13. Kapitel

Hausfreunde.

Die Humanistenzeit hatte ein ausgeprägtes Freundschaftsbedürfnis,

welches nur ein Seitenstück findet in der freundesseligen Stimmung

unserer klassischen Litteraturperiode im vorigen Jahrhundert. Dieses

rege Freundschaftsgefühl äußert sich einerseits in den zahlreichen

Besuchsreisen der befreundeten Humanisten, welche in jener Zeit der so

beschwerlichen Reisegelegenheiten doppelt auffallen, und dann in dem

heute ganz unbegreiflich reichen Briefwechsel, in welchem diese

Gelehrten damals mit einander standen. Alle möglichen Dinge teilte man

sich brieflich mit, selbst die intimsten persönlichen Erlebnisse und

Stimmungen; und wenn man gar nichts zu schreiben hatte, so schrieb man

sich auch dieses. „Ich schreibe Dir, um Dir zu schreiben, daß ich nichts

zu schreiben habe“, ist kein ungewöhnlicher Briefinhalt dieser Zeit,

sogar bei Luther[399].

Den größtmöglichen Freundeskreis zählte aber begreiflicherweise das

Luthersche Ehepaar. Nicht etwa Luther allein, sondern auch Frau Käthe.

Die vielen jungen Leute, die bei ihr Kost und Pflege fanden, die

mancherlei Magister, die als Präzeptoren ihrer und anderer Knaben im

Schwarzen Kloster hausten, die vielen Amtsgenossen und Schüler ihres

Mannes, die zahllosen Gäste, welche freundliche Aufnahme an ihrem Tische

erlebten: sie alte kannten und verehrten neben dem gewaltigen Doktor

auch die weibliche Genossin seiner Freundschaft und Gastlichkeit, Frau

Käthe. Aus den Schülern wurden Amtsgenossen, aus den Tischgenossen

Freunde — ein stets wachsender Haufen. Und Luthers alte Bekannte, welche

Frau Käthe erst durch Briefe oder Besuche kennen lernte, wurden mit der

Zeit auch ihre Freunde, namentlich wenn sie diese Freundschaft durch

Grüße, Glückwünsche und Geschenke warm hielten.

Diese umfangreiche Freundschaft wurde auch lebhaft gepflegt. Da ist kaum

ein Brief, den Luther empfängt oder schreibt, in dem nicht auch die Frau

Käthe gegrüßt wird oder grüßt, oder Glückwünsche und Beileidsbezeugungen

zu allerlei Familienereignisse und Glückwechsel empfängt und sendet.

Gar oft begnügt sich aber Frau Käthe nicht mit einem bloßen Wortgruß,

sie fügt auch in ihrer praktischen Weise einen guten Rat bei, eine

Mahnung, oder ein Rezept, eine Arzenei, eine Wurzel gut fürs Steinleiden

u. dgl.

Noch viel häufiger aber hat Frau Käthe zu danken für allerhand

Geschenke. Und nicht zum wenigsten nützt die wirtliche Hausfrau die

Freundschaften aus zu allerlei hauswirtschaftlichen Aufträgen. Dies ging

bei Lauterbach sogar soweit, daß Luther selber einmal bei einer solchen

Bestellung meint, sie hätte den Freund förmlich in Dienst und Beschlag

genommen[400].

Wie begreiflich, waren die Hausfreunde in einem so ausnehmend

theologischen Hause auch fast lauter Theologen. Weltlich waren nur die

Verwandten: Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen, einige vornehme

Gevattersleute, wie die Kanzler Müller und Rühel in Mansfeld, die Goritz

in Leipzig, Hans von Riedtesel und Hans von Taubenheim, der

Landrentmeister in Torgau, an welchen Frau Käthe in die Ferne

freundliche und ehrerbietige Grüße, Glückwünsche oder Einladungen

sendet oder gar selbst einmal zu einem Brief — natürlich einem

Geschäftsbrief — sich aufschwingt. Auch der Straßburger Syndikus Gerbel

läßt Frau Käthe tausendmal grüßen. Der Stadtschreiber Roth von Zwickau

läßt ein Exemplar seiner Postille für die Doktorin binden und schenken

und sendet ein Glas, das „fein ganz“ ankommt. Endlich war noch eine

liebenswürdige Adelsfamilie Jörger von Tollet im Oesterreichischen, eine

Mutter mit mehreren Söhnen, welcher Luther einen evangelischen

Hauskaplan besorgt hatte (1525) und allerlei seelsorgerliche Ratschläge

gab, die sich nun dankbar erwies in zahlreichen und teuren Geschenken:

„ungarische Gulden“, „Kütten-Latwerg“ und andere „treue und teure

Gaben“; auch ein Stipendium sandte sie von 500 Goldgulden für arme

Gesellen, die in der heiligen Schrift studieren. Später studierte auch

ein Enkel der Jörgerin in Wittenberg. Mit dieser „ehrenreichen, edlen

Frauen Dorothea Jörgerin, als besonders guten Freundin“, wurden gar

zahlreiche und freundliche Briefe gewechselt, worin auch Luthers

„Hausehre Frau Käthe“ oft zum Gruße kommt[401].

Mit dem evangelischen Bischof von Naumburg, Nikolaus _v. Amsdorf_,

wechselte Frau Käthe ehrerbietige Grüße, namentlich seitdem sie durch

den Besitz von Zulsdorf die Nachbarin des gnädigen Herrn Bischofs

geworden (1542); sogar mit einem Besuch „droht“ sie auf „künftigen

Sommer“. Sonst hatte man freilich mit dem ehelosen und hochgestellten

Mann weniger intime Beziehungen. Doch besorgte er auch einmal für 7 fl.

Butter und Stockfisch ins Lutherhaus[402].

Mit dem kleinen M. Joh. _Agrikola_, dem Pfarrer von _Eisleben_ und

seiner Else, stand die Luthersche Familie gleich von Anfang an in

lebhaftem Verkehr. „Sie konnte ihn auch sehr wohl leiden.“ Er hatte

schon 1523 zu dem Kreise der jungen Nürnberger gehört, welche über die

Verlobung Baumgartens mit Käthe sich aussprachen und steht auch jetzt

noch in regem Briefwechsel mit Wittenberg[403]. Da giebt's Grüße an Weib

und Kinder, hinüber und herüber; auch ein Pelzrock wird dorther besorgt,

der Frau Käthe nur zu teuer ausfällt, und Elsbeeren oder kleine

Mispelchen werden bestellt, nach denen Frau Käthe eben Gelüste bekommt.

1529 wird Agrikola nach Wittenberg geladen. 1530 sendet er vom

Augsburger Reichstag über Koburg einen scherzhaften Brief zur Besorgung

an Frau Käthe, über den ihm Luther schreibt: „Ich errate leicht, was sie

Dir antworten wird. Wenn sie den Brief gelesen hat, wird sie lachen und

sagen: Ei, wie ist M. Eisleben doch ein Grundschalk!“[404] Luther nahm

sich Agrikolas an, als es dem beweglichen und ehrgeizigen Mann nicht

mehr in Eisleben gefiel. Und als er 1536 seine Stelle kündigte und in

Wittenberg nicht gleich eine bequeme Wohnung fand, so öffnete sich ihm

das Klosterhaus und Agrikola zog ein mit Weib und Kind. Als dann Luther

zu Anfang 1537 nach Schmalkalden zog, vertraute er Agrikola nicht nur

„Lehre, Predigtstuhl und Kirche an“, sondern auch „Weib, Kind, Haus und

Heimlichkeit“[405]. Als aber Agrikola ein „Antinomist“ (Bestreiter der

Giltigkeit des Gesetzes für die Christen) wurde, da entbrannte Luthers

Zorn wider ihn und er entzog ihm die vorher gewährte Erlaubnis, in

Wittenberg Vorlesungen zu halten. Agrikolas Frau, zu welcher Luther ganz

väterlich stand, so daß er sie mit Du anredet, that zwar vor dem Doktor

einen Fußfall und dieser nahm ihren Mann wieder zu Gnaden an (1538);

aber Agrikola entzog sich dem Einfluß Luthers, ging nach Berlin und die

Freundschaft mit dem „Meister Grickel“ hörte natürlich auch für Frau

Käthe auf, ohne wieder angeknüpft zu werden. Als später einmal (1545)

Agrikola mit Weib und Tochter nach Wittenberg kam, durften bloß die

beiden Frauen ins Klosterhaus kommen; aber das Töchterlein fanden die

Lutherischen eitel und vorlaut wie ihren Vater[406].

Mit dem Pfarrer Jakob _Probst_ in Bremen, einem früheren Klostergenossen

Luthers, auch einem Gevatter, stand ebenso die Lutherische Familie in

früher Verbindung. Familiennachrichten werden ausgiebig mitgeteilt;

Käthe und auch das kleine Patchen Margaretel senden regelmäßig Grüße an

den fernen Gevatter und danken für Patengulden und andere Geschenke. Ihm

empfehlen die Eltern ihre Jüngste zur Versorgung, da Probst sie sich zum

Patchen auserlesen. Und „Herr Käthe“ befiehlt ihrem Gatten, noch

scherzend anzufragen, ob denn die Nordsee ausgetrocknet sei, seitdem das

Evangelium die Erlaubnis zum Fleischessen gebracht habe? Denn niemals

habe es in Wittenberg weniger Seefische gegeben, so daß man schon durch

die Hungersnot zum Fleischessen gezwungen werde, wo nicht etwa die

Fische und das Meer sich vor des Papstes Zorn ängstigten, nachdem man

ihn zu Lande verachte. Am 14. Juni 1542 kam Probst, jetzt ein alter

Mann, nach Wittenberg, um seinen Vater D. Martinus noch einmal zu sehen.

Das war ein gar unerwarteter lieber Besuch und Frau Käthe wird ihm den

Aufenthalt recht angenehm gemacht und das Margaretlein den Paten

fröhlich begrüßt und ihm mit ihrer hübschen Stimme etwas vorgesungen

haben[407].

Weniger im Verkehr war man mit dem früheren Prior des Schwarzen Klosters

Eberhard _Brisger_, Pfarrer in Altenburg; doch tauschte auch mit ihm

Käthe Grüße aus[408].

Der ehemalige Klosterbruder (Stiftsherr der „Brüder vom gemeinsamen

Leben“) Gerhard _Viscampius_ zu Herford war auch ein besonders guter

Freund der Familie Luther und Melanchthon und sie nahmen warmen Anteil

an ihm. 1528 sendet er an das Lutherische Ehepaar Tuch und zwei Lampen,

welche die zwei Gatten jede Nacht ständig gebrauchten. Dafür soll er

auch regelmäßig Luthers Schriften erhalten[409].

Der alte „Stürmer und Schwärmer“ D. Gabriel _Zwilling_, Luthers

Klostergenosse, der ihm auf der Wartburg mit seiner Bilderstürmerei so

zu schaffen machte, war, nachdem er seinen Radikalismus ausgetobt, ein

ruhiger Pfarrherr zu Torgau geworden. Er hatte zur Befreiung der Nonnen

aus Nimbschen mitgewirkt, und kam verschiedentlich nach Wittenberg,

durfte auch einen etwas schweren Auftrag Käthes wegen Beschaffung eines

Leinenkastens besorgen[410].

Der Reformator und Stadtprediger von Gotha, _Mykonius_, der auch zur

Zeit der „Wittenberger Konkordia“ sich im Lutherhause aufhielt, bekam

von Käthe Grüße, Glückwünsche, Danksagung für ein „Käse-Geschenk“, auch

Verhaltungsmaßregeln gegen seine Frau und Teilnahme an seinem

Brustleiden[411].

Ein besonderer Verehrer der Frau Doktorin war der feine Straßburger

_Capito_ (Köpflin), welcher im Jahre 1536 mit Butzer in Wittenberg die

„Konkordia“ der sächsischen und oberländischen Kirche zustande brachte

und dabei im Lutherhause verkehrte. Er läßt die „treffliche Frau

Katharina von Bora, seine Wirtin“, grüßen und sendet nach seiner

Heimkehr ihr einen goldenen Ring als Zeichen seiner Gesinnung gegen sie,

„welche mit Recht so hoch geschätzt wird, weil sie mit hausmütterlicher

Sanftmut und Emsigkeit die Versorgung unsres Lehrers übt“. Und auch Frau

Käthe schätzt den Straßburger Gast. Wiederholt läßt er sie grüßen und

verspricht ihr zur Frankfurter Messe 1537 einen Brief. Capito erbat sich

sogar mit den übrigen Straßburger Freunden Gerbel, Butzer u.s.w. den

Sohn Hans erziehen zu helfen[412].

In _Nürnberg_ hatte Luther und damit auch seine Käthe, allerlei gute

Freunde, besonders seine beiden Ordensbrüder, Wenceslaus _Link_ und Abt

_Friedrich_ (Becker, Pistorius), die ihm manches schöne Geschenk und

Gerät an Uhren, Drechslerwerkzeug, Holz- und Kupferstichen, feines Obst,

Sämereien aus der reichen Freistadt besorgten. Auch sie läßt Käthe

grüßen[413].

In der Reichsstadt lebte aber auch ihre „alte Flamme“, wie Luther

schreibt, der Ratsherr Hieronymus _Baumgärtner_. Die alte Liebe zu ihm

hatte sich zu herzlicher Freundschaft gestaltet, und es ist ein gar

schönes Zeichen eines natürlichen und gesunden Gefühls, daß sowohl

Luther als Frau Käthe in ganz unbefangener offener Weise von dieser

liebenden Verehrung für den ehemaligen Geliebten reden unter sich und

dem gemeinsamen Freund gegenüber: „Es grüßt Euch verehrungsvoll meine

Käthe, Eure alte Flamme, welche Euch ob Eurer Tugenden und Vorzüge mit

neuer Liebe umfaßt und von ganzem Herzen Euch wohl will.“ Von Koburg

schreibt Luther am 1. Oktober 1531 an Baumgärtner: „Ich grüße Dich im

Namen meiner Herrin, Deiner einstigen Flamme; so werde ich ihr erzählen,

wenn ich heim komme. So pflege ich auch sie in Deinem Namen zu necken.“

Als 1543 Luther durch seinen Tischgänger Besold einen Brief erhielt,

rühmte er des Briefschreibers Sittenreinheit, Frömmigkeit und Tugend. Da

fragte Luthers Gattin „nach ihrer Gewohnheit“, wer denn der Schreiber

des Briefes wäre. Luther antwortete: „tuus ignis Amynthas: Dein alter

Buhle (Liebhaber).“[414] Der Ton, diesem Freunde gegenüber, ist ein gar

herzlicher, namentlich in dem Trostbrief Luthers an Baumgärtner und

seine Frau, als der Nürnberger Kaufherr von dem Ritter Albrecht von

Rosenberg (bei Mergentheim) gefangen genommen und lange in Haft gehalten

wurde, so daß Frau Sibylle mit ihren fünf unerzogenen Kindern länger als

ein Jahr um das Leben ihres Ehewirts in Angst schwebte. Die Wittenberger

Freunde beteten in der Kirche öffentlich um die Freilassung und gingen

den Landgrafen von Hessen darum an[415].

Auch Veit _Dietrich_ blieb trotz seines Spanes mit Käthe nicht nur

Luthers Freund nach seinem Wegzug nach Nürnberg, wo er Pfarrer an der

Sebalduskirche wurde, sondern auch mit Frau Käthe stellte sich bald

wieder ein freundliches Verhältnis her. Sie läßt ihn wiederholt

grüßen[416].

Mit den Freiberger „Geschwistern _Weller_“, dem jüngsten Peter, dem

Komponisten Matthias und besonders dem Theologen Hieronymus, aber auch

der Schwester Barbara Lischner standen die Lutherischen Eheleute in

freundschaftlichem Verhältnis. Der eine mußte in seiner Schwermut

aufgerichtet werden, der andere versorgt, die Schwester belehrt über den

heimlichen Empfang des heiligen Abendmahls[417]. Dem Komponisten

Matthias läßt Luther mit Frau Käthe danken, für sein „gutwillig Herz, so

er erzeigt hat mit dem Gesang und den Borsdorfern.“ Das Lied sängen die

Männer unter Tisch, so gut sie's könnten. „Machen wir etliche Säue

(Böcke, Fehler) darunter, so ist's freilich Eure Schuld nicht, sondern

unsre Kunst. Wenn's schon alle Komponisten gut machen, so ist unser

Ernst wohl noch weit drüber und können's böse genug singen. Es folgen

uns alle Regiment der ganzen Welt; sie lassen Gott und alte Vernunft

sehr gut Ding komponieren und stellen, aber sie singen auch, daß sie

wert wären einen Markt eitel Würste aus den Säuen oder Klöppel in den

Feldglocken[418]. Darum müßt ihr Komponisten uns auch zugut halten, wenn

wir Säue machen in den Gesängen. Denn wir wollten's lieber treffen denn

fehlen. Solchen Scherz, bittet meine liebe Käthe, wollet ihr für gut

annehmen, und läßt Euch freundlich grüßen. Hiemit Gott befohlen. 1535.

Priska-Tag.“[419]

Dr. Hieronymus Weller heiratete um diese Zeit ein Freiberger Mädchen,

die Tochter G. am Steige. Natürlich sollte ihm Frau Käthe die Hochzeit

in Wittenberg ausrichten. Aber Frau Käthe war damit nicht einverstanden;

kannte sie doch die große Unmuße und Unkosten, welche ein Doktor in

einer Universitätsstadt aufwenden müsse: und hier wäre sowohl der

Hochzeiter, wie der Hochzeitgeber ein Doktor; daher müßten viele Leute

eingeladen werden; Weller solle sich die Liste, die beigelegt sei,

einmal ansehen und werde dann merken, welche Menge geladen werden müßte

(wenn man auch einige streichen könnte), wofern man des Hochzeiters und

seiner Angehörigen Ehre bedenke, zumal man die angesehenen Freunde doch

ehrenvoll bewirten müsse. Das sei sehr schwer. Auch koste es mehr als

100 fl. Die Eheleute rieten Weller daher, die eigentliche Hochzeit

anderswo zu halten und es einzurichten wie M. Kreuziger und Dr. Brück,

nämlich mit geringer Begleitung nach der Universitätsstadt zu kommen, zu

einem Morgen- oder Abendessen mit zwei oder drei Tischen. Hoffentlich

war der Dr. Hieronymus und seine Braut so verständig und gingen darauf

ein. Während der ledige Doktor bei Luthers gewohnt hatte, zog er mit

seiner jungen Frau in ein eigenes Haus in der Nachbarschaft. Nicht lange

darauf wurde Weller Pfarrer in seiner Vaterstadt Freiberg, wo Herzog

Georgs Bruder Heinrich residierte und dem Evangelium beitrat; er blieb

aber in regem Verkehr mit dem Lutherhaus[420].

Nach Freiberg wurde 1538 auch M. Nikolaus _Hausmann_ als Stadtpfarrer

berufen. Er war einer der ältesten und besten Freunde des Lutherischen

Hauses, ein sanfter, liebenswürdiger Mann und Junggeselle. Zuerst in

Zwickau angestellt (bis 1532), wurde er dann Hofprediger bei den drei

Anhalter Fürsten in Dessau (1532-38). Die Bekanntschaft Käthes mit ihm

ging durch ein zierliches und mühsam geflochtenes Körbchen und das

schöne Glasgefäß, welches Hausmann selbst gemalt und als Andenken in den

jungen Haushalt geschickt hatte und das Käthes Wohlgefallen erregte (S.

96)[421]. Von da an sendete Frau Käthe dem Zwickauer Stadtpfarrer stets

angelegentliche Grüße und wird wieder gegrüßt in den zahllosen Briefen,

die fast jede Woche zwischen dem Wittenberger Kloster und dem Zwickauer

Pfarrhaus hin und wieder fliegen. Sie empfiehlt sich in schweren Zeiten

seinem Gebet oder bedankt sich für gesandtes Chemnitzer Leinen, wofür er

eine Last lutherischer Schriften durch den Paketträger erhält[422]. Auch

„lebendige Briefe“ gingen hin und her: allerlei Freunde und Bekannte,

namentlich seitdem auch Cordatus nach Zwickau versetzt war, anfangs

1529.[423] Oefters wird Hausmann eingeladen: seine Stubella (Stüblein)

sei bereitgestellt und alles gerüstet — trotzdem Frau Käthe einen jungen

Erdenbürger erwartet. Einigemale kam auch Hausmann wirklich den weiten

Weg nach Wittenberg[424].

Im August 1531 ging Hausmann von dem schwierigen Zwickau weg, hielt sich

auch in Wittenberg auf. Von dem nahen Dessau aus war noch ein viel

regerer Verkehr möglich. Das erste Zeichen war ein Wildschwein, das von

der Residenz kam und zum Martinstag von den Freunden des Lutherhauses

verspeist wurde. Als er krank wird, bekümmert sich „Herr Käthe“ in gar

„stattlichem stetem Gedanken um den Freund“. Ja, da dieser so oft

kränklich ist, will Luther ihn gar zu sich nehmen, damit er der Stille

und Ruhe genieße. 1538 kam aber Nikolaus Hausmann als Superintendent

nach Freiberg, wo sein Bruder Valentin lebte. Hier traf ihn bei seiner

Antrittspredigt am 3. November auf der Kanzel der Schlag. Die Freunde

und die Hausfrau verheimlichten Luther den Tod seines lieben Genossen

und brachten ihm die Nachricht erst allmählich bei — er aber saß einen

ganzen Tag und weinte, und auch Frau Käthe wird dem Getreuen ihre

Thränen nachgeweint haben[425].

Der frühere Tischgenosse _Schlaginhaufen_ war im Jahre 1532 nach Zahna,

nur zwei Stunden von Wittenberg, als Pfarrer gesetzt worden, wo er mit

dem Lutherhause in enger Verbindung blieb, und z.B. einmal die von

Luther so geliebten Mispeln schickte. Aber in dem ärmlichen und der

Gesundheit des schwachbrüstigen Mannes wenig zuträglichen Orte hielt er

es nur ein Jahr aus. Er wurde dann Pfarrer in Köthen und reformierte

dies Ländchen. Dahin grüßt auch Frau Käthe. Er reiste mit nach

Schmalkalden, begleitete den erkrankten Luther zurück bis Tambach, lief

dann mit der Kunde von dessen Besserung nach Schmalkalden und rief zu

den Fenstern an der Herberge des Legaten hinauf: Lutherus vivit!

Lutherus vivit! (Luther lebt! Luther lebt!)[426].

Mit dem Pfarrhaus von Leisnig standen Luther und seine Käthe in regem

Verkehr. Sie senden in zahlreichen Briefen Grüße an ihre ehemaligen

Tischgenossen M. _Lauterbach_ und seine Hagnes oder Nise (Agnese) und

Elslein („Lamm“ und „Lämmlein“); sie geben ihm allerlei zu besorgen, so

Frau Käthe einen Katechismus an eine arme ehemalige Nonne, Christina v.

Honsberg, jetzt Gattin von Georg Schmid. Der Bischof von Meißen hatte

sich gegen Lauterbach gesträubt, weil er nicht geweiht wäre; da sagte

Lauterbach zu dem bischöflichen Amtmann: „Ich bin genug geweiht durch

mein Weib (denn sie war eine Nonne) und Mann und Weib ist ein

Leib“[427]. Da der andre Pfarrer in Leisnig sich nicht mit Lauterbach

vertrug, so verzog dieser als Diakonus nach Wittenberg, wo er von

1536-39 lebte, um dann als Superintendent nach Pirna ins evangelisch

gewordene Herzogtum Sachsen zu kommen. Zu Wittenberg als Amtsgenosse

Luthers verkehrte er viel im Klosterhaus; auch seine Frau war öfter da

und gab einmal auf eine theologische Frage eine gar feine Antwort. Es

war an sie dieselbe Frage gerichtet, wie an Frau Käthe, ob sie heilig

wäre; da sagte sie, sie wäre heilig, so viel sie glaubte; wäre aber eine

Sünderin, sofern sie ein Mensch wäre. Von Pirna hat Lauterbach die

Steinmetzarbeit an der Hausthür für Frau Käthe besorgt, weiterhin

Rebpfähle, mehrmals Pelzröcke für die Töchter, auch Butter und Aepfel,

Borsdorfer und andere, „rötliche“, von welchen sich dann Frau Käthe auch

Zweige zur Veredlung bestellt[428].

Georg _Spalatin_ war bald nach Luthers Vermählung aus dem Hofdienst

getreten, hatte sich verheiratet und war neben M. Eberhard Brisger

Oberpfarrer von Altenburg geworden. Weil diese Stadt ziemlich weit

ablag, so kam der alte Freund Luthers nur bei besonderen Veranlassungen

amtlicher Art nach Wittenberg; auch Luther konnte, so sehr er voll

Sehnsucht nach des Freundes Umgang war, schwer nach Altenburg kommen,

nicht einmal zur Hochzeit Spalatins, weil er eben die Flucht der 13

Nonnen aus Freiberg veranstaltet hatte. Um so häufiger aber sandten sich

die Freunde Briefe und Boten und teilten sich die häuslichen

Vorkommnisse mit und Frau Käthe drängt dabei ihren Mann zum Schreiben.

„Meine Rippe“ oder „mein Herr Käthe“ senden an Spalatin und „seine

Rippe“ oder „Kette“ (sie hieß auch Katharina), seine „Hindin“ und ihre

Kleinen Grüße und Glückwünsche, wünscht ihm auch ein kleines

„Spalatinlein, das ihn lehre, was sie sich rühmt von ihrem Hänslein

gelernt zu haben, nämlich die Frucht und Freude des Ehestandes, deren

der Papst mit seiner Welt nicht wert ist“[429]. Den in Schmalkalden

schwer erkrankten Luther ließ Frau Käthe ins Altenburger Pfarrhaus

bringen und bleibt dort mehrere Tage. Voller Dankbarkeit und Anerkennung

ist sie für die „freundliche Liebenswürdigkeit und liebenswürdige

Freundlichkeit“, die sie mit ihrem Gatten im Hause des feinen Mannes

erfahren. Sie ist unglücklich, daß sie in der Aufregung den Töchtern

Spalatins nichts mitgebracht und sendet ihnen schön gebundene Büchlein,

ihr gewöhnliches Geschenk[430]. Nochmals nimmt sie die Liebenswürdigkeit

des Altenburger Pfarrherrn in Anspruch, als sie ihre Bauten in Zulsdorf

ausführt. Weil Spalatin gerade um diese Zeit nach Wittenberg kam, so

giebt sie ihm allerlei Aufträge mit, da Zulsdorf von Wittenberg so weit

weg und näher bei Altenburg lag und sie wegen der bestehenden

Winterszeit nicht dahin kommen konnte. Da soll er, der ehemalige

Hofmann, bei dem Schöffer dafür sorgen, daß sie Eichenstämme und dicke

Prügel für Bauten bekomme in ihrem neuen Reich. Da empfiehlt sie ihre

Fuhrleute und Handwerker der Fürsorge Spalatins. Und dieser interessiert

sich für ihre Zulsdorfer Unternehmungen so sehr, daß ihm Luther

ausführlich über all die Mißgeschicke schreiben muß, welche seine Frau

mit den sächsischen „Harpyen“ hat, welche ihr Bauholz wegstibitzen.

Dafür schickt die arzneikundige Doktorin dem Herrn Oberpfarrer auch eine

Wurzel gegen den Stein, die sich bei Luther recht wirksam gezeigt

hatten.[431]

Ein Freund der Familie Luther war auch ihr Gevatter _Hans von

Taubenheim_. An ihn wendet Käthe sich vertraulich mit wirtschaftlichen

Anliegen. Aber sie nimmt auch Teil an seinem Schicksal, als er 1539,

scheint's, in Ungnade fiel. Luther muß ihm schreiben: „Meine Käthe läßt

Euch herzlich grüßen und weinet bitterlich über Euren Unfall und sagt:

wenn Euch Gott nicht so lieb hätte, oder wäret ein Papist, so würd er

Euch solch Unglück nicht geschehen lassen.“[432]

Alle diese Freunde des Lutherhauses lebten auswärts und waren nur

besuchsweise oder doch vorübergehend in Wittenberg. Die befreundeten

Familien in der Stadt selbst waren die der Amtsgenossen Luthers: die

Professoren Kreuziger, Jonas und Melanchthon und die Pfarrer Bugenhagen

und Röhrer, weniger bedeutend der andere Schloßprediger D. Georg Major,

der Professor des Hebräischen Matthäus Aurogallus (Goldhahn),

Melanchthons Busenfreund Paul Eber, D. Hier. Schurf, endlich sein

Bruder, der Hausarzt und Nachbar, Professor Augustin Schurf, dessen Weib

Hanna von Frau Käthe in der Pestzeit ins Haus genommen und gepflegt

wurde. Sie alle waren vielfach Gäste in Luthers Haus, namentlich bei der

Bibel-Uebersetzung. In ihrem Kreise ließ sich Luther mehr gehen, als an

der Tafelrunde der Tischgenossen, mit „fröhlicher Laune und witzigem

Scherzwort“[433].

_Kreuziger_, Dr. der heiligen Schrift, Luthers treuer Freund und

„Fürbund“, den er (seit 1528) zu seinem „Elisa“, seinem Nachfolger in

der Theologie erlesen hatte, der auch Luthers Testament unterschrieben

hat, war — ausnahmsweise — ein wohlhabender Theologe[434]. Für ihn

besorgte Frau Käthe Aufträge und seine Frau Elisabeth, eine gewesene

Nonne aus Pommern, bringt ihr ein goldenes Meßgeschenk, wofür Luther an

Kreuzigers Frau ein gleiches schickt. Diese, Elisabeth von Meseritz, war

die Dichterin eines Liedes, das Luther in sein Gesangbuch setzen ließ.

Es beginnt:

Herr Christ, der Einige Gottes

Vaters in Ewigkeit,

Aus seinem Herz entsprossen

Gleichwie geschrieben steit.

Er ist der Morgenstern,

Sein' Glanz streckt er so fern

Vor andern Sternen dar[435].

Elisabeth starb früh, so daß Kreuziger zur zweiten Ehe schritt (1530);

mit der Hochzeit wollte er aber Frau Käthe nicht beschweren und hielt

sie auf Schloß Eilenburg ab, das ihm der Kurfürst auf Luthers Bitte

dafür zur Verfügung stellte. Dagegen ist er eingeladen bei Luthers

Geburtstagsschmaus[436].

_Bugenhagen_ oder D. Pommer, der stattliche und würdige Propst,

Professor und Stadtpfarrer und geborene General-Superintendent

(1536)[437], war mit seiner pommerschen Gelassenheit ein gar milderndes

Element in dem Lutherischen Hause, dessen Beichtvater er war. So hielt

er auch neben Luther ruhig in der Pestzeit aus. Trotz seines würdevollen

Wesens war er doch „im gemeinen Wandel eines liberalischen, fröhlichen

und fertigen Gemüts“. Er stellte sich von Anfang auf Frau Käthes Seite.

Er half ihr — nebst dem Kapellan Röhrer — das schöne Glas vor Luthers

Geschenkwut retten. Er hielt sich gar viel im Kloster auf; ja er wohnte

sogar in Luthers Anfechtungen dort[438]. Luthers Briefe grüßen gar oft

in einem Atem: Dr. Pommer und meine Käthe oder meine Käthe und Dr.

Pommer. Einmal schreibt er sogar im Hause und Namen Luthers einen Brief

an Spalatin, worin „Dominus mea“ („meine Herr“ Käthe) grüßte. Einen

Brief Luthers an Frau Käthe sollte in ihrer Abwesenheit Pfarrherr D.

Pommer erbrechen und lesen[439]. Umgekehrt hat Frau Käthe auch allerlei

an D. Pommer auszurichten, sogar allerlei Theologisches in lateinischen

Wendungen von den Argumenten Zwinglis in Marburg und Kirchenpolitisches

von Augsburg. „Sage D. Pommer“, heißt es dann in Luthers Briefen an

seine Frau[440]. Der behagliche Pommer ergötzte die Freunde gar sehr mit

seinen Sprüchen, namentlich in breitem Platt; aber er lachte auch, wenn

der „schwäbische“ Pfälzer Melanchthon sich im Plattdeutschen versuchen

wollte. Im Dezember 1527 erwartet der Propst im Lutherhause die

Niederkunft seiner Frau. Sie und Frau Katharina lagen fast zu gleicher

Zeit in den Wochen: Frau Pommer mit einem Knäblein, Frau Käthe mit ihrem

Töchterlein Elsbeth. Bald darauf starben ihr zwei Söhne[441]. 1528 wird

zu Bugenhagens Reise nach Braunschweig von Luthers „Eva“ im Kloster ein

Abschiedsmahl gehalten; er wurde aber auch nach Hamburg „geliehen“, dann

nach Lübeck, Pommern und Dänemark, und erzählte dann daheim, nach der

Landesart gefragt, zum Ergötzen der „Tafelrunde“, dort tränken die Leute

„Oel“ und äßen „Schmeer“ (d.h. Bier und Butter). Bugenhagen war also

viel weg von Wittenberg, zur großen Sorge Luthers, der seine

Arbeitslast als Stadtpfarrer und Professor noch dazu übernehmen mußte.

So hatte auch Frau Käthe gar oft nach dem „Pommerischen Rom“ mit seinen

kleinen Weltbürgern in der Superintendur am Kirchenplatz zu sehen[442].

Justus _Jonas_, „der Rechte Licentiat und Erfurter Kanonikus“ nachher

(1521) Professor, D. der Theologie und Propst des Allerheiligenstiftes,

nahm im Lutherhause eine ähnliche Stellung ein, wie Bugenhagen. Nur

hatte er in seinem Wesen nicht die stoische, gesunde Ruhe des D. Pommer.

Er war vielmehr kränklich und etwas erregt, ein lebhafter Sprecher,

„unser Demosthenes“, der lieber redete als schrieb; denn er „drohte“ nur

Briefe zu schreiben, führte es aber nicht aus, wie Luther scherzt. Die

Familie wohnte in der Fischervorstadt, hatte auch Garten und Weinberg.

Während der Pest 1527 und wieder 1535 zog Jonas mit Weib und Kind in

seine Vaterstadt Nordhausen bezw. nach Jena. Er war bei den

Verhandlungen in Augsburg, Marburg, Frankfurt, Schmalkalden u.s.w. viel

abwesend von Wittenberg, so daß Luther viele und häufige Briefe an ihn

zu schreiben hatte, in denen Frau Käthe mit Grüßen, Aufträgen und

Mahnungen und dgl. sich hören läßt. Umgekehrt grüßt auch Jonas die Frau

Doktorin, Muhme Lene, Hänschen, Lenchen — und sendet seinem Paten einen

silbernen Johannes, d.h. einen Joachimsthaler (Gulden) mit dem Bildnis

des Kurfürsten Johann[443]. Jonas hatte sich schon 1522 verheiratet mit

Katharina von Falk. Sie hatte eine große Kinderschar (1530 schon 5

Söhne), aber viele starben jung; bekannt sind davon Jost, Christoph,

„Sophiela“, „Elisabethula“, auch eine Großmutter lebte im Haus und

erhielt von Luther Grüße[444]. Frau Käthe Jonas war eine muntere,

heitere Frau. Von ihr meldete im Sommer 1529 der Wittenberger

Stadtschreiber Baldunai: „Ich hab' Melanchthon mit der Pröpstin tanzen

sehen! Es ist mir wunderlich gewesen.“ Auch Luther richtet an sie

gelegentlich einen scherzhaften Brief als der „Ehrbaren, Tugendsamen

Frauen Kathrin Dokterschen Jonischen, Propstin zu Wittenberg, meiner

günstigen Freundin und lieben Gevatterin“ und schließt: „meine Käthe und

Herr zu Zulsdorf grüßet Euch alle freundlich.“[445]

Mit der „Jonischen“ Familie war die Lutherische eng befreundet,

namentlich die beiden Käthen waren aufs innigste mit einander verbunden,

sie waren stets ein Herz und eine Seele: die lebhafte thatkräftige

Lutherin war offenbar recht angezogen von der fröhlichen Natur der

Propstin. Aber auch den redegewandten Propst mochte die Frau Doktorin

gerne leiden. Nach Augsburg schickt sie in einem Brief an ihren Herrn

Martinus ein Billet („Zedula“), worin sie von der Geburt eines Jonischen

fünften Sohnes berichtet[446]. Als die Propstfamilie während der Pest

mit der Universität auch in Jena weilt, bestellt die „Erzköchin“ bei

Jonas für einen Thaler allerhand Geflügel und Wildbret zu einem

Doktorschmaus und will ihn mit einem guten Sud von ihrem gesunden und

heilsamen Bier nach Wittenberg locken. Dagegen warnt sie ihn, sich von

der „Güte des Weins“ bei Spalatin berücken zu lassen, wodurch der Leib

so rauch und scharf von Steinen werde, wie die Weinfässer, wenn sie

ausgetrunken sind. Mit dem Bier wußte Frau Jonas nicht so wohl Bescheid

wie Frau Lutherin; denn dasjenige, das sie Luther einmal schickte, war

verdorben. Angenehmer als dieses Geschenk waren der Wein, die Quitten

und Aepfel u.a., welche Jonas von seinen Reisen oder aus Halle

sandte[447]. Als Frau Käthe zu Anfang des Jahres 1540 schwer erkrankte,

da schrieb Jonas manchen betrübten Brief voll aufrichtiger Teilnahme und

Sorge. „Wenn mein Brief so trübselig ist, so ist die Trauer schuld um

die hochgeschätzte Frau, weil sie so krank darniederliegt.“ Und er freut

sich „dann, als ἡ γυνή des Herrn D.M. Luther durch göttliche Wunderkraft

wieder gesundet.“ Im Frühjahr 1541 zog Jonas nach Halle, um dort trotz

des Bischofs „mit Volk und Rat“ die Reformation durchzuführen[448]. Da

sich dieser Aufenthalt, wie es den Anschein bekam, lange hinausziehen

sollte, so zog im Herbst die Frau Propstin ihrem Manne nach, während der

Sohn Tischgenosse im Lutherhause werden sollte. Sie verabschiedete sich

so eifrig und eilig, daß sie sogar vergaß, Briefe von Luther mitzunehmen

und dieser samt seiner Frau sie neckte mit ihrer Liebessehnsucht. Leider

sollten sie die Freundin nicht mehr sehen. Nicht lange nach ihres lieben

Töchterchens Lenchen Tod verlor Frau Käthe auch ihre beste Freundin. Sie

starb in Halle um Weihnachten 1542, indem sie „mit gar frommen und

heiligen Worten ihren Glauben bezeugte.“ Frau Käthe war ganz weg bei

der Trauerkunde[449].

Etwas weniger herzlich scheint das Verhältnis zur Familie Melanchthon

gewesen zu sein. Die beiden waren fast Gartennachbarn und wie die

Männer, so werden auch die Frauen sich an dem Gartenzaun und in ihren

Gärten und Häusern doch vielfach begegnet sein. Die Kinder spielten mit

einander, wie aus dem Märchenbrief Luthers ersichtlich ist, und Luther

schreibt dem ängstlichen Magister während seiner Abwesenheit genau alle

Vorkommnisse unter den Kindern[450]. Aber auffällig ist doch, daß in

all' den vielen (3000) Briefen Luthers die Gattin seines Kollegen

ausdrücklich niemals erwähnt ist. Frau Käthe Melanchthon war der

temperamentvollen Doktorin wie dem Doktor nicht so sympathisch als die

Frau Käthe Jonas. Sie fühlte ihren Gemahl und sich nach den Epigrammen

des Lemnius, aber auch nach den Andeutungen Kreuzigers überall

zurückgesetzt und in den Schatten gestellt durch Luther und die

Doktorin. Die wohlhabende Bürgermeisterstochter und das arme

Edelfräulein standen sich wohl von Anfang an gegenüber, nochmehr aber,

als die fremde Nonne den gewaltigen Doktor, den ersten Mann der Stadt,

ja der Welt zum Gemahl bekam. Zur Erklärung der Stimmung von Frau

Melanchthon muß wohl auch auf die bestehende Kleiderordnung verwiesen

werden, welche derjenigen von 1572 ähnlich gewesen sein wird. Die

Doktorsfrauen durften darnach eine guldene unverfütterte Haube tragen,

und so ein alt Kleid zu kurz wird, es mit Sammet- und Seidegebräm

verlängern — die _Magisters_frauen nicht, und Frau Melanchthon war bloße

Magisterin. Ferner durften Doktoren 8 Tische, Magister bloß 6 Tische bei

Hochzeiten haben; letztern waren auch Röcke, Barett oder Schläpplin aus

Sammet und Seide verboten[451].

Es traten sogar einmal Mißstimmungen Luthers gegen Melanchthon ein,

welche sich natürlich auch auf die beiderseitigen Frauen übertrugen.

Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, ein Humanist und Poet, hatte Luthers

alten Gegner, den Kardinal-Erzbischof Albrecht, der sich gern als Mäcen

aufspielte, als seinen Gönner gefeiert, und bei seiner Hochzeit mit

Melanchthons Töchterlein (1536) war der erzbischöfliche Kanzler Türk zu

Gast, ja Sabinus lebte eine zeitlang an Albrechts Hofe. Um diese Zeit

machten auch andere römische Kirchenfürsten den Versuch, Melanchthon auf

ihre Seite zu bringen. Luther zürnte über die „Erasmischen Vermittler“,

wenn er auch nicht glaubte, Melanchthon werde ein zweiter Erasmus

werden. Die Anhänger Luthers, Cordatus und Schenk, gingen aber schärfer

gegen Melanchthon vor und dieser scheute sich in seiner ängstlichen Art

vor einer offenen Aussprache mit Luther. Käthe hätte gerne eine

freundschaftliche Auseinandersetzung der beiden alten Freunde gewünscht;

die „Doktorin“ beklagte die Entfremdung derselben, sprach dies auch

gegen Kreuziger und andere Freunde aus, in der Hoffnung, eine

Auseinandersetzung herbeizuführen. Aber dem widersetzte sich die

„Weibertyrannei“ der Frau Melanchthon[452].

Jetzt kam noch etwas anderes hinzu. 1537 geriet ein gewisser M. Simon

Lemchen (Leminus) nach Wittenberg, der war ein Freund und

Gesinnungsgenosse des Sabinus, formgewandt, aber auch charakterlos wie

dieser. Für diesen Schöngeist verwendete sich Melanchthon um ein

Stipendium bei dem Rat von Augsburg, weil er zum Teil in Augsburg

erzogen war und diese löbliche Stadt für sein Vaterland hielt. Er bekam

auch wirklich eine Unterstützung von 20 fl. Damals kam auch Sabinus nach

Wittenberg und verkehrte viel mit seinem Freunde[453].

Zu Pfingsten 1538 nun hat Lemnius, der „ehrlose Bube etliche Epigrammata

ausgehen und sogar an den Kirchthüren verkaufen lassen, ein recht

Erzschund-, Schmach- und Lügenbuch, wider viel ehrliche Manns- und

Weibsbilder, dieser Stadt und Kirchen wohl bekannt.“ Natürlich machte

das Büchlein in der kleinen Stadt das peinlichste Aufsehen und erregte

häßliche Geschwätze. Melanchthon hatte als Rektor die Zensur über

litterarische Erscheinungen von Universitätsangehörigen zu üben. Daher

erhob sich gegen ihn der Verdacht, daß er mit Absicht die böse Schrift

habe drucken lassen. Aber Luther überzeugte sich bald, daß es „hinter

Wissen und Willen derer, so es befahlen ist zu urteilen“, ausgegangen

war. Und so beruhigte sich auch die Frau Doktorin bald wieder. Der

„Poetaster und Leuteschänder“ Lemnius flüchtete und wurde relegiert,

rächte sich aber durch ein unflätiges Schmähgedicht auf Luthers und

Käthes Ehe, wie auf andere Professorenfamilien in Wittenberg [454]. Das

gute Einvernehmen der beiden Familien stellte sich bald wieder her. Frau

Käthe läßt nach wie vor dem abwesenden Magister Philipp ehrerbietig

Grüße zusenden und dieser versäumt nicht nach wie vor „Luthers

hochverehrte Gemahlin und süße Kinder zu grüßen“. Ja das Verhältnis zu

ihm zeigt sich nach diesem Vorkommnis noch viel freundlicher [455]. Sie

läßt dem Magister besonders nachdrücklich danken, daß er ihren Doktor

nicht mit nach Schmalkalden — schlimmen Angedenkens — mitgenommen hat.

Sie versichert ihn ihrer ganz besonders warmen Liebe und Zuneigung. Als

Melanchthon wegen der hessischen Ehegeschichte tödlich erschrocken

darniederlag, heißt sie ihn tapfer und „fröhlich“ sein und versichert

ihn mit ihrem Gatten ihrer aufrichtigen Liebe und verspricht, eifrig und

kräftig für ihn zu beten. Nach Worms läßt sie ihm melden, sie siede eben

für ihn Wittenbergisch Bier, um ihn und seine Genossen damit zu

empfangen. Und M. Philipp läßt sich auch sorglich über ihr Wohlergehen

berichten und wäre sehr beunruhigt, wenn er hören müßte, es ginge der

Frau Doktorin übel. An Luthers Todestag noch sendet er in ihrem Auftrag

nach Eisleben Nachrichten und Arzeneien[456].

Eine gewiß noch rascher vorübergehende Verstimmung trat 1544 ein infolge

eines Vorwurfs, den Frau Käthe Melanchthon machte und den der

empfindliche Meister Philipp wohl zu schwer nahm; sie sagte nämlich, man

glaube, er bevorzuge seine schwäbischen Landsleute vor den Sachsen. Das

konnte doch weder so ernst gemeint noch genommen werden, wenn er auch in

einem Brief an Freund Jonas die δεσποινα (Herrscherin) darüber

verklagt[457].

Den Verkehr dieser Hausfreunde mit Frau Käthe kennzeichnet ein Brief,

den dieselben von Augsburg aus 1530 an die Doktorin geschrieben haben;

es ist der Ton achtungsvoller Freundlichkeit mit einem Anflug von

Lutherschem Humor; zugleich aber ein Beweis, wie geschäftstüchtig Frau

Käthe war, daß Melanchthon sogar ökonomische Aufträge ihr gab, statt

seiner eigenen Gattin, die er wohl auch für weniger schreibfertig halten

mußte, als die Lutherin. Der Brief lautet samt der Adresse so[458]:

„Der ehrbaren tugendsamen Frau Katharina Lutherin Doktorin, meiner

besonders günstigen Freundin.

Gottes Gnad' und alles Gute!

Ehrbare, tugendsame Frau Doktorin!

Ich füge Euch zu wissen, daß wir nun, Gott gebe Gnad, bis gen Augsburg

kommen sind und haben den Herrn Doctor zu Coburg gelassen, wie er ohn

Zweifel Euch geschrieben hat. Ich hoff aber, in kurz bei ihm zu sein.

Bitt Euch, Ihr wollet mir schreiben, wie es Euch geht und wie sich der

Hauptmann Korns halber erzeiget hat. Womit ich Euch dienen kann, will

ich mit allem Fleiß, wie ich mich schuldig erkenne, solches thun und

ausrichten.

Beide Kanzler[459] grüßen Euch und wünschen altes Gute. Gott bewahre

Euch!

Datum Augsburg, Mittwoch nach Walpurgis. Philippus.

Herzog Georg von Sachsen soll morgen kommen. Der Kaiser ist noch ferne,

kommt aber.

Liebe Gevatter! Auch ich wünsche Euch, Hänschen Luther und Magdalenchen

und Muhme Lene viel selige Zeit. Pusset mir in meinem Namen meine

liebsten Jungen.

J. Jonas.

Ich, Johann Agricola Eißleben, mein es auch gut, meine liebe Frau

Doktorin.“

Wie hier im Brief, so maßen sich an Käthes Tisch die Freunde an der

theologischen Tafelrunde im Redewettkampf um den Preis des kürzesten

Tischgebets. Da zeigt sich nun Luthers Sinnigkeit, Bugenhagens

hausbackenes Behagen und Melanchthons zierliche Feinheit in den Sprüchen

Luthers: Dominus Jesus sit potus et esus (der Herr Jesu sei Speis' und

Trank); Pommer: „Dit und dat, träg und natt, gesegen uns Gad“; und

Melanchthons: Benedictus benedicat (der Gesegnete segne)[460].

Außer den beiden Frauen der Kollegen Jonas und Melanchthon wird

Katharina wohl vorzüglich mit Frau Barbara Kranach verkehrt haben und

Frau Bürgermeister Reichenbach, ihrer Pflegemutter, beide ältere

Matronen, und ebenso mit der Familie des Buchdruckers Hans Lufft.

Selbstverständlich gehörte die Gemahlin des Doktors zu den vornehmen

Kreisen, ja sie war bei weitem die angesehenste Frau Wittenbergs und es

entspricht ihrer Stellung, wenn Meister Lukas sie auf dem Altarbilde der

Stadtkirche mit ihrem Kinde in der vordersten Reihe malt. Sie trug auch

das feine goldschimmernde Pelzwerk um die Schultern oder in Streifen am

Kleid, das die Patrizierin auszeichnet. Ein gewisses Selbstgefühl läßt

sie auch verschiedentlich durchblicken. So läßt sie einen Freund ihres

Mannes „warnen, beileibe keinen Bauernkloppel zur Ehe zu nehmen; denn

sie sind grob und stolz, können die Männer nicht für gut haben, können

auch weder kochen noch keltern“. Daneben freilich ging sie mit andern

Frauen (in der Weise unserer heutigen Frauenvereine) kranken Weibern und

Wöchnerinnen mit Rat und That an die Hand[461].

Aber man versteht es auch, daß eine Frau von der Anlage und dem

Temperament und Bildung Katharinas mehr auf den Umgang mit Männern

hielt, und daß dieser Umgang, zu dem sie so viel Veranlassung und

Gelegenheit hatte, sie wenig geneigt machte, sich viel in weiblicher

Gesellschaft zu bewegen.

Freunde um sich zu haben, war Luther ein Bedürfnis. Er haßte die

Einsamkeit aus Furcht vor „Anfechtungen“ — mußte er doch in den

Nachtstunden dem Teufel genug Rede stehen. „Ehe gehe ich zu meinem

Schweinehirten Johannes und zun Schweinen, denn daß ich allein bliebe“,

sagt er zum Exempel für einen Angefochtenen. So war er auch stets in

Gesellschaft, wenn er spazieren fuhr[462].

Bei der Bibelübersetzung (1525-34) und der Bibelrevision (1539-42) kamen

die Gehilfen Luthers, Melanchthon, Bugenhagen, Jonas, Kreuziger,

Aurogallus und der Schnellschreiber und Korrektor Röhrer zum

evangelischen „Sanhedrin“ zusammen, und nachher blieben sie oft zu

Tische da, disputierten weiter, oder erholten sich auch an heiterem

Gespräch und Gesang.

So war der Gasttisch in Käthes Haus nimmer leer — dafür sorgte Luther.

Aber auch ihm persönlich und besonders widmete sie als echte deutsche

Frau ihr Leben.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 53 / 92 题