Häusliche Leiden und Freuden.
Es war ein schwerer Haushalt, den Frau Käthe zu führen hatte, wenn man
auch nur der wirtschaftlichen Sorgen in Haus und Hof, in Küche
und Keller, im Garten und auf dem Felde gedenkt. Aber noch
bewunderungswürdiger wird ihre Leistungsfähigkeit, wenn man alle die
Menschen in Betracht zieht, die als Kinder und Gesinde, als Tisch- und
Hausgenossen täglich und stündlich Anspruch an ihre Fürsorge machen in
Wohnung und Kleidung, in Speise und Trank, in Erziehung und Zucht — ganz
abgesehen von den Gästen und Freunden, die im Schwarzen Kloster ein und
ausgingen. Eine so überaus große Familie verursachte aber nicht nur viel
Mühe und Arbeit, sondern brachte auch einen mannigfaltigen Wechsel von
Freud und Leid ins Haus. So erlebte Frau Käthe in wenigen Jahrzehnten
Krankheiten und Feste, Hochzeiten und Todesfälle nach einander und oft
neben einander.
Gleich im zweiten Jahre ihres Ehestandes hatte die Doktorin schwere
Zeiten durchzumachen[272].
Frau Käthe wurde durch einen heftigen Krankheitsanfall ihres Gemahls
erschreckt, wie sie es in dieser Heftigkeit noch nicht an ihm erlebt
hatte, wiewohl er schon mehrmals Schwindelanfälle erfahren. Eine
entsetzliche Angst und Beklemmung ging dem Anfall voraus. Samstags 6.
August morgens fühlte er am linken Ohr und Backen ein ungestümes Sausen
und Brausen wie Windsbraut und Meeresbrandung, so gräßlich und
unerträglich, daß er es nur einer satanischen Einwirkung zuschreiben
konnte. Es ging gottlob rasch vorüber. Aber er fürchtete, dies sei
vielleicht der Vorbote eines noch schwereren, tödlichen Anfalls, darum
schickte er um 8 Uhr seinen Diener Wolf zu seinem Beichtvater
Bugenhagen, dieser möge eilend kommen. Bugenhagen eilte erschrocken ins
Kloster, fand aber da den Doktor in „gewöhnlicher Gestalt“ bei seiner
Hausfrau stehen. Warum er ihn habe rufen lassen? „Um keiner bösen Sache
willen“, erwiderte Luther, ging mit ihm hierauf abseits, beichtete und
begehrte für den folgenden Tag zum Abendmahl zu gehen.
Mittlerweile war es schier Zeit geworden zum Mittagsmahl (d.h. um 10
Uhr). Und weil Luther und Bugenhagen von etlichen Adeligen, Max von
Wallefels, Hans von Löser u.a. zu Gaste geladen war, forderte ihn
Bugenhagen auf, mitzukommen, indem er hoffte, die Zerstreuung sollte ihm
gut thun, wenn er nicht einsam daheim sitze, sondern mit Menschen
verkehre. Luther schlug es ab. Aber Bugenhagen steckte es hinter Frau
Käthe, und diese brachte Luther dazu, hinzugehn in Paul Schultheiß'
Gasthof. Dort aß und trank er, aber sehr wenig, und unterhielt die Gäste
mit angemessener Fröhlichkeit. Um zwölf Uhr stand er auf und ging in D.
Jonas Gärtlein hinter dem Hause und unterhielt sich da zwei Stunden mit
dem Stiftspropst. Beim Weggehen lud er Jonas und seine Frau ein, sie
sollten auf den Abend mit ihm essen.
Recht angegriffen kehrte Luther zurück ins Kloster und legte sich ins
Bett, um sich zu erholen. Als um 5 Uhr die Jonischen kamen, lag er noch
und die Frau Doktorin bat die Gäste, sich die Weile nicht lang sein zu
lassen, und so sich's ein wenig verzöge, es seiner Schwachheit
zuzurechnen.
Nach einer Weile kam der Doktor herunter, um die Abendmahlzeit gemeinsam
mit den andern zu halten. Er klagte wieder über großes unangenehmes
Brausen und Klingen des linken Ohrs. Das wurde über Tisch heftiger, er
mußte aufstehen und zog sich, begleitet von Jonas, hinauf in seine
Schlafkammer zurück; die Doktorin folgte, hatte aber noch unten an der
Treppe den Mägden zu befehlen. Da, als Luther gerade über die Schwelle
der Schlafkammer trat, überkam ihn plötzlich eine Ohnmacht: „O Herr
Doktor Jona“, rief der Kranke, „mir wird übel; Wasser her, oder was Ihr
habt, oder ich vergehe.“ Er sank leblos hin. Jonas erwischte erschrocken
und behend einen Topf mit kaltem Wasser und goß es dem Ohnmächtigen über
Kopf und Rücken. Er kam wieder zu sich und fing an zu beten.
Indem kommt auch die Doktorin hinauf; da sie nun sah, daß er so
hinfällig und schier tot war, entsetzte sie sich sehr und rief laut den
Mägden. Dann schickte sie zum Hausarzt Dr. Augustin Schurf und zu dem
Hausfreund Bugenhagen. Mittlerweile zogen sie dem Kranken die Kleider
aus und legten ihn auf den Rücken. Er war sehr matt und völlig kraftlos.
Frau Käthe und Jonas rieben und kühlten ihn, gaben ihm Labsal und
thaten, was sie konnten, bis der Arzt kam.
Da der Doktor so eiskalt und leblos war, so verordnete Schurf dem
Kranken warme Tücher, Kleider und Kissen, die man immer über dem
Kohlenfeuer wärmte, aufzulegen auf Brust und Füße, ließ auch seinen Leib
reiben, tröstete ihn auch und hieß ihn hoffen, es würde, ob Gott will,
auf diesmal keine Not haben. Dann kam auch um 6 Uhr Dr. Pommer, und die
Freunde mahnten den Patienten, er solle mit ihnen dafür beten, daß er
möge leben bleiben, ihnen und vielen zum Trost. Da antwortete er: „Zwar
für meine Person wäre Sterben mein Gewinn; aber im Fleische länger
leben, wäre nötig um vieler willen. Lieber Gott, Dein Wille geschehe.“
Da aber die Ohnmacht wieder zunahm, betete er wieder um Erbarmen. Dann
sagte er zu seiner Hausfrau: „Meine allerliebste Käthe, ich bitte Dich,
will mich unser lieber Gott auf diesmal zu sich nehmen, daß Du Dich in
seinen gnädigen Willen ergebest. Du bist mein ehrlich Weib, dafür sollst
Du Dich gewiß halten und gar keinen Zweifel daran haben. Laß die blinde,
gottlose Welt darüber sagen, was sie will; richte Du Dich nach Gottes
Wort und halte fest daran, so hast Du einen gewissen beständigen Trost
wider den Teufel und all seine Lästermäuler.“
Dann fragte er nach seinem Söhnlein: „Wo ist denn mein allerliebstes
Hänsichen?“ Da das Kind gebracht wurde, lachte es den Vater an. Da
sprach er: „O Du gutes armes Kindlein! Nun ich befehle meine
allerliebste Käthe und Dich armes Waislein meinem lieben, frommen,
treuen Gott. Ihr habt nichts, Gott aber, der ein Vater der Waisen und
Richter der Witwen ist, wird Euch wohl ernähren und versorgen.“
Darauf redete er weiter mit seiner Hausfrau von den silbernen Bechern:
„Die ausgenommen weißt Du, daß wir sonst nichts haben.“ Ueber dieser und
andern Reden ihres Herrn war die Doktorin hoch erschrocken und betrübt.
Doch ließ sie sich nicht merken, wie groß Leid ihr geschah, daß sie
ihren lieben Herrn dergestalt so jämmerlich da vor Augen liegen sah,
sondern sie stellte sich getrost und sprach: „Mein liebster Herr Doktor!
Ist's Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herrn Gott lieber
denn bei mir wissen. Aber es ist nicht allein um mich und mein liebes
Kind zu thun, sondern um viel frommer, christlicher Leute, die Euer noch
bedürfen. Wollet Euch, mein allerliebster Herr, nicht bekümmern; ich
befehle Euch seinem göttlichen Willen, ich hoff und trau zu Gott, er
werde Euch gnädiglich erhalten.“
Bald fühlte der Kranke Besserung, die Schwäche ließ nach und der Doktor
meinte, wenn der Patient nur schwitzen könnte, so sollte es durch Gottes
Gnade für diesmal keine Not mehr mit ihm haben.
Da gingen die drei Männer, um ihm Ruhe zu gönnen, hinab in den Saal zur
Abendmahlzeit und hießen die Frauen stille sein. Der Patient geriet
wirklich in Schweiß. Der Arzt sah später wieder nach dem Kranken und
erklärte die Gefahr vorbei. Dann kamen auch die Freunde, begrüßten den
Genesenden, wünschten ihm „Selige Nacht“ und gingen nach Hause.
Zwar dauerte das Ohrenbrausen am Sonntag noch fort; am Abend aber konnte
der Doktor aufstehen und mit den Freunden das Abendmahl halten. Das
körperliche Leiden war so bald gehoben; aber die „geistige Anfechtung“,
wie Luther sagt, warf ihn noch eine ganze Woche in „Tod und Hölle“
umher, so daß er zerschlagen an allen Gliedern bebte.
Kaum war dieser Schrecken vorbei, so nahte eine neue und viel längere
Heimsuchung: die Pest, die damals ganz Deutschland durchzog, kam auch
nach Wittenberg. Alles was konnte, floh aus der Stadt; die Universität
wurde nach Jena verlegt; Luther aber blieb zurück als Mann, Seelsorger
und Lehrer und seine treue Gattin mit ihm. Er war immer des Glaubens,
die Angst sei die schlimmste Seuche, die Hälfte der Leute stürben an
Furcht davor, nicht an der Pest selbst. Er hielt es für einen „Spuk des
Teufels“, dem er trotzen müsse, während der Böse sich freue, die
Menschen so zu ängstigen und die Universität zu sprengen, die er nicht
umsonst so hasse. Er bleibe gerade wegen der ungeheuren Angst des
Volkes. Er ging ohne Scheu zu den Pestkranken: die Frau des
Bürgermeisters Thilo Dene starb fast in seinen Armen; und andere
Pestverdächtige nahm er in sein Haus. Dagegen war, scheint's aus Furcht
vor der Pest, Elsa von Kanitz, welche in Wittenberg Mädchenlehrerin
werden und bei Luther wohnen sollte, nicht aufgezogen; an ihrer Statt
aber wohnte nun Fräulein Magdalene von Mochau im Klosterhause[273].
Die Seuche brach in den Winkeln aus, kam aber bald ans
Elsterthor-Viertel, wo der Pestkirchhof lag[274]; zuerst wurde die
Umgebung angesteckt, so das Haus des nächsten Nachbarn, des D. Schurf
und endlich auch das Schwarze Kloster. Das wurde jetzt gerade ein
Spital, denn Luther nahm die kranke Frau Dr. Schurf, Hanna, herüber. Die
von Mochau bekam die wirkliche Pest. Die Frau des Kaplan (Diakonus)
Röhrer, eines von Luther hochgeschätzen Amtsgenossen, starb (am 2. Nov.)
daran bei ihrer Entbindung samt dem Kinde. Und Bugenhagen flüchtete
deshalb mit seiner Familie aus dem Pfarrhaus in das Schwarze Kloster.
Zwei Pflegetöchter von Käthe erkrankten und auch der kleine Hans war vom
Zahnen so mitgenommen, daß er mehrere Wochen nichts aß und allein mit
Flüssigkeit ernährt wurde, so daß er nur sehr langsam wieder zu Kräften
kam. Dazu war Luther selbst noch immer eine lange Zeit (Juli bis
November) vom Unwohlsein geplagt, besonders mit Blutandrang nach dem
Kopf und infolge dessen von Schwermut, oder wie er sagte, vom Satan
angefochten und sehr entkräftet. Schließlich kam die Krankheit noch in
die Ställe und es fielen fünf Schweine. Die Bauern brachten der Stadt
keine Zufuhr, so daß eine Teurung entstand und der Scheffel Mehl 5
Groschen galt, eine Gans 2 Groschen[275].
Nur Käthe hielt sich aufrecht in alt dieser Not, „tapfer im Glauben und
gesund am Körper“, und doch war sie ihrer Entbindung nahe. Sie pflegte
Mann und Kind, Nichten und Gäste. Den Diakonus Röhrer mit seinem
Knäblein Paul, welches nach der Mutter schrie, nahm Käthe auch noch auf,
und Luther lud noch Jonas dringend zum Besuch ein, als es ein wenig
besser ging. Die von Mochau wurde in dem gewöhnlichem Winterzimmer
(Wohnzimmer) eingeschlossen, Frau Hanna war in Katharinas Kemenate
(heizbarem Zimmer), Hänschen im Studierzimmer, der Doktor und die
Lutherin weilten in der vorderen großen Aula. Schließlich wurde der
„Mochau“ die Beule aufgeschnitten, und nachdem das Gift heraus war, ging
es besser. Endlich, Mitte November, wich die Krankheit. Die Eheleute
waren froh, daß der böse Geist der Pest nur in die Säue gefahren war und
sie mit diesem Opfer sich loskauften. Hänschen war wieder frisch und
munter, Hanna genas und die Mochau entrann mit Mühe dem Tode; auch
Luthers Zustand und Stimmung wurde besser, namentlich als die
Universität allmählich wiederkehrte und er seine gewohnte Lehrtätigkeit
wieder beginnen konnte[276].
In dieser Zeit (am 10. Dezember) kam nun Käthe nach schmerzlichen Wochen
mit ihrem Töchterchen Elisabeth nieder, gerade als der Gemahl von einer
Vorlesung heimkehrte. Die vorausgegangenen Strapazen hatten doch ihre
Spuren hinterlassen, und die Mutter war recht angegriffen. Aber schon zu
Weihnachten wurde im Lutherhaus Verlobung gefeiert; die Hanna von Sala
wurde dem Petrus Eisenberg, einem braven Mann aus guter Familie,
Leut-Priester in Halle, anverlobt; schon am Neujahrstag war die
Hochzeit, und die kaum vom Wochenbett erstandene Hausfrau hatte schon
wieder diese fröhliche Unmuße durchzumachen[277].
Das neue Jahr (1528) war ein gesundes und im ganzen glückliches, Luther
und Käthe lebten wieder frisch auf. Sie brachten am 15. Mai wieder eine
Verlobung zustande, zwischen dem verwitweten Kaplan D. Georg Röhrer und
ihrer Pflegetochter Magdalene von Mochau. Die Hochzeit sollte fröhlich
am Tag nach Laurenzi (11. August) gefeiert werden. Aber da kam Leid vor
die Freude: am 3. August starb „Elslein“ und von dem lieben Töchterlein,
dessen Ankunft die glücklichen Eltern den Freunden in zahlreichen
Briefen angekündet hatten, mußten sie jetzt, gar wehmütig und weich
gestimmt, wieder ihr Abscheiden in die ewige Heimat melden. „Es war ein
großes Herzeleid; denn es starb ein Stück an des Vaters und ein Teil
von der Mutter Leibe“[278].
Die durch Tod und Verheiratung in die Hausgenossenschaft gerissenen
Lücken wurden bald reichlich ausgefüllt. Im Mai des folgenden Jahres
erschien das kleine Lenchen im Schwarzen Kloster. Auf gar wunderbare
Weise entkam die Herzogin Ursula von Münsterberg, die Base des Herzogs
Georg aus dem Kloster Freiburg samt zwei andern bürgerlichen
Klosterjungfrauen, von denen die eine ihr reiches Vermögen im Stiche
ließ, um der Armut Christi zu folgen. Die drei flüchteten nach
Wittenberg in die Freistätte des Lutherhauses: keinen Kreuzer brachten
sie mit, wohl aber den Haß des Herzogs und Verlegenheit für Luthers
Landesherrn[279].
Das war im Herbst 1528. Zu Ostern 1529 hatte Frau Käthe wieder eine
Hochzeit auszurichten: dem Pfarrer Bruno Brauer zu Dobin, dessen Braut
natürlich auch schon ein paar Tage vorher sich im Hause aufhielt.
Amsdorf wird dazu eingeladen und wird ersucht, sich nicht mit Eisen und
Schwert, sondern mit Gold und Silber und Ranzen zu umgürten, denn ohne
Geschenk komme er nicht los. Im Sommer verlobten die beiden Ehegatten
den Professor der Medizin Milich mit Susanna von Muschwitz, der
Schwester von Frau D. Schurf[280].
Während dieser Zeit war der Hausherr vielfach abwesend auf der
Visitation des Kurkreises, welche Luther mit dem Stadthauptmann Herrn
Metsch, dem Edlen Hans von Taubenheim und dem Rechtsgelehrten Benedikt
Pauli vorzunehmen hatte. Dazu kam die Reise nach Marburg zum
Religionsgespräch mit Zwingli (1529).
Von Marburg stammt auch der erste Brief des Doktors an seine Ehefrau,
der erhalten geblieben ist. Er lautet[281]:
„Gnad und Fried in Christo!
Lieber Herr Käthe!
Wisset, daß unser freundlich Gespräch zu Marburg ein Ende hat, und seynd
fast in allen Stücken eins worden, ohne daß der Widerteil (Gegenpartei)
wollen eitel Brot und Wein im Abendmal behalten und Christum geistlich
darinnen gegenwärtig bekennen. Heute handelt der Landgraf, ob wir
könnten eins werden, oder doch gleichwohl, so wir uneins blieben,
dennoch (als) Brüder und Christi Glieder unter einander uns halten. Da
arbeit der Landgraf heftig. Aber wir wollen des Brüdern und Gliederns
nicht; friedlich und Guts wollen wir wohl....
Sage dem Herrn Pommer, daß die besten Argument seind gewesen des
Zwingli, daß corpus non potest esse sine loco: ergo Christi corpus non
est in pane; des Oecolampadii: dies sacramentum est Signun corporis
Christi. Ich achte, Gott habe sie verblendet, daß sie nichts haben
müssen fürbringen.
Ich habe viel zu thun und der Bot eilet. Sage allen gute Nacht und
bittet für uns. Wir seind auch alle frisch und gesund und leben wie die
Fürsten. Küßt mir Lensgen und Hänsgen.