Und der Arzt kam zu dem Buche

Durch die Erbschaft eines Kopten,

Dessen Stamm durch manch Jahrhundert

Es erhielt, Gott weiß wie, woher!

Doch daß über Adams Schulter

Einsten an dem dritten Morgen

Es ein Engel abschrieb munter,

Stehet auf dem letzten Bogen." --

"Wie kam Adam zu dem Buche?" --

"Wisse, wann des Himmels Sonne

Und die Sterne gehn zur Schule,

Ist dies Büchlein in der Mode.

Da der Herr die Welt erfunden,

War die Welt von wenig Worte;

Alles war sehr kurz gebunden,

Auf die lange Bank geschoben.

Des Vokals belebend Wunder,

Ehgeheimnis der Diphthonge,

Und der Konsonanten Hunger

Lernt er draus zu Worten kochen.

In dem A den Schall zu suchen,

In dem E der Rede Wonne,

In dem I der Stimme Wurzel,

In dem O des Tones Odem,

In dem U des Mutes Fluchen,

Hat er aus dem Buch geholet,

Als im H des Hauches Wunder

Gottes Geist in ihm gegossen.

Auch das große Vaterunser

Und der Herr Gott wir dich loben

Findst du drin in grobem Drucke,

Wie es beten Mond und Sonne.

Und manch Rätsel von der Tugend

Und vom Fiat, fein verschoben;

Die Auflösung stehet unten

In verkehrt gedruckten Noten.

Fabeln mischen sich mit drunter,

Wie die Tiere sich besprochen,

Wie der Adam sich verwundert,

Da die Eva kam in Wochen,

Da sie trug ein groß Gelüsten

Nach ausländschem Himmelsobste,

Wie die Schlange sie entbunden,

Und wie sie moralisch worden.

Unterhaltung und auch Nutzen

Sind verbunden hier gar vornhem,

Denn du findest angebunden

Kunstrezepten aller Sorten:

Färberkuppen, Tintenpulver,

Surrogate für die Toten,

Restaurantia für die Tugend,

Manch Rezept zu Religionen.

Freier Wille ist des Buches

Höhrer Titel in zwei Worten,

Gottes Wille heißt's im Grunde,

Seit die Freiheit ging verloren.

Und Notwendigkeit am Schlusse

Heißt es auch mit anderen Worten,

Not ist hier die wahre Wurzel,

Und das Wenden wird verboten.

Gott sprach zu den Menschen: |Surge,

Eheu, eheu Christofore,

Nam ad scholam tempus nunc est!|

Und weckt ihn mit seinem Odem.

Und vom Himmel kam herunter

Diese A-B-C-Methode,

Und die neugeschaffne Jugend

Ist daraus zum Doktor worden.

Aber schwer sind die Geburten,

Nötig sind die Rotationen,

Und fatal ist das Versuchen,

Seit das Weib den Tod geboren.

Und du lernst aus diesem Buche,

Wie der Kaiserschnitt zu ordnen,

Daß lebendig bleibt die Mutter

Und das Kind auch sei gewonnen!

Denn wie alle ihre Wunder

In den ersten Schriftleinsbogen

Die Gelehrten gern hermustern,

So ging's hier auch den Autoren.

Und weil Adam bei dem Buche

Sich den Kopf zu sehr gebrochen,

Fragte Eva, Rat sich suchend,

Andere Kommentatoren.

Was im Stile oben dunkel,

Hellen auf die untern Noten;

Über oben, über unten

Schrieb am Rand ein Geist die Glosse.

"Schweig, es ist genug; verstumme!"

Spricht zu Moles nun Apone,

"Ich weiß nicht, ob du den Dummen

Spielest oder ob du spottest!

Hatt ich das in dir gesuchet?

Redest du mir Kinderpossen,

Oder bist du ein Verruchter,

Der mich höhnisch denkt zu foppen?

Hat ein Arzt dies Buch beim Sturme

Von Krakovia verloren,

Und hieß Amber Herr des Buches?

Rede, sage es unverhohlen?" --

"Amber, ja, so steht im Buche,

Und er war ein Äthiope." --

"Hei! so ist ein Schatz gefunden!"

Spricht in Freuden jetzt Apone,

"Gib es her!" -- "Nein!" spricht der Bube,

"Stelle mir die Horoskope,

Jetzt, sogleich, in fünf Minuten,

Und dir geb ich's, wie gelobet!"

Und Apone fragt mit Murren:

"Wann bist du geboren, Moles,

Sag das Jahr, den Tag, die Stunde,

Und ich stell die Horoskope." --

"Meister, meine letzte Mutter

Hat mich dieses Mal geboren

In dem Jahre Siebenhundert,

Am Geburtstag des Herodes,

In der lustgen roten Stunde,

Da die Kindlein man gemordet.

Sie hat selbst es in dem Buche

Angemerkt mit kurzen Worten."

Apo merkt sich diese Punkte,

Hat der Kreise viel gezogen

Und geschrieben viele Nummern

An dem Boden mit der Kohle,

Und hierauf die ganzen Summen

Von den halben abgezogen,

Dann sich ernstlich drob verwundert,

Als er fand die Horoskope.

"Du bist heut im Jahr der Stufen,"

Sprach er, "hüte dich vor Rosen!

Du bist heut in diesen Stunden

Von Gefahren schwer bedrohet!

Hüte dich, denn ob dir runden

Die Gestirn recht im Zorne,

Einge Stellen bleiben dunkel,

Die vom Feuer und vom Tode.

Denn dein Schicksal ist verbunden

Mit unzähligen Legionen,

Unbekannt ist eure Mutter,

Um Betrug wirst du betrogen

Und wirst sein von großen Nutzen

Einem hohen Philosophen,

Und dies ist schon mit dem Funde

Deines Buches eingetroffen.

Aber dunkler wird's und dunkler,

Denn ich sehe die drei Rosen,

Die zu einem starken Bunde

Gegen dich sich fest verschworen.

Hüte dich vor einem Brunnen,

Wo die Kinder drinnen wohnen,

Denn du teilest diese Punkte

Mit dem Tage des Herodes.

Und in manchen Konjunkturen

Stehen meine eignen Pole

Mit den deinigen verbunden,

Denn mir drohen auch die Rosen.

Durch dich, was mich gar sehr wundert,

Wird entstehen einst ein Kloster,

Und die böse Rosenblume

Wächst im Garten dieses Klosters.

Einem ungeheuern Sturze

Bist du auch noch unterworfen;

Jetzt wird's klarer: Deine Stunde

Wird dir mit dem Feuer kommen."

Und nun greift er nach dem Buches.

"Nimm es hin!" sprach lachend Moles,

"Du weissagst mir wenig Gutes,

Mein Geschick ist nicht zu loben."

Aber an dem Turme unten

Schallet heftig nun die Glocke,

Und da Apo schaut hinunter,

Sieht er seiner Schüler Horde.

"Was nur mag zu dieser Stunde

Dieser Troß von mir doch wollen?"

Und er öffnet mit dem Zuge

Schnell des Turme kleine Pforte,

Löschet in der grünen Urne

Schnell das Licht des Totenkopfes,

Und es gleicht die schwarze Stube

Einem alten dunkeln Boden.

Da die Schüler auf den Stufen

Seiner Türe näher kommen,

Spricht: "O Meister, laß mich suchen

Einen Winkel!" zu ihm Moles.

"Weil in diesen bösen Stunden,

Wie du sprachst, Gefahr mir drohet;

Daß die Schüler dich besuchen,

Macht mich ängstlich und betroffen."

Apo spricht: "Hier hinterm Stuhle

Bist du gänzlich wohl verborgen;

Ich verhäng dich mit dem Tuche,

Das ihn rings bedeckt zum Boden."

Und es öffnet sich die Stube.

Apo sitzt wie auf dem Throne,

Und in eine halbe Runde

Sich die Schüler um ihn ordnen.

Einer tritt dann mit der Urne

Vor ihn, spricht: "O Herr, des Moles

Asche in der Urne ruhet!

Er starb eines seltnen Todes.

Ja sein Tod war recht ein Wunder,

Denn die Sängrin retten wollend,

Stürzten zu ihm alle Gluten,

Brannten ihn vor uns zu Kohlen!

Und wie auch des Wasser Fluten

Rings wir auf ihn niedergossen,

Brannt er bis zum letzten Funken,

Und es blieb auch nicht ein Knochen!

Da ein Mönch geweihten Brunnen

Zu ihm sprengte ein'ge Tropfen,

Ward er Asche; in der Urne

Haben wir sie aufgehoben.

Herr verzeih, daß wir zur Stunde

Uns hieher zu dir erhoben,

Denn wir kommen hoch verwundert

Zu dir, und entsetzt, erschrocken!"

Apo höret ihre Kunde,

Und ihm stockt fast der Odem;

Ängstlich spricht er: "Deine Zunge,

Schüler, hat sie nicht gelogen?"

Alle sprechen in der Runde:

"Meister, es ist nicht gelogen,

Denn es sah's die ganze Schule,

Und es sahens alle Ordnen.

Und es schrieen alle: Wunder!

Die gelöschet in der Oper,

Da sie unsern teuern Bruder

Sahn zu Asche niederlohern!" --

"So enthüllet mir die Urne!"

Sprach Apone tief erschrocken,

"Daß ich Ehre an ihm tue,

Denn ich war ihm stets gewogen.

Längst wußt ich, daß dieser Stunden

Große Nöten ihn bedrohten;

Seht: Hier mit dem schwarzen Ruße

Stellt ich seine Horoskope.

Er war eine der Naturen,

Die im Zentrum aller Sonnen

Feuer tragen in dem Blute,

Das sich in sich selbst vertrocknet.

Seine Asche untersuchen

Wollen wir am nächsten Morgen,

Daß er uns belehrend, nutze,

Auch noch hilfreich in dem Tode!"

Da enthüllten von dem Tuche

Sie die Urne; eine Wolke

Schoß heraus, ganz dick und dunkel,

Die rings durch die Stube rollte.

Sie drang auf mit solchem Schwunge,

Daß der Schüler stürzt zu Boden,

Und die Treppentüre suchend

Alle übernander stoßen.

Wunderliche Zerrfiguren

Bildete die wilde Wolke,

Flog dann summend, eine Hummel,

In den schwarzen Bart Apones.

Da er sie zu jagen suchte,

Wuchs sie, ihm zu großem Zorne,

Aus dem Bart als Bart herunter

Und flocht sich zu einem Zopfe.

Apo fängt nun an zu fluchen,

Und ein hohles Lachen kollert

Um ihn her. Nichts mehr zu suchen

Hatten die Studenten oben.

Und die Treppe schier kopfunter

Schossen sie hinab von oben,

Ihre Seelen auch mitunter

Diesem, jenem angelobend.

Apo glaubt in falschem Mute,

Daß sie seiner spotten wollten,

Und stürzt nach mit seiner Rute

Auf die armen jungen Toren,

Bis in seinem Bart verschlungen

Er hinabzustürzen drohte;

Denn er stieß mit einem Fuße

Auf dem Weihbrunnkessel oben,

Der hellklingend auf den Stufen

Widerspringend niederrollet

Und der fliehenden Schuljugend

Wie ein böser Donner folgte.

Hei! wie hat ein muntres Fluchen

Da der zornge Mann erhoben!

Aufwärts tappend nach der Stube

Ward er an dem Bart gezogen.

Da er eintrag in die Kuppel,

War der Bart dem Zug gefolget

Und fiel vor ihm in der Stube

Schwarz als Asche auf den Boden.

Apo reißt das Tuch vom Stuhle,

Aber statt des Schelmen Moles

Sieht er dort nur seinen Pudel

Sitzend auf den Hinterpfoten.

Dieser Anblick macht ihn stutzen,

Und es ging sein Zorn verloren;

Vor der Überraschung Wunder

War er innerlich erschrocken.

Er erkannte in dem Hunde

Und in seinem Schüler Moles,

Was er nimmermehr vermutet,

Einen heimlichen Dämonen.

Und sprach nun mit kalter Ruhe:

"Bist du solchen Schrot und Kornes,

Soll dir alles auch zugute,

Wie du mir's geboten, kommen!"

Greifet dann nach einem Buche

Und nach einer Glasesglocke,

Die bezeichnet mit Figuren

Und beschrieben rings mit Formeln.

Und mit seines Fingers Drucke

Töne aus der Glocke lockt er,

Die dem wundersamen Pudel

Peinlich schallten in den Ohren.

Mit dem Winseln eines Hundes

Schrie: "Erbarmen!" laut der Moles.

"Laß mich nicht so schwer verschulden,

Daß ich scherzhaft bin geworden!"

Doch zu quälen ihn nicht ruhet

Apo mit dem Ton der Glocke,

Bis der Geist zu allem Guten

Sich ihm hoch und tief verschworen.

"Sprich, in welcherlei Figuren

Soll ich künftig bei dir wohnen?"

Fragt er, "da ich in den Gluten

Starb, nach deinem Horoskope."

Apo sprach: "Du bleibst mein Pudel;

Aber soll ich deiner schonen,

So erklär die dunklen Punkte

Gleich jetzt deines Horoskopes.

Wer war deine erste Mutter?

Wer hat dich zuletzt geboren?

Wie steht es mit jenem Buche?

Was bedeut der Haß der Rosen?

Was hast du mit einem Brunnen,

Welchen Kinder klein bewohnen?"

Nun spricht aus dem Hundeknurren

Zu dem Herrn der schlaue Moles:

"Ich weiß nichts von jenem Brunnen

Und auch nichts von jenen Rosen,

Sie sind mir wie dir so dunkel,

Auch die Stiftung jenes Klosters.

Denn es gibt gar manche Wunder,

Die mir ewig sind verschlossen:

Aber ganz auf andre Spuren

Hab ich suchend mich geworfen!

Wenn Biondetten du errungen,

Wenn getötet du Meliore,

Wenn ohn Abendmahls Genusse

Starb das Weib des Jacopone,

Wenn verzweifelt, ohne Buße,

Starb der Fackelgießer Kosme,

Und wenn stürzt in schwere Schulden

Seine jungfräuliche Tochter,

Und in Raserei zugrunde

Geht der Bruder Jacopones,

Pietro, der die schönen Blumen

Ziehet vor dem römschen Tore:

Dann magst du und ich in Ruhe

Ewig hausen vor den Rosen

Und dem Kinde jenes Brunnens

Und vor jenem neuen Kloster!

Aber willst du meine Mutter

Kennen, lies die ersten Bogen

Des dir hochgepriesnen Buches

Von dem Weib des Erdensohnes!"

Also sprach der Geist. Zum Buche

Sitzt begierig nun Apone,

Ihm zu Füßen liegt der Pudel

Augenfunkelnd an dem Boden.

Doch die Lettern dieses Buches

Sind ihm unbekannte Formen,

Und erzürnt der Meister fluchet,

Moles mit den Füßen stoßend.

"Was soll mir der welsche Plunder?

Wahrlich, diese Schrift ist toller,

Als im Schnee die krausen Spuren

Hungrig scharrnder Hühnerpfoten!"

Zu ihm schwänzelnd spricht der Pudel:

"Meister, diesen Fall ich lobe.

Lang ging ich zu deiner Schule,

Nun kannst du zu meiner kommen.

Ich will dir zur rechten Stunde

Bald ein paar Tinkturen kochen,

Und hast du davon getrunken,

Liest du alle Hühnerpfoten!

Und dann geb ich dir in kurzem

Auch die rechte Lesmethode,

Wie von oben du nach unten,

Und von unten liest nach oben.

Denn das ist des Buches Wunder,

Trotz dem Werk der Philosophen:

Du magst lesen drüber, drunter,

Immer gleich bleibt dir geholfen.

Weil auf Schlüssen es beruhet,

Die von hinten aus nach vornen

Was nach oben, was nach unten

Ward verknüpfet, schnell entknoten.

Konsequenz allein ist Tugend,

Und das Ding verkehrt genommen,

Was man kann, weil es gerundet,

Kann das Laster selbst uns frommen.

Hast du Kraft dazu gefunden,

Magst du immer unverhohlen

Schwimmen gen den Strom des Flusses,

Streichen gen des Wuchs die Borsten.

So findst du der Freiheit Wurzel,

Dringst vom Abgrund du nach oben;

Allen Zwang hat überwunden,

Wer entwurzelt das Verbotne!" --

"Schweig mit der Moral der Hunde!"

Sprach beschämet nun Apone,

"Sage her des ersten Buches

Inhalt!" -- Und zu ihm spricht Moles:

"Du liest in dem ersten Buche,

Wie unendlich war ergossen

Or Haënsoph ohne Dunkel,

Ein unendlich Leuchten Gottes.

Wie dem Lichte ist entsprungen,

Sich rückziehend durch das Wollen,

Dunkler Raum im Mittelpunkte,

Worin ward die Welt geboren.

Wie sich in des Rückzugs Spuren

Kreisend dann das Licht ergossen,

Mannigfach des Raumes Dunkel

Licht erringend hat umschlossen.

Und wie, alles durchfiguret,

Adam Kadmon war geboren,

Aus sich selbsten ausnaturend

Die zehn Kräfte Sephirote.

Wie vier Welte sind entsprungen,

Da lebendig war das Wollen:

Asia, Briat, Aziluthe

Und Jezirah, Antlitz Gottes.

Die Jezirah ist durchdrungen

Von zehn hohen Engelchoren,

In astralschen Leiber funkelnd

Sind sie alle schon personet.

Die Asia ist die untre,

Materialisch schon geformet,

Drin die bösen Geister wurzeln,

Die in Gottes Zorn geboren.

Sie ist aus dem Streit entsprungen,

Als das Ebenbildnis Gottes,

Adam Kadmon, zu bewundern

Gott die Engel aufgefordert.

Luzifer ist aufgedrungen

Und hat da im ersten Stolze

Adam Kadmon ausgerufen,

Nicht als Bild, nein als den Gott selbst.

Denn als Gott sich ausfiguret

In der Kraft des ewgen Wollens,

Wollte Luzifer naturet,

Über ihm als Herr nun thronen.

Aber aus dem Licht ins Dunkel

Ward er da hinabgestoßen;

So entstand die Schwere unten,

So ward untre Welt geformet.

Die nun materialisch rundet

Als die Erde, Mond und Sonne,

Aber doch in ihrem Schwunge

Ist der obern unterworfen.

Und so sind in Gott entsprungen,

Aber doch in ihrem Wollen

Widerstreitend scharf zwei Punkte:

Ewges Licht und ewges Dunkel.

Wer nun in der Tiefe suchet,

Wo die starken Geister wohnen,

Der wird stark in ihrem Bunde;

Jeder ist dem Geist willkommen.

Selig aber sind die Dummen,

Sie gehn auf im Schoße Gottes,

Wissen nicht das was sie tuen;

Hast du Lust dazu, Apone?

Geißle blutig dir den Buckel,

Schlafe auf dem harten Boden,

Küß kein Weib und bet hungre,

Gehe stolz einher im Spotte!

Und vor allem sei ein Kluger,

Wählst du in den Religionen

Unter Heiden, Christen, Juden,

Daß du triffst die rechte Pforte!

Oder willst du im Abgrunde

Mit dem hohen Geiste wohnen?

Willst du leuchten in dem Dunkel

Vor den andern Philosophen?

Jauchze dann in ewger Jugend,

Plätschre in des Lebens Wogen,

Daß dich heben Wollustfluten

Übers Tor des ewgen Todes!

Denn das ist das hohe Wunder

Und der Teufelsquell des Trostes,

Daß wir nimmer gehen unter,

Weil wir streben nur nach oben!

Wir allein sind fest gefußet,

Sind es durch Erkenntnis worden

Von dem Bösen und dem Guten;

Stürzen können die von oben,

Steigen können die von unten!" --

Also sprach der schlaue Moles,

Und begann von seiner Mutter

Die Geschichte dann, wie folget.

** Romanze X: Schöpfungsgeschichte des Moles

"Als das Licht sich hat entzweiet,

Stieg was leicht und sank was schwer,

Und das Eine war gezweiet

Zwischen Gott und Luzifer.

Luzifer, dem stolzen Geiste,

Diente nun der feste Kern,

Und was unterridisch kreiste,

Nannte ihn den mächtgen Herrn,

Der von unten aufwärts greifet

Und mit Wonne und mit Schmerz

Was unsicher oben schweifet

Niederreißt ans erzne Herz.

Und der Oberfläche Zweifel

Stehet an der Scheide Weg,

Und das eben ist der Teufel,

Daß so eben ist sein Weg.

Aber nieder sah mit Neide

Gott zum festen Erdenstern,

Und er wollte, daß sie beide

Anteil hätten an dem Kern.

Wollte, daß als Friedensgeisel

Einer zwischen beiden geh,

Und, des großen Künstlers Meißel

Lobend, an der Sonne steh;

Der, den Geist der Erde preisend,

Hafte an dem Grunde schwer,

Mit der Stirne aufwärts weisend,

Mit dem Leibe irdisch wär.

Und der Herr sprach: "Nieder reise

Zu der Erde, Gabriel,

Bring in ihre sieben Kreise

Des Allmächtigen Befehl,

Daß sie dir des Staubes reiche

Aus den sieben Tiefen schnell,

Daß ein Bildnis, das mir gleiche,

Ich ihr draus zum Herren stell."

Als der Seraph niedersteigend

Zu der irdschen Feste schwebt,

Lag die Erde einsam schweigend,

Von der Geister Puls durchbebt.

Wo des Engels Flug ausgreifet,

Spaltet sich das Firmament,

Und aus seinen Ufern schweifet

Bang das nasse Element.

Und es dreht sich das Eisen

Schmerzlich in der Erde Herz,

Daß die Quellen los sich reißen

Aus der Tiefe himmelwärts.

Auf den Fittichen gebreitet

Steht der Seraph vor dem Kern:

"Erde, dir ist Heil bereitet

Durch den Willen deines Herrn!

Sei gegrüßt, Gebenedeite!

Denn mit dir will sein der Herr,

Und aus deinem Eingeweide

Soll erstehen dir der Herr.

Und die Frucht aus deinem Leibe

Soll dem Herren ähnlich sehn;

Daß dir Gottes Liebe bleibe,

Soll sein Bild aus dir erstehn.

Drum aus deinen sieben Reisen,

Von der Rinde bis zum Kern,

Laß mich eine Handvoll greifen;

Also ist der Will des Herrn!"

Vor des Engels lautem Schreie

Widertönt der Erde Erz,

Und mit einem tiefen Schreie

Tönet auf aus ihr das Herz:

"Gabriel! zum Herrn ich schreie,

Tief in innrer Angst erbebt,

Daß er mir den Wunsch verzeihe,

Daß ich bleibe unbelebt.

Daß ich jungfräulich im Scheine

Seines Lichtes freudig steh,

Nimmer um den Menschen weine,

Nicht in Sünde untergeh.

Jetzo bin vor Gott ich reine;

Soll ein Herr aus mir erstehn,

Wie soll bleiben er der meine,

Wenn er in das Licht gesehn?"

Und den Seraph hat das Weinen

Der Jungfräulichen bewegt,

Zu des ewgen Lichtes Scheinen

Ihn der Flügel wieder trägt.

Und wo er im Flug verweilet

In der weiten Himmelshöh,

Geht die Sonne, da er eilet,

Auf, daß sie die Erde seh.

Und er sprach: "O Herr, verzeihe!

Mich durchdrang ihr rührend Flehn;

Ihre Bitte, Herr, verleihe,

Laß in Reinheit sie bestehn!"

Doch der Herr sprach: "Will im Scheine

Meiner Sonnen keusch sie gehn,

Will sie bleiben immer reine,

Eh ihr auf die Augen gehn?

Sie liegt in des Traumes Zweifel,

Wenn mein Bild nicht auf ihr lebt;

Aus ihr schreiet nur der Teufel,

Wenn sie zierend widerstrebt."

Und der Herr sprach: "Niedersteige

Zu der Züchtgen, Michael!

Daß sie dir des Staubes reiche,

Nach des Ewigen Befehl!"

Als der Seraph sie umkreisend

Sieht im Mittagsglanze stehen

Und, des Herren Milde preisend,

Sich im Sonnenstrahl ergehn,

Rühret ihn, den göttlich Freien,

Der nicht kannte irdisch Weh,

Ihr metallisch heißes Schreien,

Daß ihr hart Gewalt gescheh.

Und er blieb, zur Höhe eilend

Bittend vor dem Ewgen stehn,

"Herr!" sprach er, "hör Gnad erteilend

Schonend an der Erde Flehn!

Ich hab sie im Sonnenkleide

Also schuldlos schlummern sehn,

Aller Tränen Augenweide

Unter meines Fittichs Wehn.

Als ich meine Flüge breitend

Sie mit meinem Flug erweckt,

Ihre Schmerzen tief mitleidend,

Hat mich ihr Geschrei erschreckt!"

Und der Ewge sprach: "So steige

Zu der Jungfrau, Raphael,

Daß sie dir des Staubes reiche,

Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Und der Seraph niederschweifet

Überm blauen Wogenmeer,

Und die Erde lag umreifet

Von dem Abendglanz umher.

In dem roten Sonnenscheine

War sie so in Trauer schön,

Stille lauschend, wie sie weine,

Blieb er auf den Wogen stehn.

Und von ihrem heißen Weinen

Wurden seine Flügel schwer,

Und er mußte mit ihr weinen

Nieder in das dunkle Meer.

Da er in die Wogen weinet,

Da erbitterte das Meer,

Und ihr Herz in Schmerz versteinet

Floß in salzgen Quellen her.

Und der Engel wollte weichen,

Da die Sonne stieg zur See,

Und er stellt zum Friedenszeichen

Ihr den Mond in blauer Höh.

Da er zu dem Licht aufreisend

Durch das hohe Himmelsfeld,

Rollen seine Tränen kreisend

Um die Erd das Sternenzelt.

Und der Herr sprach: "Niedersteige

Zu der Erde, Azrael!

Daß sie dir des Staubes reiche,

Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Und der Seraph weit ausbreitet

Er die Flügel um sich her,

Daß der Schatten mit ihm schreitet

Und die Nacht so tief und schwer.

Ihn soll nicht ihr Schmerz ergreifen,

Er will sie nicht trauern sehn,

Und vor ihm an ihren Reifen

Mond und Sonne untergehn.

Von der neuen Lichter Scheine

Die Geblendeten vergehn,

Als sie freudg und alleine

In ihr eigenes Herz gesehn,

Und fand allerlei Gebeine,

Die das Licht in ihr erregt,

Fand in sich die edlen Steine

Dunkel schimmernd ausgelegt.

Und traumwandelnd sie beschleichet

Nun der schlaue Azrael,

Und die Träumerin sie reichet

Sieben Staube dem Gesell.

Da er zu dem Ewgen steiget,

Ließ er sie im Schlafe stehn,

Der der Erde hat gezeiget,

Daß sie müsse untergehn.

Da den Staub dem Herrn er reichet,

Spricht der Ewge: "Azrael!

Wer das Leben so beschleichet

So vollbringet den Befehl,

Der soll alle Seelen leiten

Zu dem Himmel, zu der Höll,

Die sich von dem Leben scheiden,

Todesengel Azrael!"

Und die Erden schärfer scheidend

Ließ des Meisters Will entstehn,

Tiere immer höher schreitend

Kriechen, schwimmen, fliegen, gehn.

Und die sieben Erden einet

Er zum Menschen noch zuletzt;

Der da lachet und auch weinet

War zum Erdherrn eingesetzt.

Ihn haucht an der Herr der Geister,

Hat ihm einen Geist geschenkt,

Daß er ähnlich sei dem Meister,

Irdisch lebend göttlich denkt.

Von der Erd zum Sternenkreise

Reicht er, wenn er aufgestellt;

Sonnen gleich zu Gottes Preise

War das Antlitz ihm erhellt.

Ruhend ihm die Stirne reichte,

Wo die Sonne aufersteht;

Ruhend ihm die Ferse reichte,

Wo die Sonne untergeht.

Und die Tiere und die Geister

Blieben betend vor ihm stehn,

Glaubten ihn den ewgen Meister,

So war herrlich er und schön!

Doch da sie ihm näher schreiten,

Haben sie ihn erst erkennt,

Da er schrie: "Die Herrlichkeiten

Gottes sind ohn Zahl und End!"

Aber Gott sah ihn mit Neide,

Wollte ihn verkleinern gern,

Auf daß künftig unterscheide

Man den Diener von dem Herrn.

Ließ vom Schlafe ihn beschleichen,

Den erfunden Azrael,

Zu ihm, zu den irdschen Reichen

Stieg er, daß er ihn bestehl.

Machte um viel Ellen kleiner

Und beraubt sein eigen Werk,

Streute um ihn her die Beiner,

Daß er seine Herrschaft merk.

Und da Adam war alleine,

Sah die Tiere paarweis gehn,

Wollt der Herr, daß er nicht weine,

Ihm nach einem Weibe sehn.

Und er rief: "Hernieder steige

in die Tiefe, Azrael!

Daß sie dir des Staubes reiche,

Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Aber alle sieben Kreise

Waren durch und durch belebt,

Daß den Staub er zu sich reiße,

Harten Kampf der Geist erhebt.

Als er in der Nacht ausgreifet,

Griff er in ein Pfauennest,

Und den Vogel hochgeschweifet

Steckt im Wolkengurt er fest.

Weiter fassend zu ihm schleichet

Eine Katze augenhell,

Funken sprühen, wenn er's streichet,

Aus dem glatten Schmeichelfell.

Aus der Wurzel sodann reißt er

Belladonna Azrael,

Und Fünffingerkraut; der Meister

Wird schon wissen, was ihm fehl.

Eine Purpurschnecke reichet

Ihm sodann das weite Meer,

Und aus seiner Höhle steiget

Basiliskus zu ihm her.

Und mit diesen Sechsen einet

Er den König, der sich hebt,

Und in roter Schminke scheinet,

Wenn Merkur bei Sulphur lebt.

Diese böse Sieben reichet

Klug dem Engel Luzifer,

Der vor ihm im Dunkel schleichet,

Als wenn er die Erde wär.

Diese Sieben formt zum Leibe

Nun der Herr, die sonst getrennt,

Gibt dem Adam sie zum Weibe;

Lilith war das Weib genennt.

Adam! Adam! du mußt leiden,

Dir ist bös ein Weib gesellt!

Wer mag dich von Lilith scheiden,

Die vom Herrn dir ward bestellt?

Schreiend, widergellend, keifend

Eifert sie und widerbellt,

Mit den tausend Augen schweifend,

Die der Pfauenschweif enthält.

Und da heuchelt sie und schmeichelt

In dem weichen Katzenfell,

Und wenn er betört sie streichelt

Kratzt und beißt sie den Gesell.

Nach der Belladonna weisend

Er sie etwas giftig nennt,

Bald auf seinen Wangen beißend

Das Fünffingerkraut entbrennt.

Purpur und Zinnober weiset,

Wie es mit der Wahrheit steht,

Wenn der Basiliske gleißend

Aus der falschen Schminke geht.

Ewig waren sie entzweiet,

Sie erkannt ihn nicht als Herrn,

Den Schemhamphorasch laut schreiend

Flog sie in die Lüfte fern.

Da sprach Adam: "Herr der Geister,

Lilith floh aus meiner Welt;

Sie will nicht, daß ich als Meister

Über sie sei aufgestellt!"

Romanzen vom Rosenkranz · 第 4 / 13 段