7. Kapitel.

Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.

Ein Jahr nach ihrer Vermählung am 7. Juni 1526, „da der Tag im Kalender

heißt Dat.“ (d.i.: Er giebt) schenkte Käthe ihrem Gatten ein Söhnlein,

das war, wie die Eltern mit Freuden sahen, gesund und ohne Fehl. Um 2

Uhr nachmittags kam es auf die Welt, schon um 4 Uhr wurde es nach

damaliger Sitte von Diakonus M. Rörer getauft. Taufpaten waren der

Superintendent D. Bugenhagen, der Propst Justus Jonas, Luthers Gevatter

L. Kranach, der Vizekanzler Baier und in Abwesenheit der Kanzler Müller

in Mansfeld. Eine der Patinnen war die Frau des Bürgermeisters Hohndorf.

Nach dem Großvater erhielt das Kind den Namen Johannes[166].

Hänschen blieb auch wohlauf, wennschon die Mutter das Stillen nur

langsam fertig brachte und das Kind die Milch schwer vertrug. Der Knabe

wird bald fröhlich und kräftig und ein homo vorax et bibax (starker

Esser und Trinker), lernt auf den Knieen rutschen; zu Neujahr 1527

bekommt er Zähne, lernt stehen und gehen und fängt an zu lallen und mit

lieblichen Beleidigungen alle zu schelten. Zur Belohnung für all diese

Künste schickt Jonas dem kleinen Hans einen „silbernen Johannes“, ein

Geldstück mit dem Bild des Kurfürsten[167].

Bald ist der Zweijährige gar stolz über eine Klapper, die er vom

Pfarrer Hausmann geschenkt erhielt (1528). Dieser Erstgeborene wird

jahrelang in jedem Brief erwähnt und muß immer und überall hin die

Freunde grüßen. Es ist ein herziges Bild, wenn der Vater von seinem

Söhnchen erzählt: „Wenn ich sitze und schreibe oder thue sonst etwas, so

singet er mir ein Liedlein daher, und wenn er's zu laut will machen, so

fahre ich ihn ein wenig an; so singet er gleichwohl fort, aber er

machet's heimlicher und mit etwas Sorgen und Scheu. Also will Gott auch,

daß wir immer fröhlich sein sollen, jedoch mit Furcht und Ehrerbietung

gegen Gott.“ Und wieder saß Hänschen am Tisch und lallete vom Leben im

Himmel, wie eine so große Freude da wäre mit Essen und Tanzen, da wäre

die größte Lust: die Wasser flössen mit eitel Milch und die Semmeln

wüchsen auf den Bäumen. Da freute sich der Doktor über das selige Leben

des Kindes[168].

Anderthalb Jahre blieb Hänschen allein, da folgte am 10. Dezember 1527,

während die Pest in Wittenberg und im Hause Luthers wütete, ein

Schwesterlein, Elisabeth. Jonas gratuliert dem Doktor dazu und scherzt

von seinem kleinen Söhnchen: „Mein Sohn begrüßt deine Tochter als seine

zukünftige Braut.“ Aber am 3. August des folgenden Jahres in der

gefährlichen Zeit des Zahnens starb das zarte Töchterlein und wurde in

großer Trauer auf dem Gottesacker vorm Elsterthore bestattet. Da erhielt

es einen (noch vorhandenen) kleinen Grabstein mit der lateinischen

Inschrift: „Hier schläft Elisabeth, M. Luthers Töchterlein.“ Schwer nur

trösteten sich die trauernden Eltern mit dem Gedanken: „Elisabeth ist

von uns geschieden und zu Christo durch den Tod ins Leben gereist.“[169]

Am 4. Mai des folgenden Jahres wurde ihnen Ersatz für Elisabeth in einem

zweiten Töchterlein: Magdalena. Amsdorf, der Magdeburger Superintendent

(Bischof), und Frau Goritzen, Gattin des Magisters und späteren

Stadtrichters in Leipzig, wurden Paten. Der Gevatterbrief an Amsdorf

lautet:

„Achtbarer, würdiger Herr! Gott der Vater aller Gnaden hat mir und

meiner lieben Käthe gnädiglich eine junge Tochter beschert: so bitte ich

Ew. Würden um Gottes Willen, wollet ein christlich Amt annehmen und

derselbigen armen Heidin christlicher Vater sein und zu der hl.

Christenheit helfen durch das himmlische hochwürdige Sakrament der

Taufe[170].

Der Gevatterinbrief lautet:

„Gnad' und Fried' in Christo! Ehrbare tugendsame Frau, liebe Freundin!

Ich bitt Euch um Gottes willen: Gott hat mir eine junge Heidin

bescheret, Ihr wollet so wohl thun und derselben armen Heidin zur

Christenheit helfen und ihre geistliche Mutter werden, damit sie durch

Euern Dienst und Hülfe auch komme aus der alten Geburt Adams zur neuen

Geburt Christi durch die hl. Taufe. Das will ich wiederum, womit ich

soll, um euch verdienen. Hiemit Gott befohlen. Amen. Ich hab selbst

nicht dürfen ausgehen in die Luft. Martinus Luther.“[171]

Als Magdalena heranwuchs, sah das Mädchen dem älteren Bruder Hänschen

„über die Maßen gleich mit Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen

Gesicht“, und war auch gutmütig und brav wie dieser. Diese zwei ältesten

Geschwister hingen auch sehr aneinander. Als Luther im folgenden Jahr

während des Augsburger Reichstags in Verborgenheit auf der Koburg weilte

und sich dort wie auf der Wartburg den Bart wachsen ließ, um sich

unkenntlich zu machen, da ließ Frau Käthe von dem kleinen Lenichen einen

Abriß in schwarzer Kreide oder Tusche machen, welches freilich etwas zu

dunkel geraten scheint, und sandte es ihm als Herzstärkung in seine

„Wüste“, wo der Doktor in Einsamkeit und Thatlosigkeit oft trüben

Gedanken nachhing, auch sich gar viel ärgern mußte über den Gang der

Dinge in Augsburg; auch war gerade sein Vater gestorben, der alte Hans

Luther, was den Sohn tief bewegte, denn er hing mit kindlicher Liebe und

Ehrfurcht an ihm. Da der Vater das Konterfei des Töchterchens zuerst

ansah, konnt' er sie nicht erkennen. „Ei“, sprach er, „die Lene ist ja

schwarz“. Aber bald gefiel sie ihm wohl und dünkte ihm je länger je

mehr, es sei Lenchen. Der Doktor hängte die Kontrefaktur gegen den Tisch

über an die Wand im Fürstenzimmer, wo er aß, und vergaß über die Maßen

viel Gedanken mit dem Bilde.“[172]

Das Mädchen wurde vom Vater anders behandelt als der Sohn. Dieser wurde

mit Ernst gezogen und Luther wollte, daß man ihm nichts lasse gut sein.

Aber mit seinem Töchterlein scherzte er mehr. Dagegen zog die Mutter

naturgemäß den Sohn vor, namentlich den erstgeborenen und suchte des

Vaters Strenge gegen ihn zu mildern[173].

Am Vorabend vor Luthers Geburtstag, den 9. November 1531, traf zu

Wittenberg im schwarzen Kloster wieder ein Sohn ein, der deshalb des

Vaters Namen erhielt. Als jetzt der jüngste wurde nunmehr er der

Liebling des Vaters. Denn, sagt dieser, „die Eltern haben die jüngsten

Kinder stets am allerliebsten. Mein Martinchen ist mein liebster Schatz,

denn solche Kinder bedürfen der Eltern Sorge und Liebe wohl, daß ihrer

fleißig gewartet wird. Hänschen und Lenchen können nun reden, bedürfen

solche Sorge so groß nicht.“[174]

Am Namenstag des folgenden Jahres meldet Luther dem Paten Martins, dem

gestrengen und ehrenfesten Joh. von Rindesel Kurf. Kämmerer: „Euer Pate

will ein thätiger Mann werden, er greift zu und will sein Sinnchen

haben.“[175]

Der Knabe war, scheint es, kränklich und ein kleiner Taugenichts, so daß

der Vater fürchtete, er möchte einmal Jurist werden[176]!

Dagegen war Hänschen ein stiller nachdenklicher Bursche, so daß der

Vater meinte: „Er ist ein (geborener) Theologe.“ Der jüngste Sohn Paul

aber, der am 28. Januar 1533 auf die Welt kam, ein kräftiger mutiger

Junge, schien sich zum Türkenkrieger zu eignen. Daran dachte der Vater

schon bei seiner Geburt und wählte ihm vielleicht deshalb einen Ritter,

Hans von Löser, Erbmarschall und Landrentmeister, zum Paten. Aber auch

der Herzog Joh. Ernst von Sachsen, ferner D. Jonas und die Frau des

Kaspar Lindemann standen bei Paul zu Gevatter[177].

In dem Gevatterbrief an Löser, der noch in der Nacht des 28. Januar 1533

geschrieben wurde, damit der Knabe nicht lange ein Heide bleibe und

schon zur Vesper getauft werde, heißt es: „Ew. Gestrengen wollen sich

demütigen Gott zu Ehren für meinen jungen Sohn förderlich und füglich

erscheinen, damit er aus der alten Art Adams zur neuen Geburt Christi

durch das hl. Sakrament der Taufe kommen und ein Glied der Christenheit

werden möchte, ob vielleicht Gott der Herr einen neuen Feind des Papstes

oder des Türken erziehen wolle.“[178]

Als Hans Löser zur Taufe kam, hat ihn Luther also empfangen: „Gott sei

Dank! Ich werde nicht ermangeln, Ew. Gestrengen in andern Sachen zu

dienen. Es ist heut ein junger Papst geboren worden; derohalben helfet

doch dem armen Schelm, daß er getauft werde.“ Das Kind wurde im Schlosse

in einem Becken getauft. Hernach hat Luther seinen Gevatter zu Gaste

geladen, da sie denn viel freundliche Diskurse geführt. Luther sagte:

„Ich habe meinen Sohn lassen Paul heißen, denn der hl. Paulus hat uns

viel große Lehren und Sprüche vorgetragen. Gott gebe ihm die Gnaden und

Gaben Pauli. Ich will, so Gott will, alle meine Söhne von mir thun: der

Lust zum Krieg hat, den will ich zu Hans Löser thun; der Lust zu

studieren hat, zu Jonas und Philipp; der Lust zur Arbeit hat, den will

ich zum Bauern thun“[179].

Als eine Art Nachkömmling wurde das um Weihnachten 1534 geborene jüngste

Kind angesehen, das nach Luthers (1531) verstorbenen Mutter Margareta

genannt wurde. Wenigstens sah der Vater voraus, daß er nicht so alt

werden würde, um sie zu versorgen. Darum schrieb er auch, als sie erst

vier Jahr alt war, ihrem Paten, dem Pfarrer Probst in Bremen: „Es grüßet

Euch meine Frau Käthe und Euer Patchen, mein Töchterlein Margaretchen,

der Ihr nach meinem Tode für einen feinen frommen Mann sorgen sollt. Ihr

habt sie zum Patchen gewählt, Euch befehle ich sie auch.“ Ein anderer,

sehr hoher Pate war der Fürst Joachim von Anhalt, der Luther das

„christliche Amt geistlicher Vaterschaft“ angetragen hatte und auch

übernahm[180].

Frau Käthe mußte die Kinder oft ihrem Vater bringen, auch ins

Studierzimmer, da koste er mit ihnen und machte seine sinnigen

Bemerkungen über Kindesnatur und Kindesleben; das zeige uns, wie's im

Paradies war und wie's im Gottesreich sein sollte. Der Vater schaute

aber auch mit Wohlgefallen zu, wie seine Käthe so freundlich mit ihrem

Martinchen redete und so viel Geduld und Erbarmen mit allen Kindern

hatte. Luther unterhielt sich mit ihnen übers Christkind, sah zu, wie

Martinchen eine Puppe als Braut schmückte und beschützte, freute sich,

wenn die Kinder sich zankten und schnell vertrugen als über ein Sinnbild

der Sündenvergebung der Gotteskinder; er sah, wie die Kinder um den

Tisch saßen und in freudiger Erwartung auf Pfirsiche und Birnen sahen,

die darauf lagen, oder den Ast Kirschen, den ihnen Jonas gebracht, und

sagte: „Wer da sehen will das Bild eines, der sich in Hoffnung freuet,

der hat hier ein rechtes Konterfei. Ach daß wir den jüngsten Tag so

fröhlich in Hoffnung könnten ansehen!“ Sein herziger Märchenbrief an

sein liebes Söhnichen von der Koburg, ist das schönste Zeugnis eines

kinderfreundlichen Gemütes. Von Koburg aus besorgte Luther seinem Haus

ein groß schön Buch von Zucker aus dem schönen (Märchen-)Garten in

Nürnberg. Auch sonst bringt er seinen Kindern von seinen Reisen immer

„Jahrmarkt“ mit. Regelmäßig auch sendet er aus der Ferne Grüße und Küsse

an Hänschen und Lenchen[181].

Die Gespielen der Lutherischen Kleinen waren Melanchthons und Jonas'

Kinder („Lippus“ und „Jost“ im Märchenbrief). Der Spielplatz war der

große Klosterhof; da tummelten sie ihre Steckenpferde und schossen mit

Armbrüsten, lärmten mit Pfeifen und Trommeln, tanzten oder „sprangen der

Kleider und des Baretts“; auch ein Hündlein durften die Kinder halten.

Später richtete der Vater Luther für sie und die andern jungen

Hausgenossen auch einen Kegelplan ein und sah zu, wie sie sich vermaßen,

zwölf Kegel zu treffen, wo doch nur neun auf dem „Boßleich“ standen, und

schließlich froh waren, eine nicht zu fehlen. Ja, er selbst maß sich hie

und da als ein Meister des Spiels mit ihnen, „schub einmal die Kegel

umbwärts, das andere Mal seitwärts oder über Eck“[182].

Aber Luther betete auch täglich den Katechismus mit seinem Sohn Hansen

und seinem Töchterlein Magdalene und die Kinder selbst mußten „bei Tisch

beten und herlesen“; und auch sonst waren sie von Vater und Mutter

angehalten zum Gebet für die Gönner und Schützer der Reformation, für

das Heil der Kirche und des Vaterlands. Martin und Paul hatten des

Vaters musikalische Anlagen geerbt und mußten nach der Mahlzeit — allein

oder mit andern — die liturgischen Gesänge der jeweiligen Kirchenzeit

vortragen. Auch die kleine Margarete lernte mit fünf Jahren schon mit

schöner Stimme singen: „Kommt her zu mir alle“ und anderes[183].

In ihren Kindern sahen die Eltern ihr höchstes Glück und ihren

schönsten Schatz. „Kinder binden, sie sind ein Band der Ehe und Liebe“,

pflegte Luther zu sagen. Er fand in ihnen seinen Trost und seine

Erholung von seinen Welt- und Kirchensorgen. „Ich bin zufrieden; ich

habe drei eheliche Kinder, die kein papistischer Theolog hat, und die

drei Kinder sind drei Königreiche, die habe ich ehrlicher und erblicher

denn Ferdinandus Ungarn, Böhmen und das römische Reich“[184].

Freilich, was für den Vater in seinen Mußestunden und bei Tisch eine

Freude und Erholung war, das brachte der Mutter Arbeit, Sorge und

Schmerzen. Es war doch keine Kleinigkeit für die vielbeschäftigte

Hausfrau in acht Jahren sechs kleine Kinder zu haben, zu pflegen und zu

erziehen — denn auf ihr lag doch das Hauptgeschäft der Erziehung. Und

ihr Gatte sah das ein und bemerkte einmal, daß nur unser Herrgott sich

von seinen Menschenkindern mehr gefallen lassen müsse als eine

Mutter[185].

Da war es denn ein großer Segen, daß Frau Käthe in ihrem Hause eine

Stütze fand an ihrer Tante, _Magdalene von Bora_.

Diese war bald nach ihrer Nichte selber aus Nimbschen entwichen und

wohnte jetzt im schwarzen Kloster in einem besonderen Stüblein. Sie war

als „Muhme Lene“ der gute Hausgeist, die echte und rechte Kindertante in

der Lutherischen Familie. Als Siechenmeisterin hat sie sich ja zum

Warten und Pflegen schon im Kloster ausgebildet. Und so wartete und

hütete sie die kleinen Großneffen und Großnichten, spielte und betete

mit ihnen, verwöhnte sie auch wohl und vertuschte ihre bösen Streiche,

pflegte sie in den Kinderkrankheiten und war auch für Frau Käthe in

ihren Kindbetten und Krankheiten die sorgsame Pflegerin und Lehrerin.

Luther will in dem Märchenbrief von der Koburg an sein Söhnchen Hans die

„Muhme Lene“ auch mitbringen lassen in den schönen Wundergarten und läßt

sie grüßen und ihr einen Kuß „von meinetwegen“ geben; und auch sonst

sendet er Muhme Lene seine Grüße[186].

Zu den eigenen Kindern im Lutherischen Hause kamen bald andere. Zunächst

Verwandte, Neffen und Nichten, dann aber Kinder von Freunden und

Bekannten, und endlich fremde Kostgänger.

Der erste war Cyriak Kaufmann, der Sohn einer Schwester Luthers; er kam

als Studiosus nach Wittenberg und wurde am 22. November 1529

immatrikuliert. Er begleitete 1530 seinen Oheim auf die Koburg und

dieser schickte ihn im August nach Augsburg, daß er sich in der großen

Stadt einmal das Treiben eines Reichstags ansehe; dann mußte er wieder

zu seinen Studien nach Wittenberg; auf der Heimreise brachte er von

Nürnberg den Lebkuchen für seinen kleinen Vetter Hans Luther mit[187].

Luthers Schwager und Schwester Kaufmann starben früh und so kamen

allmählich alle fünf Waisen derselben zu ihrem Oheim nach Wittenberg,

außer dem genannten Cyriak noch seine jungen Geschwister, die Brüder

Fabian und Andreas, welche 1533 am 8. Juni frühzeitig mit dem erst

siebenjährigen Hans Luther zu Wittenberg als akademische Bürger

eingeschrieben wurden, und die Schwestern Lene und Else. Es war keine

Kleinigkeit, fünf elternlosen Kindern Vater und besonders Mutter zu

sein, zumal, da sie nicht alle wohlgeraten waren und namentlich Lene

Sorge machte, so daß Luther einmal erklärte, wenn sie nicht gut thun

wolle, werde er sie einem schwarzen Hüttenknecht (Bergmann) geben, statt

einen frommen und gelehrten Mann mit ihr betrügen. — Schließlich kam zu

den zwei Nichten noch eine kleine Großnichte, Anna Strauß, die Enkelin

einer Schwester Luthers[188].

Mit Cyriak Kaufmann war ein andrer Schwestersohn, Hans Polner, als

Student ins Haus gekommen, der an Peter Weller anbefohlen wurde. Aber

Frau Katharina war aufgetragen zuzusehen, „daß er sich gehorsamlich

halte“, und auch sonst mußte sie für ihn sorgen. Dieser Polner wartete

als Famulus dem Doktor auf, studierte Theologie und predigte einmal in

der Pfarrkirche; die Doktorin meinte, den hätte sie viel besser

verstehen können, als D. Pommer, welcher sonst von dem Thema weit

abweiche und andre Dinge in seine Predigt mit einführe, oder, wie Jonas

sich ausdrückte, unterwegs manchen Landsknecht anspreche[189].

Noch ein Neffe Luthers, seines Lieblings-Bruders Jakob Sohn, Martin,

wurde später zur Erziehung der Doktorsfamilie übergeben und 1539 an der

Universität eingeschrieben; ebenso Florian von Bora, der Sohn von Käthes

ältestem Bruder. Martin und Florian wurden zusammen mit den Kindern

Luthers unterrichtet. Einer der Neffen sollte einmal zu Camerarius auf

die Schule kommen; später kam Florian mit Hans nach Torgau[190].

Schließlich wurden dem Lutherischen Hause noch allerlei Schüler und

angehende Studenten anvertraut, welche in dem Kloster wohnten, aßen und

unterrichtet wurden.

Für die eigenen und fremden Kinder wurden nun, bei der großen

anderweiten Inanspruchnahme Luthers, „allerlei Zuchtmeister und

Präzeptoren“ nötig: ältere Studenten, junge Magister, auch Leute von

gesetztem Alter, welche noch einmal die Universität bezogen, um ihre

Kenntnisse zu erweitern oder die neue evangelische Theologie zu

studieren. Sie waren in Luthers Familie Hausgenossen und Tischgesellen,

unterstützten auch etwa Luther in seinen Arbeiten, ja auch (wie z.B.

Neuheller) Frau Käthe in der Wirtschaft und Aufsicht über das Gesinde.

So waren nach und neben einander im Hause als „Schulmeister“ und Luthers

Gehülfen die Nürnberger Veit Dietrich (1529-34) und Besold (1537-42),

Cordatus (1528-31), die Freiberger Hieronymus und Peter Kelter (1530),

Joh. Schlaginhaufen (1531-32), Jodocus Neuheller (Neobulus) (1537-38)

aus Lauterburg, Jakobus Lauterbach (1536-39), Schiefer (1539-41), ein

Franziskus und zuletzt Rutfeld (1546). Diese Präzeptoren hatten sogar

oft wieder ihre eigenen Zöglinge, welche mit im schwarzen Kloster

wohnten und aßen oder auch nur dort unterrichtet wurden. Der Unterricht

begann oft in sehr frühen Jahren: der junge Hans Luther mußte schon mit

vier Jahren tüchtig „lernen“, hauptsächlich wohl lateinisch sprechen —

wie es heute mit dem Französischen geschieht.

Außer den Magistern hatte Luther noch Famuli, nicht nur seinen

lebenslänglichen Diener Wolf, sondern auch andere, wie der „fromme

Gesell“, welcher „etliche Jahre treulich, fleißig und demütig gedienet

hat und altes gethan und gelitten“ und 1532 wegzog. Der Famulus diente

bei Tisch, schenkte ein, besorgte Gartengeschäfte, machte Ausgänge,

schrieb auch für Frau Käthe Briefe[191].

Sogar eine Lehrerin wurde nach Wittenberg ins schwarze Kloster berufen:

nämlich im Jahre 1527 hat Luther auch eine Mitschwester Frau Käthe's,

die ehemalige Nonne und Flüchtlingin von Nimbschen, die „ehrbare,

tugendsame Jungfrau Else von Kanitz“ eingeladen auf eine Zeitlang nach

Wittenberg zu kommen. „Denn ich gedacht Euer zu brauchen, junge

Mägdelein zu lehren und durch Euch solch Werk andern zum Exempel

anzufahen. Bei mir sollt Ihr sein zu Hause und zu Tische, daß Ihr keine

Fahr noch Sorge haben sollt. So bitte ich nu, daß Ihr mir solchs nicht

wollt abschlagen.“ Die Kanitz kam aber nicht. Dafür erscheint jetzt ein

Fräulein Margarete von Mochau, wahrscheinlich die Schwester von

Karlstadts Frau, im Klosterhause und wird ihre Stelle vertreten

haben[192].

Natürlich fehlte es bei dem großen Haushalt auch an sonstigem Gesinde

nicht und da gab es, wie überall gute und schlechte, dankbare und

undankbare, getreue und ungetreue Dienstboten. Alle aber wurden zur

„Familie“ gerechnet und nahmen an der Hausandacht teil. Und der

abwesende Hausvater verfehlte nicht in seinen Briefen, das „gesamte

Gesinde“ grüßen zu lassen. Aber er ermahnt es auch, daß sie im Haus kein

Aergernis gäben. Oft scherzt er in seinen Briefen über Trägheit und

Bequemlichkeit seiner Dienstleute: so wenn er aus Nürnberg Handwerkszeug

bestellt, welches von selber geht, wenn Wolf schläft oder nachlässig

ist, oder einen Kronleuchter, der sich von selber putzt, damit er nicht

zerbricht oder beschädigt wird von der zornigen oder schläfrigen

Magd[193].

Natürlich auch Gäste aller Art verkehrten im Schwarzen Kloster oder

wohnten darin in kürzerem oder längerem Aufenthalt, oft monate-, ja

jahrelang: vertriebene oder stellenlose Prediger, flüchtige Fremde,

entwichene Mönche und Nonnen, Besuche und Festgenossen, „armseliges

Gesindlein“ und fürstliche Damen.

So beherbergte das Lutherhaus 1525 mehrere adlige Ordensschwestern; 1528

einige Monate lang sogar die Herzogin Ursula von Münsterberg, Herzog

Georgs eigene Base, die mit zwei getreuen Klosterfrauen dem

Nonnenkloster zu Freiberg entflohen war; und zu Pfingsten 1529 wieder

drei Adelige aus demselben Konvent. Außerdem kamen auch allerlei Mönche,

sogar aus Frankreich, ins Lutherhaus nach Wittenberg, als der

allgemeinen Zufluchtsstätte aller religiös Bedrängten. So hat Herzog

Georg in begreiflichem Zorn, wenn auch mit unwahren Behauptungen, Luther

beschuldigt: „Du hast zu Wittenberg ein Asylum eingerichtet, daß alle

Mönche und Nonnen, so uns unsre Klöster berauben mit Nehmen und

Stehlen, die haben bei Dir Zuflucht und Aufenthalt, als wäre Wittenberg,

höflich zu reden, ein Ganerbenhaus aller Abtrünnigen des Landes“[194].

Ja, die Wittenberger Freundinnen des Hauses, Bugenhagens und Dr. A.

Schurfs Frauen, warteten im schwarzen Kloster ihr Wochenbett oder ihre

Krankheit ab[195].

Aber auch fürstliche Gäste suchten das gastliche Haus der Luther'schen

Eheleute auf.

Die Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg hatte sich, besonders durch den

Einfluß ihres evangelisch gesinnten Leibarztes Ratzeberger, der

Reformation zugewandt, während ihr altgläubiger Gemahl Joachim I. streng

darauf sah, daß das Lutherische Gift nicht über die sächsische Grenze

herüberkäme. Da mußte er von seiner 14jährigen Tochter Elisabeth zu

seinem Schrecken erfahren, daß seine eigene Gemahlin im Berliner

Schlosse heimlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt genommen habe.

Er sperrte die Kurfürstin ein; das Gerücht ging, er wolle sie einmauern

lassen. Da entwich sie mit Hilfe ihres königlichen Bruders Christiern,

der damals landflüchtig in Deutschland umherirrte, samt Dr. Ratzeberger

(März 1528) und floh zu ihrem Oheim Kurfürst Johann nach Sachsen. Ihren

Wohnsitz erhielt sie auf Schloß Lichtenberg, hielt sich aber oft in

Wittenberg auf und verkehrte viel im Klosterhause mit Luther und Frau

Käthe; sie stand sogar zu einem der Kinder Gevatter[196].

Auch der Fürst Georg von Anhalt wollte im schwarzen Kloster Aufenthalt

nehmen, um Luthers Umgang und Geist recht zu genießen. Aber sein

Vizekanzler mußte ihm davon abraten, da das Haus zu voll sei.

So wurde „das Haus des Herrn Doktor Luther von einer buntgemischten

Schar studierender Zöglinge, Mädchen, alter Witwen und artiger Kinder

bewohnt. Darum herrschte viel Unruhe darin“[197].

Da begreift es sich, daß, als der junge Hans anfangen sollte ernstlich

zu lernen, er der größeren Muße wegen aus dem Hause gethan wurde —

vielleicht nach Torgau. Zu Neujahr 1537 ist der elfjährige Sohn irgendwo

auf der Schule, wo er durch seine „Studien“ und lateinischen Briefe dem

Vater Freude machte. Dieser erlaubt ihm, namentlich auf Bitten von Muhme

Lene, zu den nächsten Fastnachtsferien nach Hause zu kommen zu Mutter

und Muhme, Schwestern und Brüdern[198].

Zu allen Haus- und Tischgenossen im Kloster kamen nun noch die täglichen

Besuche und Gäste von Bekannten, Freunden, Verwandten, Amtsgenossen und

Mitbürgern: so aus der Ferne die Geistlichen Amsdorf und Spalatin,

Hausmann und Link, die Hofherren und Ritter Taubenheim und Löser, Bruder

Jakob oder Schwager Rühel von Mansfeld, Käthes Bruder Hans, Abgesandte

aus aller Herren Länder, Staatsmänner und Kirchenbeamte aus England und

Frankreich, aus Skandinavien und Böhmen, Ungarn und Venedig; Stadträte

und Bürger von allen sächsischen und deutschen Städten, wandernde

Magister und fahrende Schüler. Aus Wittenberg selbst verkehrten als

liebe und häufige Gäste vor allem Magister Philipp (Melanchthon) und

Frau; die Gärten der beiden Häuser waren nicht weit von einander und —

wie man wenigstens heute erzählt — ein Thürlein zwischen beiden

vermittelte den Verkehr der zwei Familien. Gerngesehene Hausfreunde

waren auch der Propst Jonas und seine Gattin; ferner noch andere

Gevattersleute, der Superintendent Bugenhagen, M. Kreuziger, M. Rörer,

der Buchdrucker Hans Lufft, der Meister Lukas Kranach mit seiner Frau

und der alte Meister Claus Bildenhauer oder „Bildenhain“, wie Sophiele

Jonas ihn zu nennen pflegte, ein wackerer Künstler, der auch manchmal zu

Tische war; von ihm kaufte Luther später einen Garten. Mit ihm, der auch

schon „zu viele Ostereier gegessen“, gedachte Luther gern der guten

alten Zeiten[199].

Da wurde denn droben in der Familienstube um den großen Eichentisch oder

unten im Hof unter dem schattigen Birnbaum oder auch wohl vorm

Elsterthor draußen bei dem murmelnden Lutherbrunnen Gesellschaft und

Mahlzeit gehalten und Frau Käthe mußte die Wirtin machen, ihr

treffliches Hausbräu aufsetzen und auch zu den Kosten der Unterhaltung

ihr Scherflein beitragen.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 31 / 92 题