Kaum ein Jahr hatte Schwester Katharina das Nonnengelübde abgelegt, da
schlug der Augustinermönch Martin Luther in Wittenberg die 95 Sätze
wider den Ablaß an. Nach einem Jahr stellte er sich dem Gesandten des
Papstes in Augsburg zur Verantwortung. Wieder ein Jahr später war die
große Redeschlacht mit Eck zu Leipzig. Am Ende des folgenden Jahres
verbrannte Luther die Bannbulle und im Frühjahr 1521 stand er vor Kaiser
und Reich in Worms.
Diese die Kirche und die ganze christliche Welt aufregenden Ereignisse
drangen auch in die Klöster und erregten auch dort die Geister; dies um
so mehr, weil der Urheber all dieser gewaltigen Kämpfe selbst ein
Klosterbruder war, und zwar ein Augustiner, der dem Orden der alten
Benediktiner (Cisterzienser und Bernhardiner) verwandt war und darum als
Vorkämpfer dieses wider die gegnerischen Genossenschaften der
ketzerrichterischen Dominikaner angesehen und schon darum mit einer
gewissen Sympathie betrachtet wurde.
Aber noch tiefer in das Leben und die Gedankenwelt der Klosterbewohner
schnitten die Schriften ein, welche der Wittenberger Mönch und Doktor in
diesen großen Jahren schrieb. Schon die Disputation von „Kraft und Wert
des Ablasses“ über die 95 Thesen ging die Nonnen in Nimbschen besonders
an; denn auf „Kraft und Wert des Ablasses“ ruhte ja ein sehr großer Teil
ihres geistlichen Vermögens: der Gottesdienst an jedem Festtag, ja das
Kniebeugen beim Aveläuten brachte jedesmal vierzig Tage Ablaß ein. Aber
noch näher sollten ihre Person und ihren besonderen Beruf weitere
Schriften berühren[67].
Es erschien 1518 Luthers „Auslegung des Vaterunsers für die
Einfältigen“. Darin mußte einem Klosterinsassen gar mancherlei
auffallen. Das Vaterunser, heißt's da, ist das edelste und beste Gebet —
beim Rosenkranz aber kommt das Ave Maria 5 mal so oft vor! Ferner: „Je
weniger Worte, je besser Gebet; je mehr Worte, je weniger Gebet. Da
klappert einer mit den Paternosterkörnern und manche geistliche Personen
schlappern ihre Horen überhin und sagen ohne Scham: ‚Ei nun bin ich
froh, ich habe unsern Herrn bezahlt‘, meinen, sie haben Gott genug
gethan. Jetzt setzen wir unsere Zuversicht in viel Geplärr, Geschrei und
Gesang, was Christus doch verboten hat, da er sagt: ‚niemand wird erhört
durch viel Worte machen‘. Er spricht nicht: ihr sollt ohne Unterlaß
beten, Blätter umwenden, Rosenkranz-Ringlein ziehn, viele Worte machen.
Das Wesen des Gebets ist nichts anders als Erhebung des Gemütes oder
Herzens zu Gott, sonst ist's kein Gebet. Den Namen Gottes verunehren die
hoffärtigen Heiligen und Teufels-Martyrer, die nicht sind wie andere
Leute, sondern gleich dem Gleisner im Evangelium. Wir beten nicht: Laß
uns kommen zu deinem Reich, als sollten wir darnach laufen; sondern:
Dein Reich komme zu uns; denn Gottes Gnade und sein Reich muß zu uns
kommen, gleich wie Christus zu uns vom Himmel auf die Erde gekommen ist
und nicht wir zu ihm von der Erde gestiegen sind in den Himmel. Das
tägliche Brot ist das Wort Gottes, weil die Seele davon gespeist,
gestärkt, groß und fest wird. Es ist ein schweres Wesen zu unser Zeit,
daß das Fürnehmste im Gottesdienst dahinten bleibt.“[68]
Dann kam 1520 der „Sermon von den guten Werken“. Gute Werke waren ja
alles Thun im Kloster: Beten, Fasten, Wachen u.s.w. Was aber nennt nun
Luther wahrhaft gute Werke? „Das erste, höchste und alleredelste Werk
ist der Glauben an Christum. Darin müssen alle Werke geschehen und
dadurch erst gut werden. Beten, Fasten, Stiften ist ohne dies nichts.
Fragst du solche, ob sie das auch als gutes Werk betrachten, wenn sie
ihr Handwerk arbeiten und allerlei Werk thun zu des Leibes Nahrung oder
zum gemeinen Nutzen, so sagen sie nein! und spannen die guten Werke so
enge, daß nur Kirchengehen, Beten, Fasten Almosen bleiben. So verkürzen
und verringern sie Gott seine Dienste. Ein Christenmensch vermisset sich
aller Ding, die zu thun sind, und thut's alles fröhlich und frei; nicht
um viele gute Verdienste und Werke zu sammeln, sondern weil es ihm eine
Lust ist, Gott also wohlzugefallen. Eltern können an ihren eigenen
Kindern die Seligkeit erlangen; so sie die zu Gottes Dienst ziehen,
haben sie fürwahr beide Hände voll guter Werke an ihnen zu thun. O welch
ein selige Ehe und Haus wäre das! Fürwahr, es wäre eine rechte Kirche,
ein auserwählet Kloster, ja ein Paradies!“
Und ähnliche Gedanken konnten die Klosterleute ausgeführt finden in des
Doktors herrlichem Büchlein „Von der Freiheit eines Christenmenschen“
vom selben Jahr 1520. Da heißt es: „Der Mensch lebt nicht für sich
allein, sondern auch für alle Menschen auf Erden; ja vielmehr allein für
andere und nicht für sich. Daher bin ich schmerzlich besorgt, daß
heutzutage wenige oder keine Stifte und Klöster christlich sind. Ich
fürchte nämlich, daß in dem Fasten und Beten allesamt nur das Unsere
gesucht wird, daß damit unsere Sünden gebüßt und unsere Seligkeit
gefunden wird.“
Für die Mönche und Nonnen aber eigens geschrieben waren mehrere
Schriften über das Klosterleben. So das Büchlein über „die
Klostergelübde. Aus der Wüstenung (d.h. Wartburg) anno 1521“. Darin
nimmt sich Luther der gefallenen und geängsteten Gewissen an und thut
aus Gottes Wort dar, daß die Gelübde, die ohne und wider Gottes Gebot
geschehen und an sich unmöglich sind, eines getauften Menschen Herz
nicht bestricken und gefangen halten können. Der Glaube und das
Taufgelübde sei das oberste, ohne welches man nichts geloben kann; denn
die Seelen werden durch die Taufe Verschworene und Verlobte Christi.
Falsch Verlobte wie die Klostersleute befreit der Sohn Gottes und nimmt
den aus Gnaden mit Freuden an, der sich zu ihm kehrt und dem ersten
Gelübde anhängt. „Dies Buch machte viele Bande ledig und befreite viel
gefangener Herzen“, sagt eine Zeitgenosse[69].
Gleichfalls von der Wartburg aus erschien endlich ein deutsches
Predigtbuch („Postilla“) von Luther und zu Michaelis desselben Jahres
(1522) noch ein Wartburgswerk „Das Neue Testament deutsch“. Da konnte
nun jedermann und vor allem die geistlichen Personen im Kloster, welche
die evangelischen Ratschläge befolgen und ein evangelisches Leben führen
wollten, aus der Quelle erfahren, was wahres Christentum sei, wie es
Christus und die Apostel gelehrt, und wie es Luther ausgelegt hatte.
Demzufolge wandte sich die Stadt Grimma, in deren unmittelbarer Nähe
das Kloster Nimbschen gelegen war, dem Evangelium zu, und die Mönche in
mehreren umliegenden Klöstern verließen ihre Gotteshäuser.
Diese Schriften und Nachrichten kamen auch in das Kloster Nimbschen,
denn so ganz verschlossen von der Welt waren auch Nonnenklöster nicht.
Auf welchem Wege und durch wen wurden sie den Klosterfrauen vermittelt?
Zweierlei Wege und Personen zeigen sich da. In _Grimma_ war ein Kloster
von Luthers Kongregation: Augustiner-Eremiten. Dort hatte Luther 1516
schon Visitation gehalten und bei der Rückkehr von der Leipziger
Disputation (1519) blieb er mehrere Tage und predigte wohl auch
daselbst; denn die Mehrzahl der Einwohner Grimmas standen schon längst
auf seiner Seite. Der Prior des Klosters Wolfgang von _Zeschau_ war
Luthers Freund. Er trat 1522 mit der Hälfte der Ordensbrüder aus dem
Kloster und wurde „Hospitalherr“ (Spittelmeister) am St. Georgen-Spital.
Von diesem Zeschau nun aber waren zwei Verwandte (Muhmen) im Kloster
Nimbschen, zwei leibliche Schwestern: Margarete und Veronika von
Zeschau. Gewiß konnte dieser evangelisch gesinnte frühere Mönch
wenigstens vor seinem Austritt mit seinen Muhmen ohne Verdacht verkehren
und ihnen Luthers Schriften zustecken. Auch der eifrig evangelische
Stadtpfarrer in Grimma, Gareysen, war dazu imstande, welcher zu Ostern
1523 das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilte.
Außer dem nahen Städtchen Grimma konnte aber auch das ferner gelegene
_Torgau_ der Ort sein, von welchem aus reformatorische Gedanken und
Schriften ins Kloster Nimbschen drangen. In Torgau war sehr früh und
sehr durchgreifend die Reformation eingeführt worden, besonders seit der
frühere Klostergenosse Luthers, der feurige Magister Gabriel _Zwilling_
dort wirkte. Dieser, obwohl einäugig und ein kleines Männlein mit
schwacher Stimme, hat doch durch seine begeisterte, ja stürmische
Predigt, welche in Wittenberg sogar einen Melanchthon mit fortgerissen
hatte, die Bürgerschaft zu einer ziemlich radikalen Abstellung aller
römischen Mißstände und zu begeisterter Aufnahme des Evangeliums
bewogen. Ja ein Torgauer Bürgersohn, Seifensieder seines Handwerks,
entführte zu dieser Zeit — ob vor oder nach 1523 ist ungewiß, — zwei
Nonnen aus dem Kloster Riesa an der Elbe und versteckte sie in einen
hohlen Baum. Dann holte er Pferde und geleitete sie heim und heiratete
die eine der beiden Klosterjungfrauen. Und eine Torgauerin trat 1523 aus
dem Kloster Sitzerode[70].
Ein besonders entschiedener und thatkräftiger Anhänger war der ehemalige
Schösser, der „fürsichtige und weise Ratsherr“ Leonhard Koppe, in dessen
Kaufladen das Kloster seine Waren einzukaufen pflegte, und der wohl mit
seinem Fuhrwerk selber Lieferungen nach Nimbschen brachte. So war dieser
Laie, wenn auch seine evangelische Gesinnung bekannt sein mußte,
vielleicht ein noch geeigneterer Mittelsmann für evangelische Schriften,
als die doch immerhin verdächtigen übergetretenen Geistlichen von
Grimma, vor denen als gefährlichen Wölfen die „zwei Herren an der
Pforte“ ihren geistlichen Schafstall wohl gehütet haben werden. Mit
seinen Waren konnte Koppe leicht lutherische Schriften einschmuggeln und
auch einen Brief aus dem Kloster nach außen besorgen. Keck und schlau
genug war Koppe dazu[71].
Welchen Eindruck das Auftreten und die Schriften Luthers auf die Nonnen
machte, läßt sich ersehen aus einem Bericht, den eine Nonne in gleicher
Lage und Zeit, jene Florentina von Eisleben, durch Luther in Druck gab.
„Als nun die Zeit göttlichen Trostes, in welcher das Evangelium, das so
lange verborgen, an den Tag gekommen, ganzer gemeiner Christenheit
erschienen: sind auch mir als einem verschmachteten hungrigen Schaf, das
lange der Weide gedarbt, die Schriften der rechten Hirten gekommen,
worinnen ich gefunden, daß mein vermeintlich geistlich Leben ein
gestrackter Weg zu der Hölle sei“[72].
In Nimbschen ging es einem großen Teil der Klosterjungfrauen ähnlich.
Ja, eine Anzahl derselben verabredete sich zu dem Plan, aus dem Kloster
auszutreten.
Das war ein schwerer Entschluß, der große Ueberwindung kostete. Eine
ausgesprungene Nonne galt bisher für einen Schandfleck in der Familie.
Der _freie_ Austritt aber war nur durch päpstlichen Dispens mit großen
Kosten und Mühen zu erreichen und eigentlich nur Gliedern fürstlicher
Familien möglich. Freilich waren in dieser neuen, tieferregten Zeit
schon Mönche aus dem Klosterverband ausgetreten und weltlich geworden;
niemand wagte sie jetzt, wenigstens im kurfürstlichen Sachsen,
anzutasten, ja, sie erhielten sogar Aemter und Stellen von Stadt und
Staat. Aber der Austritt von Nonnen war fast noch unerhört, jedenfalls
noch sehr ungewohnt[73]. Und wenn auch das Vorurteil der Welt und der
eigenen Angehörigen überwunden war, so fragte sich doch: was sollten die
ausgetretenen Nonnen draußen in der Welt anfangen, was thun und werden,
womit sich erhalten und durchs Leben bringen?[74]
Wenn darum also auch die meisten, wo nicht alle Nonnen in Nimbschen das
Klosterleben verwarfen, so haben sich doch nur die mutigsten
entschlossen, den Schritt zu thun, den sie für recht und geboten
erachteten, nämlich nur diejenigen, welche vermöge ihrer Bildung
selbständig sich durchs Leben zu bringen im stande waren, wie die
Staupitz und Kanitz, oder die noch jung genug waren, sich in ein neues
Leben zu schicken, wie die beiden Schönfeld und Katharina von Bora. Es
waren in Nimbschen neun Nonnen zum Austritt bereit: Magdalena von
Staupitz, Elisabeth von Kanitz, Veronika und Margarete von Zeschau,
Loneta von Gohlis, Eva Große, Ave und Margarete von Schönfeld und als
zweitjüngste von ihnen Katharina von Bora[75].
Diese Kloster-„Kinder“ (Nonnen) thaten nun das Naturgemäßeste und
Verständigste: „sie ersuchten und baten ihre Eltern und Freundschaft
(d.i. Verwandte) aufs allerdemütigste um Hülfe, herauszukommen“. Sie
zeigten genugsam an, daß ihnen solch Leben der Seelen Seligkeit halber
nicht länger zu dulden sei, erboten sich auch zu thun und zu leiden, was
fromme (brave) Kinder thun und leiden sollen“[76].
Aber freilich den Eltern und Verwandten war das Gesuch ihrer Töchter und
Basen eine Verlegenheit. Einmal: der Versorgung wegen waren ja diese
Töchter ins Kloster gethan worden — wie wollte man sie nun in den armen
Familien unterhalten? Ihr Erbe war schon in Wirklichkeit oder in
Gedanken verteilt, wer mochte es an diese weltentrückten,
gesellschaftlich toten Familienmitglieder herausgeben?[77] Ferner waren
solche Klosterfrauen der Welt entfremdet und taugten gar wenig ins
Leben. Wenn endlich auch nicht noch religiöse oder kirchliche Bedenken
abschreckten, so war es doch noch eine andere Furcht: die Lehen der
meisten Anverwandten der Klosterfrauen lagen im Lande Herzogs des
Bärtigen, der ein heftiger Feind der Reformation und des Wittenberger
Doktors im besonderen war. Da konnte es wegen Entführung von
gottgeweihten Klosterfrauen empfindliche Strafen geben oder doch
Zurücksetzung bei Hofämtern. Kurzum das Gesuch der klosterflüchtigen
Nonnen wurde abgeschlagen[78].
So standen die Aermsten von jedermann verlassen da, in nicht geringer
Gefahr, daß ihr Vorhaben entdeckt und gehindert, die Beteiligten aber
empfindlich gestraft würden, wie es z.B. der mehrerwähnten Florentina
geschah, als ihr Vorhaben, aus dem Kloster zu treten, entdeckt wurde.
Diese wurde von ihrer eigenen Muhme, der Aebtissin, unbarmherzig vier
Wochen bei großer Kälte härtiglich gefangen gesetzt, dann in Bann und
Buße in ihre Zelle gesperrt, mußte sich beim Kirchgang platt auf die
Erde werfen und die anderen Nonnen über sich hinschreiten lassen, beim
Essen mit einem Strohkränzlein vor der Priorin auf die Erde setzen; dann
wurde sie bei einem neuen Versuch, sich an ihre Verwandten zu wenden,
durchgestäupt und „7 Mittwoch und 7 Freitage von 10 Personen auf einmal
discipliniert“, in Ketten gelegt und für immer in die Zelle gesperrt —
bis sie durch Unachtsamkeit ihrer Schließerin doch entkam.
Solches oder Aehnliches ist im Kloster Nimbschen mit den lutherisch
Gesinnten nicht geschehen; vielleicht schützte sie ihre große Zahl vor
solchen Gewaltmaßregeln. Es war aber wohl auch die Gesinnung der
verständigen Aebtissin, welche eine solche Bestrafung verhinderte:
Margarete von Haubitz ist ja nachher mit dem ganzen übrig gebliebenen
Konvent zur Reformation übergetreten, obwohl sie mit den älteren Frauen
im Kloster blieb und das Leben darin nach evangelischen Grundsätzen
einrichtete. Keineswegs aber konnte und wollte sie als Aebtissin schon
1523 den Klosterflüchtigen Vorschub leisten in ihrem Vorhaben[79].
Da nun die Nonnen an den Ihrigen keinen Anhalt fanden, so hatten sie
gerechte Ursache, anderswo Hülf und Rat zu suchen, wie sie es haben
konnten. Sie fühlten sich ja gedrungen und genötigt, ihre Gewissen und
Seelen zu retten[80]. Wo anders aber sollten sie diese Hülfe suchen, als
bei dem, der sie durch seine evangelischen Schriften und geistkühne
Thaten auf diese Gedanken gebracht hatte? So machten sie's also wohl,
wie nach ihnen noch manche andere, einzelne und ganze Haufen von
Klosterjungfrauen: sie schrieben „an den hochgelehrten Dr. Martinus
Luther zu Wittenberg, einen Klage-Brief und elende Schrift, gaben ihm
ihr Gemüt zu erkennen und begehrten von ihm Trost, Rat und Hülfe“[81].
Und der Ueberbringer dieses Briefes wird jedenfalls niemand anderes
gewesen sein als eben Leonhard Koppe von Torgau. Luther erkannte an, daß
„sie beide hier haben helfen und raten können, und darum seien sie auch
schuldig, aus Pflicht christlicher Liebe die Seelen und Gewissen zu
retten“[82].
„Denn es ist eine hohe Not“, erklärte er weiter, mit Bezug auf die
Nimbscher Nonnen, „daß man leider die Kinder in die Klöster gehen läßt,
wo doch keine tägliche Uebung des göttlichen Wortes ist, ja selten oder
nimmermehr das Evangelium einmal recht gehört wird. Diese Ursach ist
allein genug, daß die Seelen herausgerissen und geraubt werden, wie man
kann, ob auch tausend Eide und Gelübde geschehen wären. Weil aber Gott
kein Dienst gefällt, es gehe denn willig von Herzen, so folgt, daß auch
keine Gelübde weiter gelten, als sofern Lust und Lieb da ist; sonst sind
im Klosterleben furchtbare Gefahren, Versuchungen und Sünden“[83].
„Aber wenn sich nun schwache Seelen an solchem Klosterraub ärgern?“
konnte man einwenden.
Luther erklärte: „Aergernis hin, Aergernis her! Not bricht Eisen und hat
kein Aergernis. Ich werde die schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne
Gefahr meiner Seele geschehen kann; wo nicht, so werde ich meiner Seele
raten, es ärgere sich dann die ganze oder halbe Welt. Nun liegt hier der
Seele Gefahr in allen Stücken. Darum soll niemand von uns begehren, daß
wir ihn nicht ärgern, sondern wir sollen begehren, daß sie unser Ding
billigen und sich nicht ärgern. Das fordert die Liebe!“[84]
So dachte Luther und ihm gleichgesinnt war Leonhard Koppe. An ihn
stellte nun Luther das Ansinnen, die Befreiung zu übernehmen. Und Koppe
war trotz seiner sechzig Jahre ein entschlossener Mann, zu einem kecken
Wagnis bereit, und willigte ein; er nahm keine Rücksicht, ob es ihm im
Geschäfte schaden könnte, noch weniger, ob es ihn beim Hof in Ungunst
bringen oder gar ans Leben gehen könnte; denn auf Nonnenraub stand
eigentlich Todesstrafe, und auch Kurfürst Friedrich, der vorsichtige
Schützer Luthers mißbilligte nicht nur jede öffentliche Gewaltthat,
sondern war auch geneigt, sie zu strafen. Aber trotz all dieser Bedenken
war Leonhard Koppe zu der That entschlossen, und wurde darin von dem
Torgauer Pfarrer D. Zwilling bestärkt; denn dieser war auch in die Sache
eingeweiht[85].
Zwischen Luther und Koppe wurde so der Plan verabredet. Das Unternehmen
sollte von Torgau ausgehen, welches in der Mitte zwischen Nimbschen und
Wittenberg gelegen war. Die Osterzeit wurde zur Ausführung ersehen.
Koppe brauchte aber Gehülfen zur Ausführung seines Unternehmens. Er
wählte dazu seines Bruders Sohn, einen verwegenen jungen Mann, und einen
Bürger Wolfgang Tommitsch (oder Dommitsch), dessen Stieftochter, ein
Fräulein von Seidewitz, kurz vorher aus dem Kloster entkommen war und
bald darauf einen ausgetretenen Augustiner-Propst, Mag. Nikolaus Demuth
heiratete, welcher dann Amtsschöffer in Torgau wurde. Mit den neun
Klosterjungfrauen waren jedenfalls Verabredungen getroffen worden und
sie machten sich fluchtbereit[86].
In der Karwoche brachen nun die Torgauer auf einem oder mehreren mit
einer Blahe bedeckten Wagen, worin sie wohl weltliche Frauenkleider
verborgen hatten, von ihrer Stadt auf. Wenn die beiden Helfer nicht
eigene Wagen leiteten, so waren sie zu Pferde als Bedeckung dabei. Sie
kamen über Grimma am Karsamstag abends den 4. April vor Nimbschen
an[87].
Hier rüsteten sich die Nonnen in gewohnter Weise zu den Ostervigilien,
welche in der Auferstehungsnacht gefeiert wurden. Die außerordentliche
Zeit, wo die Regel und geordneten Beschäftigungen der Klosterfrauen
aufgehoben waren, muß dem Fluchtplan günstig geschienen haben. Während
die beiden Begleiter in dem nahen Gehölz gehalten haben werden, fuhr
Koppe an dem Kloster vor. Er nahm, wie berichtet wird, zum Vorwand,
leere Heringstonnen auf der Heimfahrt nach Torgau mitnehmen zu wollen.
Beim Aufsuchen und Aufladen derselben scheint er den Thorwart Thalheim
beschäftigt und die Aufmerksamkeit der übrigen Bewohner des äußern
Klosterhofs, namentlich der zwei Beichtväter, abgelenkt zu haben. Aus
der Klausur entkamen die neun Verschworenen, indem die Pförtnerin
entweder getäuscht oder gar bei dem Plan beteiligt war (es konnte ganz
gut eine von diesen neun zu dieser Zeit Thürhüterin sein). Ein alter
Berichterstatter erzählt, man hätte eine Lehmwand durchbrochen; ein
anderer, die Jungfrauen hätten sich im Garten versammelt und seien da
über die Mauer gestiegen. Aber auch zur hinteren Thüre konnten sie
entkommen sein; denn an der Bewachung dieser ließ es das Kloster fehlen.
Kurzum, die Neun entflohen, wurden von den beiden Begleitern Koppes
aufgenommen; dieser fuhr wohl mit seinem Wagen Heringstonnen ganz
unschuldig ab und nahm dann draußen die Jungfrauen auf. Die leeren
Tonnen — vorne aufgestellt — konnten ganz gut dazu dienen, den
lebendigen Inhalt des Wagens vor unberufenen Augen zu verbergen[88].
Auf diese oder ähnliche Weise, jedenfalls „mit ausnehmender Ueberlegung
und Schlauheit“, aber auch mit „äußerster Keckheit“ — nicht mit Gewalt
wurden die neun Jungfrauen durch Koppe aus Nimbschen befreit. Luther sah
es fast wie ein Wunder an[89].
Bei Nacht und Nebel fuhren nun die Retter und Geretteten davon, dem
Ostermorgen entgegen: es war eine eigene Ostervigilie in der Luft der
Freiheit durch die frühlingsjunge Gotteswelt[90]. Die Fahrt ging durch
die kurfürstlichen Lande, war also nicht bedroht durch die
Nachstellungen des lutherfeindlichen Herzogs Georg. Eine Verfolgung von
Nimbschen aus war nicht gerade zu befürchten: es waren dort keine
Männer, welche etwa einen Kampf mit den Entführern gewagt hätten. Auch
hat der kluge Koppe gewiß ihre Spuren möglichst verdeckt und die
Verfolger irre geführt. Die weltliche Kleidung, welche die Jungfrauen
mittlerweile mit ihrer geistlichen vertauscht hatten, machte wohl die
Reise unauffällig, und so kam der Zug auch ungehindert am Ostertag in
Torgau an und wurde vom Magister Zwilling freudig empfangen. In Torgau
wurde übernachtet, die weltliche Kleidung der Klosterjungfrauen in der
Eile noch vervollständigt und am anderen Tag ging es Wittenberg zu, weil
es doch nicht geraten schien, die Entflohenen so nahe bei dem Kloster
und auch so nahe beim kurfürstlichen Hof zu lassen[91].
Am Osterdienstag kam der Zug in Wittenberg an; ohne alle Ausstattung, in
ihrer geborgten und eilig zusammengerafften Kleidung, mit den
geschorenen Häuptern ein „arm Völklein“, aber in ihrer großen Armut und
Angst ganz geduldig und fröhlich[92].
Luther empfing sie mit wehmütiger Freude. Den kühnen aber rief er zu:
„Ihr habt ein neu Werk gethan, davon Land und Leute singen und sagen
werden, welches viele für großen Schaden ausschreien: aber die es mit
Gott halten, werden's für großen Frommen preisen. Ihr habt die armen
Seelen aus dem Gefängnis menschlicher Tyrannei geführt eben um die
rechte Zeit: auf Ostern, da Christus auch der Seinen Gefängnis gefangen
nahm“[93]. Als dann die Befreier heimfuhren, empfahl er sie Gott und gab
ihnen Grüße mit an Koppes „liebe Audi“ und „alle Freunde in
Christo“[94].
Drei Tage darauf schrieb Luther zur Verantwortung für sich, für den
„seligen Räuber“ Koppe und die es mit ihm ausgerichtet, sowie für die
befreiten Jungfrauen zum Unterricht an alle, die diesem Exempel wollten
nachfolgen „dem Fürsichtigen und Weisen Leonhard Koppe, Bürger zu
Torgau, meinem besonderen Freunde“ einen offenen Brief. „Auf daß ich
unser aller Wort rede, für mich, der ich's geraten und geboten, und für
Euch und die Euern, die Ihr's ausgericht, und für die Jungfrauen, die
der Erlösung bedurft haben, will ich hiermit in Kürze vor Gott und aller
Welt Rechenschaft und Antwort geben“. In dieser „Ursache und Antwort,
daß Jungfrauen Klöster göttlich verlassen mögen“ berichtet er offen die
That und ihre Gründe und nennt die Namen der Befreier und Befreiten. Er
sagt ihnen:
„Seid gewiß, daß es Gott also verordnet hat und nicht Euer eigen Werk
noch Rat ist, und lasset das Geschrei derjenigen, die es für das
allerärgste Werk tadeln. ‚Pfui, pfui!‘ werden sie sagen, ‚der Narr
Leonhard Koppe hat sich durch den verdammten ketzerischen Mönch fangen
lassen, fährt zu und führt neun Nonnen auf einmal aus dem Kloster, und
hilft ihnen, ihr Gelübde und klösterlich Leben zu verleugnen und zu
verlassen‘. Meint ihr, das ist all heimlich gehalten und verborgen? Ja,
verraten und verkauft, daß auf mich gehetzt werde das ganze Kloster zu
Nimptzschen, weil sie nun hören, daß ich der Räuber gewesen bin! Daß ich
aber solches ausrufe und nicht geheim halte, thue ich aus redlichen
Gründen. Es ist durch mich nicht darum angeregt, daß es heimlich bleiben
sollte, denn was wir thun, thun wir in Gott und scheuen uns des nicht am
Licht. Wollte Gott, ich könnte auf diese oder andere Weise alle
gefangenen Gewissen erretten und alle Klöster ledig (leer) machen. Ich
wollt mich's darnach nicht scheuen, zu bekennen samt allen, die dazu
geholfen hätten, (in) der Zuversicht, Christus, der nun sein Evangelium
an Tag gebracht, und des Endechrists (Antichrists) Reich zerstört, würde
hier Schutzherr sein, ob's auch das Leben kosten müßte. Zum anderen thu
ich's, der armen Kinder und ihrer Freundschaft (Verwandtschaft) Ehren zu
erhalten, daß niemand sagen darf, sie seien durch lose Buben unredlich
ausgeführt und ihrer Ehre sich in Gefahr begeben. Zum dritten, zu warnen
die Herrn vom Adel und alle frommen Biederleute, so Kinder in Klöstern
haben, daß sie selbst dazu thun und sie herausnehmen“[95].
Diese Aufforderung und die gelungene Flucht der neun Nonnen ermutigte,
wie Luther gedacht, noch andere Klosterjungfrauen und deren Eltern zu
gleichem. Noch in derselben Osterwoche entwichen abermals drei Nonnen
aus Nimbschen und kamen zu ihren Angehörigen, und zu Pfingsten wurden
wieder drei von ihren Verwandten selbst aus dem Kloster geholt[96].
Da endlich ermannte sich der Abt von Pforta, der dem offenen Brief
Luthers nicht entgegenzutreten gewagt hatte, — Luther war ein zu
gefürchteter Kämpe. Am 9. Juni schrieb er eine Klage an den — Kurfürsten
über diese Vorgänge, welche zur „Entrottung und Zerstörung des Klosters“
führten, und beschwerte sich, daß die Nonnen von Sr. Kurf. Gn.
Unterthanen dazu geholfen und gefördert worden seien. Der Kurfürst
Friedrich gab in seiner bekannten diplomatischen Weise die ausweichende
Antwort: „Nachdem Wir nit wissen, wie diese Sache bewandt und wie die
Klosterjungfrauen zu solch ihrem Furnehmen verursacht und Wir uns
bisher dieser und dergleichen Sachen nie angenommen, so lassen Wir's
bei ihrer selbst Verantwortung bleiben“[97].
Aber damit war die Klosterflucht in Nimbschen nicht zu Ende. Bis 1526
waren einige zwanzig — auch Magdalena von Bora — ausgetreten, so daß
jetzt nur noch 19 Klosterjungfrauen da waren; und diese samt ihrer
Aebtissin wurden evangelisch, blieben aber im Kloster, bis sich der
Konvent im Jahre 1545 auflöste[98].
Drei Wochen nach der Flucht der neun Nimbscher Nonnen, am 28. April,
wagten sechs Nonnen aus Sornzig die Flucht, trotzdem dies Kloster im
Lande des Reformationsfeindes Herzogs Georg lag, und trotz des
schrecklichen Schicksals, das um diese Zeit den Entführer einer Nonne
betroffen hatte, der zu Dresden geköpft worden war. Und weitere acht
flohen aus Peutwitz[99].
Im selben Jahre der Flucht Katharinas traten noch 16 Nonnen in
Widderstetten auf einmal aus. Zwei Jahre darauf wandten sich wieder
andere „elende Kinder“ an Luther aus dem fürstlichen Kloster Freiberg im
Gebiete seines grimmen Feindes, Herzogs Georg. Und wieder wandte sich
Luther an den bewährten Nonnen-Entführer Leonhard Koppe, den er
scherzweise „Würdiger Pater Prior“ anredet. Luther wußte, daß diese
Zumutung fast zu viel und zu hoch sei — es konnte ja diesmal ernstlich
das Leben kosten — und meinte, Koppe wisse vielleicht jemand anderes,
der dazu helfen könnte. Aber der verwegene Mann ließ sich um ein solches
wagehalsiges Stück schwerlich vergebens bitten und — zu Georgs
allerhöchstem Verdruß — glückte das Wagestück, wie die Entführung aus
Nimbschen[100].