Am Montag früh versammelten sich am Elsterthor Rektor, Magistri und
Doktores und die ganze löbliche Universität, auch ein ehrbarer Rat samt
ganzer Gemeinde und Bürgerschaft, dann die Geistlichen und Schulen. Auch
Frau Käthe machte sich auf mit ihrem Töchterlein Margarete und einigen
Frauen und stellten sich weinend an den Weg, dem toten Gatten entgegen
harrend.
Endlich um 9 Uhr, langte der Zug mit der teuren Leiche an: geleitet von
den kurfürstlichen Abgeordneten und den beiden jungen Mansfelder Grafen
Hans und Hoyer und einer großen Reiterschar. Auch die Mansfelder
Verwandten kamen mit, Luthers Lieblingsbruder Jakob, und seine
Schwestersöhne Jörg und Cyriak Kaufmann und andere von der
„Freundschaft“. Vor allem aber die drei Söhne Hans, Martin und Paul. Es
war ein schmerzliches Wiedersehen, das hier Frau Katharina erlebte. Die
Söhne freilich konnte sie schluchzend in die Arme schließen, aber das
Antlitz des teuren geliebten Gatten durfte sie nicht mehr sehen; da lag
er eingeschlossen im Sarg von Zinn, aufgebahrt auf dem Wagen, mit
schwarzem samtenem Tuch umhangen[568].
Darauf ordnete sich der Zug: voraus die Geistlichkeit und die Schulen
mit den herkömmlichen Gesängen und Zeremonien, darauf die „Berittenen“
auf ungefähr 65 Pferden. Gleich hinter dem vierspännigen Leichenwagen
fuhr die „Frau Doktorin Katharina Lutherin“ mit den Matronen, nach
herkömmlicher Sitte auf einem niederen Wägelein. Ihr folgten die drei
Söhne, der Bruder, die Neffen und andere Verwandten. Dann in vollem
Ornat „der Rektor Magnificus der löblichen Universität mit etlichen
jungen Fürsten, Grafen und Freiherrn, so in der Universität Wittenberg
Studii halber sich (auf)enthalten.“ Darnach kam als weiteres
Leichengefolge: Kanzler Brück, Melanchthon, Jonas, Bugenhagen,
Kreuziger, Hieronymus Schurf und andere älteste Doktoren; dann die
übrigen Doktoren, Magister, der ehrbare Rat, Bürgermeister Cranach samt
den Ratspersonen, darnach der ganze große Haufen und herrliche Menge der
Studenten; darauf die Bürgerschaft, desgleichen viele Bürgerinnen,
Matronen, Frauen, Jungfrauen, viel „ehrliche“ Kinder, jung und alt;
alles mit Weinen und Wehklagen. „In allen Gassen, auch auf dem Markt ist
das Gedränge so groß und solche Menge des Volkes gewesen, daß sich's
billig in der Eil zu verwunden und viele bekannt haben, daß sie
dergleichen zu Wittenberg nicht gesehen.“
So ging es unter Gesang und dem Geläute aller Glocken in unabsehbarem
Zuge vom Elsterthor die ganze Länge der Stadt hin am Kloster vorbei, das
jetzt verwaist von seinem Vater und Herrn dalag, die Kollegienstraße
hinab zur Schloßkirche. Dort wurde der Sarg am Predigtstuhl
niedergesetzt. Trauerlieder erschollen, bis Bugenhagen die Kanzel
bestieg und vor den ungezählten Hörern, die in und vor der Kirche
standen, eine „gar festliche und tröstliche Predigt“ that. Darauf hat
Melanchthon „aus sonderlichem Mitleiden, um die Kirche zu trösten“, eine
lateinische Gedächtnisrede gehalten, die vor dem allgemeinen Weinen und
Schluchzen kaum gehört wurde. Seine Klage: „Wir sind wie arme Waisen,
die einen vortrefflichen Mann zum Vater gehabt und ihn verloren haben“,
die den Grundton aller Rede bildeten, sie waren ganz besonders
denjenigen aus dem Herzen gesprochen, die dem teuren Toten am nächsten
standen, und am nächsten an seinem Sarg klagten: der trauernden Gattin,
den weinenden Kindern[569].
„Nach den Leichenreden trugen etliche Magister den Sarg nach der Gruft
und legten so das teure Werkzeug des heiligen Geistes, den Leib des
ehrwürdigen D. Martini zur Ruhe, nicht fern von dem Predigtstuhl, da er
im Leben manche gewaltige Predigt gethan.“ Der Kurfürst aber hatte schon
am Tag vorher verordnet, daß eine Tafel aus Messing aufs Grab
niedergelegt wurde, dergestalt wie noch heutzutage zu sehen ist[570].
Wohl konnte das außerordentliche, wahrhaft fürstliche Leichengepränge
zeigen, welch ein Mann, ja, wie der Rektor ankündigte, welch ein „Fürst
Gottes“ der Dahingegangene gewesen, welche Liebe und Verehrung er bei
hoch und nieder genossen und die Teilnahme aller bewies, was die Welt an
ihm verlor und betrauern mußte, und das ist ja für die Hinterbliebenen
immer ein Trost in ihrem Schmerz. Aber diese Leichenfeier zeigte auch,
was die Angehörigen selber an ihm gehabt und beweinen mußten.
Was Katharinas Stimmung und Gedanken in diesen schmerzlichen Tagen war,
das giebt sie kund in einem Briefe, den sie an ihre Schwägerin
Christina, die verwitwete Gemahlin eines ihrer Brüder und Mutter des
Florian, welcher in Wittenberg ihr Hausgenosse war, richtete[571]. Da
schreibt sie:
„Der ehrbaren und tugendsamen Frauen Christina von Bora, meiner lieben
Schwester zuhand.
Gnad und Fried von Gott dem Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi!
Freundliche liebe Schwester!
Daß Ihr ein herzlich Mitleiden mit mir und meinen armen Kindern tragt,
gläub' ich leichtlich. Denn wer wollt' nicht billig betrübt und
bekümmert sein um einen solchen teuern Mann, als mein lieber Herr
gewesen ist, der nicht allein einer Stadt oder einem einigen Land,
sondern der ganzen Welt viel gedienet hat. Derhalben ich wahrlich so
sehr betrübt bin, daß ich mein großes Herzeleid keinem Menschen sagen
kann, und weiß nicht, wie mir zu Sinn und zu Mut ist. Ich kann weder
essen noch trinken, auch dazu nicht schlafen. Und wenn ich hätt' ein
Fürstentum und Kaisertum gehabt, sollt' mir so leid nimmer geschehen
sein, so ich's verloren hätt', als nun unser lieber Herrgott mir, und
nicht allein mir, sondern der ganzen Welt, diesen lieben und teuern Mann
genommen hat. Wenn ich daran gedenk', so kann ich vor Leid und Weinen —
das Gott wohl weiß — weder reden noch schreiben.
Katharina,
des Herrn Doctor Martinus Luther
gelassene Witfrau.“