4. Kapitel

Eingewöhnung ins weltliche Leben.

Nachdem die Befreiung Katharinas und ihrer Mitschwestern so gut gelungen

war, fragte es sich nun, was sollte mit ihnen werden?

Die Sorge blieb an Luther hängen. Nochmals wandte er sich an die

Angehörigen der Entflohenen und wird ihnen die Gewissen genugsam geweckt

und ihre Pflicht eingeschärft haben, sich ihrer erbarmungswerten

Töchter, Schwestern und Basen anzunehmen; das geht aus dem offenen Brief

an Koppe und einem anderen an Spalatin hervor, worin es heißt: „O, der

Tyrannen und grausamen Eltern in Deutschland!“[101]

Zugleich aber hatte er den Fall vorgesehen, daß die Verwandten,

wenigstens zum Teil, ablehnten, für die Nonnen zu sorgen. Daher

überdachte er, wie er sie unterbringen könnte. Aber von seinen

„Kapernaiten“ (den Wittenbergern) konnte und wollte er keine

Geldunterstützung oder Anleihe erhalten; dagegen erhielt er von mehreren

Seiten Versprechungen, den Geflüchteten eine Unterkunft zu bieten.

Etliche wollte er auch, wenn er könne, verheiraten. Amsdorf schrieb

scherzend an Spalatin: „Sie sind schön und fein, und alle von Adel, und

keine fünfzigjährige darunter. Die älteste unter ihnen, meines gnädigen

Herrn und Oheims Dr. Staupitz Schwester, hab ich Dir, mein lieber

Bruder, zugerechnet zu einem ehelichen Gemahl, damit Du Dich mögest

eines solchen Schwagers rühmen. Willst Du aber eine jüngere, so sollst

Du die Wahl unter den Schönsten haben“[102].

Bis dahin bat Luther und ebenso Amsdorf den Hofkaplan und

Geheimschreiber des Kurfürsten Friedrichs des Weisen, „dieser ehrbaren

Meidlein Vorbitter am Hofe zu sein und ein Werk der Liebe zu thun, und

bei den reichen Hofleuten und vielleicht dem Kurfürsten etwas Geld zu

betteln, auch wohl selbst etwas zu geben, damit die Geflüchteten

einstweilen genährt und auf acht bis vierzehn Tage, auch mit Kleidung

versehen werden könnten, denn sie hatten weder Schuhe noch Kleider.“

Luther ging es nämlich damals so schlecht, daß er selbst kaum etwas zu

essen hatte und sein Mitbruder, der Prior Brisger, einen Sack Malz

schuldig bleiben mußte: so sehr blieben die Klostereinkünfte aus, auf

die Luther und der letzte mit ihm lebende Mönch angewiesen war. Er

scherzt mit Beziehung auf seinen Bettelorden: „Der Bettelsack hat ein

Loch, das ist groß“. Freilich der Hof des vorsichtigen Kurfürsten wollte

nicht recht, wenigstens nicht offen mit Unterstützungen herausrücken,

weshalb Luther seinen Freund nochmals mahnen mußte: „Vergeßt auch meiner

Kollekte nicht und ermahnt den Fürsten um meinetwillen auch etwas

beizusteuern. O, ich will's fein heimlich halten und niemanden sagen,

daß er etwas für die abtrünnigen Jungfrauen gegeben — die doch wider

Willen geweihet und nun gerettet sind“[103].

Luthers Appell an die Verwandten verfing nicht. Er mußte klagen: „Sie

sind arm und elend und von ihrer Freundschaft verlassen.“ Luther mußte

also trotz seiner großen Armut die Nonnen mit großem Aufwand

unterstützen. Sonst erfuhr er, „was sie draußen von ihren Verwandten und

Brüdern leiden müßten“ — wenn etwa eine nach Hause käme. Sie wollten

meist auch nicht zu ihrer „Freundschaft“, weil sie in Herzog Jörgs Land

des göttlichen Wortes Mangel haben müßten[104].

Magdalena Staupitz wurde mit der Zeit als „Schulmeisterin“ der Mägdlein

in Grimma gesetzt, und ihr ein Häuslein vom Mönchskloster gegeben. Die

Elsa von Kanitz fand bei einer Verwandten Aufenthalt; Luther wollte sie

1527 als Schulmeisterin der Mägdlein nach Wittenberg berufen. Die Ave

von Schönfeld verheiratete er mit dem Medikus Dr. Basilius Axt[105].

Katharinas Verwandte konnten sich ihrer offenbar nicht annehmen. Die

Eltern waren tot, Bruder Hans mußte selber Dienste suchen im fernen

Preußen, dann Verwalterstellen in Sachsen. Der älteste Bruder war arm

verheiratet, hatte wohl keinen Platz für die Schwester; vom jüngsten,

Clemens, war vollends nichts zu erwarten.

So wurde denn das Fräulein Katharina von Bora nach der Ueberlieferung im

Hause eines Wittenberger Bürgers untergebracht, der in der

Bürgermeistergasse wohnte. Es war der ehrsame gelehrte M. Philipp

Reichenbach, welcher 1525 in Wittenberg Stadtschreiber, 1529 Licentiat

der Rechte, 1530 Bürgermeister und endlich Kurfürstlicher Rat

wurde[106].

In dem Wittenberger Bürgerhause wurde die ehemalige Nonne mehr als eine

Art Pflegetochter gehalten und der Hausherr vertrat Vaterstelle an ihr.

Sie muß dort doch eine angesehene Stellung eingenommen haben. Sie war

bekannt und genannt im Kreise der Universitätsgenossen, und der

Dänenkönig Christiern II., der landesflüchtig im Oktober 1523 nach

Wittenberg kam und bei dem Maler Lukas Kranach Wohnung hatte, beschenkte

Katharina mit einem goldenen Ringe. Die jungen Gelehrten in Wittenberg

sprachen mit Achtung von ihr; sie nannten sie in ihren vertrauten

Briefen, wohl wegen ihrer strengen Zurückhaltung, „die Katharina von

Siena“[107].

Bei dem Stadtschreiber, oder vielmehr bei seiner Frau, sollte nun

Katharina von Bora sich eingewöhnen in das neue oder vielmehr alte

„weltliche“, das bürgerliche Leben.

Das war nicht so gar leicht. Mindestens vierzehn Jahre lang, also fast

ihr ganzes bewußtes Leben, hatte Katharina im Kloster zugebracht. Alle

diese Jahre hatte sie die geistliche Tracht getragen, sich an

nonnenhafte Gebärde und Haltung, an geistliche Sitten und Reden gewöhnt;

den Umgang mit weltlichen Menschen hatte sie verlernt oder eigentlich

nie recht gelernt, und ebenso die Arbeit, das Hantieren in Stube und

Küche; in der That, man begreift, daß der praktische Luther beim Anblick

der neun weltunerfahrenen Nonnen ausrufen konnte: „Ein armes Völklein“!

Wie in die weltliche Kleidung mußte Katharina sich nun an weltliche

Sitte und Rede gewöhnen; wie ihr bleiches Gesicht sich an Luft und Sonne

bräunen, ihre zarten Hände im Angreifen von Töpfen und Besen sich

härten, so mußte auch ihr geistiges Wesen an den rauheren, aber

gesünderen Anforderungen und Zumutungen der Welt sich kräftigen. Aber

wie ihre abgeschnittenen Haare zu langen blonden Zöpfen wuchsen, so nahm

auch Sorgen und Denken an die kleinen weltlichen Pflichten und die

großen weltlichen Interessen zu.

Und das gnädige Fräulein war nicht umsonst bei der Frau Magister. Sie

wurde hier tüchtig vorgeschult für ihren späteren großen

pflichtenreichen Haushalt. Und sie hat sich auch nach dem Zeugnis der

Wittenberger Universität in dem Hause Reichenbach „stille und wohl

verhalten“[108].

Aber auch andere Gedanken und Gefühle erwachten in ihr und wurden ihr

von außen nahe gelegt. Und auch hier machte sie Erfahrungen und erfuhr

sie schmerzliche Enttäuschungen, die sie weltkluger und vorsichtiger

machten.

Katharina war jetzt 24 Jahre alt, eine reife, ja nach den Anschauungen

jener Zeit, welcher das 15. bis 18. Lebensjahr einer Jungfrau für das

richtigste heiratsfähige Alter galt, eine überreife Jungfrau. Daß sie an

Verehelichung dachte, ist begreiflich. Denn sie hatte weder eine

Stellung noch Vermögen. Der Aufenthalt bei ihren Pflegeeltern konnte

doch nur ein vorübergehender und nicht befriedigender sein. Luther, der

die besondere Sorge für diese, wie für andere ausgetretene Klosterleute

übernommen, hatte ohnedies schon von Anfang die ausgesprochene Absicht,

diejenigen, welche in ihren Familien keinen Unterhalt und Aufenthalt

finden konnten, zu verheiraten. Und seine gesamte Anschauung ging dahin

— darin hatte er die echt bäuerliche Ansicht seines Vaters — daß der

Mensch zum Familienleben geboren und gerade das Weib von Gott zur Ehe

bestimmt sei[109].

Nun kam damals im Mai oder Juni 1523 in die Universitätsstadt Hieronymus

_Baumgärtner_, ein Patriziersohn aus Nürnberg, „ein junger Gesell mit

Gelehrsamkeit und Gottseligkeit begabt“. Er hatte früher (1518-21) in

Wittenberg studiert und bei Melanchthon seinen Kosttisch gehabt und

wollte jetzt seine alten Lehrer und Freunde in Wittenberg: Luther und

besonders Melanchthon besuchen, mit dem er später in regem Briefwechsel

stand[110]. Dieser junge Mann erschien Luther als der rechte Gatte für

seine Schutzbefohlene: er war 25 Jahre alt, Käthe 24, beide aus

vornehmem Hause; sie ohne Vermögen, um so mehr paßte in Luthers Augen

der wohlhabende Nürnberger für sie. Und er wird wohl dafür gesorgt

haben, daß Baumgärtner an sie heran kam und an ihr Wohlgefallen fand.

Auch Käthe faßte eine raschaufwallende Neigung für den jungen Mann, war

er ja wohl der erste, der sich der gewesenen Nonne näherte. Vielleicht

haben sich die beiden auch zuerst gefunden, und Luther betrieb es nun in

seiner Art eifrig, die zwei zusammenzubringen. Jedenfalls wurde die

gegenseitige Neigung in dem Freundeskreise bekannt, und man hielt da die

Heirat für sicher.

Aber Baumgärtner zog heim nach Nürnberg und ließ nichts mehr von sich

hören, trotzdem er versprochen hatte, nach ein paar Wochen wieder zu

kommen, um, wie man glaubte, Katharina heimzuführen. Die Freunde,

besonders Blickard Syndringer, erinnerten den Patriziersohn in ihren

Briefen neckend oft genug an die verlassene Geliebte. Sie sei wegen

seines Weggangs in eine Krankheit verfallen und habe sich in Sehnsucht

nach ihm verzehrt. Im Anfang des folgenden Jahres bestellte noch der

Nürnberger Ulrich Pinder von Wittenberg aus an Baumgärtner einen Gruß

von „Katharina von Siena d.i. von Borra“. Endlich schrieb Luther noch

einmal am 12. Oktober 1524 an Baumgärtner: „Wenn Du Deine Käthe von Bora

festhalten willst, so beeile Dich, bevor sie einem andern gegeben wird,

der zur Hand ist. Noch hat sie die Liebe zu Dir nicht verwunden. Und ich

würde mich gar sehr freuen, wenn ihr beide mit einander verbunden

würdet“[111].

Aber den Eltern Baumgärtners war offenbar die entlaufene Nonne anstößig,

und daß sie vermögenslos war, konnte sie erst recht nicht empfehlen.

Daher ging Hieronymus auf dieses Ultimatum des Freiwerbers Luther nicht

ein. Als er im Frühjahr 1525 in Nürnberg Ratsherr geworden war, verlobte

er sich mit einem Mädchen von 14 Jahren, Sibylle Dichtel von Tutzing

„mit sehr reicher Mitgift und was ihm noch erwünschter war, von sehr

angesehenen Eltern“ und hielt mit ihr am 23. Januar 1526 in München die

Hochzeit[112].

Da aber Baumgärtner Katharina endgiltig aufgegeben hatte, so rückte

Luther nun mit dem andern Heiratskandidaten heraus, den er für Käthe an

der Hand hatte. Das war D. Kaspar Glatz, der am 27. August 1524 von der

Universität Wittenberg, deren Rektor er damals war, sich auf ihre

Patronatspfarrei Orlamünde hatte setzen lassen. Luther ging nun damit

um, seine Schutzbefohlene dem D. Glatz zu freien. Aber Käthe, welche

den Mann während seiner Lehrzeit in dem kleinen Wittenberg kennen

gelernt hatte, wollte ihn nicht haben, und sie hatte ein richtigeres

Gefühl als Luther. Glatz war, wie sich später herausstellte, ein

rechthaberischer, eigensinniger Mensch, der Streitigkeiten mit seiner

Gemeinde bekam und deshalb entsetzt werden mußte. Luther aber setzte

Käthe mit der Heirat zu. Da ging sie zu Luthers Amtsgenossen, dem

Professor Amsdorf und beklagte sich, daß Luther sie wider ihren Willen

an D. Glatz verheiraten wolle; nun wisse sie, daß Amsdorf Luthers

vertrauter Freund sei; darum bitte sie, er wolle bei Luther dies

Vorhaben hintertreiben.

Hier scheint nun Amsdorf, der diese Ablehnung für adeligen Hochmut

auslegte, bemerkt zu haben: Ob ihr denn ein Doktor, Professor oder

Pfarrherr nicht gut genug sei? denn Katharina wurde zu der Erklärung

gedrängt: Würde Amsdorf oder Luther sie zur Gattin begehren, so wolle

sie sich nicht weigern, D. Glatz aber könne sie nicht haben[113].

Diese Aeußerung, welche wohl ohne viel Absicht gesprochen war, hatte

ihre Folgen; zwar nicht für Amsdorf, der immer ehelos blieb, aber für

Luther. Auch er hatte die Bora „für stolz und hoffärtig“ gehalten,

während sie doch nur etwas Zurückhaltendes hatte und ein gewisses

Selbstbewußtsein zeigte; er hatte sie also nicht recht gemocht. Durch

jene Erklärung an Amsdorf wurde er aber auf andere Gedanken

gebracht[114].

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 28 / 92 题