17. Kapitel.

Krieg und Flucht.

Die Witwe konnte sich kaum in ihren neuen Stand einleben, da nahte schon

das Unglück, das Luther vorausgesehen und vorausgesagt: es kam der

Schmalkaldische Krieg und mit ihm Verwüstung, Plünderung, Flucht, Elend

über Frau Katharina.

Die Ereignisse folgten sich rasch im Frühling und Sommer: die

Protestanten verwerfen das Tridentinische Konzil; der Regensburger

Konvent verläuft ohne Ergebnis; der evangelische Erzbischof Hermann von

Köln kommt in Bann. Herzog Moriz verbündet sich mit dem Kaiser; das

protestantische Oberdeutschland greift zu den Waffen, dann auch

Kursachsen und Hessen; die beiden Fürsten werden geächtet, der Krieg

erklärt und der Papst ordnet Gebete an für Ausrottung der Ketzer. Schon

zehn Tage vorher am dritten Sonntag nach Pfingsten hörte Frau Katharina

in der Kirche zu Wittenberg das evangelische Kriegsgebet und flehte mit

besonderer Inbrunst um Hilfe in dem Gewaltkampf, der gegen ihres seligen

Mannes Werk entbrennen sollte: „Dieweil Du siehst die große Not unserer

Herrschaft, unser aller: Mann, Weib und Kinder, und daß unsre Feinde

fürnehmlich suchen Vertilgung rechter Lehre und Aufrichtung und

Bestätigung ihrer schändlichen Abgötterei: so bitten wir Dich, Du

wollest um Deiner Ehre willen unsre Herrschaft, unsere Kirchen, uns,

unsere Kinder und Häuslein gnädiglich schützen und bewahren, wie Du Dein

Volk Israel im Roten Meer erhalten und geschützet hast, und wollest der

Feinde Macht zerstören und die mörderische fremde Nation ihre Unzucht

und Grausamkeit nicht an unsern Weibern und Kindern üben lassen.“ Und

Melanchthon gab die „Warnung D. Martini Luther an seine lieben

Deutschen“ in Kriegsgefahr aufs neue heraus[616].

Sorge und Schrecken verbreitete sich in Wittenberg als der Hauptfestung

Kursachsens und dem geistigen Hauptbollwerk des Protestantismus, und

ganz besonders im Schwarzen Kloster, von dem aus der Sturm gegen das

Papsttum begonnen war.

Im Sommer kamen unter Hauptmann von Mila viele gute Kriegsknechte in die

Stadt, auch viel Proviant, Büchsen und Pulver. Die einen waren

ordentlich und fromm, andere lebten roh und praßten. Die Bürger zogen

mit den Kriegsknechten auf die Wache, ergriffen Spieße, Hellebarden und

Arkebusen und bezogen die Schanzen, Hans Lufft, der Drucker mit seinen

Gesellen, den großen Berg, wo die „Singerin“, ein großes Geschütz,

aufgestellt war. Eine spätere Nachricht erzählt, daß auch Hans Luther

als Fähnrich in den „kaiserischen Elbkrieg“ gezogen sei[617].

Alles war in Aufregung, namentlich als Herzog Moriz von Sachsen, dem

schon Luther Verrat an der evangelischen Sache zugetraut hatte, sich auf

die Seite des Kaisers schlug und in Kursachsen einfiel, von den Welschen

und „Hussern“ des Königs Ferdinand begleitet[618].

Die Universität begann sich zu zerstreuen aus Furcht vor Belagerung. Der

Krieg näherte sich. Am 6. November wird Zwickau umzingelt, daher die

Hochschule aufgelöst. Am 9. kommt die Kunde, Zwickau sei an Moriz

übergeben und das feindliche Kriegsvolk ziehe auf Wittenberg heran.

Jetzt flüchtete alles, was konnte, aus der festen Stadt: Greise, Weiber,

Kinder, nach allen Richtungen in zahllosen Wagen, während der fallende

Winterschnee Menschen, Tiere und Gefährte bedeckte. Nur Pfarrer und

Schulmeister blieben zurück von den Beamten[619].

Frau Käthe hatte schon vor vierzehn Tagen ihren Wagen einspannen und

außer ihren Kindern das Wertvollste und Notwendigste an Hab und Gut

aufladen lassen. Auch der Neffe Fabian Kaufmann und wohl noch andere

Verwandte und Tischgenossen waren bei dem traurigen Zug; der Famulus

Wolf aber blieb zur Hut des Hauses zurück. Die Flucht ging über Dessau

und Zerbst nach dem festen Magdeburg, wohin sich die meisten Professoren

begaben; nur Melanchthon blieb mit seiner Familie in Zerbst, wo er einen

kleinen Schülerkreis sammelte, kam aber öfters nach Magdeburg herüber.

Fabian wurde später nach Wittenberg zurückgeschickt, wo neben Kreuziger

und Bugenhagen auch Paul Eber verblieben war, der sich des jungen

Menschen annehmen konnte; wahrscheinlich sollte Fabian in der Stadt mit

Wolf Sieberger auf das Schwarze Kloster und den Lutherischen Besitz

achtgeben.

Bald kam die betrübende Kunde von Wittenberg: „Man hat (am 16. November)

die Vorstädte samt allen Gärten und Lusthäusern weggebrannt, die Aecker

verwüstet und ist den armen Leuten wohl eine Tonne Goldes Schaden

geschehen und ein großer Jammer.“ Dann kam Moriz mit seinen Meißnern und

mit König Ferdinands „Hussern“, und sie streiften bis an die Mauern der

Stadt und schrieen hinein. Herzog Moriz, des „Teufels Ritter und

Soldat“, berannte die Stadt am 18. November. Da hieß es nach dem Liede:

Zu Wittenberg auf dem hohen Wall

Hört man die Büchsen krachen.

Der Sturm wurde abgeschlagen, aber die „Hussern“ plünderten und

schändeten in der Umgegend[620].

Indessen diesmal ging die Belagerung Wittenbergs rasch vorüber; denn

Moriz wurde um Weihnachten von dem aus Süddeutschland herbeigeeilten

Kurfürsten zurückgetrieben. Jedoch der Krieg in Sachsen dauerte fort und

an eine Heimkehr nach Wittenberg war nicht zu denken; nur Melanchthon

war einmal Mitte Januar 1547 dort[621].

Der Aufenthalt in Magdeburg war nichts weniger als behaglich, Unterkunft

war gar schwer zu finden; dem Stadtrat war die Masse der Schüler

unbequem. Die Nachbarschaft, besonders die Halloren, waren gegen sie

aufgebracht und bedrohten sie. Daher suchten die Professoren andere

Stellungen, namentlich Major mit seiner zahlreichen Familie[622].

In dieser Zeit der Not kam eine Hülfe, die fast nicht mehr erwartet war.

Die 50 Thaler, um welche Bugenhagen den dänischen König für Luthers

Witwe schon zu Pfingsten und dann nochmals nach der Flucht der Witwe

geschrieben hatte, waren bis jetzt nicht gekommen. Nun aber am 10.

Januar 1547 wurden die gewährten 150 „Joachimer“ durch Vermittelung des

Hamburgers Müller an Professor Veit Winsheimer, welcher bei dem ehrbaren

Herrn Emeran Tucher zu Magdeburg wohnte, geschickt, und Frau Katharina

empfing erfreut ihren Anteil[623]. Und nicht lange darauf kam wieder ein

Bote mit 50 Thalern und einem gnädigen Schreiben an „Doktor Luthers

Witwe“:

„Unsern gnädigsten Gruß zuvor.

Ehrbare und viel Tugendsame, Liebe, Besondre!

Nachdem Wir berichtet, daß Ihr in jetzigen gefährlichen Zeiten neben

anderen aus Wittenberg nach Magdeburg gewichen, haben Wir nicht

unterlassen wollen an Euch zu schreiben, Euch Unsern gnädigsten Willen

und Neigung zu vermelden. Und als Ihr dermaßen Eure Haushaltung und Euch

an fremden Orten unterhalten müßt, worüber wir ein besonders Mitleid

haben, schicken Wir Euch bei gegenwärtigem Boten, dem alten Schlesier,

zu Eurer Haushaltung fünfzig Thaler; die wollet zu Gefallen annehmen und

Unsere gnädigste Neigung daraus vermerken. Wir wollen auch jederzeit

Euer gnädiger Herr sein und Uns gegen Euch zu erzeigen wissen. Wollten

Euch solches gnädigst nicht vorenthalten und sind Euch mit Gnaden und

allem Guten geneigt.“[624]

Frau Katharina schrieb dafür ihren Dankesbrief:

„Gnad und Friede von Gott dem Vater durch seinen eingeborenen Sohn

Christum Jesum.

Durchlauchtigster, großmächtigster König, gnädigster Herr!

E.K.M. sei mein andächtig Gebet gegen Gott dem Herrn vor (für) E.K.M.

und aller der Ihren Wohlfahrt und glückselig Regiment allzeit mit hohem

Fleiß zuvoran bereitet. Gnädigster Herr! Nachdem ich in diesem Jahre

viel große und schwere Bekümmernis und Herzeleids gehabt, als da

erstlich mein und meiner Kinder Elend mit Absterben (jedoch seliger und

fröhlicher Heimfahrt zu unserm Heiland Christo Jesu) meines lieben

Herrn, welches Jahrzeit jetzt den 18. Februarii sich nahet, angangen;

darnach auch diese fährliche Kriege und die Verwüstung dieser Länder

unsers lieben Vaterlandes gefolget und noch kein Ende dieses Jammers und

Elends zu sehen: ist mir in solchem Bekümmernis ein großer und hoher

Trost gewesen, daß E.K.M. beides, mit gnädigster Schrift und

Uebersendung der funfzig Thaler zu bequemer Unterhaltung meiner und

meiner Kinder, auch ferner E.K.M. gnädigster Erbietung, Ihre gnädigste

Neigung gegen mir armen verlassenen Witfrau und meiner armen Waisen

vermeldet; welches auch vieler andern zuvor gnädigst erzeigten Wohltaten

halber gegen E.K.M. ich mich unterthänigst bedanke; verhoffend, Gott der

Herr, welcher sich einen Vater der Witwen und Waisen nennet, wie ich

denn täglich zu ihm bitte, werde solches E.K.M. reichlich belohnen; in

welches gnädigen Schutz und Schirm E.K.M. und Ihr Gemahl, meine

gnädigste Frau Königin, und die ganze junge Herrschaft samt Ihren Landen

und Leuten hiemit und allezeit fleißig thue befehlen.

Geben zu Magdeburg, den 9. Februarii A.D. XLVII.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 66 / 92 题