Weißt du's nicht?«

Ich schüttelte verwundert den Kopf und meinte, ich könne ja in irgend einem

Buch nachschlagen.

»Nein, laß nur,« sagte sie. »Es wird wohl stimmen mit dem Versäufen!«

Darauf seufzte sie leise und schwieg.

Später, als es dunkel war, gingen wir noch zusammen an den Fluß hinunter.

Es war eine wundersame stille Nacht, Brücke und Wasser lagen schimmernd im

feierlichen Lichte des Mondes, über uns aus dem tiefblauen Grunde brachen

die Sterne so groß und deutlich leuchtend, daß Himmel und Erde einander

nahe gekommen schienen in schweigender Schönheit.

Wir saßen auf der Brücke, ergriffen von dieser Nacht, deren mächtige,

stumme Sprache in uns weiterredete, lauter und unbezwinglicher als in all

der Zeit, seit wir uns kannten. Ich legte mein Gesicht in ihren Schoß,

große, warme Tränen fielen aus den lieben Augen darauf nieder; sie

trocknete mir's mit ihrer Schürze und liebkoste mich stumm und innig.

Als wir dann aufstanden und weitergingen, sagte sie leise: »Du bist ein

guter Kerl, Agnes. Aber ich glaube, du hast zu wenig dumme Streiche in

deinem Leben gemacht. Das ist nicht gut.«

Dann lachte sie. »Ich habe die meinigen gemacht und sie haben mich genug

gedrückt. Aber jetzt sind sie alle so leicht geworden, und wenn ich in den

Himmel komme, fliegen sie lustig und gemütlich wie Pfeifenwölkchen um meine

arme Seele herum, daß der liebe Gott lachen muß und das Schimpfen vergißt.«

Wir machten ein Boot los und fuhren noch bis Mitternacht auf dem glänzenden

Wasser, dann ruderte sie mich ans Ufer und bat mich, heimzugehen, sie wolle

später nachkommen.

Und als ich ans Land steigen wollte, da riß sie mich noch einmal ins

Schifflein zurück, preßte meinen Kopf an ihr Herz und küßte mich heiß und

zitternd wie in Angst und Leidenschaft.

»Sei doch nicht so wild und so wunderlich, -- du. Du machst mir ja Angst,«

sagte ich. »Komm, wir wollen uns die schöne Nacht nicht verderben!«

»Ja, -- ich bin gleich ruhig. Aber,« und dann fing sie auf einmal an, leise

zu lachen, »wenn ich nun zum Beispiel heute Nacht ins Wasser spränge, --

gelt, dann käme das Amtsgericht um die fünfundzwanzig Mark Strafe, die ich

noch schuldig bin? Ach, das täte mich noch in der Ewigkeit freuen!«

Sie wurde aber gleich darauf wieder ernst und still und in ihren Augen

waren Tränen.

Dann half sie mir ans Land steigen, bot mir zum Abschied noch beide Hände

herauf und sagte leise: »Gute Nacht, Agnes. Wenn du einmal nach Spanien

kommst, sag einen Gruß von mir!« Darauf stieß sie ab und blickte nimmer

zurück.

Ich schritt langsam heim und war sonderbar ergriffen. Aber nicht

traurig wie in jener andern Nacht, da Urschel den Blonden mit zu sich

heraufgenommen hatte, sondern glücklich und von einer tiefen, dankbaren

Freude erfüllt, darüber, daß ich einen solch schönen, köstlichen Menschen

zum Freunde hatte wie meine Urschel. Noch vor dem Einschlafen fuhr ich über

meine Wange, wo ihre Tränen und Küsse hingefallen waren und nannte zärtlich

ihren Namen.

»Liebe, liebe Urschel!« -- -- --

Am nächsten Morgen war Urschel verschwunden. Man fand ihre Schürze und

nassen Kleider am Fluß; die Leute sagten, sie sei ins Wasser gegangen, weil

sie von dem Schulmeister ins Unglück gebracht und verlassen worden sei,

und Männer mit Stangen suchten am Flusse nach ihr. Ach, ich glaubte es nun

auch, ich meinte, es noch gewisser zu wissen, als die andern!

Es war alles so namenlos traurig und schwer und entsetzlich.

Die Männer fanden sie nicht; der Leichnam war wohl vom Flusse mit

fortgerissen worden.

-- Nach acht Tagen bekam ich einen Brief.

»Liebe Agnes, ich bin in Hamburg. Damals in der Nacht habe ich mich im

Fluß ertränken wollen; ich bin aber nicht untergegangen, weil ich so gut

schwimmen konnte; es war zum Lachen. Jetzt ist es mir auch so recht. Ich

will nach Amerika. Wenn ich drüben bin, schreib ich Dir wieder, und wenn es

schön ist, mußt Du auch kommen; dann freue ich mich.

Du wirst schon wissen, warum ich es habe tun wollen. Aber ich fange jetzt

an, es lieb zu haben. Wenn es ein Mädchen wird, heiße ich es nach Dir.

In Hamburg gefällt es mir gut; ich war schon am Hafen und habe Schiffe

gesehen; sie sind bloß ganz fürchterlich viel größer, als ich sie mir

vorgestellt habe. Wenn ich bei der Ueberfahrt nur auch die Maschinen sehen

darf! Neger habe ich auch schon gesehen und gestern einen Chinesen.

Die Ströme des Namenlos · 第 8 / 18 题