10. Kapitel

Häusliche Leiden und Freuden.

Es war ein schwerer Haushalt, den Frau Käthe zu führen hatte, wenn man

auch nur der wirtschaftlichen Sorgen in Haus und Hof, in Küche

und Keller, im Garten und auf dem Felde gedenkt. Aber noch

bewunderungswürdiger wird ihre Leistungsfähigkeit, wenn man alle die

Menschen in Betracht zieht, die als Kinder und Gesinde, als Tisch- und

Hausgenossen täglich und stündlich Anspruch an ihre Fürsorge machen in

Wohnung und Kleidung, in Speise und Trank, in Erziehung und Zucht — ganz

abgesehen von den Gästen und Freunden, die im Schwarzen Kloster ein und

ausgingen. Eine so überaus große Familie verursachte aber nicht nur viel

Mühe und Arbeit, sondern brachte auch einen mannigfaltigen Wechsel von

Freud und Leid ins Haus. So erlebte Frau Käthe in wenigen Jahrzehnten

Krankheiten und Feste, Hochzeiten und Todesfälle nach einander und oft

neben einander.

Gleich im zweiten Jahre ihres Ehestandes hatte die Doktorin schwere

Zeiten durchzumachen[272].

Frau Käthe wurde durch einen heftigen Krankheitsanfall ihres Gemahls

erschreckt, wie sie es in dieser Heftigkeit noch nicht an ihm erlebt

hatte, wiewohl er schon mehrmals Schwindelanfälle erfahren. Eine

entsetzliche Angst und Beklemmung ging dem Anfall voraus. Samstags 6.

August morgens fühlte er am linken Ohr und Backen ein ungestümes Sausen

und Brausen wie Windsbraut und Meeresbrandung, so gräßlich und

unerträglich, daß er es nur einer satanischen Einwirkung zuschreiben

konnte. Es ging gottlob rasch vorüber. Aber er fürchtete, dies sei

vielleicht der Vorbote eines noch schwereren, tödlichen Anfalls, darum

schickte er um 8 Uhr seinen Diener Wolf zu seinem Beichtvater

Bugenhagen, dieser möge eilend kommen. Bugenhagen eilte erschrocken ins

Kloster, fand aber da den Doktor in „gewöhnlicher Gestalt“ bei seiner

Hausfrau stehen. Warum er ihn habe rufen lassen? „Um keiner bösen Sache

willen“, erwiderte Luther, ging mit ihm hierauf abseits, beichtete und

begehrte für den folgenden Tag zum Abendmahl zu gehen.

Mittlerweile war es schier Zeit geworden zum Mittagsmahl (d.h. um 10

Uhr). Und weil Luther und Bugenhagen von etlichen Adeligen, Max von

Wallefels, Hans von Löser u.a. zu Gaste geladen war, forderte ihn

Bugenhagen auf, mitzukommen, indem er hoffte, die Zerstreuung sollte ihm

gut thun, wenn er nicht einsam daheim sitze, sondern mit Menschen

verkehre. Luther schlug es ab. Aber Bugenhagen steckte es hinter Frau

Käthe, und diese brachte Luther dazu, hinzugehn in Paul Schultheiß'

Gasthof. Dort aß und trank er, aber sehr wenig, und unterhielt die Gäste

mit angemessener Fröhlichkeit. Um zwölf Uhr stand er auf und ging in D.

Jonas Gärtlein hinter dem Hause und unterhielt sich da zwei Stunden mit

dem Stiftspropst. Beim Weggehen lud er Jonas und seine Frau ein, sie

sollten auf den Abend mit ihm essen.

Recht angegriffen kehrte Luther zurück ins Kloster und legte sich ins

Bett, um sich zu erholen. Als um 5 Uhr die Jonischen kamen, lag er noch

und die Frau Doktorin bat die Gäste, sich die Weile nicht lang sein zu

lassen, und so sich's ein wenig verzöge, es seiner Schwachheit

zuzurechnen.

Nach einer Weile kam der Doktor herunter, um die Abendmahlzeit gemeinsam

mit den andern zu halten. Er klagte wieder über großes unangenehmes

Brausen und Klingen des linken Ohrs. Das wurde über Tisch heftiger, er

mußte aufstehen und zog sich, begleitet von Jonas, hinauf in seine

Schlafkammer zurück; die Doktorin folgte, hatte aber noch unten an der

Treppe den Mägden zu befehlen. Da, als Luther gerade über die Schwelle

der Schlafkammer trat, überkam ihn plötzlich eine Ohnmacht: „O Herr

Doktor Jona“, rief der Kranke, „mir wird übel; Wasser her, oder was Ihr

habt, oder ich vergehe.“ Er sank leblos hin. Jonas erwischte erschrocken

und behend einen Topf mit kaltem Wasser und goß es dem Ohnmächtigen über

Kopf und Rücken. Er kam wieder zu sich und fing an zu beten.

Indem kommt auch die Doktorin hinauf; da sie nun sah, daß er so

hinfällig und schier tot war, entsetzte sie sich sehr und rief laut den

Mägden. Dann schickte sie zum Hausarzt Dr. Augustin Schurf und zu dem

Hausfreund Bugenhagen. Mittlerweile zogen sie dem Kranken die Kleider

aus und legten ihn auf den Rücken. Er war sehr matt und völlig kraftlos.

Frau Käthe und Jonas rieben und kühlten ihn, gaben ihm Labsal und

thaten, was sie konnten, bis der Arzt kam.

Da der Doktor so eiskalt und leblos war, so verordnete Schurf dem

Kranken warme Tücher, Kleider und Kissen, die man immer über dem

Kohlenfeuer wärmte, aufzulegen auf Brust und Füße, ließ auch seinen Leib

reiben, tröstete ihn auch und hieß ihn hoffen, es würde, ob Gott will,

auf diesmal keine Not haben. Dann kam auch um 6 Uhr Dr. Pommer, und die

Freunde mahnten den Patienten, er solle mit ihnen dafür beten, daß er

möge leben bleiben, ihnen und vielen zum Trost. Da antwortete er: „Zwar

für meine Person wäre Sterben mein Gewinn; aber im Fleische länger

leben, wäre nötig um vieler willen. Lieber Gott, Dein Wille geschehe.“

Da aber die Ohnmacht wieder zunahm, betete er wieder um Erbarmen. Dann

sagte er zu seiner Hausfrau: „Meine allerliebste Käthe, ich bitte Dich,

will mich unser lieber Gott auf diesmal zu sich nehmen, daß Du Dich in

seinen gnädigen Willen ergebest. Du bist mein ehrlich Weib, dafür sollst

Du Dich gewiß halten und gar keinen Zweifel daran haben. Laß die blinde,

gottlose Welt darüber sagen, was sie will; richte Du Dich nach Gottes

Wort und halte fest daran, so hast Du einen gewissen beständigen Trost

wider den Teufel und all seine Lästermäuler.“

Dann fragte er nach seinem Söhnlein: „Wo ist denn mein allerliebstes

Hänsichen?“ Da das Kind gebracht wurde, lachte es den Vater an. Da

sprach er: „O Du gutes armes Kindlein! Nun ich befehle meine

allerliebste Käthe und Dich armes Waislein meinem lieben, frommen,

treuen Gott. Ihr habt nichts, Gott aber, der ein Vater der Waisen und

Richter der Witwen ist, wird Euch wohl ernähren und versorgen.“

Darauf redete er weiter mit seiner Hausfrau von den silbernen Bechern:

„Die ausgenommen weißt Du, daß wir sonst nichts haben.“ Ueber dieser und

andern Reden ihres Herrn war die Doktorin hoch erschrocken und betrübt.

Doch ließ sie sich nicht merken, wie groß Leid ihr geschah, daß sie

ihren lieben Herrn dergestalt so jämmerlich da vor Augen liegen sah,

sondern sie stellte sich getrost und sprach: „Mein liebster Herr Doktor!

Ist's Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herrn Gott lieber

denn bei mir wissen. Aber es ist nicht allein um mich und mein liebes

Kind zu thun, sondern um viel frommer, christlicher Leute, die Euer noch

bedürfen. Wollet Euch, mein allerliebster Herr, nicht bekümmern; ich

befehle Euch seinem göttlichen Willen, ich hoff und trau zu Gott, er

werde Euch gnädiglich erhalten.“

Bald fühlte der Kranke Besserung, die Schwäche ließ nach und der Doktor

meinte, wenn der Patient nur schwitzen könnte, so sollte es durch Gottes

Gnade für diesmal keine Not mehr mit ihm haben.

Da gingen die drei Männer, um ihm Ruhe zu gönnen, hinab in den Saal zur

Abendmahlzeit und hießen die Frauen stille sein. Der Patient geriet

wirklich in Schweiß. Der Arzt sah später wieder nach dem Kranken und

erklärte die Gefahr vorbei. Dann kamen auch die Freunde, begrüßten den

Genesenden, wünschten ihm „Selige Nacht“ und gingen nach Hause.

Zwar dauerte das Ohrenbrausen am Sonntag noch fort; am Abend aber konnte

der Doktor aufstehen und mit den Freunden das Abendmahl halten. Das

körperliche Leiden war so bald gehoben; aber die „geistige Anfechtung“,

wie Luther sagt, warf ihn noch eine ganze Woche in „Tod und Hölle“

umher, so daß er zerschlagen an allen Gliedern bebte.

Kaum war dieser Schrecken vorbei, so nahte eine neue und viel längere

Heimsuchung: die Pest, die damals ganz Deutschland durchzog, kam auch

nach Wittenberg. Alles was konnte, floh aus der Stadt; die Universität

wurde nach Jena verlegt; Luther aber blieb zurück als Mann, Seelsorger

und Lehrer und seine treue Gattin mit ihm. Er war immer des Glaubens,

die Angst sei die schlimmste Seuche, die Hälfte der Leute stürben an

Furcht davor, nicht an der Pest selbst. Er hielt es für einen „Spuk des

Teufels“, dem er trotzen müsse, während der Böse sich freue, die

Menschen so zu ängstigen und die Universität zu sprengen, die er nicht

umsonst so hasse. Er bleibe gerade wegen der ungeheuren Angst des

Volkes. Er ging ohne Scheu zu den Pestkranken: die Frau des

Bürgermeisters Thilo Dene starb fast in seinen Armen; und andere

Pestverdächtige nahm er in sein Haus. Dagegen war, scheint's aus Furcht

vor der Pest, Elsa von Kanitz, welche in Wittenberg Mädchenlehrerin

werden und bei Luther wohnen sollte, nicht aufgezogen; an ihrer Statt

aber wohnte nun Fräulein Magdalene von Mochau im Klosterhause[273].

Die Seuche brach in den Winkeln aus, kam aber bald ans

Elsterthor-Viertel, wo der Pestkirchhof lag[274]; zuerst wurde die

Umgebung angesteckt, so das Haus des nächsten Nachbarn, des D. Schurf

und endlich auch das Schwarze Kloster. Das wurde jetzt gerade ein

Spital, denn Luther nahm die kranke Frau Dr. Schurf, Hanna, herüber. Die

von Mochau bekam die wirkliche Pest. Die Frau des Kaplan (Diakonus)

Röhrer, eines von Luther hochgeschätzen Amtsgenossen, starb (am 2. Nov.)

daran bei ihrer Entbindung samt dem Kinde. Und Bugenhagen flüchtete

deshalb mit seiner Familie aus dem Pfarrhaus in das Schwarze Kloster.

Zwei Pflegetöchter von Käthe erkrankten und auch der kleine Hans war vom

Zahnen so mitgenommen, daß er mehrere Wochen nichts aß und allein mit

Flüssigkeit ernährt wurde, so daß er nur sehr langsam wieder zu Kräften

kam. Dazu war Luther selbst noch immer eine lange Zeit (Juli bis

November) vom Unwohlsein geplagt, besonders mit Blutandrang nach dem

Kopf und infolge dessen von Schwermut, oder wie er sagte, vom Satan

angefochten und sehr entkräftet. Schließlich kam die Krankheit noch in

die Ställe und es fielen fünf Schweine. Die Bauern brachten der Stadt

keine Zufuhr, so daß eine Teurung entstand und der Scheffel Mehl 5

Groschen galt, eine Gans 2 Groschen[275].

Nur Käthe hielt sich aufrecht in alt dieser Not, „tapfer im Glauben und

gesund am Körper“, und doch war sie ihrer Entbindung nahe. Sie pflegte

Mann und Kind, Nichten und Gäste. Den Diakonus Röhrer mit seinem

Knäblein Paul, welches nach der Mutter schrie, nahm Käthe auch noch auf,

und Luther lud noch Jonas dringend zum Besuch ein, als es ein wenig

besser ging. Die von Mochau wurde in dem gewöhnlichem Winterzimmer

(Wohnzimmer) eingeschlossen, Frau Hanna war in Katharinas Kemenate

(heizbarem Zimmer), Hänschen im Studierzimmer, der Doktor und die

Lutherin weilten in der vorderen großen Aula. Schließlich wurde der

„Mochau“ die Beule aufgeschnitten, und nachdem das Gift heraus war, ging

es besser. Endlich, Mitte November, wich die Krankheit. Die Eheleute

waren froh, daß der böse Geist der Pest nur in die Säue gefahren war und

sie mit diesem Opfer sich loskauften. Hänschen war wieder frisch und

munter, Hanna genas und die Mochau entrann mit Mühe dem Tode; auch

Luthers Zustand und Stimmung wurde besser, namentlich als die

Universität allmählich wiederkehrte und er seine gewohnte Lehrtätigkeit

wieder beginnen konnte[276].

In dieser Zeit (am 10. Dezember) kam nun Käthe nach schmerzlichen Wochen

mit ihrem Töchterchen Elisabeth nieder, gerade als der Gemahl von einer

Vorlesung heimkehrte. Die vorausgegangenen Strapazen hatten doch ihre

Spuren hinterlassen, und die Mutter war recht angegriffen. Aber schon zu

Weihnachten wurde im Lutherhaus Verlobung gefeiert; die Hanna von Sala

wurde dem Petrus Eisenberg, einem braven Mann aus guter Familie,

Leut-Priester in Halle, anverlobt; schon am Neujahrstag war die

Hochzeit, und die kaum vom Wochenbett erstandene Hausfrau hatte schon

wieder diese fröhliche Unmuße durchzumachen[277].

Das neue Jahr (1528) war ein gesundes und im ganzen glückliches, Luther

und Käthe lebten wieder frisch auf. Sie brachten am 15. Mai wieder eine

Verlobung zustande, zwischen dem verwitweten Kaplan D. Georg Röhrer und

ihrer Pflegetochter Magdalene von Mochau. Die Hochzeit sollte fröhlich

am Tag nach Laurenzi (11. August) gefeiert werden. Aber da kam Leid vor

die Freude: am 3. August starb „Elslein“ und von dem lieben Töchterlein,

dessen Ankunft die glücklichen Eltern den Freunden in zahlreichen

Briefen angekündet hatten, mußten sie jetzt, gar wehmütig und weich

gestimmt, wieder ihr Abscheiden in die ewige Heimat melden. „Es war ein

großes Herzeleid; denn es starb ein Stück an des Vaters und ein Teil

von der Mutter Leibe“[278].

Die durch Tod und Verheiratung in die Hausgenossenschaft gerissenen

Lücken wurden bald reichlich ausgefüllt. Im Mai des folgenden Jahres

erschien das kleine Lenchen im Schwarzen Kloster. Auf gar wunderbare

Weise entkam die Herzogin Ursula von Münsterberg, die Base des Herzogs

Georg aus dem Kloster Freiburg samt zwei andern bürgerlichen

Klosterjungfrauen, von denen die eine ihr reiches Vermögen im Stiche

ließ, um der Armut Christi zu folgen. Die drei flüchteten nach

Wittenberg in die Freistätte des Lutherhauses: keinen Kreuzer brachten

sie mit, wohl aber den Haß des Herzogs und Verlegenheit für Luthers

Landesherrn[279].

Das war im Herbst 1528. Zu Ostern 1529 hatte Frau Käthe wieder eine

Hochzeit auszurichten: dem Pfarrer Bruno Brauer zu Dobin, dessen Braut

natürlich auch schon ein paar Tage vorher sich im Hause aufhielt.

Amsdorf wird dazu eingeladen und wird ersucht, sich nicht mit Eisen und

Schwert, sondern mit Gold und Silber und Ranzen zu umgürten, denn ohne

Geschenk komme er nicht los. Im Sommer verlobten die beiden Ehegatten

den Professor der Medizin Milich mit Susanna von Muschwitz, der

Schwester von Frau D. Schurf[280].

Während dieser Zeit war der Hausherr vielfach abwesend auf der

Visitation des Kurkreises, welche Luther mit dem Stadthauptmann Herrn

Metsch, dem Edlen Hans von Taubenheim und dem Rechtsgelehrten Benedikt

Pauli vorzunehmen hatte. Dazu kam die Reise nach Marburg zum

Religionsgespräch mit Zwingli (1529).

Von Marburg stammt auch der erste Brief des Doktors an seine Ehefrau,

der erhalten geblieben ist. Er lautet[281]:

„Gnad und Fried in Christo!

Lieber Herr Käthe!

Wisset, daß unser freundlich Gespräch zu Marburg ein Ende hat, und seynd

fast in allen Stücken eins worden, ohne daß der Widerteil (Gegenpartei)

wollen eitel Brot und Wein im Abendmal behalten und Christum geistlich

darinnen gegenwärtig bekennen. Heute handelt der Landgraf, ob wir

könnten eins werden, oder doch gleichwohl, so wir uneins blieben,

dennoch (als) Brüder und Christi Glieder unter einander uns halten. Da

arbeit der Landgraf heftig. Aber wir wollen des Brüdern und Gliederns

nicht; friedlich und Guts wollen wir wohl....

Sage dem Herrn Pommer, daß die besten Argument seind gewesen des

Zwingli, daß corpus non potest esse sine loco: ergo Christi corpus non

est in pane; des Oecolampadii: dies sacramentum est Signun corporis

Christi. Ich achte, Gott habe sie verblendet, daß sie nichts haben

müssen fürbringen.

Ich habe viel zu thun und der Bot eilet. Sage allen gute Nacht und

bittet für uns. Wir seind auch alle frisch und gesund und leben wie die

Fürsten. Küßt mir Lensgen und Hänsgen.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 36 / 92 题