M. LutheR“[231].

Ja noch zu Wittenberg war Käthe mit ihren Gedanken oft abwesend auf

ihrem Lieblingssitz, so daß ihr Gemahl adressiert: „Der reichen Frauen

zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katharin Lutherin, zu Wittenberg leiblich

wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen.“ Auch

Luther hielt sich manchmal in dem stillen Oertlein zur Erholung auf und

sendet von hier Briefe und Grüße „von meinem Käthe und Herrn zu

Zulsdorf“[232].

Wohl weil Zulsdorf zu weit abgelegen und zu wenig einträglich war, so

wandte in den letzten Jahren Frau Katharina ihre Augen auf das Gut

Wachsdorf bei Wittenberg, eine Stunde davon, jenseits der Elbe auf

fruchtbarem Boden gelegen, mit Hochwald umgeben; freilich etwas sumpfig.

Es gehörte des † Dr. Sebald Münsterers Kindern und war der Erbteilung

wegen käuflich. Aber es wurde nichts daraus; namentlich hintertrieb der

Kanzler Brück die Erwerbung.

Auch der Doktor war mit dieser großen Ausdehnung der Wirtschaft nicht

mehr recht einverstanden, obwohl er den Hausspruch: „Eigen Wat gut ist

dat“ sehr wohl kannte und anerkannte und sagte, alles Gute im Ehestand

sei eitel Segen Gottes was niemand erkenne, „als der Gott fürchtet und

alles auf dem Markte kaufen muß.“ Er konnte sich in diese Haushaltung

nicht richten; er meinte, daß die Sorge und Geschäftigkeit um den großen

Haushalt sie abziehe, in stiller, gemütlicher, geistiger Weise sich

selbst zu leben und ihm und ihren Kindern. Auch klagte er gelegentlich

über die vielen Dienstboten, welche in dem weitläuftigen Hauswesen nötig

waren; so schon 1527 waren mehrere Mägde da, 1534 ein Kutscher, später

sogar ein Schweinehirt. Er meinte: „Ich habe zu viel Gesinde.“ Mehr

Dienstboten als heutzutage waren ja auch in diesen Zeiten üblich und

möglicherweise ist hierin Frau Käthe etwas weiter gegangen, was wohl mit

der zahlreichen Gesindeschar im Klosterleben zusammenhängen mochte[233].

Aber es ist doch begreiflich, daß die Frau Doktorin darauf bedacht

war, ihre Wirtschaft zu erweitern. Es war nicht allein die

unternehmungslustige Thatkraft der energischen Frau, welche Neues

schaffen und ein großes Bereich beherrschen wollte, es war auch die

Sorge um die Bedürfnisse des großen Haushaltes selbst, es war aber ganz

besonders das Streben, die ökonomische Zukunft der nicht kleinen Familie

für das Alter, namentlich aber für die eigene Witwenschaft und das

Waisentum ihrer fünf Kinder, zu sichern, indem sie das in Luthers Händen

gefährdete flüssige Geld in festes Gut umwandelte.

So bestand am Ende der gesamte Besitz der Lutherischen Familie aus einem

Landgut, dem großen und kleinen Haus, dem Klostergarten, dem

„Baumgarten“ auf dem Saumarkt, dem Hopfengarten an der „Specke“ und zwei

Hufen Landes. Das war ein ziemlich umfangreicher Besitz, der neben der

großen und weitläufigen Haushaltung gar viel Unruhe verursachte und viel

Zeit und Arbeit kostete, so daß man kaum begreift, woher Frau Käthe nur

die Zeit nahm, um das alles zu besorgen und zu übersehen. Und wir

verstehen, daß es ihr manchmal zu viel wurde und sie dem heftigen,

ungeduldigen Mann manchmal nicht rasch genug nachkommen konnte, so daß

er klagt: „Ich bin unter einem unglücklichen Stern geboren, vielleicht

dem Saturn; was man mir thun und machen soll, kann nimmermehr fertig

werden; Schneider, Schuster, Buchbinder, mein Weib ziehen mich aufs

längste hin.“ Aber er muß in derselben Zeit auch die vielgeplagte Frau

noch entschuldigen, wo sie ein Kind an der Brust und eins unter dem

Herzen nährte: „Es ist schwer zwei Gäste zu nähren, einen im Haus und

den andern vor der Thüre.“ Und er erkennt ihre Anstrengungen und Sorgen

auch an: „Mein Wolf hat's besser denn ich und meine Käthe“[234].

Die Frau Doktorin war aber auch ein gar fleißiges Weib. Sie hat in ihrem

Bereich ebenso gewaltig und unermüdlich geschafft und geschaffen, wie

der Doktor in dem seinigen.

Freilich schon morgens um 4 Uhr im Sommer, um 5 Uhr im Winter, oft auch

noch früher, stand sie auf, und darum wohl sagte ihr Gatte und ihre

Mitbürger: „Käthe von Bora ist der Morgenstern von Wittenberg.“ Und so

stand sie an der Arbeit bis abends um 9 Uhr, wo der Doktor unerbittlich

zum Schlafengehen drängte. Freilich hatte sie einen kräftigen,

leistungsfähigen Körper und war, im Gegensatz zu ihrem viel kränklichen

Mann, so gesund, daß fast niemals von einer Erkrankung Meldung

geschieht. Es ist nur einmal die Rede davon, daß sie eines Abends

schwach wurde und ein Fieber bekam, so daß ihr Gatte in Angst geriet und

sagte: „Liebe Käthe, stirb mir ja nicht.“ Ein andermal, da D.M. Luther

mit etlichen über Tische redete, ging sie in die Kammer und fiel in

Ohnmacht. Aber das war alles vorübergehendes Unwohlsein. Nur _eine_

Krankheit machte sie durch infolge einer Frühgeburt; sonst scheint sie

gesund gewesen zu sein bis ins Alter[235].

Doch nicht nur unermüdliche Geschäftigkeit war Käthes Tugend, sondern

sie verstand es auch, das Hausregiment zu führen in Küche und Keller, im

Brauhaus und Backhaus, in Garten und Feld, in der Kinder- und

Gesindestube, als Mutter und Gattin, als Wirtin und Herrin, als

„Predigerin, Bräuerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann“, und mit

Bezug auf sie, die Hausregentin und „Küchenmeisterin“, schrieb Luther an

den Rand seines Hausbuches:

„Der Frauen Augen kochen wohl

Mehr denn Magd, Knecht und Feuer und Kohl“[236].

Freilich Luther selbst war nicht weniger arbeitssam, auch mit

körperlicher Beschäftigung; namentlich in den ersten Jahren: er gärtelte

gern und viel, grub, säete, pfropfte; er drechselte auch auf seiner

eigenen Drehbank. Beides sah gewiß Frau Käthe gern, nicht nur, weil es

manchen Tagelohn und Handwerksmann ersparte, sondern weil es auch

Luthers Gesundheit zuträglich war. Weniger Gefallen hatte sie an seiner

aus der Junggesellenzeit herübergenommenen Neigung, seine Kleider selber

zu flicken. Der Doktor that sich auf diese Kunst viel zu gut und dünkte

darin sich geschickter, wie die deutschen Schneider, welche keine

gutsitzenden Hosen fertig brächten. Da fand Frau Käthe eines Tags zu

ihrem nicht geringen Staunen und Verdruß ein Paar Hosen ihres Buben, aus

denen ein Stück herausgeschnitten war: und als sie nachfragte, hatte der

Herr Gemahl den Flicken zum Ausbessern seiner eigenen Hose

verwendet[237]! —

Es war ein arbeitsseliges Haus, die ehemalige Stätte der

Beschaulichkeit. Droben in der Studierstube der große Doktor, der mit

emsiger Gewissenhaftigkeit und dem angestammten Fleiß eines Bauernsohnes

seine Zeit auskaufte für die geistliche Haushaltung der Kirche; und

unten die wirtliche Hausfrau, die in echter deutscher Geschäftigkeit und

Treue sich ihrem Hause widmete, dem Gatten und den Kindern, dem Gesinde

und den Freunden, und deren Stolz und Ruhm es war, alles zu können und

alles zu thun.

So waltete Frau Käthe in ihrer „Wirtschaft“.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 34 / 92 题