„Es war Wittenberg bis daher eine arme, unansehnliche Stadt mit kleinen
alten häßlichen, niedrigen hölzernen Häuslein, einem alten Dorfe
ähnlicher als einer Stadt. Aber um diese Zeit kamen Leute aus aller
Welt, die da sehen, hören und etliche studieren wollten.“ Da wurde nun
freilich gebaut und gebessert. Aber in dem kleinen Städtchen mit seinen
paar tausend Einwohnern und ebensoviel Studenten waren die alltäglichen
Bedürfnisse nicht gar leicht zu bekommen. Melanchthon schon beklagte
sich bei seiner Uebersiedlung nach Wittenberg, daß da nichts Rechtes zu
bekommen sei und Luther schreibt selbst: „Es ist unser Markt ein Dr.
...“ Dazu war es teuer genug. Und so mußte Frau Luther nicht nur einen
Kasten, einen Pelzrock für die kleine Margarete nach angegebenem Maß von
auswärts bestellen, sondern allerlei Bedürfnisse, Sämereien, Stecklinge,
sogar Borsdorfer Aepfel, ja Butter und Käse mußte sie von weither aus
Pirna durch den dortigen Pfarrer Lauterbach oder von Erfurt und Nürnberg
kommen lassen[215].
Als Käthe für Luthers Großnichte die Hochzeit ausrichten sollte (Januar
1542), mußte ihr Gatte an den Hof nach Dessau um Wildbret schreiben.
„Hie ist wenig zu bekommen, denn die Menge (der Einwohner) und viel mehr
die Aemter und Hoflager haben schier alles aufgefressen, daß weder
Hühner, noch ander Fleisch wohl zu bekommen, daß, wo es fehlet (am
Wildbret) ich mit Würsten und Kaldaunen muß nachfüllen.“ Natürlich mußte
sie auch Mehl kaufen, während Landpfarrer solches zu Kauf anboten, und
Frau Käthe konnte es sehr verdrießen, wenn ein solcher ihr, weil sie die
Frau Doktorin war, für den Scheffel neunthalb Groschen forderte, also
mehr als die Bauern. Und ebenso vermerkte sie übel, daß die Wittenberger
drei Pfennig für ein Kandel Bier begehrten[216].
Wie alle Stadtbewohner des Mittelalters, auch die Professoren, Jonas,
Melanchthon u.a.[217], so strebte darum auch Frau Katharina nach
liegenden Gründen; als ehemaliges Edelfräulein und Klosterfrau hatte sie
ohnedies eine besondere Neigung zum Grundbesitz, und auch Luther hatte
seine Freude wenigstens an der Natur und der Landwirtschaft. So hielt
man es auch für die sicherste Anlage und eigentliches Erbe für die
Nachkommen, „Feld und Gut zu hinterlassen“, und auch Frau Käthe „hoffte
zu Gott, er werde ihren Kindern, so sie leben und sich frommlich und
ehrlich halten werden, wohl Erbe bescheren“[218]. Freilich ist der Boden
auf dem rechten Elbufer, wo Wittenberg liegt, wie Luther klagt, drei
Meilen herum, sandige und steinige Heide, so daß bei windigem Wetter
nach dem Witzwort 99 Prozent Landgüter in der Luft herumfliegen. Er
fuhrt den plattdeutschen Spruch im Mund:
Ländicken, Ländicken
Du bist ein Sändicken!
Wenn ik dik arbeite,
So bist du licht (leicht);
Wenn ik dik egge,
So bist du schlicht;
Wenn ik dik meie (mähe),
So find ich nicht (nichts).
Ueber diese Wittenberger Gemarkung bemerkte er gegenüber der seiner
Heimat: „In dieser unserer Gegend, welche sandig ist, giebt die Erde in
mittleren Jahren für einen Scheffel 7 bis 8, in Thüringen meist 12 und
mehr“[219]. Dennoch erwarben die Luthers bald mehrere Grundstücke, zwei
Hufen und zwei weitere Gärten.
Schon 1531 kaufte Käthe einen Garten, wie Luther sagte „nicht für mich,
ja gegen mich“. Es ist wohl derselbe, dessen Kauf sie „mit Thränen“
durchsetzte, so daß er seinem Freund und ehemaligen Mitbruder Brisger
sein Häuschen nicht abkaufen, ihm auch kein Geld leihen konnte. Dieser
Garten, an der Zahnischen Straße gelegen, wurde, scheint es, später
veräußert; dafür wurde (um 1536) von Claus Bildenhauer für 900 fl. ein
größerer „Baum-Garten“ mit allerlei Gebäulichkeiten und einem
angestrichenen Zaun erworben. Einer dieser Gärten lag vor der Stadt an
dem „Saumarkt“; deshalb adressiert Luther Briefe an die „Saumärkterin“,
„auf dem Saumarkt zu finden“[220]. Hier floß die „Rische Bach“ und
speiste wohl die „Fischteichlein“, welche Frau Käthe mit allerlei
Fischen, sogar mit edlen Forellen besetzte. Am Hause wurde ferner im
selben Jahre (1536) ein Garten mit Bäumen angelegt, der 400 fl. kostete.
Für den Famulus Wolf wurde um 20 fl. ein Gärtlein gekauft, wo er
wahrscheinlich seinen Vogelherd anlegte, mit dem ihn Luther
verschiedentlich neckt. Ferner wurden einige Hufen gekauft am
„Eichenpfuhl“[221].
Zwei Jahre vor Luthers Tode kam endlich noch zu Frau Käthes Wirtschaft
um 375 fl. ein Hopfengarten hinzu, der „an der Specke“, einem
Eichwäldchen auf der nahen Gemarkung des Dorfes Lopez, gelegen war, wo
die Studenten gerne lustwandelten und auch manchen Unfug trieben. Aus
diesem Garten gewann die Frau Doktorin ihren Hopfenbedarf für ihr
Klosterbräu[222].
So schaltete und waltete Frau Käthe im Haus und in ihren Gärten und
Hufen als „Küchenmeisterin“, „Bäuerin und Gärtnerin“, fuhrwerkte, baute
Aecker, kaufte Vieh, weidete Tiere u.s.f. Besonders verlegte sie sich
mit ihrem Gemahl auf die Obstzucht: Kirschen, Pfirsiche, Nüsse, Apfel,
Birnen erntete die Doktorin. Auch mit Rebbau gab sie sich ab, und ihr
Faktotum Pfarrer Lauterbach mußte ihr aus Pirna dazu die Pfähle, allein
10 Schock d.h. 600 Stück, besorgen; freilich wurde aus den Trauben nicht
Wein bereitet, sondern sie dienten zur Nachkost auf der Tafel. Selbst
mit Feigen- und Maulbeerbäumen versuchte sie sich. Und als Gemüse
pflanzte sie nicht nur die einheimischen: Kraut, Erbsen und Bohnen,
sondern auch Gurken, Kürbisse und Melonen, wozu Link aus Nürnberg die
Samenkerne schickte. Mit Erfurter Riesenrettichen wollte Luther seine
Freunde nicht nur in Erstaunen setzen, sondern sie auch selbst gezogen
haben. Frau Käthe war sehr unglücklich, wenn Ungeziefer ihr das Gemüse
schädigten: „denn Raupen im Kohl und Fliegen in der Suppe — ein sehr
nützlich und lieblich Vieh!“ hieß es da. Aber noch ärger war ihr's, wenn
Studenten, Spatzen und Dohlen ihr in die Gärten einfielen, und ihr
Gemahl hätte gern ein strenges Edikt „gegen die unnützen Sperlinge und
Krähen, Raben und Spechte erlassen, welche alles verderben“[223].
In einem der Gärten waren Bienenstöcke, vor welchen der grübelnde Doktor
das wunderbare Treiben der fleißigen Tierlein belauschte, die praktische
Hausfrau aber den süßen Ertrag berechnete für Met, Süßwein und
Honigkuchen. Im großen Garten draußen vor der Stadt, hatte Frau Käthe
ihre Fischteichlein, worin sie Hechte und Schmerle, Kaulbarsche und
Karpfen, sogar Forellen zog und von denen sie bei guter Gelegenheit
etliche „gesotten auf den Tisch brachte und mit großer Lust und Freude
und Danksagung davon aß“, und sie hatte „größere Freude über den wenigen
Fischen, denn mancher Edelmann, wenn er etliche große Teiche und Weiher
fischet und etliche hundert Schock Fische fähet“[224].
Mit diesen Gärten waren aber die Gütererwerbungen der Lutherischen
Familie noch nicht abgeschlossen. Zunächst kam ein unwillkommener Erwerb
hinzu, den Luther aus Gefälligkeit übernahm. Es war das kleine Haus
„Bruno“, eine „Bude“ ohne Gerechtigkeiten und Zubehör an Garten,
unmittelbar neben dem Kloster, aber vorn an der Kollegiengasse gelegen.
Das hatte Luthers letzter Klosterbruder Brisger für sich bauen lassen,
dann aber bei seinem Wegzug dem Pfarrer Bruno Brauer zur Verwaltung
gegeben und Luther oft angeboten; dieser konnte es aber wegen anderer
Käufe nicht erwerben, auch forderte Brisger, der von seiner katholisch
gebliebenen Mutter enterbt wurde und, scheint es, in Geldbedrängnis war,
einen zu hohen Preis (440 fl.). Endlich kaufte es Luther als Lehen für
seinen Diener Wolf Sieberger bezw. als Leibgedinge für seine Gattin,
mußte aber den Kaufschilling völlig schuldig bleiben. Der Besitz dieses
Hauses war unwillkommen, weil es erst wieder vermietet werden mußte und
mehr Sorgen als Ertrag brachte; es kostete 250 fl. und mußte noch um 70
fl. „geflickt“ werden[225].
Der Sinn von Frau Käthe stand viel mehr auf landwirtschaftliche
Besitztümer, weil diese ihrer nutzbringenden Thätigkeit mehr
entsprachen. So bekam sie nach einem großem Pachtgut Verlangen, um
daraus ihre großen häuslichen Bedürfnisse zu beschaffen; sie wollte
nicht abhängig sein von den teuren Lieferanten und störrischen Bauern,
welche manchmal eine künstliche Teuerung veranlaßten. So hatte sie schon
1536 ihren Gevatter, den Landrentmeister Hans von Taubenheim, um
Ueberlassung eines günstig gelegenen Gutes, Booß, gebeten, hatte es aber
nicht bekommen. Drei Jahre später fing sie aufs neue Verhandlungen mit
Taubenheim an. Ihr Brief lautet in der ursprünglichen Schreibweise so:
„Gnad vnd fride yn Christo zuuor, gestrenger, ernuester, lieber herr
geuatter. Euch ist wol wissentlich, wie ich E.g. vngeferlich fur dreyen
jaren gebeten, daß myr das gut „_Booß_“ myt seynen zugehorungen vmb
eynen gewonlichen zynß zu meyner teglichen hawßhaltung wie eynem andern
mochte gelassen werden, als denn auch meyn lieber herr bey doctor
Brug[226] diselbige zeyt deshalben hat angeregt; ist aber dasselbig mal
vorblieben, daß ichs mecht bekommen, vylleycht daß doselbst nicht loß
ist gewesen von seynem herrn, der es vmb den zynß hat ynnen gehabt. Ich
byn aber unterrichtet, wie der kruger von Brato, welcher es dysse zeyt
ynnengehabt, soll iezund solch gut loßgeschrieben haben, wo solchs also
were, ist meine freuntliche bytte an Euch also mynen lieben gevattern,
wollt myr zw solchem gut fodderlich seyn vmb denselbigen zynß, ßo eyn
ander gybt, wyll ichs von herczen gerne annehmen vnd die zynße deglich
an zwen orth vberychen. Bitte gancz freuntlich, e.g. wolde myr Ewer
gemueth wyder schreyben vnd das beste rathen yn dyssem fall vnd
anzceygen, wo ich etwas hyrin vnbyllichs begert vnd woldet denen nicht
stadgeben myt yrem argkwone, alß ßolde ich solchs gut fur mich odder
meyne kinder erblich begeren, welche gedanken yn meyn hercz nie kommen
synd. Hoffe zu gott, er werde meynen kindern, ßo sie leben vnd sich
fromlich vnd ehrlich halten wurden, wol erbe beschern, bytte alleyne,
das myrs ein jar odder zwey vmb eynen zymlichen geburlichen zynß mochte
gelassen werden, damyt ich meyne haushaltung vnd vyhe deste bek(w)emer
erhalten mochte, weyl man alles alhier vfs tewerst kewfen muß vnd myr
solcher ort, der nahe gelegen, ßer nuezlich seyn mochte. Ich habe meynen
lieben herrn iczt yn dvßer sachen nicht wollen beschweren, an Euch
zuschreyben, der sunst vyl zu schaffen, ist auch on noth, daß E.g.
solchs meyn antragen ferrer an ymandes odder an m. g'sten herrn wolde
gelangen lassen, ßunder ßo Ir solche myne bytte fur byllich erkennet,
daß Irs myt dem schoßzer zw Seyda bestellen wolt, daß myr solch gut vmb
eynen geburlichen zynß wie eynen andern mochte eyngethan werden. Domyt
seyet gott bepholen. Gegeben zu Wyttembergk, Montag nach Jubilate ym
1539. jhare.
Catherina Lutherynu“[227].
Wiederum wurde aus der Pacht nichts. Dagegen kam Frau Käthe im folgenden
Jahre unverhofft zu einem eigenen Hofgut, das sogar ihr persönlich als
Leibgeding gehörte und ihr um so werter sein mußte, als es der letzte
Rest von dem Erbgut der Bora war, welches sonst der Familie anscheinend
vollständig abhanden gekommen war.
Es war das Gütchen Zulsdorf, das ihr Bruder Hans vor sieben Jahren
übernommen hatte, aber trotz der Mitgift der Witwe Apollonia von
Seidewitz, die er geheiratet hatte, nicht halten konnte, oder das zu
gering war, um ihn selbst zu ernähren. Es war freilich weitab von
Wittenberg gelegen, wohl zwei Tagereisen; aber es zog sie doch hin nach
dieser ihrer mutmaßlichen einstigen Heimat und ihrem künftigen
Witwensitz. So wurde Frau Käthe die Nachbarin von Amsdorf, dem Bischof
von Naumburg, dem sie jetzt ihren Gruß entbietet als „gnädigem Nachbar
und Gevatter“. Ihr Gemahl that alles, „um die neue Königin würdig in ihr
Reich einzusetzen“ und titulierte sie seitdem als die „Zulsdorferin“,
„die gnädige Frau von Zulsdorf“, oder „Ihro Gnaden Frau von Bora und
Zulsdorf“[228].
Hier in ihrem, „neuen Königreich“ und Sondereigentum konnte ihr
unternehmender thatkräftiger Geist so recht nach Behagen schalten und
walten und ein Neues pflügen und schaffen. Denn das Gütchen war
verlottert, das Land eine „wüste Mark“, die Gebäulichkeiten baufällig.
Sie riß nieder, baute, besserte, fuhrwerkte und nahm dabei, wie gewohnt,
auch die Hilfe der Freunde ihres Hauses in Anspruch: der Herr von Ende
mußte ihr Hafer und Saatkorn liefern, der von Einsiedel Wagen stellen,
Spalatin ihre Fuhrleute beherbergen. Sie steckte viel Geld hinein, der
Kurfürst gab ihr Eichenbalken und anderes Holz und 600 fl.
„Begnadigung“, aber auch das reichte zum Schmerze Käthes nicht für
Reparatur und Zustandhaltung des heruntergekommenen Anwesens, so daß
Luther im ersten Jahr schreibt: „Sie verschwendet in diesem Jahr dort,
was erzeugt wurde“[229].
Dabei hatte die Doktorin allerlei Aerger und Mißgeschick: die
Eichenstämme, die ihr der Kurfürst aus dem Altenburger Forst angewiesen
und die Luther selbst ausgesucht hatte, ließ sie fällen, um sie in
Bretter schneiden zu lassen für ein Scheunlein. Als sie aber mit ihrem
Fuhrwerk kam, die Bäume abzuholen, waren sie vom Amtmann verkauft oder
unterschlagen. Und es mußte geklagt, von neuem petitioniert und
verhandelt werden, bis wieder Holz angewiesen war und Käthe die Fuhren
besorgen konnte. Weitere Unannehmlichkeiten erlebte die Gutsbesitzerin
mit den Anliegern von Zulsdorf, den Kieritzscher Bauern, welche ihr das
Weiderecht beeinträchtigten. So hatte sie im Jahre 1541 monatelang vorm
Amtmann Heinrich von Einsiedel zu Borna mit denen von Kieritzsch zu
prozessieren. Das Urteil des Kurfürsten fiel günstig für die
Lutherischen aus; sie „hätten in der Güte wohl mehr um Friedens und
guter Nachbarschaft willen eingeräumt“[230].
Trotzdem verleidete der Doktorin der Besitz nicht. Wochenlang,
namentlich wenn Luther verreist war, hielt sich Frau Käthe in ihrem
neuen Besitztum auf, so daß ihr der Gemahl manche Epistel dahin
schreiben mußte. So im Herbst (13. September) 1541, wo sie vielleicht
mit einigen Kindern Obsternte dort hielt. Da schreibt er: „Meiner lieben
Hausfrauen Käthe Ludern von Bora zuhanden.
G.u.F.! Liebe Käthe! Ich lasse hiermit Urban zu Dir laufen, auf daß Du
nicht erschrecken sollst, ob ein Geschrei vom Türken zu Dir kommen
würde. Und mich wundert, daß Du so gar nichts her schreibst oder
entbeutst, so Du wohl weißt, daß wir hie nicht ohne Sorge sind für euch,
weil Mainz, Heinz und viel vom Adel in Meißen uns sehr feind sind.
Verkaufe und bestelle, was Du kannst, und komme heim. Denn als mich's
ansieht, so will's Dreck regnen, und unsre Sünde will Gott heimsuchen
durch seines Zornes Willen. Hiemit Gott befohlen, Amen.
Sonntags nach Lamperti 1541.