Halbwegs an der Steige war eine Bank, da lief ich drauf zu und setzte mich
erschöpft drauf hin. Sie stand vor mir und streichelte meine Hand. »Jetzt
kannst du streicheln,« dachte ich wieder, »vorher hättest du mich anspucken
können vor Verachtung,« und ich zog meine Hand schnell weg.
»Kannst du jetzt wieder weitergehen?« fragte sie ängstlich. »Oder soll ich
dich tragen? Ich habe schon Kraft.«
»Das habe ich vorhin im Schulhof gemerkt,« sagte ich und lächelte. Da
wurde sie wieder rot. Ich sah, wie sie mit sich kämpfte und blaß und wieder
dunkel wurde und mit einemmal neben mir saß und ihre Arme um meinen Hals
legte.
»Du, Flaig,« sagte sie leis, »du mußt nicht meinen, ich tue so, weil ich
meine, ich könne damit meine Grobheit von vorhin wieder gut machen. Aber
wie du im Schulhof gelegen bist und geweint hast, habe ich dich auf einmal
lieb gehabt. Man hat gut gemerkt, daß das nicht wegen den Schmerzen war,
sondern um -- weil einen halt jemand gekränkt und mißachtet hat. Und ich
hab gedacht, ob die Maier oder die Klara Eiselen wohl auch geweint hätten,
wenn ich nichts von ihnen gewollt hätte. Oder wer das überhaupt getan
hätte. Und da wußte ich einfach, daß ich dich lieb habe, und daß du
mehr wert bist als die Maier und die Eiselen zusammen, weil du um meine
verlorene Freundschaft so traurig sein kannst. Und gelt, -- du Flaig, wie
heißt du mit deinem Vornamen?«
»Agnes!«
Da fuhr sie ganz liebreich und sanft über meinen Kopf und sagte ein
paarmal: »Agnes, Agnes, Agnes! Ich möchte so arg gern deine Freundin sein,
und daß du mir alles sagst, wenn du traurig bist, und wie du deine
schönen Aufsätze machst und an was du immer denkst, wenn du so zum Fenster
hinausschaust und beinah deine Augen zumachst.«
Es war mir schwach und glücklich zu Mut. Ich spürte, wie immer mehr Blut
von meinem Haar herunterlief. Ich strich mir über den Kopf und sagte:
»Es tut mir so weh und so wohl. Es war eigentlich fein, daß du mich
hingeschmissen hast.«
Dann gingen wir ganz langsam weiter, und sie führte mich fest. Als wir
unser Haus sahen, dachte ich, ich müßte mich schämen, wenn sie in unsere
ärmliche Stube hineinkäme und vollends, wenn mein Vater grad da wäre und
die Werkstattüre offen. Deshalb sagte ich zögernd und verlegen: »Jetzt
komme ich ganz gut vollends heim, Gräther. Weißt du, es ist so wüst bei
uns, und dann --«
Sie begriff sofort. »Also, ich wünsche dir, daß es recht schnell heilt und
du bald wieder in die Schule kannst. Wie schön und frei euer Haus da droben
liegt in den Bäumen, man muß herrlich ins Tal heruntersehen können.«