Pietro spricht: "Es wird die Flamme

In der Nacht noch wilder lodern,

Büßend streue meine Asche

Sich ins falbe Haar Aurore!"

Doch sie schreitet zu dem Walde:

"Jesus Christus sei gelobet!"

Pietro spricht ein leises Amen,

Und der Mond tritt aus den Wolken.

** Romanze VII: Kosmes Buße I

Allem Tagewerk sei Frieden,

Keine Art erschallt im Wald,

Alle Farbe ist geschieden,

Und es raget die Gestalt.

Tauberauschte Blumen schließen

Ihrer Kelche süßen Kranz,

Und die schlummertrunknen Wiesen

Wiegen sich in Traumes Glanz.

Wo die wilden Quellen zielen

Nieder von dem Felsenrand,

Ziehn die Hirsche frei und spielen

Freudig in dem blanken Sand.

In der Düfte Schwermut wiegen

Sich die Rosen in den Schlaf,

Das Geheimnis ruht verschwiegen,

Das sie in den Busen traf.

Und es wandeln, die sich lieben,

Flüsternd auf dem selgen Pfad,

Wo sie gestern Scherze trieben,

Zu des Meeres Glanzgestad.

Die Sirene stimmet wieder

Ihre giften Lieder an,

Und die Herzen tauchen nieder

In untiefen süßen Wahn.

Denn es schied die Sonne wieder

In der ewgen Flammen Pracht,

Und es hebt die dunklen Glieder

Abermals die alte Nacht.

Und die Erde aufgeriegelt

Sendet ihren Geist heran,

Um das Haupt schwebt sternbesiegelt

Ihm der blaue Weltenplan.

Und des Waldes dunkle Riesen

Drängen sich ums enge Tal,

Und durch ihre Kronen gießen

Sterne geisterhaften Strahl.

Aus der Tiefe aufgewiegelt

Wachsen stumme Brunnen an,

Drinnen schaun sich mondumspiegelt

Die Gedanken traurig an.

Vor der Hütte setzt sich nieder

Kosme, lauschet nach dem Wald,

Ob nicht aus der Ferne wieder

Seines Kindes Stimme schallt.

Ob sie jenseits aus der Tiefe,

An dem schroffen Felsenhang,

Nicht das treue Echo riefe

In dem nächtlich späten Gang.

Aber nur die Melodieen

Höret er der Nachtigall,

Und zu seinem Herzen ziehen

Nicht der Töne Flug und Fall.

Ihm ergießet keinen Frieden

Der prophetschen Sterne Strahl,

Alle seine Pulse schmieden

Eines bösen Schwertes Stahl.

Die Milchstraße sieht er liegen

In des blauen Himmels Bahn;

Da stehn aller Waisen Wiegen,

Lehret ihn ein frommer Wahn.

Und er denkt der bösen Liebe

Und der Früchte, die sie gab,

Die in sündlich frechem Triebe

Er dem Schicksal übergab.

Und die Sünde warf ihn nieder,

Fesselt ihn in schwerer Acht,

Und mit bitterem Gefieder

Rauscht um ihn die böse Nacht.

Tief in Ängsten schon erlieget

Er des Herzens bangem Schlag,

Denn in dieser Nacht gewieget

Wird verhängnisvoll ein Tag.

Denn das Weib, das er geliebet,

Ging zu Grabe diese Nacht,

Und die Tochter, die er liebet,

Kam zum Leben diese Nacht.

Und die Sünde, nie besieget

Durch der Reue bittre Macht,

Jene Schuld, der er erlieget,

War erzeuget diese Nacht.

Und er wühlet in der Tiefe

Seiner Brust der Sünde nach,

Daß die Reue nicht entschliefe,

Schreit er seine Tote wach.

Und er sieht sie heilig knieen,

Wie er sie durchs Gitter sah,

Sieht sie dann die Glocke ziehen,

Da der böse Feind ihm nah,

Der die Farben ihm gerieben,

Als ein heilig Bild er malt,

Und den Schuldbrief ihm geschrieben,

Den nur ewger Tod bezahlt.

Ach! auch sie ist da erschienen

Seinen Augen keusch und klar,

Wie sie als Modell sollt dienen

Zu dem Bilde am Altar.

Mit den frommen heilgen Mienen,

Mit den Rosen in dem Haar;

Seinen Augen, brünstgen Bienen,

Sie die süße Blume war.

Lust und Sünde sieht er wieder,

Bis sie tief im Elend starb,

Die Verzweiflung reißt ihn nieder,

Weil er sie durch Lust verdarb.

Ach, daß alle Berge fielen

Und bedeckten ihn im Tal!

Wollten doch die Blitze zielen

Auf sein nackte Haupt zumal!

Ach, daß alle Wasser stigen,

Und es säh der neue Tag

Öde, weite Fluten liegen,

Wo er heute weinend lag!

Möchte dann die Taube fliegen

Mit dem milden Frühlingsblatt,

Sich en Friedensbogen biegen,

Wo er schwer gebüßet hat.

Aber weh! das Nachtgefieder

Schwingt der Rabe wild und hart,

Stürzt sich auf sein Haupt hernieder

Das in bösem Traum erstarrt.

Kalte Schrecken um ihn fließen,

Und Entsetzen sträubt sein Haar:

Wehe, dorten auf den Wiesen

Werden die Gesichte wahr!

An dem Walde ist erschienen

Eine weibliche Gestalt,

Von dem Haupte mondbeschienen

Das Gewand herniederwallt.

Gleich wie weiße Schwäne fliehen

An der dunklen Wälder Rand,

Sieht er eine Nonne ziehen

Längs des Gartens Schattenwand.

Jetzt sieht er den Schleier fließen,

Sieht die Füße blank und bar,

Sieht den Strick den Leib umschließen

Und die Rosen in dem Haar.

"Wehe, wehe, noch hienieden

Schwebst du, teure Seele, arm!

Wehe, wehe, noch kein Frieden!

O, daß sich der Herr erbarm!"

Und der Schrecken reißt ihn nieder,

Doch ihn faßt kein kalter Arm:

"Vater, find ich so dich wieder?

O, daß Gott sich dein erbarm!"

** Romanze VIII: Kosmes Buße II

Nieder stieg die Sonne wieder

Auf des stummen Hügels Rand

Und sieht scheidend ernst hernieder

In das dämmervolle Land.

Ihre Strahlen fallen schiefer

An der engen Kammer Wand,

Malend an der Kerze, tiefer

Sinket Kosme fleißge Hand.

Lang nach jenem Bilde sieht er,

Das er hänget an die Wand,

Und zur Erde kniet er nieder,

Weit die Arme ausgespannt.

Und er spricht: "O Herr, den Frieden

Gabst du, an das Kreuz gespannt,

Und das Kreuz, es blieb hienieden,

Du hast dich zu Gott gewandt.

Sieh gekreuzet mich hier knieen

In der schweren Sünde Last,

Bis du, Herr, auch mir verziehen,

Auch für mich gelitten hast.

Ach, das Herz ward dir durchspießet

Von verräterischem Stahl,

Blutge Versöhnung sprießet

Aus der heilgen Wunden Mal.

Aber ach, die Sonne spielet

Ewig nur mit meiner Qual,

Ewig, ewig sie mir zielet,

Nimmer tötet mich ihr Strahl.

Wenn so rasch die Wolken fließen

Um den nackten Feuerball,

Alle Narben sich erschließen,

Aufstehn meine Sünden all.

So wenn einst die Engel ziehen

Mit der Zornposaune Schall,

Nahn die Toten aufgeschrieen

In des Wahnes Widerhall.

Nieder schmilzt der Sonne Siegel

Vor des Richters jüngstem Tag,

Es zerbricht des Todes Riegel,

Klar steht, was verloren lag.

Und der ewgen Schönheit Spiegel

Spiegelt jegliche Gestalt,

Und des Rechtes Feuertiegel

Prüfet jeglichen Gehalt.

Wohin soll ich dann mich schmiegen-

Wenn das Licht hoch überwallt?

In dem Staube werd ich kriechen

Mit der Schlange Mißgestalt.

Weh, die Sonne sinkt, vergießend

Blutge Tränen ohne Zahl,

Und aus ihren Tränen sprießen

Tausend Tränen bittrer Qual.

Und es weinen die Verliebten

Einsam in vergeßner Schmach,

Und es weinen die Geliebten,

Denen man die Treue brach.

Unter gingst du, Lustgezierte,

Der die Ehe mich verband,

Der aus schändlicher Begierde

Pflicht und Treue ich entwand.

Blutschuld ist die Rosenzierde

In der Sonne Untergang:

Fluch der teuflischen Begierde,

Die mit Sünde dich verschlang.

Alle Tränen, die du gießest,

Sinkend auf der ewgen Bahn,

Bis du deine Augen schließest,

Wachsen mir zur Sündflut an.

Und auf ihrer Woge ziehet

Dort des Mondes bleicher Kahn,

Aber keine Taube fliehet

Mit dem Ölblatt mir heran.

Mond, wie blinkst du bleich und siechend

An des Abends Rosengrab,

Wo die Sonne still versiegend

In den Schatten sinkt hinab.

Rosalata, du sankst nieder

Mit dem roten Rosenkranz,

Rosatristis, du kehrst wieder

Mit der weißen Rose Glanz.

Mond, ich sah dich mahnend ziehen

Wie ein Geist die Wolkenbahn,

Und ich muß hier weinend knieen,

Klagen mich der Sünde an.

Eile nicht, vorüberfliehend

Mit der Sichel scharf und blank;

Schneide ab den Stamm, der knieend

An der Erde welk und krank.

Eine Wagschal, hoch auffliegend,

Hebt die Buße dich hinan,

Meine Sünde nie aufwiegend

Klagest du vor Gott mich an.

Wie so weiß dein Schleier fliehet,

Nonne, durch den Sternensaal,

Mit dir betend, büßend, ziehet

Still der Sterne Nacht-Choral.

Aus der Unschuld Paradiesen,

Wo du trugst den Rosenkranz,

Irrest du, durch mich verwiesen

Mit des Schwertes Feuerglanz."

Doch der Mond zog stillverschwiegen

Hinter eine Wolkenwand,

Ließ ihn ungetröstet liegen,

Wo er ihn in Tränen fand.

Und er hebt sich von den Knieen,

Als er sein Gebet vollbracht;

Aber ihm ward nicht verziehen.

Auf dem Tale lag die Nacht.

** Romanze IX: Apo und Moles auf dem Turme

In des Turmes höchster Kuppel,

Unter seinem Fuß die Glocke,

Sitzt Apone, und die Uhren

Rasseln unter ihm im Boden.

In des hohlen Spiegels Runde,

Gegenüber einem Loche,

Sieht die weite Stadt er ruhen

Abgetürmt am Horizonte.

Doch des Meisters Blicke suchen

Rings umher im weiten Bogen,

Bis sie auf der hohen Kuppel

Des Theaters fest geworden.

Also mit den Augen wurzelnd

Sieht er ziehn die wilden Wolken,

Und die hohen Sterne funkeln

Aus des Himmels tiefer Woge.

Und er spricht mit finsterm Munde:

"Venus, du bist mir gewogen,

Du hast mich zu guter Stunde

Immer mächtig angezogen!

Alle kenn ich euch, ihr Kunden,

Die, man sagt, den Herren loben,

Doch der Herr sitzt manchmal unten

Und die Diener stehen oben!

Sterne, ich bin euch verbunden,

Ich hab mich mit euch verwoben,

Und ich kenne eure Stunden,

Lasse euch nicht warten droben.

Auf der Erde gehn die Dummen,

Wissen nicht, was ihr nur wollet,

Doch ich kenne eure Summen,

Ja, ich weiß auch, was ihr sollet!

Halb nur sind die Kreaturen,

Denen Gott die Stirn erhoben

Und die göttlichen Naturen

Nicht erkennen, die da droben.

Als der große Geist des Grundes

Wollte überm Lichte wohnen,

Überschlug er sich im Sturze,

Und das Schwere ward geboren.

Und das Leichte muß sich suchen,

Daraus ward das Licht geboren;

Schweres Dunkel war nun unten,

Leichtes Licht, das schwebte oben.

Und das Schwere war umrungen

Von dem Leichten, und es rollet,

Bis geboren war das Runde,

Das unendlich ist geformet.

Da das Licht dazu gedrungen,

Ist das Feuer aufgelodert,

Hat mit seiner bösen Zunge

Schnell das Wasser hergelocket.

Und aus dieses Kampfes Schwunge

Ward der Raum zur luftgen Woge,

So daß, wenn der eine zucket,

Wird der andre angestoßen.

Und dem Kampfe ist entsprungen,

Was hienieden irdisch wohnet,

Was da droben himmlisch rundet,

Was im Ganzen göttlich thronet.

Der gespalten, was verbunden,

Ist der Geist zum Fleisch geworden,

Aber Fleisch war eine Zunge,

Und die Zunge ward zum Worte.

Und der Mensch, der irdisch fußet,

Suchet seinen Gott im Hohen,

Der doch ist im Mittelpunkte

Und ihn reißet zu dem Boden.

Doch ich habe ihn gefunden:

Er der all den Streit erhoben,

Der gestört die tote Ruhe,

Ihm ist diese Welt entsprossen.

Er trägt mich mit festem Grunde,

Er hat mich aus Staub geboren,

Und die Sterne, die nicht ruhen,

Ziehn mich neidisch auf im Zorne.

Adam aus dem Erdengrunde

Ward als Geisel ausgeboren,

Und das Licht ab einen Funken

Als ein Unterpfand von oben.

Erde, feste Burg gerundet,

Schwebest in des Lichtes Wogen

Sicher, wie kein Schiff in Fluten,

Wie kein Kind im Mutterschoße.

Denn es sitzt am Steuerruder

Selbst des Lichts unehl'che Tochter,

Die Philosophia schlummert

Nie, und hält das Richt'ge oben.

Und Astronomia suchet

Rastlos an dem Himmelsbogen

Und dem Kompaß; alle Stunden

Geht die Welt nach ihren Polen.

Medizina heilt die Wunden

Mutig ringend mit dem Tode,

Und Magia hat des Sturmes

Flügel und des Windes Rosse.

O Magia, du des Dunkels

Schwarze, lichtentsprungne Tochter,

Du allein genügst zum Schutze,

Mag das Licht auch ewig toben!

Doch zum frechen Überflusse

Hat der Erdgeist auch geboren

Flaggen jeglicher Naturen,

Die allfarbgen Religionen.

Wenn das Schiffsvolk steht und murret

Und nicht trauet dem Piloten,

Wird die Flagge aufgewunden,

Und Begeistrung strahlt die Sonne.

Plagt die Krankheit und der Hunger,

Und das Wasser ist verdorben,

Da suffliert der Erdgeist dunkel,

Und sie beten, die Kujonen!

Also schwebt die Erde munter

Um des dunklen Geistes Pole;

Und sie dienen, dem sie fluchen,

Und er schämt sich, sie zu holen.

Doch das Licht und auch das Dunkel

Haben beide sich sich belogen,

Und die Lüge war das Wunder,

War das Wort, das Fleisch geworden.

Denn der Mann aus irdschem Grunde

War um Erdgeist nur geformet,

Daß das Licht, in ihm gebunden,

Sei gefesselt an den Boden.

Und vom Lichte nur durchdrungen

Ward der Mann, der Erdgeborne,

Daß der Erdgeist, sei gezwungen

In dem Manne hin nach oben.

So im wechselnden Betruge

Ist der Streit zum Fleisch geworden,

Und er herrscht im Mittelpunkte

Des unendlich ewgen Zornes.

Da das Licht den Schlaf erfunden,

Ward dem Mann das Weib geboren,

Durch den Baum des Bös und Guten

Führt der Erdgeist uns zum Tode.

Nach uns greift das Licht hinunter,

Ziehet mächtig uns nach oben,

Die Metalle schwer und dunkel

Ziehen nieder uns zu Boden.

Beiden Welten so verbunden

Wehet betend auf der Odem,

Wer erkennen will, was unten,

Stiehlt das hohe Licht von oben.

Als ich war im Licht betrunken

Und um Weisheit fleht von oben,

Sprach das Wort: Du sollst gesunden,

Wenn du mir das Fleisch willst opfern!

Wenn das Böse du verblutet,

Wenn versiegt der irdsche Bronnen,

Wenn du wandelst in dem Guten,

Magst du schauen in die Sonne.

Fasten sollte ich und hungern

Und entbehren alle Wonnen,

Recht in Schmerzen sollt ich wurzeln,

Um im Lichte aufzusprossen.

Mit dem Licht stieg ich hinunter,

Und der Erdgeist, leicht gewonnen,

Gab zu trinken mir das Dunkel,

Das in mir zum Licht geworden.

Und in diesem Licht betrunken

Ist mir die Erkenntnis worden,

Ich hab meinen Geist gefunden

Und verstehe seine Worte.

Wie die Sterne oben runden,

Die Metalle unten wohnen,

Wie die Sonnen gehen unter,

Wie herauf sich ziehn die Monde,

Fühl ich all in meinen Pulsen,

Und mein Fuß fühlt in dem Boden,

Wo die goldnen Schätze wurzeln,

Wo die Quellen gehn verborgen.

Eva, Eva! schlaue Mutter,

Hast den Apfel du gekostet,

Hat die Schlange dich versuchet,

Hast du uns den Tod geboren,

Hast das Böse und das Gute

Du erkennet, soll verloren

Mir nicht sein die teure Kunde,

Um die du das Heil verloren!

Bin der Erde ich verbunden,

Bin ich an den Tod verloren

Um ein Schnitzchen sauren Obstes,

Dreht um mich sich doch die Sonne!

Und ich will nicht eher ruhn

In dem dunkeln Erdenschoße,

Bis ich aller Sinnen Brunnen

Überfüllend ausgesogen!" --

Also sprach Apone murmelnd

Und bedeckt mit heißem Odem

Seines Wunderspiegels Runde,

Daß er trüb war und umfloret.

Und der rote Mond steigt blutend

Über Wolken auf im Osten;

Da er in den Spiegel funkelt,

Heult der schwarze Hund Apones.

Und der Meister wischt mit Fluchen

Von dem Spiegel seinen Odem:

"Will des Theater Kuppel

Noch nicht auf in Flammen lodern?"

Er nimmt einen Schwefelkuchen

Und ein Glas voll goldnem Korne,

Und den Schwanz von einem Fuchse

Aus dem Kasten an dem Boden.

Und den Wetterhahn, der funkelnd

Stehet auf des Turmes Knopfe,

Nimmt er, greifend durch die Luke,

Setzt ihn zu dem goldnen Korne.

Peitschet dann den Schwefelkuchen

Mit dem Fuchsschwanz aller Orten,

Und es springen helle Funken

In das Glas zum goldnen Korne.

"Simson," spricht er, "deine Wunder

Hab ich kürzer mir geordnet;

Mir auch muß vom Schwanz des Fuchses

Der Philister Korn auflodern!

Ja, Geselle, werde munter!"

Spricht zum Hahne dann Apone,

"Beug den Schnabel zu dem Futter,

Wartest du, daß ich dich stopfe?

Der du in den Blitzen fußest,

Der du krähest in dem Donner,

Der du in der Sonne funkelst

Und die Flügel schlägst im Monde,

Wettermacher, armer Schlucker,

Du bestehst auf deinem Kopfe?

Wart, ich will dich lehren schlucken,

Daß dich Feuer reißt im Kropfe!"

Und er schlägt den Hahn mit Ruten,

Bis der Kamm ihm schwillt im Zorne,

Hetzet ihn mit seinem Hunde,

Und nun neigt er mit dem Kopfe,

Schluckt das Feuerkorn mit Hunger,

Das ihn brennt wie glühe Kohlen,

Seine Flügel schon erfunkeln

Und die roten Augen rollen.

Seine Sichel sprühet Funken,

Sein Metallgefieder lodert,

Plötzlich beide Flügel zucken

Breit hinaus mit heftgem Tone.

Und er greift ganz ungeduldig

Nach dem schwarzen Feuerhorne,

Setzt es an am dunklen Munde,

Lenkt hinaus es zu dem Loche.

Setzt den Hahn bereit zum Fluge

In das weite Maul des Hornes,

Der wie eine Feuerzunge

Durch die Luft stürzt aus dem Horne.

Apo läßt die Feuerrufe

Durch die klare Nacht hindonnern,

Und auf des Theaters Kuppel

Fliegt der Hahn, die hell auflodert.

Feuer! Feuer! schreit man unten,

Und die Hörner schreien oben,

Hoch die Glocken gehn im Sturme,

Tief das Rasseln wilder Trommeln.

Aus des blauen Reno Ufern

Eilen bald die gütgen Wogen,

Hilfreich zu der Flammenkuppel

Durch die Hände emsgen Volkes.

Hundert Eimer um die Brunnen

Kommend, gehend, Wasser fordernd;

Der Metallsirenen Busen

Schimmert in der Fackeln Lohe.

Und die marmornen Neptune

Und die blasenden Tritonen

Gießen aus die vollen Muscheln

In die Urnen rings erhoben.

In dem Widerscheine funkelnd

Halten rings, die Menge ordnend,

Blankgestahlte Reuter Runde,

Jeder steht an seinem Orte.

Aus der fernen Klöster Dunkel

Tragen schon die frommen Orden,

Stille Litaneien murmelnd,

Wasser zu in Prozessionen.

Niederstürzend aus den Stuben

Sammeln schnell sich die Legionen

Der Studenten, und sie rufen:

|Pereat Incensus!| drohend.

Auf den festen Sammelpunkten

Ordnen sich die Nationen,

Und es schallen, sie berufend,

Rings die Stimmen der Senioren.

Lärmend eilen zu den Pumpen

Bald die munteren Franzosen,

Und die Hebel auf und unter

Hört man kreischend, jammernd toben.

Und die langgehosten Ungern

Ziehn auf ihren kleinen Rossen

Durch die weite Stadt umtummelnd,

Wache haltend nach dem Tore.

Bei dem schiefen Eselsturme

Sammeln sich mailändsche Chore,

Senden rüstige Patrouillen

Den Palästen ihrer Nobels.

Bei der Kirche Sankt Proculens

Stellet sich der Römer Horde

Auf zum Schutz der hohen Schule

Und der edlen Professoren.

Sankt Januari Blut anrufend

Füllen ihre Wasserrohre

Zu der Büchersäle Schutze

Neapolitansche Chore.

Und die festen deutschen Bursche,

Mit den Ellenbogen stoßend,

Schleppen auf den breiten Schultern

Feuerleitern, Haken, Kloben.

Bald mit Macht hinangeschwungen

Zu der hohen Fenster Bogen

Nun die sichern Leitern ruhen,

Allen Fliehenden zum Troste.

Viele retten sich im Sprunge;

Andre, an den Feuerkloben

Fest sich klammernd, hoch im Schwunge

Kommen nieder in dem Bogen.

Denn zum wilden Rettungssturme

Sind zu eng des Hauses Tore,

Und auf ewig wird verschlungen

Mancher in des Ausdrangs Woge.

In dem Brausen des Tumultes

Bricht des Kerkers Tor Meliore,

Eilet zu Biondettens Brunnen,

Einen Eimer voll zu holen.

Und ein kleiner blonder Junge

Hat den Eimer voll schon oben,

Spricht: "Geh hin und hilf, du Guter,

Traue auf die Allmacht Gottes!"

Bei der Kirche Sankt Proculens,

Wo der Maler Guido wohnet,

Steht Meliore, heftig rufend:

"Komme, alter Guido, komme!

Werft die Äxte mir herunter:

Ich und du und deine Tochter

Steigen auf des Brandes Kuppel,

Denn die Hilfe kömmt von oben!"

Und zum Feuer hingedrungen

Mit dem Meister und der Tochter,

Sieht aus einem Fenster, rufend:

"Leitern, Hilfe!" Jacopone.

Jacopone, der sein Bruder,

Hält die Gattin hoch erhoben,

Und um sie im Hintergrunde

Schon die roten Flmmen lodern.

"Rosarosa, spring herunter!

Weihe dich der Mutter Gottes,

Sie tut heut noch manches Wunder,

Hält in ihrer Hut die Frommen!"

Rosarosa springt im Fluge,

Stürzt sich in den Arm Meliores;

Neben sie stürzt auch im Sprunge

Jacopone an den Boden.

Als Meliore sie umschlungen,

Schrie sie laut: "Gott sei gelobet!"

Und erblasset; Ströme Blutes

Stürzen von ihr aller Orten.

Und vier deutsche brave Bursche,

Einen Manteln breit aufrollend,

Tragen heim sie auf dem Tuche,

Jammernd folget Jakopone.

Aber mit dem Wasserkruge

Dringet aufwärts nun Meliore

Auf der Jakobsleiter Stufen

Mit dem Maler und der Tochter.

Die die Leiter hierher trugen.

Sie sind göttliche Genossen;

Hoch zu des Theaters Kuppel

Steigen sie die lichten Sprossen.

Und nun hauet ohne Ruhe

Guido und die rüstge Tochter

Eine Öffnung in die kuppel,

Seinen Krug leert Meliore.

Segen ist in seinem Kruge;

Wie er gießt in stetem Strome,

Ist er nimmer leer, o Wunder!

Guido kniet und seine Tochter.

Und die Hände fest verschlungen

Beten sie, den Herren lobend.

Aber in des Hauses Runde

Springet kühn nun Melire.

Eine Stimme hört er rufen;

Wo sie rufet, wird er folgen,

Rief aus der Hölle Schlunde,

Rief sie von des Himmels Throne.

Als er stürzet mit dem Kruge,

Ist die wilde Feuerlohe

Bald in seiner Flut ertrunken,

Und die Not ist rings erloschen.

Niedersenket sich die Ruhe.

Mit des Wasser schneller Woge

Rinnen auch des Volkes Fluten

Ab zum Bette ihres Stromes.

Ruhig schaut von seinem Turme

In den Jammer hin Apone;

Wenn die Flammen aufwärts zucken,

Fühlt er froh sein Herz erhoben.

Aber als er auf der Kuppel

Sah den Maler und die Tochter,

Grüßt er sie mit bösem Fluche

Und den tapfern Meliore.

Denn aus einem armen Kruge

Löschet er die wilde Lohe,

Und so viele schwere Stunden

Hat ihn selbst sein Hahn gekostet.

Als solches denkt, da rufet

Laut der Hahn, der zu dem Knopfe

Wiederkehrte, und im Turme

Tönt herauf die Pfortenglocke.

Apo öffnet mit dem Zuge,

Lauschet nach des Trittes Tone,

Wie er auf den Wendelstufen

Hell sich aufdreht hin nach oben.

Dumpfer schallte es von unten --

Es war schier, als sei er doppelt --

Schwerer in dem halben Turme,

Als trüg man die Last nach oben.

Weiter oft der Tritt verstummet,

Denn der Träger holet Odem,

Endlich auf den letzten Stufen,

Bald wird's an der Türe klopfen.

Apo blicket durch die Stube,

Ob auch alles sei geordnet,

Jagt den Hund vom roten Stuhle,

Den er vor den Spiegel rollet.

Und mit einem Kranz von Blumen,

Belladonna, Hundsviolen,

Frauenschuh und Eisenhute,

Kränzet er des Stuhles Stollen.

Zeichnet dann mit einer Rute

In den Mehltau, auf dem Boden,

Seinem Gast zum bösen Gruße

Schnell ein magisches Willkommen.

Aber mitten in der Stube

Brennt an einem Totenkopfe,

Der in grüner Urne ruht,

Eine zauberische Lohe.

Eine süße Laube duftend,

Von des Mondes Strahl durchflochten,

Scheint des Turmes rußge Stube,

Als die Rosenflamme lodert.

Und die Flamme scheint ein Brunnen,

Funkelnd in des Mondes Wonne,

Wundersüße Träume murmelnd

Durch den Duft wollüstger Rosen.

Und es pocht. Herein zur Stube

Tritt der Famulus Apones,

Moles, seufzend ob dem Buche,

Das er anschleppt auf dem Kopfe.

"Du allein! Elender Bube!"

Flucht entgegen ihm Apone,

"Prahler! ist dir nicht gelungen,

Was du frech mir zugeschworen?

Wo ist sie, die heilge Jungfer?

Hat ein andrer sie gewonnen?" --

"Meister, schone deine Zunge!"

Spricht und lacht der schlaue Moles.

"Du sitzt hier im Mondschein munkelnd

Bei wollüstger Brunnen Wonne,

Eine andere Laube funkelnd

War um mich und andre Bronnen!

Trug ich gleich die süße Jungfer,

Sprach sie doch unselge Worte;

Ihr half eine andre Jungfer,

Der ich nicht bin mächtig worden.

Auch sprang von des Hauses Kuppel

Auf mich ein der Meliore,

Und des Feuers wilde Zungen

Leckten mich bis auf den Knochen.

Aber dummer als das Dummste

War der Weihewasserbronnen,

Den ein Mönch -- im Höllenpfuhle

Durst er -- auf mich ausgegossen.

Meister, Meister, trotz der Gluten,

Trotz dem scharfen Weihebronnen

Schwör ich, nimmer will ich ruhen,

Bis Biondette uns geworden!

Ach, wer dieses Leibes Wunder

Einmal trug in seinen Pfoten,

Wer den Druck des süßen Busens

Fühlte und den Duft des Odems --

Disteln sind mir alle Blumen,

Seit mir nah des Mundes Rose;

Der Kometen Haar gleicht Ruten

Vor der Goldflut ihrer Locken.

Und der Brüste Dioskuren,

Aus der Leda Ei geboren,

Durstig wie des Schwanes Busen,

Da er taumelte in Wonne.

Unter ihrer Brauen Runde

Lag der Venus Stern verschlossen,

Wie in Wolkenbetten schlummern

Liebestrunkne Nebelsonnen.

Und der Flammen durstge Zungen

Konnten nicht die Luft austrocknen,

Die, als ich sie trug, im Blute

Mir ein süßer Quell ergossen.

Welche Hölle kann verdunkeln

Dieses Himmels Wollustsonne?

Ja, die Sünde hat Minuten,

Wert des Lichtes ewge Kronen!" --

"Schweige, du berauschter Bube!"

Spricht Apone nun im Zorne --

"Soll mich in der Zauberbude

Trösten dein verdorbner Odem?

Ich glaub, von dem schweren Buche

Wardst du toll in deinem Kopfe;

Bringst du mir vielleicht vom Juden

Dieses Buch zum schlechten Troste?" --

"Meister, Meister, wollt nicht fluchen,

Denn von aller Liebeswonne

Und von aller Schönheit Wunder

Wird dies Buch nicht aufgewogen!

Bringe mir Biondetten ruhend

In dem Schoße süßer Moose,

Singend, von Gewürzen duftend,

Wie das Lied des Salomone --

Nicht kauf ich sie mit dem Buche!

Vor ihm seien die Kleinode,

Die in Licht und Dunkel ruhen,

Eine taube Nuß gescholten!

Ein Geschenk mit diesem Buche

Mach ich dir, wenn du gelobest,

Mir zu stellen diese Stunde,

Ja jetzt gleich, die Horoskope.

Mir gab's meine selge Mutter,

Die drum einen Mönch ermordet.

Der es in dem Sarg gefunden

Eines zauberischen Mohren,

Der von einem alten Juden

Es getauscht um heilge Brote

Wahren Leibs und wahren Blutes,

Die er vom Altar gestohlen.

Und der Jude, einen Hunnen

Hat er um das Buch betrogen,

Der von einem Arzt beim Sturme

Von Cracovia es erobert.

Romanzen vom Rosenkranz · 第 3 / 13 段