Käthe und Luther.
„Das ist ein seliger Mann, der eine gute Ehe hat. Denn es ist kein
lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandtnis, Gemeinschaft und
Gesellschaft, denn eine gute Ehe, wenn Eheleute mit einander in Frieden
und Einigkeit leben. Die höchste Gnade Gottes ist, ein fromm,
freundlich, gottesfürchtig Gemahl haben, mit der du friedlich lebest,
der du darffst all dein Gut und was du hast, ja dein Leib und Leben
anvertrauen.“ So preist Luther die Ehe, und _seine_ Ehe und seine
Gattin, die ihm das Wesen und das Ideal des Ehestandes vor Augen führte
und verwirklichte. Sie bereitete ihm ein schönes Heim, einen glücklichen
Hausstand, sie wartete und pflegte ihn treulich und diente ihm „wie eine
Ehefrau, ja wie eine Magd“[463].
Käthe sorgte vor allem für ihres Herrn Doktors leibliches Wohl in
gesunden und kranken Tagen[464].
Die „Erzköchin“ verstand den leiblichen Bedürfnissen ihres Mannes
gerecht zu werden; sie wußte, was seinem Geschmack entsprach und was
seiner Gesundheit zuträglich war. Luther wußte auch, was das heißt, und
daß „das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in
der Küche: es ist das erste Unglück, woraus viele Uebel folgen.“ Aber
auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch
schreibt: „Der Frauen Augen kochen wohl.“[465]
Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit
gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm
Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise:
Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine
Gattin erkannte bald, daß dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise,
bei seiner angestrengten geistigen Thätigkeit und namentlich, weil er in
den Tagen seines unnatürlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine
Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstörungen an schweren
Schwindelanfällen litt, — daß diese derbe Kost ihm wenig zuträglich sei
und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen
müsse, und überhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So
hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur
Erbsen und Hirsen, Grütze, Graupen und Reis vorrätig, da gab es auch
Kraut, Kohl, Mohren, Rüben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte
Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schätzte er
besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster
nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gänse und Enten,
Hühner, Tauben und Krammetsvögel, frische und dürre Fische und Krebse
kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten;
Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu „melancholisch“.
Zwar hielt Käthe selber Rinder und Hühner, pflanzte allerlei Frucht und
Gemüse, zog Obst, buk das tägliche Brot und sott Bier; aber vieles mußte
noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich
sorgte der Hof für Wildbret und die Freunde für schönes Obst:
Borsdorfer, Gold- und Blutäpfel. Frau Käthe aber würzte die Speisen mit
Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, „Zippel“ (Cipola, Zwiebel),
Petersilien, Kümmel und Karbey, schmälzte mit Butter und süßte mit Honig
und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche
und Nüsse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast über der
Tafel[468].
Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen
und Getränke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem
wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepreßten Käse, welche Lauterbach
fern aus Pirna herschickt, sind ihm „unsre Käse von einfachem Stoff und
einfacher Form“. Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht,
während er jenem das Bier von seiner Käthe anpreist als ein erprobtes
Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die „Königin
aller Biere“. Bei Hof gedenkt er an seinen „freundlichen lieben Herrn“
Käthe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort müsse er einen bösen
Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht
bekomme[469].
Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise
und fremder Herberge nach seinem gemütlichen Heim und dem behaglichen
warmen Bett!
Käthe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen
Ehefrauen einschärfte: „Halt dich also gegen deinen Mann, daß er
fröhlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen
sieht.“[470]
Freilich hatte Frau Käthe auch in Beziehung auf die Verköstigung ihres
Gatten mit dessen Eigensinn zu kämpfen, denn der Doktor genoß oft
mehrere Tage lang gar nichts, oder er aß nur einen Bratfisch und ein
Stück Brot; wenn er ganz ungestört studieren wollte, nahm er einen
Bissen Brot und zog sich in sein Studierstüblein, seine alte
Mönchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und — zum Schlafen. So
schloß er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklären, mit Brot und Salz
ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Käthe doch
ängstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thür. Keine Antwort. Sie
ließ nun den Schlosser kommen und die Thüre aufbrechen. Da rief er
unwillig: „Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich
vorhabe? Weißt Du nicht, daß ich muß wirken, so lang es Tag ist; denn es
kommt die Nacht, da niemand wirken kann!“ Ein andermal (1541) hatte sie
ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner
„Anfechtung“ vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und
nichts trinken wollte[471].
Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen
Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte:
„Darf unser Herrgott große Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich
sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal
aus Herzensgrund dich freuest oder lachest.“ Da wußte nun Frau Käthe
ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich
zu schmücken. „Das Königreich“ wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert,
„da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete,
wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf mußte das Hausgesinde
antworten.“ An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch
das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die
Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Käthe aber
sorgte dafür, daß allerlei Gutes und Schönes ins Zimmer und auf den
Tisch kam[472].
Ganz vorzüglich bewährte sich aber Frau Käthe als Krankenpflegerin. Da
zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es
alles für Krankheiten in einer so großen Familie gab, läßt sich denken.
Da waren nicht bloß die Kinder und Schüler, welche allerlei
Kinderkrankheiten, zum Teil tödliche, durchmachten; da schleppte Luther
noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so daß
es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein „Spital“ war[473].
Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor
selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue
Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche
Hautausschläge und Geschwüre, Rheuma, Hüftenweh und Brustbeschwerden. Er
hatte insbesondere einen bösen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie
„Faustschläge des Satans“ plagte; sodann verursachten ihm seine
Verdauungsstörungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh,
Ohrensausen und Schwindel, Krämpfe und Ohnmachten: Anfälle, vor denen er
als „Anfechtungen des Teufels“ sich heftig fürchtete und die ihn oft mit
tiefer Schwermut erfüllten[475]. Da galt es, eine geduldige und
fröhliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Käthe verstand ihren Patienten
zu behandeln, besser als die großen Doktoren, die Herren Aerzte; sie
wußte, wie man den Kranken behandeln mußte mit Nahrung und
Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes
Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkräftiger Salbe und Aquavitä ein und
erwärmte ihm den Leib mit heißen Tüchern: sie erquickte ihn mit
Kraftküchlein und allerlei Säften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen
den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem
alten Rosenkranz und löste ihm die weißen Bernsteinstückchen auf, welche
der Herzog von Preußen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach
dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen berühmten Arztes Paul Luther,
war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu
seiner Professur in Jena: „Meine Mutter hat nicht allein in
Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch
Männer oft von Seitenschmerzen befreit.“[477] Ihr vertraute sich daher
Luther auch lieber an, als „unsers Herrgotts Flickern“, den Aerzten und
den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden tödlich erkrankte und die
Aerzte ihm Arzneien gaben, „als ob er ein großer Ochs wäre“, und der
schwäbische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: „Ei, lieber Herr
Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch
zuzusetzen; Ihr müßt, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift“ — da
dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und
begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477].
Luther hatte den Grundsatz: „Ich esse, was mir schmeckt und leide
darnach, was ich muß. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir
mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer
machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt.“ So
berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth von
Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von
Mansfeld und zuletzt des Kurfürsten von Sachsen Leibarzt — auch zu
Zeiten Luthers eigener Arzt[478]:
„Da D. Luther zum erstenmal am Calculo (Stein) krank war, so war ihm der
Appetit entgangen und scheute sich auch sonsten vor gemeiner Arzenei aus
der Apotheke. Zudem hatte er große körperliche Schmerzen und gar keine
Ruhe. Als er nun weder essen noch trinken konnte und alles, was ihm
seine Hausfrau aufs beste und fleißigste zugerichtet, von sich schob,
bittet sie ihn aufs fleißigste, er wolle doch selbst eine Speise
erwählen, dazu er möchte Lust haben. „Wohlan“, spricht er, „so richte
mir zu einen Brathering und ein Essen kalter Erbsen mit Senf, weil du ja
willst, daß ich essen soll, und thue solches nur balde, ehe die Lust mir
vergeht; verzeuchst du lang, so mag ich hernacher nicht.“ Die Frau
thuet, wiewohl mit großen Sorgen, was ihr Herr befohlen, und richtet das
Essen zu, so geschwinde sie vermochte, und setzte es ihm vor. Als er nun
mit großer Lust davon isset, besuchen ihn die Aerzte — seine Medici
waren Augustin Schurf und Lic. Melchior Fend — ihrer Gewohnheit nach
und wollen sehen, wie sich die Krankheit anlasse. Da sie ihn nun essen
sahen, entsetzten sie sich vor dieser Kost, welche sie ihm schädlich und
ungesund achteten. „Ach, was thut Ihr doch, Herr Doktor“, sagte Lic.
Fend, „daß Ihr Euch wollet selber noch kränker machen!“ D. Luther
schwieg ganz stille und aß immer fort und hatte ein Mitleiden ob der
Medikorum Traurigkeit, die so hart für ihn sorgten. Bald nachdem sie
Urlaub von ihm genommen und nunmehr gedachten, er würde gar eine
tödliche Krankheit erwecken, kommt ein großer Stein von ihm, dessen sie
vorher nicht an ihm gewohnt waren und war Lutherus wieder gesund. Des
andern Morgens besuchten sie ihn und vermeinten ihn krank im Bette zu
finden; da sahen sie ihn aber in seinem Schreibstüblein über den Büchern
sitzen, dessen sie sich hoch verwundern.“
Aber Frau Käthe wußte ihren Mann nicht nur durch Speise und Arznei zu
erquicken, sondern auch aufzurichten und zu trösten.
Wenn er verstimmt war oder gar seine „Anfechtungen“ hatte, so lud die
kluge, verständige Frau heimlich den Dr. Jonas zu Tische, daß dieser ihn
mit frohen Gesprächen aufheiterte; sie wußte nämlich, daß ihn niemand
durch Gespräch besser aufzumuntern verstand; oder sie ließ Bugenhagen
gar im Kloster wohnen und nahm seine Frau, die ihrer Niederkunft
entgegensah, dazu[479].
Nicht nur, um ihre Bauerei und Landwirtschaft zu besorgen, hielt Frau
Käthe ein Fuhrwerk, sie ließ auch oft ihre Pferde anspannen und ihren
Gatten mit seinen Freunden spazieren führen, in ein „Holz“ und auf die
Felder, um sich zu erlustieren, wo er dann fröhlich wurde und sogar
Lieder sang; oder er fuhr über Land in die Dörfer, wobei er die Armen
beschenkte[480].
Diesen Beruf der Frau Doktorin, dem großen Reformator Leben und
Gesundheit und Geistesfrische zu erhalten, zum Segen der Kirche,
erkannte besonders der feine Capito an und spricht es aus in den Worten
an Luther: „Ich liebe sie von Herzen als diejenige, welche dazu geboren
ist, Deine Gesundheit aufrecht zu halten, damit Du desto länger der
unter Dir geborenen Kirche, d.h. allen Christgläubigen zum Heile dienen
kannst.“[481]
Doch nicht bloß als treffliche Köchin und ausgezeichnete
Krankenpflegerin stand Frau Käthe ihrem Gatten bei, wie er es von dem
Eheweib verlangt, „daß sie ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglück
tragen zu helfen, schuldig sei“; sie war ihm auch „ein freundlicher,
holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens“; in diesem Sinn nennt er
sie „Hausehre“, daß sie des Hauses Ehre, Schmuck und Zierde wäre[482].
Ueber den Verkehr mit der Ehegattin spricht sich Luther bei der
Auslegung von 1. Moses 26, 8 aus, wo Isaak und Rebecca scherzen. „Das
ist ein ehrlicher Scherz, so einem frommen Weibe wohl ansteht. Wenn der
Hausherr mit seiner Schwester oder Gesinde dermaßen scherzen wollte, das
würde ihm nicht wohl anstehen. Denn da gehört sich, daß man sie heiße,
was sie thun und lassen sollen, und da soll Ernst dabei sein, auch wenn
man sie tröstet. Aber mit der, die mir Gott zugefüget hat, will ich
scherzen, spielen und freundlich reden, auf daß ich mit Vernunft und
Bescheidenheit bei ihr leben möge.“[483]
So wußte auch Katharina selbst ihren Gatten zu unterhalten, selber einen
Scherz zu machen und noch mehr Scherz und Neckerei ihres Eheherrn
auszuhalten. Und auch den Freunden und Gästen weiß sie so zu begegnen.
Den Bremer Pfarrer Probst läßt sie fragen, ob die Nordsee ausgetrocknet
sei, daß es keine Fische gebe. Als D. Speratus eine Menge Fische schickt
durch den hochgewachsenen Cario, sagte sie zu Luther: „Ein großer
Bischof hat mir ein großes Faß geschickt.“ „Und zwar durch einen großen
Mann, unsern Charon“, setzte Luther hinzu. „Ja, heut ist alles groß!“
meinte sie darauf[484].
In Luthers eigener sinniger Art, aber mit wirkungsvollem Handeln wußte
sie ihrem Gemahl entgegenzutreten. Da war er einmal in einer Anwandlung
von Schwermut, an Gott und der Welt verzweifelnd, fortgegangen. Als er
heimkehrte, trat ihm Frau Käthe entgegen im schwarzen Trauergewand und
den Schleier tief im Gesicht. Erschrocken rief er: „Um Gotteswillen,
Käthe, was ist geschehen?“ „O, Herr Doktor, ein großes Unglück“,
erwiderte sie; „denket nur, unser lieber Hergott ist gestorben, des bin
ich so traurig.“ Da fiel Luther seinem Weibe um den Hals und rief: „Ja,
liebe Käthe, that ich doch, als wär' kein Gott im Himmel mehr!“ Und so
gewann er neuen Mut, daß er die Traurigkeit überwand[485].
Nicht nur Luthers Verstimmungen und Anfechtungen wußte Frau Käthe
aufzuheitern, sondern auch den gewaltigen Willen des bei aller
Gutmütigkeit eigensinnigen und starrköpfigen Mannes zu brechen,
namentlich wenn es galt, ihn zu seinem eigenen Besten zur Ruhe und
Erholung zu bewegen. „Mein Kopf ist eigensinnig, wie ihr sagt“, schreibt
er einmal an Melanchthon, „aber mir ist er eigensinnigissimmum, weil
mich der Satan so wider Willen zu feiern und Zeit zu verderben zwingt.“
Die kluge Frau aber verstand es, nach seinem eigenen Geständnis, ihn zu
überreden, so oft sie wollte[486].
Dagegen verwahrt sich Luther gegen den Verdacht, daß er sich in
theologischen oder kirchlichen Dingen durch seine Frau bestimmen lasse.
Dennoch wurde das geglaubt und ihr namentlich ein schlimmer Einfluß
zugetraut gegen gewisse Personen; so schreibt z.B. Kreuziger an Veit
Dietrich, der Frau Käthe an sich nicht hold war: „Du weißt, daß er
(Luther) zu vielem, was ihn entflammt, eine Fackel im Hause hat.“
Namentlich bei seinem Streit mit den Juristen glaubten die Wittenberger
die persönliche Abneigung seiner Frau gegen gewisse Persönlichkeiten
dahinter zu wittern[487].
In einer so kleinen Stadt und bei den oft so kleinlichen Reibereien der
Gelehrten und ihrer Frauen, ist ein solcher Klatsch auch begreiflich, so
grundlos er auch sein möchte. Wir haben darüber eine sehr lebhafte und
anschauliche Schilderung eines Augenzeugen. Am Sonntag Estomihi (24.
Februar) 1544 war bei Luther ein „Königreich“ mit dem üblichen Schmause.
Außer Bugenhagen, Melanchthon, Röhrer, Major u.a. war auch der
Schulmeister Crodel aus Torgau zu seiner großen Freude und Genugthuung
eingeladen. Dieser, von einigen Wittenbergern dazu veranlaßt, brachte
das Gespräch auf das „verleumderische Gerücht“, daß der Doktor „aus
Eingebung und Antrieb seiner Gattin predige“. Mit großer Ernsthaftigkeit
und Wärme wies Luther diesen Verdacht ab und sagte u.a.: „Solcherlei
Worte, wie ich sie in dieser Sache (dem Streit mit den Juristen)
vorbringe, fallen — ohne daß ich dem heiligen Geist eine Regel
vorgeschrieben haben will — keinem Weiberkopf ein. Ich laß mich von
meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in
Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer
und Doktor an, als den heiligen Geist.“ Ein wenig darauf, nach einer
heftigen Rede, kam sein Weib her und fragte, was denn mit so großer
Heftigkeit verhandelt werde. Er schloß mit den Worten zu Crodel: „Sage
den Rechtsgelehrten, daß ich in dieser Sache nicht von meiner Frau
geleitet werde; ich hebe es auf die Sache selbst und den Kern eines
Gegenstandes ab ohne Rücksicht auf eine Person.“ Crodel war dieses
Gespräch so wichtig, daß er's wörtlich seinem Freunde Ratzeberger
schriftlich mitteilte, und es war auch bezeichnend genug: man mußte
Luther wenig kennen, wenn man solchem Klatsch Glauben schenken
wollte[488].
Es kommt auch jetzt noch vor, daß Luther seiner Käthe Briefe vorlas,
auch in ihrer Gegenwart solche schrieb und daß sie ihm Aufträge dabei
gab; auch ermunterte sie ihn, an die Freunde zu schreiben, wenn er
säumig darinnen war. Freilich zu Stunden stiller Erholung, wie in den
ersten Jahren ihrer Ehe, werden die Gatten in der späteren Zeit des
großen Arbeitsdranges seltener mehr gekommen sein. Aber bei aller
häuslichen Sorge und Thätigkeit in Garten und Feld ging Frau Käthe doch
nicht völlig in ihrer wirtschaftlichen Thätigkeit auf. Sie war ihrem
Manne in seinem Amt und Beruf, so viel das möglich und nötig war, doch
die Gehilfin seines Lebens. Nicht nur in dem Sinne, daß sie ihm die
Sorgen abnahm für Familie und Vermögen, sondern sie nimmt teil an seinem
Wirken, an den zeitbewegenden Fragen[489].
„Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben?“ schreibt der Doktor
von Eisleben an seine „sorgfältige“ Hausfrau. Damit ist doch wohl
ausgesprochen, daß Frau Käthe — mindestens in Abwesenheit des Doktors —
mit Kindern und Gesinde den Katechismus trieb, wie Luther mit diesem
Lehrbüchlein allen christlichen Eltern zumutete[490].
Luther giebt aber auch seiner Hausfrau Aufträge wegen des Druckes seiner
Schriften; ja sie hat mit darein zu reden und bestimmt ihn, was er
drucken lassen solle oder nicht. Von Marburg aus schreibt er über das
Religionsgespräch mit Zwingli, über das Abendmahl sogar mit lateinischen
Schlagwörtern[491].
Für diese Anteilnahme an ihres Gatten Arbeiten, Sorgen, wie an den
großen Zeitfragen und Weltbegebenheiten, geben die Briefe vor allem
Zeugnis, die er während seiner Abwesenheit bei Gelegenheit von
Reichstagen an sie schrieb. So die von Koburg (S. 109-113). Insbesondere
der letzte vom 24. September, „zuhanden Frauen Kathrin D. Lutherin zu
Wittenberg.“
Gnade und Friede in Christo!
Meine liebe Käthe! Gestern hab ich Dir geschrieben und einen Brief in
gnädigsten Herrn mitgeschickt, daraus Du vernehmen kannst, wie die
Unsern von Augsburg wollen auf sein. Darnach hoff ich, wo Gott Gnade
giebt, wollen wir in vierzehn Tagen bei Euch daheim sein. Wiewohl ich
achte, unsere Sache werde nicht gar unverdammt bleiben. Da liegt auch
nicht Macht an. Doch hat der Rietesel anhero geschrieben, er hoffe, man
werde in Augsburg mit Frieden abscheiden in allen Gassen. Das gebe Gott
und wäre eine große Gnade. So bedürfen wir's alle wohl, weil der Türke
so an uns will. Weiteres wirst Du wohl von Hornungen hören. Hiemit seid
Gott alle befohlen.