Ich erinnere mich, daß das die schönste Krankheit meiner Jugend war, die
nun folgte. Die Wunde war tief und heilte sehr langsam. Aber es tat nimmer
sehr weh, und ich lag oben in meiner Kammer unter dem Dach, hörte nichts
als gelegentlich ein Schwätzen oder Weinen meiner kleinen Geschwister
herauf und die Glocken von der Stadt in der Ferne schlagen. Die Gräther
achtete meinen stillen Wunsch, nicht in unser Haus zu kommen, mit einem
vornehmen Feingefühl und dachte meiner in einer lieben, zarten Weise, die
mich jedesmal in eine leise Seligkeit brachte.
Jeden Tag wartete sie, wenn die Schule aus war, auf Margret und gab ihr ein
Päckchen für mich mit. Weiß eingewickelt und seiden umbunden; ich glaube,
ich habe die Bändel alle noch aufgehoben. Meistens war Obst oder Schokolade
drin, einmal auch ein Geschichtenbuch und jedesmal lag ein Briefchen dabei,
aus dem ihr ganzes gütiges, adeliges Wesen hervorleuchtete und das rührend
in seiner Einfachheit war.
In der Schule tat es nun einen großen Schnapper mit mir. Ich kam um
vierzehn Plätze weiter vor, und saß nun in der zweiten Bank gerade hinter
der Elsbeth. Manchmal zog ich mir ihre beiden langen Zöpfe herauf und legte
sie über meinen Tisch zu mir her. Wenn etwas ganz Schweres zum Rechnen
kam, nahm ich einen von ihnen in die Hand, unwillkürlich fest und
zuversichtlich, -- und auf einmal konnte ich es. Es war wie eine starke
Wirkung und Kraftströmung von ihr her durch ihr Haar auf mich. Ich habe es
ihr einmal erzählt, da lachte sie und sagte, nun müsse sie den Plan, ihre
Zöpfe aufzustecken, wieder aufgeben.
* * * * *
In jener Zeit wurde mein Vater schwer krank; er bekam Tobsuchtsanfälle und
man wollte ihn in eine Anstalt bringen. Als er es jedoch merkte, was mit
ihm geschehen sollte, wurde er plötzlich ganz klar und völlig vernünftig
und erklärte der Mutter mit der größten Bestimmtheit, wenn sie ihn forttue,
hänge er sich auf und sie dürfe sicher sein, daß er diesmal sorge, daß
niemand den Strick abschneide. Und einmal sagte er: weißt du denn das
nicht, immer, wenn du mich von dir forttust, mache ich ein Ende. Ich kann
halt ohne dich nimmer weiterleben, und du mußt mich haben, bis ich sterbe.
So behielt sie ihn denn, verbot uns Kindern, irgend jemand von des Vaters
gräßlichem Zustand zu sagen, war Tag und Nacht bei ihm, pflegte, tröstete,
bändigte und bezwang ihn und trug diese ganze letzte, fürchterliche Zeit
mit einer übermenschlichen Kraft, bis er am zehnten Mai morgens in der
Frühe starb.
Nun erst erlaubte die Mutter, daß man Hilfe hole; eine alte Verwandte kam
über diese Tage zu uns; auch war eine Näherin da, um die schwarzen Kleider
zu richten, und Leute gingen aus und ein bei uns, daß es uns in unserem
eigenen Hause fremd und beklommen zu Mut war.
Wie schön war meine Mutter an dem Tag als der Vater starb! Ich sah einmal
ein kleines Bild von einem unbekannten Künstler: Es ist vollbracht! Und
der Heiland am Kreuz trug nicht die üblichen Leidenszüge und den Jammer der
ganzen Welt im Gesicht, er war wie ein strahlender Held und ein Sieger in
der Stunde seiner höchsten Erhöhung.
So war meine Mutter. Sie lief strahlend im Haus und um die ob solch
unpassendem Gebaren verdutzte Tante Fischer herum und lächelte uns an, als
habe sie uns schon lang nimmer gesehen. Am Abend aß sie mit uns zu Nacht;
wir mußten ein weißes Tischtuch auflegen und sie trug den Brei in einer
schönen bemalten Schüssel herein, wie es sonst nie geschah. Ich hatte auch
den Eindruck, als wäre dies alles nicht bloß der Tante Fischer zu Ehren.
Meine Mutter war nett und lieb, sie aß mit gutem Appetit und unser aller
Stimmung war fast heiter. Dann kam die Nacht. Ich lag schlaflos in meinem
Bett. Eine warme, dunkle Mailuft kam zu dem offenen Fenster herein, es
war so weich und lau und einschläfernd. Ich spürte auch, wie der Margret
Atemzüge regelmäßiger und tiefer wurden, das arme, liebe Ding! -- Sie
mußte viel mehr unter dem allem gelitten haben als ich, und ich war für sie
eigentlich noch froher als für mich, daß es so gekommen war. Ich rief leise
ihren Namen hinüber, aber es kam keine Antwort.
Der Leichenbesorger, der sein Amt für heut versehen hatte, stolperte die
Treppe hinab, ich hörte die Tante Fischer noch lange hin und her gehen
und leise sprechen und endlich auch in ihre Gastkammer hinaufsteigen. Die
Mutter schloß noch einen Fensterladen und riegelte die Haustür zu, dann
wurde es still. --
Auf einmal fiel mir etwas ein, das mich ungeheuer freute. Ich stand auf
und sah zum Fenster hinaus. Da drüben war der Friedhof. Die Bäume gingen im
Nachtwind hin und her, und ich mußte denken, wie schön das nun wäre, drüben
zu sein in der lauen Luft, die mit dem Geruch des blauen Flieders getränkt
war. Da schlüpfte ich in meinen Aermelschurz und stieg zum Fenster hinaus
und vorsichtig an der Kammerz hinunter, ich tat zaghafte Schritte durch
den dunkeln Garten und hob zitternd die Zaunlatte weg. Dann saß ich im
nachtfeuchten Kirchhofgras, der Fliederbusch roch übers Mäuerlein und große
Tränen liefen mir hinunter. Es ist, glaube ich, das letztemal gewesen, daß
ich anhaltend geweint habe, und es scheint mir überhaupt, daß diese Nacht
ein Abschluß, und wenn ich so sagen darf, wie eine Erlösung von meinen
Kinderjahren war. Es war mir einfach, als könnte ich leichter atmen und
sei ein böser Druck von mir weggewischt, daß erst jetzt das eigentliche Ich
herauskäme. Ich trug noch eine Scheu und Scham, es zu zeigen, und wollte
es mir selber noch nicht recht eingestehen, aber ich spürte, daß es da war,
und fein und fröhlich werden konnte. Ich lief die schmalen Wege auf und ab
und kostete die laue Seligkeit aus, die mich durchrann. Ich streichelte den
Rosenzweig der Melitta und warf mich auf des Namenlos' Grab und küßte so
in die feuchte, herbe Erde hinein, weil etwas in mir überlief, mit dem ich
nicht wußte, wohin.
»Ich hab dich so lieb, Namenlos; ach, es schlägt über mir zusammen und
flutet mit mir fort. Du bist es nicht allein, Namenlos; es ist alles
miteinander, weil es so schön ist, und ich weiß es selber nicht!«
* * * * *
Es kam nicht so ganz, wie wir's uns vorstellten. Wohl war der Vater tot,
und alle Unruhe und lärmende Aufregung still; aber der Druck hatte zu lang
über uns gelastet, er konnte jetzt nicht so mit einem Male behoben sein.
Ueberhaupt war das mit meiner Mutter seltsam. Sie war, ich glaube das mit
Bestimmtheit annehmen zu können, ehe mein Vater in ihr Leben trat, ein
lustiges und schönes, aber ganz ungebildetes Mädchen, das nicht viel über
andere und noch weniger über sich selbst nachdachte.
Dann kamen ihre Ehejahre, in denen sie innerlich reifte und wuchs, wie wohl
selten ein Mensch in späteren Jahren noch, da die Seele sich den Eindrücken
der jeweiligen Zeiten nimmer so anpassen kann. Es war plötzlich eine innere
Kraft in ihr, die sich noch stählte an all den ungeheuren Anforderungen,
die ihr zugemutet waren.
Eine seltsame seelische Größe hob sie über sich selbst hinaus und hieß sie
in schweren Stunden in einer plötzlichen Eingebung das Rechte tun. Sie muß
sich in ihren leichtsinnigen Mädchenjahren, da sie umschwärmt und bewundert
und geliebt wurde, einen guten, festen Stolz auf sich selber und eine
unüberwindliche Lebensfreude erworben haben. Das und ein starker
religiöser Halt halfen ihr, daß sie in allen Wettern und Nöten ihrer Ehe so
steifnackig und jungfräulich stolz war und im Gemüt so unverwundbar gesund
blieb.
Da aber nun die Anforderungen an meine Mutter ruhiger und kleiner wurden,
ließ die Spannung ihrer Kräfte langsam nach; sie fand in ihrer Hausarbeit
und Sorge für uns genügende Aufgaben und Pflichten, die ihre Gedanken
vollauf beschäftigten. Ich habe nun zwar nicht den Eindruck, als wäre
irgend etwas, das meine Mutter in den Kreis ihrer Pflichten aufgenommen
hat, zu kurz gekommen, als hätten wir etwa zu wenig Liebe und Sorgfalt
von ihr genossen; aber es ist mir so, als sei damals das Beste in ihr
unverbraucht verdorrt und die göttlichen Quellen in ihr versiegt, da man
ihrer nimmer bedurfte.
Und so war auch die prachtvolle, heitere Freundlichkeit von jenem Abend,
die uns so froh und erwartungsvoll gemacht hatte, von kurzer Dauer und ging
bei uns allen unter in einer stillen, unbehaglichen Zeit, da man sich mit
dem guten Zustande noch nicht recht abfinden konnte.
Auch waren wir ja durch den Tod unseres Vaters bitter arm geworden, was uns
manchmal nicht wenig niederdrückte. Nur mit allen vereinten Kräften konnten
wir uns über Wasser halten. Meine Mutter kaufte eine Strickmaschine und
wir Mädchen mußten helfen mit Maschenauffassen und Zusammennähen. In den
Schulen bekamen wir Freistellen, und dem Greiner streckte jemand Geld vor
zum Studieren, weil er so ein ordentlicher, gescheiter Kerl war.
Eine Zeitlang nach unseres Vaters Begräbnis ging meine Mutter daran, das
Gelaß im Erdgeschoß, das ihm als Werkstatt gedient hatte, zu lüften und
als Schlafstube für uns Kinder umzuräumen. Es war ein lichter, seliger
Sommertag; das Gärtlein war in der Blüte; ein Baum mit frühen Birnen stand
drin und das süße Obst hing reif und lockend in der Sonne; auf der Wiese
blähten sich die roten Bettstücke, unsere Geiß sprang frei dazwischen umher
und meckerte fröhlich in die Lüfte, dazu ging unaufhörlich ein weicher,
säuselnder Wind, nicht warm, noch kühl, aber mit einer leise tönenden,
seltsamen Schwingung und Bewegung. Es war uns allen ungemein wohl; pfeifend
stand der Greiner am Brunnen und putzte die Fensterläden, indes wir Mädchen
wie ein Schwarm Hummeln im Haus herumschafften; dazwischen ging lieb
und lächelnd die Mutter ab und zu, sah nach dem Rechten und kochte
Schwedenknöpfe zu Mittag.
Des Vaters Stube war, da er nie erlaubt hatte, daß man gründlich darin
putze, elend muffig und verräuchert; um uns zu beweisen, wie schwarz
die Decke sei, zeichnete Margret, die oben auf der Leiter stand, mit dem
Zeigefinger einen Ring hinein; sodann zog sie quer durch noch eine Ellipse
-- da war es ein Saturn. Und weil es so hübsch aussah, geriet sie in
Begeisterung, und unversehens war da an der Decke ein ganzes Himmelszelt
mit Kometen und Sternbildern und Sonne und Mond in der Mitte, die Sonne
rundlich und lachend, der Sichelmond aber dürr, spitzig und wütig, so daß
der Hannes bemerkte, er sehe dem Vater gleich. Da fingen wir an zu lachen,
Margret schrieb der Eltern Namen unter die beiden großen Himmelslichter,
und da uns die Mutter den Spaß nicht verdorben hat, ist noch heutigen Tages
in unserer unteren Stube das damals entworfene Firmament an der Decke zu
sehen; und wenn eines von uns aus der Fremde heimkommt und wieder einmal
eine Nacht in der alten Schlafstube liegt, freut es ihn unmäßig.
Merkwürdig, wie deutlich ich mich noch jenes sanft durchwehten Sommertages
erinnern kann! Ich weiß sogar noch, daß wir eine Drahtseilbahn vom
Dachstock herab errichteten, daran wir Betten, kleine Möbelstücke und
sonstiges Geräte in die neue Stube herunterließen; unter infernalischem
Jubelgeheul schwebte zum Schlusse in einsamer Größe der irdene Pottschamber
nieder. Wir wurden immer wilder, und gegen Abend stiegen Lust und Geschrei
und Uebermut derart, daß uns die Mutter zur Abkühlung ein Bad im Brunnen
riet. Meine Geschwister waren flinker als ich; bis ich die Röcke und mein
Hemdlein herunter hatte, saßen sie schon alle im Wasser, und es gab keinen
Platz mehr für mich.
Es war aber an der Seite unseres Brunnens ein geräumiges, steinernes
Tröglein, in das das Wasser ablief und aus dem die Hunde soffen, weshalb
es bei uns der Hundsgumpen hieß, da setzte ich mich hinein. Das Wasser
war wonnig kühl an meinem heißen Leib; hie und da lief von dem Toben der
Geschwister der Brunnenrand über, und ein klarer Schwall flutete mir über
Schultern und Rücken; das konnte ich mächtig gut leiden; ich hielt ganz
still und wartete auf eine neue Woge. Dazu war der sonderbare Wind nun
stärker geworden, und von einer ganz leisen, abendlichen Kühle; er strich
mir weich und lauernd um die klopfenden Schläfen, reizte mich und machte
mich seltsam erregt. Er wehte mich durch und durch; ich meinte, ihn in
allen Gliedern wie ein wundersames Fieber zu spüren, das mir alle an diesem
Tage erlebten Dinge in einem neuen, rätselhaften Lichte zeigte.
Erschrocken, erstaunt über mich selber saß ich da im Hundsgumpen, ließ mir
das Wasser über den Leib laufen und rührte mich nicht; der Hannes schrie:
»Mutter, 's Agnesle spinnt!« -- und schickte mir eine neue Flut; doch
störte es mich nicht. Es gärte und arbeitete in mir, ich hätte heulen
und lachen und stöhnen mögen und spürte doch, daß das, was da mit einer
mächtigen Kraft in mir durchbrechen wollte, damit nicht behoben wäre.
Die Sonne ging unter; im Dunkeln über dem Walde hing sehnsüchtig und
traurig ein Stern; meine Geschwister jauchzten, bespritzten ihre weißen
Leiber und hielten die Köpfe unter den Strahl. Vor dem Brunnen stand
lächelnd meine Mutter, sie beugte sich über uns und murmelte etwas:
»Kinderlein -- o ihr!« und dann -- es hat es aber niemand außer mir
gesehen, -- fiel ihr eine Träne in das Wasser.
Da kam mich ein wunderliches Sinnen an: Worte stiegen mir auf und Reime,
und Sonnen und Sterne und Tränen gingen mir im Kopf herum, daß ich ihnen
nimmer wehren konnte.
Und später in der Nacht, als wir in der neuen Himmelsstube lagen, hatte ich
es fertig, und es war ein Gedicht und hieß so:
»Wir Kinder waren sechs Sterne,
Wir standen traurig in der Ferne.
Wir durften nicht tanzen und lachen,
Denn unser Vater, der böse Mond,
Tät uns so strenge bewachen.
Unsere Mutter, die Sonne,
Die sah uns vom goldenen Throne.
Da wollte nicht hell sie mehr scheinen,
Sie schwebte nur still auf die Erde hinab,
Um viel tausend Tränen zu weinen.
Und da kam auf einmal das Wunder:
Wir fielen vom Himmel herunter,
Grad in den Tränenbronnen;
Da lachten wir und vergaßen den Mond
Und waren sechs fröhliche Sonnen!«
* * * * *
Im letzten Jahr meiner Schulzeit verliebte ich mich in einen Vikar, der
uns Religionsunterricht erteilte. Die ganze Klasse schwärmte für ihn, wir
liefen zu ihm in die Kirche, saßen in der Bibelstunde züchtig neben den
angestammten, frommen Weiblein der Stadt, die erstaunt die zunehmende
Gottesfürchtigkeit der Jugend beobachteten, und ein paar von uns lernten in
der Eile stenographieren, um seine Predigten nachschreiben zu können. Der
Missionsverein war überfüllt, weil er dort hie und da einen Vortrag über
seine Studienreisen hielt und man bemühte sich mit innigem Eifer um die
Freundschaft der Mesnerstochter, die in unserer Klasse in der letzten Bank
saß und das beneidenswerte Glück genoß, ihm zu den Kindstaufen die Bäffchen
nachtragen zu dürfen.
Das alles ließ mich ziemlich kalt. Vielleicht wäre er mir überhaupt
gleichgültig geblieben, wenn er nicht die Gewohnheit gehabt hätte, im
Religionsunterricht beständig an der ersten Bank zu stehen, dicht neben
der Elsbeth und grade vor mir. In den ersten Stunden dachte ich gar nichts
dabei; dann aber freute ich mich unwillkürlich auf jeden Donnerstag, an
dem der Vikar in die Schule kam und allmählich erkannte ich in einem süßen
Erschauern, daß er ein Mann war und mich unendlich anzog. Wenn ein anderer
junger Mensch jede Woche einmal eine Stunde da so dicht vor mir gestanden
wäre, hätte er die gleiche Wirkung auf mich ausgeübt; es war weniger eine
ausgesprochene Neigung zu eben _seiner_ Persönlichkeit, als vielmehr
eine Erkenntnis meiner selbst und ein Auskosten meiner ersten weiblichen
Empfindungen.
Dazu war es gerade Frühjahr, ein lauer Südwind machte mich wohltuend
fiebrig; ich weiß noch, daß ich immer heiße Wangen hatte und in den Wind
lief, um sie kühlen zu lassen. Wolken zogen über den Himmel und schufen
mit dem gedämpften, grauen Licht, das durch sie leuchtete, über dem
blütentreibenden Land eine sinnverwirrend traurige Stimmung. Frühjahrsregen
gingen nieder, ihr herber Geruch mischte sich mit dem süßen der Blumen, so
daß ein starker Duft wie greifbar über der Erde lag. Alle Viertelstunden
brach die Sonne in wunderbar schönem, blendendem Glanz durch das Gewölk,
licht schwammen weiche Ballen durch den geklärten Himmel, und die Aeste der
Kirschbäume standen schneeig weiß in die Bläue. Nachts fuhr der Föhn ums
Haus bald laut bald leise, manchmal schlief er ganz ein. Dann lauschte ich
sehnsüchtig, bis er wieder anhub zu wehen.
Durch das alles lief ich mit einer nie gekannten, plötzlich sehenden und
verstehenden Freude und einem leise schmerzenden, drängenden Anteil. Bisher
war ich ein ruhiges, stilles Mädchen gewesen, gleichmäßig im Wesen und fast
ganz ohne Launen. Jetzt kam plötzlich eine halb kindische Sprunghaftigkeit
über mich, jäh wechselnde Stimmungen, die einmal jauchzend und wild über
alle Ufer brachen und dann wieder träg und trauervoll weiterrannen. Ich
glaube, daß das das echteste Zeichen meiner jungen Liebe war.
Es kam vor, daß ich in einem gestreckten Trab von der Schule heim die
Steige herauflief. Hausaufgaben, mit denen ich mich sonst eine Stunde lang
abquälte, in zehn Minuten aufs Papier schmiß, einen Mittag lang in einer
hellen Lust Holz spaltete oder im Garten schaffte wie einer vom Fach. Ich
sang und pfiff und jodelte in den Wind hinein, atmete kräftig die herbe
Luft und biß mit innigem Vergnügen in das Stück Schwarzbrot, das ich mir in
die Tasche gesteckt hatte.
Plötzlich aber konnte ich die Hacke wegwerfen, ganz still stehen mit
hängenden Armen und die Augen schließen. Dann sah ich ihn im Geiste vor mir
stehen, und alle Kraft von vorhin wandelte sich in einen lähmenden Zauber;
ich spürte ihn süß und schmerzhaft und wurde willenlos und unsäglich
müd davon. Auf dem Grab des Namenlos hockte ich stundenlang, kaute
geistesabwesend an einem Schnittlauchhalm, träumte und spürte meine Liebe
wie ein schweres, dunkles, warmes Blut meinen Leib durchrinnen.
Mit der Margret bekam ich in dieser Zeit einmal böse Händel, die uns für
immer auseinanderbrachten. Sie hatte wohl gemerkt, wie es mit mir stand
und spottete in ihrer frischen Art, die alle Schwärmerei haßte und
verabscheute, darüber. Das konnte ich nicht ertragen, einmal im Zorn schlug
ich sie, wir prügelten uns und ich blieb heulend am Boden liegen, in dem
erbärmlichen Gefühl der Niederlage und dem Schmerz um etwas Stilles und
Heimliches, das mir entrissen, entweiht und verzerrt war. Ich verschloß
meine Liebe tiefer in mir. Aber ich fühlte, daß sie stärker und heißer
wurde.
Ich war nun freilich um den Trost gekommen, mich nächtlicherweile von
der Margret liebhaben und streicheln zu lassen, ein bitteres Gefühl der
Vereinsamung kam oft über mich, wenn ich nachts wachlag und in all meiner
Bedrängnis wußte, daß ich ihr nichts davon sagen durfte.
Auch in meine Freundschaft mit Elsbeth Gräther war eine unerklärliche
Fremdheit gekommen; wir sahen uns selten außer den Schulstunden. Einmal
sagte ich auf dem Heimweg vergnügt zu ihr: »Ich muß dich bald wieder einmal
besuchen, wir waren so lang nimmer beieinander, gelt? Soll ich morgen
Nachmittag kommen?«
»Ach, lieber nicht,« sagte sie gequält. »Diese Hitze macht mich ganz krank;
ich bin am liebsten allein gegenwärtig.«
Ich spürte, daß ich rot wurde, ich hatte mich wahrhaftig nicht aufdrängen
wollen. Und ich wunderte mich, daß Elsbeth, die sonst so feinfühlig und
herzlich war, gar nicht zu merken schien, daß sie mich verletzt hatte.
Es war seltsam; vielleicht war sie krank und wollte es mir nicht sagen.
Aber es ließ mir keine Ruhe; am andern Tag, als ich schweigend hinter ihr
her trottete auf dem Heimweg von der Schule, fragte ich sie darum. Sie
drehte sich rasch um.
»Ja, gelt, ich bin gräßlich ungenießbar, ach, ich weiß es ja selber.«
Sie bot mir mit einem hilflosen Lächeln die Hand hin. »Verzeih,« sprach sie
traurig. »Ja, ich glaube, es ist mir nicht recht gut gegenwärtig, ich habe
oft Kopfweh. Man kann es nicht so recht sagen.«
Als ich dann allein weiterging, faßte ich einen Entschluß. Ich wollte nun,
da ich gesehen hatte, daß ihr meine Gesellschaft und meine Fragen unlieb
waren, ganz für mich bleiben und so weh es auch tat, ihre liebe Nähe
meiden, bis sie über diese böse Zeit hinüber und wieder mit sich zurecht
gekommen war. Elsbeth selber hatte mir ja gezeigt, wie man das in einer
feinen, zarten Weise tun könne, und wie so ein stilles Zurücktreten ein
schweres, aber schönes Opfer sei.
In diesen Tagen, als ich einmal auf dem Grab des Namenlos lag, mußte ich
plötzlich denken: vielleicht soll es so sein und ist eine Einrichtung von
Gott, daß, wenn man eine Liebe trägt, alles andere von einem abfällt, sich
zurückzieht und einen allein läßt. Vielleicht muß man erst so recht hilflos
und einsam werden, um die ganze Kraft und Seligkeit dieses Wunders zu
spüren; man wird alles, was einen vorher beglückt und erfüllt hat,
wegtun müssen; nur ganz still in sich hineinhorchen auf das Rauschen der
göttlichen Flut.
Ich wurde froh und still bei diesem Gedanken und meinte, den lieben Gott
und seine Weltregierung wieder einmal recht verstanden zu haben.
So allmählich war nun der Sommer gekommen; ich ging den alten Weg durch die
Wiesen zur Schule hinab; er war jeden Tag voller Sonne. Ich dachte immer
nur an ihn, Worte hingen mir im Kopf, und Verse lagen mir auf den Lippen.
Manchmal streckte ich mich ins Heu, machte die Augen zu und dachte, jetzt
müsse er kommen und mich küssen. Ich empfand ein starkes, süßes Grauen
bei diesem Gedanken; es war mir etwas Unheimliches dabei, bei der Liebe
überhaupt, ich verstand es nicht, aber ich ahnte es dunkel.
Wohl war ich nun einsam und es wurmte mich manchmal, daß kein Mensch mein
Freund sein wollte; aber ich wußte, daß ich nun ein bewußtes, eigenes Leben
lebe, das aus der Stumpfheit meiner Jugend erstanden war. Ich ließ mich von
meinen Stimmungen tragen, gab ihnen nach, träumend und doch froh und wach
und war unsäglich glücklich dabei.
Eines Abends lag ich in meinem Bett -- wir gingen immer schon in der ersten
Dämmerung schlafen, um Licht zu sparen -- draußen sank die Nacht, und
tausend Sehnsüchte hielten mich hellwach. Der Tag war schwül gewesen, erst
gegen Abend wurde es kühler, und ein leichter Wind trieb langsame Wolken
über den dunklen Himmel.
In einer wohligen Erregung stand ich auf und setzte mich unter das Fenster.
Das Heu roch süß und kräftig von der Wiese herüber, die Bäume gingen im
Nachtwind hin und her, und ich empfand plötzlich eine Lust, draußen zu sein
und ein Stück weit durch die Nacht zu laufen.
Leise kleidete ich mich an, tappte die Treppe hinab und suchte im Hausflur
meinen Hut. Dann schob ich vorsichtig den Riegel zurück und trat hinaus.
Ein lautloser Sommerregen ging nieder, und die Luft war voll jenes
bitterlichen Geruchs, den es gibt, wenn Regen auf heißes Erdreich fällt und
Staub löscht. Ich liebte diesen Duft unsäglich und trank ihn in durstigen
Zügen. Unversehens war ich so ums Haus herumgekommen, stand da in unserem
bescheidenen Gärtlein und roch, daß irgendwo Rosen in der Nähe seien. Ich
griff in Dunkelheit und nasses, kühles Blätterwerk, endlich bekam ich ein
paar feuchte Blüten in die Hände und riß sie ab.
Da meinte ich, Mutter zu hören, wie sie neben mir sagte: »nicht reißen,
schneiden! Es tut den Rosen weh, wenn man sie abreißt.«
Ich lächelte schuldbewußt, küßte in einer weichen Seligkeit den Zweig,
als ob es damit wieder gut gemacht wäre. »Ich will die Rosen ihm bringen,«
dachte ich. »Ich will sie auf seine Hausstaffel legen; es ist Zeit, daß ich
auch einmal etwas aus meiner Liebe tue und vollbringe!«
Leise summend ging ich durch die Wiesen hinunter, der Regen fiel in warmen
Tropfen durch die Aeste auf mich herab; ich schritt dahin in einem Rausch
von Liebe, Wärme und Sommergeruch.
In der Stadt waren noch Lichter hell und Leute auf den Straßen. Ich
versteckte die Rosen unter meiner Schürze und drückte mich verstohlen
an den Häusern hin. Seine Haustür war weit offen, ein Treppenlämpchen
leuchtete zum ersten Stock hinauf; da war seine Tür. Ich warf mit heftigem
Herzklopfen die Rosen hin und sprang fort.
Am Gartenzaun stand reglos eine Gestalt, ich wollte vorüber, hörte aber
meinen Namen rufen und blieb stehen.
Es war die Elsbeth; im Schein einer nahen Laterne sah ich ihr Gesicht und
da, -- ach, mit einemmal, ehe sie noch ein Wort gesprochen hatte, wußte ich
alles und verstand ihr seltsames Wesen in der letzten Zeit und stand still
und wie gelähmt von einem bösen, dumpfen Schrecken.
Es träumt einem zuweilen, man gehe über die Straße und entdecke plötzlich,
daß man keine Kleider anhabe; genau dasselbe Gefühl kam nun, wie ich so vor
Elsbeths traurigen, vorwurfsvollen Augen stand, über mich, und ich wüßte
nichts, was dem an peinvoller Scham und Beklemmung gleichkäme.
»Du brauchst mir nicht zu sagen, wo du warst, ich weiß es schon!« sagte sie
leise und traurig.
Dann schlang sie plötzlich ihren Arm fest um meine Schulter, zog mich an
den Zaun und beugte sich tief mit mir über die Latten.
»Du, Flaig,« sagte sie schnell, heiser und eindringlich, »du mußt jetzt
einmal ganz vernünftig sein, hörst du! -- Ich bin deine einzige Freundin,
gelt? -- Und du hast mich gern, das weiß ich sicher. Und hast du mir nicht
schon manchmal etwas zulieb tun oder schenken wollen und wußtest nicht was?
Sag, ist es nicht so?«
»Ja,« sagte ich tonlos.
»Weißt du,« flüsterte sie in leidenschaftlicher Erregung ganz dicht bei
meinem Gesicht, »jetzt möchte ich etwas von dir: du mußt mir den Vikar
lassen! Du mußt es, Flaig! Sieh, ich kann da keine Rücksicht auf dich
nehmen!
Ich bin immer verwöhnt worden, zu Haus und in der Schule und überall. Alle
Leute haben mich gern gehabt, und die Mädchen in der Schule waren beglückt,
wenn ich mich mit ihnen abgab. Nie ist mir eine Freundschaft versagt
geblieben; ich habe auch schon einen Gymnasiasten zum Schatz gehabt; er und
seine Freunde schwärmten für mich.
Der Vikar steht mich nicht an. Er weiß nicht, wie ich heiße. Ich habe ihn
wahnsinnig lieb gehabt vom ersten Augenblick an, da ich ihn sah; ich meine
oft, die Stunde am Donnerstag nicht zu überleben vor Jammer und doch zähle
ich die Stunden bis wieder dahin! Jede Nacht stehe ich an seinem Haus und
starre hinauf; ich habe ihn noch nie gesehen; wenn er das Licht löscht,
gehe ich heim. -- Ich bin arg demütig und bescheiden geworden; du mußt mir
mein bißchen Freude schon ungeteilt lassen, Flaig, siehst du!«
-- -- -- »Ich will ja!« sagte ich schluchzend, und sie streckte mir darauf
ihre Hand hin.
»Ich danke dir schön! Jetzt geh nur wieder heim.« Dann beugte sie sich
ganz tief über die Zaunlatten und sagte leise, so leise, daß ich sie kaum
verstehen konnte: »Ich glaube ja, daß es schwer für dich ist; aber du mußt
denken, daß es mir noch tausendmal weher tut! O du -- das ist nicht zum
sagen! -- -- Geh jetzt heim, bitte, und laß mich allein; ich kann jetzt
nimmer sprechen!«
Da lief ich wie gejagt, durch die Stadt, durch Wiesen und auf dunklen,
nie gegangenen Wegen in den rinnenden Regen hinein. Ich dachte nichts und
spürte nichts, als daß mir etwas verzweifelt weh tat; ich rannte atemlos,
wie in wilder Flucht; aber es war hinter mir und über mir und es schüttelte
mich in Scham und Schmerz und Zorn.
Um einen Baum war hoch und locker ein Heuhaufen geschichtet, willenlos ließ
ich mich fallen und wühlte mich zitternd hinein.
Ich lag ganz still, der Regen fiel leise und das Rauschen wurde schwächer
und schwächer; durch den Baum, unter dem ich lag, fiel manchmal ein Tropfen
herunter, schlug auf die Blätter und kam immer tiefer; der Wind wehte leise
in den Wipfeln, das Heu roch um mich und über mir, und meine Tränen liefen
hinein.
Die Gedanken wollten mir vergehen; müd und fremd sah ich noch einmal den
Vikar dastehen und wieder verschwinden, dann schloß ich die Augen und wußte
nichts mehr.
Mitten in der Nacht erwachte ich, frierend, und es war mir unbehaglich in
den nassen Kleidern; ich machte, daß ich nach Hause kam und ins Bett, und
alles andere war mir gleichgültig.
Am Tag darauf war die Gräther nicht in der Schule, es hieß, sie sei krank.
Und zufällig wurde auch gerade in diesen Tagen der Vikar in eine andere
Stadt versetzt, daß ich ihn nimmer sah. So waren wir beide einer Stunde
enthoben, die quälend peinlich für uns gewesen wäre.
Die Gräther kam seltsam lang nicht mehr in die Schule; ich machte mir
allerlei Gedanken darüber; da sah ich sie eines Tages auf der Straße und
rief sie an. Sie blieb stehen und wollte mir in einer plötzlich herzlichen
Freude die Hand reichen, ließ sie aber schnell wieder sinken. Ich fragte,
wenn sie wieder in die Schule käme.
»Ueberhaupt nimmer,« sagte sie. »Ich habe schon lang nach einer Gelegenheit
gesucht, es dir zu sagen. Ich gehe im Herbst ins Gymnasium zu den Buben,
ich will Medizin studieren. Ich glaube schon, daß ich mitkomme. Also, du
weißt es ja jetzt. Adieu, Agnes.«
Da war sie schon ein paar Schritte weg! »Elsbeth,« rief ich ihr nach, und
ich weiß, daß sie es hörte. Sie blieb stehen, als ob sie sich besänne,
umzukehren und wendete halb den feinen Kopf, ich sah eine lichte Welle
in ihr Gesicht steigen, röter und dunkler werden und sah sie jäh wieder
erblassen, still und stolz geradeaus sehen und weitergehen.
Da lief sie nun von mir weg, weil es ihr Stolz nicht litt, mit jemand
weiter zu verkehren, der sie einmal gedemütigt und verzweifelt gesehen
hatte, und sei es ihre beste Freundin gewesen. Es war mir, als gehe
ein feines liebliches Stück meiner Kindheit da die Gasse hinauf, um zu
verschwinden und mir verloren zu bleiben.
* * * * *
Von dem Augenblick an aber wußte ich, daß ich auch Aerztin werden wolle.
Ich spürte eine ungeheure Stärke in mir und sah ein Ziel in Klarheit vor
mir liegen wie noch nie. Ich lächelte beinahe, so froh war ich über
die Erkenntnis und so erstaunt über meine plötzlich umschwingenden
Lebenskräfte.
Ich sagte es meiner Mutter, war aber kaum erstaunt und nicht im mindesten
entmutigt, als sie mir nicht zustimmte. »Aber gelt, wenn ich jemand
gefunden habe, der mir das Geld dazu gibt, hast du nichts mehr dagegen und
läßt mich weiter machen?« Das gab sie mir zu.
Da richtete ich meine Schulzeugnisse sauber zusammen, entlehnte von
der Margret ein Paar gute Stiefel und machte mich aufgeregt und mächtig
gespannt, aber felsenfest entschlossen auf den Weg zu einer reichen
Fabrikantenwitwe, von der ich wußte, daß sie jungen Leuten Geld zum Studium
vorstreckte und manchmal auch schenkte.
Ich fragte nach ihr und wurde sogleich in ein helles, nüchternes Kontor
geführt, wo sie am Schreibtisch saß und rechnete. Sie sah flüchtig auf und
dann, während sie sprach, immer auf ihre Papiere, so daß man den Eindruck
hatte, als rede sie mit sich selber.
»Was willst du?« fragte sie mit einer Mannsstimme.
»Ich möchte die Frau Kommerzienrat um eine Unterstützung bitten, weil ich
Medizin studieren möchte und wir kein Geld dazu haben. Ich würde der Frau
Kommerzienrat, sobald ich verdiene, ganz sicher alles wieder zurückzahlen.«
»Wie heißt du?«
»Agnes Flaig.«
»Und was ist dein Vater?«
»Er war Uhrmacher und ist vor zwei Jahren gestorben. Meine Mutter strickt
Strümpfe auf der Maschine.«
»Warum willst du studieren?«
Da kam ich in eine heillose Verlegenheit; ich wußte um alle Welt nicht
was sagen und schwieg gepeinigt. Endlich kam ich auf das allerdümmste, ich
streckte ihr meine Zeugnisse hin. So mußte sie meinen, ich sei von meiner
Begabung und Schulklugheit so überzeugt, daß ich darum aufs Studierenwollen
verfallen sei. Die Frau las und gab mirs zurück.
»Wenn du nicht gescheiter bist, als es in deinem Zeugnis steht, wirst du es
auf einer Universität auch nicht weiter als andere bringen. Und im übrigen
unterstütze ich nur Knaben. Guten Tag!«
-- Ich fiel aus allen Himmeln und stand einen Augenblick wie betäubt, und
obgleich ein grenzenloser Ekel vor allem weiteren Unternehmen und Planen in
mir war und es mich würgte vor Scham und unterdrücktem Heulen, gelüstete
es mich, der Frau da mit dem großen, harten Gesicht noch einen Trumpf
hinzuschmeißen und heiser und besinnungslos sagte ich:
»Vielleicht darf ich dann die Frau Kommerzienrat bitten, mir in ihrem
Geschäft eine Stelle als Fabrikmädchen zu verschaffen, an irgend einen
Platz, wo meine Gescheitheit reicht, und wo Buben zu gut dafür sind.«
Die Frau blieb völlig unbewegt. »Jawohl,« sagte sie ruhig. »Wann kannst du
eintreten?«
»Vom 26. Juli ab muß ich nimmer in die Schule.«
»Gut,« meinte sie, »so komm am 1. August morgens um sieben Uhr in die
Fabrik hinüber und bringe eine große Schürze mit. Adieu!«
Auf dem Heimweg dachte ich: ich zünde ihr die Fabrik an oder ich hetze die
andern Mädchen gegen sie auf, sie soll nichts als Not und Verdruß mit mir
haben!
Ach -- und am andern Morgen bekam ich den ersten Brief in meinem Leben und
er hieß so: »An Agnes Flaig, hier, Kirchhofsteige. Ich habe gemerkt, daß es
dir an einigem Trotz und festem Willen, wenn er auch bös war, nicht fehlt;
und weil ich weiß, daß solche jungen Leute nicht gerade die unbrauchbarsten
sind, habe ich meinen Entschluß geändert. Ich bin bereit, dir die Mittel
zum Studium vorzustrecken; du kannst im Anfang des nächsten Monats einmal
zu mir kommen, um das Nötige zu besprechen; vorher habe ich keine Zeit für
dich. Frau Berta Griffländer, Kommerzienratswitwe.«
-- Es tropfte mir heiß über die Backen hinunter, ich lief zur Tür hinaus,
vors Haus und in den strahlenden Morgen hinein. Vor dem Gesicht flimmerte
mirs vor Sonne und Glück, meine Augen waren des Lichts ungewöhnt und schwer
von Tränen und taten mir leise weh; ich hielt die Lider halb geschlossen,
und doch sah ich einen Himmel über mir aufgetan, so gottesnah leuchtend
und unendlich wie nie vorher und sah in einer plötzlichen Erkenntnis die
köstliche Welt daliegen, Tal und Fluß und Berg, und hinter den Bergen fing
sie erst recht an; und sie gehörte mir, ich trug's verbrieft in meiner
Tasche. --
Ich lief über gemähte Wiesen und kam in die Felder, die still und demütig
in der Sonne standen, ich strich über die Halme und lachte, und das Papier
knisterte mir im Rocksack. Noch nie war es mir so bewußt geworden, daß ich
ein Mensch war und lebendig, und Kräfte und warme Ströme, Herzschläge und
tiefe Atemzüge hatte. Ich spürte jedes Glied meines Leibes und war froh
darüber, daß es zu mir gehörte. Es zuckte mir in Füßen und Händen von einer
unbändigen Kraft, und mitten in diesem süßen Bewußtwerden meines jungen
Menschentums quoll plötzlich etwas in mir empor wie ein mächtiger Brunnen
und brach stürmend durch alle Adern; ich kannte tausend Namen dafür, und
keiner war der rechte. Ich wußte, daß ich alle Menschen lieb hatte, mit
einem gewaltigen Willen, für sie zu schaffen und mein Leben und meinen
ganzen quellenden Reichtum freudig in ihren Dienst zu stellen; ich war
nimmer ich selber, es waren tausend wogende Ströme, die sich jauchzend in
die Welt ergossen, es war so herrlich stark und ohne Ende, und es fiel mir
ein, daß es an des Namenlos Grab entsprungen war.
Und ich dachte, daß das gewiß noch kein Mensch gespürt habe und daß ich es
niemand sagen konnte, weil es keinen Namen und keine Worte dafür gab; ich
konnte nur schaffen, schweigend und ohne Aufhören schaffen und die großen
Kräfte brauchen.
Ach, und ich hätte es doch am liebsten in die ganze Welt hinausgeschrien,
wie es mit mir war, es sprengte mir fast die Adern vor heißem Blut, und ich
geriet vor lauter Lust und strömender Kraft in eine schmerzende Bedrängnis,
aus der ich mir nimmer zu helfen wußte. Da stand oben am Wald eine
alte Buche mit mächtigem Stamm, ich lief drauf zu und legte in einem
überquellenden Gefühl meine Arme darum, aber es fehlte eine halbe Spanne,
bis die Hände zueinanderreichten. Da lachte ich hell auf: das war die
Kraftprobe.
Ich dehnte die Arme bis aufs äußerste, die Gelenke knackten und es sauste
mir im Kopf; auf einmal war es gewonnen. Da war es die ganze weite Welt,
die ich in meinen Armen hielt, und die Ströme meiner Liebe umspannten sie
fest.
* * * * *
Die Tage, die jener Sonnenstunde folgten, waren ruhig und schön, und ich
kostete die leise, leuchtende Weihe aus, die von der Buche her noch darüber
lag.
Mit einer überlegenen Fröhlichkeit saß ich die letzten Schultage vollends
ab; auf dem Heimweg liebäugelte ich schon mit dem Gymnasium. --
Ich brachte die tiefblauen Sommertage hinter mich in einer schweren Arbeit,
wie ich sie noch nie getan hatte; und doch war's oft so, daß ich, wenn ich
abends todmüd ins Bett gegangen war, nach ein paar Stunden festem Schlaf
munter und völlig ausgeruht, mitten in der Nacht erwachte, und mich
wunderte, daß es noch nicht Tag war. Dann war mir aller Schlaf aus den
Augen, es litt mich nimmer im Bett; ich zündete mir ein Licht an, stahl
des Greiners lateinisches Lexikon und seine Grammatik und verlebte darüber
köstliche Stunden in einer verschämt glücklichen Neugier und saß nachher
noch unterm Kammerfenster, oft lang in die schweigenden Nächte hinein.
Oder kleidete ich mich leise an und verließ das Haus, um droben im Wald
einsame Gänge zu tun; und es schien mir, als liege da mein Leben vor mir,
wie im Mondlicht die stillen Landstraßen, die durch den Wald führten;
leuchtend von einer feierlichen Helle, geradeaus und weit, und kam
ein Querweg, wars wieder so: weiß und eben, und verschwindend in einem
schimmernden Duft dem Mond zu oder dunkel in den Wald sich neigend.
Und immer wieder war das wunderliche Gewoge in mir, auf und nieder, da die
Ströme meiner Liebe wach wurden und gewillt waren, sich der Erde und allen
Menschen hinzugeben.