Zeugnisgebende sind dreie,

Und die dreie eines sind;

Du hast einen Grad der Weihe,

Noch bist du ein blindes Kind.

Wisse, der Dreieinigkeiten

Schweben in dem Zirkel viel;

Wer sie alle kann durchschreiten,

Dreht den Zirkel hin zum Ziel.

Doch nun laß uns andre Kreise,

Die uns näher liegen, ziehn,

Daß ich tätig dir beweise,

Wie ich dir gewogen bin.

Einsam sind wir und alleine,

Ich und du und die Begier;

Sprich, nach welchem Zauberweine

Lechzt die trockne Zunge dir?

Fein ist diese Zeit; es schweifet

Süß das trunkne Mondenlicht;

Wer jetzt nach den Äpfeln greifet,

Der verfehlt die reifen nicht.

Von der Venus Tau bereifet,

Schwillt der Früchte süß Gewicht:

Sage, welche Lust gereifet

Dir aus heißem Busen bricht" --

"O, mein hoher Herr und Meister,

Du bist weis," Meliore spricht,

"Und es reichen alle Geister

Deinen Augen gern ihr Licht.

Sehe, hier stehn wir im Freien,

Unterm hohen Wolkenschild,

Und des Brands Ruinen streuen

Auf den Plan ihr Schattenbild.

Kannst du aus der Sterne Reihen

Sagen, ob die Zukunft hier

Andre Schatten wird verleihen

Dieses Platzes hoher Zier?

Ob nicht seinen Schatten breiten

Hier ein heilger Tempel wird,

Wo wir jetzt durch Trümmer schreiten,

Die des Wassers Flut durchirrt?"

Doch Apone sprach: "O schweige,

Anderes begehr von mir,

Daß ich anderes dir zeige,

Was mir lieber ist und dir!

Denn nicht diese toten Steine

Heben zu dem Licht den Blick;

Nur des Lichtes Sohn alleine

Liest gestirnet sein Geschick.

Geisterschwer erblühn die Zeiten

Heute aus dem Sterngefild,

Durch den reichen Himmel schreiten

Seh ich wunderbar Gebild.

Denn die Jungfrau hebt den Schleier,

Und der Widder freudig springt,

Und der Stier erhebt sich freier,

Da der Schwan verbuhlet sind.

Und die Zwillinge, sie weinen,

Da die eine Wage sinkt,

Und der Steinbock will nicht scheinen,

Weil der Schütz den Bogen schwingt.

Amors Pfeil der Pfeil heut gleichet,

Sieh, wie er zur Jungfrau ziel;

Wie der Fisch zum Fische streichet

Und in Wogenschimmer spielt.

Nach des Bechers süßem Weine

Greift der Wassermann und trinkt,

Bär und Hund, der groß und kleine,

Tanzen, der Triangel klingt.

Pegasus mit Wiehern schreiet

Zu dem kleinen Pferde hier,

Des Zentauren Lust sich zweiet

Zu der Jungfrau, zu dem Tier.

Und der Walfisch, ein Hochzeiter,

Jauchzend im Eridan springt,

Und das Schiff, es flagget heiter,

In dem Pol sein Ruder klingt.

Bei dem Hafen jagdlich schweifen

Sehe ich Orions Licht,

Doch vor ihm die Flucht ergreifen

Heute die Plejaden nicht.

Liebend denket er mit Schweigen

Der Hyperboreerin,

Und vor Herkuls Seele streichen

Alle Thespiaden hin.

Cepheus, Cassiopeia neigen

Liebend zueinander sich,

Und Andromeda erreichen

Seh den starken Perseus ich.

Freudig laut der Fuhrmann geißelt,

Und das Böcklein zu ihm springt,

Und der Löwe lustgekräuselt

Seinen Schweif zur Jungfrau schwingt.

Wie im Paradiese schweifet

Dort die Schlange lustgeringt;

Weil die Feigen sind gereifet,

Hoch der Rab den Becher schwingt.

Frei strömt, wie zur Hochzeitsfeier,

Berenicens Locke hin,

Und im Klang von Orpheus Leier

Schaukelt trunken der Delphin.

Den Antinous umkreisend,

Hoch des Adlers Fittig klingt,

Der, sie von der Erde reißend,

Götterknaben aufwärts schwingt.

Eine Schlange tragend weilen

Seh den Polyides ich,

Minos lehrte sie ihn heilen,

Dich zu heilen lehrt sie mich.

In der Nordkron goldne Reife

Eine Myrte süß sich schlingt,

Und der Drach mit brünstgem Schweife

Heiß den kalten Pol umringt.

Zu geheimer Liebe Feier

Hell des Altars Glut entglimmt;

Die Südkrone schimmert freier,

Und in Lust der Südfisch schwimmt.

Ihre Scheren brünstig breiten

Krebs und Skorpion zum Licht,

Und der Wolf in Himmelsweiden

Trübt der Lämmer Quelle nicht.

Also glühend sind die Zeiten,

Also brünstig ist das Licht,

Wie die Rose, die den Bräuten

Venus durch die Locken flicht.

Die Granate senkt gereifet

Ihrer Kerne Goldgewicht,

Trunken durch die Blätter schweifet

Amor, der sie taumelnd bricht.

Selig ist wohl der zu heißen,

Der in Liebe selig ist;

Sprich, kann ich dich selig preisen,

Der du also liebend bist?

Meliore, sei der meine;

Sage ohne Hinterlist,

Ob Biondette je die deine

Ganz und gar gewesen ist?

Ob dein selger Mund alleine

Ihres Leibes Rosen bricht,

In der Augen Sonnescheine,

In des Busens Mondenlicht?

Ob du in die Wollustkreise

Ihrer Mitternächte blickst,

Daß dich jauchzend an sich reiße,

Die entzücket du entzückst?"

Doch entsetzet hier den Meister

Meliore unterbricht;

"Bei dem Gott der selgen Geister

Schwöre ich: das tat ich nicht!

Und will einer des sich preisen,

Ich nenn einen Teufel ihn;

Will mit Händen den zerreißen,

Der sie solcher Schmach geziehn!

Gott und Vater! wüßt ich einen

Solches denkend, sein Gehirn

Schlüg ich ihm mit kotgen Steinen

Aus der unverschämten Stirn!

Denn die Sterne sind nicht reiner,

Als der Leib Biondettens ist,

Und der Schoß, er war nicht reiner,

Der empfangen Jesum Christ!

Doch du machst aus Weltenkreisen,

Wo der Engel Palmen schwingt,

Und, den Ewigen zu preisen,

Gloria die Sphäre singt,

Einen Tummelplatz der Heiden,

Wo die Sünde Lanzen bricht,

Und ein ekles Wolluststreiten,

Dem die Geilheit Kränze flicht!

Könntest du mir auch beweisen,

So sei meiner Liebe Ziel,

Möge mich der Stern zereißen,

Der jetzt dort vom Himmel fiel!"

Also sprach er, und es breitet

Apo seinen Mantel hin,

Fing den Stern, der niedergleitet:

"Sieh, was dir ein Stern erschien!

In dem trüben, kalten Schleime

Hier, erkennest du das Licht?

Stürzend durch des Himmels Räume

Wahrlich, dies erschlägt dich nicht!

Alles ist nicht Gold, was gleißet,

Und was glühend dir erschien,

Sich als faules Holz erweiset,

Nahest du dem Wunder kühn.

Und das eben macht den Weisen,

Daß er in dem Sonnenlicht

Kann die Mitternacht beweisen,

In dem Leichten das Gewicht.

Daß selbst in des Lichtes Leichte

Er die Wucht, die niederzieht,

In dem Abgrund auch das Seichte,

In dem Seichten Abgrund sieht.

Sollt ich dich nicht selig preisen,

Wäre solch ein Weib dein Spiel?

Um die Erde möcht ich reisen

Nach so wunderbarem Ziel!

Doch die Jugend möchte steigen,

Um den Himmel zu erfliehn,

Und das Alter muß sich neigen,

Sieht ihn an der Erde blühn.

Willst du nun die Lust erreichen,

Die dir durch die Adern rinnt,

Einen Trank will ich dir reichen,

Der dir ihre Gunst gewinnt.

Läßt du dir das Recht entreißen,

Das dir Lust und Jugend gibt,

Wird dich schwer der Neid zerreißen,

Wenn sie andern sich ergibt.

Daß zum Falle sie gereifet,

Seh in ihren Sternen ich,

Wenn kein andrer sie ergreifet,

Nenne einen Lügner mich!" --

"Den möcht ich jetzt gleich dich heißen,"

Zürnend nun Meliore spricht,

"Solche Unschuld kann nicht gleißen,

Gottes ist ihr Angesicht!

Körner streust du; ich soll gleiten,

Aber Gott erhalte mich!

Sündflut aller Eitelkeiten,

Hier vor Gott verfluch ich dich!

Ja, gleich leicht magst du beweisen,

Diesen Himmel ernst und still

Sehest du vom Blitz zerreißen

Und von donnerndem Gebrüll;

Und die Stadt im Mondenscheine

Fülle jetzt der wilde Krieg,

Und daß jetzt, wo wir alleine,

Weit ein Feld voll Leichen lieg;

Daß Bologna ihre weite,

Hochgetürmte, feste Stirn

Niederbeuge jetzt im Streite

Vor dem himmlischen Gestirn!

Daß du doppelt kannst erscheinen,

Weil ichs sah, bewiest du mir;

Doch Biondettens Schuld verneinen,

Selbst sie sehend, würd ich dir!" --

"Malst du an die Wand den Teufel,"

Apo zu dem Jüngling spricht,

"Hält er dir auch ohne Zweifel

Zu der Malerei das Licht!"

Sprachs. Und plötzlich donnernd steiget

Um den Mond die Finsternis,

Und so weit der Himmel reichet,

Hell ein Blitz die Nacht zerriß.

Und rings durch die Stadt verbreitet

Sich ein tosend Stahlgeklirr;

Näher, immer näher streitet

Her der Stimmen Kampfgewirr.

Meliore bebt. Es schreiten

Tausend Bürger in den Ring,

Und mit Wut von allen Seiten

Hebet sich das Schwertgekling.

Und es sinket Reih auf Reihe

Auf dem blutgen Mordgefild,

Daß von Wut- und Wehgeschreie

Laut ertost das Wolkenschild.

Weh! da stürzen auf die Streiter

Rings Bolognas Türme hin,

Doch sie kämpfen immer weiter,

Nichts erschrecket ihren Grimm!

Zu den Füßen seinem Meister

Sinnlos hin Meliore sinkt,

Bis das Spiel der bösen Geister

Dieser in den Abgrund winkt.

Und von Schrecken ganz gebleichet

Richtet auf der Jüngling sich:

"Du hast Böses mir gezeiget,

Meister, nun entlasse mich!"

Apo spricht: "Du prophezeitest

Dieser Stadt dies Ungeschick,

Weil du sie so toll vereidest

Für Biondettens Tugendglück.

In der Wage liegen beide,

Leg dich zu der Tänzerin;

Daß dein Vaterland nicht leide,

Gebe dich der Freude hin!

Größre Wunder könnt ich zeigen --

Eines Wortes leicht Gewicht,

Eines nichtgen Blickes Steigen

Führt oft her ein schwer Gericht.

Und so stehn die Himmelszeichen:

Es erfüllt sich dies Gesicht,

Brichst du von Biondettens Zweigen

Heut die reifen Früchte nicht!" --

"Läßt so leicht vom Himmel reißen

Dieses Landes Schicksal sich,"

Spricht Meliore, "will verheißen

Eine schönre Zukunft ich!

Hohe Nacht, ihr Sternenreiche,

Mond, du keusches Angesicht,

Euch Biondetten ich vergleiche,

Sie weicht euch an Friede nicht.

Und so fest und ungebeuget

Stehet ihrer Tugend Zier,

Als einst fromm ein Tempel steiget

Aus des Brands Ruinen hier!

Sieh! beweget sind die Steine,

Ordnen auf zu Mauern sich;

Diese Geister sind die meinen,

Und ihr Meister bin auch ich!

Freudig auf die Pfeiler steigen;

Hörst du, wie Biondette singt?

Wie nach ihrer Harfe Reigen

Stein auf Stein zum Himmel dringt?

Wie nach ihren Melodeien

Kuppel sich an Kuppel ringt,

Und die Säule ihre Reihen

Mit dem Palmenknauf verschlingt?

Der Kapellen Einsamkeiten

Ordnen sich in Harmonie;

Wo die Töne sich durchschneiden,

Wölbt des Chores Halle sie.

Wo die Töne höher steigen,

Heben sich die Türme spitz,

Die zum Firmamente reichen

Mit der Kreuze goldnem Blitz.

Wo sie sich zur Tiefe neigen,

Zu der Grüfte Labyrinth,

Seh ich trauernd niederschleichen

Still der Treppen Steingewind.

Heilig scherzt in tausend Weisen

Blum um Blume, Bild um Bild,

Und, die Meisterin zu preisen,

Widerhall dem Stein entquillt.

In der Kerzen selgem Scheine

Bebt der Altar feierlich,

Und gleich einem Frühlingshaine

Füllt das Haus mit Jubel sich.

Silbernem Gefäß entkreisend

Süß der Weihrauch aufwärts dringt,

Und des Himmels Tor aufreißend

Hochgesang in Wonne ringt.

Sieh, wie zu des Tempels Weihe

Rings die frommen Bürger ziehn;

Meister! Gott uns Trost verleihe,

Laß uns betend niederknien!"

Spricht Meliore, und den Meister

Will er an dem Mantel ziehn;

Helfet! alle guten Geister!

Er sieht vor sich doppelt ihn!

Einer trägt ein Feuerzeichen

Auf der hohen, dunkeln Stirn,

Kalt sie sich die Hände reichen,

Und es bebet das Gestirn.

Lachend sie von dannen schleichen,

Sieh, da kehrt das Mondenlicht;

Durch das nächtlich tiefe Schweigen

Meliors Stimme bricht:

"Weh! Bologna, weh! Sich neigen

Sah ich deiner Türme Zier,

Sah ein blutig Feld der Leichen

Über deinem Herzen hier!

Weh! in deinen Eingeweiden

Reget sich ein Drachenkind,

Und es streun die dunklen Zeiten

Deine Asche in den Wind!

O, wie muß ich den beneiden,

Der den Stamm, des Sohn er ist,

Kennt, daß er den Fluch der Leiden

Nicht in seinem Schuldbuch liest!

Einen Schuldgen suchend, reißen

Um das Schiff die Stürme sich;

Weh! ich kann mich des nicht preisen,

Daß den Fluch nicht trage ich!

O Allmächtiger, o zeige,

Ob der Sünde ich entspring,

Daß ich zu der Flut mich neige

Und ein sühnend Opfer bring!"

Also fleht er um ein Zeichen,

Und sein Flehen ihm gelingt:

Durch das tiefe nächtge Schweigen

Hell die Totenglocke klingt.

Und der Glocke Schall geleitet

Zu Biondettens Wohnung ihn;

Wo der Baum die Schatten breitet,

Kniet er bei dem Altar hin.

"Herr! die Seele, die jetzt streitet,

Richt in deinem Zorne nicht;

Herr! die Seele, die jetzt scheidet,

Sehe bald dein Angesicht!"

Und er höret an dem Zeichen,

Daß ein Weib gestorben ist,

Weil die Zahl der Glockenstreiche

Zweimal unterbrochen ist.

"Jacopones frommem Weibe

Wohl das dunkle Auge bricht.

Ob ich gehe, ob ich bleibe?"

Bang der Jüngling zu sich spricht.

"Denn nicht lang mehr kann verweilen

Die geliebte Tänzerin;

Sah ich sie, dann will ich eilen

Tröstend zu dem Bruder hin.

Ach, schon hör ich aus der Weite

Leichter Füße Flügelschritt!"

Von der monderhellten Seite

Bang er in den Schatten tritt.

"Soll ich singen, soll ich schweigen,

Wenn sie mir vorüberzieht?

Gerne gäb ich ihr ein Zeichen,

Daß ein Liebender sie sieht!"

Doch ein dunkler Fechter schreitet

In dem Schatten vor ihn hin,

Und zum Kampfe schnell bereitet

Meliore sich gen ihn.

Aber in des Degen Kreisen

Seine Klinge ihm zerspringt,

Ihn durchbohrt des Feindes Eisen,

Und er spricht, indem er sinkt:

"Herr! die Seele, die jetzt streitet,

Richt in deinem Zorne nicht;

Herr! die Seele, die jetzt scheidet,

Sehe bald dein Angesicht!"

** Romanze XV: Meliore und Biondetta -- Biondettens hohes Lied

Gieße, Mond, dein Silber milder

Durch die blauen Himmelsmeere;

Blicket fromm, ihr Heldenbilder,

Nieder aus dem Sternenheere.

Einsam kühle Nachtluft, stille

Grüße aus dem Himmel sende;

Blüten, Blumen, eure Fülle

Duftend sich der Nacht verschwende.

Philomela, süßer stimme

Deines Traumes Wonn und Wehe,

Daß es zu den Sternen glimme

Und um Gottes Liebe flehe.

Klang der süßberauschten Zither

Unter Liebchens Fenster bebe;

Still eröffne sie das Gitter,

Daß sie Liebesworte gebe.

Jünglingen, die schlummernd liegen,

Komm ein Liebestraum entgegen;

Auf die Kindlein in den Wiegen

Senke sich ein Engelsegen.

Und die Wünschelrute sinke

Jedem auf des Schatzes Schwelle,

Und dem Durstgen, daß er trinke,

Sei der Schatz die kühle Quelle.

All ihr Bronnen, selig zielet

In die mondberauschten Becken;

Leis im West, ihr Blätter, spielet,

Um die Vöglein nicht zu wecken.

Nacht, in deines Zaubers Schlingen

Soll sich Liebesscham verketten,

Unter lustbetrauten Schwingen

Bräutliches Entzücken betten.

Was die Seele, was die Sinne

Hoch begeistert, tief erreget,

Deines Glücksrads Lustgewinne

Seien alle ausgeleget.

Spinnet bei dem Mondenlichte

Eure feinsten Netze, Elfen,

Und die schlauen Zauberwichte,

Alle Zwerge sollen helfen.

Felsbewohnende Sibyllen,

Leichte Nymphen flüchtger Quellen,

Einet alle euren Willen,

Diese Netze aufzustellen.

Locket, locket, süßer singend,

In die Netze, ihr Sirenen,

Und den Tönen nicht gelingend,

Laßt gelingen es den Tränen.

Denn es will uns heut entfliehen

Der melodischste der Schwäne,

Will zu heilgerm Himmel ziehen,

Daß sein Herz sich nicht mehr sehne.

Königin der Sternenzinne,

Priesterin verklärter Herzen,

Lehrerin geheimer Minne,

Heldin, Trösterin der Schmerzen,

Nacht! durch deines Tempels Mitte

Sehe ich Biondetten gehen,

Scheu verhüllt in züchtger Sitte;

Du wirst sie nicht wiedersehen.

Auf dem Platze mondbeschienen

Bleibt sie ruhig schauend stehen,

In die düsteren Ruinen

Noch einmal zurück zu sehen.

Sie beginnet leis zu singen;

In der Nachtluft einsam Wehen

Ihre Töne sich verschlingen

Wie der Andacht schwankend Flehen.

"Herr, ich steh in deinem Frieden,

Ob ich lebe, ob ich sterbe;

Starb mein Heiland doch hienieden,

Daß ich sein Verdienst erwerbe.

Will der Schmetterling zum Lichte,

Muß die Larve er zerbrechen,

So hast du dies Haus vernichtet,

Meine Freiheit auszusprechen.

Laß die Flügel mich erquicken,

In der Andacht sie erstrecken,

Und zum Himmelsgarten zücken

Durch der Buße dornge Hecken!

O, wie hast du hoch gezieret

Diese Weltnacht, mir die letzte;

Eine Seele triumphieret,

Deren Tod mich hoch ergötzte.

Solchen Tod laß mich gewinnen,

Herr, nach einem solchen Leben,

Laß mich mit so klaren Sinnen

Dir die Seele wiedergeben!

Denn in deinen Händen liegen

Alle demutvollen Herzen,

Wie die Kindlein in den Wiegen,

Still entschlummert, ohne Schmerzen."

Also sang sie, und geschwinde

Eilt sie auf verschlungnen Wegen,

Und schon höret sie die Linde

Nächtlich grüßend sich bewegen.

Rascher flügelt sie die Schritte

Ihres Hauses Tor entgegen,

Da begegnet ihrem Tritte

Klirrend ein entblößter Degen.

Ach, und weiter noch zwei Schritte

Liegt, vom Mantel leicht bedecket,

Der den bösen Mord erlitten,

Stumm ein Jüngling ausgestrecket!

Da sie zu ihm niederblicket,

Will er noch die Blicke heben;

Den der Tod schon fest umstricket,

Kann die Schönheit noch beleben.

Gleich dem frommen Samariter

Hebt die mutige Biondette

Mühsam nun den toten Ritter,

Trägt ihn hin nach ihrem Bette.

Lebend konnts ihm nie gelingen,

In ihr Kämmerlein zu sehen,

Und er mußte, einzudringen,

Durch des Todes Pforte gehen.

Schnell die Lampe angezündet

Unter bangen Herzensschlägen!

Ach, das Herz, das sie verbindet,

Schlägt noch liebend ihr entgegen!

Balsam macht sie aus den Giften,

Die sie sonst im Tanz umgeben,

Mit der Öle süßen Düften

Ruft sie wieder ihn zum Leben.

Und sie löset ihm geschwinde

Seinen Koller überm Herzen,

Sauget ihm sein Blut gelinde

Aus der Wunde mit den Schmerzen.

Ach! und ihren frommen Lippen

Strömt die Torheit frech entgegen;

Quelle böser Zauberklippen,

Liebesgift war an dem Degen!

Auf der Brust ihm eingeschnitten

Ihren Namen liest Biondette,

Und ihr Bild, nach Liebessitte,

Hängt darauf an goldner Kette.

Doppelt ihren Schleier windet

Sie, mit Tränen ihn benetzend,

Und die Wunde sie verbindet,

Sich der Blöße nicht entsetzend.

Und sie eilt und schmückt das Zimmer,

Zündet an wohl hundert Kerzen,

In der Spiegel Widerschimmer

Gold und Silber freudig scherzen.

Ihres Putzschranks Flügeltüren

Öffnet sie mit leichten Händen,

Daß ein eitles Triumphieren

Rings entstrahle allen Wänden.

Und die falschen Götterbilder

Schmücket sie mit Flitterkränzen,

Aus dem Schoße goldner Schilder

Läßt sie seidne Röslein glänzen.

Reiherbüsche pflanzt sie flitternd

Auf des Boden Purpurdecken,

Diamantne Nadeln zitternd

Zäumt sie ein mit Federhecken.

In der Torheit Garten glimmend

Rüstet sie ein Weihrauchbecken,

Daß die Weihrauchwolken schwimmend,

Lüstern halb den Glanz bedecken.

Weh! wer hat sie so verrücket?

Alle Blumen muß sie brechen;

Wie des Wahnsinns Braut geschmücket,

Muß ihr keusches Herz erfrechen.

Schamlos tritt sie vor den Spiegel,

Ihre Brust zu Tag zu legen,

Weh! da blicket Gottes Siegel,

Die Goldrose ihr entgegen.

Doch sie ist so tief verstricket,

Nichts kann ihre Glut erschrecken,

Ihre Blöße sie entzücket,

Und sie mag sich nicht bedecken.

Und mit süß vertrauten Blicken

Sitzt sie auf des Jünglings Bette;

Weltlicher nicht konnt sie blicken,

Wenn sie nie gebetet hätte.

Und sie fühlt in allen Sinnen

Ein unheiliges Ergötzen

Wild durch ihre Adern rinnen,

Und sie muß die Zucht verletzen.

Seine Lippen, seine Stirne,

Ihren Namen ihm am Herzen,

Küsset heiß die arme Dirne

Unter suß berauschten Schmerzen.

Und in seinen Locken spielen

Ihre zarten Hände bebend,

Doch umsonst die Küsse zielen,

Seine Lippen nicht belebend.

An den Busen ihn zu drücken,

Seinen Namen laut zu nennen,

Fühlet sie ein wild Entzücken,

Doch er will sie nicht erkennen.

"Meliore," spricht sie liebend,

"Deine Augen zu mir wende,

Süßen Dank der Huld ausübend,

Die ich zärtlich dir verschwende!

Sieh, es will der gütge Himmel

So dich an das Herz mir legen,

Wie ich in des Brands Getümmel

An dem deinen bin gelegen!

Wenn du auch nicht wiederküssest,

Winkend nur ein Zeichen gebe,

Mir zum Troste, daß du wissest,

Wie ich dich nicht überlebe!"

Und die Harfe nimmt die Süße,

Läßt die Saiten wild erbeben;

Ach, die heißen Liebesgrüße

Können nicht sein Aug erheben.

Keuscher Tod, du drückst sie nieder,

Solche Raserei zu sehen,

In dem Klang der giftgen Lieder

Soll er sie nicht wiedersehen.

"Ihn, den meine Seele liebet,"

Singt sie, "sucht ich in dem Bette,

Sucht ihn durch die Straßen ziehend,

Fand ihn doch an keiner Stätte.

Und ich fragt die Wächter bittend,

Die da durch die Straße gehen:

Ihn, den meine Seele liebet,

Habet ihr ihn nicht gesehen?

Und vorübergehend finde

Ich den Liebsten meiner Seele,

Ihn mit Rosenketten binde,

Ihn auf ewig mir vermähle!

Und ich halt ihn, laß ihn nimmer,

Den ich fand auf meiner Schwelle,

Führ ihn in der Mutter Zimmer,

Führe ihn in meine Zelle.

Sieh, ich bin ein Rauch von Myrrhen,

Auf sich aus der Wüste hebend,

Und, wie Bienenschwärme irren,

Küsse meinem Mund entschweben.

Weiß und rot ist, den ich minne,

Golden sich sein Haupt erhebet;

Wenn ich seinen Locken spinne,

Schwarz die Nacht den Mantel webet.

Seine Augen mich erquicken

Und die Seele mir erhellen,

Wie die Taubenaugen blicken

Zu den klaren Wasserquellen.

Wie Gewürze duftend, grüßen

Seiner Wangen Blumenzellen,

Süße Myrtenöle gießen

Seiner Lippen Rosenquellen.

Goldne Türkisringe zieren

Seine klaren Silberhände,

Elfenbeinern und saphieren

Trägt der Goldfuß seine Lende.

Und er stehet aufgerichtet,

Wie die Zedern auserwählet,

Wie der Libanon umlichtet,

Der dem Himmel sich vermählet.

Wie mein Saitenspiel, erklinget

Süß und lieblich seine Kehle,

Und zu seinen Lippen dringet

Lustberauschet meine Seele.

O, du Büschel süßer Myrrhen,

Zwischen meinen Brüsten hängend,

Sag, wo deine Schafe irren,

Sich im Mittagsstrahle drängend.

Töchter Zions, meine Bitte

Höret und den Freund mir wecket,

Schlummernd vor der Zedernhütte

Unter Rosen ausgestrecket.

Daß er blühend aufgerichtet:

Süße Freundin, zu mir spreche,

Komme her, die Gott gedichtet,

All die Rosen mit mir breche!

Sieh, verschwunden ist der Winter,

Und dahin ist Sturm und Regen,

Und die Blumen, Frühlingskinder,

Spielen schon auf grünen Wegen.

Meine Wangen lieblich flimmern,

In den Spangen, in der Kette

Sehe meinen Hals erschimmern,

Und es grünet unser Bette!

Wie die Traube Copher schwillet

Zu Engeddi in den Gärten,

Und der Lippen Kelch erfüllet,

Küß ich meinen Lustgefährten!

Zedern fest das Haus uns stützen,

Unsre Latten sind Zypressen,

In dem Schatten will ich sitzen

Und der Schmerzen all vergessen.

Unterm Schatten will ich sitzen;

Des die Seele mir begehret,

Wie der Apfelbaum bei wilden

Bäumen, ist mein Freund verehret.

Deiner Lieb Paniere schwinge

Über mir, du Hoch und Heller,

Und du Freundlicher, mich bringe

In des süßen Weines Keller!

Und mit Blumen mich erquicke,

Mich zu laben Äpfel gebe;

Krank bin ich vor Liebe; blicke,

Blicke auf, mich zu beleben!

Unter deinem Haupt die Linke

Muß dich meine Rechte herzen,

Wenn ich deinen Kuß nicht trinke,

Muß verdürsten ich in Schmerzen!

Sieh, die Honigbienen irren

In dem honigsüßen Lenze,

Und die Turteltauben girren;

Komme, mein Freund, daß ich dich kränze!

Sieh, dem Feigenbaum entspringen

Knospen; aus dem Aug der Reben

Süße Wollusttränen dringen;

Also weint mein junges Leben!

Wie in dunklen Felsenritzen

Turteltauben auf dem Neste,

Also will ich bei dir sitzen

In dem Glanz der Blütenäste.

Und es tönet meine Stimme

Süß, o süß ist meine Kehle,

Bis wetteifernd süß ergrimme

und verglimme Philomele.

Und ich singe zu dir nieder:

Mein bist du und mir gegeben,

Und es sehn dich meine Lieder

Unter Rosen weidend schweben!"

Wie sie also töricht singet,

Spricht Meliore: "Meine Schwester,

Fromme Taube, ach, es schlinget

Sich des Todes Band nur fester!

Nachttau mir vom Haupte fließet,

Und es wecket mir im Herzen,

Wenn sich gleich mein Auge schließet,

Deine Liebe bittre Schmerzen!

Mein Gewand, ich legt es nieder,

Soll ich wieder an es legen?

Nach dem Bad die Füße wieder

Mir besudeln auf den Wegen?

Deine Augen gleichen Blitzen,

Deine Augen von mir wende!

Meinem Herzen Degenspitzen

Scheinen deine zarten Hände!"

Aber wehe! nicht vernimmet

Sie den schweren Namen Schwester,

Glühender ihr Wahn entglimmet,

Sie umklammert ihn noch fester.

Und sie spricht: "Der Kelch der Lilien

Unserm Bett das Rauchfaß schwenket,

Unser Dursten zu vertilgen

Sich der Traube Becher senket.

Unsre Tür umgeben Früchte,

Ich bewahrte dir, mein Leben,

Heurige und fernge Früchte,

Beide kann ich dir nun geben!

O, du Liebe in Wollüsten!

O, du schön und lieblich Schweben!

Trauben gleichen meine Brüste,

Trauben wundersüßer Reben!

Einer Palme aufwärts dringend

Gleichet meines Leibes Länge,

Wie der Wein hinan sich schlinget:

O, wer sich hinan so schwänge!

Laß uns durch die Felder ziehen,

Ob uns sieht das Aug der Reben,

Ich will, wenn Granaten blühen,

Dort dir meine Brüste geben.

Dich, der meiner Mutter Brüste

Saugte, Bruder, dich den Schönen,

Wenn ich dort dich brünstig küßte,

Ach, wer wollte mich verhöhnen!"

Als sie diesen Frevel singet,

Springt sein Blut ihr neu entgegen;

Der Verband, der Hilfe bringet,

Kann die Raserei nicht legen.

Und von ihrem Nonnenbilde

Reißt sie in der Angst die Decke,

Daß damit das Blut sich stillte,

Und es dienet ihrem Zwecke.

Romanzen vom Rosenkranz · 第 9 / 13 段