Martin Luther.
Ins folgende Jahr (1530), zur Zeit des Augsburger Reichstags, fällt der
lange halbjährige Aufenthalt Luthers auf der Koburg (April bis Oktober).
Er reiste mit dem Kurfürsten Johann und Kanzler Brück und den
Wittenberger Theologen, Melanchthon und Jonas ab und nahm seinen Famulus
Veit Dietrich mit. Käthe konnte ihren Gatten nicht ohne Sorge zum
Reichstag scheiden sehen; denn bei seiner Abreise glaubte man, daß auch
Luther nach Augsburg selbst gehe, also mitten in die Reihe seiner
Feinde. Bald erhielt sie die Nachricht, daß ihr Gatte, eben um seine
Gegner, und namentlich den Kaiser, in dessen Acht er war, nicht zu
reizen, in der südlichsten Stadt des Kurfürstentums bleibe, auf der
Feste Koburg, und zwar einigermaßen in Verborgenheit, ähnlich wie auf
der Wartburg. Er wurde morgens vor Tagesanbruch, samt seinem Famulus
Veit Dietrich, dahin gebracht; er ließ sich da den Bart wachsen und dazu
schickte ihm auch noch ein Freund, Abt Friedrich aus Nürnberg, ein
Schwert. Also mußte Frau Käthe in die „Einöde Gruboc“ allerlei Dinge
schicken, Bücher und Papier für allerlei Schriften, und empfahl ihren
Gemahl der Fürsorge der Kastellanin[282]. Freilich war vortrefflich für
den Einsiedler auf seinem Sinai gesorgt, die erste Frühlingszeit mit
Dohlenschwarm, Kuckuck und Nachtigall stimmte fröhlich; Veit Dietrich
wachte sorgfältig darüber, daß Luther keinen Diätfehler begehe und
veranlaßte ihn gar zum Armbrustschießen auf Fledermäuse. Auch an
Besuchen fehlte es nicht, so daß er schließlich klagte: „Die Wallfahrt
will zu groß werden hierher“[283]. Aber Luther litt bei der ungewohnten
Muße doch wieder an seinem alten Leiden: Fluß am Bein, Kopfweh und
Schwindel, und infolgedessen „Anfechtungen“ des Satans, so daß er sich
schon ein Oertlein für ein Grab aussuchte und meinte, unter dem Kreuz in
der Kapelle werde er wohl liegen. Davon meldete zwar der Doktor an seine
besorgte Ehehälfte kein Wörtlein; er schrieb vielmehr sie neckend: „Sie
wollen (in Augsburg) schlechterdings die Mönche und Nonnen wieder im
Kloster haben“[284]. Aber sie ahnte es doch, oder erfuhr es auf Umwegen
von den Freunden, denen er sein Leiden klagte, oder durch die Boten, die
vorbei kamen. Darum schickte sie ihm nicht nur Lenchens Bild, sondern
auch seinen Neffen Cyriak in Person samt seinem Präzeptor. Boten mit
Briefen und Aufträgen gingen fleißig hin und her: so bestellte Frau
Käthe durch Luther Pomeranzen bei Link in Nürnberg, weil es keine in
Wittenberg gebe, und sie erfuhr zeitig und ausführlich, wie es auf
Koburg und in Augsburg ging, wo der Kaiser sich barsch benahm und
Melanchthon gar ängstlich war. Wenn aber zu Wittenberg Sonntags in der
Kirche für glücklichen Ausgang des Augsburger Reichstages und für die
abwesenden Theologen gebetet wurde, da war Frau Luther wohl von allen
Kirchgängerinnen die andächtigste; und zu Mittags bei Tisch mit ihren
Tischgesellen und Kinderlein und abends im Kämmerlein allein hat sie für
den teuren Mann in der Ferne gefleht, wie er's in jedem Briefe
erbittet[285].
Einige Briefe Luthers von der Koburg an seine Hausfrau sind erhalten; so
kam um Pfingsten einer[286]:
„Gnad und Friede in Christo.
Liebe Käthe! Ich hab, acht ich, Deine Briefe alle empfangen. So ist dies
der vierte Brief, den ich Dir schreibe heut daß Er Johann von hinnen
gegangen ist. Lenchen Konterfeit hab ich mit der Schachtel auch. Ich
kannte das H... zuerst nicht, so schwarz deucht mir's (zu) sein. Ich
halte, wo Du es wilt absetzen von Wöhnen (d.h. entwöhnen), das gut sei
weilinger Weise, also daß Du ihr zuerst eines Tages einmal abbrechest,
darnach des Tages zweimal, bis es also säuberlich abläßt. Also hat mir
Georgen von Grumbachs Mutter, Frau Argula, geraten. Die ist hier bei uns
gewest und hat mit mir gessen. Hans Reinicke von Mansfeld auch und
George Römer, daß wir müssen an einen andern Ort; es will zu gemeiner
Wallfahrt hieher werden.
Sage Meister Christannus[287], daß ich meins Tage schändlichere Brillen
nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe (ist) kommen. Ich konnt
nicht ein Stich dadurch sehen. So ist mir auch der Brief an Kunzen Vater
nicht geworden. Auch bin ich nicht zu Koburg, (d.h. ich will nicht da zu
finden sein); kann ich aber sonst dazu thun, will ich's nicht lassen. Du
sollst aber gleichwohl Deine Briefe dem Kastner, (Schloßverwalter)
[646], lassen zustellen; der wird sie mir wohl schaffen.
Man beginnt zu Nürnberg und Augsburg zu zweifeln, ob etwas aus dem
Reichstag werde. Der Kaiser verzeucht noch immer in Inspruck. Die
Pfaffen haben etwas vor und gehet mit Kräutern zu. Gott gebe, daß sie
der Teufel besch.... Amen.
Laß den Herrn Doctor Pommer den Brief an D. Wencels lesen.
Eilend. Der Bote wollt nicht harren. Grüße, küsse, herze und sei
freundlich allen, jeden nach seinem Stande.
Am Pfingsttag frühe, 1530.
Martin Luther.