Zweites Buch

Da starb Frau Griffländer, meine Gönnerin, infolge eines Unglücksfalles,

der sie auf ihrer Sommerreise betroffen hatte, und obwohl ich, den Brief

vorweisend, bei ihren Erben verzweifelte Anstrengungen machte, die mir

versprochene Unterstützung dennoch zu bekommen, nützte doch alles nichts

mehr; ich war ärmer als zuvor und zerschlagen und unsäglich erbittert.

Ich suchte eine Stelle als Dienstmagd und nahm ziemlich weit von meiner

Heimat weg eine an, ohne lang zu prüfen und mich zu erkundigen; es war mir

so gräßlich gleichgültig, wo ich hinkam, ich wollte nur fort von zu Hause,

wo nun alle Dinge ohne Traum und Schimmer so abscheulich grell und nüchtern

dastanden und mich höhnisch anstierten.

Es ist mir schlecht gegangen damals und nichts erspart geblieben; und jene

Zeit, da ich an nassen Novembertagen durch fremde Städte und unter

kahlen Bäumen ging, da ich in bösen Winternächten, von Kälte und

Heimweh geschüttelt, in wüsten Kammern wachlag, da ich verzweifelte

Eisenbahnfahrten wagte, die doch immer wieder dem gleichen Elend zuführten,

und da alles so schauerlich kalt und fremd war und ich verlassen und

ohne Licht und Weg und Rat im Dunkeln stand, jene Zeit steht noch immer

peinigend deutlich und so voller Schwermut und Bitterkeit in meinem

Gedächtnis wie keine andere.

Und dennoch meine ich manchmal, es liege gerade von jener Zeit her ein

leiser Schimmer über meinem Leben, wie ein schmerzlicher Reichtum. Das ist

ein tiefes, demütiges Verstehen aller menschlichen Not, eine Weisheit

und ein seltsames Licht, das mir mit traurigem Lächeln in jede Armut und

Einsamkeit hinableuchtet; und seither ist mir jeder Landstreicher Bruder

und jedes verirrte Mädchen Schwester; unser aller Mutter ist die herbe

schöne Erde, und heimatlos und verlassen eine Nacht unter freiem Himmel

an ihren Schollen geborgen schlafen zu müssen, kommt keinem andern Weh und

keiner andern Süßigkeit gleich.

Ich war nun sechzehn Jahre alt geworden; da hatte ich aufs Frühjahr

eine Stellung als Hausmädchen bei einer vornehmen jungen Witwe in einer

süddeutschen Stadt angenommen. Es war gegen Abend, als ich vom Bahnhof her

durch die Straßen lief und nach dem Haus fragte. Hoffnungen hegte ich kaum

mehr, und ich war müde und hungrig von der Reise; aber wie ich so vor dem

schönen, alten Gebäude stand und einer sauberen jungen Magd zusah, die

pfeifend die Glockenzüge putzte und den grünen Fluß hörte, der dicht hinter

dem Haus vorbeifloß, da wurde es mir besser und ruhiger zu Mut als seit

langem.

An der Glastüre empfing mich eine dicke Köchin, lachte mich gutmütig an,

als ich sagte, ich sei das neue Hausmädchen und gab mir zum Einstand gleich

einen kräftigen Patsch. Dann führte sie mich zur gnädigen Frau. Es war ein

hohes Zimmer, am Fenster in einem kühlen, hellen Licht stand eine Dame,

die war schön wie eine junge Göttin. Sie reichte mir in einer vornehmen

Freundlichkeit die Hand und sprach mit einer tiefen, warmen Stimme, die

das ganze Zimmer mit einem sonderbaren Klang füllte: »Guten Abend, Fräulein

Flaig, haben Sie eine gute Reise gehabt?« -- »Ja!« -- »Dann ist's recht.

Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei mir!«

Und wie nun ihr Blick prüfend auf mir lag und ich in dem klaren, kühlen

Lichte der reinen Augen stand, war es mir, als fiele alles Elend der

letzten Zeit von mir ab wie ein schmutziger Kittel, ich war wieder jung und

gut und unberührt und wußte von nichts als von dem Wunsche, daß mich die

schöne Frau einmal liebhaben möchte und daß ich den stolzen Mund einmal mir

lächeln sähe. In die Stille hinein hörte ich mein Herz schlagen; ich freute

mich daran, und es war wieder so ruhig und beinahe fröhlich klar in mir wie

damals, als ich studieren wollte. Ich spürte eine neue Macht über meinem

Leben und gab mich ihr hin wie einer Erlösung.

Später am Abend erfuhr ich, daß die schöne Frau mit dem Vornamen Gunhild

heiße, ich sah ihr blondes Haar, ihre feingebogene Nase und den schmalen,

stolzen Mund, und es war mir, als habe ich ihren Namen schon gewußt, als

ich sie mit dem ersten Blick gesehen hatte.

Als wir unsere Arbeit getan hatten und alles im Hause still war, nahm die

Köchin eine Ampel und zeigte mir meine Schlafstätte. Es war eine saubere

Kammer unter dem Dach mit einem Fenster, das gegen den Fluß zu ging. Wir

wünschten einander Gut'nacht, ich packte meinen Koffer aus, löschte das

Licht und entkleidete mich. Dann stand ich noch eine Weile unter dem

Fenster in der kühlen Nacht, hörte den Strom in der Ferne über ein Wehr

gehen, schloß die Augen und dachte in einem süßen Schauer an Frau Gunhild.

* * * * *

Als ich etwa acht Tage im Hause war, begegnete ich eines Abends der jungen

Magd, die damals am ersten Tag vor dem Haus die Glockenzüge geputzt

hatte, auf der Treppe. Sie war Lehrerstochter und bekleidete bei der alten

Regierungsrätin im oberen Stock eine Stellung als Stütze der Hausfrau,

worunter man hierzuland eine Tochter aus guter Familie versteht, die in

ihrem Dienste alle Vorrechte eines Gebildeten zu genießen Anspruch hat.

Wir grüßten uns und sprachen ein paar Worte miteinander; als wir dann

vor meiner Kammertüre standen, lud ich sie ein, noch eine Weile zu mir

hereinzukommen. Wir saßen auf meinem Koffer nebeneinander; die hübsche

schwarzhaarige Person gefiel mir, wenn sie auch eine sonderbare Art, sich

zu geben hatte, und mir ein wenig frech vorkam. Sie fragte mich, wo ich

herkomme, ich seufzte und suchte verlegen, ihr mein Schicksal zu erklären.

Ach, ich wollte nimmer alles aufwärmen; es gehörte nichts davon in die

heitere, saubere Gegenwart.

»Ach so,« meinte sie lebhaft -- »Sie haben Pech gehabt? Lassen Sie doch,

das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Und trösten Sie sich, das geht den

meisten so -- viel Rutschen macht blöde Hosen -- das ist gar nicht so. --

Pfeifendeckel -- ich bin froh, daß ich ein Stück in der Welt herumgekommen

bin!«

»Wie man's nimmt,« sagte ich, »so schlimm wie mir wird's Ihnen wohl nicht

gegangen sein.«

»O jerem,« lachte sie, »bis zu meiner fünfzehnten Stelle hab ich's noch

gezählt; seither lass' ich's bleiben. Als ich eine Woche in der Fremde war,

bin ich einmal rittlings das Treppengeländer hinuntergerutscht, und die

vier Kinder, die ich hüten sollte, hinten nach. Ach, es war elend schön!

Nur wurden wir unten von der Frau abgefaßt und ich bekam eine an die Ohren

-- da bin ich ihr im Zorn aus dem Dienst gelaufen. Ich bin auch einmal ein

Vierteljahr lang bei einer Seiltänzertruppe gewesen!«

»Aber sind Sie denn in Ihrer jetzigen Stellung befriedigt?« fragte ich

lachend.

»Vollkommen. Sehen Sie, der Mensch muß halt auf seine Kosten kommen. Meine

alte Regierungsrätin ist ein liebes Schaf; ich habe es gut bei ihr und sie

kann noch hundert Jahre alt werden. Und sie ist stocktaub, wissen Sie, das

ist himmlisch! Ich kann den ganzen Tag singen und juchzen und Mundharmonika

spielen und sie hört kein Schnäuferlein; wenn ich ihr Antwort geben soll,

muß ich's auf eine Tafel schreiben. Und dann -- es gibt einfach im ganzen

Land kein so schönes, altes, köstliches Haus mehr an einen Fluß hingebaut

wie dieses. Das werden Sie auch noch herauskriegen, wenn Sie sich

wahrscheinlich jetzt erst nur drüber freuen, daß keine Kutterkiste im Hause

ist, weil man alles ins Wasser schmeißt. Aushalten werden Sie's schon. Die

Gunhild ist anständig.«

»Anständig --?« fragte ich. »Ich meine, sie sei wunder, wunderschön.«

»Nein, was die Ansichten verschieden sind! Ich kann sie nicht schmecken!

Haben Sie sie auch schon einmal lachen oder schimpfen oder jammern hören?«

»Es braucht doch nicht jeder sein Herz auf der Zunge zu tragen,« sagte ich.

»O, Sie können ruhig sein, die Gunhild hat überhaupt keins. Es ist bei ihr

ein Kieselbatzen statt einer Seele im Leib.«

»Sie ist so schön und fein und stolz,« sagte ich nachdenklich. »Ich glaube,

sie hat mehr Seele als eins von uns. Es wird eben tiefer bei ihr liegen als

bei andern Leuten und sie wird nicht wollen, daß jeder hineinsehen kann.«

»Ach, wissen Sie, wenn's _so tief_ ist, dann lassen wir's lieber liegen!«

Da mußte ich lachen, wie sie mich so drollig treuherzig dabei ansah. Sie

erzählte, sie heiße Urschel Pfannenschmid und sei da oben bei Heidenheim

irgendwo zu Hause.

»Seltsam,« sagte ich, »ich hätte eher gedacht, Sie seien Italienerin oder

etwas ähnliches!«

Sie nickte. »Es wird auch so sein. Wissen Sie, die Zigeuner fuhren einmal

im Galopp durch unsern Ort und ein Kindle fiel hinten aus einem Wagen

heraus und blieb liegen. Da fand's die Schulmeisterin und zog es auf; das

bin ich. Jetzt sagt sie natürlich, ich sei ihr Eigenes!«

Ich wußte nicht recht, war das zu glauben oder nicht.

Urschel aber stand auf und ging zum Fenster, wo sie in den Fluß

hinuntersah, stieß die kräftigen, braunen Arme gegen die Decke und sagte

halb lachend, halb seufzend: »Ach, ich spür's doch in allen Gliedern, daß

ich eine Zigeunerin bin. Es liegt mir eine Unrast und eine Musik und ein

Tanz im Blut, das treibt mich unablässig zu Streichen und Dummheiten und

Lumpereien. Die Leute legen mir's als Leichtsinn und Bosheit aus, es ist

aber nichts als Musik und Zigeunertum, man kann nichts dagegen tun.

Das Schönste und das Gräßlichste aber ist die Sehnsucht, zu wandern und in

die Fremde zu ziehen. O, wenn ich nachts den Fluß höre und den Wind wehen,

bringt es mich fast um vor brennender Lust, in die Ferne zu gehen. Zur

Tröstung habe ich mir einen großen, feinen Atlas gekauft; da sitze

ich abends oft darüber und mache schöne Reisen, nach Indien oder nach

Südamerika; -- Sie müssen einmal zu mir herüberkommen, ich möchte Ihnen

meine Sachen zeigen.«

Wir blieben den Abend beieinander und saßen unter dem Fenster in die

geruhige Dämmerung hinein. Urschel war doch ein prächtiges Mädchen,

schwätzte, lachte, und war voller Witz und seltsamer Einfälle. Als wir uns

dann getrennt hatten, spät in der Nacht, und ich eben zu Bett gehen

wollte, klopfte es noch einmal an meine Kammertür; Urschel stand draußen

im Unterrock, ein langer schwarzer Zopf hing ihr über den weißen Hemdärmel

herein, und sie sagte fröhlich: »Ich habe etwas vergessen! Wissen Sie,

Agnes, ich möchte gern Du zu Dir sagen!«

Und sie streckte mir ihre warme Hand hin.

Von da aber war unsere Freundschaft geschlossen; ich fand in Urschel einen

Menschen, wie ich ihn so prachtvoll und natürlich und heiter nimmer gesehen

habe.

Ueberhaupt war mein Leben damals so hell und leicht wie noch nie. Ich genoß

die heimliche Schönheit des grünen Flusses, der sommerschweren Kastanien

und die des alten, hohen Hauses mit dankbaren, empfänglichen Sinnen.

Die Arbeit ging mir gern und flink von der Hand, ich spürte, daß sie

mir guttat, und der schönen Frau dienen zu dürfen, war allein schon eine

immerwährende Seligkeit, die alle Mühe leicht machte.

Urschel's warmherzigem, spring-lebendigem Wesen stand die Frau freilich

fast kalt und seelenlos gegenüber, aber ich glaube, dies war nur eine

seltene Selbstbeherrschung, die durch eine feine, sorgfältige Erziehung zur

vollendeten Vornehmheit geworden war. Was ich einst an Elsbeth bewundert

und geliebt hatte, jene köstliche Würde, die sich niemals etwas vergibt und

jener adelige Stolz, der klugen, schönen Geschöpfen manchmal eigen ist, das

fand ich nun bei Gunhild wieder zu einem wahrhaften Königinnentum gereift.

Um Gunhild herum war ein seltsamer Duft oder Schimmer, den ich später

nirgends mehr gefunden habe, nur in Träumen meine ich manchmal noch, ihn

zu spüren, und es wird mir wunderbar wohl dabei. Er hing in ihrem Haar, an

ihren Kleidern, er wehte durch ihre Zimmer und lag über dem kleinen alten

Garten neben dem Haus, wo sie im Sommer saß und las oder nähte. Es war eine

reinliche, helle Kühle, eine klare, seltsam leichte Luft und jedesmal, wenn

ich sie atmete, kam eine kindliche Fröhlichkeit und Dankbarkeit über mich;

ich war wunschlos und von Herzen glücklich, daß ich in dem guten Lichte

stehen durfte, das von Gunhild ausging.

Nur ein oder zweimal kann ich mich von diesem ersten Jahr, das ich bei

ihr diente, erinnern, daß mich eine leise, dunkle Gewalt von Liebe und

schmerzlicher Leidenschaft erfaßte, in der ich Gunhild schweigend näher

kam und da auch sie ihre Kühle und Vornehmheit abstreifte und mir in einer

sonderbar köstlichen Art ihre Zuneigung zeigte.

-- Im Mai mußte ich einmal an einem warmen Regenabend Frau Gunhild von

einer Gesellschaft abholen. Ich hatte mit Urschel Dummheiten getrieben,

gelacht und am Schluß gestritten und ging nun müde und heiß durch das laue,

feuchte Dunkel der Platanenallee; der Wind ging in den Bäumen, die Tropfen

fielen schwer und lässig durch die Blätter und von den nächtlichen Gärten

kam eine verlorene süße Luft herüber. Mit jedem Schritt fiel die Müdigkeit

mehr von mir ab; die Schönheit der Nacht brachte mich in eine leise

Erregung, und in einer seltsamen sehnsüchtigen Freude dachte ich daran,

daß ich nachher an Frau Gunhild's Seite noch einmal und mit doppelter Lust

unter diesen Bäumen gehen dürfe.

Als ich aus der Allee heraustrat, sah ich, daß es aufgehört hatte zu

regnen. Da war auch das Haus, ein breites Licht fiel aus der Glastüre in

die Nacht hinaus, aus einem offenen Fenster hörte man Musik und lachende

Stimmen. Ich trat abseits in den Schatten; und auf einmal kam mir der

Wunsch, es möchte doch wieder anfangen zu regnen. Dann würde Gunhild den

Schirm, den ich ihr gebracht hatte, nehmen und mich bitten, mit darunter

zu kommen, da ich nicht auch einen bei mir hatte. Der Gedanke aber, so

gedrängt nah bei der schönen Frau zu sein, brachte mich in eine plötzliche

Seligkeit und beglückende Unruhe, wie ich sie kaum zuvor gespürt hatte.

Ich mußte lange warten. Endlich ging die Haustür auf; Gunhild kam eine

hell erleuchtete Treppe herab, sie trug ein paar Blumen in der Hand und sah

festlich schön und vornehmer aus als je; unten verabschiedete sie sich von

jemand, lächelte und trat dann spähend vor das Haus.

»Ah, Agnes, hier sind Sie! Nicht wahr, Sie mußten warten? Das tut mir leid,

ich kann nichts dafür!«

»Oh,« sagte ich beglückt, daß sie so lieb zu mir war, »die Zeit ist mir

nicht lang geworden. Ich habe an etwas sehr Schönes gedacht.«

»An was denn, darf ich's wissen?«

Da sagte ich ihr, daß ich wünsche, es möchte wieder regnen; und wie schön

ich es mir dächte, mit ihr zusammen unter einem Schirm durch die dunkle

Allee zu gehen.

Und als ich es gesagt hatte, kam ich mir auf einmal maßlos frech vor und

war erschrocken und verlegen. Gunhild aber streckte ihre Arme aus, stand

einen Augenblick prüfend still und sagte dann heiter: »Ich glaube, ich habe

einen Tropfen gespürt.«

Und wie sie den Schirm aufspannte und sich zum Gehen wandte, fiel das Licht

vom Hause her noch einmal hell über ihr Gesicht: ich sah, daß sie lächelte,

ein wenig belustigt, aber strahlend gütig und lieb; dann gingen wir durch

die Allee, über die Brücke und in einer stillen, dunklen Straße nach Hause.

Und keines sprach ein Wort; aber ich meine, es sei mir nie reiner und

wohler zu Mut gewesen als bei jenem stummen nächtlichen Gang, da meine

Liebe so reich und erfüllt war durch Gunhild's Lächeln und ihre köstliche

Nähe.

Als ich die Haustüre aufschloß, trat sie plötzlich neben mich, faßte mich

unter dem Kinn und bog mein Gesicht zu ihrem herauf, indem sie warm und

leise fragte: »Sind Sie nun glücklich?«

»Ja,« sagte ich, und suchte im Dunkeln das Licht ihrer Augen zu sehen, »ich

bin sehr, sehr glücklich!«

Dann gingen wir ins Haus.

-- Am nächsten Tag war Frau Gunhild kühl, vornehm und ruhig wie immer. Das

tat mir weh und wenn ich in ihre Nähe kam, war ich verwirrt und befangen.

Ich wurde nicht klug aus ihr. Was war nun ihr wahres Wesen -- ihre

zurückhaltende Herbe oder die zarte, hingebende Güte jener Nacht?

Diese Zwiespältigkeit warf mir einen bösen Schatten über ihr Bild und

quälte und bedrückte mich besonders abends stark, so daß ich der lustigen

Urschel oft unmutig weglief, ihre Witze blöd und geschmacklos fand und dann

noch stundenlang jämmerlich einsam in meiner Kammer saß und schließlich

traurig zu Bette ging.

Und da geschah es oft noch spät vor dem Einschlafen, daß ich in einer

plötzlichen Klarheit das Bild der lieben Frau vor mir schweben sah,

ungetrübt, tröstlich süß und heiter lächelnd; ich hörte ihre Stimme wie

damals in der Nacht: »Sind Sie glücklich?« -- Ich spürte ihre Nähe, ich

atmete ihre Luft, und ich lag still und beseligt in ihrem Lichte. Und ich

nahm gern den ganzen verquälten Tag auf mich, um dieser flüchtigen, wonnig

schönen Augenblicke willen.

Einmal lag ich mitten in der Nacht wach und meinte plötzlich, unten im

Hause ihre Schritte gehört zu haben, eilte hinab und sah sie aus der Küche

kommen, in einem langen, weißen Nachtkleid, ein Tuch und ein brennendes

Licht in der Hand. -- Sie erschrak, als sie mich sah. »Agnes! Warum

schlafen Sie nicht?«

Ich fragte, ob ich ihr nicht irgend etwas tun könne, ob sie nicht wohl

sei, und ich sah sie voller Angst an und konnte nicht hindern, daß mir ein

Zittern über die Glieder lief. --

»Ich habe ein wenig Kopfweh gehabt und konnte nicht einschlafen. Nun habe

ich mir ein nasses Tuch geholt, das ist alles!«

Sie stellte den Leuchter weg und sah mich klar und lieb, aber ohne Lächeln

an. -- »Ich muß einmal mit Ihnen reden, Kind. Sehen Sie, Sie meinen wohl,

ich merke nicht, wie Sie mich liebhaben und an mich denken und einen Engel

oder Halbgott oder sonst irgend ein vollkommenes Wesen in mir erblicken.

Nicht wahr? -- Ich sehe und merke und spüre das alles, und es ist mir leid.

Es freut mich immer, wenn ein Mensch mich gern hat; aber so wie Sie mich

lieben, ist es nicht recht. Sie vergeuden ihre besten Kräfte und Gefühle

ohne Nutzen und Ziel mit dieser törichten Schwärmerei, und im Grunde haben

Sie gar nichts davon. Das müssen Sie sich selber sagen!

Ich meine, wenn man jemand liebhaben will, muß man erst in sich selber fest

geworden sein und gelernt haben, auf eine gute Art seine Kämpfe und Leiden

zu verschweigen und zu verwinden. Sehen Sie, Agnes, Sie sind noch so jung

und so gewöhnt, Ihren Stimmungen und Neigungen nachzugeben und sie wichtig

zu nehmen, es geht ja allen jungen Leuten so. Aber wenn man älter wird,

sieht man ein, wie töricht und egoistisch das ist. Man muß immer mehr

lernen, an allem Schicksal nur das zu sehen, was einen gut und tüchtig

macht, und sich mit dem andern, Haß und Verdruß und überlaufende Freude

oder Schwärmereien, still und ruhig abzufinden, bis man es bezwungen hat

und darüber steht. Im Grunde ist das Leben auch einfach und gar nicht so

viel dran wie wir oft in der Jugend meinen!« -- Sie fuhr sich müde über die

Stirn.

Wir waren eine Weile still.

»Ach, gnädige Frau,« sagte ich, »so wie Sie das meinen, werde ich's niemals

können. Wenn etwas schön ist, muß ich mich halt dran freuen und wenn ich

traurig bin, kann ich's nicht verbergen. Und -- ich habe Sie eben so sehr

lieb und weiß mir nimmer zu helfen!«

Das letzte sagte ich ganz leise und fast ungewollt und die Augen standen

mir voll Tränen.

Da legte mir Gunhild ihre Hand auf den Kopf, ganz fest und schwer.

Ein anderes wäre mir vielleicht übers Haar gefahren oder hätte mich

gestreichelt, aber es war wohl ihre Art so, und in ihrem Gesicht war wieder

das schöne, verzeihende Lächeln, daß es mich heiß und selig überlief.

»O, Kind,« sagte sie, »ich glaube, Sie sind ein kleiner Dichter und

Schwärmer, und Ihnen ist nicht zu helfen; solche Leute macht man nimmer

anders!«

Dann nahm sie ihren Leuchter und nickte mir zu. »Gute Nacht! Und schlafen

Sie gleich, ich will es auch so machen!« -- Ich lief wie im Traum die

Treppe hinauf, legte mich ins Bett und schlief wundervoll fest. Und am

Morgen war ich noch im gleichen Traum befangen; immer meinte ich, Gunhild's

Hand auf meinem Kopf zu spüren und sah in einem seltsamen Geflimmer ihr

schönes, lächelndes Gesicht deutlich und nahe.

Drei oder vier köstliche Tage ging ich in dem seligen Rausch und

Halbschlaf, bis ich jäh und traurig davon erwachte. Es war an einem Abend;

ich saß mit Urschel unter dem Kammerfenster, träumte vor mich hin und hörte

dabei vergnüglich mit halbem Ohr auf ihre munteren Schnurren hin, bis sie

auf einmal, über den Fluß hinüberdeutend, sagte:

»Guck einmal, da kommt deine Schneegans -- Schneekönigin wollte ich

sagen.« --

Da drüben ging Frau Gunhild unter den Kastanien, es war nahe und noch hell

genug, um ihr blasses, vornehmes Gesicht zu erkennen, das mir nie so kühl

und fremd und abweisend schien wie in diesem Augenblick. Sie trug ein

reiches, weißes Kleid, und wie sie so allein mit ihrem sonderbar langsamen

Gang durch die abendliche Allee schritt, hatte sie etwas unheimlich

Gestorbenes, fast Gespensterhaftes an sich.

Ich weiß nun nicht, was es war: Urschel's blöder Witz oder der Fluß, der so

dunkel und tief und trennend zwischen mir und der geliebten Frau war oder

ihr verändertes Wesen -- mit einemmal zerstob der schöne Traum von dem

Lächeln, es wurde mir unnennbar beklommen und jammervoll elend zu Mut, ich

stöhnte und lief aufheulend aus der Kammer.

Plötzlich begriff ich, daß ich dieser Frau niemals nahekommen konnte;

sie würde mir nie, nie von Herzen zugetan sein, so wie es mein

brennender Wunsch war; und ich liebte sie doch so zäh und unablässig und

leidenschaftlich, so -- wie es nur ein Kind meines Vaters tun kann.

Ich lag ein paar Stunden in einem Winkel unter dem Dach, ganz verstört

und zerschlagen, mein Liebesjammer schüttelte mich wie ein körperlicher

Schmerz, dazwischen stöhnte ich und schrie leise ihren Namen, bis ich

endlich erschöpft und still und todestraurig zu Bette ging.

-- Ich mochte vielleicht eine Viertelstunde gelegen sein, als leise meine

Tür aufging und Urschel hereinkam. Sie setzte sich stillschweigend zu mir

aufs Bett und fing an, ganz sanft und tröstend einschläfernd auf ihrer

Mundharmonika zu spielen.

Ich mußte in all meiner Betrübnis lächeln. Der Tollpatsch konnte doch

rührend lieb sein! Ich ließ sie eine Weile spielen; das Dunkel der Nacht,

die warme Nähe eines Menschen, der mich zu trösten versuchte und die

sanfte Musik gingen mir streichelnd über die erregte Seele, bis ich langsam

ruhiger wurde.

Als sie aufhörte, zog ich sie neben mich aufs Kissen und erzählte ihr leise

meine ganze Liebe zu Gunhild, vom ersten Blick an bis dahin, wo sie zu mir

sagte, ich sei ein Dichter und gehöre somit zu einem Menschenschlag,

bei dem eben in Gottesnamen das Schwärmen und Spinnen und Sinnieren zum

Handwerk gehöre und nichts dagegen zu tun sei. Da unterbrach sie mich.

-- »Die Gunhild ist ein Ladstock! Bilde dir nur ja nicht ein, du seist

etwas Besonderes oder gar etwas Rechtes. Du bist so ein kreuzfades Gestell,

daß du einem bloß leidtun kannst. Ich kann's jetzt nimmer länger mit

ansehen, du wirst ja krank dabei. Von jetzt ab gehst du alle Sonntage mit

mir in den Wald, -- abends will ich dich tanzen lehren und morgen früh

wecke ich dich um fünf Uhr zum Nachenfahren und Baden, daß deine Grillen

versaufen, und im Winter laufen wir Schlittschuh und fahren die Steige

hinunter, bis dir der Dusel vergeht. Kannst du schwimmen? Ja? -- Ach, das

ist dein erster gescheiter Gedanke!« -- -- --

Am Morgen gingen wir in einer tauigen, kühlen Frühe vor die Stadt hinaus,

Urschel pfiff durch die stillen Gassen, daß hie und da ein verschlafener

Kopf spähend an den Scheiben erschien. Hinter einem Weidenbusch zogen wir

uns aus; mit einem hellen Juchzer warf sich Urschel in das Wasser und war

mit ein paar Zügen mitten im Fluß, indes ich noch langsam vom Ufer abstieß.

Ein herbes Lüftlein wehte vom Wald herunter, der blauschwarz zu Seiten

des heiteren Tales stand; die erste Sonne lag wundervoll in glänzenden,

wogenden Lichtern auf dem Fluß, die Tropfen glitzerten und Urschel kam

vom anderen Ufer herübergerudert mit einem gestohlenen Nachen, frisch und

lachend wie der junge Tag.

Da lief mir das Herz über von einer lang verhaltenen Fröhlichkeit, meine

ganze zurückgedämmte Jugend schoß mir wie ein toller Uebermut in alle

Glieder; ich kletterte zu Urschel ins Boot und sang mit Macht ein

Schifferlied in den wonnigen Morgen hinaus. Wir schnellten über das Boot

hinunter wie die Fische, daß das Wasser hoch über uns zusammenschlug,

wir pusteten in die Höhe, strampelten springende Tropfen gegen die Sonne,

spazierten über das Wehr, wo uns das Wasser reißend über die Füße lief, und

als die Sonne kräftiger wurde, lagen wir faul im Boot, ließen uns sachte

stromabwärts treiben und sahen helle Wolken über den Himmel gehen.

Auf dem Heimweg stiegen wir über einen Gartenzaun, stahlen zwei taufrische

Rosen und steckten sie uns an die Blusen. Wir machten uns über die

Weckensäcklein lustig, die an den verschlossenen Haustüren hingen, sahen

den Briefträger die Postkarten lesen, ehe er sie in den Kasten warf; wir

schellten Sturm an fremden Glockenzügen und verschwanden ungesehen in

verschwiegenen Gassen.

Und am Abend trugen wir das Licht auf die Bühne hinauf, Urschel fing an

zu pfeifen, einen Walzer nach dem andern, tanzte großartig und riß mich in

einen prachtvollen Schwung hinein.

* * * * *

Als ich an jenem Abend endlich im Bette lag und mir das Herz noch klopfte

von Tanz und Leichtsinn, als ich noch einmal den ganzen köstlichen

Tag überdachte von dem morgensonnigen Wasser an bis zu dem nächtigen

Freudenfeste, da war es mir, als sei ich der Welt urplötzlich nahe gekommen

und liege dem lieben, reichen, warmen Leben selig an der Brust.

Und ich konnte mein Gefühl nicht anders unterbringen, als in einer großen

Dankbarkeit gegen Urschel, der ich von dem Tage an nachlief wie ein

Hündlein.

Es gab nichts kurzweiligeres und unterhaltenderes als ihre Stube. Sie

war größer als meine und hatte zwei Fenster, die auf die Dachrinne

hinausliefen, wo Urschel in alten Milchhäfen, Schnittlauchkisten, an

Schnüren und Stäbchen einen unglaublich üppigen Blumenflor zog. Die Wände

waren von oben bis unten mit Bildern, Photographien, Zeichnungen und

Postkarten tapeziert, was dem Raum ein ungemein reiches, buntes Aussehen

gab. Die Bilder waren meist Ausschnitte aus Zeitschriften: südliche

Landschaften, Vögel, Blumen, Schmetterlinge, die mit mehr Vorliebe für

prächtige Farben als mit gutem Geschmack ausgewählt waren. Ueber dem Bett

hingen in verblüffender Zusammenstellung die drei erklärten Auserwählten

Urschel's: Kopernikus, Schiller und -- Zeppelin. Woher sie den Kopernikus

hatte, weiß ich nicht; es war ein schöner, alter Kupferstich und ihren

Andeutungen nach vermute ich, daß sie ihn einer früheren Herrschaft, bei

der er unbeachtet in einer Bühnenkammer lag, gestohlen hatte. Die drei

Herren sahen urkomisch aus, wie sie so einträchtig über dem Mägdebett

hingen; Kopernikus in der Halskrause, Schiller im offenen Kragen, Zeppelin

modern geschnigelt. Ihn verehrte sie wohl am heißesten; sie interessierte

sich glühend für Flugtechnik und zeigte mir verschämt in einem verborgenen

Schächtelchen den Grundstock zu einer Luftschiffreise, die zu ihren

glänzendsten Zukunftsplänen gehörte. Es waren, glaube ich, damals sieben

Mark und zweiundzwanzig Pfennige. Auch hing an einem Faden von der Decke

herab ein kleines Flugzeugmodell, wie es Knaben zum Spielen haben und sie

strich oft zärtlich versunken über die Räder und Propeller. Auf ihrem

Tisch lag stets aufgeschlagen der große, schöne Atlas, der mit dem Globus

zusammen wohl ihr wertvollstes Besitztum bildete. Auch hatte sie eine Masse

loser Landkarten und eine Sternkarte, die ihr aber später einmal, als sie

nachts bei einer astronomischen Betrachtung unter dem Fenster saß, entfiel,

im Fluß versank und durch keine andere ersetzt wurde.

Vom ersten Frühjahr bis in den Winter hinein hatte sie das ganze Zimmer

voller Blumensträuße stehen, deren Pflege und Erneuerung ihr viel Arbeit

machte, da sie nie einen welken duldete. Daneben versorgte sie noch eine

Schildkröte, einen Raupenkasten und einen Stieglitz, der zwischen den

Fenstern in einem grünen Käfig hing; und weil ihr die Stube immer

noch nicht voll und belebt genug war, hatte sie ihre volkstümlichen

Musikinstrumente fein malerisch auf Tischen und Stühlen ausgebreitet:

Laute, Zither, Ziehharmonika und ein Piston mit schauerlichem Ton, das

sie aus Pietät für ihren Großvater, der es geblasen hatte, als einziges

Andenken von zu Hause mitgebracht hatte.

Am kuriosesten waren ihre Bücher, auf drei, vier Kistenbrettern stand

da, neben Schillers schön gebundenen Werken, eine zerfetzte, dreckige

Indianergeschichte: der letzte Mohikaner oder Rosa, die Prärieblume; neben

Tacitus' Germania ein modernes Experimentierbuch für Knaben, sowie die

Sagen des klassischen Altertums und ein naives, schwäbisches Liederbüchlein

mit derartigem Inhalt:

»Was nützet mir mei' neus Paar Stiefel,

Wenn's andere drin spazieren gehn!

Und treten's mir die Absätz' ab --

Vallera, vallera!«

Geschichtliche Erzählungen las sie am liebsten; sie konnte oft ihren ganzen

Monatslohn ausgeben, um neue zu kaufen, wie denn überhaupt Geschichte ihre

gründlichste und ernsteste Liebhaberei war. Ich lieh ihr einmal ein Buch,

das ich mir um zwei Mark gekauft hatte: ein süßlich modernes, äußerst

heikles Werkchen eines anerkannten Schriftstellers, das mir sehr gefiel und

schon halb in Fleisch und Blut übergegangen war.

Sie brachte es mir mit verächtlicher Miene zurück. »Blech!« sagte sie,

»weißt du -- das war früher doch noch eine andere Schreiberei als jetzt.

Da schrieb man Geschichten und Schicksale der Völker und Stämme und

allein Helden und Könige wurden es gewürdigt, einzeln hervorgehoben und

beschrieben zu werden. Und heutzutage befaßt sich so ein Kerl da seitenlang

mit den Gefühlen eines Kindes im Mutterleib! Ach, ich kann das gar nicht

leiden!«

Und in der hellen Teufelei warf sie das Buch zum Fenster hinaus in den

Fluß, rief feierlich: »fahr wohl!« nach und rannte lachend zur Tür hinaus.

Das war mir zu bunt, ich rief ihr zornige, empörte Worte nach; ich kaufte

mir meine Bücher, weiß Gott, auch nicht gerade zum ins Wasser schmeißen;

sie nahm mir's übel, und wir bekamen bittere Händel; bis sie nach ein

paar Tagen, wie es so ihre Art war, mitten in der Nacht halb angekleidet

plötzlich vor meinem Bett erschien, mich umarmte, küßte, streichelte und

mit einer Nelke, die sie an langem Stiel zwischen den Fingern hielt, halb

tot kitzelte.

»Filzläusle, Herrgottskäferle, Schweinebrätle!« sagte sie zärtlich, »bockst

du immer noch?« -- und dann küßte sie mich aufs neue.

»Agnes, ach Agnesle, mög' mich doch wieder! Ich will's nimmer tun. Komm,

ich will dir eine Geschichte erzählen: In Stuttgart war einmal einer

Soldat, der hatte fünf Schätze; eine Köchin, eine Kellnerin, eine

Zimmerjungfer, die ihm seine Wäsche wusch, eine Näherin, die sie ihm

flickte, und eine Nette, Kleine -- zum Gernhaben. Getreulich alle fünf

Sonntage besuchte er wieder die gleiche und entschuldigte sich mit Wache

und Stubendienst. Als nun seine zwei Jahre herum waren, kam er in eine

große Verlegenheit und hätte sie gern alle wieder losgehabt. Da bestellte

er sie am letzten Sonntag alle miteinander auf den Alten Postplatz vor die

Kaserne an das ganz gleiche Plätzchen.

Erst stehen sie wohlwollend beieinander und fragen einander nach ihrem

Schatz; -- da kommt die ganze Geschichte heraus, sie fahren einander in die

Haare, und zornwütig schieben sie ab, die eine die Rotebühlstraße hinauf

und die andere hinunter, eine die Poststraße hinunter und eine die

Calwerstraße hinüber, die fünfte aber die Gartenstraße hinauf, dieweil

nämlich der Alte Postplatz in Stuttgart, just wie dafür geschaffen, fünf

Ausgänge hat. Der ungetreue Schatz aber sah es von der Kaserne aus und

lachte sich die Haut voll.

Magst du mich jetzt wieder? Immer noch nicht? -- Ich will dir noch etwas

erzählen. Wir haben zu Haus einen Tisch, bei dem das eine Paar Füß' kürzer

ist als das andere. Mein Großvater wollte partout immer am kurzen Ende

sitzen und endlich gestand er uns den Grund. »Wisset ihr, Kinder,« sagte

er, »wenn's Welschkornbrei gibt, lauft alle Schmälze auf meine Seit'!«

Was, du lachst? Wart, es ist mir noch etwas eingefallen! In der Kochschule

seinerzeit hatten wir eine Lehrerin, die hochdeutsch sprechen wollte und es

nicht konnte. Etwa so: »Urschula, hannen Sie den Spatzenteig jetzet fertig?

-- Urschula, es ischt Ihnen ebbes nagefallen! -- Urschula, mit Ihnen muß

man sich z'tot ärgren!«

Einmal sollte beim Nachtessen eine Wurst übrig bleiben, wurde aber aus

Versehen scheint's mitgegessen. Da schnaufte sie wütig an den Tischen

auf und ab: »Wer hat zwei Wurschten gegessen? Es muß ebber zwei Wurschten

gegessen han!« Das schlimmste aber war, daß wir's ihr nachmachten und

zwar so arg, daß wir bald nimmer anders konnten und uns die

Fräulein-Schneider-Sprache herausfuhr, wo wir besser anders gesprochen

hätten! Es hat mich nämlich einmal ein Herr um den Weg gefragt, und ich

sagte, ohne etwas dabei zu denken: »Gangen Sie nur selle Stafflen dort na!«

Dabei kitzelte sie und zwickte sie mich fortwährend und fuhr mir mit der

Nelke im Gesicht herum, daß ich fast erstickte vor Lachen.

»Hast du mich jetzt wieder lieb, Agnesle?« fragte sie sanft und hielt mir

die Nase zu. »Ja,« schnappte ich, und sie ließ sogleich fahren, küßte mich

herzlich auf den Mund und rannte fort, ihre Ziehharmonika zu holen, auf

der sie mir dann noch bis spät in der Nacht Volkslieder vorspielte und mit

ihrer weichen, schönen Stimme dazu sang. Sie saß auf meinem Bettrand und

ihre bloßen Füße wippten den Takt dazu.

-- Wir gingen an den hellen Sommerabenden oft noch hinauf in die Wiesen und

Felder, brachen Sträuße von Kornblumen und lagen an rot versonnten Hängen,

lachten, sprachen, sangen oder waren still und sahen die Sonne untergehen.

Dann liefen wir in der lauen Dämmerung ins Städtlein hinunter, bummelten

durch die Gassen und Alleen, standen oft lange auf der Brücke und träumten

den ziehenden Wellen nach oder fuhren still im Nachen noch ein Stück weit

den Strom hinunter, bis die Nacht gesunken war. Daheim in Urschels bunter

Stube begann dann erst das rechte Leben; wir misteten den Tieren, besorgten

die Blumen, sprangen in der Stube herum, rauften wie die Buben und

seiltänzerten in der Dachrinne, und wir tanzten, sangen und musizierten,

erzählten einander Geschichten und schauten in den weiten gestirnten Himmel

hinaus.

Wir saßen halbe Nächte lang über dem Atlas, dachten uns die Herrlichkeiten

der südlichen Länder aus und litten ungebärdige Sehnsüchte darnach; wir

lasen mit glühenden Gesichtern Reisebeschreibungen, Weltgeschichte und

populäre Schriften über Technik und Chemie. Unermeßliche Gründe taten sich

auf vor unsern Augen, Völker erstanden und zerfielen wieder, Schicksale

brausten wie Stürme durch die Länder, und die Zukunft lag vor uns wie

ein unendliches, schimmerndes Meer, das uns voll Größe und Ungestüm

entgegenbrandete. Tausend Himmel und Welten erschlossen sich uns, von

Wundern und Schönheit und gewaltigem Leben erfüllt, daß wir zitternd und

scheu davor standen, und doch in der überquellenden Lust unserer jungen

Jugend uns dazu berufen glaubten, alle diese Welten zu erfassen und

alle Schönheit des Lebens zu besitzen, und wir spürten den Drang und die

mächtige Kraft dazu in uns.

-- Dieses weite, reiche Leben, das ich wie einen köstlichen Vorgeschmack

meiner Zukunft genoß, zog mich so in seinen Bann und erfüllte mein ganzes

Herz, daß meine unselige Schwärmerei für die schöne Gunhild bald verblaßte

und ich wieder unbefangen mit ihr reden und verkehren konnte; es blieb nur

eine dankbare, leise Wohligkeit zurück, die ich jedesmal empfand, wenn ich

ihr nahe war oder wenn sie mich ansah. -- -- --

So gegen den Herbst und Winter hin wurde Urschel immer lebendiger und

toller, es schäumte in ihr wie ein brausender, junger Most, und es

kribbelte ihr in allen Fingerspitzen von Streichen und Teufeleien. Sie

kaufte sich Feuerwerk und Frösche, die sie zu nachtschlafender Zeit in

fremder Leute Gärten losließ, sie ließ mit den Buben Drachen steigen und

spielte eine halbe Nacht lang unter des Dekans Schlafzimmerfenster

auf ihrer Mundharmonika die gleiche Schauermelodie wohl fünfzig Mal

hintereinander, um den frommen Herrn aus der Fassung zu bringen. Auf

Staatsbeamte überhaupt hatte sie einen unerklärlichen Pick, in diesem Punkt

war sie vollkommen Zigeunerin.

Da sie aufs Luftschiffahren vorderhand verzichten mußte, mietete sie sich

ein Fahrrad und übte abends vor dem Haus mit großem Geschick. Dabei kam sie

einmal zu Fall und verstauchte den Fuß. Sie schämte sich, es mir zu sagen,

hinkte in ihr Bett und versuchte, sich allein zu kurieren. Als ich morgens

nach ihr sah, fand ich den Fuß bös geschwollen und mit einer unheimlichen

Salbe dick beschmiert.

»Was ist das?« fragte ich entsetzt.

»Hundsschmalz! Es hilft immer!« sagte sie überzeugt.

Es half aber diesmal nicht, und Urschel mußte eine gute Zeit lang im Bett

bleiben. Ich habe jene Tage noch wohl im Gedächtnis; es ist mir, als habe

sie sich nie liebenswürdiger, witziger und heiterer gezeigt als damals.

Manchmal lag sie den ganzen Tag still und spielte Mundharmonika oder

schnitt Papierpuppen aus, mit denen sie auf ihrer Bettdecke Schillers

Dramen aufführte; auch konnte sie großartig Karikaturen zeichnen; ich habe

mir damals eines dieser Blätter ausgebeten und bewahre es mir noch heut.

Es zeigt die schöne Gunhild und mich als schmachtende Anbeterin unter einem

Regenschirm, auf dem ein Amor sitzt und uns beide am Bändel hält.

Immer aber war Urschel am Abend, wenn ich zu ihr hinaufkam, zum Platzen

voll von lustigen Einfällen und Geschichten, auf die sie sich den einsamen

Tag über besonnen hatte. Ach, was haben wir damals zusammen gelacht! Sie

zeigte mir ihre vielen Narben und Schrammen, die sie am Leib herum trug und

die sie sich alle durch ihren bodenlosen Leichtsinn auf ähnliche Weise

wie den bösen Fuß zugezogen hatte; zu jeder wußte sie ein witziges,

romantisches Anekdötlein zu erzählen.

»Ich habe so oft mit dem Tod gespielt, immer mit dem tröstlichen Gedanken:

Unkraut verdirbt nicht! Es ist auch wahrhaftig wahr. Bis auf ein Närblein

und ein Blau-Mal hat es mir nie etwas getan. Nun bin ich doch gespannt,

ob ich, wenn ich einmal ernstlich den Tod suche, auch wirklich umzubringen

bin! Ich glaube eben, der Tod will mich nicht. --«

»Weißt du,« fuhr sie fort, »wenn ich mir einmal das Leben nehmen will,

steige ich an einem schönen Tag auf einen Kirchturm, ganz hoch hinauf auf

die oberste Brüstung, tue die Arme auseinander und springe hinunter. Dann

habe ich mein Gelüste gebüßt.«

Von ihrer Kindheit wußte sie in so glühenden Farben zu erzählen, daß mich

nachträglich noch der helle Neid stach, weil ich nichts dagegen aufzuweisen

hatte, als etwa den alten Kirchhof. Als ich ihr's sagte, zog sie mich zu

sich aufs Bett und streichelte mich.

»O du armer, armer Tropf du! Hat einen Kirchhof voll Begrabener zur

Unterhaltung gehabt! -- Der Herrgott sollte dich nachträglich noch um

Verzeihung darum bitten, daß er dich um das alles, was du damals hast

entbehren müssen, betrogen hat!«

Damals haben wir auch zusammen Scheffels Werke gelesen. Urschel war außer

sich vor Freude darüber. Der Ekkehard lag von da ab immer unter ihrem

Kopfkissen, und ich kann sie mir nie schöner und seelenvoller denken,

als wenn sie mit mir durch den Wald lief und ein Lied dieses ihres

Lieblingsdichters in die Bäume hinaufsang.

Im Winter liefen wir Schlittschuh und schlittelten verbotene steile Steigen

hinunter. Einmal wurden wir ertappt und von einem Polizeidiener gehörig

heruntergeputzt. Urschel lachte ihn aus und fuhr am nächsten Abend wieder

dort; da kam sie in des Polizeidieners Buch und mußte zehn Mark Strafe

zahlen. In der hellen Wut stieg sie in des dicken Amtsrichters Garten und

schuf von dem frisch gefallenen Schnee ein köstlich getreues Abbild

des gestrengen Herrn mit einem gewaltigen Bauch und setzte ihm ein

Narrenkäpplein auf. Sodann aber sammelte sie die zehn Mark in einzelnen

Pfennigen, packte sie säuberlich zusammen und schickte sie aufs Rathaus.

»Ich möchte dabei sein, wenn sie's zählen,« rief sie grimmig vergnügt.

-- Am Sylvesterabend saßen wir in meiner Stube, die einen Ofen hatte; wir

tanzten, brauten ein Pünschlein, und als es gegen Mitternacht ging, gossen

wir Blei. Zuerst kam ich: ein längliches, dünnes Stücklein schwamm in der

Schüssel.

»Ein Wanderstab,« meinte Urschel.

»Es kann auch ein Federhalter sein,« sagte ich nachdenklich.

»Laß das Dichten, sag's in Prosa!

Was du weißt, dös ka'scht au so sa!«

sprach Urschel feierlich.

Als sie dran kam, lag ein wunderliches, geschnäbeltes Gebilde im Wasser.

»Ein Storch!« schrie sie erschrocken; denn sie war furchtbar abergläubisch.

Ganz vernagelt sah sie auf meinen Fenstersims; als die Glocken durch die

klare Winternacht läuteten, bekam sie wieder Mut. -- »Ach was, es hat nicht

gegolten!«

Und sie goß noch einmal. Als es dann so etwas wie ein Herz war, war sie

zufrieden.

Die Nächte vor Fastnacht tanzte sie durch. Sie war auf jedem Maskenball,

in einem Spanierkostüm, das ihr zu den schwarzen Haaren prächtig stand.

Morgens um fünf Uhr kam sie heim, schlich leise wie ein Vogel die Treppen

herauf, küßte mich lachend wach und warf mir Konfetti übers Bett. Sie war

sehr, sehr hübsch in diesen Augenblicken, wenn sie mit dem Treppenlämpchen

auf mich herableuchtend, in dem fremdartigen Kostüm vor mir stand,

strahlend vor Lust und Leichtsinn.

Auf einmal, im März, als der Schnee taute, hatte sie einen Schatz. Er war

ein Schulmeister und sie hatte ihn an der Fastnacht kennen gelernt. Ich

bekam ihn lang nicht zu Gesicht; endlich an einem Sonntag im Mai ging

ich mit den beiden spazieren. -- Er hatte lange strohblonde Haare und ein

hübsches, freches Gesicht, das mir nicht recht gefiel. Besonders in seinen

Augen lag ein Ausdruck, den ich mit dem besten Willen nicht von dem Funkeln

unseres Katers unterscheiden konnte, wenn er in Frühjahrsnächten zu seiner

Kätzin ging.

Ich sagte es ihr, aber sie entgegnete nichts. Ein paar Tage drauf, an einem

ungewöhnlich heißen Maimorgen gingen wir zusammen zum Baden an den Fluß.

Urschel war seltsam verstimmt. »Was hast du?« fragte ich.

»Ich sag dir's auf dem Wasser,« sagte sie verbissen.

Als wir miteinander mitten im Fluß schwammen, stupste ich sie. »Jetzt

sag's!«

Da fuhr sie auf mich los wie eine wilde Katze, tunkte mich und riß mich

wieder herauf. »Du Luder, du scheinheiligs, was geht dich mein Schatz an?

Hab ich dich drum gefragt? Braucht er denn dir zu gefallen, du Krott,

du elende! Wart, dich will ich dein böses Maul halten lernen!« Und sie

schüttelte mich wie toll, riß mich unters Wasser und saß mir im Genick, daß

mir Hören und Sehen verging.

»Willst du noch einmal etwas gegen den Schulmeister sagen?«

»Nein,« -- sagte ich schwach und schwamm, als sie mich losließ, schnell ans

Ufer und ging schwer empört und beleidigt heim.

Ich schaute sie ein paar Tage nicht an; aber sie fehlte mir unbeschreiblich

und ich beschloß, meine zweite Freundin nicht wieder wie die erste um einer

Liebschaft willen zu verlieren. Auch gefiel es mir, daß sie ihren Schatz so

streitbar verteidigt hatte, und es dünkte mich, wohl so das Rechte zu sein,

wenn man eine Liebschaft habe.

Dann versöhnten wir uns wieder. Urschel war herzlich und lieb, und ich

mußte ihr versprechen, am nächsten Sonntag mit ihr und dem Lehrer spazieren

zu gehen.

Nie war sie toller und ausgelassener als an jenem Nachmittag. Wir gingen

einen schönen Weg durch Wiesen und heiteres Land, und Urschels hellblaues

Kleid leuchtete festlich zwischen dem jungen Grün. Sie lachte und schwätzte

in einem fort, hatte den einen Arm um den Blonden und den andern um mich

gelegt und erzählte Geschichten, daß uns die Tränen kamen vor Lachen.

In einem Wirtsgarten aßen wir zu Abend, tranken roten Wein dazu, und als

Urschel vom Haus her Tanzmusik hörte, tat sie einen Schrei vor Entzücken

und riß uns lachend und glühend mit hinein.

Spät in der Nacht kamen wir heim; unten vor dem Hause hatten die beiden

Verliebten noch ein Geflüster und Heimlichtun miteinander, das kein Ende

nehmen wollte. Schließlich schloß ich das Haus auf und machte mich daran,

allein hinaufzugehen. »Ich komme gleich nach!« rief Urschel, und der Blonde

grüßte.

Dann lag ich ärgerlich in meinem Bett und horchte in die Dunkelheit hinein,

bis ihr leichter Schritt die Treppe heraufkäme. Und dann plötzlich war

draußen ein Geräusch und kurz darauf in Urschels Kammer ein leises Lachen.

Ich sprang auf, lief vor ihre Tür und rüttelte an der Klinke.

»Urschel!«

Es blieb alles totenstill.

Da wurde es mir auf einmal ganz elend und schwer in allen Gliedern; ich

lief in meine Kammer zurück, schloß die Tür hinter mir zu und lag dann

schluchzend in meine Kissen vergraben, bis ich mich in Schlaf geweint

hatte. Von Urschels Kammer nebenan war kein Ton mehr zu mir gedrungen.

-- -- -- Von jenem Sonntag an konnte ich mich nimmer über Urschel beklagen.

Den Blonden schien sie vergessen zu haben; sie war nur noch für mich da,

hielt mich umschlungen, wenn wir abends unterm Fenster saßen und spielte

mir meine Lieblingslieder vor. Oft, wenn ich morgens erwachte, sah ich sie

in einem erschöpften Schlaf mit verweinten Augen vor meinem Bett auf dem

Boden liegen, und wenn ich sie erschrocken weckte und befragte, küßte sie

mich:

»Ach, ich möchte eben immer bei dir sein!«

Sie wurde noch fleißiger als vordem, zart und leise, und ihr Gesicht war

voll schmerzlich beseelter Schönheit; alles Wilde und Törichte fiel von ihr

ab. Sie nahm ihre vielen Bildchen von den Wänden und verschenkte sie. Den

Stieglitz ließ sie fliegen, und die Schildkröte setzte sie in einen Garten,

daß Kinder sie finden konnten. Mir blutete das Herz, wenn ich die fröhliche

Stube so zerstört sah; sie streichelte mich aber und fragte mit traurigem

Lächeln: »Gelt, ich bin arg dumm gewesen früher! Jetzt bin ich gescheit;

ach, so kalt und grausam gescheit. Ich weiß jetzt alles!«

Nur die drei Mannen über dem Bett blieben hängen in der ganzen Größe ihrer

Unsterblichkeit.

Dann kam jener schöne traurige Abend im Juli. Urschel brachte eine Düte mit

großen, schwarzen Kirschen, wir saßen im Abendschein unter ihrem Fenster,

aßen und spuckten die Steine weit hinaus.

»So ist es schön, Kirschen zu essen; an einem offenen Fenster, worunter ein

Fluß vorbeifließt, daß die Steine ungesehen verschwinden,« sagte sie und

fing dann so unters Essen hinein leise zu erzählen an, von Kirschbäumen in

ihrer Heimat, von dem Stieglitz und von den Seiltänzern.

»Du Agnes,« sagte sie dann traurig, »ich werde doch wohl keine Zigeunerin

sein. Ich glaube, ich bin zu sauber dazu; ich kann den Schmutz nicht an mir

leiden.«

Nach einer Weile fragte sie ganz unvermittelt: »Weißt du, was die alten

Deutschen mit ihren schlechten Dirnen gemacht haben? Es ist mir so, als

hätten sie sie in den Sumpf gejagt. --

Die Ströme des Namenlos · 第 7 / 18 题