„Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“
Ein Grundbesitz, wie ihn das Lutherische Ehepaar am Ende aufwies, zeugte
von nicht geringer Vermöglichkeit. Woher und wie war nun dieses Vermögen
zusammengekommen?
Katharina sowohl wie Luther brachten nichts in die Ehe. Sie waren am
Anfang ihres Hausstandes und noch lange fort vollständig vermögenslos;
erst nach seiner Eltern Absterben (1530-31) erbte Luther eine kleine
Barschaft von 250 fl. Im Jahre 1527 war er noch gänzlich ohne Besitz, er
war arm und ein Bettler, konnte weder Haus, Aecker, liegende Gründe,
Geld noch Gut seinem Weib und Kind nach sich lassen, wenn er damals
gestorben wäre. Denn auch das Klosteranwesen war noch nicht sein
ausgesprochenes Eigentum. „Armut ist mein Irrtum und meine Ketzerei“,
sagte er noch 1530; und zwei Jahre darauf hat er nur einen Becher im
Schatzkästlein. Noch 1534 mußte er es ablehnen, für ein paar hundert
Gulden das kleine Haus Bruno zu kaufen: er wollte seine Armut nicht
offenbar werden lassen, weil er's für unmöglich hielt, jemals auch nur
die Hälfte einer solchen Summe zusammenzubringen[238].
In Ermangelung eines eingebrachte Heiratsgutes war das Ehepaar also auf
die Besoldung angewiesen, welche der Hausvater hatte, und auf den
Verdienst, welchen die Hausmutter von der Bebauung des Gutes und ihrem
Kosttisch zog.
Die Beamtenbesoldungen waren zu jener Zeit nicht etwa bloß feste
Gehalte, sondern bestanden auch in allerlei Ehrengeschenken, meist in
Naturalien, welche den Angestellten bei besonderen Gelegenheiten und für
besondere Dienstleistungen, als Reisen, Gutachten, Berichte, Schriften
u.a., von den Fürsten und Stadtobrigkeiten zuflossen.
Seit seiner Verheiratung war Luthers Besoldung von einhundert auf
zweihundert Gulden erhöht worden. Von 1532 ab, unter Kurfürst Johann
Friedrich, kamen noch jährlich 100 Scheffel Korn, 100 Scheffel Malz für
zwei Gebräude Bier, 60 (später 100) Klafter Holz und zwei Fuder Heu
hinzu. Freilich blieben die Lieferungen „aus Unwillen“ der Beamten
manchmal aus. Der kurfürstliche Keller zu Wittenberg stand den
hervorragenden Professoren immer offen. Außerdem kamen ihm vom Hofe
allerlei Viktualien zu: Wein, Most, Essig, Obst, Fische, Wildbret,
Arzneien, auch Kleider und Tuche. So sendet 1543 der Kurfürst „zwei Faß,
eins mit altem Wein, das andre mit heurigem gewachsenen Most, Suptezer,
so gut Uns der allmächtige Gott dies Jahr bescheret hat; den wollet von
Unseretwegen gutwillig annehmen und in Fröhlichkeit genießen“. Auch der
Dänenkönig Christian III. sandte in den letzten Jahren (1543) zuerst
Butter und Heringe; als man aber unterwegs mit dieser „Küchenspeise
unschicklich umgegangen“, wurde die Sendung in ein Geschenk von 50 fl.
verwandelt. Soviel erhielten auch die andern Wittenberger Theologen
Bugenhagen und Jonas: es war ein Ehrensold, den der Fürst für die
Ausbildung seiner Gottesgelehrten an die sächsische Universität
zahlte[239].
Wenn der Kurfürst Johann an Luther bei Aufhebung des Klosters den
Hausrat im Werte von 20 fl. und die Küchengeräte, welche um 50 fl.
verkauft wurden, überließ, so war das eine Entschädigung dafür, daß er
lange Zeit sein Deputat an Viktualien gar nicht oder nur spärlich
erhalten hatte. Für den Hausrat hatte er „der Kirche und Universität mit
Predigen, Lesen, Schreiben u.s.w. die langen Jahre her um Gotteswillen
und umsonst gedient; und für die Küchengeräte hatte er Nonnen und Mönche
(Diebe und Schälke mitunter) gekleidet, gespeiset und versorget mit
solchem Nutzen, daß ich das Meine und 100 fl., so mir m. gn. H. Herzog
Hans zur Haushaltung geschenkt, gar weidlich zugesetzt habe“[240].
Aehnlich waren die Geschenke der Stadt Wittenberg auch nur
Gegenleistungen. So hat der Stadtrat aus seinen Brennereien
Baumaterialien, als Ziegelsteine und Kalk, nicht angerechnet, schenkte
auch sonst eine Jahresgabe oder besondere Erkenntlichkeit, so als
Luther in der Osterzeit jeden Tag gepredigt hatte, einen halben Lachs,
anno 1529 der Frau Doktor in Abwesenheit ihres Mannes 10 Thaler, „weil
man ihm dies Jahr sonst keine Verehrung gethan“. Dafür war Luther ohne
Gehalt bei dreißig Jahre der Stadt Prediger gewesen, hatte auch oftmals
noch Bugenhagen auf kürzere oder längere Zeit, einmal sogar, als jener
auswärts reformierte, zwei Jahre lang (1535-37) vertreten. Auch mußte
Luther auf seine Kosten „zu ihrer Kirche Dienst und Nutz“ Diener halten,
ohne daß der „gemeine Kasten“ etwas für sie beitrug. Ferner trat Luther
einen großen Raum vorm Klosterhof umsonst an die Stadt ab, gestattete
auch, daß sein ganzes Anwesen nach seinem Tode und das Nebengebäude auch
bei seinen Lebzeiten unter das Bürgerrecht gestellt wurde, während es
vorher ganz frei gewesen. Ebenso wollte Luther, als der Kurfürst 1542
eine Türkensteuer ausschrieb, obgleich er grundsteuerfrei war, doch des
Beispiels wegen auch geschatzt sein[241].
Trotz solcher Gegendienste, welche mittelbar oder unmittelbar
„Geschenke“ veranlaßten, nahm doch Luther solche nicht ohne Wahl und Maß
an. Er lehnte nicht nur das Hochzeitsgeschenk des Mainzer Erzbischofs
ab, er wies auch eine Gabe des Kurfürsten zurück, weil er wisse, „daß
der hohe Herr des Gebens viel habe und zu viel den Sack zerreiße“.
„Bitte derhalben Ew. Kurfürstliche Gnaden wollten harren, bis ich selber
klage und bitte, auf daß ich durch solch Zuvorkommen Eurer Kurf. Gnaden
nicht scheu werde für andre zu bitten, die viel würdiger sind solcher
Gaben“[242].
Und ferner: „Ich will Ew. Kurf. Gn. unterthäniglich bitten, nicht zu
glauben denen, die mich angeben, als habe ich Mangel; ich habe leider
mehr, sonderlich von Ew. K. Gn., denn ich im Gewissen vertragen
kann“[243].
Auch seine Freunde schilt er oft, daß sie des Schenkens zu viel
machen[244].
Wenn er Sommers von einem Pfarrherrn oder Schultheißen aufs Dorf zu
Gaste geladen wurde, so kam er gern mit einem Tischgesellen und hielt
eine Predigt. Aber er brachte allewege Speise und Trank für sich und
seine Begleiter mit, die ihm daheim Frau Käthe zubereitet und in den
Wagen gepackt hatte[245].
Einem wegziehenden Famulus würde er gerne zehn Gulden geben, wenn er
sie hätte; aber unter fünf Gulden soll ihm seine Frau nicht geben und
was sie darüber kann geben, bittet der Doktor sie, das solle sie thun —
also bis auf den letzten Gulden mutet er der Hausfrau zu sich zu
entblößen und doch trägt er der Frau gleichzeitig auf, ein Mitbringsel
für die Kinder zu kaufen, weil er selbst in Torgau nichts Sonderliches
fände[246].
Für seine Vorlesungen nahm Luther von den Studenten keine
Kollegiengelder. Ja, auch von seinen Schriften nahm er kein Honorar: 400
fl., die ihm ein Buchdrucker jährlich für den Verlag seiner Schriften
anbot, schlug er aus, auch die 1000 fl., welche Melanchthon ihm für die
Ausarbeitung des deutschen Aesop versprach. Eine Kure im Silberbergwerk
zu Schneeberg, welche ihm der Kurfürst für seine Bibelübersetzung 1529
schenken wollte, wies er ab: er wollte von der Welt seine geistige
Arbeit nicht bezahlt haben und wie Paulus mit dem Gotteswort nicht
Handel treiben[247].
Bei einer solchen Gesinnung und Handlungsweise ist es begreiflich, daß
die praktische Frau Käthe auch einmal über ihren Doktor mit seiner
Geldverachtung seufzte. Als der gleichfalls wenig haushälterische
Meister Philipp Melanchthon einmal bei Luther speiste und im Gespräch
über den Weltlauf von einem Magister sprach, welcher dem Geiz ergeben,
ein sehr gutes Urteil über gute und schlechte Gulden habe, bemerkte die
Doktorin: „Wenn mein Gemahl solchen Sinn hätte, würde er gar reich
sein.“ Melanchthon meinte darauf: „Das kann nicht sein, denn die
Geister, welche für die Allgemeinheit arbeiten, können sich ihren
Privatangelegenheiten nicht hingeben“[248].
Den nicht gerade außerordentlichen Einnahmen Luthers standen nun aber
gewaltige Ausgaben gegenüber. Zunächst einmal für die ausgedehnte
Haushaltung; dann aber auch für andere Zwecke und Anschaffungen. Einen
interessanten Einblick in diese Dinge gewähren die Aufzeichnungen
Luthers in seinem Haushaltungsbuch. Da ist[249] eine
„Wunderliche Rechnung gehalten zwischen Doc. Martin und Käthe
1535
Anno ----
1536
das waren zwei halbe Jahr.
90 fl. für Getreide
90 fl. für die Hufen
20 fl. für Leinwat (Leinwand)
30 fl. für Schweine
28 fl. Muhme Lene gen Borna(u)
29 fl. für Ochsen
10 fl. Valt. Mollerstet bezahlt
10 fl. Geleitsmann "
8 Thaler M. Philipp "
40 fl. für Gregor Tischer "
26 fl. Universität "
-------
Zus. 389 fl. außer andern Viktualien. "
Diese „andern Viktualien“ waren Gemüse, Fleisch, Fisch und Geflügel,
Obst und Kolonialwaren, Getreide und Hopfen, Brot und Semmel, Oel und
Talg, Butter und Honig, Wein und Bier.
Dann hieß es: „Gieb Geld für Hanf und Flachs, Garn und Wachs, Nägel und
Haken, allerlei Geschirr und Geräte in Stube, Küche, Keller, Garten; für
Wagen und Geschirr.“
„Gieb Geld“ forderten auch 29erlei Handwerker, ferner Buchführer
(Buchhändler), Arzt, Apotheker und Präzeptor, Knechte, Mägde, Hirten,
Knaben und Jungfern, Bräute und Gevattern, auch Bettler und —
Diebe[250].
Ausgaben gab es dann für manche Patengeschenke, Hochzeiten und
Gastungen, Geschenke zu Neujahr, Jahrmarkt und S. Niklas. Endlich kamen
die „grobe Stück: Hochzeit machen für Sohn, Tochter, Freundin; dem
Krämer für Seiden, Sammet und Wurze“[251].
Im ganzen waren es 135 Dinge, für welche Frau Käthe stets die Hand
ausstrecken und „Gieb Geld“ sagen mußte.
Unter diesen Ausgaben machen namentlich die Ehrengeschenke und
Wohlthaten einen großen Posten aus; sie gehörten bei Luther zu den
besonders „groben Stücken“. Außer den Gastungen gehören namentlich die
Patengeschenke und Hochzeiten hierher; Luther und Frau Käthe standen
zahllose Male zu Gevatter, denn in Wittenberg waren bei jedem Kinde
viele Paten üblich, und für jeden kostete es einen Silberbecher oder
eine große Münze. Die Hochzeiten und Hochzeitsgeschenke waren eine große
Last. So klagt Luther (1543) am Ende selber: „Die täglichen Hochzeiten
hier erschöpfen mich“[252]. Luthers Mildtätigkeit kannte keine Grenzen.
Er sprach als Grundsatz aus: „Wer gerne giebt, dem wird gegeben; das
erhält das Haus, darum, liebe Käthe, haben wir nicht mehr Geld, so
müssen die Becher daran.“ Und demgemäß handelt er. Wie viele andere
Theologen und sonstige gutmütige Menschen (auch Melanchthon) gab er
Bedürftigen und Bittenden über Gebühr und Vermögen, und gar oft an
Unwürdige, so daß er erst durch „böse Buben witzig gemacht“ wurde. Er
gestand später (1532) selbst seiner Frau: „Denke, wie oftmals wir haben
bösen Buben und undankbaren Schülern gegeben, da es alles verloren
gewesen ist.“ Wie weit er in seiner Gutherzigkeit ging, mögen von vielen
nur zwei Beispiele zeigen: Einem armen Studenten schenkt der Doktor,
weil kein Geld im Haus ist, einen silbernen Ehrenbecher, und als er
merkte, wie Frau Käthe ihm abwinkt, drückt er ihn schnell zusammen und
schickt den jungen Menschen damit zum Goldschmied; was er dafür löse,
solle er behalten, er brauche keinen silbernen Becher. Ja, als seine
Frau im Wochenbett liegt, gerät er gar über das Patengeschenk seines
jüngsten Kindes, um einen bedrängten Bedürftigen nicht mit leerer Hand
gehen zu lassen, und meinte: „Gott ist reich, er wird anderes
bescheren“[253].
Das gesamte, so wenig berechnende Verhalten Luthers erklärt sich
einerseits aus seiner allem Eigennutz abgeneigten Natur und seinem
großartigen Gottvertrauen, andrerseits aber auch aus dem Mangel an
Berechnung, welche dem weltentfremdeten Mönch aus seiner Klosterzeit
noch anhaftete; dies mußte aber bei einem „weltlichen“ Haushalt
naturgemäß dazu führen, daß Einnahme und Ausgabe bald nicht mehr im
richtigen Verhältnis zu einander stand. So hatte das junge Paar im
zweiten Jahre seiner Ehe über hundert Gulden Schulden, so daß Luther
seinem Freunde und ehemaligen Klostergenossen Brisger keine acht Gulden
vorstrecken konnte. „Woher soll ich's nehmen?“ fragt er. „Durch meinen
schweren Haushalt und meine Unvorsichtigkeit ist es so gekommen. Drei
Becher sind für 50 fl. verpfändet. Dazu kommt, daß Lukas (Cranach) und
Christian (Aurifaber, Goldschmied) mich nicht mehr als Bürgen zulassen,
denn sie merken, daß sie so (durch meine Bürgschaft) auch nicht besser
daran sind oder ich ausgebeutelt werde. Ich habe ihnen jetzt auch den
vierten Becher gegeben, welchen sie dem fetten H. geliehen haben.“ Dabei
kommt ihm aber noch nicht in Sinn, wo der Rechnungsfehler stecke. Er
klagt: „Wie kommt's, daß ich allein so ausgesaugt werde? nein, nicht nur
ausgesaugt, sondern sogar in Schulden verstrickt?“ Sogar noch 1543 klagt
er dem allerdings etwas habsüchtigen Jonas gegenüber, der von ihm bei
seiner zweiten Verheiratung wohl ein „fettes Hochzeitsgeschenk“
erwartete: „Du kennst meine Dürftigkeit und meine Schuldenlast“.[254]
Einmal fing er auch an zu rechnen — am Kleinen, ans Große dachte er
nicht. Da brachte er heraus, daß er allein jährlich für Semmeln 31
Groschen 4 Pfennig brauche; dazu noch der Trank mit 4 Pfennig täglich
und das Uebrige — eine Summe, die ihm zu groß war, und er schließt: „Ich
mag nie mehr rechnen, es macht einen gar verdrossen. Ich hätte nicht
gemeint, daß auf einen Menschen so viel gehen sollte“[255].
Dennoch stellte er 1536 eine Generalrechnung an für „grobe Stück“ und
brachte da allein 389 fl. Ausgaben heraus in zwei halben Jahren, ohne
die Viktualien u.a. Er schloß diese Zusammenstellung ab mit dem Seufzer:
„Rat, wo kommt dies Geld her? Sollt das nicht stinken und Schuld
machen[256]?“
Und als Luther im Jahre 1542, wo er sein „Testament“ machte, seine
Ausgaben zusammenstellte und seine Einnahmen dagegen hielt, schließt er:
„Ich habe eine wunderliche Haushaltung, ich verzehre mehr als ich
einnehme; ich muß jedes Jahr 500 Gulden in der Haushaltung in die Küche
haben, zu geschweigen der Kleider, anderer Zierat und Almosens, da doch
meine jährliche Besoldung sich nur auf 200 Gulden belauft.“ Dazu
schreibt er im Haushaltungsbuch neben anderen ernsten und launigen
Reimen den Stoßseufzer:
„Ich armer Mann! So halt ich Haus;
Wo ich mein Geld soll geben aus,
Bedürft ich's wohl an sieben Ort
Und fehlt mir allweg hier und dort“[257].
Da war es freilich begreiflich, daß manchmal die Fleischer und Fischer
von Wittenberg „grob“ wurden und mit „ungestümen Worten der Frau“
gegenüber ihre Schuld forderten. „Die Doktorin“ half sich dann wohl
damit, bei „Philipp Melanchthon 20 Thaler zur Haushaltung zu leihen“.
Und dann sprang etwa der Kurfürst ein, wenn er's durch den Kanzler Brück
erfuhr[258].
Diese „wunderliche Haushaltung“ Luthers wurde in sehr Natur- und
sachgemäßer Weise geregelt durch die Hausfrau. Die „wunderliche Rechnung
gehalten zwischen Doktor Martin und Käthe“, mit ihrem ständigen Defizit,
wurde in Ordnung gebracht durch diese gute Rechnerin und sparsame und
erwerbsame Haushälterin. Frau Käthe brachte einen Ausgleich zwischen
Soll und Haben: sie verminderte die Ausgaben, vermehrte die Einnahmen,
sie bezahlte die Schulden und erwarb ein Vermögen.
Eines der ersten Ereignisse in dem neuen Haushalt ist eine lustige
Familienszene, welche die gutmütige Verschwendung des Eheherrn und die
listige Sparsamkeit der Gattin zeigte. Es hatte nämlich das Ehepaar ein
hübsches Glasgeschirr mit Zinnverzierung von Hausmann geschenkt
bekommen; das hätte Frau Käthe selbst gerne behalten, Luther aber an den
D. Agrikola, damals noch sein lieber Freund, der auch darnach Gelüste
hatte, verschenkt. Luther hatte es gemerkt, wie sie darauf gelauert, und
wollte es kurz machen. Er hatte schon den Brief dazu geschrieben; als er
aber das Geschenk dazu packen wollte, war es fort: Frau Käthe hatte es
abhanden kommen lassen und die Hausfreunde D. Bugenhagen und D. Röhrer
hatten sich mit ihr verschworen und ihr dabei geholfen. So mußte sich
Luther in einer Nachschrift entschuldigen, daß er das Glas nicht
mitschicken könne; seiner insidiatrix Ketha (der hinterlistigen Käthe)
gegenüber sei er ohnmächtig; er denke aber das Glas später doch noch
einmal zu erwischen. Käthe aber hielt es fest wie ein bissiger
Kettenhund[259]. Sie brachte etwas strengere Ordnung in die Gesellschaft
der jungen Studenten und in ihre Hausrechnung, so daß M. Veit Dietrich
sich über sie beklagte und sein Landsmann und Nachfolger im Haus und am
Tisch Frau Käthes sie als stramm und knauserig beschrieb, „die alles zu
Rat gehalten und bei den Tischgenossen auf nötige Bezahlung
gedrungen“[260]. Auch Kanzler Brück warf ihr in feindseliger Stimmung
Knauserigkeit in der Haushaltung vor. Von Luther und andern hören wir
dagegen hierüber keine Klagen; und daß der Zudrang zu ihrem Kosttisch
von alt und jung ein großer und nicht zu befriedigender war, ist der
beste Beweis für die Uebertriebenheit jener Vorwürfe. Aber ihre löbliche
Sparsamkeit und haushälterisches Zuratehalten weiß ihr Gemahl wohl
anzuerkennen. Er sagt: „Das Weib kann den Mann wohl reich machen, aber
nicht der Mann das Weib. Denn der ersparte Pfennig ist besser denn der
erworbene. Also ist rätlich sein (zu rate halten) das beste
Einkommen“[261]. Und in sein Haushaltungsbuch schrieb Luther den
Sinnspruch:
Es gehört gar viel in ein Haus.
Willst Du es aber rechnen aus,
So muß noch viel mehr gehn heraus.
Des nimm ein Exempel, mein Haus[262].
So hörte er mit Rechnen auf und überließ das seiner „rätlichen“ und
wirtlichen Hausfrau, und wenn er selbst nicht wußte, woher nehmen, so
schrieb er seiner Käthe: „Sieh, wo Du's kriegst“[263].
Und Käthe sah, wo sie's kriegte. Sie war nicht so heikel, wie Luther,
Verehrungen anzunehmen. Während sie Freund Link von einem
Hochzeitsbecher absolviert, hat sie die von Luther zurückgewiesen 20
Goldgulden des Mainzer Erzbischofs hinter seinem Rücken doch behalten.
Mit besserem Gewissen empfing sie die Fäßlein Käse von der Herzogin
Elisabeth von Braunschweig und ebenso ein Käsegeschenk von Mykonius, dem
Stadtpfarrer in Gotha. In Notfällen wandte sich Frau Käthe auch einmal
an die kurfürstliche Kämmerei, so während Luthers Aufenthalt auf der
Koburg um 12 Scheffel Roggen. Käthe nahm überhaupt das Gehalt ein und
verrechnete es, so daß es nicht mehr hieß wie in Luthers
Junggesellenwirtschaft (1523): „Wir leben von einem Tag zum andern.“ Sie
scheute sich nicht, die säumigen Kostgänger an ihre Schuldigkeit zu
mahnen[264]. Ja es wird erzählt, daß sie in späterer Zeit durch Freunde
und Kostgänger des Hauses Anschaffungen machen ließ, wofür sie die
Bezahlung vergessen habe, weil sie sich wohl für Dienste ihres Mannes
dadurch bezahlt machte. Jedenfalls nahm sie auch die Dienste anderer in
Anspruch für Gefälligkeiten, welche ihr Mann ihnen erwies: hatte Luther
dem Freund Pfarrer Spalatin eine Vorrede zu einem Buche geschrieben, so
muß sich dafür Spalatin in Altenburg ihrer Fuhrleute und Arbeiter
annehmen, die sie nach Zulsdorf schickt; und Lauterbach, der in ihrem
Hause als Kostgänger und Nachschreiber von Luthers Tischreden allerlei
Vorteile und Freundlichkeiten genossen, hat zum Entgelt der Doktorin
allerlei Besorgungen zu machen[265].
Aber das Beste that doch Frau Käthe selber: Sie züchtete und mästete
Tiere, melkte und schlachtete, gewann Butter und Honig, Käse und Eier;
sie pflanzte Obst und Früchte, Gemüse und Würzkräuter; sie baute
Getreide, buk Brot und braute das Bier für den großen Haushalt, so daß
das kleine Söhnchen, als Luther es einmal fragte, wie viel Kostgeld es
eigentlich zahlen müßte, sagen konnte: „Ei Vater, Essen und Trinken
kauft Ihr nicht; allein Aepfel und Birnen“, meinte der Kleine, „gestehen
viel Geld“[266]. Für Obst konnte also Frau Käthe damals nicht aufkommen,
weshalb sie dann auch endlich den Ankauf des Baumgartens von Bildenhauer
betrieb. Ebenso trachtete sie nach den Hufen und dem Hopfengarten, so
daß nach den großen Ankäufen von 1536 die schweren Haushaltsausgaben
geringer wurden und die Posten „Gieb Geld“ immer weniger. Hatte Luther
am Anfang seiner Ehe den Stoßseufzer gethan: „Der Herr, der meine
Unvorsichtigkeit straft, wird mich wieder erlösen“ — von den Schulden,
so kann er am Ende derselben in seinem sogenannten „Testament“ (1542)
schreiben: „Ich habe von meinem Einkommen und Geschenken so viel gebaut,
gekauft, große und schwere Haushaltung geführt, daß ich's muß neben
anderm selbst für einen sonderlichen, wunderlichen Segen erkennen, daß
ich's habe können erschwingen.“ Das „andere“ neben dem göttlichen Segen,
war eben das haushälterische Talent seiner Gattin; sie hatte ihn von
seinen Schulden wieder erlöst, ja das Weib hatte nach seinem Spruch den
Mann „reich“ gemacht. Und so bezeugt er ihr mit „seiner Hand“ im
Haushaltungsbuch: „Was sie jetzt hat, das hat sie selbst gezeuget
(errungen) neben mir“[267].
Ein Vermögen zu erwerben oder gar reich zu werden, daran dachte Luther
nicht, ja er wollte es nicht. „Mir gebühret nicht als einem Prediger,
Ueberfluß zu haben, begehre es auch nicht“, erklärte er. Ihm dünkte,
„daß das lieblichste Leben sei ein mittelmäßiger Hausstand, Leben mit
einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Fried und Einigkeit und
sich mit wenigem lassen begnügen“[268].
Ja nicht einmal für seine Kinder gedachte er ein Vermögen anzulegen. Er
segnete seiner Kindlein eins, das eine Muhme auf dem Arme trug und
sprach: „Gehe hin und bis fromm. Geld will ich Dir nicht lassen, aber
einen reichen Gott will ich Dir lassen. Der mir Dich nicht versäume. Bis
nur fromm! Da helf Dir Gott zu.“ Und als ihn jemand ermahnte, er möchte
wenigstens zum Besten seiner Familie ein kleines Vermögen sammeln, da
gab er zur Antwort: „Das werde ich nicht thun; denn sonst verlassen sie
sich nicht auf Gott und ihre Hände, sondern auf ihr Geld“[269]. Diesen
doch wohl allzu theologischen, ja mönchischen Standpunkt ergänzte der
praktisch nüchterne Sinn Katharinas, welche gerade darauf aus war, ihren
fünf noch unversorgten Kindern ein Erbe zu erwerben; denn sie erkannte
besser als wie Luther, daß nach dessen Tod die Gebefreudigkeit der
Fürsten und Freunde wohl abnehmen werde mit dem Wegfall der großen
Vorteile, welche der lebendige Reformator seinem Land und seiner Stadt
und seinen Freunden verschaffte. So brachte sie es in der That zuwege,
daß den Kindern doch ein ganz ansehnliches Familiengut übrig blieb[270].
„Das Lob eines tugendsamen Weibes“ — nicht nur in der Bibel hat es
Luther übersetzt, sondern auch bei Tisch und sonst oft angeführt und auf
seine Käthe bezogen, so daß es — erweitert mit Zusätzen — unter den
Tischreden steht, wie ein Lob auf seine Hausfrau: „Der Mann verläßt sich
auf sie und vertraut ihr altes. Da wird's an Nahrung nicht mangeln. Sie
arbeitet und schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist wie
ein Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel War' und Gut bringt.
Frühe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und giebt den Mägden ihr
beschieden Teil. Sie denkt einem Acker nach und kauft ihn und lebt von
der Frucht ihrer Hände. Sie verhütet Schaden und siehet, was Frommen
bringt. Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist“[271].