»Wenn dich die Gräther führt, kannst du so weit gehen?«
»Ich glaube, ja,« sagte ich.
Da band sie mir ihr Taschentuch und das der Elsbeth um den Kopf, ging mit
uns ein Stück weit von der Schule weg, gab mir die Hand und kehrte wieder
um.
Die Elsbeth hatte ihren Arm sorgsam unter meinen geschoben und wir waren
beide still und verlegen. Als wir in der Webergasse waren, blieb ich stehen
und sagte: »Jetzt geh nur wieder zurück! Ich komm' schon allein vollends
heim. Es kann dir ja bloß recht sein, weil -- ich habe dich doch einmal so
arg angelogen!«
Eine dunkle, rote Welle lief ihr über das Gesicht.
»Ach, das ist schon lange her!« --
»Ja, aber, du hast damals doch nichts mehr von mir wissen wollen, das ist
jetzt immer noch das gleiche!«
Da tat sie einen ihrer schönen, vollen Blicke herüber und sagte langsam:
»Weißt du, Flaig, es ist nicht das gewesen, daß ich erfahren habe, daß
deine Mutter nur eine Magd war und daß dein Vater -- krank ist --, ich
hätte es gern der Maier nun erst recht gezeigt, daß ich mit dir verkehren
will. Aber es kam mir so ein bißchen prahlerisch und verlogen vor und ich
mußte nun bei jedem Aufsatz, den der Rektor von dir vorlas, denken: was die
wieder zusammenlügt! Aber gelt --« das sagte sie ganz leis und wurde wieder
rot dabei, als müßte sie sich schämen, »du hast nur _mich_ angelogen, daß
ich nimmer so verächtlich sein sollte und so ekelhaft geringschätzig, wie
ich immer war, als wäre ich etwas Besseres als du?«
Ich nickte schweigend und sah weg. Da bot sie mir die Hand hin.
»Gelt, du bist mir nimmer böse deshalb. Wir haben den gleichen Heimweg bis
zum Berg hin; da können wir jetzt jeden Tag zusammen heimgehen.«
Ich schwieg immer noch und ließ mich von ihr führen, und jetzt wurde wieder
die höhnische Stimme von vorhin in mir laut: »Ja, gelt, --« dachte ich,
»jetzt kannst du dir Mühe um mich geben. Schwätz du nur; das ist jetzt grad
recht.«
»Hast du Schmerzen in deinem Kopf,« fragte sie nach einer Weile.
»Ja,« sagte ich, und es war nicht gelogen.
»Was kann man denn tun?« fragte sie ratlos. »Soll ich ein Taschentuch an
einem Brunnen naß machen und es dir herumlegen?«