame, sichere Art, viel Wein zu

trinken und darnach heiter und voll prächtiger Laune zu werden, ohne jemals

auch nur im geringsten betrunken zu sein. Er war sehr belesen und weit

gereist, dazu klug und fabelhaft witzig, konnte zwanzig Leute auf einmal

unterhalten, gewinnen, hinreißen und bestrickend leichtsinnig und übermütig

lachen wie ein Knabe.

Und nun war es wiederum so: wäre Herr Fouqué ein Rentner oder Baron oder

schließlich auch Kanzleirat mit sieben zu verschlafenden Bürostunden

täglich und gesichertem Gehalte gewesen, -- so hätte können alles in

Ordnung sein und er wahrscheinlich hoch angesehen und wertgeschätzt von

allen Seiten. So aber war er in der Stadt in einem üblen Gerüchlein und von

etlichen Stimmen als Lump und Fauler verschrieen; denn es war wohl bekannt,

daß er bis zehn Uhr morgens im Bette lag und nie vor elf im Geschäft

erschien, daß er oft bis weit über Mitternacht sich mit ihm ebenbürtigen

Kumpanen in der Weinstube zum Blauen Kater herum trieb, daß man die hübsche

Frau Fouqué stets, wenn es die Miete oder einen Wechsel zu bezahlen gab,

verweint und augenscheinlich in großen Nöten sah; fernerhin, daß, wenn

einer etwas bei Fouqué bestellte, es ihm stets mit liebenswürdigster

Bereitwilligkeit auf den übernächsten Tag versprochen wurde, aber meist

nicht vor Ablauf etlicher Wochen besorgt, -- wenn es Fouqué nicht etwa ganz

vergaß. Ja, man erzählte sich sogar, daß die Weihnachtsnovitäten pünktlich

vom vierundzwanzigsten Dezember ab bei Fouqué zu haben waren.

Dieses alles erkannte ich nun so nach und nach und wurde mit Betrübnis

inne, in welches Loch voll wunderlichen Elends die Margret da geraten

war; denn wenn's die beiden auch mit Vergnügtheit und zumeist mit Anstand

trugen, so war es doch da und tat mir umso weher, je mehr sie mit Blindheit

und leichtem Sinn drüber weg gingen, kein Fingerlein regten, es besser

zu machen und immer tiefer hinein gerieten. Am meisten Sorge machte mir

Margrets Gesundheit; ich hätte sie am liebsten eine Weile heim zur Mutter

geschickt und inzwischen ihrem verlotterten Haushalt ein bißlein auf die

Füße geholfen; doch ging es nicht, weil ich ja gebunden war; auch lachten

mich Margret und der Schwager ob eines solchen Vorschlags schallend aus; so

weit sei's nun doch noch nicht.

Da war es nun gut, daß ich in mir einen mächtigen, unsichtbaren Strom

trug, der voller Glut und Unerschöpflichkeit darnach drängte, gebraucht

zu werden: hier konnte ich ihn springen lassen, und er wurde allsogleich

dürstend und dankbar aufgesogen. Fast jeden Abend war ich nun drüben bei

Fouqués, um Margret zu helfen; jede freie Stunde, die ich erübrigen konnte,

jeden Sonntag und tief in die Nächte hinein schaffte ich, -- die Mutter

sollte mir nicht umsonst geschrieben haben; ich räumte Margrets Stuben

auf, kochte ihr Gesälz ein, flickte des Schwagers Socken und der Buben

Hosenböden, und je länger ich drüben war, desto mehr und inniger wuchs mir

die ganze fröhliche Bande ans Herz.

-- Jeden Dienstag waren die Professorsleute bei Bekannten zum Abendessen

eingeladen. Wir waren alsdann frühe mit der Hausarbeit fertig, kochten uns

noch einen Brei, und nach dem Essen sagte man einander Gut Nacht.

Diese Abende nun hatte ich für Gottfried bestimmt; jeden Dienstag zur

verabredeten Zeit wartete er vor meinem Haus auf mich, und ich ging mit ihm

auf seine Stube.

Dann saßen wir beieinander, immer hatte er die Hefte weggeräumt und einen

Strauß auf dem Tische stehen, der Hölderlin lag dabei, und vom Gottlosen

Zinken war ein Korb voll rot und gelber Aepfel da. Ich saß auf dem alten,

geschweiften Sofa in der Ecke, und Gottfried hatte seinen Kopf auf meinem

Schoße liegen.

Ich glaube, daß kaum ein Mensch eines solch unsäglichen Glückes teilhaftig

ward, wie ich es in jenen Stunden genossen habe, mein Leben stand in seinem

höchsten Glanz, wurde erfüllt und gesättigt. Und was etwa noch darnach

kommen mochte an Not und Schmerzen, mußte ich willig annehmen und tragen,

denn was irgend an Herrlichkeit und göttlichem Glanze einem Menschen

gegeben wurde, das hatte ich nun empfangen und ausgetrunken bis zum Grunde.

* * * * *

Es war Anfang Februar und bitter kalt, als Gottfried an einem Dienstag

abend zur gewohnten Stunde nicht vor meinem Hause zu sehen war. Ich lief

ungeduldig auf und ab und spähte nach ihm aus, wartete noch eine Weile und

ging dann schließlich allein durch die schon beinahe dunkeln Gassen zu dem

Haus, in dem er wohnte und die wohlbekannte Stiege hinauf.

Droben klopfte ich, und im nächsten Augenblick hing er an meinem Halse.

»O du, ich freue mich unsäglich, daß du da bist. Eben wollte ich Angst

bekommen, du kämst am Ende nicht. -- Weißt du, ich habe einen Husten,

und es war mir schon den ganzen Nachmittag nicht so recht gut, -- so ein

blödsinniges Stechen den Rücken herauf und da, an der Seite. Aber nun bist

du ja da! Gelt, du mußt verzeihen, daß ich dich nicht abgeholt habe --.«

Er küßte mich und nahm mir Mantel und Pelzmütze ab. Dann aber zog ich ihn

auf's Sofa und nahm ihn strenge ins Gebet.

Seit wann er die Schmerzen habe? Was er dagegen tue? Warum er nicht im Bett

liege und keinen Arzt habe holen lassen?

»Ich wußte ja, daß du kämst,« sagte er ruhig und sah mich mit glänzenden

Augen an.

Ich wollte nun entschieden, daß er sich sofort ins Bett lege und stand auf,

um wieder meinen Mantel anzuziehen und zu gehen. Doch hielt er mich mit

aller Kraft fest und bat so flehentlich, ich möge doch noch eine Weile da

bleiben, daß ich ihm den Willen tat.

»Ich habe den ganzen Nachmittag immer fort an dich gedacht und die Stunden

gezählt, bis du da sein würdest, nun darfst du nicht so wieder gehen. Komm,

du kannst mir nichts Lieberes tun, als wenn du mir etwas vorliest, und ich

darf meinen Kopf in deinen Schoß legen; dann vergesse ich alles, was mir

weh tut.«

Also blieb ich, legte eine Decke um ihn und setzte mich zu ihm; ich zog die

Lampe zu mir her und las ihm aus Grimms Märchen vor.

Wir kamen jedoch nicht weit. Jählings wurde Gottfried von einem bösen und

qualvollen Husten befallen, und währenddem ich ihn fest und tröstend in

den Armen hielt, spürte ich wohl, wie heiß sein Kopf war und wie ihn die

Schmerzen würgten und schüttelten, und ich hörte, wie er leise stöhnte.

»Das hat verzweifelt weh getan,« sagte er, als es vorbei war. »Wenn ich nun

heute Nacht allein bin, und es kommt noch oft so?« -- --

Wir sahen einander bekümmert und ratlos an.

Plötzlich richtete er sich auf und legte die Arme um meinen Hals. »Du

Agnes, ich weiß etwas: Du bleibst heut Nacht bei mir. Du hast schon oft

gesagt, daß man es bei euch nicht merkt, wenn du spät heimkommst. -- Morgen

früh gehst du beizeit, nimmst meinen Hausschlüssel mit, daß du hinaus

kannst, und deine Schlüssel hast du ja bei dir; siehst du, es geht

herrlich!«

Ich wehrte ernst und erschrocken ab, er brachte immer neue Einwände vor,

schmeichelte und bat inständig. Dann wandte er sich auf einmal weg, sein

Gesicht war dunkel überlaufen, und er sagte traurig und leise: »Ach, ich

weiß schon. Ein Mädchen tut so etwas nicht gern. Nein, dann geh nur. Ich

muß halt allein auskommen.«

In mir stürzten die Gedanken hin und her; ich war verlegen, traurig und

verwirrt und wußte mir nicht zu helfen. Meine ganze sehnliche Liebe zog

mich, da zu bleiben; schließlich tat ich alle Philisterei beiseite, mein

junges und glühendes Menschentum stand gewaltig und zwingend in mir auf wie

nie zuvor und ich konnte nicht anders, als mich zu ihm hinbeugen und sagen,

daß ich bei ihm bleiben wolle.

Wir gingen dann noch vor seine Stube hinaus und sahen die Treppe hinunter,

ob bei der Vermieterin, die einen Stock tiefer wohnte, das Licht aus sei;

sie pflegte alsdann im Bette zu sein, was uns sehr lieb gewesen wäre, und

richtig war alles still und dunkel drunten. Der Hausknecht vom Laden

im Erdgeschoß hatte nebenan seine Kammer, er war vor einer Weile

heraufgekommen, und wir hörten sein Geschnarche durch die Tür hindurch.

Als wir nun wieder in der Stube waren, und die Tür verschlossen hatten,

brachte uns das Bewußtsein, daß wir nun eine ganze Nacht zusammen

sein dürften, in einen tollen und freudigen Liebesrausch; wir standen

minutenlang und hielten uns eng umschlungen, küßten uns und wurden erst

daraus gerissen, als Gottfried von einem neuen Hustenanfall gepackt wurde.

Dann kam die Nacht; und von den Nächten meiner Jugend, da ich geliebt,

gelitten, gefeiert hatte und selig war, ist mir jene vor allen schön und

rein und leuchtend im Gedächtnis.

Ich verstand weiß Gott nichts von Krankenpflege; ich tat eben so, wie es

mir Liebe und Einfalt eingaben. Wie ein Kind brachte ich Gottfried zu Bett,

deckte ihn zu und legte ihm einen kalten Umschlag auf die Stirn. Still,

wunschlos und in seliger Zufriedenheit lag er da, ließ alles mit sich

geschehen und sah mir immerfort lächelnd nach, wie ich in der Stube ab und

zu ging, das Feuer frisch schürte, ein Papier vor die Lampe hängte, damit

ihm die Helle nimmer weh tue und ihm zu trinken brachte. Wir hatten ja

nichts da als Wasser und ein paar Stücklein Zucker; schließlich fiel

mir sein Aepfelkorb ein, und es kam mir darin eine schöne und saftige

Winterbirne in die Hände. Ich schälte sie und schnitt sie in kleine

Stückchen; damit fütterte ich ihn wie einen kleinen, kranken Vogel, und es

war mir wonnig bewußt, wie köstlich es sei, so zu tun. Wenn ihn ein Husten

ankam, war ich bei ihm, richtete ihn ein wenig auf und hielt ihn fest und

zärtlich an meiner Brust, bis es vorbei war; alsdann deckte ich ihn wieder

sorgfältig zu. Dazwischen saß ich still an seinem Bett und hielt seine

Hand in der meinen. Auch kam mir der Gedanke, es möchte ihm vielleicht

Erleichterung bringen, wenn er ein warmes Tuch auf der Brust hätte; ich

holte aus seiner Schublade ein Hemd, machte es am Ofen heiß und legte es

ihm zusammegefaltet um, was ihm wirklich ein wenig wohltat.

Und es war sonderbar, solches machte uns glücklicher und erfüllte uns mit

größerer Seligkeit als alle Küsse und Umarmungen der guten Zeit.

Später meinte Gottfried, es werde ihm besser, und ich müsse nun schlafen.

So richtete ich mir auf dem Sofa ein Lager her, löschte das Licht und legte

mich nieder.

Schlafen konnte ich nicht; doch verfiel ich mit offenen Augen in eine

absonderliche und beglückte Träumerei, darein mir als einzig Wirkliches

und Irdisches Gottfrieds schnelles Atmen drang. Vor dem Fenster hing der

nächtige Himmel rein und voll glänzender Sterne, ich dachte weder, daß

Gottfrieds Krankheit gefährlich sein könne noch daran, daß es etwa nicht

ehrbar und anständig für mich wäre, hier in der Nacht bei meinem Schatz

in der Stube zu liegen, -- alle meine Gedanken und Träume konnten in

unbeschwerter Wonne nur das fassen, wie wunderbar diese Nacht sei.

Hörte ich von Gottfrieds Bett her das geringste Geräusch oder erkannte ich

auch nur an seinem Atmen, daß er wach sei und ihn etwas plage, so war ich

im nächsten Augenblick bei ihm drüben und tat, was gerade nötig war, gab

ihm zu trinken, wechselte seinen Umschlag oder hielt ihn, wenn ihn ein

Husten überkam.

Er streichelte dankbar meine Hand. »Wie machst du's denn, daß du es immer

so genau weißt, wann ich dich nötig habe? Wenn ich nur denke, ich möchte

etwas von dir haben, dann stehst du schon neben mir!«

Einmal sagte er mit leisem Lachen: »Du, wenn die Pfarrer und Schulmeister

richtig wüßten, wie das ist, dann würden sie schleunigst dafür sorgen, daß

alle Primaner und Konfirmanden eine Liebschaft anfingen. Die einen von den

Herren drohen mit der Hölle, wenn man etwas Böses tue, und die andern mit

dem Gefängnis; sei man aber brav, so werde man ein ehrbarer Mann und komme

in den Himmel. Glaubst du, so etwas könne mich abschrecken oder anfeuern?

An eine Hölle glaube ich nicht, und bloß so für mich selber oder weil ich

einmal Geheimrat werden möchte, lohnt sich die Streberei wirklich nicht.

Und siehst du, seit ich dich kenne, ist es einfach selbstverständlich, daß

ich nichts Gemeines tue und ein anständiger und tüchtiger Kerl werde.

Und es ist immerfort ein Wille und Trieb in mir, etwas Großes und

Ungeheuerliches zu leisten und heldenhafte Sachen zu vollbringen. Wenn ich

jetzt etwa ganz arge Schmerzen aushalten müßte oder sterben würde, so wäre

das nur etwas Kleines von dem, was ich um dich tun möchte. Weißt du, ich

bin mit diesen Gedanken schon auf ganz blödsinniges Zeug gekommen; ich

habe mir die Nase zugehalten und dabei auf die Uhr gesehen, wie lange

ich's aushalten könne, ohne zu atmen, und wenn es recht lang war, war

ich glücklich. Oder ich bin die Burgfelsen hinaufgestiegen und habe einen

fürchterlichen Schwindel überwunden. Und es wäre doch wahrhaftig keine

Heldentat gewesen, wenn ich heruntergefallen wäre! -- Aber es war alles aus

einem Willen zu etwas Großem und Gutem heraus und weil ich dich lieb habe.

Es ist schade, daß das die Herren nicht so wissen oder vielleicht vergessen

haben.«

-- Später nahm er meine Hand und legte sie auf seine Brust. »Da, spür

einmal, wie schnell mein Herz schlägt!« Und indem ich fühlte, wie heftig

und unruhig das arme Ding sich gebärdete, fuhr er leise fort: »So hat es

schon oft geschlagen, wenn ich an dich gedacht habe. Ich habe dich so lieb,

wie es kein Mensch sagen und ausdrücken kann. Seit du hier bist und ich

deine Nähe immerfort spüre und deine und meine Liebe, bin ich oft wie

betrunken vor Seligkeit. Ich kann es manchmal kaum mehr ertragen. Wenn du

abends bei mir warst und ich dich heimbegleitet habe, muß ich immer noch

stundenlang in der Nacht herumlaufen und auf einen Berg hinauf, daß ich es

ein bißchen verschaffe. Ich beiße mir oft in die Hände, oder ich renne

mit dem Kopf gegen eine Mauer, und wenn es stark weh tut, dann wird mir's

leichter.«

Um halb fünf Uhr rüstete ich mich zum Gehen; Gottfried war sehr müde und

meinte, er wolle nachher zu schlafen versuchen, doch war sein Leintuch

verstrampft und die Kissen so verwühlt, daß er mir leid tat.

»Nein, du, so geht das wirklich nicht. Weißt du was, -- ich wickle dich

warm ein und trage dich aufs Sofa hinüber, daß ich dein Bett ordentlich

schütteln kann.«

»Ich bin dir doch viel zu schwer,« meinte er ungläubig; doch wickelte ich

ihn in seine wollene Decke und nahm den mageren Jungen auf die Arme.

»Siehst du, daß ich es kann,« sagte ich vergnügt, und beim Hinübertragen

sahen wir einander selig in die Augen.

Als er dann wohl gebettet und versorgt war und ich schon in Mantel

und Mütze vor ihm stand, sah er mich groß und ernst an und meinte dann

nachdenklich: »Weißt du, das Allerfeinste müßte sein, wenn man dein Kind

wäre!« Und seufzte ein wenig dazu.

Wir verabredeten, daß er zum Arzt schicken solle und daß ich am Abend

wieder kommen wolle; dann nahmen wir heißen, zärtlichen Abschied, und ich

ging leise und eilig fort.

Auf dem ganzen Heimweg begegnete ich keinem Menschen; die Häuser ragten

hoch und stumm, und mein Schritt hallte durch die Gassen; es war so

kühl und feierlich und stille, als ging ich in einem Dom oder schweigend

morgendlichen Walde, und darüber stand der Himmel mit den schon leise

verblassenden Sternen dunkel und voll tiefer Klarheit. Ein Sturm von Jubel

und glühender Lust war über mich hereingebrochen. Alle Zukunft und

alles, was vordem war, war nicht; mein Leben bestand in dieser einzigen,

göttlichen Stunde voll ungeheuerlicher Wonne. In den mächtigen Bränden

des Liebhabens und Geliebtwerdens, die ich in mir trug, war diese

unerschöpfliche Seligkeit geboren; doch dachte ich weder an Gottfried noch

an meine Liebe und nicht an Quell und Ursache dieses Geschehens; Welt und

Menschen waren versunken, kaum war mir noch meine eigene Körperhaftigkeit

bewußt, so jauchzend war ich dem Unirdischen und Herrlichen zugetan, das

mich erfaßt hatte. Mein Weg führte über eine kleine Brücke, zu deren Seiten

schmale, steinerne Brüstungen hinliefen, und darunter strömte ein tiefes

Wasser schwarz und gurgelnd. Jählings überkam es mich, daß ich auf

diese Brüstung steigen und mit ausgebreiteten Armen schwingend und leise

schwankend über die dunkle Tiefe zum andern Ende gehen mußte. Wäre ich

gestürzt, so wäre es in süßer, schäumender Entrücktheit geschehen und ohne

Angst und Reue gewesen. Tod und Leben waren eins geworden und einander

gleich in berauschender Schönheit. Immerfort lagen mir Verse und Gesänge

auf den Lippen, vergingen, und es kamen neue und schönere, und es war

eine brausende Musik in mir, daß ich hätte laut singen mögen oder darnach

tanzen.

Als ich vor meinem Hause ankam, war mein Gesicht naß von Tränen. Der

stürmende Jubel meines Innern ließ langsam nach; doch war mir das Herz noch

den ganzen Tag schmerzend schwer vor Glück.

* * * * *

Als ich am Abend zu Gottfried wollte, waren Bett und Stube leer; seine

Hausfrau sagte mir, ein Arzt sei dagewesen, und vor einer Stunde habe man

ihn ins Krankenhaus getan.

In einer wunderlichen und verwirrten Bestürzung ging ich eilig die Treppe

hinunter und den Weg zum Krankenhaus, und richtig klar und angstvoll wurde

mir erst, als ich in einer hell erleuchteten Vorhalle stand und mit dem

kleinen, strammen Portier verhandelte.

»Die Besuchszeit ist vormittags von elf bis zwölf Uhr und nachmittags von

zwei bis vier Uhr, Fräulein.«

»Ja, freilich; aber mein -- Verwandter ist erst heute abend hierher

gebracht worden, und ich muß ihn ganz notwendig noch geschwind sprechen,

verstehen Sie doch!«

»Ganz unmöglich, Fräulein; durchaus gegen die Hausordnung!«

»Oder wenigstens fragen, wie es ihm geht!«

»Ich muß jetzt das Tor schließen, Fräulein; Sie können morgen

anfragen -- -- --«

In meiner Verzweiflung zog ich den Geldbeutel heraus und gab dem Mann, was

darin war; ich glaube, es war ein halber Monatslohn; darauf setzte er sich

in Trab, und ich lief ihm nach über einen Hof und Gänge und Treppen, bis

ich in einem kleinen, leeren Zimmer vor einer Schwester stand. Es gehe dem

Herrn Finkenlohr nicht gut; Lungen- und Rippfellentzündung und noch etwas

am Herzen; darauf sagte sie noch etwas Frommes, dann ging ich wieder.

Ziemlich blöde trieb ich mich alsdann in den Straßen herum, bis ich,

dem Umsinken nahe vor Müdigkeit, Kälte und einem würgenden Bangen vor

Gottfrieds Haus stand. Es stieg so etwas wie Freude in mir auf, als mir

einfiel, daß ich den Hausschlüssel noch in der Tasche hatte. Leise wie eine

Katze stieg ich zu Gottfrieds Stube hinauf, sie war offen, und ich schloß

schnelle die Tür hinter mir zu. Ich zog Mantel und Schuhe aus und ging zum

Bett hinüber, es war noch so unaufgeräumt und verwühlt, wie sie ihn draus

weggebracht haben mochten. In meiner verzweifelten Müdigkeit legte ich mich

drauf hin, und plötzlich spürte ich deutlich zwischen den Kissen und Decken

noch eine leise Wärme, die von Gottfried herrühren mußte.

Ich kann nicht sagen, wie wunderlich und tröstend und lieb mir diese Wärme

war und wie unendlich wohl sie mir tat. Ich deckte mich zu, wickelte mich

fest darein und schlief schnelle ein.

Früh am Morgen war ich wieder im Krankenhaus; mein Portier schien eben

aufgestanden zu sein und war außerordentlich höflich. Er bedauerte, daß

man so früh noch nicht fragen könne; doch werde er mich über das Schlimmste

beruhigen können, die Nachtwache habe eben das Totenbüchlein herunter

gebracht; er wolle nachsehen. Er ließ sich den Namen des Patienten nennen

und schlug sein Heftlein auf.

»O, bedauerlich, bedauerlich -- -- hier, wollen Sie vielleicht selbst

sehen, Fräulein?«

Da stand es:

Gottfried Finkenlohr, 19 Jahre alt, =ex.= am 8. =II.=, 3 =h= 25 =a/m=. Dann

kamen in einer Klammer noch zwei schwere lateinische Wörter, die ich nicht

behalten konnte. Ich fragte noch, ob es sicher wahr sei, wenn es in diesem

Büchlein stehe, was der Mann mir beinahe übel nahm und mit Eifer bejahte;

dann meinte auch dieser etwas Frommes, ich hielt mich ein wenig an seinem

Tisch, sagte danke schön und ging schnell hinaus.

* * * * *

Von den nächsten Tagen weiß ich nichts mehr, als daß ich gegen alle Leute

böse und bissig war, mein Beihilfmädchen bei jeder Gelegenheit zornig

anschrie und eine von Fouqués Katzen, die mir etwas stehlen wollte, beinahe

tot prügelte. Bis ich am Abend des zweiten Tages, als es läutete, die

Glastür öffnete, -- und die alte Frau Finkenlohr draußen stand.

»Grüß dich Gott, Agnes; Ich bin wegen Gottfried hierher gekommen; -- weißt

du es schon -- -- --?«

»Ja,« sagte ich und starrte finster auf den Boden.

»Vielleicht hast du ein bißchen Zeit für mich? Wenn es nur ein kleines

Weilchen wäre,« sagte sie freundlich.

Ich ging ihr stumm voraus in mein Zimmerlein und stellte mich gleichgültig

ans Fenster.

»Ich darf mich doch setzen? Ich bin ein wenig müde von der Reise; aber ich

will dich nicht lang aufhalten.«

Höhnisch sah ich ihr zu, wie sie ihren Schirm in eine Ecke stellte und sich

einen Stuhl holte, und ich rührte kein Glied.

Wir blieben eine Zeitlang still, und ich überlegte schon, wie ich sie

wieder hinaus werfen könnte, da fing sie von Gottfried an. »Der liebe Bub!

Man kann es schier nicht begreifen --«

Nun hielt ich es nicht mehr aus.

»Damit Sie es nur wissen, Frau Finkenlohr, wir haben eine Liebschaft

zusammen gehabt; es hat schon auf dem Zinken angefangen. Schimpfen Sie nur;

Sie können ja jetzt doch nichts mehr machen!« Und es kam so gereizt und

ruppig heraus wie nur möglich.

Die alte Frau blieb gänzlich unbewegt und verriet mit keiner Miene, ob sie

das überrasche oder ob sie davon gewußt habe.

»Ich bin recht froh, daß ich gleich zu dir herauf gekommen bin,« sagte sie.

»Mir scheint, daß wir einander nötig haben. Willst du dich nicht zu mir

hersetzen? Komm, du hast mir ja noch nicht einmal einen Patsch gegeben.«

Dabei lag ihr Blick hell und so recht liebreich und fest auf mir, daß ich

ihm nicht mehr ausweichen konnte, und während ich nun die alte Frau so

anschaute, fiel es mir erst auf, daß ich sie zum allererstenmal in einem

schwarzen Kleide sah und daß auch das Röslein auf ihrem Hut fehlte. Alles

Farbige und Vergnügliche schien von ihr abgewischt, und sie sah recht alt

und müde und bekümmert aus. Und als ich mich darauf besann, wie auch sie

ihn so lieb gehabt hatte und wie es auch ihr jetzt weh tun mochte, daß er

gestorben war, fing ich an, mich mächtig zu schämen.

Dann lag ich vor ihr und hatte meinen Kopf in ihren Schoß vergraben und

schluchzte.

Später brachte ich sie zu Fouqués hinüber, in deren Gaststube sie nächtigen

konnte, und ich war diesen und den nächsten Abend mit ihr zusammen. Wir

sprachen viel, viel von Gottfried und gaben uns gegenseitig Mühe, einander

zu trösten und Liebes zu tun und damit war schon ein Teil des ärgsten

Schmerzes von mir genommen.

-- Zur Beerdigung war ich nicht gegangen, doch habe ich Gottfried am Morgen

im Leichenhaus noch einmal gesehen. Er war aber gelb und entstellt und

unkenntlich, und es tut mir deshalb leid; ich muß mich bemühen, jenen

letzten, bösen Anblick zu vergessen und sein reines, helles Gesicht so in

der Erinnerung zu behalten, wie es in guten Zeiten war. Es ist auch

keine Photographie von ihm da; es bleibt mir nichts anderes, als treu und

unablässig an ihn zu denken, und ich weiß, so lang ich das tue, bleibt mir

sein geliebtes Bild so rein und unverwischbar im Herzen, wie es war als er

noch lebte.

Die Ströme des Namenlos · 第 12 / 18 题