Tischgenossen und Tischreden.
„Unsere Herrin Käthe, die _Erzköchin_“, so nennt Luther seine Gattin in
einem scherzhaften Einladungsbrief an Freund Jonas[353].
Und das war sie; sie kochte gern und gut und braute auch die
entsprechenden Getränke dazu. Gelegenheit zu den manchfaltigsten
Gastereien hatte aber kein Weib so sehr als Frau Käthe.
Da gab es vor altem gar mancherlei Hochzeiten von Verwandten und
Freunden, deren Ausrichtung dem Herrn Doktor eine Herzensfreude war, bei
denen aber sein „Herr Käthe“ eine ganz besonders hervorragende und liebe
Rolle spielte.
Und was so eine Hochzeit in Wittenberg auf sich hatte, kann man sich
kaum recht vorstellen. Da mußte der „Haufe“ geladen werden; bei einer
„akademischen“ Hochzeit „die Universität mit Kind und Kegel“ und dazu
andere, die man Luthers halber „nicht wohl konnte auß(en) lassen; so
bleibt's weder bei 9 noch bei 12 Tischen, 120 Gäste ohne die Diener
u.s.w.“ war das Gewöhnliche für eine akademische Hochzeit. „Bei einem
Doktorschmaus machten die Männer allein schon 7 bis 8 Tische voll; was
wurde es erst, wenn die Frauen, Kinder und noch das Gesinde zu speisen
und zu tränken waren?“ Dazu dauerten die Hochzeiten mehrere Tage. Luther
hatte sich bei seiner Hochzeit auch nur „für die gewöhnlichen Gäste“ mit
einem Tage begnügt. Und das alles bei dem schlechten Markt in
Wittenberg! Da war es für die gute Käthe keine geringe Schwierigkeit,
einen solchen Schwarm in anständiger Weise zu speisen, und sie wollte
doch weder auf den Ruhm ihres Mannes, noch der Gefeierten einen Makel
kommen lassen — natürlich auf ihren Ruhm auch nicht. Luther und Käthe
wollten beide keine Unehre einlegen[354].
Aber auch sonst richtete Frau Käthe gern Feste aus: Doktorschmäuse,
Geburtstagsessen und auch sonstige Gesellschaften ohne besondere
Veranlassungen. Da ist Wilhelm Rink, D. Eisleben (Agricola), Alexander
Drachstett und Wolf Heinzen zu Besuch im Schwarzen Kloster; und weil der
Pfarrer Michael Stiefel in Lochau seltener dahin kommt, soll auch er
erscheinen und teilnehmen an den fröhlichen Tagen. Da wird einer der
Freunde oder gar zwei: Röhrer oder Jak. Schenk, Hier. Heller, Nikolaus
Medler, „der Markgräfin Kaplan“ (d.i. der Hofprediger der Kurfürstin
Elisabeth von Brandenburg) zum Doktor promoviert und Herr Käthe brät und
braut für den üblichen Schmaus. Da giebt sie ihrem eignen Doktor am 19.
Oktober ein festliches Abendmahl zum Jahrestage seines Doktorats. Am 10.
Martini wird mit dem Heiligen Martin auch der Geburtstag ihres D.
Martinus und später noch ihres Martinleins festlich begangen[355]. Der
zehnte Jahrestag des Thesenanschlags („der niedergetretenen Ablässe“),
der Allerheiligentag 1527, wird mit einem Fest begangen. Auch um ihn zu
trösten über den Tod des lieben Freundes Hausmann, der Luther ungemein
nahe ging, lud Frau Käthe einen Kreis von Freunden ein: Jonas,
Melanchthon, Camerarius, Cokritz. Die Kindtaufschmäuse für ihre
Neugebornen mußte die Wöchnerin wenigstens einige Zeit vorher
vorbereiten und von ihrem Bette aus überwachen. Doch auch ohne besondere
festliche Veranlassung erschienen zu kleinerem Beisammensein am
geselligen Tisch die guten Freunde und Amtsgenossen: Jonas, Melanchthon,
Bugenhagen, so oft ein Stück Wildbret oder eine Sendung Fische ins Haus
geschickt wird, oder eine Kufe Bier, oder ein Faß Wein — manchmal mit
der ausdrücklichen Bestimmung, „Herr Philipp, D. Pommer und andere gute
Freunde sollten es mit dem Doktor gesund verbrauchen.“ Dann darf Frau
Käthe die Speisen bereiten und auftischen[356]. Manchmal muß sie auch
bei Hof um Wild zum Festbraten bitten lassen, wenn sonst keines zu
bekommen ist; oder sie bestellt bei einem guten Freunde „für einen
Thaler Vögel, Gefieder, Geflügel und was im Reich der Luft fleugt,
ferner was er an Hasen und anderen Leckerbissen kaufen oder umsonst
erjagen kann.“ Oder Frau Käthe mußte ihre eigenen Fischteichlein
ausräumen, wo neben Hechten und Karpfen, Schmerlen und Barsche, ja
sogar Forellen schwammen. Denn nicht immer kamen die Geschenke so
reichlich wie einmal vom Kurfürsten „ein Fuder Supstitzer, ein halb
Fuder Goreberger, vier Eimer Jenischen Weins, dazu ein Schock Karpfen
und ein Zentner Hechte, schöne Fische“ — war auf einmal zu viel, selbst
für eine zahlreiche Gesellschaft[357].
Da sind Durchreisende und Besuche vom Fürsten bis zum fahrenden Schüler,
fremde Gesandte und stellenlose Magister, arme Witwen und vertriebene
Pfarrer, Engländer und Franzosen, Böhmen und Ungarn, sogar einmal ein
„Mohr“: sie sitzen zu Gaste einen Tag, auch eine Woche und ein Jahr an
Käthes großem Tisch. Als Hartmut von Cronbergs verwitwete Schwester von
einem Juden entführt nach Wittenberg kam und heimlich sich da aufhielt,
entschuldigt sich Luther mit seinen bösen Erfahrungen an vornehmen und
geistlichen Schwindlerinnen, daß er sich ihrer nicht an-, d.h. sie nicht
ins Haus genommen; bei ihrem Kinde stand er aber nachher Gevatter[358].
Da kamen Schwester und Bruder, Schwager und „Freunde“ von Mansfeld. Oder
die Straßburger Theologen speisten im Schwarzen Kloster. So machte der
feine Straßburger Capito, der samt Butzer zur „Concordia“ in Wittenberg
verhandelte, einen gar guten Eindruck auf Frau Käthe, und es war ihr ein
großes Unglück, daß der goldene Ring, den er ihr verehrte und den sie
als Sinnbild der Vereinigung der sächsischen und oberländischen Kirche
betrachtete, ihr durch ein Mißgeschick abhanden kam [359].
Sogar dem Kurfürsten mußte Frau Käthe hinter dem Wall eine Collation
auftischen (8.-14. März 1534). Später waren noch allerlei andere Fürsten
wenigstens vorübergehend Tischgenossen Käthes, so der junge sächsische
Johann Ernst und der Herzog Franz von Lüneburg[360].
Ständige Tischgesellen waren die im Schwarzen Kloster wohnenden
Präzeptoren, Famuli und Scholaren.
Einer der ältesten und ersten dieser Tischgenossen im Luther hause ist
Konrad _Cordatus_.
Er war sieben Jahre vor Luther von husitischen Bauern im
österreichischen Weißenkirchen geboren, studierte Theologie in Wien,
lebte einige Jahre in Rom; erhielt 1510 eine sehr gute Anstellung in
Ofen, schloß sich sofort 1517 der Reformation an, wurde abgesetzt, ging
1524 mittellos nach Wittenberg und studierte unter Luther, der sich
seiner annahm, kehrte heim und predigte das Evangelium, wird 38 Wochen
lang gefangen gehalten im tiefen Turm, in Finsternis bei „Nattern und
Schlangen“, entkommt durch einen mitleidigen Wächter und flüchtet zu
seinem kongenialen Lehrer D. Luther. Dort lebte er einige Zeit in dessen
jungem Haushalt 1526, und wieder stellenlos auf Einladung Luthers von
1528-29, nach zweijährigem Pfarramt in Zwickau 1531-32 wieder fast ein
Jahr, bis er Pfarrer in Niemegk nahe bei Wittenberg wurde. Er ist einer
der besten Prediger der Reformationszeit. Er war eine trotzige Natur,
wie Luther; nur noch viel hitziger, schroffer und wenig verträglich. Er
konnte sich auch in Frau Käthes Art nicht sonderlich schicken und machte
Luther Vorwürfe, daß er sich von seiner Gattin bestimmen lasse. Dafür
macht er in seinen Tischreden einigemale eine bissige Bemerkung über die
Doktorin, als wäre sie herrschsüchtig und hoffärtig und berichtet
überhaupt mit einer gewissen Herbigkeit über sie. Als Luther ihn und
seinen Freund Hausmann nicht so mit Geld unterstützen kann, wie er's
möchte, meint Cordatus, Luther hätte seiner Frau nicht erlauben sollen,
einen Garten anzukaufen. Auch vertrug er schwer, daß sie beständig
Luthers „beste Reden unterbrach“, weil er mit großem Eifer alle Worte
Luthers nachschrieb[361].
Am Dreikönigstag 1528 kam desgleichen aus Oesterreich vertrieben Luthers
alter Freund Michael _Stiefel_ an, welcher von 1525 an bei der edeln
Familie Jörger von Tollet Kaplan gewesen, „ein frommer, sittiger und
fleißiger Mensch“. Er kannte Frau Käthe schon vor ihrer Vermählung und
war bei seiner Abreise von Wittenberg am 3. Juni 1525 wahrscheinlich
schon in Luthers Absicht, zu heiraten, eingeweiht. Von Oesterreich aus
hatte er einen gar liebenswürdigen Brief an Frau Katharina geschrieben
und sie erwiderte seine Grüße. Bis zu Michaelis 1528 blieb Stiefel in
Luthers Haus, fühlte sich aber durch diese Inanspruchnahme seiner
Gastfreundschaft bedrückt. Er übernahm darum die Pfarrei und Pfarrwitwe
von Lochau mit zwei Kindern. Das Luthersche Ehepaar besorgte seinen
Umzug. Der Verkehr mit dem Lochauer Pfarrhaus hielt an. Luther schreibt
und erhält viele Briefe und auch Käthe bekommt eine freundliche Epistel
vom Pfarrherrn; die Pfarrerin schickt dem Doktor ein Geschenk. Bald wird
Stiefel eingeladen zu einer guten Gesellschaft im Schwarzen Kloster,
bald sagt sich Luther mit seiner ganzen Knabenschaar zum Kirschenbrechen
in Lochau an. Schließlich verfiel Stiefel zum Verdrusse Luthers aufs
Grübeln nach dem Jüngsten Tag. Die Bevölkerung der ganzen Gegend bis
nach Schlesien hinein strömte dem Propheten zu und erwartete mit ihm am
19. Oktober 1533, 8 Uhr nachmittags, das Ende der Welt. Als dies nicht
eintraf, wurde der falsche Prophet vom Landesherrn verhaftet und so für
den Unrat, den er angerichtet, gestraft, aber auch gegen die aufgeregten
Leute geschützt und nach Wittenberg gebracht, wo er seinen Irrtum
bereute[362].
Gleichfalls ein Oesterreicher, _Kummer_ (Kommer), kam 1529 nach
Wittenberg. Auch er hatte, wegen des Evangeliums verfolgt, in
Weiberkleidern fliehen müssen, und nahm natürlich seine Zuflucht zu
Luther. Dessen Haus- und Tischgenosse scheint er ebenfalls gewesen zu
sein. Kummer war ein Freund und Studiengenosse Lauterbachs[363].
Im selben Jahre 1529 kam dieser Anton _Lauterbach_, geboren 1500 als
Sohn des Bürgermeisters zu Stolpe, nach Wittenberg, wo er Magister wurde
und mindestens schon 1531 Luthers Hausgenosse und Tischgänger war und
Diakonus der Pfarrgemeinde wurde. Ein hochaufgeschossener Mensch, im
Gegensatz zu seinem Genossen Cordatus ein gutmütiger Geselle. Dienstag,
28. Januar 1533, diente er zu Tisch beim Kindtaufschmaus für den kleinen
Paul. Er verheiratete sich in diesem Jahre mit einer Nonne Auguste,
wobei natürlich Frau Käthe wieder die Hochzeit herzurichten hatte. Dann
wurde er Diakonus in Leisnig, 1537-39 kam er wieder als Diakonus in die
Universitätsstadt. Als darauf das Herzogtum Sachsen reformiert werden
sollte, wurde er als Superintendent nach Pirna berufen, wollte aber „das
heilige Wittenberg“ nicht verlassen. Doch gab er den Mahnungen Luthers
und der andern Väter nach, seinem Vaterlande zu dienen und das
beschwerliche Amt zu übernehmen. Am Mittwoch, 25. Juli 1539 erschienen
in Wittenberg die Pirnaer Ratsherren mit zwei Wagen und holten ihren
ersten evangelischen Pfarrherrn ab. Unter Thränen nahm er Abschied von
Luthers Familie. Am folgenden Freitag, Jacobi, kam er, feierlich mit
Willkommtrunk empfangen, in Pirna an, und es wurde mit der Reformation
„der Anfang deutsch und gut lutherisch zu taufen gemacht an Drillingen“.
Aber aus der weiten Ferne blieb Lauterbach in lebhaftem und freundlichem
Verkehr mit Luther und Frau Käthe, der er gar mancherlei Besorgungen
machte[364].
Ohne Amt, aber auf eines wartend, zog im November 1531 der Oberpfälzer
Joh. _Schlaginhaufen_ — der lateinisch Turbicida oder gar griechisch
Ochloplectes genannt wurde — ins Schwarze Kloster nach Wittenberg, wo er
ein Jahrzehnt zuvor studiert hatte. Er war zum Trübsinn geneigt und
quälte sich mit dem Zweifel, ob er auch zur Zahl der Auserwählten
gehöre; und Luther muß den Schwermütigen oft aufheitern, wenn er
trübselig und teilnahmslos unter den Gästen und Tischgenossen dasitzt.
Trotzdem oder gerade deswegen steht er bei Frau Käthe hoch in Gunst, und
als ihr Gatte während der Rektoratswahl am 1. Mai 1532 einen
Ohnmachtsanfall bekommt, schickt sie zuerst nach Schlaginhaufen in die
Festversammlung und dann erst läßt sie Melanchthon und Jonas rufen.
„Meister Hans“ war willig zu jedem Dienst, nahm sich des Gartens und
besonders des Bienenstandes der Frau Käthe an, und wurde später als
Pfarrer im nahen Zahna und dann in Köthen ein tüchtiger
Bienenvater[365].
Seit 1527 war im Schwarzen Kloster als Hausgenosse der gesetzte, ernste
30jährige _Hieronymus Weller_ aus Freiberg. Als Luther auf der Koburg
saß, war er der Hauslehrer des jungen Hans. Sein Bruder Peter, ein
junger Magister und juristischer Student, welcher ebenfalls später
unterrichtete, zog 1530 auch in das Kloster; beide als männliche
„Schirmer“ der von Luther und seinem Famulus Veit Dietrich verwaisten
Familie. Die Brüder waren sehr musikalisch; ein dritter, namens
Matthias, sogar in seiner Vaterstadt am Dom Organist und Tonsetzer.
Peter und Hieronymus erfreuten also die Familie durch ihren hübschen
Gesang. Aber es war gut, daß der heitere Bruder Peter noch ins Kloster
kam, denn der hochbegabte Hieronymus war — wie Matthias — zur Schwermut
geneigt. Und die vielbesorgte Hausfrau wird zugeredet haben, daß der
Trübsinnige lieber eine Stelle in Dresden annehmen solle; aber er blieb
bis 1535 und war so acht Jahre in ihrem Haus. Daher kam es, daß auch die
beiden andern Weller gar oft als Gäste im Kloster weilten. So waren am
24. September 1533 die zwei oder gar drei Weller da und sangen mit
Luther. Ebenso 1534. Im folgenden Jahr wurde Hieronymus Doktor der
Theologie und den Doktorschmaus für acht Tische mußte Frau Käthe
ausrichten Mit dem Juristen Peter biß sich Luther weidlich herum[366].
Um diese Zeit gehörte auch ein adeliger Böhme, _Hennick_, ein Waldenser,
zu den Tischgenossen, der später mit Peter Weller zum heiligen Lande
zog, wo beide gestorben und begraben sind[367].
Als fremdländischer Haus- und Tischgenosse lebte im Lutherhause auch der
„schwarze Engeleser“ Dr. theol. Antonius (Robert _Barns_), dem Luther im
Scherz seine Käthe zum deutschen Sprachmeister geben wollte und der auch
Gast bei den häufigen Hochzeiten im Schwarzen Kloster war. Er war 1529
seines Glaubens wegen aus der Heimat geflohen, dann von Heinrich VIII.
als Unterhändler seiner neuen Ehe und „Religion“ gebraucht, aber dann
doch bei seiner Rückkehr mit zwei Gefährten „von König Heinz wegen
seines evangelischen Glaubens auf das Schmidfeld hinausgeführt und
verbrannt worden“. Von dem Märtyrertum „unseres guten Tischgesellen und
Hausgenossen“ gab Luther dann eine Schrift heraus[368].
Käthes Tischgenosse war ferner der Ungar Matthias v. Vai, ein mutiger
Mann, dem es daheim besser erging als Robert Barns. Denn als er mit
seinen papistischem Amtsgenossen in Streit geriet, verklagte ihn dieser
bei des Woiwoden Bruder, dem Mönch Georg, damals Statthalter in Ofen.
Dieser wollte bald erfahren, wer recht habe, setzte zwei Tonnen Pulver
auf den Markt und sagte: „Wer seine Lehre für göttlich erkennt, setze
sich Drauf — ich zünde es an, wer lebendig bleibt, dess' Lehre ist
recht.“ Da sprang Vai flugs auf die Tonne, der Priester aber folgte
nicht und Georg strafte den Priester mit seinem Anhang um 4000 Gulden,
dem Vai aber erlaubte er, öffentlich zu predigen. Diese rettende,
mutige That erzählte Luther mit Freude seinen Tischgenossen[369].
Lange Zeit (1529-1534) lebte auch M. Veit Dietrich im Lutherhause. Er
war ein Nürnberger (geb. 1506), der nach Wittenberg gekommen war, um
Medizin zu studieren, aber wie manche andere von Luther für die
Theologie gewonnen wurde (1527) und ihm bald als vertrauter Famulus an
die Hand ging. Er begleitete Luther auf die Koburg. Dietrich hatte seine
eignen Zöglinge; von der Koburg sandte er ihnen „Argumente“, die sie
auswendig lernen sollten, während Luther dieselben durch seinen Brief
vom Dohlen-Reichstag erfreute. Als Luther vom Reichstag zurückgekehrt
war, schrieb er dem in Nürnberg zurückgebliebenen Dietrich von dem Stand
der Dinge in Wittenberg, auch Grüße von der ganzen Tischgenossenschaft
und Frau Käthe, welche zugleich auszurichten befahl, „Dietrich solle
nicht glauben, daß sie ihm erzürnt sei“. Dietrich kam nämlich nicht
recht mit Frau Käthe aus. Er meinte von sich selbst, daß er zwar keine
krausen Haare habe, aber einen krausen Sinn. Daher riet ihm Luther, ein
Weib zu nehmen, da werde ihm das schon vergehen. Das wollte Dietrich
auch. Aber bis er dazu kam, rieb er sich einstweilen, wie es scheint, an
Frau Käthe. Als sie ihm gar die Liebschaft mit Muhme Lene untersagte,
zog er im Herbst 1534 mit seinen sechs Scholaren aus dem Hause und
verbreitete die Rede, die Doktorin sei gegen seine Zöglinge hochmütig
und berechnet gewesen. Für die Hauswirtin mit ihren eignen fünf kleinen
Kindern und dem schweren Haushalt war dieser Wegzug wahrlich eine
Erleichterung[370].
Es gab nun natürlich zwischen Dietrich und dem Lutherischen Hause eine
Spannung. Diese aber ging vorüber. Als Dietrich im folgenden Jahre in
seine Vaterstadt Nürnberg berufen wurde und heiratete, schrieb ihm nicht
nur Luther einen freundlichen Brief, sondern auch Käthe sandte ihm Grüße
und Glückwünsche zum Ehestand und Amt. Der Briefwechsel dauerte fort bis
zu beider Männer Tod und auch Käthes Grüße blieben nicht aus[371].
Ein Landsmann von Veit Dietrich, _Hieronymus Besold_, kam einige Jahre
nach dessen Weggang ins Lutherhaus. Er war durch jenen gegen die
Hauswirtin eingenommen, so daß er sich anfangs vor ihr als einer
herrischen und habsüchtigen Frau fürchtete. Aber — er kam doch an ihren
Tisch und blieb da und verlor seine schlechte Meinung von ihr, wenn er
auch von Frau Käthe mit Bestellungen in Nürnberg in Anspruch genommen
wurde und dann einmal nicht wagte, sie an seine Auslagen zu
erinnern[372].
Um diese Zeit (1537-1542) war auch M. Johann (Sachse aus) _Holstein_ im
Klosterhaus Tischgenosse, auf dessen rotes Haar der „Schandpoetaster“
Simon Lemnius (1538) seine wohlfeilen Witze machte. Er war eines
„ehrbaren, frommen Gemüts und stillen Wesens, dazu ein feiner Magister“.
Er hatte 17 Jahre studiert und war über zehn Jahre lang Magister
(Privatdozent) gewesen, gab im Lateinischen, Griechischen und
Hebräischen keinem etwas nach. Trotzdem konnte er nicht als ordentlicher
Professor ankommen, so daß sich Luther bei dem Senior der
„Artistenfakultät“, M. Melanchthon, erkundigen wollte, was für ein Groll
und Neidhart dahinter stecke. Auch Frau Käthe nahm sich seiner an und
legte ein gutes Wort bei Meister Philipp ein, das aber eine böse Statt
fand. So mußte sich Holstein weiter mit Knaben ernähren und wurde
schließlich Jurist[373].
1539 lebte bei Luther wieder ein „Oestreicher“ als Kostgänger, Huttens
Freund Wolfgang Angst oder _Schiefer_ (Severus), gebürtig aus dem
österreichischen Elsaß zu Kaisersberg bei Kolmar. Er war zuvor
Hofmeister der Söhne des Königs Ferdinand, später Kaiser Ferdinand I.,
Bruder Karls V. gewesen, mußte aber seines Luthertums wegen flüchten und
nahm nach Wittenberg seine Zuflucht. Er war ein sehr feiner Mann, noch
unbeweibt; Luther empfahl ihn dem Kurfürsten zum Hofmeister und hoffte,
er solle ihm „sehr wohl gefallen“. Aber es wurde nichts daraus, und so
lebte Schiefer als ein lieber Freund Luthers ins folgende Jahr im Haus.
Schiefer beteiligt sich gar oft an den Tischgesprächen, ihm soll Frau
Käthe auch von Luther aus Weimar allerlei über „seinen König Ferdinand“
ausrichten[374].
Ein ebenso gesetzter Mann kam um diese Zeit als Gast ins Lutherhaus nach
Wittenberg, _Matthesius_, der 36jährige Schulmeister von Joachimsthal,
der noch Theologie studieren wollte, um daheim das Pfarramt zu
übernehmen. Von 1540-42 war er Genosse an Käthes Kosttisch. Er redet
mit großer Verehrung von ihr[375].
Und endlich kam noch _Goldschmidt_ (Aurifaber) ins Haus, ein Mansfelder.
Er studierte von 1537-40 Theologie; wurde dann Hofmeister des jungen
Grafen Mansfeld, und darauf Feldprediger, kam aber 1545 nochmals nach
Wittenberg und war die ganze Zeit bis zu Luthers Tod um ihn.
Gleichzeitig war _Rutfeld_ da als Famulus und Präzeptor für Luthers
Knaben[376].
In dieser letzten Lebenszeit Luthers saß wieder ein Oesterreicher an
Käthes Tisch, Ferdinand _a Mangis_, ferner ein M. _Plato_ und andere
Kostgänger[377].
Das war Luthers oder vielmehr Frau Käthes „Tischburse“, an welcher
teilzunehmen alle, auch die Aeltesten, Geehrtesten und Gelehrtesten für
ein hohes Glück und große Auszeichnung ansahen. Und wenn es gar einen
Rundtrank gab aus dem Glase der heiligen Elisabeth von Thüringen, das
Luther besaß, so galt das als eine besonders feierliche Stunde[378].
Außer diesen erwachsenen und zum Teil sogar in sehr gesetztem Alter
stehenden Kostgängern gehörten zur „Tischburse“ Luthers noch die
zahlreichen fremden Kinder, die als Pensionäre gegen und ohne Entgelt im
Schwarzen Kloster lebten. Käthe setzte eine bestimmte Zahl von solchen
Kostgängern fest, über die sie mit Recht nicht hinausgehen wollte. Als
daher der Kanzler Müller zu Mansfeld im Januar 1536 anfragte wegen
Uebernahme eines gewissen Kegel an Käthes Kosttisch, mußte ihm der
Hausherr schreiben: „Den Kegel hätte ich wohl gerne zum Kostgänger haben
mögen aus allerlei Ursachen, aber weil die Purse (Burse) wiederkummt von
Jena (wohin die Studenten wegen der Pest gezogen), so ist der Tisch voll
und ich kann die alten Compane nicht also verstoßen. Wo aber eine Stätt
los (ein Platz leer) würde (was nach Ostern geschehen mag), so will ich
meinen Willen Euch gern darthun, _wo anders Herr Käthe alsdann mir
gnädig_ sein wird.“[379]
Also Frau Käthe bestimmte über den Kosttisch. Und das war auch sonst gut
so. Denn der gutmütige Doktor nahm jeden armen Schelm auf, der sonst
nicht unterkam oder sorgte für ihn durch Stipendien, so daß aus aller
Herren Länder und aus allen Städten, sogar aus „Mohrenland“ Schüler und
Studenten nach Wittenberg strömten „und wir allhie gar sehr überladen
sind und mehr denn unsre Armut vermag von vielen verjagten und sonst
guten Leuten, so gern studieren wollen, besucht werden um Hülfe“. So
mußte z.B. 1533 die Frau Doktorin ihren Mann drängen, an die Stadträte
von Rothenburg an der Tauber zu schreiben, daß sie sich eines ihrer
Stadtkinder annähmen, eines Georg Schnell, der „arm war und nichts
hatte“ als einen guten Kopf und ein frommes Gemüt, und täglicher Haus-
und Tischgenoß im Schwarzen Kloster war[380]. Einen andern kleinen
Knaben, der ihnen 1541 vom reichen England durch einen Nürnberger
Geistlichen aufgehalst war, mußte man nach Nürnberg ins Findlingshaus
(Waisenhaus) abschieben. Luther mußte sich auf Käthes Vorstellungen an
den „ehrbaren und fürsichtigen“ Ratsherrn Hieron. Baumgärtner wenden,
ihrer beiden „lieben Herrn und guten Freund“. „Auf gut Vertrauen, so ich
zu Euch habe, schicke ich hie einen Knaben, der mir aus England ist
schalkhaft aufgelogen. Nu ihr aber wisset, was für eine Bettelstadt
unsre Stadt ist, dazu der Bube noch wohl bedarf einer Magd, die sein
warte mit Waschen und Lausen usw., mein Zins (Einkommen) aber nicht
vermöge, ist meine ganz freundliche Bitte, wollet bei den Herren in
Nürnberg guter Fugge sein, daß er ins Fündli-Haus möchte versetzt
werden. Wir sind sonst ohnedas, und ich sonderlich, hier gar hoch genug
beschwert und über Vermögen beladen. Gott behüte mich, daß ich nicht
mehr so betrogen werde.“[381] Aber auch die andern nicht gerade armen
Kostgänger ließen es an pünktlicher Bezahlung fehlen und empfanden es
als Härte von Käthe der Hausfrau, wenn sie „auf richtige Bezahlung
drang“, während sie von Luther her anders gewohnt und verwöhnt
waren[382].
Gelegenheit, die jungen Leute nicht nur zu beköstigen, sondern auch in
Krankheit zu pflegen, hatte natürlich Frau Käthe auch genug. Ein junger
Adeliger, Sohn eines der vielen Lutherischen Gevattersleute, war 1534 im
Haus und hielt sich fein. Er machte die Masern durch und wurde von Käthe
„fleißig gewartet“ nach Dr. Augustins (Schurff) Rat, des Hausarztes und
Nachbarn. Er wurde gesund. Aber manche diese Krankheiten führten auch
zum Tode und das mußte den Pflegeeltern, insbesondere der Frau Käthe zu
schwerer Sorge werden[383].
Wie Frau Käthe bei den Mahlzeiten die leibliche Kost bereitete, so gab
der gesprächige, unterhaltsame Doktor die geistige Kost, die
„Tischwürze“.
Luther war von Natur „ein gar fröhlicher Gesell“, ja voll
übersprudelndem Humor, wenn er sich wohl fühlte, aber auch, wenn er
Uebles erfahren hatte: Aerger und Verdruß, dem zum Trotz. In seiner
Beichte vor seinem ersten Krankheitsanfall (1527) sagte er zu
Bugenhagen: „Viele denken, weil ich mich unterweilen in meinem äußern
Wandel fröhlich stelle, ich gehe auf lauter Rosen; aber Gott weiß, wie
es um mich stehet meines Lebens halber. Ich habe mir oft vorgenommen,
ich wollte der Welt zu Dienst mich etwas ernstlicher und heiliger (weiß
nicht, wie ich's nennen soll) stellen; aber Gott hat mir solches zu thun
nicht gegeben.“ Und Bugenhagen bezeugte dabei: „Thut er ihm unterweilen
über Tisch mit Fröhlichsein zu viel, so hat er selbst keinen Gefallen
daran und kann solches keinem gottseligen Menschen übel gefallen, viel
weniger ihn ärgern, denn er ist ein leutseliger Mensch und aller
Gleisnerei und Heuchelei feind.“[384]
Luther redete gut und gern und viel. Er liebte besonders Sprüche,
sinnreiche Reden und hübsche Reime, Sprichwörter und Anekdoten. Deren
wußte er sehr viel und die brachte er am Tisch wie auf der Kanzel vor.
Ueber und nach Tische wurde zwischen den Reden auch gesungen, und wer
eine gute Stimme hatte, auch Gäste, mußten mitthun; Luther, der ein
guter „Lautenist“ war, begleitete den Gesang[385].
So entstanden die berühmten Tischgespräche, die sich um die tiefsten und
höchsten, die größten und kleinsten Dinge, göttliche und menschliche,
himmlische und irdische drehten, bald im erbaulichsten Ernst, bald im
lustigsten Scherz, jetzt sinnig zart, dann in derber Natürlichkeit —
obwohl der erste und Hauptherausgeber der Tischreden, der ehemalige
Feldprediger Aurifaber, später Pfarrer in Erfurt, die derben mit
behaglicher Breite ausmalt, vergröbert und aus dem nicht ganz sauberen
Schatz seiner soldatischen Erinnerungen und Ausdrucksweisen
ergänzt[386].
Diese Tischreden wurden nämlich von Luthers Jüngern auf- und
nachgeschrieben, wie Jesu und Sokrates' Aussprüche und Gespräche; zuerst
nach dem Gedächtnis, später nach gleichzeitigen Aufzeichnungen.
_Cordatus_ war der erste, der es wagte, hinter dem Tisch sitzend oder
davorstehend, die geistvollen Reden des Meisters — auch, wie ihm
Melanchthon warnend bedeutete, manches weniger zur Verewigung geeignete
Wort — in sein Notizbuch einzutragen. Andre Tischgenossen und Gäste wie
_H. Weller_, _Veit Dietrich_, _Lauterbach_, _Besold_, _Schlaginhaufen_,
_Matthesius_, _Ferdinand a Mangis_, _Goldschmidt_ folgten seinem
Beispiel nach. Auch der Diakonus _Röhrer_, der berühmte Schnellschreiber
und Notarius (Protokollführer) der Evangelischen auf den Reichstagen und
Religionsgesprächen, verzeichnete „viel Köstliches“. Und so sind unter
der zahllosen Menge von Lutherreden (3000) auch einzelne authentische
Worte der Doktorin überliefert[387].
Wie es bei diesen Tischgesprächen zuging, das erzählt uns Matthesius.
Bescheiden und sittsam saßen die Leute da und sahen auf „Seine Würden,
den Herrn Doktor“. „Wenn er uns nun Rede abgewinnen wollte, fing er an:
„Was hört man Neues?“ Diese erste Vermahnung ließen wir gehen. Wenn er
aber wieder anhob: „Ihr Prälaten, was Neues?“ da fingen die Alten an zu
reden. D. Wolf Severus, so der Römischen Königlichen Majestät Präzeptor
gewesen, saß oben an, der brachte, wo niemand Fremdes vorhanden, als
gewandter Hofmann was auf die Bahn. Wenn so das Gedöber anging, doch mit
gebürlichem Anstand, so schossen die andern auch ihren Teil dazu“[388].
Alle möglichen Dinge und Vorkommnisse gaben den Anlaß zu kürzeren oder
längeren Reden, bald die Tagesneuigkeiten, bald ein Gast, jetzt die
Kinder mit ihrem Spiele oder Unarten und dann Peter Wellers Hund, der so
andächtig morgens zum Essen war wie kein Beter. Alles mußte zum
Anknüpfungspunkt oder zum Sinnbild für höhere Wahrheiten dienen. Und
nicht selten gab Frau Käthe durch eine Rede oder durch ihre bloße
Anwesenheit die Veranlassung zu sinnigen Bemerkungen[389].
Die Tischreden wurden meist lateinisch gehalten, wie die Briefe Luthers
mit allen „gelehrten“, d.h. akademisch gebildeten, Männern lateinisch
geschrieben wurden. Bei alltäglichen Dingen, wo der deutsche Ausdruck
geläufiger war, ging es vom Latein ins Deutsche bunt durch einander.
Wenn ungelehrte Freunde oder Freundinnen zugegen waren, oder Frau und
Kinder der Unterhaltung folgen sollten, wurde deutsch gesprochen; doch
liefen auch da lateinische Brocken unter. Am treuesten ist dieser
Wechsel vom Latein und Deutsch bewahrt in Lauterbachs Tagebuch.
So viel verstanden aber auch die weiblichen Hausgenossen, teils vom
Kloster her, teils aus dem steten Hören von Lateinisch, daß sie sich
drein mischen konnten, oft sogar selbst vielleicht mit lateinischen
Phrasen. So Muhme Lene, welche auf die Frage, ob sie wieder ins Kloster
wolle, mit Non, Non! antwortete. Besonders aber die Doctorissa, wie sie
bei den jungen Leuten respektvoll genannt und geschrieben wurde[390].
So redete Luther einmal von der elterlichen Liebe: „Lieber Gott, wie
wird sich ein Herzpochen erhoben haben, da Abraham seinen einigen und
allerliebsten Sohn Isaak hat sollen töten! Es wird ihm der Gang auf den
Berg Moria sauer angekommen sein. Er wird der Sarah nichts davon gesagt
haben.“ Da fing seine Hausfrau an und sagte: „Ich kann's in meinen Kopf
nicht bringen, daß Gott so grausam Ding von jemands begehren sollte,
sein Kind selbst zu erwürgen.“ Luther widerlegte diese verständig
natürliche Einwendung mit dem theologischen Hinweis auf Gott selbst, der
ja seinen eigenen Sohn habe kreuzigen lassen. Aber die Doktorin konnte
sich damit nicht ganz überzeugen lassen[391].
Frau Käthe wußte auch Sagen. So erzählte sie von einem Wasserweib, das
in der Mulde im Wasser in einem Loche wie in einer schönen Stube
gesessen und hätte ihr das Wasser nichts geschadet; zu der sei eine
Wehemutter von einem „Geist“ geführt worden, um ihr beizustehen[392].
Ein andermal wurde bei Tisch erzählt, daß einer in der Stadt die Ehe
gebrochen. Da entsetzte sich Frau Käthe und fragte den Herrn Doktor:
„Lieber Herr, wie können die Leute nur so böse sein und sich mit solchen
Sünden beflecken?!“ Da antwortete er: „Ja, liebe Käthe, die Leute beten
nicht; so ist dann der Teufel bei der Hand.“[393]
Einmal fing der Doktor mit seiner Käthe eine Disputation an über ihre
Heiligkeit. Sie erwies sich da als eine tüchtige, in lutherischen
Gedankengängen geübte Theologin, wurde natürlich aber von dem
Sieggewaltigen doch widerlegt und überwunden. Er fragte sie, ob sie
glaube, daß sie heilig wäre? Sie dachte lange nach, dann erwiderte sie:
„Wie kann ich heilig sein, da ich eine so große Sünderin bin! So sehr
hat der Papst unser ganzes Wesen verdorben, seine Lehre hat unser
Innerstes so durchsetzt, daß wir auch mit willigem Ohr Christus nicht
als unsern Erlöser, als unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit erkennen und
wunderbarer Weise glauben, getauft, ja Christen zu sein und doch nicht
glauben, heilig zu sein. Denn in der Taufe wird unsre Sünde verbannt und
uns Christi Gerechtigkeit geschenkt und wir glauben doch nicht, heilig
geworden zu sein. Soweit wir Menschen, sind wir Sünder, aber weil wir
getauft sind und glauben, so sind wir heilig durch Christum.“
Luther entgegnete: „Ja, der ganze Christ ist heilig; denn wenn der
Teufel den Sünder wegführt, wo bleibt der Christ? Daher ist die
Unterscheidung meiner Gattin nicht gültig. Denn wer durch festen Glauben
an seiner Taufe hängt, der ist ganz heilig (wie David sich heilig
nennt). Die Papisten, welche den Artikel von der Sündenvergebung nicht
verstehen, können diese Heiligkeit nicht glauben noch einsehen, ärgern
sich nur, wenn sie solches von uns hören.“[394]
Die Ritter vom Geiste waren zu jener Zeit ganz besonders kampfesfreudig
und die Fehden des Wortes wollten kein Ende nehmen. Insbesondere aber
waren an Luthers Tische die wissenshungrigen Magister auf diese
interessanten Privatissima erpicht und vor allem suchten die
Tagebuchschreiber, die auf jedes Wort vom Munde des Geistgewaltigen
lauerten, um es gedruckt in die Welt zu senden, diese Gespräche zu
verlängern. Natürlich hatte Frau Käthe viel weniger Freude an diesen
theologischen Turnieren; ihr lebhafter Geist, wie derjenige von Jonas,
mochte langen Erörterungen nicht folgen. Sie unterbrach daher gar oft
die gelehrten Gespräche, indem sie den geistlichen Fechtern ganz
gewöhnliche Knüppel zwischen die Schwerter warf, vor allem ihrem
Gatten, der nicht leicht aufhören konnte, wenn er einmal im Zuge
war[395].
Wenn des Redens bei Tisch zu viel wurde und dabei die Speisen kalt und
warm der Trank, da brach Frau Käthe mit einer Strafpredigt los über den
Text: „Was ist denn, daß ihr ohne Unterbrechung redet und nicht eßt?“
Ueber diese Störung war der Tischredenschreiber Cordatus entrüstet, er
hatte gerade eine gar schöne Auseinandersetzung Luthers über das
Vaterunser, den „Himmelsknecht Gabriel und den Himmelsfuhrmann Raphael“,
die er „aus vollem glühenden Herzen“ that, heimlich aufgeschrieben. Aber
Luther wandte die Sache zum Scherz und sagte: „Wenn nur ihr Frauen,
bevor ihr eine Predigt anfanget, auch beten könntet (d.h. euch sammeln
und besinnen); ein Paternoster solltet ihr zuvor sprechen!“ [396]
Aber auch Frau Käthe stellte in der Rede ihren Mann. Ueber diese
weibliche Wohlredenheit wurde sie öfter aufgezogen von Luther. Er fragte
sie lachend: ob sie predigen wolle und ihrer Predigt so viel Worte
Betens (als Einleitung) vorausschicke? Oder er neckte sie: die Weiber
dürften nicht predigen, weil sie nicht beteten vor der Predigt; oder:
Gott lasse, durch ihr langes Gebet ermüdet, sie gar nicht zum Predigen
kommen. Einst saß ein gelehrter „Engeleser“ (Engländer) am Tische, der
kein Wort Deutsch konnte; da sagte Luther zu ihm: „Ich will Euch meine
Frau zum Lehrer in der deutschen Sprache vorschlagen, die ist gar
beredt. Sie kann's so fertig, daß sie mich weit überwindet.“[397]
Freilich setzte er hinzu: „Die Beredsamkeit ist nicht zu loben an
Frauen; es ziemt sich eher, daß sie bloß lispeln und stammeln. Das steht
ihnen wohl besser an.“ Und vom Unterschied der weiblichen und männlichen
Beredsamkeit sagt er in einem andern Tischgespräch: „Die Weiber sind von
Natur beredt und können die Rethoricam, die Redekunst wohl, welche doch
die Männer mit großem Fleiß lernen und überkommen müssen. Das aber ist
wahr: in häuslichen Sachen, was das Hausregiment, da sind die Weiber
geschickter und beredter; aber im weltlichen, politischen Regiment und
Händeln taugen sie nichts. Dazu sind die Männer geschaffen und geordnet
von Gott und nicht die Weiber. Denn wiewohl sie Worte genug haben, so
fehlet und mangelt's ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen; drum
reden sie davon auch läppisch, unordentlich und wüste über die Maßen.
Daraus erscheint, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann
aber zur Policei (Politik), weltlichem Regiment, zu Kriegen und
Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“[398]
So kam Frau Käthe bei den Gesprächen der Männer wohl weniger zum Wort,
als sie verdient hätte; und noch weniger fand man bemerkenswert, was sie
sagte. Es ist schade, daß die „Tischreden“ so wenig von der Doctorissa
berichten. Aber den Tagebuchschreibern kam es vor allem auf theologische
Erörterungen an — darum ist auch die einzige längere Rede von Käthe, die
sie der Aufzeichnung wert erachtet haben, eine theologische; zum andern
wollten sie des Doktors Reden bringen: die Ergüsse seines übergewaltigen
Geistes schienen ihnen allein der Nachwelt würdig.