Als sie zu dem Bilde blicket,

Fühlet sie ein tief Erschrecken,

Scham sie wie ein Schwert durchzücket,

Und sie eilt, sich zu bedecken.

Von des Bildes Augen fließen,

Wunder Gottes! bittre Tränen,

In die Arme muß sies schließen,

Ach, sie möchte es versöhnen!

Und dem Bilde gegenüber

Sitzt zur Harfe sie am Bette,

Und die Augen strömen über

Der verlorenen Biondette.

"Wo ist die, die aus der Wüste

Aufgeht, auf den Freund gelehnet?"

Spricht Meliore nun, und grüßte

Sie, nach der sein Herz sich sehnet.

"Auf dein Herz gleich einem Siegel

War sie wahrlich doch gesetzet.

Goldne Rose, deinen Spiegel

Hat die Schlange bös verletzet.

Um den Apfelbaum sich schlingend,

Der die Mutter dir bedeckte,

Als sie rang, zur Welt dich bringend,

Bös die Schlange mich erweckte!"

Aber traurend sitzt die Süße,

Läßt die Harfe leis erbeben,

Daß ihn schön das Leben grüße,

Das die Liebe ihm gegeben.

Wie die Töne sich ergießen,

Fühlt die Jungfrau in dem Herzen

Wunderbaren Zauber fließen

Und so süße, wilde Schmerzen.

Höher sie die Saiten schwinget,

Denket nicht mehr des Gesellen;

Wie der Schwan im Tode singet,

Glühend ihre Töne schwellen.

Tausend Töne, die sonst schliefen,

Aus der Harfe lebend brechen,

Und in allen Herzenstiefen

Hört sie laut das Echo sprechen.

In dem Tode hallt es wider;

Schüchtern zu des Lebens Schwelle

Rufen ihn die Zauberlieder,

Seine Blicke werden helle.

Wer erklärt ihm die Gesichte,

Wer ergießt des Himmels Segen?

Ist so mild das Weltgerichte,

Kommt die Gottheit ihm entgegen?

"Süßer Tod, den ich erlitten!

Goldne Töne zu mir gehen,

Selig in des Himmels Mitten

Soll ich wieder auferstehen!"

Aus Biondettens frommen Mienen

Strömet ihm das selge Wähnen,

Gottes Mutter sei erschienen,

Und er betet unter Tränen.

Doch die arme Jungfrau singet

Unter bittren, bittren Tränen,

Während sie die Hände ringet:

"O, welch schmerzlich glühes Sehnen!

Schwarz bin ich, doch voller Liebe,

Wie die Hütten Kedars stehen,

Wie die bunten Teppche schimmernd

Salomons im Tempel wehen.

Die Weingärten zu behüten,

Setzten sie mich ein zum Wächter,

Meinen konnt ich nicht behüten,

Von Jerusalem ihr Töchter!

Wie der Tod so stark ist Liebe,

Fest der Eifer wie die Hölle,

Glut und Feuer meine Triebe,

Wie des Herren Blitz so schnelle.

Und wenn alle Wasser stiegen,

Und wenn alle Ströme rännen,

Würden sie sie nicht besiegen,

Nimmer sie erlöschen können!

Was in meinem Haus sich findet,

Alles Gut, wenn ichs wollt geben

Um die Liebe, die mich bindet,

Ach, ich hätte nichts gegeben!

Schön und lieblich meine Füße

In den goldnen Schuhen stehen,

Und mein Haupt, wenn ich ihn grüße,

Ist wie eines Helmbuschs Wehen!

Wie zwo Spangen schön sich schwingend,

Von des größten Meisters Händen

Eben aneinander dringend,

Stehen freudig meine Lenden!"

Doch nun lischt der Kerzen Schimmer

Und Biondette singet: "Wehe,

Wehe, Wehe, Lebensschimmer,

Holdes Leben, nicht vergehe!

Sterbet nicht, ihr süßen Lieder,

Wollt, o wollt nicht von mir schweben!

Sterbet nicht, ihr raschen Glieder,

Laßt euch froh zum Tanze heben!"

Eh die Lampe auch verglimme,

Will sie freudig nochmals schweben;

Doch sie hört nicht ihre Stimme,

Fühlt nicht ihrer Füße Schweben.

Weh! es walten böse Künste,

Laut die frühen Hähne krähen;

Kehrt, ihr Geister, aus dem Dienste,

Denn der Tag will auferstehen!

Und Meliore kömmt zu Sinnen.

Licht und Lied und Lieb entschweben,

Mächtig fühlt er sich von hinnen

Auf die öde Straße heben.

Kühl umwehn ihn Morgenwinde,

Wunderbar ist ihm geschehen,

Denn er kann noch ihre Binde

Auf der frischen Wunde sehen.

Und die nahe Glocke klinget,

Und er hört die ersten Messen:

Bete, bete, nie gelinget,

Die Geliebte zu vergessen!

** Romanze XVI: Kosme krank -- Pietros Garten brennt

Wenn du gleich den Vögeln schwebest,

Über dir der blaue Bogen,

Unter dir die grüne Erde

Und des Wassers Silberwoge;

Und du wolltest niedersehen,

Wo du ruhig möchtest wohnen,

Wo du deinem kleinen Neste

Eine Stelle suchen solltest;

Flöhest du der Städte Elend

Und die Armut eines Dorfes,

Und zögst über Land und Felder

Zu dem stillen Tale Kosmes,

Wo die stillen Bächlein gehen

Durch den Schatten, durch die Sonne,

Durch die Büsche, durch die Felsen,

Bis zum Garten voller Rosen,

Und du bautest dir dein Nestchen,

Wo die klare Jungfrau wohnet,

Und sie ging dir aus dem Wege,

Wenn du ruhig brüten wolltest,

Und du sängst ihr an dem Fenster

In des Lorbeerbaumes Krone;

Futter würde hin sie legen

Alle Abend, alle Morgen,

Und dir schiens ein selig Leben,

Ging zu beten früh die Fromme,

Flögst du mit ihr zur Kapelle,

Die am Felsen höher oben;

Und wenn sie aus vollem Herzen

Unter Tränen spräch die Worte:

Herr, ach schau zu meinem Herzen,

Es ist ganz von Schmerz umdornet!

Herr, um deines Sohnes Schmerzen

Richte auf den Vater Kosme,

Laß ihn nicht verzweifelnd sterben,

Öffne ihm die Gnadenspforte:

Dann wär deine Lust zu Ende,

Deine Seligkeit zerronnen,

Denn nicht ferne von den Menschen

Überall das Elend wohnet.

Und es ist kein öder Felsen

Und kein Bächlein oder Bronnen,

Keine waldumschlossne Stelle

Unterm Monde und der Sonne,

Wo ein Mensch das Licht gesehen,

Wo nicht wär gesündigt worden,

Wo nicht wären bittre Tränen

Vor dem Herrn vergossen worden.

Und du würdest Abschied nehmen

Vor der nächsten Morgensonne,

Sängst noch einmal ihr am Fenster,

Flögst dann weiter unbesorget. --

Wärst du einer von den Sternen,

Die am hohen Himmelsbogen

Ewig auf und unter gehen,

Wie der Herr es hat geboten,

Und du wolltest dich bedenken,

Wo du deine Strahlen solltest

Rein und freudig niedersenken,

Daß sie widerspiegeln sollten

In dem Spiegel weiter Meere;

Sähest du das Schiff hinwogen,

Das die Sünde aus der Fremde

Bringet zu entfernten Zonen;

Auf der stadtbesäten Erde

Sähest du die Menschen morden;

In den Tälern, auf den Bergen

Sähest du die Sünde wohnen;

In des Klosters enger Zelle,

In dem gleichen Tun des Dorfes,

In des Marktes regem Leben,

Im erstarrten Tun des Schlosses:

Wo du deine Strahlen senkest,

Findest du ein Herz gebrochen,

Findest du ein Werk des Bösen,

Findest du ein Kind des Todes.

Und, wer seine Blicke lenkte

Zu dir flehend hin nach oben,

Wäre trunken ganz von Tränen,

Wäre dürstend nach dem Troste.

Doch du würdest dich nicht wenden,

Strahltest ruhig Gott zum Lobe,

Wollte untergehn die Erde,

Wollten auferstehn die Toten.

Was hier klaget, muß vergehen,

Schmerz und Sünde sind des Todes,

Und die Leiden tun nur wehe,

Weil sie sterblich sind geboren.

Aber was da ewig stehet

Sündenlos im Schaffen Gottes,

Kann sich nur in ihm bewegen,

Ist ein Freud- und Leidenloses.

Sieh, der göttliche Geselle,

Phosphoros, der Held des Morgens,

Funkelt von des Himmels Schwelle

Ruhig in den Garten Kosmes.

Und im Morgenwind beweget

Träumen still des Gartens Rosen;

Doch die Hütte ist voll Elend,

Und sie ist ein Haus der Sorgen.

Rosablanka sitzt in Tränen

An dem Bett des kranken Kosme,

Den ein leiser Schlummer decket,

Nur vom Seufzern unterbrochen. # von?

Und sein müdes Haupt erhebet

Nun der Alte zu der Tochter,

Spricht: "Mein Kind, jetzt mußt du gehen

Zu der Messe in das Kloster!" --

"Vater, lasset hier mich beten

Zum allgegenwärtgen Gotte,

Daß ich eurer Krankheit pflege; # eure?

Fern bin ich um euch in Sorgen!" --

"Armes Kind, ich kann genesen

Nur in einem selgen Tode,

Nur vom Schmerz kann mich erlösen

Blut des eingebornen Sohnes!" --

"Vater, schrecklich ist gewesen

Euer finstrer Arzt Apone,

Und ich muß noch Kräuter lesen,

Die er alle hat verordnet!" --

"Kind, hast alle du gehöret,

Die er zu mir sprach, die Worte?

Sie zerschnitten mir die Seele

Wie viel hundert giftge Dolche!" --

"Das, was ich davon gehöret,

Ich doch nicht verstehen konnte:

`Kosme, was dein Herz verzehret',

Sprach er, `ist die Härte Gottes!

Kräftig hast du einst dem Leben,

Was des Todes ist, geopfert,

Und nun opferst du das Leben,

Das dir übrig bleibt, dem Tode!

Du treibst hier ein töricht Wesen,

Machst zur Närrin deine Tochter,

Und die Löcher deiner Seele

Willst du mit der ihren stopfen!

Höre auf, sie zu bestehlen,

Tritt ihr nicht in ihre Sonne,

Laß sie lesen die Poeten,

Gehe in der Stadt zu wohnen!

Du magst ewig dich bekehren,

Was verloren, ist verloren;

Besser solltest du noch scheren,

Die dir übrig bleibt, die Wolle!' --

Dann hat er mich angesehen,

Wie der grimmige Herodes,

Als die Kindlein er zu töten

Seinen Knechten hat befohlen.

Und ich war recht in dem Herzen

Von dem giftgen Blick durchbohret,

Bin, Marien anzuflehen,

Zur Kapelle dann geflohen.

Und am Wege sah ich stehen,

Den am Morgen bei den Rosen

Ich ein Grab hatt graben sehen,

Da die Schlang emporgeschossen.

Aber er hat nicht geredet,

Winkte mit dem Finger drohend,

Griff mir nach der Hand behende,

Nach Biondettens Ringlein golden.

Doch ich wollt es ihm nicht geben;

Da versank er in den Boden,

Und ich eilte zur Kapelle,

Sank ohnmächtig an den Boden.

Und ich sah auch einen Engel

Jubelschreiend in den Wolken,

Er schwang sich wie eine Lerche

Jubilierend hin gen Morgen.

Vater, was ich da gesehen

Klar, wie bei dem Licht der Sonne,

Hat mir ganz verwirrt die Seele;

Jetzt kann ichs nicht wiederholen.

Als ich zu dir kam, da brennte

Über mir der Himmelsbogen,

Es ist Feuer wohl gewesen

In der Gegend, in Bologne.

Vor Marien bin in Tränen

Betend ganz und gar zerflossen,

Gnädig ist sie mir gewesen,

Und ich bin gestärket worden."

Kosme sprach: "Des Arztes Wesen

Ist stets schecklicher geworden:

In der Seele mir zu lesen,

Hat er mir das Herz zerbrochen.

Ach, er kennt mein ganzes Leben,

Und mit jedem harten Worte

Hat er, ihn auf mich zu werfen,

Von mir einen Berg gehoben.

Und so lieg ich ganz zerschmettert,

Als sei ich gesteinigt worden;

Er hat mich mit einer Kette,

Die ich schmiedete, umzogen.

Aus dem Leibe nah dem Herzen

Meine Eingeweide zog er,

Hat, mein Übel draus zu lesen,

Frech sie in die Luft geworfen.

Und ich sah es ohne Schmerzen.

Seit sie wieder eingeschlossen,

Wars, als seien tausend Zentner

In der Seele Haus gezogen.

Boshaft sprach er: `Du genesest,

Wenn auf Erden die drei Rosen

In der Hand der Venus sterben,

Die jetzt stehn im Garten Gottes.

Wenn dein Kind ins Kloster gehet

Und bekränzt mit Liebesrosen

Als Modell dem Maler stehet,

Ist dir, ihr und mir geholfen.' --

Und nun rief ich: `Wehe, wehe!

Wehe über diese Worte!'

Und als ich ihn angesehen,

Ist er deutlich mir geworden.

`Jener Bube bist du, Frecher,

Der die Farben mir im Kloster

Rieb, als ich in Gottes Tempel

Bin ein böser Sünder worden.

In dem Namen Jesus hebe

Dich von mir!' -- Da floh Apone.

Ach, er ist es nicht gewesen,

War der Widersacher Gottes!" --

"Vater, nicht so traurig redet!

Ja, es war der Arzt Apone,

Den ich gestern noch gesehen

Zu Bologna bei dem Bronnen.

O, beschwert nicht eure Seele,

Die in Träumen ist verworren;

Wendet ruhig im Gebete

Euch zum allbarmherzgen Gotte!" --

"Gutes Kind, lies mir den Zettel,

Der vom Arzt geschrieben worden,

Daß ich dir die Orte nenne,

Wo die Kräuter sind zu holen.

Denn der Arzt sprach: `In der Nähe,

Ja, in deines Gartens Boden,

Werden diese Kräuter stehen,

Deren Trank ich dir verordne'."

Rosablanka liest den Zettel:

"Aus Sankt Clarens Garten Rosen

Um die Mitternacht zu brechen

Und mit Keuschlamm einzukochen.

Unser Liebfrau Bettstroh nehme,

Mische es mit Venusrosen,

Zu Marienschühlein menge

Teufelsklau und Hahnensporen.

Und Mariensiegel breche

In dem Schein des vollen Mondes,

Mit Marienmantel leg es

In den dir bekannten Bronnen.

Liebfraumilch und Liebfrautränen

Mit unschuldger Kindlein Rosen,

Findelkraut und Venusnelken

Destilliere durch neun Monde.

Alle Stunden einzunehmen

Und so lang zu wiederholen,

Und dem Arzte schnell zu melden,

Wenns nicht helfen will. Apone!"

Als sie dies Rezept gelesen,

Sprach der Kranke: "Meine Tochter,

Jetzo eile nach der Messe,

Kehre wieder mit Benone!

Also heißt, der sie wird lesen;

Er ist recht ein Heilger Gottes;

Beichte will ich ihm ablegen,

Meiner armen Seel zum Troste!" --

"Soll ich nicht zum Wald erst gehen,

Vater, und die Kräuter holen,

Weil ich sie wohl alle kenne,

Außer Teufelsfuß und Krone?"

"Nein, ich muß sie selber brechen

Unter Tränen, fromme Tochter;

Wo ich gehe, liege, stehe,

Blühen sie ja allerorten!

Gehe nun, mein Kind, und flehe

Für mich um die Gnade Gottes!

Mein Bekenntnis abzulegen,

Will indes mein Herz ich ordnen.

Nimm die Fackel, die ich gestern

Einer Schlange gleich geformet,

Am Altare laß sie brennen,

Bei der Mutter Totenopfer!"

Und sie nimmt die Fackel betend;

Ihre Tränen niederflossen

Auf den Alten, der sie segnet,

Und sie wandelt aus der Pforte.

Wie sie durch den Garten gehet,

Weinen morgenlich die Rosen,

Und in tiefen Träumen wehen

Über ihr des Waldes Kronen.

Und es wirft schon durch die Stämme

Ihre Strahlen hin Aurore.

Aber sieh! zur Link und Rechten

Glüht am Himmel heut der Morgen.

Doch jetzt sieht bei der Kapelle

Sie ins Tal herab von oben;

Weh! die Röte ihr zur Rechten

Ist des Pietro Hütte lodernd.

Nieder durch die Felsenwegen

Eilt sie, achtend nicht der Dornen.

Da sie zu dem Garten gehet,

Fühlt ihr Fuß den glühen Boden.

Und der Hütte Asche hebet

Wild emport der Sturm des Morgens,

Der sich sonst zu wiegen pflegte

In dem Busen tausend Rosen.

Als sie durch den Garten gehet,

Lief um sie die wilde Lohe,

Schlangen, Drachen, sengend, brennend

Blum und Baum und Laubenbogen.

"Pietro, Pietro!" ruft sie bebend,

"Ob er in der Glut gestorben?"

Sieh, bei jener weißen Rose

Steht er, die sie ihm geschenket.

Alle Bäume rings gefället

Hat er zu dem Schutz der Rose,

Und ihr immer Wasser gebend

Geht und kehrt er zu dem Bronnen.

Als die Jungfrau er gesehen,

Spricht er: "Du hast lang verzogen,

Dich zum Opfer einzustellen,

Das zu deiner Ehre lodert!

Alles, was du hast verschmähet,

Hat die Flamme angenommen,

Und sie will mich drum vermählen

Mit der Asche, ihrer Tochter.

Sieh, schon kommen Hochzeitsgäste,

Die Gesellen ohne Sorgen,

Morgenwinde, lustig heben

Sie der grauen Braut die Locken!

Ach, ich lieb sie ohne Ende!

Göttlich ist sie, hochgeboren,

Denn der herrlichste der Helden

Stahl das Feuer von der Sonne.

Meine Braut ist deine Schwester,

Du auch bist des Helden Tochter,

Dem der Geier nagt am Herzen,

Weil das Feuer er gestohlen.

Von den Göttern hoch gesegnet

War die Mutter dir Pandore,

Alle Freuden, alle Wehen

Sind aus ihr nächst dir geboren.

So ist aller Lust des Lebens

Buße zugeordnet worden;

Meine Braut, die Asche, schwebet,

Spielt die Flamme mit den Rosen.

Ach, ich liebe sie ohn Ende,

Denn ich bin aus ihr geboren,

Und will wieder Asche werden,

Weil ich dich nicht hab erworben.

Wahrlich, sie ist deine Schwester,

Denn die schöne, weiße Rose

Hat sie brennend nicht verzehret,

Weil sie hat für mich geworben.

Sei willkomm beim Hochzeitsfeste!

Sieh die rosige Aurore

Ihre gelben Locken mengen

Mit der Asche meiner Rosen!

Hoch ist dies Fest geehret:

Gestern hab ich dich verloren,

Heute Nacht starb Rosarose,

Meine Rosen diesen Morgen!"

Und nun weint er bittre Tränen

Seinen sinnverwirrten Worten.

Rosablanka tief beweget

Spricht: "O Pietro, denke Gottes!

Pietro, du stehst ganz in Frevel,

Seine Hand von dir gezogen

Hat der Herr! O Pietro, bete,

Daß er dein nicht denk im Zorne!

Nie bin ich dir lieb gewesen,

Du hast gestern mich betrogen,

Denn ich sehe deine Seele

Tief in irdscher Not verworren.

Laß dem Feuer seine Rechte,

Das du gen dich aufgefordert;

Deine Seele zu erretten,

Folge mir zur Kirche Gottes!

Und erzähl mir auf dem Wege,

Was dir so den Sinn verworren!

Ich will liebreich mit dir reden,

Folge mir von diesem Orte!"

Pietro spricht: "O Gottes Engel,

Wie du mild bist in dem Zorne!"

Eine Handvoll Asche nehmend

Beugt er sich dann zu dem Boden.

Und sie unter Tränen mengend

In die taubereiften Locken,

Spricht er, nochmals um sich sehend,

Schmerzdurchdrungen diese Worte:

"O, du liebes, armes Leben!

Bunter Thron des ewgen Todes!

Blutig Schlachtfeld des Verderbens!

O ihr aschevollen Rosen!

Meiner Hütte klare Fenster,

Von Jasmin so still umzogen,

Und du schattig Dach der Reben

Über meiner kleinen Pforte!

Weh, es grinset wie Gespenster

An im glühen Blick der Kohlen,

Und der Rasen, den ich pflegte,

Knirschet unter meinen Sohlen.

O ihr tausend frommen Engel,

In den Lilien, in den Rosen,

Morgens mit dem Gärtner betend,

Sterne, Sonnen, Kelche, Kronen,

Zeihet mich mit dürrem Stengel,

Daß ich alle euch gemordet,

Daß ich, folgend dem Verderber,

Hab gestört den Tempel Gottes!

Fromme Priester fleißger Zellen,

Goldne Bienen, euer Kloster,

Eures Gottesdiensts Kapellen,

Eurer Andacht Stationen,

Alle liegen sie versenget,

Und die Glut des bösen Opfers

Und der Rauch des Feuerfrevels

War für euch des Todes Odem.

Kühler Labung Marmorbecken,

Glatter Rand des treuen Bronnens,

Du bist in dem durstgen Lecken

Dieser wilden Brunst zerborsten.

Stiller Mahner des Gescäftes,

Stundenzeiger, Freund der Sonne,

Du bist, Feuerschatten werfend,

In der bösen Glut zerschmolzen.

Hütte, Garten, Blumen, Reben,

Fromme Bienen, süße Rosen,

O, du unschuldvolles Leben,

Ich hab dich von mir gestoßen!

Einsam nur im Garten stehet

Dort die hohe, weiße Rose;

Paradies mußt untergehen,

Ewig steht der Baum des Todes!"

Und nun mit der Jungfrau gehet

Zu der Stadt der Trauervolle,

Und sie wechseln stille Reden,

Niedersehend an den Boden.

"Wann ist, Pietro, Rosarose,

Deine Schwester, dir gestorben?" --

"Des Theaters Glut entgehend

Fiel sie in den Arm Meliores.

Niedersprang sie von dem Fenster,

Und der Sturz führt sie zum Tode.

Jetzt zu ihrem Leichenfeste

Gehe ich zu Jacopone." --

"So war dies die Glut, die gestern

Ich sah an dem Himmel lodern!

Ach, die herrliche Biondette,

Ward sie heil dem Brand entzogen?" --

"An der Schwester Sterbebette

War sie noch mit Jacopone!" --

"Ist dein Bruder unverletzet,

Der getreue Meliore?" --

"Ich hab ihn nicht mehr gesehen,

Ich hab ihn nicht sehen wollen,

Und ich will ihn nicht mehr sehen,

Er hat mein Geschick verdorben!

Er, der Buhler von Biondetten,

Er hat mir dein Herz entzogen,

Und durch ihn starb Rosarose,

Sank mein Haus und meine Rosen!

Ich bin nicht zur Stadt gewesen;

Als die wilde Glut da tobte,

Saß ich still in meiner Zelle,

In verschmähter Lieb verloren.

Und zu deinem Vater gehend,

Führt Meliore den Apone,

Und der falsche Bruder kehrte

Zu der Stadt von meiner Pforte.

Und der weise Arzt erzählte,

Kräuter in dem Garten holend,

Mir den Tod der Rosarose

Und die Buhlerei Meliores.

Und er warf mir in die Seele

Einen Brand, der ewig lodert,

Der den Garten mir verzehrte,

Der mich selbst noch treibt zum Tode!"

Rosablanka rief nun: "Wehe,

Wehe dir, du Höllenbote!

Apo ist es nicht gewesen,

Wahrhaft sprach der Vater Kosme.

Deinen Schritt zurück noch wende,

Du erweckende Aurore,

Lasse, was der Böse säte,

Nicht erblühn in deiner Sonne!

Schauertrunkne Nacht, o kehre!

Decke, die du tot geboren,

All die Lügen und Gespenster

Unterm Dunkel deines Zornes!"

Also spricht sie. Doch es stehen

Glühnd des Morgens goldne Kronen,

Zeugen ihres Angstgebetes,

Auf Bolognas hohen Domen.

Und da sie beisammen stehen

Bei der Linde, bei dem Bronnen,

Sich schon Tagesstrahlen senken

In den Schein der Mutter Gottes.

"Pietro," spricht sie, "Gottes Segen

Leuchte dir in deinem Zorne!"

Scheidend sah er da die Tränen,

Die ihr aus den Augen quollen.

Und sie sah verwirrt umwehen

Finstre Stirn die dunkeln Locken;

Denn schon auf die Gipfel leget

Niederschauend sich die Sonne.

Die da ewig sinkt und kehret

Sündenlos im Schaffen Gottes,

Kann sich nur in ihm bewegen,

Ist ein Freud- und Leidenloses.

** Romanze XVII: Totenmesse -- Meliore und Rosablanka beichten

Stille herrscht in den Straßen,

Und es rauscht ein Morgenwehn

Durch der Gärten Lustterassen,

Wo die Blumen träumend stehn.

Eine Perle, eine Träne

Legt es jeder in das Herz,

Und sie wenden also schöne

Ihre Kelche sonnenwärts.

Und es wehen ihre Düfte

Durch die schlummerstille Stadt,

Durch die kühlen, regen Lüfte

Weht ein einsam Blütenblatt.

Und ein Vöglein aus der Linde

Flieget und das Blättlein fing,

Glaubt es spielend in dem Winde

Einen bunten Schmetterling.

Läßt betrogen dann es fallen

In des Springbrunns Marmorrand,

Und er spielt mit süßem Lallen

Mit dem süßen Frühlingstand.

Und der Vogel ohne Sorgen

Stürzet aus dem Bann der Nacht,

In den goldnen, lieben Morgen,

Der auf Turmesspitzen lacht.

Sonn und Vogel golden lachet

Auf dem Kreuz, das himmlisch thront,

Und es sinket überwachet

In das Licht der blasse Mond.

Durch den grauen Morgen dringet

Der prophetsche Hahnenschrei,

Und die Schwalbe dichtend singet

Ihres Traumes Phantasei.

Sieh, in einem frommen Blitze

Fängt das Kreuz den Sonnenschein,

Senkt ihn von des Turmes Spitze

In die stillen Straßen ein.

Und der Bettler, der geschlafen

Vor des Palasts Säulenkranz,

Hebt sich, da ihn Strahlen trafen,

Still und dreht den Rosenkranz.

Und es gehet Rosablanke

Durch das römsche Tor herein,

Eine Kerze trägt die Schlanke

Und ein Kännlein Opferwein.

Als sie an des Altars Stufen

Vor Biondettens Wohnung steht,

Will die Tänzerin sie rufen,

Daß sie mit zur Kirche geht.

Aber wie ward sie betroffen!

An dem kleinen, stillen Haus

Steht die Türe nächtlich offen:

Ging so früh die Jungfrau aus?

Nein, dann hätte sie geschlossen

Ehrbar hinter sich das Tor.

Und nun steigt sie unverdrossen

Zu der Kammer leis empor.

Und sie findet ganz zerrücket

Dieser Stube Ebenmaß,

An der Erde lag zerstücket

Manche Urne, manches Glas.

Blumen, Federn bunt zerstreuet

Und Gewänder hie und da,

Das, was gestern sie erfreuet,

Heute sie mit Schrecken sah.

Die zerrissnen Perlenschnüre

Säten eine Tränensaat

Zu des Schlafgemaches Türe,

Der sich Rosablanka naht.

Und sie pochet: doch die Kammer

Schweiget, und sie geht hinein.

Ach! Da tritt in tiefern Jammer

Noch die bange Jungfrau ein.

Weh, das Bettlein blutbeflecket,

Und zerstört das Saitenspiel!

Rosablanka tief erschrecket

Auf die Kniee niederfiel.

Zu dem kleinen Nonnenbilde

Rief sie unter Tränen aus:

"O, du Antlitz, ernst und milde,

Blut und Tod befleckt dies Haus!"

Und mit Angst und mit Entzücken

Fühlte sie, wie wundervoll

Aus des Bildes stillen Blicken

Eine helle Träne quoll.

Und so ganz von Angst durchdrungen

Weilt sie in dem bösen Haus,

Streckt die Hände schmerzgerungen

Zu dem Morgenlichte aus.

Wie verspätete Gespenster

Gaben hundert Kerzen Schein,

Tiefgebrannt, und durch die Fenster

Sah erschreckt der Tag herein,

Den die Nachtigallen grüßen

Auf des Fensters Gartenbeet,

Wo ihr Bauer unter süßen

Blumen eingezäunet steht.

Rosablanka geht zum Bauer,

Läßt die Sängerinnen frei:

"Flieht und sucht, wo eurer Trauer,

Meiner Trauer Heldin sei!

Schwinget euch zu ihrer Leiche,

Rufet ihren Mörder aus,

Daß die Rache den erreiche,

Der befleckt dies heilge Haus!"

Und die kleinen Vögel lenken

Zu dem Lichte erst den Flug,

Werden aber bald sich schwenken

Nach des Herzens innrem Zug,

Wie das Schiff vom Lande rauschet

Freudig erst ins Element

Und die freie Lust dann tauschet

Mit des Schiffers Ziel und End.

Doch nun kömmt der kleine Knabe,

Dem sie gestern am Altar

Teilte ihre Honigwabe,

Sprach mit seiner Stimme klar:

"Rosablanka, nicht vergesse

Über dieses Hauses Schmerz

Deiner Mutter Totenmesse,

Trage ins Gebet dein Herz!

Größre Trauer zu bestehen

Stehet deiner Seele vor,

Durch die Dornen mußt du gehen

Zu des Himmels Rosenflor!

Es verließ die kleine Zelle

Schon der treue Gottesmann,

Kerzenhell ist die Kapelle

Und der Glockenruf getan.

Zünde deine Schlangenfackel

An der ewgen Lampe Licht,

Sie sei vor dem Tabernakel

Des Erlösers aufgericht!"

Rosablanka spricht: "O sage

Mir, du blondes Wunderkind,

Ob ich die, um die ich klage,

Je im Leben wiederfind?"

Und er sprach: "Die Seele stehet

Wieder licht in Gottes Hand,

Nur der Leib, der irdisch gehet,

Ist dem Dunkel zugewandt!"

Und nun wendet er sich stille,

Und die Jungfrau folget nach.

"Es geschehe Gottes Wille!"

Sie ergeben vor sich sprach.

Und er führt sie zu Sankt Claren

Durch den Klostergarten ein,

Wo sich tausend Blumen paaren

In des neuen Tages Schein.

Vor des Kirchleins Marmorschwelle

Sproßt der schönste Rosenstrauch

Und erfüllet die Kapelle

Mit der süßen Düfte Hauch.

Wunderbar ist er gewunden

Und geranket tausendfach,

Einer Schlange gleicht er unten

Und umzieht das ganze Dach.

Wo er aus der Erde dringet,

Ist er dürr und ungestalt,

Wo er höher an sich schwinget,

Grünt und sproßt er mit Gewalt.

Links wohl alle Rosen trauern,

Rechts sie freundlich lachend glühn,

Und es stehn des Kirchleins Mauern

Wie in Mond- und Sonnenschein.

Doch drei Sprossen sendet oben

Frisch der recht und linke Zweig;

Alle sechse dicht verwoben

Blühen freudig alle gleich.

Romanzen vom Rosenkranz · 第 10 / 13 段