14. Kapitel.

Käthe und Luther.

„Das ist ein seliger Mann, der eine gute Ehe hat. Denn es ist kein

lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandtnis, Gemeinschaft und

Gesellschaft, denn eine gute Ehe, wenn Eheleute mit einander in Frieden

und Einigkeit leben. Die höchste Gnade Gottes ist, ein fromm,

freundlich, gottesfürchtig Gemahl haben, mit der du friedlich lebest,

der du darffst all dein Gut und was du hast, ja dein Leib und Leben

anvertrauen.“ So preist Luther die Ehe, und _seine_ Ehe und seine

Gattin, die ihm das Wesen und das Ideal des Ehestandes vor Augen führte

und verwirklichte. Sie bereitete ihm ein schönes Heim, einen glücklichen

Hausstand, sie wartete und pflegte ihn treulich und diente ihm „wie eine

Ehefrau, ja wie eine Magd“[463].

Käthe sorgte vor allem für ihres Herrn Doktors leibliches Wohl in

gesunden und kranken Tagen[464].

Die „Erzköchin“ verstand den leiblichen Bedürfnissen ihres Mannes

gerecht zu werden; sie wußte, was seinem Geschmack entsprach und was

seiner Gesundheit zuträglich war. Luther wußte auch, was das heißt, und

daß „das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in

der Küche: es ist das erste Unglück, woraus viele Uebel folgen.“ Aber

auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch

schreibt: „Der Frauen Augen kochen wohl.“[465]

Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit

gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm

Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise:

Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine

Gattin erkannte bald, daß dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise,

bei seiner angestrengten geistigen Thätigkeit und namentlich, weil er in

den Tagen seines unnatürlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine

Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstörungen an schweren

Schwindelanfällen litt, — daß diese derbe Kost ihm wenig zuträglich sei

und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen

müsse, und überhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So

hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur

Erbsen und Hirsen, Grütze, Graupen und Reis vorrätig, da gab es auch

Kraut, Kohl, Mohren, Rüben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte

Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schätzte er

besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster

nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gänse und Enten,

Hühner, Tauben und Krammetsvögel, frische und dürre Fische und Krebse

kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten;

Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu „melancholisch“.

Zwar hielt Käthe selber Rinder und Hühner, pflanzte allerlei Frucht und

Gemüse, zog Obst, buk das tägliche Brot und sott Bier; aber vieles mußte

noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich

sorgte der Hof für Wildbret und die Freunde für schönes Obst:

Borsdorfer, Gold- und Blutäpfel. Frau Käthe aber würzte die Speisen mit

Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, „Zippel“ (Cipola, Zwiebel),

Petersilien, Kümmel und Karbey, schmälzte mit Butter und süßte mit Honig

und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche

und Nüsse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast über der

Tafel[468].

Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen

und Getränke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem

wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepreßten Käse, welche Lauterbach

fern aus Pirna herschickt, sind ihm „unsre Käse von einfachem Stoff und

einfacher Form“. Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht,

während er jenem das Bier von seiner Käthe anpreist als ein erprobtes

Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die „Königin

aller Biere“. Bei Hof gedenkt er an seinen „freundlichen lieben Herrn“

Käthe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort müsse er einen bösen

Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht

bekomme[469].

Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise

und fremder Herberge nach seinem gemütlichen Heim und dem behaglichen

warmen Bett!

Käthe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen

Ehefrauen einschärfte: „Halt dich also gegen deinen Mann, daß er

fröhlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen

sieht.“[470]

Freilich hatte Frau Käthe auch in Beziehung auf die Verköstigung ihres

Gatten mit dessen Eigensinn zu kämpfen, denn der Doktor genoß oft

mehrere Tage lang gar nichts, oder er aß nur einen Bratfisch und ein

Stück Brot; wenn er ganz ungestört studieren wollte, nahm er einen

Bissen Brot und zog sich in sein Studierstüblein, seine alte

Mönchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und — zum Schlafen. So

schloß er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklären, mit Brot und Salz

ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Käthe doch

ängstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thür. Keine Antwort. Sie

ließ nun den Schlosser kommen und die Thüre aufbrechen. Da rief er

unwillig: „Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich

vorhabe? Weißt Du nicht, daß ich muß wirken, so lang es Tag ist; denn es

kommt die Nacht, da niemand wirken kann!“ Ein andermal (1541) hatte sie

ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner

„Anfechtung“ vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und

nichts trinken wollte[471].

Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen

Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte:

„Darf unser Herrgott große Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich

sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal

aus Herzensgrund dich freuest oder lachest.“ Da wußte nun Frau Käthe

ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich

zu schmücken. „Das Königreich“ wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert,

„da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete,

wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf mußte das Hausgesinde

antworten.“ An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch

das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die

Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Käthe aber

sorgte dafür, daß allerlei Gutes und Schönes ins Zimmer und auf den

Tisch kam[472].

Ganz vorzüglich bewährte sich aber Frau Käthe als Krankenpflegerin. Da

zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es

alles für Krankheiten in einer so großen Familie gab, läßt sich denken.

Da waren nicht bloß die Kinder und Schüler, welche allerlei

Kinderkrankheiten, zum Teil tödliche, durchmachten; da schleppte Luther

noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so daß

es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein „Spital“ war[473].

Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor

selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue

Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche

Hautausschläge und Geschwüre, Rheuma, Hüftenweh und Brustbeschwerden. Er

hatte insbesondere einen bösen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie

„Faustschläge des Satans“ plagte; sodann verursachten ihm seine

Verdauungsstörungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh,

Ohrensausen und Schwindel, Krämpfe und Ohnmachten: Anfälle, vor denen er

als „Anfechtungen des Teufels“ sich heftig fürchtete und die ihn oft mit

tiefer Schwermut erfüllten[475]. Da galt es, eine geduldige und

fröhliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Käthe verstand ihren Patienten

zu behandeln, besser als die großen Doktoren, die Herren Aerzte; sie

wußte, wie man den Kranken behandeln mußte mit Nahrung und

Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes

Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkräftiger Salbe und Aquavitä ein und

erwärmte ihm den Leib mit heißen Tüchern: sie erquickte ihn mit

Kraftküchlein und allerlei Säften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen

den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem

alten Rosenkranz und löste ihm die weißen Bernsteinstückchen auf, welche

der Herzog von Preußen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach

dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen berühmten Arztes Paul Luther,

war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu

seiner Professur in Jena: „Meine Mutter hat nicht allein in

Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch

Männer oft von Seitenschmerzen befreit.“[477] Ihr vertraute sich daher

Luther auch lieber an, als „unsers Herrgotts Flickern“, den Aerzten und

den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden tödlich erkrankte und die

Aerzte ihm Arzneien gaben, „als ob er ein großer Ochs wäre“, und der

schwäbische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: „Ei, lieber Herr

Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch

zuzusetzen; Ihr müßt, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift“ — da

dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und

begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477].

Luther hatte den Grundsatz: „Ich esse, was mir schmeckt und leide

darnach, was ich muß. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir

mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer

machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt.“ So

berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth von

Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von

Mansfeld und zuletzt des Kurfürsten von Sachsen Leibarzt — auch zu

Zeiten Luthers eigener Arzt[478]:

„Da D. Luther zum erstenmal am Calculo (Stein) krank war, so war ihm der

Appetit entgangen und scheute sich auch sonsten vor gemeiner Arzenei aus

der Apotheke. Zudem hatte er große körperliche Schmerzen und gar keine

Ruhe. Als er nun weder essen noch trinken konnte und alles, was ihm

seine Hausfrau aufs beste und fleißigste zugerichtet, von sich schob,

bittet sie ihn aufs fleißigste, er wolle doch selbst eine Speise

erwählen, dazu er möchte Lust haben. „Wohlan“, spricht er, „so richte

mir zu einen Brathering und ein Essen kalter Erbsen mit Senf, weil du ja

willst, daß ich essen soll, und thue solches nur balde, ehe die Lust mir

vergeht; verzeuchst du lang, so mag ich hernacher nicht.“ Die Frau

thuet, wiewohl mit großen Sorgen, was ihr Herr befohlen, und richtet das

Essen zu, so geschwinde sie vermochte, und setzte es ihm vor. Als er nun

mit großer Lust davon isset, besuchen ihn die Aerzte — seine Medici

waren Augustin Schurf und Lic. Melchior Fend — ihrer Gewohnheit nach

und wollen sehen, wie sich die Krankheit anlasse. Da sie ihn nun essen

sahen, entsetzten sie sich vor dieser Kost, welche sie ihm schädlich und

ungesund achteten. „Ach, was thut Ihr doch, Herr Doktor“, sagte Lic.

Fend, „daß Ihr Euch wollet selber noch kränker machen!“ D. Luther

schwieg ganz stille und aß immer fort und hatte ein Mitleiden ob der

Medikorum Traurigkeit, die so hart für ihn sorgten. Bald nachdem sie

Urlaub von ihm genommen und nunmehr gedachten, er würde gar eine

tödliche Krankheit erwecken, kommt ein großer Stein von ihm, dessen sie

vorher nicht an ihm gewohnt waren und war Lutherus wieder gesund. Des

andern Morgens besuchten sie ihn und vermeinten ihn krank im Bette zu

finden; da sahen sie ihn aber in seinem Schreibstüblein über den Büchern

sitzen, dessen sie sich hoch verwundern.“

Aber Frau Käthe wußte ihren Mann nicht nur durch Speise und Arznei zu

erquicken, sondern auch aufzurichten und zu trösten.

Wenn er verstimmt war oder gar seine „Anfechtungen“ hatte, so lud die

kluge, verständige Frau heimlich den Dr. Jonas zu Tische, daß dieser ihn

mit frohen Gesprächen aufheiterte; sie wußte nämlich, daß ihn niemand

durch Gespräch besser aufzumuntern verstand; oder sie ließ Bugenhagen

gar im Kloster wohnen und nahm seine Frau, die ihrer Niederkunft

entgegensah, dazu[479].

Nicht nur, um ihre Bauerei und Landwirtschaft zu besorgen, hielt Frau

Käthe ein Fuhrwerk, sie ließ auch oft ihre Pferde anspannen und ihren

Gatten mit seinen Freunden spazieren führen, in ein „Holz“ und auf die

Felder, um sich zu erlustieren, wo er dann fröhlich wurde und sogar

Lieder sang; oder er fuhr über Land in die Dörfer, wobei er die Armen

beschenkte[480].

Diesen Beruf der Frau Doktorin, dem großen Reformator Leben und

Gesundheit und Geistesfrische zu erhalten, zum Segen der Kirche,

erkannte besonders der feine Capito an und spricht es aus in den Worten

an Luther: „Ich liebe sie von Herzen als diejenige, welche dazu geboren

ist, Deine Gesundheit aufrecht zu halten, damit Du desto länger der

unter Dir geborenen Kirche, d.h. allen Christgläubigen zum Heile dienen

kannst.“[481]

Doch nicht bloß als treffliche Köchin und ausgezeichnete

Krankenpflegerin stand Frau Käthe ihrem Gatten bei, wie er es von dem

Eheweib verlangt, „daß sie ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglück

tragen zu helfen, schuldig sei“; sie war ihm auch „ein freundlicher,

holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens“; in diesem Sinn nennt er

sie „Hausehre“, daß sie des Hauses Ehre, Schmuck und Zierde wäre[482].

Ueber den Verkehr mit der Ehegattin spricht sich Luther bei der

Auslegung von 1. Moses 26, 8 aus, wo Isaak und Rebecca scherzen. „Das

ist ein ehrlicher Scherz, so einem frommen Weibe wohl ansteht. Wenn der

Hausherr mit seiner Schwester oder Gesinde dermaßen scherzen wollte, das

würde ihm nicht wohl anstehen. Denn da gehört sich, daß man sie heiße,

was sie thun und lassen sollen, und da soll Ernst dabei sein, auch wenn

man sie tröstet. Aber mit der, die mir Gott zugefüget hat, will ich

scherzen, spielen und freundlich reden, auf daß ich mit Vernunft und

Bescheidenheit bei ihr leben möge.“[483]

So wußte auch Katharina selbst ihren Gatten zu unterhalten, selber einen

Scherz zu machen und noch mehr Scherz und Neckerei ihres Eheherrn

auszuhalten. Und auch den Freunden und Gästen weiß sie so zu begegnen.

Den Bremer Pfarrer Probst läßt sie fragen, ob die Nordsee ausgetrocknet

sei, daß es keine Fische gebe. Als D. Speratus eine Menge Fische schickt

durch den hochgewachsenen Cario, sagte sie zu Luther: „Ein großer

Bischof hat mir ein großes Faß geschickt.“ „Und zwar durch einen großen

Mann, unsern Charon“, setzte Luther hinzu. „Ja, heut ist alles groß!“

meinte sie darauf[484].

In Luthers eigener sinniger Art, aber mit wirkungsvollem Handeln wußte

sie ihrem Gemahl entgegenzutreten. Da war er einmal in einer Anwandlung

von Schwermut, an Gott und der Welt verzweifelnd, fortgegangen. Als er

heimkehrte, trat ihm Frau Käthe entgegen im schwarzen Trauergewand und

den Schleier tief im Gesicht. Erschrocken rief er: „Um Gotteswillen,

Käthe, was ist geschehen?“ „O, Herr Doktor, ein großes Unglück“,

erwiderte sie; „denket nur, unser lieber Hergott ist gestorben, des bin

ich so traurig.“ Da fiel Luther seinem Weibe um den Hals und rief: „Ja,

liebe Käthe, that ich doch, als wär' kein Gott im Himmel mehr!“ Und so

gewann er neuen Mut, daß er die Traurigkeit überwand[485].

Nicht nur Luthers Verstimmungen und Anfechtungen wußte Frau Käthe

aufzuheitern, sondern auch den gewaltigen Willen des bei aller

Gutmütigkeit eigensinnigen und starrköpfigen Mannes zu brechen,

namentlich wenn es galt, ihn zu seinem eigenen Besten zur Ruhe und

Erholung zu bewegen. „Mein Kopf ist eigensinnig, wie ihr sagt“, schreibt

er einmal an Melanchthon, „aber mir ist er eigensinnigissimmum, weil

mich der Satan so wider Willen zu feiern und Zeit zu verderben zwingt.“

Die kluge Frau aber verstand es, nach seinem eigenen Geständnis, ihn zu

überreden, so oft sie wollte[486].

Dagegen verwahrt sich Luther gegen den Verdacht, daß er sich in

theologischen oder kirchlichen Dingen durch seine Frau bestimmen lasse.

Dennoch wurde das geglaubt und ihr namentlich ein schlimmer Einfluß

zugetraut gegen gewisse Personen; so schreibt z.B. Kreuziger an Veit

Dietrich, der Frau Käthe an sich nicht hold war: „Du weißt, daß er

(Luther) zu vielem, was ihn entflammt, eine Fackel im Hause hat.“

Namentlich bei seinem Streit mit den Juristen glaubten die Wittenberger

die persönliche Abneigung seiner Frau gegen gewisse Persönlichkeiten

dahinter zu wittern[487].

In einer so kleinen Stadt und bei den oft so kleinlichen Reibereien der

Gelehrten und ihrer Frauen, ist ein solcher Klatsch auch begreiflich, so

grundlos er auch sein möchte. Wir haben darüber eine sehr lebhafte und

anschauliche Schilderung eines Augenzeugen. Am Sonntag Estomihi (24.

Februar) 1544 war bei Luther ein „Königreich“ mit dem üblichen Schmause.

Außer Bugenhagen, Melanchthon, Röhrer, Major u.a. war auch der

Schulmeister Crodel aus Torgau zu seiner großen Freude und Genugthuung

eingeladen. Dieser, von einigen Wittenbergern dazu veranlaßt, brachte

das Gespräch auf das „verleumderische Gerücht“, daß der Doktor „aus

Eingebung und Antrieb seiner Gattin predige“. Mit großer Ernsthaftigkeit

und Wärme wies Luther diesen Verdacht ab und sagte u.a.: „Solcherlei

Worte, wie ich sie in dieser Sache (dem Streit mit den Juristen)

vorbringe, fallen — ohne daß ich dem heiligen Geist eine Regel

vorgeschrieben haben will — keinem Weiberkopf ein. Ich laß mich von

meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in

Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer

und Doktor an, als den heiligen Geist.“ Ein wenig darauf, nach einer

heftigen Rede, kam sein Weib her und fragte, was denn mit so großer

Heftigkeit verhandelt werde. Er schloß mit den Worten zu Crodel: „Sage

den Rechtsgelehrten, daß ich in dieser Sache nicht von meiner Frau

geleitet werde; ich hebe es auf die Sache selbst und den Kern eines

Gegenstandes ab ohne Rücksicht auf eine Person.“ Crodel war dieses

Gespräch so wichtig, daß er's wörtlich seinem Freunde Ratzeberger

schriftlich mitteilte, und es war auch bezeichnend genug: man mußte

Luther wenig kennen, wenn man solchem Klatsch Glauben schenken

wollte[488].

Es kommt auch jetzt noch vor, daß Luther seiner Käthe Briefe vorlas,

auch in ihrer Gegenwart solche schrieb und daß sie ihm Aufträge dabei

gab; auch ermunterte sie ihn, an die Freunde zu schreiben, wenn er

säumig darinnen war. Freilich zu Stunden stiller Erholung, wie in den

ersten Jahren ihrer Ehe, werden die Gatten in der späteren Zeit des

großen Arbeitsdranges seltener mehr gekommen sein. Aber bei aller

häuslichen Sorge und Thätigkeit in Garten und Feld ging Frau Käthe doch

nicht völlig in ihrer wirtschaftlichen Thätigkeit auf. Sie war ihrem

Manne in seinem Amt und Beruf, so viel das möglich und nötig war, doch

die Gehilfin seines Lebens. Nicht nur in dem Sinne, daß sie ihm die

Sorgen abnahm für Familie und Vermögen, sondern sie nimmt teil an seinem

Wirken, an den zeitbewegenden Fragen[489].

„Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben?“ schreibt der Doktor

von Eisleben an seine „sorgfältige“ Hausfrau. Damit ist doch wohl

ausgesprochen, daß Frau Käthe — mindestens in Abwesenheit des Doktors —

mit Kindern und Gesinde den Katechismus trieb, wie Luther mit diesem

Lehrbüchlein allen christlichen Eltern zumutete[490].

Luther giebt aber auch seiner Hausfrau Aufträge wegen des Druckes seiner

Schriften; ja sie hat mit darein zu reden und bestimmt ihn, was er

drucken lassen solle oder nicht. Von Marburg aus schreibt er über das

Religionsgespräch mit Zwingli, über das Abendmahl sogar mit lateinischen

Schlagwörtern[491].

Für diese Anteilnahme an ihres Gatten Arbeiten, Sorgen, wie an den

großen Zeitfragen und Weltbegebenheiten, geben die Briefe vor allem

Zeugnis, die er während seiner Abwesenheit bei Gelegenheit von

Reichstagen an sie schrieb. So die von Koburg (S. 109-113). Insbesondere

der letzte vom 24. September, „zuhanden Frauen Kathrin D. Lutherin zu

Wittenberg.“

Gnade und Friede in Christo!

Meine liebe Käthe! Gestern hab ich Dir geschrieben und einen Brief in

gnädigsten Herrn mitgeschickt, daraus Du vernehmen kannst, wie die

Unsern von Augsburg wollen auf sein. Darnach hoff ich, wo Gott Gnade

giebt, wollen wir in vierzehn Tagen bei Euch daheim sein. Wiewohl ich

achte, unsere Sache werde nicht gar unverdammt bleiben. Da liegt auch

nicht Macht an. Doch hat der Rietesel anhero geschrieben, er hoffe, man

werde in Augsburg mit Frieden abscheiden in allen Gassen. Das gebe Gott

und wäre eine große Gnade. So bedürfen wir's alle wohl, weil der Türke

so an uns will. Weiteres wirst Du wohl von Hornungen hören. Hiemit seid

Gott alle befohlen.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 54 / 92 题