Es war der letzte Brief an seine Ehefrau, der letzte, den Luther
überhaupt schrieb. Die heitere Epistel kam am Donnerstag in Käthes Hände
und erregte bei den Klosterbewohnern großes Vergnügen: in Eisleben aber
lag der Schreiber schon auf dem Totenbette. Der Gewaltige war am selben
Tage früh um 3 Uhr im Kreise seiner Freunde, Dr. Jonas, M. Aurifaber,
des Arztes, des Stadtpfarrers von Eisleben, des Grafen und der Gräfin
Albrecht, sanft und selig entschlafen. In Wittenberg freilich dachte man
nicht daran. Melanchthon, dem Luther mit gleichem Boten geschrieben
hatte (u.a. daß Papst Paul gestorben wäre), verfaßte noch einen Brief an
den Freund und Frau Käthe schickte noch eine Salbe mit, zur
Wiederherstellung der Fontanelle am linken Schenkel. Aber am Freitag
früh 6 Uhr kam aus Torgau ein reitender kurfürstlicher Bote vor des
Kanzlers Brück Haus; dieser ließ sogleich D. Bugenhagen, Kreuziger und
M. Philipp zu sich kommen; sie wußten aber bereits, was das
kurfürstliche Schreiben meldete, ehe er es ihnen zu lesen gab, denn vor
einer Viertelstunde war auch ein Bote mit einem Brief aus Eisleben von
Jonas an sie gelangt. Auf Brücks Bitten verfügten sich die drei Herren
mit des Kurfürsten und Jonas' Brief unsäumig hinauf zu der Doktorin und
berichteten sie mit der besten Vorsicht von ihres Herrn Abgang. „Da ist
das arme Weib, wie leichtlich zu achten, hart erschrocken und in großer
Betrübnis gewesen.“ Aber wiederum nicht an sich dachte sie zumeist,
sondern an ihre Kinder, besonders, wie ihre drei Söhne in der Ferne sich
über des Vaters Tod halten möchten[561].
Katharinas bange Ahnung hatte sich also erfüllt; ihre Sorge um den
kränklichen fernen Gatten war nicht ohne Grund gewesen. Das Trauervolle
war geschehen: der teure Mann, der gewaltige Reformator, der geistvolle
Lehrer und Prediger, der liebreiche Vater, der treue Gatte war nicht
mehr! Wenn auch nicht unerwartet, so doch zu früh für die Welt und für
die Familie war er dahin geschieden, wohin er sich so oft gesehnt; von
der Welt, über die er so viel gescholten und die er doch mit so viel
Verständnis und Freude erfaßt; von dem Amte, in dem er sich so müde
gearbeitet, und in dem er doch noch so Großes leistete; von der Familie,
die ihm zwar Sorgen, aber noch viel mehr Glück und Freude gebracht und
die er mit so viel Glauben und Liebe umfaßte; von der Gattin, die er so
oft geneckt und manchmal getadelt, die er aber über alle Frauen
geschätzt und geliebt hatte.
„Es war eine harte Wunde, die sie durch den Tod ihres Ehegemahls
empfing. Und dazu mußte sie noch klagen, daß derselbe in einem anderen
Orte gestorben war, wo sie nicht bei dem Kranken Treue und die letzten
Liebesdienste hatte erweisen können.“[562]
Ja, in der Fremde war er gestorben, zum großen Schmerze Katharinas, die
mit ihm zwanzig Jahre „in Friede und Freude“ gelebt, die ihn in gesunden
und kranken Tagen so hingebungsvoll gepflegt und jetzt die letzten
Stunden seines Lebens nicht um ihn sein durfte, ihm in das liebe
Angesicht schauen und die treuen Augen zudrücken durfte. Es war kaum
ein Trost, daß er im Kreise der Freunde verschieden war, daß der Graf
Albrecht ihm selbst Einhorn geschabt und seine Gemahlin ihm den Puls mit
dem Stärkwasser strich, welches die Doktorin geschickt, und daß er in
ihres Sohnes Paul Armen ausgeatmet und ihm sein treuer Aurifaber die
Augen zugedrückt hatte[563].
Und jetzt konnte sie nicht einmal den Trost genießen, durch die Fürsorge
für die Bestattung des geliebten Toten ihren Geist abzulenken von dem
Gedanken des schmerzlichen Verlustes.
Das kurfürstliche Schreiben enthielt nämlich die Bestimmung, daß der
Leib Luthers in der Schloßkirche zu Wittenberg bestattet werden sollte,
bei Fürsten und Fürstinnen, deren zwanzig dort bestattet waren. Aber so
war wenigstens ihr lieber Herr bei ihr in ihrer Stadt und sie konnte mit
den anderen Freunden „ihren Heiligen daselbst nach seinem Tode
besuchen“, wie Bugenhagen sich ausdrückte. Denn die Grafen von Mansfeld
hätten „die Leiche des hochteuern, von Gott mit unaussprechlichen Gaben
begnadeten Mannes gern selbst in der Herrschaft behalten“, folgten sie
aber „aus unterthänigem Gehorsam“ dem Kurfürsten auf dessen Bitte
dienstwillig aus. So rüstete sich nun die Doktorin, ihr Töchterlein und
das ganze Kloster für das Leichenbegängnis nur mit Trauergewändern[564].
Aber auch die ganze Stadt und Universität machte sich bereit, ihren
größten Bürger mit feierlichem Leichengepränge zu empfangen. Melanchthon
hatte sofort nach der Ankunft der Todeskunde am Freitag früh die
Studenten in einem Anschlag benachrichtigt, daß der christliche Elias
von seinen Jüngern genommen sei. Der Rektor der Akademie, Dr. Aug.
Schurf, befahl am Sonntag Morgen in einem Programme „allen Studenten am
Nachmittag, sobald das Zeichen mit der kleinen Glocke gegeben werde,
sich auf dem Markte zu versammeln und daselbst den ehrwürdigen
Pfarrherrn (D. Pommer) an der Kirche zu erwarten, ihm sofort zu folgen
und mit ihm die Leiche zu empfangen, welche gewesen ist und sein wird
eine Hütte des heiligen Geistes.“ Von Wittenberg ritten dem Trauerzuge
entgegen, um ihn in Bitterfeld, an der Mansfeldischen Grenze zu
empfangen und ehrenvoll zu geleiten, die „Verordneten des Kurfürsten“:
Erasmus Spiegel, der Hauptmann von Wittenberg, Gangolf von Heilingen zu
Düben und Dietrich von Taubenheim zu Brehne mit Gefolge[565].
Aber die Leiche kam am Sonntag noch nicht: in jeder Stadt wollte man sie
einholen, zurückhalten, begleiten; und so verzögerte sich die Ankunft
des Zuges, der zuletzt in Kemberg gerastet hatte. Und Melanchthon mußte
am Schwarzen Brett, auf dem Programm des Rektors verkündigen, daß die
Ankunft der Leiche und ihre Bestattung erst am andern Morgen, etwa um 9
Uhr, stattfinde[566].
Im Laufe des Sonntags kam ein Beileid-Schreiben des Kurfürsten[567]:
„An Catharina, Doctoris Martini seliger Gedächtnis verlassene Witwe zu
Wittenberg.
Herzog Johanns Friedrich, Kurfürst.
Liebe Besondere!
Wir zweifeln nicht, Ihr werdet nunmehr erfahren haben, daß der
Ehrwürdige und Hochgelehrte, unser Lieber Andächtiger Doctor Martin
Luther seliges Gedächtnis, Euer Hauswirt, sein Leben in diesem
Jammerthal zu Eisleben am nächsten Dornstag frühe zwischen 2 und 3 Uhren
christlich und wohl mit göttlichen der hl. Schrift Sprüchen beschlossen
hat und von hinnen geschieden ist, welches Wir aber mit betrübtem und
bekümmertem Gemüt vernommen. Der allmächtige Gott wolle seiner Seelen,
wie Wir denn gar nicht zweifeln, gnädig und barmherzig sein! Und wiewohl
Wir wohl ermessen mögen, daß Euch solcher Euers Herrn tödlicher Abgang
schmerzlich und bekümmerlich sein wird, so kann doch in dem Gottes
gnädigen Willen, des Allmächtigkeit es also mit ihm gnädiglich und
christlich geschafft hat, nicht widerstrebt werden, sondern es will
solches Gott zu befehlen sein. Darum Ihr auch soviel destoweniger
bekümmern und seines christlichen Abscheidens Euch trösten wollet. Denn
Wir seind gnädiglich geneigt, Euch und Eure Kinder um Eures Herren sel.
willen, dem Wir in sonderen Gnaden und Guten geneigt gewest, in gnädigem
Befehl zu haben und nicht zu verlassen. Das wollen Wir Euch gnädiger
Meinung nicht verhalten.