Wohl war nun der Sommer über dem Gottlosen Zinken und mein Finger heil, daß
ich wieder im Felde stehen konnte und meine drängende Kraft von mir tun;
die schönen, warmen Sonntagnächte waren da mit ihren schwermütigen Liedern
-- und doch war mein Herz nimmer so recht dabei. Ich hielt mich ein bißchen
fern von den andern; oft machte ich einsame Gänge und warf mich an einem
Feldrand nieder, um ungestört meinem Sinnen nachgehen zu können. Es hatten
mich wunderliche Gedanken gepackt; seit Herr Bürger fort war, hatte mich
eine drängende Unruhe erfaßt. Eine mühsam verhaltene, dunkel glühende Kraft
lief mir durch die Glieder; es war so seltsam in diesem Sommer: nach der
schwersten Arbeit war immer noch etwas in mir, unverbraucht und mächtig,
und regte sich lauernd, hervorzubrechen. War ich des Abends erschöpft auf
mein Bett gesunken, so erwachte ich oft jäh mitten in der Nacht und lag
unruhevolle Stunden ohne Schlaf; unbezwinglich sang mir die schmerzliche
Gewalt in allen Adern.
Es ging mir, so von außen betrachtet, gut und war alles in Ordnung und
hätte können nicht besser sein. Ich hatte eine schöne, maßvolle Arbeit,
gute Menschen um mich herum, Essen und Trinken vollauf und ein lustiges
Leben ohne Sorgen. Und doch, -- ich hätte es weggeworfen um einer einzigen
Nacht willen, da ich hätte wieder für einen Menschen glühen dürfen und
Schmerzen und Wonnen um ihn haben und dem Leben am Herzen liegen! Und
da war wieder die Erfahrung von jenem abendlichen Flusse her, sie stand
siegreich über mir und hatte ihr Recht behalten. Nicht das war Leben:
anständig weiter zu kommen und keine Schulden zu haben, in einem guten
Futter zu stehen und hie und da einen Mittag zu vertanzen; Leben war
lieben, Schmerzen haben, glühen, leiden, von Wonnen sich durchtoben zu
lassen und von stürmenden Gewalten gebogen und zerbrochen zu werden. Ach,
ob Lust, ob Schmerzen, war einerlei; es war beides Wonne, Schönheit, Glühen
und wahrhaftestes Leben.
Ich hätte gerne die bösen Nächte noch einmal auf mich genommen und mein
Herz verwühlen lassen; besser, tausendmal besser, als nebendraußen zu
stehen, glanzlos, glücklos, schmerzlos, nicht mittun zu dürfen und von
seiner eigenen, dumpf darnach drängenden Sehnsucht verwürgt zu werden.
Die Liebe um Herrn Bürger hatte alles in mir aufgerissen, was Gutes,
Großes, Glühendes je in mir gewesen war. In den warmen, schlaflosen Nächten
überfiel mich wieder das drängende, bittere Weh meiner ersten Jugendtage;
ich dachte an den Namenlos, an jenen Sommermorgen bei der Buche; der
quellende Strom meiner Liebe war wieder wach, und ein schluchzender Jammer
schüttelte mich, daß er von niemand begehrt war und ohne Ziel und Erlösung
sich in schweigende Tiefen und Einsamkeiten verlor.
Wenn ich hätte in jener Zeit sterben müssen, hätte ich verlangend zu Gott
geschrieen, er möge mich doch noch länger auf der Welt lassen; mein Leben
könne doch gewiß noch nicht fertig sein; es habe ja noch nicht angefangen;
alles bisher sei jämmerlich und nichtig und nicht zu leben wert gewesen;
nun müsse es erst kommen.
Der weise, lächelnde Gott aber ließ mich nicht sterben; er gab mir, was ich
gewollt; eine große, erfüllte Liebe und ein Schicksal dazu.
Auf dem Gottlosen Zinken war in jenem Jahre wie in den vorigen ein Enkel
Frau Finkenlohrs zum Besuch über die Sommerferien, und da im selben
Spätsommer fast keine Kurgäste da waren, lebte er näher und vertrauter mit
der Großmutter und uns als sonst. Seine Eltern waren frühe gestorben, und
er besuchte in der Stadt, wo Margret wohnte, das Gymnasium. Er mochte nun
etwa siebzehn Jahre alt sein, ein magerer, kränklicher Mensch mit einem
Gesicht von einer erstaunlich zarten und hellen Farbe, darein ihm, sobald
ihn etwas bewegte, unbezwingliche, dunkle, rote Wellen liefen. Er trug
ein liebenswürdiges, kindliches Wesen zur Schau, schien auch den Humor der
Großmutter geerbt zu haben, denn er war zumeist frech und lustig wie ein
junger Spatz; im übrigen spielte er die mehr komische als ehrenvolle, etwas
langweilige Rolle des Stadtjungen unter Bauernknechten. Doch ließ er sich
von jenen, in deren Rohrstiefeln er ersoffen wäre, nie ganz unterkriegen;
hatten sie ob seiner Dürftigkeit und seines zarten Häutleins ihren Spott
mit ihm, so parierte er mit Witz und einer behenden Spitzbüberei, davor die
ungeschlachten Kerle das Maul halten konnten.
Ich kam nicht näher mit dem jungen Menschen zusammen als die andern auch;
wir liefen in vergnügter Gleichgültigkeit aneinander vorbei. Doch geschah
es, wenn ich, als wir mitten in der heißen Sommerarbeit waren, in irgend
einer Wiese das blonde Müßiggängerlein im Grase liegen sah, ein Buch in
der Hand oder in den Himmel schauend, daß der Anblick seiner lässigen und
zierlichen Glieder, der guten und unbestäubten Kleider, des Buches oder
seines feinen, hellen Gesichtes in meiner eben noch vergnügten Seele eine
leise, dunkle und sehnsüchtige Wirrnis erregte, daß mir der junge Blasse
mehr denn irgend ein anderer als Teilhaber und Sendbote jenes höheren,
geistigen Reiches erschien, nach dem in manchen Stunden meine heimliche
Begierde ging. Und so oft ich ihn dann sah, wurde ich von einer
wunderlichen Traurigkeit erfüllt, die mir das gegenwärtige und greifbare
Schöne trübte und schal und wertlos erscheinen ließ und von einem Neid und
eigentümlichen Wünschen gepackt, das nicht etwa seiner Faulenzerei
oder seinem Herrensöhnchentum galt, noch weniger gar mit weiblichen und
schwärmenden Gefühlen die eigene Person des Schmächtigen umfing, sondern
lediglich nach jener Atmosphäre ging, daher die klugen, feinen Gesichter,
die schmalen und ungebräunten Hände und die schönen Bücherrücken kamen.
In jenem Sommer nun, zu dessen Anfang die Geschichte mit Herrn Bürger
gespielt hatte, war der junge Mensch absonderlich lustig und toll, so als
wolle er schnelle, ehe er vollends erwachsen und ein Herr sei, nach alles
Bubige und Rüpelhafte auf einmal heraus lassen. Dazumal verübte er auch
jenen Streich, von dem man sich heute noch auf dem Zinken erzählt.
Es gab nämlich eine Verfügung Frau Finkenlohrs, daß sich alle Samstagabende
das Gesinde, hübsch gesondert, erst die Knechte, dann die Mägde, in der
großen Küche zusammen fand, um sich hier bei sicher verriegelten Türen in
einer behaglichen Wärme den Staub und Schweiß der Woche von Gesicht und
Leibe zu waschen, wozu es Kübel und Geltlein genug, dazu Kessel voll heißen
Wassers, reichlich Seife und prächtige, große Trockentücher gab. Auch
konnte man sich an einem aufgespannten Garbenseil ein Vorhänglein von
Rupfentüchern und dahinter mittelst eines runden Zubers ein vornehmes und
äußerst heimliches Badstüblein errichten. -- Denn die weise Frau fand, daß
die Sauberhaltung und Hautpflege ihrer Untergebenen auf diese Weise, zumal
im Winter, bei weitem angenehmer, unterhaltsamer und vor allen Dingen
beträchtlich gründlicher geschehe, als wenn dies jedes für sich auf seiner
kalten Kammer besorge, wo es dann dementsprechend schnell und obenhin ginge
und zu wesentlichen Teilen ganz unterlassen würde.
Nun war die Wäscherei jedesmal ungemein ergötzlich und beinahe so schön wie
der Tanz am Sonntag. Draußen trieben die Knechte Narreteien und Spässe um
die verriegelten Türen, und daß sie gern herein geguckt hätten, machte
uns noch vergnügter. Man verführte ein großes Geplätscher und Rumoren in
Waschschüsseln und Fußkübeln, spritzte sich und nähte einander die Strümpfe
oben und die Hemden unten zu, wie derlei Sachen eben so im Brauch waren
und einen zum Lachen brachten. Zum Schlusse wusch man sich gegenseitig die
Haare und hockte dann zum Trocknen in unbegrenzter Behaglichkeit in
der Dämmerung um den Herd herum, erzählte einander Gespenster- oder
Liebesgeschichten, und es war schauerlich schön.
In diese Idylle brach nun eines Samstagabends der junge Gottfried
Finkenlohr ein wie der selige Wolf unter die sieben jungen Geißlein, indem
er sich an einem Seil durch den alten Rauchfang unbemerkt herunter ließ,
uns eine Minute mit schallendem Gelächter betrachtete und dann flink und
leicht wieder empor schwebte. Die Aufregung war rasend. Die alte Kätter,
wähnend, es sei der Teufel, riegelte in gräßlichem Entsetzen die Tür auf
und floh im Hemde durch das Haus; die kleine Gäns-Amei warf ihren Badzuber
um, vor der nahenden Flut sprangen die andern auf den Tisch; in der nun
geöffneten Tür standen brüllend vor Lachen die Knechte, und lange, nachdem
der junge Uebeltäter verschwunden war, war das Haus noch von Lärm und
Schrecken und Gejohle erfüllt.
Dieses hatte zur Folge, daß der junge Mensch am Sonntag morgen in seiner
Großmutter Stube moralisch bearbeitet ward, bis er mürb war wie eine
russische Bretzel, sodann, daß der alte Rauchfang in den folgenden Tagen
zugemauert wurde und daß wir Mägde, dieweil wir uns an der Ehre gezwickt
sahen, die Knechte mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln bearbeiteten,
daß sie den Sünder ein wenig verhauen sollten. Nun, als er am Sonntag abend
schon im halben Dämmer vom Haus herkam, um, wie er es immer tat, den Abend
mit uns auf dem Hof zu sitzen, fielen sie unversehens über ihn her, und
es sah gefährlich aus. Einen Augenblick schien es, als wolle er sich
verzweifelt zur Wehr setzen, dann stieß er einen kurzen, komischen und
betrübten Schrei aus, ließ sich blitzschnell auf den Boden fallen und
blieb da steif wie ein Stock liegen. Die Kerle, die sich maßlos über seinen
Streich gefreut hatten und ihm keineswegs ernstlich übel wollten, gingen
sofort auf seinen Witz ein und ließen von ihm ab.
»Ihr seht,« wandte sich der Roßknecht erklärend an uns, »er ist schon hin;
da ist nichts mehr zu verhauen!«
Der Knecht hob des jungen Menschen Arm ein wenig in die Höhe: steif und
leblos fiel er wieder herunter.
»O Gott, ja,« sagte ein anderer bedauernd, »ganz verreckt, -- wahrhaftig!«
Ein Dritter schnüffelte an ihm herum. »Er stinkt schon,« sagte er, »wir
wollen ihn begraben.«
»Wo?«
»Auf dem Mist!«
So legten sie ihn auf ein Brett, trugen ihn hinten in den Garten, wo ein
Unkrauthaufen lag und ließen ihn langsam und feierlich drauf nieder. Dazu
sangen sie in tiefen, düsteren Bässen:
»Stiefel muß sterben,
ist noch so jung, so jung,
Stiefel muß sterben,
ist noch so jung.
Wenn dös der Absatz wüßt,
daß 's Stiefele sterben müßt -- --«
und schneuzten sich kummervoll. Der Roßknecht hielt die Leichenpredigt,
wir andern standen im Kreis herum und zum Schlusse spuckte man statt
Kranzspenden dreimal über das Grab.
-- Da wir nun alle der guten und gewissen Ueberzeugung waren, daß
das Herrlein den Ueberfall nicht etwa aus irgend welchen dunklen und
gefährlichen Trieben heraus vollbracht hatte, sondern allein aus
reinem, bubenhaftem Vergnügen an einem dummen Streich, -- da auch jener
Sonntagabend ganz ungeheuer fidel war und wir alle wie besessen vor
Lustigkeit und Uebermut, so wurde ihm einmütig verziehen, er konnte
kecklich auferstehen und sich wieder zeigen und wurde nun erst recht als
Held und Kühner gefeiert.
Als ich am andern Tag im Hof am Brunnen Rüben putzte, stand plötzlich der
junge Finkenlohr vor mir, ein wenig rot, ein wenig verlegen und ein wenig
spitzbübisch.
»Ich muß Ihnen etwas sagen, Fräulein. Aber wenn Sie mich ansehen, bring
ich's nicht heraus!«
»Dann will ich mich umdrehen und weggucken,« sagte ich lachend und
neugierig.
»Ich -- ich möchte Sie um Verzeihung bitten für -- für das am Samstag
abend. Wenn ich gewußt hätte, daß Sie dabei wären, hätte ich es nicht
getan. Es ist mir leid.«
Ich drehte mich um und mußte immer mehr lachen. »Ach, das ist ja
schrecklich. Hat Sie Ihre Großmutter geschickt?«
»Nein. Das tue ich von mir selber aus. Sind Sie mir nicht böse?«
»Ach, nein, es war doch so lustig. Und man muß einen Spaß verstehen
können.«
»Nicht wahr?« sagte er strahlend. »Ach, die Bestattung gestern war schön.
Die Kerle haben das wundervoll gemacht!«
Von da an sprachen wir manchmal miteinander; und dann kam er eines Tags
über den Hof gelaufen, aufgeregt, und die dunklen Flämmlein waren in sein
Gesicht gestiegen. Er hielt ein Papier in der Hand, und dieweil ich den
Hennen mistete, stand er vor mir, sprach atemlos auf mich ein und sah mich
aus den guten und ehrlichen Bubenaugen glänzend an. Ich war verdutzt und
erschrocken und begriff nicht, was er meinte.
»Ach, Fräulein Agnes, Sie müssen es mir nicht übel nehmen, wenn ich nun
dahinter gekommen bin; ich kann nichts dafür. Ich mußte für die Großmutter
in der Schatulle etwas suchen, und da kam mir's in die Hände, und ich weiß
nun, daß es von Ihnen ist. O, ich muß es immer wieder lesen, es ist schön
und wie von einem großen Dichter, und Sie sind geizig, wenn Sie so etwas
für sich behalten, wissen Sie!«
Nun wußte ich freilich, was er meine: er hatte das Gedicht in der Hand, das
mir an jenem Morgen eingefallen war. Das wurde nun auf einmal gefährlich
lebendig; ich war voller Scham und hätte es gern wieder zurück gehabt.
»Ich meine,« sagte ich verlegen und nahm den Reisigbesen wieder in die
Hand, »Sie sollten ein wenig da weggehen; Sie werden sonst dreckig.«
Er sah mich groß und betrübt an. »Sie tun ganz recht dran, wenn Sie mich
verspotten! Da lauf ich an Ihnen vorbei, als ob Sie die Gäns-Amei wären,
und Sie müssen auf dem Acker stehen und Rüben heraustun und Mist führen
und haben so etwas Wunderbares in sich drin. O, ich schäme mich so! und ich
meine, es müßte der Großmutter und allen auch so gehen, weil keiner gewußt
hat, was für ein großer Mensch Sie sind. -- Machen Sie denn oft so etwas?
O, Sie müssen Mörike lieb haben, nicht wahr, wenn Sie so dichten?«
Ich gestand beklommen, daß ich weder von Mörike noch andern Dichtern viel
wisse; doch glitt er allsogleich zart und schnell über das hinweg, was mich
beschämte, und strahlte mich in heller Freude an. »O, ich habe ein ganzes
Kistlein voll Bücher da. Homer und Hölderlin und ein paar Bände Goethe und
viel Moderne. Sie können alle, alle haben. Kommen Sie doch heute Abend
in meine Stube; ach ja, Sie müssen kommen. Es ist auch eine
Literaturgeschichte da. O Fräulein, ich möchte so gern Ihr Freund sein.«
Ich kann mich jenes Abends noch mit seltsamer Deutlichkeit erinnern. Da der
junge Mensch nicht abließ, mit Bitten und Drängen zu betreiben, daß ich auf
den Feierabend in seine Stube käme, so versprach ich's endlich zögernd und
widerwillig. Ich drückte mich den ganzen Nachmittag unmutig herum, besann
mich noch im letzten Augenblick auf eine Ausrede und ging endlich doch
zur verabredeten Zeit zu ihm hinüber. Dann saß ich steif und feierlich auf
einem Stuhle, schämte mich in meinen Kleidern, die nach Dung und Kuhstall
rochen, elend vor dem noblen, jungen Herrn, dazu hatte ich ein Hühnerauge,
das mich übel plagte, und hielt mühselig die schläfrigen Augen offen; es
war alles unbehaglich und beschämend und lächerlich, und das Unbehaglichste
und Widersinnigste war, daß ich dachte, ich müsse nun inmitten dieser
komischen Situation von meinen Empfindungen und geheimen, innerlichen
Angelegenheiten reden, was mir überaus abgeschmackt und widerwärtig
erschien.
Doch war der junge Mann in denkbar bester Laune und einer freudigen
Erregung, nahm von seinen aufgestapelten Büchern eins und fing an, mir
daraus vorzulesen. Es waren Gedichte; und indem der feine Junge so am
Fenster stand in einer schönen, abendlichen Helle und ihm die blonden
Haare leicht und lässig und kindhaft in sein weiß und rotes Gesicht fielen,
überkam mich die Begier und dunkle Sehnsucht, in jenem andern, höheren
Reiche zu leben, das unsichtbar und köstlich und edel alle diese Leute
zusammen hielt, so stark und mächtig, daß jäh alle Schläfrigkeit und alle
Pein und Komik von mir abfielen, und ich mit dürstender Gespanntheit und
Begierde Sinn und Worte und Schönheit dieser Stunde in mich aufnahm. Mein
Geheimstes und Innerlichstes, das eben noch voller Scham zurückgedrängt
war und vieles davon mir selber noch kaum bewußt, lag nun frei und offen
zutage, der Dichter sprach in seinen Versen so groß und glühend und
hinreißend von solchen Dingen, daß es mir Wonne erschien, mein eigen Teil
daran zu haben, und daß ich nun ohne Scheu dachte, daß man in einem guten
Ernste auch davon reden könne. Und als ich den jungen Menschen in seiner
ganzen liebenden, jugendlichen Inbrunst diese Verse sagen hörte, war
mir jene Welt, die mir bisher tot und unzugänglich und fern gewesen war,
urplötzlich nahe gerückt, goldene Tore und ungeheure, schimmernde Reiche
waren vor mir aufgetan, und ich gab mich voll tiefen Beglücktseins hin, sie
zu erfassen.
Als es dunkel wurde, legte der junge Mensch das Buch weg, und wir waren
eine Weile still. Dann fing er an, in die dämmerige Stube hinein zu
sprechen.
»Ach Fräulein, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie darum beneide, daß Sie
dichten können! Es ist gewiß nicht wegen dem Ruhm oder weil Sie vielleicht
später Geld damit verdienen können; bloß deshalb, weil Sie das Alles so in
sich verschaffen können, und die Macht haben, es mit einem Lied oder Vers
wieder von sich zu tun. Sie haben es unverschämt gut, wissen Sie, daß Sie
Ihre Leidenschaften und Ueberschwänge so ableiten können, wenn sie Ihnen zu
viel werden. Wenn Sie mir bloß ein bißchen davon geben könnten! Sehen Sie,
das ist bei mir sicher eine Krankheit und nicht in Ordnung so; ich kann
alles Große und Schöne nur in ganz mäßigen Grenzen ertragen; wenn es
darüber hinaus geht, bin ich einfach am Ersticken und am Verrücktwerden!«
Er lief zum Fenster hinüber. »Da ist nun bloß ein Himmel in der Nacht und
ein dunkles Feld darunter; und das ist überall so und schon millionenmal
so gewesen, und alle andern Leute sehen's auch, und die wenigsten sagen
was drüber. Mich aber kann schon dieses, weil es so schwermütig ist und so
still und so unsäglich schön, vor Wonne zum Stöhnen und Rasen bringen. Und
ich stehe stumm dabei und kann es in kein noch so armseliges Reimlein und
Tönlein bringen, und es erdrückt mich doch fast! Wenn nun einmal irgend
etwas Großes und Gewaltiges über mich kommt, -- o, ich weiß nicht, was dann
draus wird!«
»Goethe sagt das auch manchmal,« fuhr er traurig fort; »es ist im Werther;
hier, hören Sie.« Er nahm ein Buch, holte eine Kerze her und zündete sie
an. -- »Die menschliche Natur hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid und
Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald
der überstiegen ist. -- -- Und hier, ein paar Seiten vorher, als er von
jenem Frühlingsmorgen schreibt: -- ich gehe darüber zugrunde, ich erliege
unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.« --
»Ach, wie ein Anderer sich vor Schwermut und Kummer das Leben nimmt,« sagte
Gottfried, »so könnte ich's vor Lust und Ergriffenheit tun; wie selbiger
seine Trauer einfach nimmer ertragen kann, so geht mir's mit der Schönheit;
ich empfinde sie in manchen Augenblicken so übermäßig stark, daß meine
Nerven dann völlig versagen!«
»Aber können Sie denn nicht doch etwas tun, um das in sich zu verschaffen?«
meinte ich; »etwa Klavier spielen oder singen oder zeichnen, oder
schließlich tanzen -- --?«
»Das geht alles nicht; ich bin talentlos wie ein Sägbock. Und mit der Musik
steh' ich überhaupt verschroben. Ich habe keine Ahnung von Gehör; Musik ist
mir meistens bloß ein Geräusch, dem ich nichts abgewinnen kann. Als Kind
habe ich geheult, wenn jemand sang oder Klavier spielte; dann kam eine
Zeit, wo ich mir wirklich Mühe gab, etwas Schönes an der Musik heraus zu
finden, und wenn jemand Klavier spielte, strich ich drum herum wie um ein
verschlossenes Gartentürlein. Aber ich lief meistens betrübt wieder davon,
denn es war so wie vorher auch. Und ich konnte ungeheuer wütend werden,
daß es etwas gibt, wo jeder sich umsonst Genuß und Schönheit und Erquickung
holen kann, und ich allein kapiere es nicht und habe nichts davon! -- --
Jetzt bin ich manchmal froh dran, daß es so ist; wenn ich auch noch Musik
empfände, könnt ich vollends ganz umschmeißen. Sehen Sie, ich gehe so
leidenschaftlich gern ins Theater, wenn nun ein wirklich großes, schönes
Stück gegeben wird, habe ich immer Angst, ich müßte etwa einmal stöhnen
oder heulen, oder ich könne nicht bis zum Schlusse still sitzen, oder es
sonstwie nicht ertragen; da ist es mir immer recht, es ist ein bißchen
Musik dabei, oder es ist eine Oper; das Geschätter und Getöne hält mich
dann so angenehm nüchtern und kühlt mich ab. -- Gelt, Sie sind entsetzt --;
es ist aber leider wahr.
Aber darin haben Sie recht: es wäre vielleicht alles gut bei mir und in
Ordnung, wenn ich musikalisch wäre und irgend ein Instrument spielen würde.
Mein halbes Leben gäb ich drum, wenn ich geigen könnte!«
Er schwieg und sah bekümmert in die Flamme seiner Kerze.
»Ich glaube,« sagte ich nach einer Weile, »ich habe schon ehe Sie mir das
gesagt haben, gewußt, daß so irgend etwas Besonderes mit Ihnen los ist.«
Und ich erzählte ihm, wie er mich diesen Sommer schon manchmal aus dem
Gleichgewicht gebracht habe, und wie er gerade es gewesen sei, der mir
immer jenes Reich der Feinen und Gebildeten verkörpert habe, nachdem es
mich so sehnsüchtig zöge.
»Ach, Fräulein,« rief er nun wieder hell und lebhaft, »ich glaube, da sind
Sie auf einer falschen Spur. Sie müssen doch nicht an mir hinauf sehen,
weil ich Bücher habe und Zeit, sie zu lesen, und weil ich einen sauberen
Kittel besitze und im Gras liege, wenn Sie arbeiten; das ist doch nicht so
etwas extra Schönes oder Erstrebenswertes, und Sie können jederzeit auch
dazu gelangen, sobald Sie nur wollen und schließlich Zeit und Geld
dazu haben. Ich verstehe Sie schon, wenn Sie von einem geistigen und
unsichtbaren Reich sagen; aber spüren Sie denn nicht, daß Sie da schon lang
selber drin sind? Ach, Fräulein Agnes, wenn man solche wunderbaren Sachen
macht wie Sie!
Aber es gibt etwas, das mir eigen ist und vielleicht haben Sie das
herausgemerkt; es ist das Einzige, warum Sie mich vielleicht ein bißchen
liebhaben und verstehen müssen. Ich wüßte sonst nichts, das mich Ihnen
näherbringen könnte, und ich möchte doch so schrecklich gern, daß ich ein
bißchen Ihr Freund sein darf.
Sehen Sie, ich habe mich schon darüber besonnen und kann es Ihnen doch
nicht so recht sagen. Es ist vielleicht das: daß ich oft bei Nacht
plötzlich aufstehen muß und ans Fenster laufen und eine Weile in die
Nacht hinaussehen, oder daß ich einen Baum oder eine Blume oder ein Bild
liebhaben muß wie einen Menschen und stundenlang bei ihm sein und es küssen
und mit ihm sprechen und lauter solche Sachen, die doch ein anständiger und
geistig normaler Mensch eigentlich nicht tut. Und zum Beispiel, daß es bei
mir gar nicht auf irgend etwas Aeußerliches ankommt, wie es mir zu Mute
ist und in welcher Laune ich bin; denn wenn das wüsteste Wetter ist und ich
dazu hin Hunger oder einen Schnupfen habe oder mir jemand gestorben ist,
kann es mir trotzdem unbegrenzt fröhlich zu Mut sein, und dagegen bin ich
oft traurig, wenn alles stimmt und es mir gut geht. Oder daß ich mich so
wahnsinnig drüber ärgern kann, wenn einer, der bloß ißt und trinkt und
schläft oder nach Geld oder einer guten Stelle strebt, glücklich ist und
sich noch damit rühmt, daß es ihm so gut geht; und dabei ist er eine ganz
gemeine Kreatur und das, was er tut, gar nicht gelebt. Oder daß ich einem
schönen Menschen nachlaufen muß oder ihn immerfort ansehen, auch wenn es
sich gar nicht gehört. Und wenn mich etwas freut oder wenn ich es schön
finde und dafür begeistert bin, geht es manchmal mit mir durch, und ich muß
heulen oder stöhnen oder davon laufen und kann mich nicht mehr bezwingen.«
Er atmete tief auf und sah mich erregt und begierig an.
»Und nun müssen Sie sagen, ob Sie das nicht auch so haben, und ob wir nicht
ein wenig zusammen gehören, gerade, weil wir beide so -- so sind?« -- --
Ich nickte ihm zu und mußte lächeln. »Ein bißchen schon, wenn Sie das
tröstet, Herr Finkenlohr, aber ich weiß nicht einmal, ob mir das recht sein
soll. Ich habe auch nicht so viel Zeit dazu und bin dazuhin älter als Sie
und muß nun anfangen, vernünftig zu werden. Es ist für ein armes Mädchen
wie mich, das schaffen muß und sich durchbringen, nicht sehr rentabel, so
zu sein.«
Und ich erzählte ihm Urschels Urteil über solche moderne Menschen, von
denen sie sagte: -- weißt du, das sind gewiß sehr interessante Leute, und
man kann recht schöne Bücher von ihnen schreiben; aber im Grund sind es
eigentlich doch traurige und erbarmungswürdige Tröpfe, leisten nichts
und bringen die Welt um keinen Pfifferling vorwärts; wenn sie ordentlich
schaffen müßten, wären sie bald gründlich kuriert. --
»Ich bin dann immer beschämt in mich gegangen. -- Aber nun muß ich doch
lachen, wie ich Ihnen das erzähle und tue, als ob ich Ihre Großmutter wär.
Und ich bin doch im gleichen Spital krank!«
»Ach, da hat Ihre Freundin aber nicht recht gehabt,« rief er; »mein Gott,
ja, wenn man sich Mühe gibt, kann man sich vieles abgewöhnen, und wenn ich
arbeiten muß wie ein Zugochs, werde ich auch nicht mehr viel andere Gelüste
haben als Hunger und Schlaf. Aber dann wär ich glücklich auf jenem Bäcken-
und Flaschnersstandpunkt angekommen und müßte mich selber anspucken vor
Verachtung. Wenn einer ein Dichter ist oder Musiker oder sonst irgend etwas
Positives dabei leistet, dann lassen die Leute seine Art und seine Launen
und seine Empfindsamkeit schon gelten; sie sind nur nicht zufrieden, wenn
nichts dabei herauskommt.«
»Wer weiß,« fiel ich ein, »vielleicht werden Sie doch noch einmal ein
Dichter. Wenn Sie doch das Spintisieren und Sonderbarsein dazu schon in
sich haben.«
Nun sah er mich belustigt an. »Wissen Sie, ich hoffe immer, Sie verraten
mir das Rezept dazu. Ich habe so eine blasse Vorstellung, daß man sich dazu
auf sein Sofa setzt und das, worüber man dichten will, als Aufsätzlein oder
in Stichwörtern sauber auf ein Papier schreibt:
Rose
Mädchen
duften
Abendsonne
wunderbar
und nachher probiert man dann, wie sich's reimt. Nicht wahr?«
Nun mußten wir beide lachen und kamen darüber in ein kurzweiliges und reges
Gespräch, daraus uns unvermutet und erschreckend der erste Hahnenschrei
riß.
»Um Gotteswillen, Herr Finkenlohr, es ist schon bald Morgen, und um halb
sechs muß ich wieder im Stall sein!«
»Ach, lassen Sie sich's nicht gereuen! Schlafen können wir, wenn wir alt
sind und klapperig und keine Zähne mehr haben. Ich freue mich doch so, daß
Sie da sind. Und morgen kommen Sie wieder, gelt?«
Er stand so vor mir, seinen blinzelnden Kerzenstumpf in der Hand, und sah
mich mit einem prächtigen Lachen an, daß es mir warm und glückhaft durch
den Leib rann und ich ihm lächelnd meine Zusage nickte.
Indem wir uns dann gute Nacht und guten Morgen sagten, bat ich ihn, er möge
mir noch geschwind zum Abschied die letzten jener Verse lesen, die mir am
Abend so gefallen hätten. Dann stand ich an der Tür und hörte zu; und als
er zum Schlusse kam, ging ich still hinaus und ließ einen Spalt offen,
daß mich Vers und Kerzenscheinlein noch ein Stück die dunkle Stiege hinauf
geleiteten. In meiner Kammer aber ließ mich ein seltsam gehobenes und
absonderliches Gefühl, das ich noch nie gekannt hatte und mir nicht zu
erklären wußte, noch eine Weile nicht zur Ruhe kommen; es packte mich
so, daß ich in sanfter Verwirrung meinen alten Kleiderkasten küßte und
streichelte, meinen Kopf am Fensterrahmen rieb und die Katze, die, durch
meinen nächtlichen Gang aufgestöbert, sich schnurrend vor der Tür herum
trieb, zu mir herein nahm und zärtlich aufs Fußende meiner Bettstatt legte,
bis ich durch dergleichen närrischen und gefühlvollen Hokuspokus endlich
doch im Bette landete, wo ich mir mit andächtiger Freude die eben
verklungenen Verse wiederholte, soweit ich sie noch im Gedächtnis
behalten hatte. Ich bekam sie aber doch nicht ganz zusammen, besann mich
fürchterlich darauf, reimte und reimte und brachte einen unendlichen Unsinn
zuwege, worüber ich am Ende in vergnügter Beschämtheit einschlief.
Wir waren nun im September und die strengste Feldarbeit vorüber; dies kam
mir mächtig zugute, denn nach einem vierzehnstündigen Erntetag wäre ich
abends auch über dem Faust -- eingeschlafen. So aber begann mich nun der
junge Mensch in ein schwärmerisches nächtiges Leben hineinzuziehen. Es ging
eine herrliche Zeit an, und jeder Tag war ein Fest.
Des Morgens lief ich mit zwei großen Körben in die weiten Baumwiesen
hinüber, um das Obst aufzulesen, das in der Nacht gefallen war; und
das köstliche Schauspiel des frühen Nebels, der zu Anfang noch mit
zauberischem, blauem Duft die Ferne verhing und vor dem klaren und
kräftigen Glanz der heraufsteigenden Sonne in leise Dünste verrann,
erfüllte mich mit andächtiger Wonne, darein der Jubel meines bewegten
Herzens samt allen Versen, Geschichten und heiteren Gedanken des
vergangenen Abends und den schönen Träumen der Nacht frohbeschwingt
mit einstimmte. Ueber Mittag gab es in Haus und Küche drängend viel zu
schaffen, und ich war, wenn auch nicht müde, so doch weniger lebhaft
dabei als die Wochen zuvor, denn stetig ging mir stille und in innerer
Abgekehrtheit die neu aufgeblühte Lust weiter. Kam es aber gegen Abend, so
wurde ich von einer hellen und mächtig feierlichen Stimmung erfaßt; kaum
war nach der Abendsuppe der Löffel gewischt, verschwand ich auf meine
Kammer, um dort eine Reihe von Handlungen zu verrichten, die mir unendlich
wichtig und durchaus notwendig zu den bevorstehenden wunderbaren Stunden
schienen, und die ich so weihevoll als möglich ausführte. Ich holte mir
eine große Schüssel voll frischen Wassers und wusch mich darin vom Kopf bis
zu den Füßen, daß mich die Haut brannte vor Sauberkeit, bürstete die
Haare frisch und flocht meine Zöpfe aufs sorgfältigste, auch zog ich meine
schönsten Schuhe und ein helles, gutes Kleidlein an und das alles mit einer
Weihe, als ob's zu einer heiligen Handlung ginge, und jeden Schuhbändel
knüpfte ich mit Feierlichkeit und jeder Bürstenstrich war freudevolle
Andacht. War ich dann fertig und ging die dämmerige Stiege hinunter zu
Gottfrieds Stube, so konnte ich nie vor seiner Tür stehen, ohne daß mein
Herz leise und verwirrend zu klopfen anfing. Wenn ich hineinkam, stand er
immer am Fenster wie an jenem ersten Abend, daß aus aller Dämmerung heraus
sein liebes Gesicht sich leuchtend abhob und voll eines warmen, roten
Abendscheins war, in sanftem Gewoge ging der Wind in den Vorhängen um ihn
her, und seine Stimme tönte mir herzlich und voller Freude entgegen.
Das erste Buch, das wir zusammen lasen, war die Ilias. Kam es mir auch zu
Anfang unwirklich und komisch vor, daß jene Leute, ehe sie sich die Speere
an die Rippen schmissen, zuvor lange und schöne Reden aneinander hin
hielten, so war mir doch von Urschel her eine starke Liebe für solche
Bücher geblieben, und da mir Gottfried mit einer fast heiligen Begeisterung
die Gesänge vorlas, dauerte es nicht lange, bis die Schönheit jener Verse
und Bilder mein empfängliches Gemüt erfaßt hatte.
Gottfried hatte einen schönen Plan gemacht, wie er meiner literarischen
Einfalt und Unschuld am ehesten beikommen könne und gedachte so an Hand
seiner Literaturgeschichte mir erst Homer und die Aeltesten beizubringen
und dann über die deutschen Klassiker auf die Modernen zu kommen; doch
waren wir auf dieser Leiter noch keine halbe Stufe weit gestiegen, als
er eines Abends, da zufällig das Gespräch drauf kam, fast erschrocken
ausbrach: »Ach Gott, Sie kennen ja den Gösta Berling noch nicht!« Und
wir lasen ihn noch in derselben Nacht und taten von nun an alle Pläne
und Systeme beiseite, überschlugen, was uns langweilig schien, lasen
Bruchstücke, durcheinander, von der Mitte an, von hinten herein und wie es
uns Willkür und Stimmung gab. Ach, und wir genossen, schwärmten, glühten
und waren begeistert.
Wenn ich heute an jene Zeit zurückdenke, so wird mir besonders eines mit
Dankbarkeit bewußt: daß ich nämlich auf diese Weise sehr wenig schlechte
und minderwertige Bücher gelesen habe und nicht wie die meisten der Leute,
die ich inzwischen kennen lernte, durch einen Wust von Backfisch- und
Modeliteratur erst zum Echten und Schönen durchgedrungen bin. Und daß
ich, weil ich von Natur, Sonne, Erde und Mistgabel her unvermittelt in
die göttlichen Gefilde Homers und Goethes versetzt wurde, mein Lebtag lang
einen guten und sauberen Geschmack behalten habe. Vielleicht ist gerade
daraus bei mir jenes besondere Verhältnis zur Literatur geboren, das ich
vor den meisten andern Leuten eigen habe und von dem ich später noch reden
will.
-- An einem Sonntagabend hockten wir bei den andern im Hof auf den Stämmen.
Es war schon spät und die warme Nacht voll einem weichen, zärtlichen
Gelächter, Gesumm und Heimlichtun. Wir saßen mitten darunter und nahe
beieinander und hörten so drauf hin.
»Finden Sie nicht,« sagte Gottfried auf einmal unvermittelt und leise,
»daß so eine über Goethe und Schiller gegründete Freundschaft, wie wir sie
haben, hierher paßt wie zu meiner Großmutter eine himmelblauseidene Bluse?
Hier oben hat man sein Mädchen zum in den Arm hineinnehmen und verküssen.
Hören Sie doch, wie die Kerle schmatzen; es ist der reine Hohn für uns. Wir
schänden den ganzen Zinken mit unserem platonischen Geflöte!«
»Sie gehören verhauen!« sagte ich entrüstet. »Wollen Sie auf der Stelle
still sein mit solchen Sachen!«
Er lachte, wurde aber darauf wieder ernst. »Ja, ja, ich werde gleich
aufhören. Aber eines muß ich Sie noch fragen, wenn wir schon dran sind. Und
Sie müssen mir Antwort drauf geben.«
Er beugte sich dicht zu mir herab und fragte ganz leise: »Haben Sie einen
Schatz, Fräulein Agnes?«
»Nein,« sagte ich ohne jedes Besinnen, doch war es mir sofort heftig leid,
und es wurde mir irgendwie dunkel bewußt, daß ich hätte vorsichtiger sein
müssen und das nicht so gerade heraus hätte sagen dürfen; indem ich aber
noch verwirrt und überrumpelt nach Worten suchte, begann um uns herum ein
allgemeines Auseinandergehen und Aufbrechen. Auch Gottfried stand auf und
bot mir in seiner gewohnten Vergnügtheit gute Nacht; es blieb mir nichts
anderes übrig, als auch auf meine Kammer zu gehen.
Gottfrieds Worte hatten mir einen unangenehmen und beschämenden Eindruck
hinterlassen; ich gab mir die größte Mühe, ihnen nicht mehr weiter
nachzudenken und sie so schnell als möglich zu vergessen; und dies gelang
mir auch.
In dieser Woche ging ich an einem Abend zur gewohnten Zeit in Gottfrieds
Stube hinunter. Er stand nicht wie sonst am Fenster, sondern saß am Tisch,
hatte den Kopf in die Arme gestützt und sah mir mit einem sonderbaren Blick
entgegen.
»Nun, was ist Ihnen für eine Laus übers Leberlein gelaufen?« fragte ich ihn
und lachte.
»Ach, ich habe einen blödsinnigen Nachmittag gehabt,« fing er an. »Bitte,
setzen Sie sich doch! -- Wissen Sie, nach dem Essen stöberte ich in meinem
Schrank, da kamen mir ein paar Schokoladetafeln, die ich mir hierher
mitgebracht hatte, in die Hand. Und da kam mir mit einemmal der Gedanke:
wenn du alt bist, magst du vielleicht keine Schokolade mehr, und das war
mir derartig gräßlich, daß ich meinen ganzen Vorrat nacheinander aufaß.
Dann wurde mir sehr übel, und ich mußte schnell hinters Haus gehen. Und als
es mir wieder leichter war, sehe ich am Krautgarten zehn Schritte weg von
mir den Roßknecht stehen und die schwarze Marie im Arm haben; die hatten in
ihrem Eifer von meiner ganzen Sache nichts gehört. Und ich kann Ihnen schon
sagen, wie der so an ihr herumtappte und sie abschmatzte, da wurde mir noch
viel übler als von der Schokolade, und ich rannte wie besessen zwei Stunden
weit; und als ich mich zum Ausruhen ins Gras legte, war ich bis auf die
Gunterwiesen hinauf gekommen. Da droben war es sehr schön; ich nahm einen
Strauß Enzian mit, den wollte ich Ihnen bringen. Auf dem ganzen Heimweg
dachte ich immerfort an Sie, und es war mir sehr vergnügt und auch ein
wenig sonderbar dabei; ich weiß nicht, wie. Eh ich auf den Zinken kam,
schob ich die Enzianen in meine Hosentasche, damit sie niemand sähe und
schlich ganz unbemerkt in Ihre Stube und wollte die Blumen auf Ihren Tisch
legen. Und dann mußte ich mit einemmal denken, daß Sie eine Dichterin sind
und ein ganz wunderbarer und schöner und großer Mensch und ich bloß
ein Schulbube; und da wurde es mir wieder schlecht und wütend und alles
miteinander, und ich lief davon und warf die Blumen auf den Mist; dort,
Sie können sie gerade noch sehen. Ich habe sogar noch geheult, und zum
Nachtessen bin ich auch nicht gegangen!
Aber nun kommen Sie, wir wollen die Lampe anzünden und Mörike lesen und
nimmer davon sprechen, sonst ist auch noch der schöne Abend beim Teufel.«
So fing er an zu lesen, und es schien alles ganz gut und glatt weiter zu
gehen, bis vielleicht nach einer Viertelstunde seine Worte langsam und
immer sonderbarer wurden, und der große Mensch mit einemmal seinen Kopf
vornüber auf den Tisch in die Arme warf und schluchzte wie ein Kind.
»Bitte, gehen Sie -- -- ich kann wirklich nicht mehr -- -- verzeihen Sie,
Fräulein Agnes -- -- --«
In großer Bestürzung und Verlegenheit ging ich schnell hinaus und auf
meine Kammer. Unausgekleidet saß ich auf dem Rand meines Bettes, starrte
erschrocken in das Dunkel und hörte, wie mein Herz laut und heftig schlug.
Und indem die Dumpfheit und Verwirrung allmählich von mir wich und es
mir leise klar wurde, wie es dem guten Jungen zu Mute sei und daß er wohl
Aehnliches durchlebte wie ich damals um Frau Gunhild oder Herrn Bürger,
und indem mir vollends als etwas ganz Unerhörtes und Freches der Gedanke
aufstieg, daß dies um mich sei, befiel mich eine mächtige Scham, das Blut
stieg mir kochend heiß in die Backen, und ich begann so zu schwitzen, daß
mir große Tropfen auf der Stirn standen. Dazu spürte ich Mitleid mit dem
armen Kerl und ward traurig darüber, daß er mich weggeschickt hatte, und
zwischen alldem dämmerte mir endlich eine schwache Seligkeit herauf, die
ich nimmer unterdrücken konnte. Es litt mich plötzlich nicht mehr
auf meinem Bett, mir kaum bewußt, was ich tat, nahm ich meine
Streichholzschachtel und lief schnell und leise damit aus meiner Tür, zum
Haus hinaus und auf die Miste hinüber. Ich brauchte elf Zündhölzlein, bis
ich Gottfrieds Blumen gefunden hatte; mit klopfendem und glücklichem Herzen
brachte ich sie auf meine Stube und stellte sie ins Wasser. -- --
Was mich in den nächsten Tagen bewegte, war nun nicht gerade Seligkeit. Ich
war mit einer ständigen Unruhe erfüllt und ging Gottfried möglichst aus dem
Wege; sah er mich doch, so wurde ich rot und unendlich verlegen. Des Abends
hielt ich mich ängstlich auf meiner Stube und hing lauter dummen Gedanken
nach; daß die Angelegenheit, die mich bedrückte, vielleicht noch einmal
auf etwas Schönes und Erfreuliches hinauslaufen könne, daran wagte ich in
schreckhafter Abergläubigkeit nicht zu denken. Mein einziger Trost war ein
Band mit Goethes Erzählungen, den mir Gottfried einmal mit herauf gegeben
hatte und der zufällig noch auf meiner Stube war. Ich las oft darin, und es
tat mir wirklich wohl.
-- Da geschah es am vierten jener Tage, daß spät abends noch ein paar neue
Kurgäste auf dem Zinken ankamen. Dieweil Frau Finkenlohr sie in ihre Stuben
führte, richtete ich in der Küche unten noch ein Nachtessen. Ich machte
einen Salat, schnitt vom geräucherten Schinken auf und ging dann noch, ehe
ich das Rührei hintat, in den Garten, geschwind den Schnittlauch dazu zu
holen. Es regnete, als ich hinaus kam, und war eine tiefe, graue Dämmerung.
Nun ist am Hauseck, wo man in den Gemüsegarten geht, unter etlichem
Buschwerk ein kleines, steinernes Bänklein; und als ich daran vorbei
wollte, griff eine Hand nach der meinen; es saß da im Regen ein Mensch, und
als ich hinschaute, erkannte ich Gottfrieds Gesicht.
Ich erschrak, und es befiel mich eine jähe Schwäche; zitternd legte ich
mein Küchenmesser aus der Hand und setzte mich in einem leisen Schwindel
neben ihn auf das Bänklein. Der Regen lief in eiligem Geströme auf uns
nieder, und wir waren ganz stille.
Dann sagte Gottfried: »Ich habe immer -- immerfort an Sie gedacht, Fräulein
Agnes. Und ich -- wünsche mir etwas. Ich möchte einmal über Ihr Haar
streicheln dürfen.«
Ich blieb regungslos sitzen; doch liefen mir, ohne daß ich's hindern
konnte, die Tränen herunter.
Da fuhr er mir mit der rechten Hand einmal ganz scheu und schnell über den
Kopf, und dann legte er beide Arme um meinen Hals und drückte sein Gesicht
an meines, und beide waren naß vom Regen und von Tränen.
Währenddem hörte ich Frau Finkenlohr in der Küche. Ich stand schnell auf,
holte meinen Schnittlauch und kochte weiter, als ob nichts geschehen wäre;
und doch war plötzlich die ganze Welt verändert, schwankte und zitterte vor
meinen Augen und war wie erhellt von tausend seligen Feuern.
Es war seltsam: auch jetzt noch glaubte ich nicht daran, daß zwischen
mir und dem reichen, feinen Jungen eine Liebschaft werden könne. Doch war
gerade diesem zum Trotz seit dem Geschehnis auf dem Bänklein ein Wille
und Trieb in mir, beständig daran zu denken, -- von einer erfüllten und
glücklichen Liebe zu Gottfried zu träumen und diesen Traum mit der ganzen
Kraft meiner Phantasie auszumalen und zu nähren. Vielleicht war es, mir
selber kaum bewußt, gerade die Angst, aus diesem Traum doch bald aufwachen
zu müssen und die traurige Gewißheit, die am Ende doch dahinterstand,
daß ich meine beglückende Einbildung um so zäher festhielt und mich umso
stärker in sie einspann.
Es war ja auch wahrlich nicht schwer, zu dem guten und feinen Menschen eine
Liebe zu fassen, umso weniger unter den gegebenen Verhältnissen und bei
meiner Veranlagung. So ließ ich nun in meinem Innern alle Gluten brennen
und alle Ströme selig und ungehindert fließen; ich war so voll Gehobenheit
und Ruhe, daß ich sogar Gottfried, wenn wir uns begegneten, herzlich und
fast unbefangen grüßen und anblicken konnte. Wir sahen uns selten, zumeist
vor andern und sprachen nie miteinander; Gottfried stand wenige Tage vor
seiner Abreise.
Alles, was in meinem Leben war, kann ich beschreiben und kann versuchen, es
euch nahe zu bringen; von jenen Tagen aber kann ich nur stümperhaft, grob
und ungenügend reden; sie waren das Zarteste und Heiligste, das je in
meiner Seele war, und es gibt nicht die rechten Worte dafür. Ich glaube,
daß man das bloß einmal erlebt, und ich glaube auch, daß es nur wenig
Menschen erleben.
Ich war jene Tage voll einem starken und ruhigen Glücke, und es war
immerwährend ein Zustand um mich gleich einem schwebenden, schönen und
feierlichen Traum; wachte ich auf, so war er sogleich da und köstlich über
mir; schlief ich ein, nahm ich ihn selig in das Dunkel mit hinüber; die
harten Aecker waren Paradiese, sobald ich darüber ging; war mir etwas
schwer, so dachte ich: Gottfried --, und es wurde vogelleicht. Im kleinsten
Nötlein wußte ich: Gottfried --, und allsogleich war es behoben.
* * * * *
Jeden Herbst und jedes Frühjahr reiste Frau Finkenlohr auf zwei Tage in die
Hauptstadt, einesteils um nach ihren alten Bekannten zu sehen, besonders
aber, um für das nächste Halbjahr die nötigen Einkäufe zu besorgen. Da sie
nun eines kleinen Uebels am Fuß wegen in diesem Jahr am Reisen verhindert
war, so wurde beschlossen, daß ich fahren sollte und zwar mit Gottfried
zusammen, der nun wieder in sein Gymnasium einrücken mußte und die gleiche
Strecke reiste. Ein paar Tage vorher brachte Gottfried aus der Zeitung die
Nachricht, daß am selben Abend im Hoftheater der Faust gegeben werde;
die Großmutter schenkte uns beiden das Geld dazu, und Gottfried bestellte
strahlend die Karten.
In einer Frühe zogen wir los; Gottfried trug in einem Köfferlein mein
schönes Kleid in Seidenpapier eingewickelt, auch ein Paar anständige Schuhe
und für jeden von uns etliche Vesper; das Textbüchlein aber hielt er in der
Hand und ließ es nimmer von sich. Frau Finkenlohr schaute im Morgenkittel
aus ihrer Schlafstube, trug uns viele Grüße auf an das Bäslein Babett, bei
dem wir nächtigen mußten, und wir sollten es doch bei Leib nicht vergessen,
vom Unterland ein paar Traubenblätter zu den Rebhühnern mitzubringen, die
sie übermorgen braten wolle.
Es war uns auf dieser ganzen Reise feierlich und still zumut; wir sprachen
kaum, und je näher wir der Hauptstadt zufuhren, desto mehr wuchs in uns
eine leise Bangigkeit vor dem Abend, und es war gut, daß wir keine übrige
Zeit zum Drübernachdenken hatten, denn es gab vollauf zu tun, bis wir die
verschiedenerlei Einkäufe und Besorgungen erledigt hatten. Gottfried trabte
in unendlichem Vergnügen mit mir durch einige Läden; wir kauften eine
neue Kaffeemühle und ein Bügeleisen, einen Ersatzteil zu Frau Finkenlohrs
künstlichem Gebiß, sowie ein Röslein auf ihren Kapotthut und graues
Fersengarn zu ihren Strümpfen, auch vergaßen wir die Kimmichküchlein nicht
und die berühmten Schützenwürste des Metzgers Eichenwolf. Als wir noch die
Traubenblätter hatten und endlich zu dem alten Bäslein kamen, erfüllten uns
die festlichen Vorbereitungen, die sie uns zu Ehren traf, mit steigender
Heiterkeit, darin vollends unser bängliches Herzklopfen auf ein paar
Stunden unterging.
Das Jüngferlein hörte nimmer gut, und trotz einer ungeheuren Brille sah sie
auch nimmer recht, -- und sie hatte uns zum Empfang einen wunderbaren Tee
gekocht; mit Vanille und Zimmet gewürzt, damit er doch ja recht gut wäre.
Doch habe ich sie im Verdacht, daß sie infolge ihrer Kurzsichtigkeit statt
des Zimmets ein anderes Gewürz erwischt hatte, denn der Tee schmeckte
abscheulich. Da sie es uns aber tödlich übel genommen hätte, wenn wir ihn
verschmäht hätten, ihn selbst auch ausgezeichnet fand, verlebten wir
nun auf dem geschnörkelten Kanapee eine ergötzliche Stunde; das Bäslein
trippelte ab und zu; war sie bei uns in der Stube, unterhielten wir sie
mit Eifer und taten, als ob wir darüber das Trinken vergäßen -- ging sie
hinaus, berieten wir, wie man das seltsame Getränk am ehesten hinunter
brächte; probierten bald kleine, bald große Schlücke, hielten auch beim
Trinken die Nase zu, und schließlich nahm Gottfried ritterlich meine Tasse
und begoß damit die Geranienstöcke vor dem Fenster, ehe die Alte wieder
eintrat.
Unter großer Heiterkeit kleideten wir uns dann fürs Theater an, als ich
mir vor des Bäsleins blindem Spiegel die Haare frisch aufsteckte, stand
Gottfried am Fenster und las mir noch einmal den Prolog vor; da kam die
feierlich bange Erwartung doch wieder. Die Base geleitete uns alsdann bis
vors Haus, befürchtete, daß sie nimmer wach wäre, wenn wir heimkämen und
gab uns den Hausschlüssel mit.
In den Straßen war eine seltsame Schwüle; der Sommer hatte seine Hitze noch
einmal in einem sengenden Tage zusammen getan; am Himmel sah es aus, als
ob's ein böses Wetter gebe. Wir gingen ganz still durch die Straßen und
Plätze und die breiten Staffeln des Theaters hinauf, saßen dann stumm und
tief beklommen, bis das Haus sich füllte und der Vorhang aufging.
Dann kam der Faust. Und indes von der Bühne der Gewaltige in seinen
göttlichen Worten zu uns redete, jeden Kummer mit tiefen, leuchtenden
Farben tränkte und was schmerzvoll war, vergeistigt und voll Süße
und stiller Schönheit erscheinen ließ, alle Freude aber schäumend und
vertausendfacht, -- indes der Mächtige alles, was scheu, verschleiert
und dunkel in uns war, zerriß und zerbrach, daß wir nackt, wissend und
plötzlich in schmerzhaft blendendes Licht gestellt, vor einander waren, und
doch von seiner lohenden, göttlichen Flamme erfaßt, in seligem Jubel uns zu
seinen Höhen hinreißen ließen, -- indes Szenen, Menschen, Schicksale an uns
vorbeizogen und die abendlichen Stunden füllten, wandelte es sich in uns;
wozu es sonst vielleicht Monate und Jahre gebraucht hätte, war nun in
ein paar Stunden geschehen. Unsere Liebe war uns mit einemmal bewußt,
körperhaft, nahe und groß geworden, und wir selber vermeinten, reif und
andere Menschen zu werden.
* * * * *
Nach dem letzten Akt wurden die Lichter hell. Zitternd riß mich Gottfried
empor, und wir liefen schnell durch das Haus; hinter uns brachen Lärm,
Gedränge und Gelächter aus den geöffneten Türen; als wir aber die breiten
Stufen ins Freie hinab schritten, heulte uns durch schwarze Nacht ein
tobender Sturm entgegen, gleißendes Feuer schlug auf uns herunter,
verzuckte wieder und die Nacht war noch finsterer, noch schauerlicher
darnach.
Da war der alte Stadtgarten; unter Donner und kaltem prasselndem Regen
liefen wir tief in das Dunkel der Büsche und hohen Bäume hinein. Erst
hasteten noch eilige Menschen gleich flüchtigen Schatten an uns vorbei,
dann waren wir allein. Zitternd und stumm vor Erregung hielten wir uns an
den Händen; im sprühenden Flammen der Blitze sah ich zu Gottfried auf; sein
blasses Gesicht war voll Farbe und Bewegung, und seine Augen so glänzend
und schön, wie ich es nie mehr gesehen habe.
Dann standen wir in Blitz und Getöse, hielten einander umschlungen und
waren rasend und trunken vor Liebe und Leidenschaft. Gottfried bedeckte
mein Gesicht, meinen Hals und meine Brust mit Küssen, und ich hing zehrend
immer wieder an seinem Munde. Wir nannten uns bei unseren Namen und
stammelten Liebesworte, und nahm uns Sturm und Donner die Stimme von den
Lippen, so schrien wir's stöhnend in das wilde Wetter hinaus. Und endlich,
nach Stunden, als wir von dem lohenden Rausch gesättigt und müde waren,
suchten wir durch die dunkeln und fremden Straßen, die voll kühlem,
stürzendem Regen waren, unsren Heimweg zu des alten Bäsleins Wohnung.
Ich war die ganze Nacht froh und helle wach; die Base hatte mir in ihrer
Schlafstube ein Bett gerichtet; lange saß ich aufrecht und unausgekleidet
darauf; als ich merkte, daß jene wie ein Murmeltier schlief, zündete ich
mir ein Licht an und ging damit in das Gaststüblein hinüber, wo Gottfried
in erschöpftem Schlafe lag. Ich setzte mich an sein Bett, stellte das
Licht daneben und sah lange in stummer, jubelnder Andacht auf den geliebten
Jungen nieder. Das Stüblein war muffig und roch nach Mottenpulver, des
Bäsleins Kerze brannte tief herunter, und es fror mich an den Füßen,
der nassen Schuhe wegen; ich saß Stunde um Stunde und achtete es nicht.
Brausender als je waren in mir die Ströme des Namenlos entfesselt, und zum
erstenmal geschah es, daß ich ihnen in weiter, verschwindender Ferne, aber
doch deutlich und feststehend ein Ziel gesetzt sah.
Als der trübe Morgen durch das Fensterlein kam, regte sich Gottfried
und erwachte. »Bist du schon da!« sagte er voller Innigkeit, als er mich
gewahrte; er ergriff meine beiden Hände und zog sie zu sich her. »Du, du
Liebe.«
Und dann geschah etwas Seltsames: plötzlich standen seine Augen voll
Tränen, er schlang seine Arme um meinen Hals und riß mich mit verzweifelter
Wildheit zu sich herab, daß ich fast schrie vor Schmerz. Dabei zitterte
er am ganzen Leib, stöhnte, schluchzte, und ich fühlte sein Herz durch die
Decke des Bettes hindurch stürmisch schlagen.
Tief erschrocken hielt ich diesem Ausbruch stand und wußte mir nicht zu
helfen. »Gottfried, Schatz, was machst du für Geschichten! Fehlt dir etwas,
sag?«
»Nein,« schluchzte er; »aber -- es ist -- so -- so viel -- -- ich ertrage
es fast nimmer -- -- --«
Da nahm ich seinen Kopf an meine Brust und strich mit meiner Hand sanft und
zärtlich drüber, und indem ich immer so fortfuhr und ganz leise war, wurde
er ruhiger. Nach einer Weile lag er still und blaß und erschöpft da und
lächelte mich an.
»Verzeih, Agnes! Es ist so mit mir durchgegangen.«
Dann lachte er voller Spott: »Das ist ein schöner Bräutigam, gelt! Kannst
du denn mich noch lieb haben, wenn ich -- _so_ bin?«
»Ja,« sagte ich ganz ernst und sah ihn an, »gerade weil du so bist, deshalb
habe ich dich lieb.«
Ich wandte mich ab, und es ging mir durch den Sinn, wie wunderbar es sei,
daß nun dieser reine, glühende und schäumend junge Mensch mich liebe und
zu mir gehöre, und als ich dies so recht erfaßte, geriet ich in eine so
ungeheuerliche Seligkeit, daß es mir beinahe gegangen wäre, wie vorhin
Gottfried.
-- Wir faßten den Plan, daß Gottfried wieder zurück reise und den ganzen
Tag noch mit mir zusammen sei, doch ohne daß die Großmutter es wisse; und
wir freuten uns darüber wie die Diebe.
Die engen Häuser der Gassen drängten sich grau und steil vor unserem
Fenster, wir beschlossen, noch ehe das Bäslein erwache, das Weite zu
suchen. Ohne Scheu vor einander kleideten wir uns zusammen an; dieweil ich
nachher die Betten und unsere Sachen in Ordnung brachte, war von Gottfried
nichts mehr zu hören; als ich ihn suchte, fand ich ihn in der Küche, vor
dem Herde sitzend und verzweifelt bemüht, mit dem Blasebalg der Base ein
Feuer instand zu bringen.
»Ach, Agnes, ich wollte dir einen heißen Kaffee bringen; du mußt doch etwas
Warmes haben, wenn du die Nacht nicht geschlafen hast. Aber es wird einfach
nichts!« klagte er.
Mein Liebster mit dem Blasebalg aber wärmte mich mehr als des Bäsleins
Rübenkaffee; lachend schrieben wir ihr noch ein Brieflein zum Hinterlaß und
gingen eilig, um mit dem Frühzug noch fort zu kommen.
Vom Mittag an bis in den späten Abend trieben wir uns dann auf den Feldern
fern vom Zinken herum; wir legten uns in eine Ackerfurche und sahen in
den Himmel, der weit und helle über dem flachen Land aufstieg, und der
herbstliche Sturm ging in mächtigen Stößen über uns weg. Wohl waren wir
hungrig und voll Müdigkeit, spürten die Kühle des Sturms und die Härte der
Erde und genossen doch die schwelgerische Lust, hier in der einsamen Weite
Körper an Körper beieinander zu liegen, die Hände ineinander zu haben
und uns Liebes zu sagen, ungemindert und kosteten sie aus bis zum letzten
Augenblick.
Spät am Abend gingen wir zum Zinken hinüber; ich ließ Gottfried nicht
fort, ohne daß ich nicht versucht hätte, ihm irgendwie etwas zum Essen zu
verschaffen. Als wir ans Haus kamen, war alles schon stille, nur in der
Küche brannte noch ein Licht, und wir sahen zum Fenster hinein. Frau
Finkenlohr stand vor einer irdenen Schüssel und ließ einen Hefenteig an;
und indes wir nun wie arme Sünder so in der einsamen Nacht draußen standen
und die rundliche und zufriedene Alte in ihrer warmen Küche hantieren
sahen, wie sie, eine weiße Schürze vorgebunden und die Milchpfanne samt
einem großen Schmalzhafen zur Seite, ihren Teig klopfte, der ihr
in mehligen Bärten von den Fingern hing, kam mich mit einemmal ein
wunderliches Gefühl an. Ich bedachte mit Zaghaftigkeit und Kleinmut, wie
unsere Liebe, die mir eben noch mächtig genug erschienen war, um alle
Himmel zu stürmen, vor dieser soliden, tüchtigen und nahrhaften Welt der
Großmütter und der Schmalzhäfen bestehen könne; und ich muß gestehen, daß
mir jämmerlich dabei zumute war. Ich zog meinen Liebsten dicht zu mir her
und sprach leise und eindringlich auf ihn ein.
»Gottfried, du mußt mir versprechen, daß du keinem Menschen etwas davon
sagst, daß wir einander lieb haben; am wenigsten jemand vom Zinken und
deiner Großmutter.«
»Wenn du es so willst, -- ich kann schon schweigen.«
»Du mußt dir Mühe geben, daß du es nicht merken läßt, nicht wahr?«
»Ja.«
»Du mußt es mir schwören, Gottfried!«
»Ich schwöre es dir.« Und wir besiegelten es mit einem Kusse. Dann nahmen
wir leisen und zärtlichen Abschied; Gottfried verschwand um die Hausecke,
um unter meinem Kammerfenster zu warten; ich aber ging mit Geräusche zur
Haustür hinein und in die Küche, wo es eine laute und herzliche Begrüßung
gab. Die alte Frau wusch sich die Hände, hieß mich in ihre Wohnstube gehen
und trug mir dort einen gehörigen Imbiß auf; sodann setzte sie sich zu mir,
ich mußte essen, auspacken, vorrechnen, erzählen und Grüße ausrichten,
und es wurde mir immer wärmer und bedrängter, wenn ich an den armen Jungen
draußen dachte. Als ich auf der alten Kastenuhr sah, daß eine halbe Stunde
um war, hielt ich es nimmer länger aus; ich wußte mir nicht anders zu
helfen, als daß ich plötzlich eine große Müdigkeit heuchelte und ein
schmähliches Gegähne auffahren ließ, mit den Augendeckeln klapperte und hie
und da mit dem Kopf nickte wie die alten Weiber in der Kirche, worauf Frau
Finkenlohr denn auch richtig hereinfiel und mich schleunigst auf meine
Kammer schickte. Brot, Butter und Rauchfleisch gab sie mir mit hinauf,
damit ich neben dem Auskleiden vollends essen könne.
Strahlend vor Freude kam ich mit meinen Schätzen in die Kammer und zündete
zitternd mein Licht an, was von unten mit einem leisen Pfiff quittiert
wurde. Glücklich schnitt ich die Brote, strich und belegte sie und
wickelte sie mit ein paar Äpfeln, die ich noch oben hatte, sauber in einen
»Oberländer Boten«. Dann löschte ich das Licht und ließ mein Paket an einer
Schnur zum Fenster hinab, wo Der unten es in Empfang nahm. Wenn er nun
musikalisch gewesen wäre, hätte er vielleicht irgend etwas leise gepfiffen
oder gesungen; so aber -- und es war der Sicherheit halber fast besser
für uns, begann er, indem er vom Hause weglief, mit seinem weißen Sacktuch
stumm und wütend und herzbewegend zu mir herauf zu wedeln, rund herum,
schräg und auf und nieder. Der Hofhund schlug an, war aber alsobald wieder
still, da er ihn kannte, und durch die dunkle und von einem leisen Sturm
bewegte Nacht sah ich ferner und ferner das gespenstische Liebessignal zu
mir heraufleuchten.
* * * * *
Gottfried schrieb mir oft; mir wurde Kammer und Haus zu enge, wenn ich
seine Briefe las. Ich lief voll strömenden Jubels in Schnee und Sturm
und Regen hinaus und schrie es leise in die tosenden Wetter und zu den
einsamen, stöhnenden und windverwühlten Bäumen im Wald hinauf, wie lieb
ich diesen Menschen hätte! Und ich barg den Brief an meinem Herzen, bis der
nächste kam.
Auf Weihnachten wollte er kommen. Ich freute mich drauf wie ein Kind, tat
alle Arbeit verkehrt und lief zitternd immer wieder auf die Landstraße
hinaus, zu sehen, ob der alte Postwagen noch nicht käme. Und einmal kam
durch den Schnee ein einsamer Mensch angestapft; ich lief auf ihn zu, und
er war es, wir schrien auf und lagen einander in den Armen.
Es war in diesen Weihnachtstagen bitter, bitter kalt; wohl brannten in
Küche und Fremdenstuben und Frau Finkenlohrs großem Wohngelaß mächtige
Feuer, doch saßen wir beide in einer abgelegenen Kammer, wo der Sturm eisig
durch Tür- und Fensterfugen fuhr. Wir bauten uns klappernd vor Frost in ein
Nest von alten Strohsäcken, Pferdedecken, Bettstücken und wollenen Tüchern
ein, hatten Handschuhe an und Pelzstiefel, und Gottfried brachte strahlend
eines Abends noch einen wattierten Schlafrock des seligen Großvaters
Finkenlohr für mich.
In jenen Stunden lasen wir zusammen Gottfrieds Lieblingsdichter, Hölderlin;
-- seine Gedichte, den Hyperion und aus dem Empedokles, und es geschah,
daß Gottfried mit einemmal aufsprang und sich zornig aus dem warmen Wall
losschüttelte, die Handschuhe voller Verachtung an die Wand warf und laut
mit ausbrechender Begeisterung des herrlichen Dichters Worte mir vortrug.
Jeder Tag dieser Weihnachtsferien war, wiewohl es ein böses, trübes,
stürmisches Wetter war, voll innerlichen Glanzes und voller Schönheit, so
daß wir am Ende ohne Traurigkeit, fast gesättigt von Glück, voneinander
schieden.
* * * * *
Nun muß ich aber, ehe ich weiter gehe, noch etwas von jenem Winter
schreiben, -- und von einer Liebe sagen, die mir damals aufging und gleich
der zu Gottfried helle und leuchtend in mein Leben schien.
Bei jenem einen Verslein, das mir damals, an jenem Morgen eingefallen war,
war es nicht geblieben; je und je, in einer Sturmnacht oder wenn ein Brief
von Gottfried gekommen war und ich bewegt in die einsamen, verschneiten
Felder hinaus lief, kam es, daß es mich plötzlich gleich einer feinen,
aufreizenden Lust ergriff, stehen zu bleiben, Worte, Gedanken, Reime in mir
auf und nieder steigen zu lassen und eigentlich ohne mein Zutun dann auf
einmal einen Vers fertig zu haben.
Es ging mir dabei ein wunderliches Geriesel durch den Leib und war eine
halb reizende, halb wonnige Spannung in mir; ich brauchte fast gar nichts
zu tun oder zu denken dabei, nur jenem stille zu halten und mich von ihm
überlaufen zu lassen; nachher, wenn es vorbei war und ich klar und ohne
Mühe den Vers in mir wußte, war ich manchmal wirklich körperlich müde und
leicht erschöpft.
Mit den so entstandenen Gedichtlein wußte ich nicht viel anzufangen; sie
glichen jenem ersten, waren simpel und wenig gehaltvoll; manchmal schickte
ich sie Gottfried, doch war es mir peinlich, daß er so viel Wesens draus
machte, und später schloß ich sie alle in eine alte Zigarrenkiste.
Das Dichten selber aber wurde mir allmählich zum gesteigerten Genusse und
zur leisen Leidenschaft. Ich sehnte mich darnach, daß jene fremde Macht
wieder über mich käme und mich wegführte, obgleich ich nichts dazu tat,
solches etwa künstlich wecken und herbeiführen zu wollen. Spürte ich aber,
daß es über mich kommen werde, war ich entzückt, ging, wenn ich unter
andern war, schnell abseits und kostete die rieselnde Lust voll geheimem
Glücke aus, bis sie mich wieder verließ, und das Leben dünkte mich durch
diesen neuen Reiz beträchtlich höher und wertvoller.
Dazu kam noch, daß Gottfried mir seine Bücher dagelassen hatte, mir auch
immer wieder solche schickte und zu Weihnachten ein ganzes Kistlein davon
schenkte. Seither hatte das Leben kaum Beglückenderes für mich gehabt, als
aus vollen Kräften arbeiten zu dürfen, dazu unter vergnügten Leuten zu sein
und drunterhin einen Tanz und eine fröhliche Nacht zu haben, und an höheren
Bedürfnissen waren in mir nicht mehr gewesen als in jedem gesunden Menschen
überhaupt, -- der Wunsch schließlich, eine Freundin oder einen Schatz zu
haben. Und nur in seltenen Stunden war in mir der Gedanke an ein Reich des
Geistes gewesen, mit Traurigkeit, freilich, und einem stumpfen Verlangen,
aber ohne Feuer und Leidenschaft und Dazutun; so, wie man etwa von Palmen
und weißen Elefanten und blauen Meeren träumt und dazu sagt, man möchte
auch einmal gern eine Weile in Indien gewesen sein.
Nun aber lief ich in jene andere Welt hinüber mit vollen Segeln. Gottfried
hatte mich hineingeführt und sie mir aufgetan, wie es kein anderer hätte
können; durch ihn, durch die Zeit der stürmenden Liebe zu ihm, die
ich erlebt hatte, und nicht zuletzt durch mein eigenes, wunderliches
Versemachen war mir mit einemmal ein Sinn aufgegangen für das Reich des
Geistes und der Kunst, vor allem für die wundersame Welt der Dichtung.
Ach nein, nicht einer, alle Sinne, alle Fähigkeiten in mir, die
staunen, bewundern und lieben konnten, zitterten nun wie taumelnde
Nachtschmetterlinge diesem allmächtigen Lichtkreis entgegen, konnten
jauchzen und rasen vor Entzücken drüber, daß es solche Gedanken gäbe, und
solche betörende Musik der Worte, daß man sie damit umkleide.
Ja, ich glaube, es wäre mir oft genug über einem gliederschönen,
reintönenden Verse, über einer Reihe süß und kraftvoll hingegossener
Worte der eigentliche Sinn und Gedanke verloren gegangen, wenn mir nicht
Gottfried in seinen Briefen sachte die rechten Wege gewiesen hätte. Aber
ich finde heut noch ein Gedicht, dessen Sinn mir und anderen nicht recht
behagt, wenn es nur Vers und Musik und fließend ist und den geringsten Wert
hat, eben wundersam schön.
Doch war damals dieser übermäßige lyrische Rausch bald verflogen; ich ging
nun die stilleren und tieferen Pfade der Erzählung, bewunderte und liebte
auch da; aber es wehte durch die meisten modernen Bücher ein sonderbarer
Geist, -- Weltschmerzlichkeit, üppig wuchernde Mystik und oft auch allerlei
Unsauberes, darein ich mich mit meinen gesunden, unverbogenen Sinnen noch
nicht recht finden konnte. Mein Herz hing am Werther, am Wilhelm Meister;
es hing an Gottfried Keller und an denen, die in seinen Fußstapfen gingen;
wohl lag auch über diesen Büchern eine leise Schwermut und ein grübelnder
Ernst, die meiner Jugend und Fröhlichkeit widersprachen; doch war es
mir, als ob die Helden dieser Geschichten alle an einer wunderlichen,
interessanten, geistigen Krankheit litten, an einer solchen, um deretwillen
man sich nicht zu schämen braucht, sondern heimlich bewundert wird.
Und es ergriff mich eine heftige Lust, immer mehr von jenem schönen,
geheimnisvollen Leiden zu lesen und zu hören, und schließlich eine
Sehnsucht, es selbst zu haben und seinen Reiz und seine Qual und Süße am
eigenen Gemüt zu empfinden. Ich wußte, daß auch Gottfried diese Krankheit
habe; ja, vielleicht hatte er sie mehr als irgend ein anderer, und
gegenüber der unsäglichen Reizbarkeit seiner Seele, gegenüber seinem
Auskosten aller Stimmungen und Launen und seinem überfeinen Empfinden kam
ich mir selber in meiner unverweichlichten Kraft und Kindhaftigkeit stumpf
und plump vor; -- mein Wunsch, Gottfried seelisch nahe zu kommen und
ihm nachempfinden zu können, vermischte sich nun mit dem, selber dieses
verfeinerten, traumhaft schönen Lebens teilhaftig zu werden; ich fing an,
den Regungen meiner Seele nachzugehen, spürte, daß in meinem Geschick
und Wesen rätselhaft viel war, das mit dem der Dichter zusammen klang, es
freute mich, und ich war damals wahrhaftig nahe daran, jenes müßige, in
Schönheit träumende Leben der Romane für unendlich wertvoller zu halten als
meine unmodern gesunde Jugend, meine Lust an körperlicher Arbeit und alles,
was noch echt und brauchbar an mir war.
Nun fing ich auch an, meine eigenen Verse für mehr zu halten als früher;
der Quell, daraus sie flossen, war reich und springend. Es ging ein großes
Blühen und Plänemachen in mir an; ich wollte später einen Roman schreiben
und ein Drama und noch viele, viele Gedichte. Am meisten Lust hatte ich
vorerst zu einer kleinen, feinen, gut geformten Novelle; ich dachte daran
als an etwas, das mir lieb und kostbar war wie ein Mensch, und ich fing
auch an, sie zu schreiben.
Von alledem sagte ich niemand etwas; ich stand in der Küche und im Feld,
tat am Leben der andern so vergnügt als es gehen wollte, mit und freute
mich nur immerwährend des geheimen Lichts, das ich in mir trug und des
unsichtbaren Reiches, zu dem ich nun gehörte.
-- Da schrieb mir meine Mutter einen Brief, darin sie mich mit lieben
Worten bat, den Gottlosen Zinken zu verlassen und zu sehen, ob ich nicht in
jener Stadt, wo meine Schwester verheiratet war, eine Stellung bekäme. Es
scheine ihr, als sei bei der Margret nicht alles, wie es sein solle, und
als ob es gut wäre, wenn sie einen Menschen in der Nähe hätte, der manchmal
nach ihr sähe.
Nun muß ich aber ehrlich sagen, daß, als ich in dem Brief der Mutter den
Namen jener Stadt las, mein Herz nicht vor Sorge, was mit der Margret los
sein könne, plötzlich zu klopfen anfing, sondern weil dort Gottfried wohnte
und weil der Gedanke, _ihm_ dann nahe zu sein, mich jäh mit stürmischer
Freude erfüllte.
Ich trug den Brief zur Großmutter Finkenlohr; wir bedachten uns ein paar
Tage; und als wir eine geeignete Stellung für mich in jener Stadt erfuhren,
war mein Schicksal beschlossen.
Ach, es war nicht leicht, von dem guten, warmen, fröhlichen Zinken
fortzugehen und in einer fremden Stadt ohne den Schutz der lieben,
mütterlichen Frau Finkenlohr zu leben, die letzten Tage vergingen herb
und voll Wehmut. Zum Abschied tat man mir noch alles Gute; Frau Finkenlohr
begleitete mich selber zur Bahn, schob mir noch eine Schachtel voll
Zimmetsterne in den Wagen und küßte mich warm auf beide Backen. Der Zug
fuhr an, lange sah ich noch in der Ferne ihren Kapotthut mit den roten
Röslein fröhlich wippen, und es war mir trübselig zu Mut, solange ich
durchs Wagenfenster mein geliebtes Hochland sah. Doch wurde mir besser,
als ich durchs Unterland fuhr und Flüsse erblickte und helle Dörfer in der
Obstblüte, und als am Abend die Türme der Stadt in einem roten Sonnenschein
vor mir lagen, schlug mein Herz vergnügt und verlangend der Zukunft
entgegen.