Viele Grüße und einen Kuß von Deiner Urschel.«

-- Ich lachte und weinte, war halb närrisch vor Freude und las den Brief

wohl hundertmal. Ach, das war sie, wie sie leibte und lebte; meine liebe,

liebe Urschel!

-- Sie hat mir nie mehr geschrieben.

Es ist mir, als habe ich es dazumal schon leise und dunkel geahnt, daß

sie mir für immer verloren sei. Und doch war es nun, da ich sie auf einem

Schiff über's Meer fahren wußte und einer neuen, begehrlich ersehnten

Zukunft entgegen, lange nicht so trübe und furchtbar, und tausendmal

besser zum Ertragen für mich, als wenn sie die Stangenmänner vom Flusse

aufgefischt hätten.

Aber die fröhliche, helle Flamme meines Lebens fiel jäh in sich zusammen,

nun, da ihr die Nahrung ausging. Es ist mir vergönnt gewesen, eine Zeitlang

von eines prächtigen und schönen Menschen Leben mitgerissen zu werden und

aus seinen Augen die Welt zu sehen; da war sie reich und bunt und voller

Leben und Ereignis und Unerschöpflichkeit, und unser Schicksal war das

der Welt, weil wir kühn mitten drin uns treiben ließen wie ein Boot auf

bewegtem Wasser, selber bewegt, selber vom Wind und Sturm getrieben und dem

großen, weiten Meer zusteuernd.

Und nun mit einem Schlage hatte ich mein eigenes, kleines, jämmerliches

Dasein wieder, und sah mit Entsetzen, daß ich nicht Kraft und Witz und

Fröhlichkeit genug hatte, es allein so weiter zu führen, wie es vorher mit

Urschel gewesen war. Mein Schicksälchen lief grau und armselig weiter und

wartete auf den großen Strom und das weite Meer, dem wir damals so nahe

standen, und mußte noch lange warten.

In einer halb blöden Stumpfheit lebte ich die nächsten Monate vor mich hin.

Einmal noch kam all der Schmerz grausam neu über mich; in der Stunde, da

ich mein Erbe antrat: da ich den Schiller, Kopernikus und Zeppelin von der

Wand nahm und ihn unten in meinem Koffer barg.

Tags darauf zog in einem schwarzwollenen Kleid und mit falschen Zähnen eine

dicke Nane nebenan ein.

* * * * *

Schon von meiner Kindheit an war ich gewöhnt, mit irgend jemand in

herzlicher Vertrautheit zu leben und alles zu bereden, was mir auf der

Seele lag. An Margret und an Elsbeth hatte ich mit der gleichen,

warm erwiderten Liebe gehangen; und nun, da durch Urschels wundersame

Freundschaft alle Hingabe und Liebe und Neigung in mir geweckt und

erwartungsvoll war, stand ich allein, suchte vergebens nach einem Menschen,

dem ich meine Liebe schenken könnte, und das schwere Blut meines Vaters

regte sich in mir dunkel und drängend.

Und da war es wieder die Neigung zu der schönen, kühlen Frau Gunhild,

die mich packte wie ein toller, ungebändigter Sturmwind, und es war keine

Urschel mehr da, die mich mit treuen, fröhlichen Händen davor bewahrte.

Wenn sie an mir vorüberging, klopfte mir das Herz vor Beklemmung, ich

zitterte, wenn sie mich rief oder ansah und wenn sie mit mir sprach, kamen

mir Tränen in die Augen. In den einsamen, schwülen Sommernächten machte

mich die Leidenschaft halb verrückt; ich küßte im Flur ihren Hut und ihre

Schuhe, manchmal schlich ich mich lautlos vor ihre Schlafzimmertür, warf

mich auf den Boden und krampfte meine Finger in die Matte. Und ich dachte

oft in schmerzlicher Verwunderung, wie es denn möglich sein könne, daß

diese ungeheure Kraft so ganz verloren und ohne Widerhall bleiben könne;

ob es da nicht geheime Strömungen gäbe, Fernwirkungen, die Träger und

Ueberbringer solcher stummer Sehnsüchte wären. Ach, sie mußte es doch

spüren, daß ich sie lieb hatte!

Schließlich wurde ich mager und müd und kam in der Kraft und Gesundheit

herunter; ich vernachlässigte meine Pflichten, und eines Abends, als ich

den Tisch vom Nachtessen abräumte, stellte sie mich zur Rede.

»Was ist mit Ihnen, Agnes? Sind Sie krank?«

Da sagte ich ihr mit abgewandtem Gesicht alles, wie ich sie lieb hätte und

die Not meiner Nächte. Ich fragte sie traurig, ob sie es denn nicht gespürt

habe, daß ich ihr leidenschaftliche Liebe entgegenbringe und Tag und Nacht

sehnsüchtig an sie denke.

Sie schwieg lange, wie es so ihre Art war. Dann sprach sie langsam: »Nein,

ich habe nichts gespürt. Und dies kommt daher, weil ich nichts spüren will!

Sehen Sie, ich kann so etwas nicht verstehen. Kämpfe und Schmerzen hat ein

jeder Mensch, auch ich; aber es ist etwas in mir, das mich davor behütet,

von einer Leidenschaft so jämmerlich haltlos gemacht zu werden, wie

Sie. Ich bin mir einfach zu gut dafür; ich habe es nicht nötig, jemand

nachzulaufen, der meine Liebe nicht möchte. Und ich will es Ihnen offen

sagen: die Leute, die so wenig Stolz und innere Kraft haben, daß sie nicht

Herr über sich selber werden, die verachte ich; eine solche Liebe ist

keines rechten Menschen würdig, und ich möchte nicht, daß mich -- so --

etwas -- berühre.« --

Dann faltete die stolze Frau ihre Serviette zusammen, verließ das Zimmer

und ließ mich unsagbar verwettert und keines Wortes mehr mächtig zurück.

Wie betäubt starrte ich auf ihren leeren Stuhl und als ich mich endlich

wieder gefaßt hatte, schlich ich mich leise hinaus und die Treppe hinunter,

um meinen Jammer an den Fluß zu tragen. An einer Stelle, unweit des Wehres,

wo ich oft mit Urschel gesessen hatte, und wo man weit über das Tal sah,

setzte ich mich ans Ufer, zog meine Schuhe und Strümpfe aus und hängte die

Füße ins Wasser, -- und bedachte, daß es wohl das beste wäre, ich tue das,

was meine Urschel nicht fertig gebracht hatte.

Es war ein schwüler, von einer seltsam bangen Unruhe erfüllter Abend; ein

schweres Wetter stand am Himmel, im Westen schoben sich die Wolken über

einem verhaltenen Leuchten, und in wunderbarer, bläulicher Klarheit und

Nähe lagen Berge und Tal und Fluß in der fahlen, dünnen Gewitterluft. Dicht

über dem Wasser aber strichen zahllose Schwalben, wie in angstvoller Hast

mit sausendem Schwirren hin und her; dazu hörte man neben dem Rauschen

des Wehres hie und da einen dumpfen Donner über das Gebirge her in die

gespannte, lauernde Stille hinein.

Und wie ich nun in Elend und Trauer daran dachte, daß gerade ich, die das

dürstende, begehrende Blut meines Vaters hatte, das mir schier die Adern

sprengte vor drängender, sehnsüchtiger Gewalt, alle Menschen, die mir lieb

waren, wieder verlieren müsse, -- da ich Elsbeth und den Vikar, Urschel

und die schöne Gunhild im Geiste vor mir sah und wie heiß und echt ich

sie liebte und Schmerzen um sie litt und Leidenschaften verwürgte, und nun

erkennen mußte, daß mir keines von ihnen mehr blieb, -- da ich das Leben,

das ich glaubte in Tanz und fröhlichen Nächten verstanden und besessen

zu haben, so nackt und unverhüllt in seiner eigenen, nächtigen Unruhe und

stummen Sehnsucht sah, da fiel es mir urplötzlich wie ein Schleier von

den Augen; es erging mir wie Urschel, da sie sagte: ich bin so grausam

gescheit; ich weiß jetzt alles!

Es kam eine Erkenntnis über mich, schmerzlich freilich, grausam

schmerzlich, und doch wie ein göttliches Licht: ich wußte, daß ich das

Leben nicht gekannt hatte bis zu dieser Nacht und daß es viel trauriger

und viel schöner sei als ich je geglaubt hatte. Ich sah ein, daß man keinen

Schmerz umsonst leide, ja, daß Schmerzen und Verluste sein müßten, um einen

reif und weise und wahrhaft glücklich zu machen. Und ich gelobte, kein Leid

und keine Sehnsucht mehr in so läppischer Ungebärdigkeit auszutoben wie die

Liebe zu Frau Gunhild; was von jetzt an an Schmerzen über mich käme, wollte

ich bewußt und still und eines tapferen Menschen würdig hinnehmen und

tragen. Und ich war froh, daß mir das Leben stumm seine traurigen Hände

bot, daß ich sie ergreife und mittue; jetzt, in Not und Einsamkeit, da

ich nichts anderes mehr hatte, kam die gütige Mutter Natur selber, mich zu

trösten, und ich sah in einer jähen Offenbarung ihre allmächtige Schönheit

und Größe.

Es wurde dunkel um mich; die Nacht hing in vielen drängenden, unerlösten

Gewittern; es fiel kein Tropfen, nur irre Lichter zuckten über den

verwölkten Himmel, und der schwüle Wind fuhr durch die Uferbüsche. Und mit

jedem Wetterleuchten wurde es klarer in mir und gewisser; und als ich die

Füße aus dem Wasser zog, war ich ein anderer Mensch als vorher. Ich brachte

es nicht über mich, meine Schuhe anzuziehen; ich mußte meine liebe Erde

unter den bloßen Füßen spüren und meinte, sie damit zu liebkosen.

Und als ich nun, die Strümpfe über die Achsel gehängt, über die Brücke

heimwärts lief, dichtete ich einen Lobgesang an das Leben: »O du liebes,

wonniges Leben, wenn du nichts wärst als Frühling und Sommer und Winter,

so wärst du dem, der dich mit offenen Augen sieht, nichts als Lust und

Unerschöpflichkeit; und wärst du nichts als Lieben und Schmerzenhaben und

Geliebtes wieder verlieren, so wärst du köstlich und wundersam!«

Und es fielen mir Lieder ein und Gedanken, und ich fing an zu dichten

und dachte lachend, wie es schon einmal ein Fußbad gewesen sei, das mich

derartig angeregt habe und beschloß, falls ich das Dichten einmal nötig

hätte, mich wieder eines solchen zu bedienen. --

Am andern Morgen kündigte ich Frau Gunhild meine Stellung; sie sah

mich ruhig und ein wenig mitleidig an; nun, da ich mich selbst nimmer

bemitleidete, rührte es mich nimmer, und ich kam glatt über den

gefürchteten Augenblick weg. Dann schrieb ich auf ein Kindermädchen-Gesuch

in einer Zeitung, schickte Gunhilds Zeugnis hin und bekam die Stelle.

Am ersten Oktober reiste ich. In einer windigen Morgenfrühe fuhr ich noch

einmal über den Fluß, lief über Brücke und Markt, und es war mir wehmütig

und froh zugleich zu Mute. Als ich Frau Gunhild zum letztenmal die Hand

gab, blickte ich sie mutig und zuversichtlich an und hatte die Freude, noch

einmal jenes köstliche, liebe Lächeln an ihr zu sehen, das mir wie eine

freundliche Verheißung für mein ferneres Schicksal dünkte.

Nur ganz am Schlusse, als ich schon im Eisenbahnwagen saß, übermannte mich

noch einmal der Schmerz um alles, was ich hier zurückließ; der Zug fuhr

langsam zum Städtlein hinaus, in der Platanenallee war es schon herbstlich

kahl; ich konnte zwischen den Stämmen eine Reiterin erkennen, die in

langsamem Trab daherkam und dem Zug nachschaute. Es war Gunhild; und als

ich die stolze Frau noch einmal so fein und königlich auf ihrem Pferd

sitzen sah, lief es mir heiß die Backen hinunter. Ich blickte nach ihr

zurück, solang ich sie sah und weinte bitterlich.

Mir ist, als habe sich von jener Reise an in meinem Leben eine bedeutsame

Wandlung vollzogen; war ich seither, durch Kindheit und frühe Jugend

gleichsam wie von einem gemächlichen und eigentlich garnicht zu mir

gehörigen Strom zumeist durch traurige oder doch sehnsüchtige und

halberfüllte Zeiten weiter gespült worden, so wurde jetzt mein Fahrwasser

zur Brandung, ich stand mitten drin in Wirbeln und Geschehnissen, und es

wurde mir wohl bewußt, daß dies zu mir gehörte, denn ich mußte streiten und

mich wehren und festhalten, daß ich nicht unterging.

Wiewohl mein Leben auch heute noch bewegt und bunt genug hinläuft, so hat

es doch mit jenen Stürmen nichts mehr zu tun; das alles drängte sich damals

in ein paar kurzen Jährlein zusammen. Mit jener Reise war das zarte und

träumerische Vorspiel zu Ende; brausend und hinreißend brach nun die große

und seltsame Musik meines Lebens über mich herein.

Zunächst ging es nun noch betrüblich und langweilig genug zu.

Ich kam in eine fremde große Stadt als Kindermädchen, und ich, die Kräfte

gehabt hätte, sechs wilde Buben zu versorgen, mußte nun, ohne daß ich

im Haushalt mitangreifen durfte, ein kleines, schläfriges und sanftes

Mädelchen hüten. Des Abends um neun Uhr mußte ich im Bette liegen und

während der Nacht sollten fein säuberlich Fenster und Läden geschlossen

bleiben, da ich mit der Kleinen in einem Zimmer schlief.

Ich durchlebte Stunden voll namenloser, drängender Unruhe, in denen

sich meine Jugend, Gesundheit und Schaffenslust empörten gegen dieses

aufgezwungene Müßigsein, -- Augenblicke, in denen alles an mir zitterte

vor zurückgedrängter Kraft und Vollblütigkeit und deren unerlöste Qual mich

bedrückte wie eine Krankheit. Manchmal befiel mich dieses Fieber am

Tage, wenn ich Leute schwere Arbeit tun sah, manchmal abends, wenn ich im

Vorübergehen aus festlichen Sälen Tanzmusik hörte, meistens aber in der

Nacht, wenn ich ohne Schlaf und Müdigkeit auf meinem Bette lag und alle

Sehnsüchte, aufzustehen und etwa ein Stück in die Nacht hinauszulaufen, in

mir unterdrücken mußte, da ich das Kind nicht allein lassen durfte.

Und ich war es doch gewöhnt, die halben Nächte durchzuschwärmen! Nun lag

ich trostlos allein im Dunkeln, durfte kaum ein Fensterriegelein offen

haben, indeß doch von draußen mein liebes Leben in vielen lockenden Stimmen

herein drang. Und meine wache, begehrende Seele lag wie ein gefangenes

Raubtier und durfte nicht mittun, und jeder Katzenschrei in der Ferne

konnte mich zum Stöhnen bringen vor Jammer.

Die langen Winterabende verbrachte ich so gut es ging mit Lesen; auch fing

ich, halb aus Langeweile, halb aus wirklichem Interesse an, mein bißchen

Französisch und Englisch aus der heimatlichen Realschule weiter zu treiben;

doch fehlte mir hierzu die Konversation und zum ersten ein geistiges

Gewecktwerden überhaupt. Wohl hatte ich mit Urschel zusammen geschichtliche

Romane und Dramen mit Genuß und Verständnis gelesen, aber die moderne

Literatur und vor allem Lyrik schienen mir lediglich Empfindung und

Ausdrucksform einer gebildeten, mir unendlich fernstehenden Menschenklasse

zu sein, davon ich mich bald im Innern unberührt abzog und deren Sinn mir

unverständlich und unerschlossen war.

Im Frühsommer aber ging mir wieder ein Türlein zum Leben auf. Mein

Pflegling bekam den Keuchhusten und wir verreisten zum Zwecke einer

Luftveränderung in eine hochgelegene und waldreiche Gegend, um für einige

Wochen in einem von allem Verkehr meilenfernen ländlichen Wirtshaus Wohnung

zu nehmen. Das Anwesen lag einsam inmitten Wiesen und Wald; man ging

bis zum nächsten Dorf wohl eine Stunde. Es war ein großer Bauernhof mit

Knechten, Mägden und vielem Vieh; früher hatte das Wohnhaus, hart an der

Landstraße gelegen, den vorbeiziehenden Fuhrleuten als Herberge gedient,

nun war es zu einer Art Kurhaus umgewandelt, und man wußte nicht, machte

es die köstliche Luft da droben oder die gedeihliche Sorge der alten Wirtin

für das Leibliche, die es einem so wunderlich wohl werden ließ.

Mit brennendem Neide sah ich die Mägde auf dem Hof und in den Ställen

ihre Arbeit tun, hörte am frühen Morgen, wenn sie aufs Feld fuhren, ihr

Gelächter und ihre fröhlichen Stimmen, und an den Sonntagen stand ich mit

zuckenden Füßen an meinem Fenster, wenn ich wußte, daß sie drüben in der

Scheuer mit den Knechten tanzten und die dünne Drehorgelmusik mir in den

Ohren war. Einmal, als man die ersten Heuwagen einführte und alles, was

auf dem Hof war, mit äußerster Kraft das seine dazu tat, um vor einem

heraufziehenden Wetter das Heu hereinzubringen, ließ ich das Kind allein

im Zimmer oben sitzen, rannte verbotenerweise in den Hof hinunter und half

diebisch vergnügt beim Abladen. Die Wirtin sah es im Vorbeigehen, nickte

mir zu und lachte ein bißchen; auch sprach sie später am Abend, als wir

uns im Haus oben begegneten, eine Weile mit mir, wie dies schon öfters

geschehen war. Ich faßte zu der freundlichen und klugen Frau ein

sonderbares Zutrauen, schüttete ihr mein Herz aus und sagte mit etlicher

Verzweiflung, daß ich es in diesem faulen und untätigen Zustand nimmer lang

aushielte. Sie sagte aber nichts darauf und bot mir bald Gute Nacht.

Am andern Morgen, als ich mit der Kleinen früh ein wenig spazieren

lief, sah ich sie durch ihre Aecker gehen, um zu besehen, was das Wetter

geschadet habe. Als wir näher kamen, rief sie uns zu sich her und sagte,

sie wolle etwas mit mir besprechen. Ich sah sie erstaunt an.

»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen,« begann sie. »Ich möchte Sie

Ihrer Herrschaft nicht abspenstig machen; aber wenn Sie sich _doch_ einmal

eine andere Stelle suchen, -- dann können Sie zu mir kommen. Ich bin eine

alte Frau und komme mit manchem, was getan sein sollte, nimmer so recht

zustande; z. B. mit dem Briefschreiben und der feinen Wäsche, Flicken und

solchen Sachen. Eine Bauernmagd kann ich dazu nicht brauchen, und meine

eigenen Kinder sind verheiratet und weit fort von hier. Sie sollen es

gut haben bei mir, auch im Lohn; und Sie können das Kochen lernen und das

Feldgeschäft, wenn Sie das doch so gern tun.«

Als sie aber meine freudige Rührung heraufsteigen sah, fügte sie schnell

hinzu: »Sie dürfen sich die Sache aber nicht so leicht vorstellen; Sie

müssen schaffen wie ein Ochs und was dran kommt, -- man kann da bei uns

keinen Unterschied machen. Auch sagt man hier nicht Fräulein zu Ihnen, wie

Sie das wohl gewöhnt sind, und Sie müssen mit den andern Mägden und den

Knechten in der Küche essen. Ueberlegen Sie sich's wohl; ich will jetzt

noch gar keine Antwort.«

Mir schoß einen Augenblick durch den Kopf, daß, wenn Frau Griffländer

damals nicht gestorben wäre, ich jetzt wohl Studentin sein könnte, auch,

daß ich in der Schule einstens Englisch gelernt habe und daß mein Bruder

ein gelehrter Herr sei; -- und daß ich trotz alledem eben im Begriff

war, als Bauernmagd auf einem weltfernen Hof zu landen, wo ich mit den

Roßknechten und Säutreibern zusammen am Tisch essen mußte.

Aber es brachte mich bloß zum Lachen; ich streckte der alten Frau, rot vor

Freude und Dankbarkeit, die Hand hin: »Ich kann es Ihnen jetzt schon sagen,

Frau Finkenlohr; ich weiß es heut so gut wie in einem Vierteljahr: ich

komme, sobald ich kann!«

Somit war der Bund geschlossen; wir lachten eins das andere an, und

nach sechs Wochen hielt ich in einer stillen, niedlichen Stube des alten

Wirtshauses meinen Einzug.

Die Ströme des Namenlos · 第 9 / 18 题