Es gibt Zeiten und Stunden und halbe Nächte, in denen ich immerfort über
die Ehe meiner Eltern nachdenken muß. Und manchmal scheint mir, mein Leben
sei, als es mir noch unbewußt war und in meiner Mutter beschlossen, schöner
und mächtiger und reicher gewesen, als nachher, da ich es selbst lebte.
Alles, was ich erfahre und erlebe, ist mir manchmal nur wie das Licht, das
immer heller wird, womit ich das Dunkel und Heiligtum meines Elternhauses
sehen kann; und mit jedem Jahr wird es mir klarer und deutlicher, wie
traurig und verworren-schön meine Mutter mit dem Vater lebte.
Er war schwermütig und öfters, besonders gegen das Ende seines Lebens hin,
geistig gestört. Er war von Jugend an so, galt aber in normalen Zeiten für
einen begabten, strebsamen Menschen und lernte das Uhrmacherhandwerk, das
ihn und seine Familie auch bis zu seinem Tod getreulich ernährte. Er hing
mit seltsamer, zäher Zärtlichkeit an -- seiner Kunst -- hätte ich beinahe
gesagt und redete stundenlang mit seinen Uhren, innig und leise, wie
nie mit einem Menschen. Als er noch Geselle bei einem Meister in meiner
Vaterstadt war, lernte er meine Mutter kennen, die im gleichen Haus als
Dienstmagd in Stellung war. Es hängt in unserer oberen Stube ein Bild, das
meine Mutter in diesen Jahren darstellt, und heute noch betrachte ich es
oft erstaunt und freue mich darüber. Sie war groß und schön und sah sehr
glücklich aus. Ihr Haar, das ich mir nie anders als schneeweiß vorstellen
kann, war damals noch dunkelbraun und lief ihr weich ums Gesicht. Ihre
Augen aber waren heller und glänzender als später, und sie hatte schöne,
ganz rote, lächelnde Lippen. So sah sie wohl mein Vater, in dem geblümten
Kleid und dem weißen Mädchenschurz, wie sie durch das Haus und über die
Treppen lief wie das helle Licht, und er hatte sie lieb über seine Kraft.
Er wollte sie heiraten, aber sie wies ihn ab. Da tat er das Arge, das ich
heute noch nicht sagen kann, ohne mich zu schämen: auf der Bühne des Hauses
hängte er sich auf. Die Leute fanden ihn, grauenhaft verzerrt und trugen
ihn für tot weg. Man brachte ihn wieder zum Leben, und als er nach langen
Wochen einer schweren Gemütskrankheit genas, kam eines Tages meine Mutter
zu ihm und sagte, sie hätte ihn lieb und wolle ihn heiraten.
Ein paar Wochen nach der Hochzeit schon wurde das Haar meiner Mutter grau
und ihre Augen dunkler und trauriger. Es muß unsäglich schwer gewesen sein,
mit dem finsteren Narren zusammen zu sein, und sie wollte ihm fortlaufen,
denn sie hatte das schöne, leichte Leben so sehr lieb gehabt vorher.
Das erste Kind, das meine Mutter zur Welt brachte, war verkrüppelt und
entstellt. Es schrie fast immer und man merkte, daß es vollständig blöd
war. Nach wenigen Monaten starb es an Krämpfen. Es war für die Mutter gut;
in jenem Jahr ist ihr Haar ganz, ganz weiß geworden.
Nicht lange nach seinem Tod trug meine Mutter ein zweites Kind unter dem
Herzen. Und da begannen die Wunder, die sie für uns tat. Sie trug ihr Bett
in eine Kammer unter dem Dach und riegelte abends die Tür zu; da schlief
sie ungestört mit ruhigen Träumen oder lauschte zum offenen Fenster hinaus
dem Gang der Nächte und fing die stillen, tiefen Lieder des Dunkels in sich
auf. Und sie erwachte morgens in die helle, kräftige Sonne hinein, wusch
sich die Augen frisch und klar und ließ sie überall da hin gehen, wo es
hell und gut war. Sie schleppte sich die Arbeit, wenn es irgend ging, auf
den kleinen, grünen Hof hinaus, der hinter dem Hause lag und saß manchen
Mittag in der Sonne oder im Grünen und ließ die Nadeln klappern in die
geruhige Stille hinein; oder sie ging in die Stadt hinunter, den Korb am
Arm, sah in den Gassen den Kindern zu, wie sie spielten und sangen, stand
auf der Brücke und blickte auf das weite, glänzende Wasser hinaus. Unter
dem Betglockenläuten ging sie wieder heim und ließ in ihr Herz die tiefen,
feierlichen Töne fallen. Am Sonntag war sie in der Kirche; sie hatte
ihren Platz unter der Orgel, daß die Töne sie deckten und umwogten wie
ein kühles, herrliches Meer. Das Vaterunser betete sie mit aus einem
inbrünstigen Herzen heraus und sah von den gefalteten Händen weg zu
den farbigen Kirchenfenstern hinauf und glaubte an Erhörung. War es ein
besonders lieblicher Text gewesen, las sie ihn zu Hause in der Bibel noch
einmal und freute sich daran. Im Gesangbuch hatte sie ein Lieblingslied:
»Die güldne Sonne voll Freud' und Wonne
Bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen
Ein herzerquickendes, liebliches Licht!« --
Das las sie oft, auch hörte man sie's an guten Tagen bei der Arbeit leise
vor sich hinsingen.
Und wenn sie Beschwerden hatte, strich sie still und liebkosend über ihren
Leib und lächelte.
So machte sie es damals, und bei mir und bei allen.
Und nun frage ich mich selber: habe ich, da ich lebte, und da mich
wahrhaftig kein Mensch dran hinderte, auch so die Augen aufgetan und
wissentlich alle Schönheit und Helle gesehen und das Dunkel weggeschoben?
Habe ich es mir auch einmal so gut und licht gemacht und so tief um
Gottes Segen für mich selber gebeten? Habe ich an Stimmen und Tönen und
Himmelslichtern auch so die rechte Freude und Beziehung auf mich selber und
den göttlichen Strom daran gefunden?
-- Ich wüßte es nicht. Ich kann mir da kein einziges, ganzes Jahr denken,
in dem nicht Schmerzen und tiefe Traurigkeiten genug gewesen wären; und
wenn ich genau zusehe, habe ich das meiste davon gewollt und mir selber
geschaffen.
Und dann: habe ich in meinem ganzen späteren Leben einen einzigen Menschen
gefunden, der mich so geliebt und mir alle Freuden und hellen, guten Dinge
so zugetragen hätte? Der so für mich lebte und um meinetwillen mit einer
mächtigen Kraft alle Schmerzen verbiß und in seiner Not lächelte, weil es
für mich gut war?
Auch das wüßte ich nicht.
Und es wird mir ganz unendlich wohl dabei, daß es einmal so mit mir war,
und wenn ich auch noch gar nicht gelebt habe dabei.
Wir sind sechs Geschwister, zwei Buben und vier Mädchen. Unser Aeltester
hieß Eberhard, wir nannten ihn aber nach dem Württemberger Grafen, dem
Rauschebart, den Greiner. Dann kamen wir Mädchen, Margret, Regina, Agnes
(das bin ich) und die Eva.
Der Kleinste war der Johannes.
Und wir alle sind in dem gleich: Wir gleichen nicht besonders dem Vater und
nicht der Mutter. Keines von uns ist schön, wie es die Mutter war; keines
aber auch trübsinnig und finster. Doch haben wir das schwere, drängende,
liebebegehrende Blut des Vaters in uns; es kommen zuweilen Stunden über
uns, so voller Qual und Not, wie sie wohl selten ein anderer Mensch
durchleben muß, und wir wissen dann traurig, woher das in uns ist; wir
tragen ein sehnsüchtiges, schmerzliches Verlangen in unserer Seele, das uns
unablässig nach schönen und reinen Menschen suchen läßt, die wir für uns
gewinnen möchten; und wir vermögen solche dann so heiß und mächtig und
leidenschaftlich zu lieben, daß es einer Krankheit und einem Fieber
gleichkommt, das uns ungewollt überfällt und dem wir ohnmächtig und
willenlos unterliegen.
Und wenn wir schon manchmal in dunkeln Nächten um eine verlorene oder
versagte Liebe wachlagen, war uns das Leben so unerträglich und grauenvoll
und bitter, daß es uns Erlösung und Seligkeit dünkte, das zu tun, was der
Vater damals um die Mutter getan hatte.
Es tut es aber keines von uns. Denn da ist froh und leuchtend das Erbteil
der Mutter: eine mächtige, warme Lebensfreude und ein tiefes, schweigendes
Bewußtsein, daß wir nicht für uns selber da seien, sondern Leben und Kräfte
von Gott hätten, um sie in seinem Dienste für die Menschen zu brauchen.
Zwischen jetzt und meiner Kinderzeit liegen mir so viele Erlebnisse und
starke Eindrücke, soviel mit einem hellen Bewußtsein empfundene Stunden,
daß mir die Dinge damals unendlich ferngerückt sind und gleichsam in einem
dämmerigen Vorleben und in fremden Ländern geschehen erscheinen.
Wäre meine Jugend glücklich und heiter gewesen, mit vielen hellen
Augenblicken, so hätte sich mir das doch einprägen müssen und wäre mir
jetzt leicht und fröhlich in Erinnerung. Es müßte sein, wenn ich jetzt
einmal durch unser Haus liefe, daß ich auf einmal lächelnd stehen bliebe
und meine Mutter fragte: »Gelt, es ist da gewesen, wo wir als Kinder
die Undine aufgeführt haben? Da, vom Kasten bis zur Küchentüre ging der
geteilte Vorhang; das waren zwei aufgetrennte Rupfensäcke. Die Margret war
der Ritter Huldbrand, die Hosen waren ihr zu lang und sind gerade bei den
rührendsten Stellen manchmal heruntergerutscht. Dem Oheim Kühleborn
ist jemand auf den weißen Mantel getreten, so daß er sich nachher hat
verantworten müssen wegen dem zerrissenen Leintuch. Es war wunderbar schön,
dir sind die Tränen gekommen vor Rührung, als Undine den Ritter umschlang,
und der Vater hat zwanzig Pfennige Eintritt bezahlt.«
Oder wenn ich in der Kammer droben nach einem Flicken suchen würde und mein
Aug' fiele auf des Greiners alten Holzgaul, der nie einen Schwanz gehabt
hat, so müßte da plötzlich ein ganzer schimmernder Christtag mitsamt
den farbigen Kerzen und den Springerlein und den großen Puppen und dem
Kaufladenglöcklein dahinter auferstehen. Ich müßte eine Viertelstunde lang
still versunken dasitzen, und es müßte mir ordentlich weich und weit
ums Herz werden vor lauter unaufhörlichem Erinnern an einen schönen
Kinderchristtag.
Ich müßte es mir noch denken können, wie mich mein Vater auf den Knieen
reiten ließ, und es müßten tausend Plätzlein im Haus und ums Haus herum
sein, bei deren Anblick in mir ein vertrauliches Licht und eine liebe alte
Erinnerung hell würde. Aber es ist nichts da. Wenn ich mich auch noch so
sehr besinne -- es ist fast alles dunkel und tot. Und wenn es so war, wie
meine Geschwister erzählen, daß ich als Kind viel geweint habe und die
meiste Zeit still und bockig und verschlossen war, so bin ich froh, daß ich
es vergessen habe und es nicht quälend oder mit Neid auf glückliche Kinder
mit mir herumtragen muß.
Ich habe ja gewiß auch viele Freuden und Freudlein genossen. Und wo
sechs Kinder sind, gibt es Dummheiten und etwas zum Lachen, Händel und
Friedensschlüsse und ein unterhaltendes, buntes Leben, und wenn sich alle
finsteren Mächte dagegen verschworen hätten.
Aber daß das nicht stark und tiefgehend war, bezeugt, daß es in meiner
Erinnerung ausgelöscht ist. Ich weiß von meiner Jugend nur, als von einem
wirren, traurigen, mir kaum bewußten Zustand mit einer dumpfen Sehnsucht
nach einem schönen, glücklichen Leben.
Es ist mir wie ein Traum und ein langer unruhiger Schlaf; nur ein paar
helle, deutliche Ereignisse heben sich davon ab, an die ich oft lächelnd
zurückdenke, und von denen ich manchmal meine, daß sie mir lieber und
werter waren, als eine ganze reiche, glückliche Kindheit. Ich will
versuchen, alle Verklärung und verschönende Veränderung, die sich etwa im
Lauf der Jahre darüber angesetzt hat, wegzutun und sie so aufzuschreiben,
wie ich sie damals erlebt und aufgenommen habe.
* * * * *
Unser Haus liegt auf der Höhe über der Stadt; es hat drei geräumige Stuben,
die Werkstatt und etliche Dachkammern; auch ist ein Geißenstall hinten
angebaut, und ein kleiner Garten darum samt einer Wiese mit ein paar
Obstbäumen, die uns das Gras für die Geißen liefert.
Das schönste daran ist aber der alte, steinerne Brunnen; er steht neben
dem Haus an der Straße und ist so groß und wasserreich wie weit und breit
keiner mehr und ein Labsal für Mensch und Vieh.
Wenige Minuten von unserem Haus weg, weiter oben am Berg, fängt der Wald
an; auf der andern Seite aber, ins Tal hinunter, geht der alte Kirchhof,
der seit hundert Jahren nicht mehr benützt wird. Und mehr als das Haus und
der Garten, als Mutter und Geschwister, war dieser Kirchhof mein Eigentum
und meine Unterhaltung.
Wenn die Geschwister mit drüben waren, ging es wild her. Wir spielten
Räuberles und rissen die Hagenbutten und Dürlitzen von den Zweigen.
Auch war in des Syndikus Grünzweig Grab eine schöne, runde Lücke zum
Bohnenspielen. Aber es kam mir wie eine Entweihung der stillen Heiligkeit
vor, wenn die andern da so über die Gräber sprangen und lachten und sich
um die Früchte prügelten; und einmal liefen mir vor Zorn darüber die Tränen
herunter, und ich ging in die dunkle Chornische, um mich auszuheulen.
Oft, wenn ich wußte, daß die andern alle beschäftigt waren, schlich ich
mich hinüber und freute mich, ungestört da zu sein. Ich stieg auf das
Mäuerlein oder auf einen Baum und schaute ins Tal hinunter und dachte, ich
wäre ein Wächter und Turmwart und focht mit unsichtbaren Gestalten, die den
Frieden der mir Anvertrauten bedrohen wollten.
Oder ich stand an den Hagebutten und pflückte sie langsam und säuberlich in
meine Schürze, saß mit ihnen auf ein Grab und putzte die haarigen Kernlein
heraus. Dann suchte ich ein recht schönes Blatt oder einen netten Scherben,
legte die roten Schalen ordentlich darauf, trug sie so an irgend ein Grab
und lud den Bewohner feierlich ein, dieses Mahl mit mir zu teilen.
Im Sommer brach ich auf der Wiese Sträuße und grub sie in die Gräber ein;
einmal war an einem Margritlein die Wurzel hängen geblieben; ich wußte es
nicht, aber als ich im nächsten Jahr eine weiße Blume auf dem Grab blühen
sah, hatte ich eine unbändige Freude daran, und holte nun ganze Büschel
von Margriten und Vergißmeinnicht und Dotterblumen mit Wurzeln und einem
Klumpen Wiesenerde daran und pflanzte sie ein. Das Wachsen und Blühen
wollte mir nicht schnell genug gehen; ich flocht Kränze und Gewinde
und steckte mit einem dürren Aestchen lange Ketten von Buchen- und
Kastanienblättern zusammen und putzte die Wege, d. h. ich fegte nur das
welke Laub weg, das Gras ließ ich stehen und streute frische Blumen von der
Wiese und Heckenröslein darauf. Dann hielt ich einen großen Feiertag: ich
blies auf einem glatten, zähen Buchenblatt meine Lieblingslieder und lief
langsam und lächelnd und feierlich in den Wegen auf und ab und um
die Gräber und richtete mir aus Birnen und Stachelbeeren und wildem
Schnittlauch eine Mahlzeit. Am Schluß aber räumte ich alle Kränze und
Verzierungen eifrig weg, rannte wie besessen in den Wegen herum, um das
Gras wieder wüst zu machen und holte vom nächsten Gütlein den halben
Unkrauthaufen, verstreute ihn auf dem Boden und stampfte ihn fest, daß man
gar, gar nichts mehr sah von der Schönheit vorher. Denn hätte irgend jemand
etwas davon gemerkt, so hätte ich mich elend geschämt.
Am liebsten auf dem Kirchhof hatte ich zwei Gräber. Sie standen ganz nahe
beieinander; nur ein Streifen Gras war dazwischen. Auf dem einen stand
verwaschen, daß man's kaum lesen konnte: Melitta Barbara Wonnigmacherin,
und auf dem andern stand gar nichts. Da lag ich oft in der Sonne zwischen
den beiden, legte auf jedes Grab eine Hand, ließ mich von den Gräsern
kitzeln und konnte es wohl leiden. Ich sprach mit ihnen und gab mir Mühe,
recht leis und lieb zu sein.
Die Melitta nannte ich kosend bei ihrem Namen, immer wieder, und strich
ihr über den Grabstein, wie man einem bekannten, geliebten Menschen übers
Gesicht fährt. Aber zu dem andern Grab wußte ich nichts zu sagen.
Ich fragte einmal die Mutter darum, und sie meinte, es werde wohl ein
Handwerksbursch darin begraben liegen, dessen Namen man nicht gewußt habe.
Ich hatte auch schon einen Handwerksburschen gesehen: er kam müd und
langsam die Steige herauf und stand vor unserem Haus veratmend still. Die
Mutter rief ihn herein und gab ihm einen Kaffee; der Mensch sah nicht gut
aus, hustete oft und schauerte zusammen, und aus seinem rechten Stiefel sah
eine große, rote Zehe heraus.
Am Schlusse sagte er vergelt's Gott, lächelte traurig meine Mutter an und
ging leise pfeifend weiter, in den Wald hinauf.
So dachte ich mir nun, er sei gestorben und liege da; und meine erste
traurig-schöne Liebe erwuchs an dem Grab neben dem der Melitta.
»Du armer lieber Namenlos,« dachte ich, »warum hast du so frieren müssen?
Warum hat dir niemand deine Socken geflickt und niemand dir Vergißmeinnicht
aufs Grab gepflanzt, und warum hat dich keine lieb gehabt?
Ach du, ich möchte, du tätest noch leben, und ich könnte dich liebhaben und
mehr für dich tun, als bloß meine Hand auf dein Grab legen!«
Es wuchs ein glühender Wille in mir, einmal für einen Menschen alles tun zu
dürfen, was man überhaupt konnte. Einmal einen Menschen so lieb zu haben,
daß es wäre wie ein mächtig wogender Strom, der mit fortreißt, was man
hineinwirft, und bei dem man doch nicht anders mitkommt, als man springt
hinein und gibt sich ganz, -- und wenn man untergehen müßte.
* * * * *
Am liebsten von den Schwestern hatte ich die Margret. Sie war die Schönste
und Vergnügteste und Stärkste von uns, dazu fast fünf Jahre älter als ich;
so konnte sie mir wohl imponieren. Wir schliefen zusammen in einer Stube im
Dachstock; und wenn ich mich näher auf jene Zeit besinne, so fällt mir ein
Erlebnis ein, das eigentlich gar keines war und doch einen hellen Glanz auf
mein damaliges Leben warf und der Ursprung von vielen schönen Abenden und
Nächten meiner Kindheit war, da man sich im Dunkeln zärtlich an das Andere
schmiegte, vor dem Einschlafen noch lange tuschelte und nach der scheuen
und köstlichen Kinderart einander liebte.
Es war eine Nacht im Juni, schwül und voll Mondschein und so, wie sie den
Vater zum hellen Wahnsinn bringen konnten. Am Abend zuvor hatte er uns auf
dem Kirchhof herumtollen sehen; er geriet in Wut über unsere Fröhlichkeit,
und in irgend einer unsinnigen Willkür verbot er uns, noch einmal hinüber
zu gehen. Wir wußten traurig, daß man einem solchen Verbot, und sei es noch
so unbegründet, die strengste Folge leisten mußte, hätte der Vater von da
an eins von uns noch einmal auf dem Kirchhof gesehen, ich glaube, er hätte
es umgebracht.
Margret, die heftiger und empfindsamer war als wir andern, hatte sich
maßlos drüber aufgeregt; nun, da es Nacht war und wir des Vaters Toben und
Fluchen durch die Stille bis zu uns herauf hörten, lag sie noch immer wach.
Sie stampfte mit dem Fuß gegen ihre Bettstatt und murrte und stöhnte, wie
es so ihre Art war, mit trockenen Augen vor sich hin. Ich war voller Angst,
man könne sie unten hören und suchte ihr die Decke über den Kopf zu ziehen.
»Hast du schon gebetet, Margretle?« fragte ich, um sie zu beschwichtigen.
»Ich bete überhaupt nicht mehr.« Sie fuhr empor, saß aufrecht in ihrem
Bett, und im Mondschein konnte ich erkennen, wie wild und böse ihr Gesicht
aussah. »Du bist dumm, Agnes. Das Beten hat doch keinen Wert! Der liebe
Gott ist überhaupt an allem Schuld. Er hat etwas in mich hinein getan, daß
ich immerfort singen und lachen und vergnügt sein möchte, und er hätte
mich sollen eine Geiß oder einen Vogel werden lassen, dann wäre es recht
geworden. Und nun hat er mich so einem Vater gegeben, _so einem_, der einen
totschlägt, wenn man bloß lacht und vergnügt ist. -- Aeh -- pfui -- --!«
Sie verzerrte ihr Gesicht in einer wilden Grimasse, dann fiel sie wie müd
in ihr Kissen zurück und sprach leise vor sich hin.
»Neulich, in der Schule, hat das Mariele Wildnagel erzählt, ihre Mutter
habe den Fuß gebrochen und müsse im Bett liegen. Da sei ihr Vater zu ihr
hingesessen, und wenn sie angefangen habe zu jammern, habe er so lang
Spässe gemacht, bis sie wieder gelacht habe. Und dann habe er ihren
kleinen Bruder versorgt und ihr die Zöpfe geflochten; darum sei sie heut
so strubelig. -- Guck, da ist in mir ein Heulen aufgestiegen, daß ich dir's
nicht sagen kann! Aber ich hab nur wüst und roh hinaus gelacht, daß mich
die Andern ganz dumm ansahen, und es hat mich doch fast verwürgt!«
Da sah ich, was ich noch nie gesehen hatte: die Margret weinte. Sie war
ganz still, lag da mit weit offenen Augen und große Tränen liefen ihr übers
Gesicht; und mein eigener Jammer ging unter in einem großen, großen
Mitleid und einer heimlichen Freude. Es war mir ein Leuchten über die Augen
gefahren; ich hatte durch Margrets Tränen in ihre Seele gesehen, die war
tief und schön, und es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich einen
Menschen lieb hatte, -- ach, so richtig lieb! Jetzt war sie nimmer
meine Schwester, daß heißt, mehr als eine solche, und wir hatten die
eigentümliche Scheu, wie sie Geschwister fast immer vor einander haben,
verloren. Sie war meine Freundin und meine Liebste; ich mußte zart und
lieb zu ihr sein, wenn sie traurig war, ich durfte das Liebhaben geben und
nehmen, und es war etwas Neues und Schönes in meinem Leben.
Margret weinte nun nimmer und lächelte mich an.
»Margretle! --« sagte ich leis.
»Ja.«
»Jetzt bin ich ganz nahe bei dir!«
»Ja.«
»Margretle, ich hör dein Herz schlagen!«
»Ich deins auch!«
»Du!«
»Du!«
Dann schliefen wir ganz fest zusammen ein.
* * * * *
Eine war in unserer Klasse, die bewunderte ich und wäre gern ihre Freundin
gewesen. Sie hieß Elsbeth Gräther und hatte ein schönes, stilles Gesicht
und lange, schwarze Zöpfe. Sie durfte aufpassen, wenn der Lehrer eine Weile
hinausging, auch nach dem Diktat die Hefte einsammeln und am Donnerstag das
Wochenbuch zum Rektor tragen. Es war gar keine Aussicht vorhanden für mich,
ihr je einmal näher zu kommen; denn erstens war ich ärmlich angezogen,
hatte ein trübseliges, farbloses Gesicht und dann saß ich in der Mitte und
sie war die Erste. In der Vesperpause war immer ein Hofstaat von netten,
wohlhabenden Mädchen um sie, die es nicht duldeten, wenn ich mitspielen
wollte. Ich drückte mich dann scheu in eine Ecke und sah zu, wie die Zöpfe
der Gräther hinter ihr drein flogen, wenn sie sprang, und wie sie manchmal
ganz stolz und befehlend sich nach den andern umdrehte.
Es war einmal ein Schulspaziergang, und die Gräther trug ein weißes Kleid,
aus dem ihr brauner Hals schlank und frei herauswuchs. Ich lief traurig
hinter ihr drein; wir kamen durch den Wald an ein Wirtshaus, und die
Mädchen drängten sich um den Schenktisch, um Limonade zu kaufen. Nur die
Gräther und ich warteten außen; irgend eine Vornehmheit hielt sie davon ab,
sich in das gierige Getue drin zu mischen, und ich hatte kein Geld.
Da war ich froh, sie einmal ohne Anhang zu finden und stand zu ihr hin und
fragte sie, warum sie nicht hineinginge.
»Weil ich keinen Durst habe,« sagte sie und drehte sich um nach mir.
»Wie viel hast du gestern in deinem Aufsatz bekommen?«
»Recht gut!« sagte ich stolz. »Und du?«
»Gut. Hilft man dir zu Haus?«
»Nein,« sagte ich. »Aber meine Mutter könnte es schon. Sie ist sehr
gescheit und kann auch französisch.«
Ich sah, wie die Gräther ein aufkeimendes Interesse für mich hatte, mein
Herz schlug ganz schnell und ich wußte, die Gelegenheit dauerte nicht
lange, dann kamen wieder die andern und verdrängten mich. Und ich prahlte
mit den paar Worten französisch, die meine Mutter in dem Haus, wo sie
gedient hatte, aufgeschnappt hat. Und ich log und wurde nicht einmal rot
dabei, und log immer ärger, je mehr ich sah, daß die Gräther daraufhin nett
zu mir war.
»Meine Mutter ist überhaupt Lehrerin gewesen, ehe sie meinen Vater
geheiratet hat und ich werde auch Lehrerin, ich könnte alles grad so gut
wie Aufsatz, wenn ich nur wollte!«
Die Gräther setzte sich auf eine Bank und ich mich neben sie und hatte eine
elende Freude, sie so plötzlich gewonnen zu haben und schwätzte immerfort,
bis die Emilie Maier, ihre Vertraute, gelaufen kam und sie von der Bank
herunterzog, bei ihr einhakte und verwundert auf mich sah. Die Gräther aber
schaute mich noch einmal freundlich an und sagte: »Morgen in der Freistunde
kannst du an der unteren Treppe auf mich warten; du mußt mir dann noch mehr
von dir sagen!«
Ich war so vergnügt und munter an jenem Nachmittag wie noch nie. Und am
Abend rutschte ich ganz leis in Margret's Bett hinüber: »Du, Margretle,
kennst du die Gräther in unserer Klasse?«
»Ja,« nickte sie. »Warum?«
»Sie hat heut ein weißes Kleid angehabt, und morgen lauf ich mit ihr in der
Freistunde herum; dann weißt du's gleich, wenn du uns siehst!«
Am Morgen lief ich die Schultreppe hinauf, und wollte eben zum letzten
Stufenabsatz umbiegen, da hörte ich oben die Stimme der Emilie Maier.
»Du, Elsbeth, die Flaig hat dich gestern elend angelogen. Ich hab's gleich
nicht geglaubt und heut morgen meine Mutter gefragt, die kennt die
Flaig's ganz genau. Die Frau ist bloß Dienstmagd gewesen bei dem Kaufmann
Plieninger, und er war schon im Narrenhaus und die Kinder haben's sicher
von ihm geerbt, hat meine Mutter gesagt; das sei immer so. Ich soll nur
nie mit der Flaig gehen; sie ist auch so wüst angezogen. Und wenn man so
lügt! --«
Es wurde mir schwindelig, und ich mußte mich fest am Treppengeländer
halten. Ich hatte die Empfindung, als fiele ich von irgendwo herunter
in eine große Leere und wüßte gar nicht wohin. Endlich ging ich in die
Schulstube hinein, setzte mich leise in meine Bank und sah vor mich hin die
ganze erste Stunde.
Da rief der Lehrer die Elsbeth auf. Und wie so der Name Gräther durch das
Zimmer tönte, war mir, als schwinge alles mit, wie die Luft um eine große
Glocke herum; ich sah auf und die Elsbeth groß und fein dastehen. Die Sonne
schien zum Fenster herein, und mitten in den Strahlen war der Kopf mit dem
bräunlichen, schönen Gesicht und dem dunkeln Haar.
Da hätte ich aufschreien mögen vor Liebe und Schmerz; ich spürte, wie
mir alles Blut ins Gesicht stieg; ich krampfte die Hände unter der Bank
zusammen und wehrte mich gegen das arge Würgen, das mir heraufstieg. Ich
fühlte, jetzt kann ich mich nicht mehr beherrschen, ich stehe auf und sage,
es sei mir nicht wohl, -- ob ich nicht heim dürfe -- oder ich weine --
jetzt --
Da läutete die Glocke zum Vesper und alle gingen in den Hof hinunter;
und in der plötzlichen verzweifelten Hoffnung, die Maier könne das vorhin
vielleicht auch zu jemand anderem gesagt haben, stellte ich mich an die
untere Treppe. Da kam meine Elsbeth herunter, mit der Maier Arm in Arm, und
wie sie bei mir war, drehte sie den Kopf mit einer seltsam stolzen Bewegung
ein wenig nach mir, streifte mich mit einem kühlen, fremden Blick, wie eine
vornehme Dame einen ansieht und ging vorbei.
Da hatte ich die Freistunde, auf die ich mich so gefreut hatte, und konnte
wieder auf dem Hof ins Eck stehen und zusehen, wie sie mit den andern
lachte, und es war noch ärger als vorher.
Margret fragte mich später: »Du, ich hab dich aber nicht mit der Gräther
gesehen!«
»O, das ist ein hochmütiges Ding, ich will nichts von ihr!« sagte ich, aber
große Tränen liefen mir übers Gesicht.
Ich kam im nächsten halben Jahr in der Schule ziemlich vorwärts; ich wollte
mich vor der Gräther nicht noch einmal schämen, und wenn ich so von hinten
her zwischen zwei Mitschülerinnen durch ihren lieben, feinen Kopf sah, war
es mir ein heißer Ansporn. Auch war es zu Haus mit dem Vater schlimmer als
je. Wir Kinder brauchten die Schule und die Schularbeiten nötig, um unsere
Gedanken auszufüllen; wir spürten ohnedies damals schon genug, was Nerven
seien, weil wir in der Nacht so wenig Ruhe hatten.
Da hatten wir einmal den Buben ein Spiel abgeguckt, das uns absonderlich
schön vorkam. Es war so, daß alle die für besiegt galten, die vom Gegner
auf den Boden geworfen waren, und es ging greulich wild her dabei. Nun
spielten wir's in der Freistunde. Wir waren zwei Parteien; die Elsbeth
Gräther bei einer, ich bei der andern. Das Spiel war sehr lustig; eine
ganze Reihe lagen schon besiegt auf dem Boden und sahen gemütlich und
lachend dem tollen Ringen zu. Ich rannte gegen den Feind; da packten mich
zwei Arme, ich sah die Augen der Gräther einen Moment fröhlich blitzend
über mir und wurde ohne Kampf mit einem prächtigen Schwung auf den Boden
geschmissen. Ein scharfer Schmerz ließ mich aufschreien, aber in dem
allgemeinen Geschrei hörte das niemand. Ich war in einen spitzigen Stein
gefallen und hatte eine Wunde am Hinterkopf, aus der Blut über meine Achsel
lief. Ich drückte mein Sacktuch darauf und schloß die Augen und blieb still
liegen.
Ich lachte in einem leisen Hohn. »So, du vornehmes Fräulein, du ehrenkäsige
Prinzessin du, jetzt hast du mir ein Loch in den Kopf geschmissen. --
Geschieht dir grad recht, jetzt sind wir wieder gleich. Ich habe dich
angelogen -- und du bist schuld an dem Blut, das mir herunterläuft. Komm du
nur auch einmal in eine Verlegenheit, du heilige Unschuld. Mein Unrecht
und meine Verlogenheit kamen aus Elend und Schmerzen heraus; ich sprach
in heißer Angst und Sehnsucht um dich. Pfui Teufel, wer wird so lügen! Ja
freilich. Und du kommst im hellen Hurra mit deiner Lausbubenkraft und gibst
mir einen Boxer, daß ich mich blutig schlage. Es ist grad recht so; fein
ist das.«
Ich spürte die Schmerzen mit einem grimmigen Behagen, und eine leise
Seligkeit lief mir über den Leib.
Das Spiel war aus und man rief, ich solle aufstehen. Aber in einer
plötzlichen Müdigkeit und Schwäche blieb ich liegen.
»Jetzt kommt's; geschieht dir grad recht,« dachte ich noch einmal. Die
Mädchen standen ratlos und aufgeregt um mich herum, und man holte die
Lehrerin.
Sie beugte sich über mich, und als eine sagte, die Elsbeth habe mich
hingeworfen, rief sie laut nach ihr.
Richtig, da kam die Gräther herüber, und als ich ihre Stimme hörte, schlug
ich die Augen auf. Sie war so schön mit roten Backen vom Spiel und mit den
blitzenden, blauen Augen. Der schwarze Zopf hing ihr über die Schulter nach
vorn herein, und wie ich sie so hübsch und begehrenswert sah, versank
mein stacheliges Gefühl von vorhin, und in einem jähen Schmerz und in
Traurigkeit fing ich an zu weinen.
Die Elsbeth war heillos bestürzt.
»Ja, freilich, ich habe sie hingeworfen. Wir haben so ein Spiel gemacht,
wo man das mußte. Sie muß aber in etwas hineingefallen sein, so arg war der
Fall nicht. Ach, das ist mir schrecklich arg!«
Und dann stand sie ganz still da, und wußte sich nicht zu helfen.
Die Lehrerin schob ihren Arm unter meinen Kopf und richtete mich auf.
»Hast du weit heim?« fragte sie.