Das Haus hieß »Zum gottlosen Zinken«; und wenn dieses sich auch aus seiner
ruhmreichen Vergangenheit, wo es allem fahrenden Volk und Gesindel zum
Unterschlupf gedient hatte, schon einigermaßen erklären ließ, so kam mir
der Name zu Anfang doch mächtig befremdlich und lächerlich vor. Hör ich
ihn aber heute, nach all den vielen Jahren, einmal nennen oder ist er mir
selber auf den Lippen, so kommt mir eine Innigkeit und quellende Wehmut zum
Herzen, als ob man von einer vergangenen Liebschaft, einer seligen
Kindheit oder etwas ähnlichem Schönen und Köstlichen spräche. Ich habe die
glücklichste Zeit meines Lebens dort oben zugebracht; es war, als sei mir
dort der Boden geschaffen, für den ich geboren sei und die Luft, in die ich
gehöre und das Leben grad so, wie es für mich am herrlichsten war.
Das Land war eine Hochebene, von sanften Hügeln unterbrochen und an ihrem
Ende gegen waldige Flußtäler steil abfallend. Der Winter war lang und rauh,
von ungeheuerlichen Stürmen begleitet, die in rasender Wucht über das
freie Land hinfuhren und deren ähnliche ich anderorts nirgends erlebte. Sie
tobten Tage und Nächte lang ununterbrochen; als sie in meinem ersten
Herbst droben einsetzten, schlief ich die Nächte nicht vor Zittern
und jämmerlichem Elendsgefühl und lief bei Tag herum wie ein verwehtes
Blättlein. Die Knechte hatten ihren Spott mit mir; ich gewöhnte mich aber
bald daran; später hatte ich die Stürme gern und liebte besonders die
föhnigen, warmen, feuchten im April und Mai.
Zwischen dem sich endlos hinziehenden, herben Winter lag, kaum, daß
Frühling oder Herbst gewesen wäre, ein kurzer, glühender Sommer. Die Sonne
hatte eine wunderliche Kraft dort oben, sie schien mir stärker zu brennen
als in meiner Heimat und an allen Orten, die ich kannte; man meinte,
ihr näher zu sein, als im Tal drunten. Das Köstlichste aber war die Luft
droben, im Winter und Sommer gleich klar und rein und würzig vom Wald
her. Auch in sturmfreien Zeiten war sie leise bewegt, sodaß selbst in die
glühendsten Tage ein Hauch von Frische und Kühle kam.
Zu Anfang war ich auch bei der mäßigsten Arbeit sterbensmüde, matt und
abgeschlagen in allen Gliedern; Frau Finkenlohr aber lachte dazu und
meinte, es ginge allen Fremden so in der ersten Zeit; man müsse die gute
Luft erst ertragen lernen. Und es war so; wie sich meine Seele mit den
Stürmen vertraut machte, so gewöhnte sich mein Körper an Luft und Sonne und
was es an Gutem droben noch gab. Ich ging in die Höhe und Breite und war am
Ende des Sommers braun wie eine Haselnuß.
Die Leute dort oben paßten zu ihrem Land; sie waren rauh, derb, außen und
innen und ihren Stürmen und Wettern gewachsen; aber es war, als sei von
der Glut ihrer Sonne ein Teil in sie übergegangen; selten hab ich so ein
lebenslustiges und leichtsinniges Völklein beieinander gefunden, wie im
gottlosen Zinken droben. Mir war es recht. -- Auch die Wirtin stammte von
der Gegend; sie war eine Bauerntochter, hatte aber einen Geschäftsmann
geheiratet und ihr Leben im Unterland zugebracht. Erst im Alter und als ihr
Mann gestorben war und die Kinder versorgt und verheiratet, war sie wieder
heraufgezogen und hatte den gottlosen Zinken gekauft, der damals in einem
bösen, verlotterten Zustand war.
Diese Frau genoß ein Ansehen in der ganzen Gegend wie ein König. Es waren
eine Menge Anekdötlein und absonderlicher Geschichten über sie im Umlauf,
da sie schon als Kind ungemein klug und willensstark gewesen sein mußte.
So habe einst ihr Vater mit einem Nachbarn in einem bösen Streit und Prozeß
gelebt; kein Advokat und kein Richter der Umgegend habe zu ihrem Vater
geholfen, obwohl das Recht auf seiner Seite gewesen sei; denn der Nachbar
war der reichste und mächtigste Hofbauer weit und breit. Da sei sie kurzer
Hand eines Morgens auf einen Gaul gestiegen und gerades Wegs zum Herzog
in die Residenz geritten und habe ihm und seinen Räten die Geschichte
vorgetragen. Worauf der Herzog, der an dem kühnen und wohlgestalteten
Bauernmädchen, das kaum zwanzig Jahre alt war, seine Freude hatte, denn
auch für eine glänzende Abhilfe sorgte.
In ihrem Alter nun machte sie keine solchen abenteuerlichen Sprünge mehr.
Als ich sie kennen lernte, war sie schon über siebzig; sie war ein bißchen
dick und ihr freundliches Gesicht von einer Menge winziger Fältchen
bezogen; auch saß auf der linken Seite ihrer Nase eine komische, kleine,
braune Warze gleich einem unverschämten Witzlein. Sie arbeitete von früh
bis spät in einer geruhsamen und vergnügten Art, die es einem unendlich
wohl machte, um sie zu sein. Im übrigen bestand ihr Wesen aus vielen
wunderlichen, halb gütigen, halb heiteren und spassigen Eigenheiten.
Wenn sie ins Dorf ging, führte sie in ihrer Rocktasche stets eine
Schnupftabaksdose voll gestoßenen Zuckers mit sich; schon von weitem
sprangen ihr dann die Kinder entgegen und zeigten ihre Hände her. Wer aber
eine sauber gewaschene Hand hatte, durfte seinen Zeigefinger ablecken und
damit in die Dose fahren, sodaß er um und um mit Zucker behangen war.
Von der ganzen Gegend kamen die Leute zu ihr, um sich Rat und Beistand zu
holen. Sie wies nie einen ab und gab einem jeden freundlich und so gut sie
konnte Bescheid; nach einer Weile aber streckte sie ihm vergnügt die Hand
hin: »Ich will Sie jetzt nimmer aufhalten; Sie werden pressieren!« und
geleitete ihn mit sanfter Entschiedenheit zur Tür.
Hängte sie Wäsche auf, so war, wie auf Kommando, fast stets der
strahlendste Sonnenschein; darob war Frau Finkenlohr weit und breit
berühmt. Im Heuet schickten die Bauern ihre Mägde, zu fragen, wann im
gottlosen Zinken gewaschen werde, damit man sich mit dem Heuen darnach
richten könne. -- Hatte man einen bösen Buben, so schickte man ihn auf
den Zinken als Knecht; Frau Finkenlohr brachte ihn zurecht. Hatte man ein
Geldlein nötig, so lieh es Frau Finkenlohr; war eine Kuh krank, wußte
jene mehr als der Tierarzt, und kam einer zum Sterben, so schickte man zur
Zinkenwirtin vor dem Pfarrer.
Dazu trug sie Sommer und Winter Kleider von einer fröhlichen rötlichbraunen
Farbe mit einem sanft abtönenden Geflimmer schwarzer Strichlein drin;
zum Ausgehen einen kühnen und leise wippenden Kapotthut nach längst
entschwundener Mode, zum Arbeiten aber eine blaue Schürze dazu, sodaß sie,
wenn man noch das graue Haar und die roten Bäcklein ansah, allezeit einen
vergnüglich farbigen und aufheiternden Eindruck machte.
Was es auf dem Hof an Gutem, Schönem, Wertvollem und Heiterem gab, sei es
an Arbeit oder Genuß gewesen, das ging fast alles von dieser Frau aus; und
je mehr ich mich diesem wonnigen Leben hingab, desto tiefer wurde in mir
die Verehrung und Liebe zu ihr. Ich war noch gar nicht lang im gottlosen
Zinken, als ich in einen verwunderlichen und komischen Zustand geriet:
ich spürte mit einemmal, daß ich in die dicke alte Frau verliebt war --
verliebt mit allen Finessen und zu diesem Zustand gehörigen Stimmungen und
gelegentlichen Nöten, wie ich es etwa in einen schönen jungen Herrn hätte
sein können. Nahm ich mir voller Ernst und Energie des Morgens vor, ihr
nicht den ganzen Tag lang nachzulaufen wie ein Hündlein, so war ich,
kaum sah ich die blaue Schürze hinter irgend einem Stall oder Wiesenhang
auftauchen, unversehens an ihrer Seite, um zornentbrannt über mich selber
und beschämt wie ein armer Sünder alsobald wieder wegzulaufen, wenn sie
mich fragend und verwundert ansah. Ihr wachstuchenes Brillenfutteral auf
der Fensterbank der Wohnstube, ihre grauwollenen Schlupfpantoffeln unter
dem Ofen erfüllten mich mit sonderbar zärtlicher Wonne und Innigkeit,
sobald ich sie erblickte; rief sie mir oder nannte meinen Namen, so lief
es mir wie ein süßes Gestreichel über den Leib; und zeigte sie mir in der
Küche etwa, wie man einen Hasen abzog und spickte und stand dabei so
dicht hinter mir, zusehend, wie ich Speckstreifelein schnitt und durch das
Fleisch zog, griff auch zuweilen über meine Schulter, indem sie mirs besser
wies, so stieg mir das Blut zu Kopfe vor seliger Beklemmung, so nah und
vertraulich bei ihr zu sein. Auch ergriff mich manchesmal ein kindischer
Neid, wenn ich sie ein Bauernbüblein streicheln sah, das von ihrem Zucker
bekam, und ich hätte selber noch klein sein mögen und aus ihrer Dose
schlecken.
Je länger ich aber um sie war und ihr einfaches und gesundes Wesen auf mich
wirkte, je öfter ich ihr in die lieben, vergnügten Augen guckte, um so mehr
fielen meine hanswurstigen Gefühle von mir ab; ich begann sie ohne alle
sentimentalen Abschweifungen und Verwirrungen allmählich gerade heraus und
ohne viele Worte einfach von Herzen lieb zu haben; und das so unabänderlich
und ohne jede Trübung wie außer meiner Mutter wohl keinen Menschen mehr.
-- Im Sommer fuhr ich zumeist mit aufs Feld; man blieb die ganzen, langen,
heißen Tage draußen und kam des Abends todmüde heim, wo man denn auch ohne
viel Feierabend gleich nach dem Abladen in seine Kammer zum Schlafen ging;
kaum, daß die Mägde beim Heimfahren ein Lied vor sich hinsangen oder die
Knechte nach der Abendsuppe noch eine Pfeife rauchten. Aber selig, schön
und wie lauter strahlende Feste standen jeweils zwischen den schweren
Wochen die Sonntage. Frau Finkenlohr litt es nie, daß man am Sonntag aufs
Feld ging oder etwas auf dem Hof schaffte, wie es die Bauern in den Dörfern
auch meist am Sonntag taten; und mochte es noch so dringend sein. Nach dem
Mittagessen ging man auf seine Kammern und hielt einen langen herrlichen
Schlaf, darein einem kein Kurgast schellen durfte; die späten Nachmittage
aber vertanzte man in einer leeren Scheuer hinter dem Haus. Es kamen
noch junge Leute vom Dorf dazu; die Mädchen hatten helle und sonntägliche
Kleider an, die Knechte und Bauernburschen aber tanzten in ihren weißen
Hemdärmeln. Zumeist waren es große und kraftvolle Leute mit braunen,
schönen Gesichtern; sie waren oft wie rasend vor ausgelassener
Fröhlichkeit, rochen nach Heu und nach Sonne und man hing beim Tanze
köstlich leicht und sicher in ihren starken Armen. Ein barfüßiger Bub saß
auf einem Strohhaufen im Eck und spielte uns auf einer Ziehharmonika;
je und je sah uns ein Kurgast zu, der draußen vorbeiging oder trat Frau
Finkenlohr vergnüglich lachend unter die Tür, freute sich an uns und
stellte uns ein paar Schüsseln mit Küchlein hin oder einen Korb voll
Birnen und einen Krug mit einem kühlen Wein. Wurde es dunkel, so ging man
auseinander; die Knechte besorgten das Vieh, die Mägde gingen zum Melken,
taten die Hennen ein und kochten zu Nacht. Hatte man aber gegessen, so
war man noch lang in die Nacht hinein beieinander. Es waren im Hof dicke,
tannene Stämme zum Trocknen hingelegt, darauf saß es sich bequem und
wer keinen Platz mehr bekam, hockte auf die Küchenstaffel oder auf den
Brunnenrand. Die, die einander gut waren, küßten sich ohne Scheu und
hielten sich umschlungen; und die Jungen unter den Mägden, die noch
keinen Schatz hatten, taten kaum minder zärtlich miteinander, wisperten,
schäkerten und lachten in die Nacht hinaus. Man trieb allerlei Spässe
miteinander, sang Lieder mit vielen schwermütigen Versen und einer zog die
Harmonika dazu; auch erzählte man Geschichten, war einmal fröhlich, einmal
traurig und ging oft erst um Mitternacht in seine Kammern.
Im Winter war es nicht so schön; fiel auch die strenge Feldarbeit weg, so
ließ doch die herbe Jahreszeit die ausgelassene Fröhlichkeit der warmen
Tage nicht aufkommen. Doch war an den langen Abenden alles in der großen
warmen Küche beieinander; die Knechte kamen vom Holzfällen im Wald heim,
stellten die vereisten Rohrstiefel gegen den Herd, daß Wasserbäche davon
liefen und zündeten sich die Pfeife an. An der niedrigen Decke liefen
köstliche Gerüchlein hin vom Gansbraten und Butterkuchen der Kurgäste
sowohl wie von der geschmälzten Abendsuppe und dem geräuchten Speck des
Gesinds. Im Backofen lagen mit lieblichem Gebrutzel die roten Winteräpfel,
von denen Frau Finkenlohr allabendlich eine Schürze voll für uns
hineinschob. Die Kittel der Knechte tauten allmählich auf; man saß in einem
warmen Dampf, untermischt mit dicken Pfeifenwolken, rings um einen herum
war ein heiteres Gesumme und Gespräch, und hörte man noch dazu von draußen
den Schneesturm ums Haus gehen, so wurde es einem ohne Grenzen wohl und
geborgen zu Mut.
Zuweilen hatte ich freilich eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das hier
auf dem Gottlosen Zinken nicht Brauch und Sitte war. Ich wußte es selber
nicht so recht; aber es war etwa danach, ein schönes Buch zu lesen, von
alter Zeit oder von fremden Ländern, oder eine feine, kluge Freundin
zu haben, oder -- wenn ich mich sehr hoch verstieg, einmal mit einem zu
tanzen, der kein Bauernknecht war. Besonders packten mich solche Gelüste,
wenn ich je und je einen Brief von den Geschwistern bekam. Meinem großen
Bruder hatte ich zu irgend einem bestandenen Examen ein Stück Speck und
einen saftigen Bauernkäs geschickt; nun sandte er mir zum Dank dafür eine
Photographie, darauf er mit ein paar Freunden zu sehen war. Das waren feine
und vornehme Leute, und es packte mich ein leiser Neid, daß er mit solchen
zusammen sein durfte, ich aber eine Bauernmagd war, -- und wir waren doch
einer Mutter Kinder.
Die Regine war auf einem Lehrerinnenseminar; die Margret aber seit ein
paar Jahren verheiratet. Er sei Buchhändler, ein gebildeter und gescheiter
Mensch und spiele wunderbar schön Klavier; die Schwestern schrieben, die
beiden seien ein prächtiges Paar; Kinder hatten sie auch und wohnten in
einer Stadt, wo es sehr schön sei und sie viel Verkehr hätten.
Wenn ich solche Briefe las, wußte ich traurig, wohin meine Sehnsucht ging.
Warum war ich nicht auch ein Mensch, der in einem solchen Leben mittun
durfte, das mir sonderlich höher, inhaltsvoller und erstrebenswerter dünkte
als das Dasein auf dem Gottlosen Zinken?
Doch waren solche Stimmungen selten und verflogen wie Wolken an einem
heißen Sommertag. Die Gegenwart war zu selig und zu heiter, als daß man
hätte lang an etwas Trübes oder Trauriges denken mögen. Das Leben war ohne
Sorgen und so voller Wonnen jeden Tag, -- was konnte man Schöneres tun,
als schaffen und seine Kräfte spielen lassen, genießen, mittun und darin
untergehen! --
* * * * *
Um die Weihnachtszeit kam eine Menge reicher Kurgäste auf den Gottlosen
Zinken zum Schneeschuhfahren, darunter war ein Mensch, der sich merklich
von den andern fernhielt. Er war auf sein Alter hin schwer zu schätzen
und mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein, ebensogut aber älter oder
jünger. Er hieß Herr Bürger und war von Beruf Kaufmann, wenigstens stand im
Fremdenbuch so, und seinen Lebensäußerungen nach schien er reich oder
doch sehr wohlhabend zu sein. Er ging stets tadellos gekleidet, trug
außerordentlich langes, sorgfältig glattgescheiteltes Haar, worunter
ein regelmäßiges und hübsches Gesicht hervorsah. Es hatte einen guten,
kindlichen Ausdruck, und es lag stets eine leise Müdigkeit und Trauer
darüber.
Dieser Herr hatte mancherlei ausgesprochene Eigenheiten; kam ich des
Morgens mit einer Schürze voll Scheitholz in sein Zimmer, um Feuer
zu machen, so saß er stets am Tisch und schrieb in ein großes,
schwarzgebundenes Buch. Dazu trug er einen himmelblauen Schlafrock, und
man hätte ihn mit seinen langen Haaren und dem mageren, bartlosen Gesicht
akkurat für eine alte Jungfer halten können. Wenn ich so nach Mädchenart
meine Augen durch das Zimmer gehen ließ, entdeckte ich auf dem Nachttisch
neben des Herren Bettstatt ein gleiches schwarzes Buch und dabei einen
langen, schön gespitzten Bleistift und eine Nachtlampe. Es sah aus, als sei
der Herr ein Gelehrter oder Dichter, der auf alle Fälle gerüstet war, wenn
ihn etwa meuchlings bei Nacht ein guter Gedanke überfalle; für Diebe
und Mörder aber, die das Gleiche zu tun pflegen, lag dicht daneben ein
fürchterlicher Revolver, von dem ich stets hoffte, daß er nicht geladen
sei. Ich hatte noch bei keinem auf dem Zinken ein derartiges Instrument
gesehen, und es kam mir überaus merkwürdig vor, daß man sich hier so
bewaffnen müsse.
Noch merkwürdiger, um nicht zu sagen, etwas erheiternd erschien mir eine
Art von Ausstellung, die allmorgendlich auf der Kommode Herrn Bürgers
prangte. Das war in peinlich genauer, unverrückbarer Anordnung eine Reihe
jener Gegenstände, die ein anderer Mensch gleichgültig des Abends, wenn
er zu Bette geht, mit seinem übrigen Zeug ablegt und denen er weiter keine
erhebliche Achtung schenkt. Hier aber lag Morgen für Morgen unverändert
außen links das seidene Sacktüchlein aus der oberen Jakettasche, in das man
nicht schneuzt, zweitens das größere Sacktuch aus der Hosentasche, sodann
ein zweiter Revolver und ein zweites, etwas kleineres Notizbuch, aber immer
noch größer als die, die andere Leute mit sich führen. Dann kam die goldene
Uhr mit geometrisch gerade liegender Kette, darnach ein Geldbeutel, ein
Füllfederhalter, ein Feuerzeug und eine Taschenapotheke, und zur äußersten
Rechten machte ein Abonnement der städtischen Straßenbahnen der Stadt
Karlsruhe den Beschluß, und ich sann vergeblich, was ihm dieses wohl auf
dem Gottlosen Zinken nütze.
Jeden Morgen ergötzte ich mich an der seltsamen Parade; kam ich später
wieder hinauf, um das Zimmer zu machen, so war alles verschwunden, kein
einziges Notizbuch mehr zu sehen, und Herrn Bürgers Zimmer unterschied sich
in nichts von den andern, außer einer tadellosen Ordnung. Der Herr selber
saß dann im Gehrock unten an einem entrückten Tischlein des Speisezimmers
und las die Zeitung oder schrieb in sein geheimnisvolles schwarzes Buch.
Tagsüber ging er nicht etwa mit den andern spazieren oder zum Skilaufen,
sondern blieb zumeist auf seinem Zimmer; und wenn ich klopfte, um nach
dem Feuer zu sehen, saß er am Tische und schrieb unverdrossen weiter. Nur
zuweilen, wenn die andern in den Wald abgezogen waren, vernahm ich aus
seinem Zimmer das Spiel einer Geige, das mir fein lieblich dünkte. Ich
hörte es gerne, stand manchmal eine Weile still vor seiner Tür, um zu
lauschen und gewann den seltsamen Menschen darum fast ein bißchen lieb.
Nun hatte er bei Tisch eine Nachbarin, ein junges, hübsches Fräulein namens
Söderblüm. Es war ein quecksilberiges, ausgelassenes Frauenzimmer, lachte
und sang und tollte durchs Haus und führte die Leute an der Nase herum. Es
war wirklich ein Unglück für den stillen Herrn, daß diese Person neben ihm
saß. Sie plagte ihn mit allen Boshaftigkeiten, über die sie verfügte,
hatte ihn beständig zum Narren und machte ihn vor den andern lächerlich.
Besonders liebte sie es, bei Tische etwas fallen zu lassen, etwa ihren
Serviettenring oder ihr Taschentuch, worauf er sich stets überhöflich
hinunter beugte und auf dem Boden herumsuchte, daß er ihrs wieder
überreichen konnte. Dabei hing ihm der ganze, strähnige Schopf seiner
langen Haare über Stirn und Nase hinunter; wenn er sich erhoben hatte,
versuchte er ängstlich und verschämt, die Sache in Ordnung zu bringen, aber
es ward dadurch nur um so fürchterlicher. Mit der Mähne eines Mordbrenners
oder Rebellen schaute er dann aus seinem guten und kindlichen Gesichte
zaghaft umher und erregte jedesmal eine ungemeine Heiterkeit.
Mir tat er leid; wenn das Fräulein etwas hinunter warf, sprang ich jedesmal
schnell herzu, um den bösen Zustand zu verhüten. Denn es schien mir oft,
als sei Herr Bürger wirklich ein Dichter, der nun einmal mit seinen Träumen
und Eigenheiten und seiner weltfernen Innerlichkeit nicht zu dem lustigen
und geräuschvollen Leben der andern paßte, und dann war es doch übel
angebracht, ihn deshalb zu verhöhnen und zum Narren zu haben.
Fräulein Söderblüm war auch sonst hinter ihm her; besonders, wenn er
irgendwo mit einem seiner schwarzen Bücher erschien, ja, sie zog sogar
mich in ihren mutwilligen Handel hinein. Eines Tags berief sie mich in
ihr Zimmer, hieß mich schwören, daß ich niemand verrate, was sie mir jetzt
sage, -- wartete aber meinen Schwur gar nicht ab, sondern fing an, eifrig
auf mich einzusprechen. Ich sollte versuchen, eins von Herrn Bürgers
schwarzen Heften zu erwischen, um es dann ihr zu bringen; etwa, wenn der
Herr einen Augenblick nicht im Zimmer sei oder sonst wie. Sie wolle mir
verbürgen, daß sie alles auf sich nehme, er auch sein Heft unversehrt
wieder zurück bekäme, und ich solle nicht die geringsten Unannehmlichkeit
damit haben; hingegen versprach sie mir ein überreichliches Trinkgeld.
»Wissen Sie, Kindchen,« sagte sie am Schlusse, »bei großen Dichtern muß man
das immer so machen; nachher, wenn sie das Lob und den Ruhm haben, ist
es ihnen selber recht, wenn man ihrer Schüchternheit ein wenig zu Hilfe
gekommen ist.«
Nachher, als ich draußen war, drehte ich ihr eine lange Nase; ich zweifelte
sehr, ob sie Herrn Bürger für einen großen Dichter halte, und ich war
keinesfalls gesonnen, ihr ein solches Heft auszuliefern, auch wenn ich
Gelegenheit dazu gehabt hätte; eher wollte ich selber einen Blick hinein
tun.
Als es ihr nicht so gelingen wollte, suchte sich das schöne Fräulein nun
aufs herzlichste mit Herrn Bürger anzubiedern, und eines Tages lud sie
sich selber mit ihrer Schwester und einer Freundin zu ihm aufs Zimmer ein,
worauf der arme Mensch in der Küche erschien und mit todestraurigem Gesicht
einen Kaffee für vier Personen bestellte. Frau Finkenlohr schickte mich,
für die Bestellung zu sorgen; ich freute mich darüber und ging mit einem
Brett voll Geschirr und guter Sachen vergnügt hinauf in Herrn Bürgers
Zimmer. Da saßen die Fräulein bei ihm am Tisch, taten schön mit ihm,
lachten ihn mit silbrigem Geklinge an, schwätzten in lustigem Lärm alle
durcheinander auf ihn ein und trugen Lockenhaare und seidene Kleider. Und
dieweil ich ein weißes Tuch auf den Tisch tat, die Tassen hinstellte und
später leise hin und her ging, die Herrschaften zu bedienen, verging mir
sachte meine Fröhlichkeit, und es wurde immer stiller und trauriger in mir.
Ich spürte mit wunderlicher Klarheit, daß ich den armen, einsamen Menschen
lieb habe, und es wallte heiß und hoch in mir auf, etwas für ihn tun zu
dürfen und ihm zu helfen. Und ich dachte mit Bitterkeit, daß die
feinen Damen ja nur ihren Schabernack mit ihm hatten und ihn im Grunde
verspotteten und auslachten; die aber durften um ihn sein, weil sie
von seinem Stande waren, und es war ihr gutes Recht, seine Gesellschaft
aufzusuchen und sich mit ihm zu unterhalten. Ich aber mußte daneben stehen
und meine demütige Hingabe in mir unterdrücken, und es war mir wohl für
immer versagt, ihm etwas Liebes tun zu dürfen, weil ich eine Bauernmagd und
arm und ungebildet war.
Zum erstenmal seit langer Zeit erfüllte mich eine große und tiefe
Traurigkeit; sobald ich konnte, stieg ich in meine Kammer hinauf, und es
liefen mir heiße Tropfen auf die weiße Schürze hinunter.
Nicht lange darauf reiste Herr Bürger ab, früher, als er beabsichtigt
hatte, und ich vermute, daß dies wegen Fräulein Söderblüm geschah. Ich
bekam in den nächsten Tagen einmal ein Bild geschenkt, darauf alle Kurgäste
photographiert waren und entdeckte darunter mit Freuden auch Herrn
Bürger. Ich hob es auf und schaute es zuweilen an; auch dachte ich in den
stürmenden Winternächten, da ich lange schlaflose Stunden auf meinem Bette
lag, manchmal mit leiser Betrübnis noch an ihn. Als aber das Frühjahr
anbrach und auf dem Gottlosen Zinken das schöne Leben wieder anging, hatte
ich ihn ob dem vielen andern, das mein Herz erfüllte, sänftlich vergessen.
* * * * *
In den ersten Junitagen widerfuhr mir ein kleines Unglück; ich brachte
den rechten Zeigefinger in die Futterschneidmaschine, und es war ein
ordentlicher Schrecken. Das Blut lief wie ein Brünnelein, und mir wurde,
als ich das fetzige Glied besah, übel und schwindelig zu Mut. Doch wurde
ich alsbald in Frau Finkenlohrs Schlafzimmer in einen tiefen und weichen
Großväterstuhl gesetzt, bekam ein süßes Likörlein zur Stärkung und, da mir
vor dem Doktor graute, verband mich die alte Frau sachte und kunstgerecht
mit einer weißen Leinwand. Die nächsten Tage vergingen mir in höchlich
angenehmer Faulenzerei; zumeist saß ich, den Arm in der Schlinge, auf dem
breitästigen Holzbirnbaum im Garten, dessen niedriger Stamm bequem mit
einer Hand zu erklettern war, sah neidlos und mit geheimer Vergnüglichkeit
die andern ihrem schweren Geschäft nachgehen, wohl wissend, daß ich bald
genug wieder mittun könne, und las einen alten Kalender oder in Frau
Finkenlohrs Kochbuch, -- oder feierte so ins Blaue hinein.
Doch dauerte dies nicht lange; es wurde mir bald jämmerlich langweilig und
ich hätte herzlich gern wieder mitgeschafft. Auch stand es mit dem Finger
nicht gut; er wollte nicht recht heilen, begann zu eitern und tat mir weh.
In diesen Tagen kam der reiche Herr Bürger wieder auf den Gottlosen Zinken
gereist, um seine Sommerfrische da zu verbringen. Er bewohnte seine alte
Stube wieder und lebte genau wie im Winter; ich sah ihn aber kaum, da ich
wegen des Fingers keine Gäste bedienen durfte.
Nun geschah es eines Nachmittags, daß Herr Bürger ins Dorf gehen wollte,
um in der Kirche Orgel zu spielen, und Frau Finkenlohr bat, ihm jemand vom
Gesind mitzugeben zum Bälge treten. Es war aber alles draußen beim Heuen
und alle Kräfte aufs höchste angespannt, sodaß keine Fußzehe übrig war zu
Herrn Bürgers unnützem Geschäfte. Da kam Frau Finkenlohr zu mir: ob ich
nicht eine Stunde Orgel treten wolle; ich täte ihr einen großen Gefallen
damit, weil sie den höflichen und ordentlichen Herrn nur ungern abgewiesen
hätte. Ohne Besinnen sagte ich zu und lief alsbald an Herrn Bürgers Seite
fort. Er wollte es erst nicht zulassen, daß ich mitging, weil ich ja
verwundet sei und am End auch noch Schmerzen habe; als ich ihm aber lachend
versicherte, daß man ja nicht mit den Händen Orgel trete, ich an den Füßen
aber gesund sei und mich auf die Musik freue, nahm er's an.
Alsdann waren wir in der stillen, kühlen Kirche; das Licht floß in ruhigen
Strahlen durch die dunkelfarbenen Fenster in den hohen Raum. Der Herr
spielte, die Musik schien mir selig schön und erfüllte mit feierlichem
und mächtigem Gewoge die Stille. Ich stand zunächst der Orgel auf einem
schmalen Brette, schwebte langsam und sänftiglich auf und nieder und die
strömende Schönheit erfüllte mich mit beklommenem Jubel. Dieweil ich aber
mit Innigkeit auf Herrn Bürger herunter sah und gewahrte, daß sein dünnes
Kittelein, das er der Hitze wegen trug, am Aermel vorne ausgefranst und ein
wenig zerrissen war, auch am Kragen etwas fleckig, was wohl daher kommen
mochte, daß niemand sich liebend um ihn kümmerte, als ich so von der Seite
her sein müdes, trauriges Gesicht und seinen schon leise grau werdenden
Kopf anschaute, da erfaßte mich eine tiefe Bewegung, ich konnte nimmer
Herr drüber werden, und mit einemmale war in mir wieder die ganze glühende,
stöhnende, todestraurige Liebe zu dem feinen Herrn wie ehedem bei jener
Kaffeevisite.
Nun brach eine böse Zeit über mich herein. Jeden Tag ging ich mit Herrn
Bürger ins Dorf zum Orgeltreten, und die stille, kühle Kirche wurde mir
zum Orte stürmendster Not und Bedrängnis; Musik, dunkel glühendes Licht
und meine junge, sich schmerzvoll bäumende Liebe rissen mir am Herzen
in stöhnender Lust und Qual. Da stand ich, betörend nahe dem geliebten
Menschen, auf meinem schwankenden Brettlein, zitternd vor sehnlicher
Begier, daß ich den armen, müden Kopf hätte an mein Herz nehmen mögen und
ihm Liebes tun.
Sprach er irgendwann mit mir in seiner gewohnten, freundlichen Weise,
so schoß mir eine strömende Röte ins Gesicht, es machte mich schwach und
elend, und oft wandte ich mich ab und lief davon, damit er nicht sähe, wie
mir das Wasser in die Augen kam.
Ach, jene Liebe spielte mir übel mit; dazu wurde der Finger immer
schlimmer, sah bös und dick und geschwollen aus und tat mir Tag und Nacht
weh. Frau Finkenlohr meinte, man könnte nun allerhöchstens noch einen oder
zwei Tage zuwarten, dann aber müsse ich zum Doktor. Wenn ich des Morgens
in ihrem weichen Sessel saß und sie mich unendlich zart und behutsam und
geschickt verband, dann mußte ich allen Willen zusammennehmen, daß ich
nicht aufheulte und mich an ihre Brust warf und ihr _das_ erzählte, wozu
ich ihre Liebe und Zartheit noch viel nötiger gehabt hätte. Aber das durfte
man nicht; man mußte alles allein ausfressen.
Sobald es dunkel wurde, fing es in dem bösen Finger an, ohne Unterlaß
quälend, peinigend zu klopfen und mit einem stechenden Schmerz gegen den
Unterarm hinauf zu ziehen. So ging es bis zum andern Morgen immerfort; aufs
letzte hin waren es schlimme, schlimme Nächte. Ebenso unaufhörlich aber,
glühender und böser trieb die Liebe mit mir ihr stummes grausames Spiel. Es
wäre mir Seligkeit gewesen, im Dunkeln an seine Stube zu gehen und gleich
einem Hund, wie damals bei Frau Gunhild, vor seiner Türschwelle zu liegen,
und ich hätte dann viel Schmerzen nimmer gespürt. Und doch, wenn ich nur
an so etwas dachte, so schüttelte mich die Scham und ekelte mir vor mir
selber. Schlaflos lag ich auf meinem Bette, warf mich gequält hin und her
und sah Herrn Bürgers Gesicht mit hohnvoller Deutlichkeit vor mir schweben,
spürte Gewalten in mir, die ihm hätten helfen mögen und ihm Ströme von
Liebe schenken und durch tausend Feuer für ihn gehen. Und ich durfte es ihm
mit keinem Blicke zeigen!
Dann sprang ich auf und rüttelte in blinder Wut an meinem Türpfosten und
biß die Zähne in das harte Holz, daß ich nicht schrie vor Traurigkeit.
Höhnisch erschien vor meinen Augen jener Abend am Flusse, da ich gemeint
hatte, auf alles ein Sprüchlein zu finden und mein Herz gefeit zu haben
gegen jegliche Not und Verzweiflung; und nun war die ganze Weisheit
zerronnen wie Nebel, ich war trauriger und verzweifelter als je, suchte
vergebens nach einem Sinn, nach einem Funken von Erhabenheit und Größe
in diesem hündischen Elend. Die Natur, die mir damals voller Liebe ihr
unverhülltes Gesicht gezeigt hatte, blieb mir heute stumm und fern; vor
meinem Fenster hing die Nacht, schwarz, tot, reglos, ohne Stürme, ohne
Sterne, und es war alles blind und blödsinnig.
So trieb ichs die langen, schweren Nächte hindurch, stöhnte, weinte und
litt Schmerzen, und es kam kein Schlaf in meine Augen. Am Morgen lag ich
erschöpft und zerschlagen auf meinem Bett, und in allem Elend und in aller
Müdigkeit war mir gleichsam als bitterer Trost das eine bewußt, daß es so
nicht lang mehr weiter gehen könne, weil ich am Ende meiner Kraft sei; auch
war eine lauernde Spannung in mir, wie dies alles wohl ausgehe und sich
lösen könne.
Als sich Frau Finkenlohr etwa am achten Tage, da Herr Bürger wieder im
Hause war, in der Frühe beim Verbinden meinen Finger besah, meinte sie, es
sei nun soweit und ich müsse anderntags zum Doktor in die Stadt, und als
ich nach dem Mittagessen müde und verheult in der Küche hockte, schickte
sie mich in meine Kammer; ich solle zu schlafen versuchen, Herr Bürger gehe
heut nicht zum Orgeln.
Stumm lief ich aus der Küche; vor der Kammer aber graute mir, als warteten
dort alle Nöte meiner nächtlichen Kämpfe auf mich; so stieg ich denn
im Garten auf meinen Birnbaum und geriet in einen wunderlichen reglosen
Dämmerzustand, da ich vor Müdigkeit wie betäubt und doch zum Schlaf zu
unruhig, gequält und zu traurig war; nur eins war mir klar bewußt, -- daß
es bald irgendwie ein Ende geben müsse.
Aus diesem dumpfen Hindämmern weckte mich am späteren Nachmittag ein
Geraschel im Laub des Gartens unter mir; hinabspähend gewahrte ich Frau
Finkenlohr in der blauen Schürze, wie sie geruhsam auf dem Boden hockte
und ihre Erbsen an Stöcklein band. Ihr grauer Scheitel sah durch das Grün
herauf; ich hielt mich aber lautlos stille, und als ich sie so vergnügt
und mit Behagen ihre Arbeit tun sah, ergriff mich ein Gefühl von Neid und
Bitterkeit, und es gelüstete mich, ihr eine der harten Holzbirnen an
den Kopf zu werfen, -- zu sehen, ob auch sie einmal aus ihrer über alles
erhabenen Gelassenheit und ihrem vergnügten Frieden zu bringen sei.
Nach einer Weile kamen Schritte den Garten herauf; es war Herr Bürger; er
gesellte sich zu Frau Finkenlohr und fing ein Gespräch mit ihr an. Und als
sie mit ihren Erbsen fertig war, ging er mit ihr weg, dem Haus zu.
Blöde stierte ich auf den Fleck hinab, wo die beiden gestanden waren;
plötzlich aber wurde ich rot und blaß und beugte mich zitternd vor.
Wahrhaftig, da lag auf dem Gartenweg Herrn Bürgers schwarzes Schreibheft;
es war dasselbe, in das er noch am Vormittag an einem Tisch im Garten
hineingeschrieben hatte, und es mußte ihm entfallen sein, als er vorhin
seine Nase geputzt hatte.
Und schon stieg ich an allen Gliedern bebend von meinem Baum herab; ich
mußte es haben, ich hatte mir durch meine Liebe tausend schmerzliche
Rechte dran erworben. O, seine Gedichte, -- seine geliebten Gedanken und
Träumereien!
Ich war unten, spähte herum, ob mir niemand zusähe und stieg dann schnell
mit dem Heft wieder in die Höhe. Stöhnend preßte ich es an mein Herz. Dann
schlug ich mitten drin auf und las.
»-- -- Projekt: Ausflug nach Unterbutzenbach. Wecker geht 5 Uhr 30
herunter. Sofortiges Aufstehen. Blick aus dem Fenster: Schnee. Westliche
Hälfte des Himmels etwas bewölkt, östlich jedoch klar. Sterne. -- Toilette.
Zahnputzwasser etwas zu kalt, was jedoch zu entschuldigen ist, da Bedienung
eine Stunde früher aufstehen mußte. Aus dem Kamm bricht ein Zinken;
nach dreiwöchentlichem Gebrauch schon der zweite. (Kamm wurde bei
Umschneider & Co., Blumenstraße 7, gekauft; genannte Firma ist also künftig
zu ignorieren.) Vorbereitungen; an Mundvorräten: ......«
Blaß und verstört blätterte ich vorwärts; das konnte doch wohl nicht das
rechte sein. Ich las an einer andern Stelle des Hefts.
»-- -- -- Mittags 12 Uhr 40. Fräulein Söderblüm erscheint in einem
gemusterten Kaschmirkleid. Muster: grünlichblaue Quadrate mit
gelblichweißem Grund. Darüber weiße Sportjacke. Mittagessen. Ausgezeichnete
Nudelsuppe; Schweinskotelette, schwach geschätzt etwa 12 auf 15 Zentimeter
groß -- -- -- --«
Das Buch entfiel meinen Händen, kollerte durch den Baum hinunter und blieb
auf dem Wege liegen.
-- -- -- Es wurde Abend; längst hatte Herr Bürger sein Heft wieder geholt.
Der Himmel überzog sich trübe, und es fing zu regnen an. Ich saß noch immer
mit krampfig steifen Gliedern auf meinem Baum, einen schweren, blöden Druck
im Hirn. Als der Regen stärker kam, ging ich willenlos vom Baum herunter
und wollte ins Haus zur Abendsuppe, da mir schwach und elend vor Hunger
war. Und da fing in meinem Innern etwas an, in einem solch starken und
wunderlichen Gewoge auf und nieder zu gehen, wie ich es nie mehr in meinem
Leben verspürt habe; Scham und schüttelnde Heiterkeit, Glück, Erleichterung
und tiefe Beklommenheit liefen mir in mächtig bewegten Wellen durch die
Seele, und ich vermochte kaum dem tollen Wirbel standzuhalten und die Augen
noch offen zu haben und weiter zu gehen. Aus Frau Finkenlohrs Schlafstube
schien ein helles Licht in die Nacht hinaus. Da saß sie wohl und wartete,
daß ich wie allabendlich zum Verbinden hinaufkäme. Ach ja, ich wollte zu
ihr; es dröhnte mir im Kopf, in Schwindel und Schwäche kämpfte ich mich die
Treppe hinauf, droben brach ich in ihren Armen zusammen und wußte nichts
mehr von mir.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in Frau Finkenlohrs Bett; sie beugte
sich über mich, sagte, ich hätte Fieber und ließ mich an jenem Abend nimmer
von sich. Sie zog mir sachte die Kleider aus, brachte mir zu essen, und gab
mir ein Schlafmittel. Auch ließ sie mich in ihrem eigenen Bett liegen; sie
selber rüstete sich daneben ein Lager, und als ich ihr ruhiges und heiteres
Schnarchen hörte und das wohlige Gerüchlein ihrer Kissen spürte, verwogten
allmählich die hohen Wellen in meinem Gemüt; es ergriff mich das Gefühl
eines ungeheuerlichen Erlöstseins, und in einer Müdigkeit ohne Grenzen
schlief ich trotz der quälenden Schmerzen in meinem Finger schnelle ein.
-- Am andern Morgen ließ Frau Finkenlohr anspannen und fuhr mit mir zum
Doktor in die Stadt. Es war schlimm, und ich mußte eine Zeitlang dort
bleiben.
Dann, an einem frühen Morgen machte ich mich wieder auf den Heimweg nach
dem Zinken. Und es geschah, daß ich mich veratmend an den Wegrand setzte.
Es war ein kühler, wolkiger Morgen; man wußte noch nicht, wollte der Tag
schön oder trübe werden. Der Sturm hatte eingesetzt und lief mit mächtigem
Wehen über das weite, flache Land. Und dieweil ich so in der tiefen,
bewegten Einsamkeit saß und mein Herz voll einer seltsamen Trauer und
großer, unverbrauchter Liebe war, löste sich's in mir langsam, wurde zu
Worten und Reimen, und es war mir dies seltsam tröstlich. Es hieß so:
So oft auch der Sturm mit Toben
Uebers Land hingeht, --
Er ist noch immer zerstoben
Und müde verweht.
Die Ströme ziehen mit Brausen
Und mächtig daher;
Und müssen doch alle draußen
Verrinnen im Meer.
-- Meine Liebe steht unaufhörlich
Voll Sehnsucht und groß,
Glüht ungestüm und begehrlich --,
-- Und wird doch bloß
Gleich Stürmen und rauschenden Flüssen
Irgendwo still
Verwehn und verrinnen müssen,
Weil niemand sie will.
Als ichs am Abend aufschrieb, kam Frau Finkenlohr dazu. In einer
plötzlichen, seltsamen Anwandlung schenkte ich ihrs. Sie las es, meinte, es
sei schön, bloß wäre es nicht gut zum Singen. Sodann bedankte sie sich und
schloß es in ihre Schatulle.