Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.
Luther führte nach seiner Vermählung die junge Frau in seine Wohnung im
Augustinerkloster. Denn dies hatte ihm der Kurfürst Johann der
Beständige, der seit Mai seinem Bruder Friedrich dem Weisen gefolgt war,
unter der Bedingung des Vorkaufsrechts zur Verfügung gestellt.
Das „schwarze Kloster“ lag oben am Elsterthor, unmittelbar am Wall und
Graben, still und abgewandt von der Welt, von der Straße durch einen
großen Hof geschieden. Das dreistöckige Hauptgebäude gegen die Elbe zu
gelegen war die Behausung der Mönche gewesen und jetzt Luthers
Aufenthalt. In der westlichen Ecke nach Mittag gerichtet und mit
Aussicht auf die gelben Fluten des Stromes war Luthers Zelle, woraus er
„den Papst gestürmt hatte“: sie blieb auch jetzt seine Studierstube.
Dagegen richtete das Ehepaar nach dem Hofe zu, wo die Gemächer des
ehemaligen Priorats lagen, die geräumige Wohnstube ein, worin auch
gespeist und die Besucher empfangen und Gäste bewirtet wurden. Davor lag
ein kleineres Empfangszimmer mit Holzbänken. Die Decken der Gemächer und
bis zur halben Höhe auch die Wände des behaglichen Wohnzimmers waren mit
Holzgetäfel versehen, an den Wänden hin zogen sich Bänke, Pflöcke
darüber dienten zum Aufhängen von Geräten und Kleidern. Zwei große
Fenster mit Butzenscheiben schauten in den Klosterhof. Aber um
deutlicher zu sehen, waren kleine Schiebfenster angebracht, welche
klirrend geöffnet wurden, wenn dahinter etwas beobachtet werden sollte,
ein Besuch kam oder ging oder auf die Dienstboten und das Geziefer des
Hauses geachtet werden sollte. Dort in der Fensternische wurde ein
einfacher hölzerner Sitz aufgestellt mit einer Art Pult, der als
Nähtisch dienen mochte. Ein mächtiger Eichentisch auf Kreuzgestellen
stand in der Mitte und die eine Ecke füllte ein mächtiger Kachelofen.
Darum hieß die Wohnstube auch „das gewöhnliche Winterzimmer“. Es war
wohl noch von der Klosterzeit her bemalt. Wahrscheinlich befand sich
auch hier ein Bild der Maria mit dem schlafenden Jesuskind[140].
Hinter dieser Wohnstube war das Schlafzimmer und eine weitere Kammer,
von dieser wurde später eine Stiege mit einer Fallthüre in das
Erdgeschoß angelegt, auf der man in die Wirtschaftsräume drunten
gelangen und namentlich die Speisen von der Küche innerhalb des Hauses
heraufbringen konnte. Denn Küche, Dienstbotenzimmer und dgl. waren unten
im ehemaligen Refektorium[141].
Schon in diesem Jahre, 1525, schenkte der Stadtrat verschiedene Fuhren
Kalk, womit das Klosterhaus innen und außen, wenigstens teilweise,
getünscht werden konnte. Vielleicht geschah dies bereits in der
Zwischenzeit zwischen der Trauung und Heimführung, dieser zu Ehren, als
das Haus viele festliche Besucher aufnehmen mußte[142].
Die erste Ausstattung des Hauses wird dürftig genug gewesen sein, denn
Luther konnte bei seiner bekannten Freigebigkeit und Gastfreiheit mit
seinem Gehalt kaum für sich selbst bestehen, und obwohl der Kurfürst es
bei seiner Verheiratung auf 200 fl. aufbesserte, so waren daraus nicht
viel Anschaffungen zu machen, namentlich für ein so weitläuftiges
Gebäude. Die 100 fl., die der Kurfürst, und die 20 fl., die der Stadtrat
zur Hochzeit schenkte, gingen darauf für das kostspielige Festmahl. Der
Klosterhausrat, so weit er noch übrig und nicht weggeschleift war durch
allerlei unberufene Hände, war Luther von den Visitatoren geschenkt
worden. Aber es war geringfügig: Schüsseln und Bratspieße, einiger
sonstiger Hausrat und Gartengeräte — zusammen kaum 20 fl. wert. So
werden wohl die Freunde durch Hochzeitsgeschenke, die freilich in der
Regel aus silbernen Bechern bestanden, unmittelbar oder mittelbar dazu
beigetragen haben, die öden Räume des Klosters ein bißchen wohnlich zu
gestalten. Verwöhnt durch mannigfaltigen Hausrat war man damals
überhaupt nicht, und die zwei ehemaligen Klosterleute noch weniger. So
schenkte D. Zwilling von Torgau einen Kasten, der war aber bald so
lotter und wurmstichig, daß Frau Käthe kein Leinen mehr darin
aufbewahren konnte vor lauter Wurmmehl. Nach und nach kamen auch sonst
von auswärts allerlei Geschenke, sogar künstliche Uhren. Vom Stadtrat
wurde das junge Ehepaar ein ganzes Jahr lang mit Wein aus dem Ratskeller
freigehalten, brauchte aber nur (trotz vieler Gäste) für 3 Thlr. 4
Groschen 6 Pfennige. Auch schenkte die Stadt „Frau Katharinen Doktor
Martini ehelichem Weibe zum neuen Jahr (1526) ein Schwebisch“
(schwäbisches Tuch)[143].
Der einzige Mitbewohner und neben Luther letzte Mönch, der Prior Brisger
verheiratete sich gleich nach Luther und zog nach einiger Zeit in sein
neugebautes Häuschen, das neben dem Kloster, aber vorn an der Straße
gelegen war, dann auf die Pfarrei Altenburg. Von den alten
Klosterbewohnern blieb nur Luthers Famulus Wolfgang Sieberger im Hause,
der arm an Geld und Geistesgaben zwar zu studieren angefangen, aber es
nicht hatte fortsetzen und vollenden können, und besser zu einem Diener
taugte als zum Gelehrten, eine treue Seele, die von 1517 bis zu Luthers
Tod im Hause blieb und den Doktor nur um ein Jahr überlebte. Eine Magd
war auch da und andere folgten bald, als der Haushalt sich ausdehnte.
In diesem Hause nun gewöhnte sich das junge Paar zunächst einigermaßen
in Ruhe in den Ehestand und aneinander, und Luther schrieb da: „Ich bin
an meine Käthe gekettet und der Welt abgestorben“[144].
Es war dem 42jährigen Gelehrten, Junggesellen und ehemaligen Mönch im
ersten Jahre des Ehestandes ein seltsames Gefühl, wenn er jetzt
selbander bei Tische saß statt allein, oder wenn er morgens erwachend
zwei Zöpfe neben sich liegen sah. Aber auch der jüngeren Ehefrau, der
früheren Nonne mochte ihr neuer Stand seltsam dünken, hier im ehemaligen
Kloster, namentlich an der Seite des gewaltigen Mannes, der die
Weltordnung umgekehrt hatte und mit Papst, Kaiser, Welt und Teufel im
Kampfe lag[145].
Da saß Käthe in dieser ersten Zeit bei Luther hinten in seiner
Studierstube, von wo er mit dem Flammenschwert seiner Feder den Papst
gestürmt, sah ihn von Büchern umgeben, den Tisch mit Briefen und
Schriftbogen bedeckt, spann und horchte ihm zu und that auch Fragen nach
diesem und jenem. Ihre Fragen zeugten nicht immer von Welterfahrung und
theologischer Bildung. So ergötzte es den Gelehrten, als sie einmal
fragte: „Ehr Doktor, ist der Hochmeister in Preußen des Markgrafen
Bruder?“ Es war dieselbe Person. Luther weihte seine junge Frau bald in
theologische Fragen ein. Als ihm Jonas 1527 seine jetzige Ansicht über
Erasmus meldete, las er seiner Frau ein Stück des Briefes vor. Da sprach
sie alsbald: „Ist nicht der teure Mann zur Kröte geworden?“ Und sie
freute sich, daß Jonas nun die gleiche Ansicht mit Luther über Erasmus
hatte. Mit der Zeit erweiterte sich ihr Wissen, sie lernte in ihres
Mannes Haus, wo so viele Fäden der Kirchen- und Weltgeschichte
zusammenliefen und so viele bedeutende Männer, Gelehrte, Staatsmänner
und Fürsten einkehrten, die Weltdinge verstehen und lebte sich in die
theologische Gedankenwelt so ein, daß sie an den Tischreden lebhaften
Anteil nahm und auch Gelehrte durch ihren gesunden Menschenverstand und
ihr natürliches Gefühl mitunter in Verlegenheit brachte[146].
Frau Käthe hatte eine ziemliche Beredsamkeit, so daß Luther sie oftmals
damit neckte und sie einmal einem Engländer als Sprachlehrerin empfahl
oder auch davon redete, daß sie das Amen nicht finden könnte bei ihren
Predigten. Er sagt aus der Erfahrung von seiner Gattin: „Weiber reden
vom Haushalten wohl als Meisterinnen mit Holdseligkeit und Lieblichkeit
der Stimm und also, daß sie Cicero, den besten Redner, übertreffen; und
was sie mit Wohlredenheit nicht zu Wege bringen können, das erlangen sie
mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren, denn sie sind
viel beredter und geschickter von Natur zu diesen Händeln, denn wir
Männer, die wir's durch lange Erfahrung, Uebung und Studieren erlangen.
Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so taugen sie nichts.“[147]
Zur Abwechslung arbeiteten die jungen Eheleute auch in dem umzäunten
Klostergarten hinter dem Hause, worin auch ein Brunnen war. Da wurde
gegraben und gepflanzt und allerlei Kräuter, Gemüse und Obstbäume, aber
auch zierliche Sträucher und Blumen gepflegt. So konnte Luther schon im
folgenden Sommer Spalatin einladen: „Ich hab einen Garten gepflanzt,
einen Brunnen gegraben, beides mit gutem Glück. Komm, und Du sollst mit
Lilien und Rosen bekränzt werden.“ Auch zu dem „Lutherbrunnen“ vor dem
Elsterthore wandelten die Ehegatten hinaus, welchen der Doktor 1521
entdeckt hatte und 1526 fassen und mit einem „Lusthaus“ überbauen ließ,
in dem er manch liebes Mal in Muße mit seiner Frau und seinen Freunden
saß. Sonst ruhten die beiden unter dem Birnbaum im Klosterhofe, der
schon zu Staupitz' Zeiten manches ernste Gespräch vernommen[148].
Von dem jungen Ehepaar haben wir ein Bild aus der Werkstatt Kranachs.
Die junge Frau, mehr eine zarte als robuste Erscheinung, hat ein ovales
Gesicht mit feiner Hautfarbe, die Augenöffnung erscheint ein bißchen
„geschlitzt“, die Backenknochen, welche in einem anderen Käthe-Typus
sehr stark hervortreten, sind normal. Charakteristisch ist die volle
Unterlippe. Die Augenbrauen sind schwach und hoch gewölbt, das wenig
üppige feine Haar hat rötliche oder blonde Farbe und die mattblauen
Augen schauen verständig drein. Der Eindruck des ganzen Gesichtes läßt
nüchternen Ernst und eine gewisse zähe Energie erwarten[149].
Die Zeit der ersten Liebe schildert der Wittenbergische Doktor obwohl
„nicht von unmäßiger Liebesglut entflammt“, mit den gleichen Worten wie
unser moderner Dichter: „Die höchste Gnade Gottes ist's, wenn im
Ehestande Eheleute einander herzlich stets für und für lieb haben. Die
erste Liebe ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet und wie die
Trunkenen hineingehen; wenn wir die Trunkenheit haben ausgeschlafen,
alsdann so bleibet in Gottesfürchtigen die rechtschaffene Liebe, die
Gottlosen aber haben den Reuwel.“[150]
Freilich diese Zeit seines jungen Ehestandes ging dem Reformator weder
als müßig tändelnde Flitterwochen, noch als ein ungetrübtes Idyll dahin.
Dafür sorgte der Drang seines gewaltigen Werkes, wie der Haß seiner
Gegner. Und mindestens eben so schwer, wie er, hatte seine junge Gattin
unter den giftigen und schmutzigen Angriffen zu leiden, die sofort die
Heirat des Reformators und ehemaligen Mönchs mit der gewesenen Nonne
beleidigten.
Luthers Heirat mit Katharina war eine zu ungeheuerliche That in den
Augen seiner Zeitgenossen, als daß sie nicht das gewaltigste Aufsehen
erregen und auch zu den abenteuerlichsten Verdächtigungen Anlaß geben
mußten[151].
Schon sofort nach der Trauung hatte Luther um dieses Werkes willen
Schmähungen und Lästerungen zu ertragen. Und nicht nur von den Feinden.
Die Klüglinge „belächelten“ seine Ehe oder verdammten sie auch: „Die
Weltweisen, auch unter den Unserigen, sind heftig darüber erzürnt.“ Das
war nicht nur Dr. Schurf, sondern sogar sein naher Freund Melanchthon;
jener hatte gemeint, die ganze Welt, ja die Teufel würden darüber
lachen, und Luther würde sein ganzes Werk vernichten. Dieser mißbilligte
wohl die That an sich nicht, wohl aber, daß sie nicht opportun sei und
unbedachtsam geschehen, so daß die Feinde darin ihr großes Vergnügen
haben und lästern; er meinte auch, „Luther habe sich durch Nonnenkünste
fangen lassen und sei hereingefallen“[152].
So war es für die Eheleute schon ein Schmerz, daß der Hausfreund nicht
bei der Hochzeit war, ja nicht einmal dazu eingeladen werden konnte. Und
auf Luther mochte dies Verhalten der Freunde wenn auch nur zeitweilig
verstimmend und niederschlagend wirken. Da hatte Käthe wohl eine schwere
Aufgabe, ihn aufzurichten und zu ermuntern. Die anderen Freunde, seine
Gevattersleute Kranach vor allem, halfen dabei. Und schließlich mäßigte
auch Melanchthon seinen Verdruß, ja er tröstete Luther und beeiferte
sich, seine Traurigkeit und üble Laune durch Freundlichkeit und
fröhliche Unterhaltungen zu erheitern[153]. So kehrte Luthers Gemüt
wieder zur alten Lebhaftigkeit zurück. Schon drei Tage nach der Trauung
schreibt er an Spalatin mit bezug auf Schurfs Rede im alten Ton frohen
und getrosten Trutzes: „Ich habe mich durch diese Heirat so
geringschätzig und verächtlich gemacht, daß ich hoffe, es sollen die
_Engel lachen_ und die Teufel weinen. Die Welt mit ihren Klüglingen
kennet dies Werk nicht, daß es göttlich und heilig sei: sie nennen's an
meiner Person gottlos und teufelisch. Derohalben ich auch größeren
Gefallen daran habe, daß ihr Urteil durch meinen Ehestand verdammt wird,
so daß sich daran stoßen und ärgern die, so ohne Erkenntnis Gottes
mutwillig zu bleiben fortfahren“[154].
Viel ärger als die Freunde trieben's natürlich die Widersacher. Emser
verfertigte Spott- und Schmähgedichte, ja Eck gab ein ganzes Büchlein
von solchen Liedern auf Luthers Hochzeit heraus. Der Herzog Georg von
Sachsen, Luthers besonderer Feind, erließ ein Schreiben an Luther, worin
er ihn aufs heftigste schalt, und in einem Instruktionsschreiben zum
Speierer Reichstag (15. Mai 1526) an Otto von Pack beschimpft er ihn mit
der falschen Anschuldigung: „Es erscheint auch klärlich, indem Martinus
verworfen hat den Mönchsstand und so auch die Mönche aus dem Kloster zu
Wittenberg, daß er desto mehr Raum habe mit seiner Käthchen zu wohnen,
davon sich ein ganzer Konvent hat nähren mögen.“ Der theologische König
Heinrich VIII. von England, damals noch Defensor Fidei (Verteidiger des
römischen Glaubens) nachher Ritter Blaubart, fuhr in einem Briefe den
Reformator an: „Was? Du hast ihr nicht nur beigewohnt, sondern, was noch
unendlich fluchwürdiger ist, hast sie sogar öffentlich als Gattin
heimgeführt!“[155]
Diese Schriften — außer der Georgs — waren lateinisch und gingen
zunächst in die Gelehrtenwelt. Unter das Volk aber wurden ehrenrührige
Verleumdungen gegen die beiden Ehegatten gestreut. Der Humanistenkönig
Erasmus machte sich lustig, indem er mit schnödem Witze meint: wenn der
Antichrist ein Mönchs- und Nonnenkind wäre, müßte die Welt voll
Antichristen laufen; aber die Lüge von einem frühgeborenen Kinde hat er
mit boshafter Geflissentlichkeit in seinen Briefen an hohe Herren
verbreitet, bis er sie dann widerrufen mußte. Die Heirat Luthers ist dem
hochmütigen Humanisten aber immerhin eine Posse, mit der der gelehrte
Doktor den Philosophenmantel abgelegt und sich zu einem gewöhnlichen
Menschen erniedrigt hätte[156].
Aber noch näher trat der jungen Frau bald nach ihrer Heirat die
Schmähung. „Ein Bürgersweib Klara, Eberhard Lorenz Jessners eheliche
Hausfrau hat unnütze Worte gehabt und Herrn Dr. Luther und seine ehrbare
Hausfrau geschmäht und gescholten,“ freilich „auch des Pfarrers Eheweib
übel angefahren“ in Magister Joh. Lubecks Wirtschaft zu Wittenberg[157].
Endlich verfaßten zwei Leipziger Magister, Joh. Hasenberg und Joachim
von der Heidten (Miricianus), in Prosa und Poesie lateinische und
deutsche Sendbriefe und ließen sie drucken. Hasenbergs Schmähschrift
richtete sich „an M. Luder und seine uneheliche Gattin Catharina von
Bohra, damit sie entweder mit dem verlorenen Sohn sich bekehren und zur
Buße und Heiligkeit des Klosterlebens zurückkehren oder doch Luther
seine Nonne ihrem Bräutigam Christus und ihrer Mutter Kirche
zurückstelle“ bei Höllenstrafe. Heidten schrieb „Ein Sendbrieff Kethen
von Bhora, Luthers vermeynthem eheweib sampt einem geschenk freundlicher
Weise zuvorfertigt“. Die beiden jungen Menschen hatten die Frechheit,
diese Schriften durch einen eigenen Boten Luther und seiner Frau ins
Haus zu schicken, allerdings in der thörichten Hoffnung, wenigstens
Käthe von ihrem Manne abwendig zu machen und zur Rückkehr ins Kloster zu
bewegen.
Natürlich hatten diese beiden Schriften den entgegengesetzten Erfolg.
Luthers Diener trieben mit denselben ihren Spott, schickten sie den
„jungen Löffeln illuminiert (illustriert) im Hintergemach“ mit dem Boten
zurück und dazu ein viereckiges Täfelein, darauf waren die 6 Buchstaben
_ASINI_ (Esel) so verteilt, daß man sie von der Mitte aus gesehen, an
vierzig mal lesen konnte. Der ritterliche Luther aber nahm sich seines
Weibes an und ließ „Eine neue Fabel Aesopii vom Esel und Löwen“ mit
behaglichem Witze drucken und sandte sie an seinen Freund Link mit den
Worten: „Die Leipziger Esel haben meine Käthe mit albernen Schmähungen
verunglimpft; denen ist geantwortet worden, davon du hier vor Augen
siehst.“[158]
Zu den Beschimpfungen gesellten sich Gefahren. In der Nacht vor
Michaelis 1525 hatte Luther es gewagt, im Gebiete seines heftigsten
Widersachers, des Herzogs Georg von Sachsen-Meißen, dreizehn Jungfrauen
aus dem fürstlichen Kloster Freiberg entführen zu lassen. „Ich habe
diese Beute dem wütenden Tyrannen entrissen“, meldet er triumphierend
seinem Freund Stiefel. Darüber war natürlich Georg wütend, aber auch der
Adel zürnte über Luthers Gewaltthat — mußten doch die Angehörigen der
Nonnen durch ihren Austritt Vermögenseinbuße befürchten: sogar adelige
_Freunde_ der Reformation nahmen es Luther übel. Es wurden Drohungen
gegen ihn laut, und sein Leben stand in Gefahr, wenn er irgendwie einem
Haufen Reisiger oder Bauern in die Hände fiele, denn auch die Bauern
waren ihm ja seit dem Aufstand wenig günstig. Nun war Luther auf den 19.
November zu Spalatins Hochzeit nach Altenburg geladen, wo der ehemalige
Geheimschreiber des verstorbenen Kurfürsten jetzt Stadtpfarrer war.
Luther wollte durchaus zu des Freundes Ehrentag. Aber Käthe hielt ihn
zurück und beschwor ihn sogar mit Thränen vor der gefährlichen Reise.
Also daß ihr Gatte heldenmütig seines reformatorischen Befreieramtes
waltete und anderen armen Jungfrauen that, was ihr geschehen, und „dem
Satan diese Beute Christi abjagte“, das hinderte Frau Käthe nicht, aber
das setzte sie durch, daß er sich nicht ohne Not in Gefahr begab. Solche
Lebensgefahr mußte sie ja immer für ihren Gatten fürchten, auf welchen
wie auf einen Fürsten gar mancherlei Attentate geplant und versucht
wurden[159].
Dagegen ließ sie es Ende Februar des folgenden Jahres zu, daß Luther sie
nach Segrehna bei Kemberg begleitete. In diesem Dorfe hielt sich damals
der ehemalige Schwärmer, Bilderstürmer und Bauernagitator Karlstadt als
Bauersmann und Landkrämer versteckt. So viel Schmerzen und Sorgen ihm
auch Karlstadt gemacht, Luther hatte sich seines alten Amtsgenossen
angenommen und ihm Begnadigung beim Kurfürsten erwirkt. Und jetzt hatte
Karlstadt Luthers Gemahlin zur Gevatterin gebeten. Auch zu diesem
Liebesdienst war sie bereit, machte nicht nur selbst die beschwerliche
Reise, sondern ließ sogar ihren Gemahl mitfahren[160].
Schon in diesem Jahre gemeinsamen Lebens lernte Luther seine Gattin
besser verstehen, tiefer lieben und höher achten. Hatte er sie vor der
Hochzeit für stolz und hoffärtig gehalten, so schreibt er jetzt: „Sie
ist mir gottseidank willfährig, gehorsam und gefällig, mehr als ich
hätte hoffen können, so daß ich meine Armut nicht mit des Crösus
Reichtum vertauschen möchte.“[161]
Melanchthon hatte die Hoffnung ausgesprochen, Luthers Verheiratung werde
ihn gemessener machen, und sein ungestümes, derbes Wesen sänftigen. Das
dachte wohl auch der Erzbischof Albrecht, der durch seinen Kanzler
Rühel, Luthers Schwager, der Frau zwanzig Goldgulden als
Hochzeitsgeschenk reichen ließ, welche Katharina gern annahm, Luther
aber zurückwies. Erasmus glaubte auch bald die Bemerkung gemacht zu
haben, daß Luther milder geworden sei und nicht mehr so viel mit der
Feder wüte. Denn, setzt er in gewohnter spöttischer Weise hinzu: „nichts
ist so wild, daß ein Weib es nicht zähmt“[162].
Das wird ja im allgemeinen nicht abzustreiten sein. Und tatsächlich ließ
sich Luther — aber durch fürstliche Zurede — im versöhnlichen Tone gegen
Herzog Georg und König Heinrich VIII. hören — freilich ohne diese
dadurch versöhnlich zu stimmen: sie beuteten vielmehr seine Schreiben
aus, um ihn verächtlich zu machen. Aber in seinem reformatorischen Beruf
hat Käthe ihren Mann weder hindern können noch wollen[163].
Nicht einmal in den ersten Tagen seiner Heirat. Ja, Frau Käthe plante
wohl selbst mit ihm während der Vorbereitung zu ihrer Heimführung die
Befreiung der Freiberger Nonnen: die Einladung an Koppe zur Hochzeit
enthielt zugleich die Aufforderung zu diesem neuen, noch keckeren
Klosterraub[164]!
Und am Neujahrstag 1526 malte Luther aufs neue in einer Spottschrift
das Papsttum mit seinen Gliedern ab und schrieb dazu: „Es meinen
etliche, man solle nun aufhören, das Papsttum und geistlichen Stand zu
spotten. Mit denen halt ichs nit, sondern muß ihr einschenken, bis
nichts Verächtlicheres auf Erden sei, denn diese blutgierige
Isabel.“[165]