Krieg und Flucht.
Die Witwe konnte sich kaum in ihren neuen Stand einleben, da nahte schon
das Unglück, das Luther vorausgesehen und vorausgesagt: es kam der
Schmalkaldische Krieg und mit ihm Verwüstung, Plünderung, Flucht, Elend
über Frau Katharina.
Die Ereignisse folgten sich rasch im Frühling und Sommer: die
Protestanten verwerfen das Tridentinische Konzil; der Regensburger
Konvent verläuft ohne Ergebnis; der evangelische Erzbischof Hermann von
Köln kommt in Bann. Herzog Moriz verbündet sich mit dem Kaiser; das
protestantische Oberdeutschland greift zu den Waffen, dann auch
Kursachsen und Hessen; die beiden Fürsten werden geächtet, der Krieg
erklärt und der Papst ordnet Gebete an für Ausrottung der Ketzer. Schon
zehn Tage vorher am dritten Sonntag nach Pfingsten hörte Frau Katharina
in der Kirche zu Wittenberg das evangelische Kriegsgebet und flehte mit
besonderer Inbrunst um Hilfe in dem Gewaltkampf, der gegen ihres seligen
Mannes Werk entbrennen sollte: „Dieweil Du siehst die große Not unserer
Herrschaft, unser aller: Mann, Weib und Kinder, und daß unsre Feinde
fürnehmlich suchen Vertilgung rechter Lehre und Aufrichtung und
Bestätigung ihrer schändlichen Abgötterei: so bitten wir Dich, Du
wollest um Deiner Ehre willen unsre Herrschaft, unsere Kirchen, uns,
unsere Kinder und Häuslein gnädiglich schützen und bewahren, wie Du Dein
Volk Israel im Roten Meer erhalten und geschützet hast, und wollest der
Feinde Macht zerstören und die mörderische fremde Nation ihre Unzucht
und Grausamkeit nicht an unsern Weibern und Kindern üben lassen.“ Und
Melanchthon gab die „Warnung D. Martini Luther an seine lieben
Deutschen“ in Kriegsgefahr aufs neue heraus[616].
Sorge und Schrecken verbreitete sich in Wittenberg als der Hauptfestung
Kursachsens und dem geistigen Hauptbollwerk des Protestantismus, und
ganz besonders im Schwarzen Kloster, von dem aus der Sturm gegen das
Papsttum begonnen war.
Im Sommer kamen unter Hauptmann von Mila viele gute Kriegsknechte in die
Stadt, auch viel Proviant, Büchsen und Pulver. Die einen waren
ordentlich und fromm, andere lebten roh und praßten. Die Bürger zogen
mit den Kriegsknechten auf die Wache, ergriffen Spieße, Hellebarden und
Arkebusen und bezogen die Schanzen, Hans Lufft, der Drucker mit seinen
Gesellen, den großen Berg, wo die „Singerin“, ein großes Geschütz,
aufgestellt war. Eine spätere Nachricht erzählt, daß auch Hans Luther
als Fähnrich in den „kaiserischen Elbkrieg“ gezogen sei[617].
Alles war in Aufregung, namentlich als Herzog Moriz von Sachsen, dem
schon Luther Verrat an der evangelischen Sache zugetraut hatte, sich auf
die Seite des Kaisers schlug und in Kursachsen einfiel, von den Welschen
und „Hussern“ des Königs Ferdinand begleitet[618].
Die Universität begann sich zu zerstreuen aus Furcht vor Belagerung. Der
Krieg näherte sich. Am 6. November wird Zwickau umzingelt, daher die
Hochschule aufgelöst. Am 9. kommt die Kunde, Zwickau sei an Moriz
übergeben und das feindliche Kriegsvolk ziehe auf Wittenberg heran.
Jetzt flüchtete alles, was konnte, aus der festen Stadt: Greise, Weiber,
Kinder, nach allen Richtungen in zahllosen Wagen, während der fallende
Winterschnee Menschen, Tiere und Gefährte bedeckte. Nur Pfarrer und
Schulmeister blieben zurück von den Beamten[619].
Frau Käthe hatte schon vor vierzehn Tagen ihren Wagen einspannen und
außer ihren Kindern das Wertvollste und Notwendigste an Hab und Gut
aufladen lassen. Auch der Neffe Fabian Kaufmann und wohl noch andere
Verwandte und Tischgenossen waren bei dem traurigen Zug; der Famulus
Wolf aber blieb zur Hut des Hauses zurück. Die Flucht ging über Dessau
und Zerbst nach dem festen Magdeburg, wohin sich die meisten Professoren
begaben; nur Melanchthon blieb mit seiner Familie in Zerbst, wo er einen
kleinen Schülerkreis sammelte, kam aber öfters nach Magdeburg herüber.
Fabian wurde später nach Wittenberg zurückgeschickt, wo neben Kreuziger
und Bugenhagen auch Paul Eber verblieben war, der sich des jungen
Menschen annehmen konnte; wahrscheinlich sollte Fabian in der Stadt mit
Wolf Sieberger auf das Schwarze Kloster und den Lutherischen Besitz
achtgeben.
Bald kam die betrübende Kunde von Wittenberg: „Man hat (am 16. November)
die Vorstädte samt allen Gärten und Lusthäusern weggebrannt, die Aecker
verwüstet und ist den armen Leuten wohl eine Tonne Goldes Schaden
geschehen und ein großer Jammer.“ Dann kam Moriz mit seinen Meißnern und
mit König Ferdinands „Hussern“, und sie streiften bis an die Mauern der
Stadt und schrieen hinein. Herzog Moriz, des „Teufels Ritter und
Soldat“, berannte die Stadt am 18. November. Da hieß es nach dem Liede:
Zu Wittenberg auf dem hohen Wall
Hört man die Büchsen krachen.
Der Sturm wurde abgeschlagen, aber die „Hussern“ plünderten und
schändeten in der Umgegend[620].
Indessen diesmal ging die Belagerung Wittenbergs rasch vorüber; denn
Moriz wurde um Weihnachten von dem aus Süddeutschland herbeigeeilten
Kurfürsten zurückgetrieben. Jedoch der Krieg in Sachsen dauerte fort und
an eine Heimkehr nach Wittenberg war nicht zu denken; nur Melanchthon
war einmal Mitte Januar 1547 dort[621].
Der Aufenthalt in Magdeburg war nichts weniger als behaglich, Unterkunft
war gar schwer zu finden; dem Stadtrat war die Masse der Schüler
unbequem. Die Nachbarschaft, besonders die Halloren, waren gegen sie
aufgebracht und bedrohten sie. Daher suchten die Professoren andere
Stellungen, namentlich Major mit seiner zahlreichen Familie[622].
In dieser Zeit der Not kam eine Hülfe, die fast nicht mehr erwartet war.
Die 50 Thaler, um welche Bugenhagen den dänischen König für Luthers
Witwe schon zu Pfingsten und dann nochmals nach der Flucht der Witwe
geschrieben hatte, waren bis jetzt nicht gekommen. Nun aber am 10.
Januar 1547 wurden die gewährten 150 „Joachimer“ durch Vermittelung des
Hamburgers Müller an Professor Veit Winsheimer, welcher bei dem ehrbaren
Herrn Emeran Tucher zu Magdeburg wohnte, geschickt, und Frau Katharina
empfing erfreut ihren Anteil[623]. Und nicht lange darauf kam wieder ein
Bote mit 50 Thalern und einem gnädigen Schreiben an „Doktor Luthers
Witwe“:
„Unsern gnädigsten Gruß zuvor.
Ehrbare und viel Tugendsame, Liebe, Besondre!
Nachdem Wir berichtet, daß Ihr in jetzigen gefährlichen Zeiten neben
anderen aus Wittenberg nach Magdeburg gewichen, haben Wir nicht
unterlassen wollen an Euch zu schreiben, Euch Unsern gnädigsten Willen
und Neigung zu vermelden. Und als Ihr dermaßen Eure Haushaltung und Euch
an fremden Orten unterhalten müßt, worüber wir ein besonders Mitleid
haben, schicken Wir Euch bei gegenwärtigem Boten, dem alten Schlesier,
zu Eurer Haushaltung fünfzig Thaler; die wollet zu Gefallen annehmen und
Unsere gnädigste Neigung daraus vermerken. Wir wollen auch jederzeit
Euer gnädiger Herr sein und Uns gegen Euch zu erzeigen wissen. Wollten
Euch solches gnädigst nicht vorenthalten und sind Euch mit Gnaden und
allem Guten geneigt.“[624]
Frau Katharina schrieb dafür ihren Dankesbrief:
„Gnad und Friede von Gott dem Vater durch seinen eingeborenen Sohn
Christum Jesum.
Durchlauchtigster, großmächtigster König, gnädigster Herr!
E.K.M. sei mein andächtig Gebet gegen Gott dem Herrn vor (für) E.K.M.
und aller der Ihren Wohlfahrt und glückselig Regiment allzeit mit hohem
Fleiß zuvoran bereitet. Gnädigster Herr! Nachdem ich in diesem Jahre
viel große und schwere Bekümmernis und Herzeleids gehabt, als da
erstlich mein und meiner Kinder Elend mit Absterben (jedoch seliger und
fröhlicher Heimfahrt zu unserm Heiland Christo Jesu) meines lieben
Herrn, welches Jahrzeit jetzt den 18. Februarii sich nahet, angangen;
darnach auch diese fährliche Kriege und die Verwüstung dieser Länder
unsers lieben Vaterlandes gefolget und noch kein Ende dieses Jammers und
Elends zu sehen: ist mir in solchem Bekümmernis ein großer und hoher
Trost gewesen, daß E.K.M. beides, mit gnädigster Schrift und
Uebersendung der funfzig Thaler zu bequemer Unterhaltung meiner und
meiner Kinder, auch ferner E.K.M. gnädigster Erbietung, Ihre gnädigste
Neigung gegen mir armen verlassenen Witfrau und meiner armen Waisen
vermeldet; welches auch vieler andern zuvor gnädigst erzeigten Wohltaten
halber gegen E.K.M. ich mich unterthänigst bedanke; verhoffend, Gott der
Herr, welcher sich einen Vater der Witwen und Waisen nennet, wie ich
denn täglich zu ihm bitte, werde solches E.K.M. reichlich belohnen; in
welches gnädigen Schutz und Schirm E.K.M. und Ihr Gemahl, meine
gnädigste Frau Königin, und die ganze junge Herrschaft samt Ihren Landen
und Leuten hiemit und allezeit fleißig thue befehlen.
Geben zu Magdeburg, den 9. Februarii A.D. XLVII.