Und es bricht aus vollen Kehlen

Ein Gesang mit wildem Grimme;

An den stillen Mauern brechen

Widergellend sich die Stimmen:

"Blanke Jungfern, blanke Degen

Muß man küssen, muß man schwingen;

Der Schwertfeger weiß zu fegen,

Sind sie rostig, unsre Klingen!

Wenn der Metzger Messer wetzet,

Muß sein Weib ein Lied ihm singen,

Und das Kalb, vom Hund gehetzet,

Hilft sie leichter ihm bezwingen.

Wetzt, ihr Brüder, wetzt die Degen,

Weil die schöne Jungfer singet,

Weil das Kalb sie uns entgegen

Singend aus dem Stalle bringet.

Blanke Jungfern, blanke Degen,

Muß man küssen, muß man schwingen;

Der Schwertfeger weiß zu fegen,

Sind sie rostig, unsre Klingen!"

Und schon mehret sich die Menge,

Hergelockt aus allen Winkeln,

Und es drohet aus der Ferne

Schon der schwere Tritt der Sbirren.

Von dem wilden Sang erwecket,

Kam nun Apo auch zu Sinnen,

Der in seiner Weisheit Netzen

Hing wie eine giftge Spinne.

Und kaum trat er auf die Schwelle,

Nähert sich der heilgen Linde,

Als ein Lebehoch entgegen

Ihm von allen Lippen dringet.

Aber vor ihm fliegt ein Degen,

Senkrecht in die Erde dringend,

Den Meliore seinem Gegener

Kräftig aus der Faust legierte.

Und Apone fragt verlegen:

"Wer hat diesen Gruß geschicket?"

Und Meliore spricht: "Vergebet,

Es ist meines Gegners Klinge.

Nicht um Ehre, noch um Leben

Fecht ich hier, bloß um die Klinge:

Diese euch zu Füßen legend,

Wählt mein Glück euch selbst zum Richter.

Und ich reich euch meinen Degen,

Weil ich kann mit beßrer Sitte

Weder rechten hier, noch fechten!"

Spricht Apone -- "Werdet stille!

Denn es ist ein schwerer Frevel,

Jetzt Tumulte anzuspinnen,

Da der ganze Staat sich trennet

In zwei feindliche Partien.

Wer jetzt offnen Lärm erreget,

Gleicht der Krähe, welche pickend

Auf dem hohen Alpenschnee

Anstoß gibt zu den Lawinen,

Die sich wälzend mächtig schwellen

Und verderbend niederdringen,

Mit des kalten Eises Decke

Städt und Dörfer überrinnend.

Übt ihr also meine Lehre,

Die euch auf die stolze Spitze

Höhrer Anschauung gestellet

Der Natur und der Geschichte?

O, ihr kramt noch im Elenden,

Streitend um gemachte Lichter,

Ihr, die ich so frei gelehret

Mit den Sternen umzuspringen!

Wollt ihr hier die Gieremei

Und die Lambertazzi spielen,

Die blind gen einander fechtend

Töricht hier ihr Blut vergießen?

Welcher Jammer könnt entstehen,

Wenn, in euern Lärm sich mischend,

Die argwöhnenden Geschlechter

Sich erblickten und erhitzten?

Und schon seh ich allerwegen

Müßig Volk heran sich ziehen.

Stecket ruhig ein die Degen,

Tretet um mich bei der Linde.

Wer war unter euch zugegen

Und nicht in den Streit verwickelt?

Er soll treulich das Entstehen

Dieses Kampfes mir berichten."

Aufgefordert naht der Redner,

Beißt rhetorisch sich die Lippe:

"Meister, deine Weisheit ehrend,

Preis ich selig mein Geschicke,

Daß mir ward ein großer Lehrer,

Der mich lehrte Frieden stiften.

Früher schon war mein Bestreben,

Diesen Zwiespalt zu vermitteln.

Doch mir war der Wind entgegen,

Der hier weht durch diese Linde,

Und die reizende Sirene,

Die in diesen Meeren singet.

Er verachtete mein Reden,

Und mit frecher Hand beschimpfte

Jenen er, der von Biondetten

Eine Pause wollt erzwingen.

Aber nicht um eigne Ehre

Hat der Kampf sich so erhitzet;

Herr, es galt um deine Lehre,

Die er traf mit giftgem Witze!"

Also schloß der falsche Gegner. --

Apo spricht: "Nun ins Gesichte

Wiederhole mir die Reden,

Knabe, die du sprachst zum Schimpfe!"

Doch Meliore hat vergessen,

Daß er stehet im Gerichte;

Er gedenket an Biondetten,

Wie sie sang die Totenhymne.

Was sie fromm für ihn gebetet,

Als er flehend zu ihr blickte,

Fühlt er schon als Himmelssegen

Sich durch alle Adern rinnen.

Wie in geisterfüllte Segel

Blickt er ins Gewölb der Linde,

Freudig stößt er ab die Erde,

Hin nach schönrer Heimat dringend.

Aber wie am Sterbebette

Rechnend gern der Teufel sitzet,

Zerrt ihn nun Apones Rede

Vom Unendlichen zur Ziffer.

"Meister, was Ihr habt begehret,

Laßt mich gütig nochmals wissen,

Sagt mir's schnelle, denn die Schwelle

Meines irdschen Hauses zittert."

Apo spricht: "Was meiner Ehre,

Meiner Lehre du zum Schimpfe

Sprachst, des Streites freche Quelle,

Sollst du in den Bart mir spritzen!"

Und Meliore spricht: "Vollendet

Hatte Guido grad, der Bildner,

Ein Gemälde voller Schrecken

Und zur Schau es ausgestellet.

Wie Aglaure und die Schwestern

Wild vom Wahnsinn sind ergriffen,

Kniend um den Korb Athenes,

Den sie treulos aufgerissen.

Giftig aus dem Korbe strecken,

Um das Kind Erechtheus ringelnd,

Sich zwei Schlangen, und Entsetzen

Packt die törichten Geschwister.

Um den Busen will sich Herfe

Gürtend eine Schlange winden,

Und es steigt ihr Haar zu Berge,

Denn das Tier hängt an dem Kinde.

Und Aglaurens Fäuste treffen

Rasend ihre eigne Stirne,

Während Krampf die Füße hebet

Und zu wilden Sprüngen zwinget.

Und Pandrosa zuchtvergessen

Hat sich das Gewand zerrissen;

Antlitz, Busen, Schoß und Lende

Sind ein Spiegel der Erynnen.

Hinter ihnen steht Athene,

Ernst in Marmor gottgebildet;

Bösen Fluges Vögel schweben

Um der fernen Tempel Zinnen.

Still und mannigfach erreget

Hatten wir dies Bild umringet,

Bis, sich ja nicht zu vergessen,

Einer alle schnell erinnert:

"Jedes Kunstwerk, das vollendet",

Sprach er und zog hoch die Stirne,

"Muß, um klar sich auszusprechen, # wird niemals beendet

Stehen auf ewigen Begriffen.

Doch, wie ich mich auch mag setzen,

Vor und in und nach dem Bilde,

Seh ich tot nur vor mir stehen

Dieses Werk des alten Pinsels. --

Ei, der zweite ihm entgegnet,

Mit der Schlange bei dem Kinde

Ist wohl auf das Leid des Herren

Und den Sündenfall gestichelt. --

Mit den törichten drei Schwestern

Meinet er, sprach dann der dritte,

Juden, Christen, Sarazenen

Streitend um die wahre Kirche. --

Und der vierte nun versetzte:

Die drei Tugenden der Christen

Sind es, die sich toll gebärden:

Glaube, Hoffnung und die Liebe: --

Und ein fünfter sprach: Ich sehe

Hier entsetzt die Charitinnen

Vor dem dreigeeinten Helden

In angstvoller Flucht begriffen. --

Ach, was können, sprach der sechste,

Juden, Sarazenen, Christen

Und die Grazien hier erhellen,

Die doch selbst Allegorien!

Mir sind es die drei Essenzen,

Die das Wesen Gottes bilden,

Im Begriffe eins zu werden

In dem Wahnsinne der Christen.

Und der siebente wollt sehen

Die drei Punkte Syllogismi,

Denen Abälard das Wesen

Der Dreieinigkeit verglichen.

Ja, sprach dann der achte frecher,

Sie sehn drein wie Heloise,

Die den Mittelsatz entbehret,

Weil den Nachsatz er vermisset.

Doch mir sinds drei Fakultäten,

Theologen, Mediziner

Und Juristen, sie umgeben

Tief erschreckt Apones Wiege. --

Und noch schlimmrer Rede Frevel

Stand ich vor dem Schreckensbilde

Mehr als durch es selbst entsetzet,

Doch ich wiederhol sie nimmer!

Und nun trat von seiner Schwelle

Guido selbst heraus zum Bilde;

Kahl, ein Greis, in seiner Rechten

Hielt er eines Messers Klinge.

Und er sprach: Mit frecher Rede

Habt ihr mir das Herz zerrissen!

Hat die rächende Athene

Euch, Gesellen, auch ergriffen?

Wißt, ich war in tiefster Seele

Lang ob dieser Zeit ergrimmet,

Welche zu entblößen strebet,

Was Gott keusch verhüllt will wissen.

Dieses schändlichen Entdeckens

Strafe wollte ich hier schildern,

Und ihr treibt denselben Frevel

Mir vor meinem züchtgen Bilde!

Doch ich folg des Herren Lehre:

Gibt dein Aug dir Ärgernisse

Reiß es aus, tritts an die Erde!

Liebes Bild, ich muß dich richten. --

Und nun riß er mit dem Messer

Zürnend durch des Bildes Mitte,

Und zertrat mit bittren Tränen

Wild sein mühsam Werk mit Füßen.

Seiner lachten noch die Frechen,

Dem das Liebste sie entrissen;

Das traf tief ihn in der Seele,

Und er stand in Tränen zitternd.

Und das Messer aus der Rechten

Mußt liebkosend ich ihm winden,

Daß er nicht zum Mörder werde,

Schmeichelnd in das Haus ihn zwingen.

Seine Axt, die in der Ecke

Stand -- er ist zugleich ein Zimmrer --

Mußt die Tochter schnell verstecken,

Als ich ängstlich ihr gewinket.

Denn er war so tief erreget,

Daß er gänzlich schien von Sinnen

Und die Tochter kaum erkennte,

Vor ihm auf den Knien liegend.

Und er schrie: O Himmel, sende

Mir die Bären, die zerrissen

Jene Buben, den Propheten

Ob des nackten Hauptes schimpfend;

Denn mit Lachen seine Fenster

Jene gottlos noch umringten,

Und die Laden vorzulegen

Wollten sie mich schmähend hindern.

Schrieen scherzend: Freund, wir sehen

Uns dir heut sehr tief verpflichtet,

Weil du für uns einen Bären

Angebunden beim Philister! --

Da ich nun hinausgetreten,

Derb die Schmach mir zu verbitten,

Fragte mich dort jener Gegner

Höhnend mit dem frechen Witze:

Lag das Findelkind Biondette

Auch in solchen Schlangenwindeln,

Weil du, gleich den tollen Schwestern,

Sinnlos wardst, sie anzublicken? --

Alle lachten Beifall gebend.

Fassen konnte ich mich nimmer,

Und ich trat ihm wild entgegen,

Sprach zu ihm mit scharfer Stimme:

Schäm der Rede dich! Athene

Schämte auch sich dieses Kindes,

Denn sein Vater war, du Frecher,

Frech und wie dein Gleichnis hinkend!

Willst du deutelnd schärfer treffen,

Sprich: Des Teufels Hirngespinste,

Die mein Lehrer Weisheit nennet,

Sah ich in Erechteus Windeln!

Denn im trunkenem Erfrechen

Will sie sich mit Gott vermischen,

Und empfangen von der Erde

Gleicht sie wohl dem Drachenkinde.

Gleicht das trübe Wortgefechte,

Das die Schule um uns stricket,

Nicht dem Korb, in dem sich's dehnet,

Wenn die Schlangen aufwärts dringen?

Springt der Decke, und ihr stehet

Auf dem Standpunkt: den Alciden

Glaubt ihr in dem Korb zu sehen,

Wie er Schlangen würgt im Schilde!

Schreit auch wohl: "Ich will vergessen,

Daß im Spiegel dies gebildet,

Daß ich selbst ein Gott hier stehe,

Der sich auf sich selbst besinnet!

Und den letzten Flug erhebend

Zu den Göttern aufzudringen,

Bringt, den Gnadenstoß zu geben,

Euch der Teufel gar von Sinnen.

Euch steht nur das Haar zu Berge,

Und dies nennt ihr reines Wissen;

Nennts der Isis Schleier heben,

Hebt ihr schamlos euern Kittel!

Wie durchs Maul und um die Kehle

Schlechte Gaukler Viper schlingen,

Zieht der Teufel eure Seelen

Sich durchs Maul philosophierend.

Und ihr könnet nicht mehr beten

Und ihr könnet nicht mehr dichten.

Die die Schlange hat zertreten,

Ist barmherzig, Gott ist Richter! --

Also habe ich geredet,

Zwar erregt, doch wohl bei Sinnen,

Und sie drängten mit dem Degen

Mich bis zu der heilgen Linde,

Wo ich zu Biondettens Ehre,

Aber nicht zu Eurem Schimpfe,

Ruhig bliebt bei meiner Rede.

Meister, nun seid Ihr der Richter!"

Und Apone zornbeweget

Spricht mit falscher Kälte: "Immer

Betend, horchend, fechtend, redend

Finde ich dich bei der Linde!

Jacopone, dein gelehrter

Bruder, lehrt dich wohl die Schliche;

Er kann auch die Worte drehen

In der Kirch und vor dem Richter.

Er, der die Parteien hetzet,

Um sie künstlicher zu schlichten,

Als wenn ich ein Bein verrenkte,

Um es wieder einzurichten.

Ihn, der naseweis sich stellet

In der Fraktionen Mitte, # Faktionen

Werden einst die Schweine fressen

Weil er sich der Kleie mischet.

Du bist von ihm angestecket,

Dem juristischen Philister,

Der verachtend meine Lehre

Im lateinschen Stalle mistet.

Doch die Gieremei werden

Einst verfluchen seine Listen,

Und die Lambertazzi werden

Einst bereuen seine Pfiffe.

Und ihr Streit wird dann erst enden,

Wenn in seines Herzens Mitte

Ihre Klingen sich begegnen,

Einen ewgen Frieden stiftend!"

Und Meliore spricht: "O Lehrer,

Übel bleibst du bei der Klinge;

Um mich bitterer zu treffen,

Willst du meinen Bruder schimpfen!

Ungerechter, den gerechten

Bruder du statt meiner schimpfest,

Denn du träffst auf den Unrechten,

Schimpftest du ihm zu Gesichte!

Um das Recht mit Spott zu treffen,

Willst die Rechte du beschmitzen,

Doch ich räche den Gerechten,

Deines Beispiels mich bedienend.

Du sprachst, unser Streit sei Frevel,

Weil er leicht das Volk erhitze,

Und im Zorne wirst du selber

Jener Anstoß der Lawine!

Ob dem reinen Glanz des Schnees

Leicht ein dunkler Rab erbittert,

Und den bösen Schnabel wetzend,

Stößt er nieder die Lawine!

Schmähst du meines Bruders Ehre,

Dieser Musenalpe Zierde,

Sonnenglänzend auf dem ewgen

Eispalaste der Juristen,

Schmähst du ewige Gesetze,

Der Gesellschaft Urgranite,

Dann schimpfst du den Kern der Erde,

Der zum Licht dringt in Gebirgen!" --

"Ja, ich schmähe," sprach der Lehrer,

"Die Pandektentitel-Flicker

Und die unfruchtbaren Rechte,

Kahl wie deine Urgranite!

Die sich immer kahl vererben,

So wie öder Berge Gipfel,

Von Geschlechte zu Geschlechte

Ihre alten Knoten schlingend.

Und wie magst du diese Zwerge

In papiernen Nestern nistend,

Noch vergleichen mit den Bergen,

Die juristischen Philister?"

Und Meliore spricht: "Die Zwerge,

Ja sie wohnen in Gebirgen,

Schmieden dort die starken Schwerte,

Eitle Riesen zu bezwingen.

Aus der Tiefe mit den Bergen

Wächst das Eisen auf zum Lichte,

Und von ihnen wiederkehret

Alles zu der Tiefe wieder.

So steigt nieder von den Bergen

Die Natur, und ihren Gipfeln

Sind die weiten Sündflutmeere,

Ist der Zorn zuerst entwichen.

So steigt nieder von den Bergen

Die Geschichte: auf der Spitze

Sinai gab Gott Gesetze

Mosen für die Israliten.

Wenn die Erde längst verwelket,

Steht noch das Granitgerippe,

Und des Wassers Flut begegnend

Heulet drum das Spiel der Winde.

So auch stehen die Gesetze,

Wenn die Staaten rings versinken

Und unzählige Geschlechter

An dem alten Recht sich bilden."

Apo spricht: "Das Recht so kennend,

Wirst du das Gesetz auch wissen,

Daß Bologna Repetenten

Nie erkennt ungraduieret.

Und du hast das kaum Erlernte

Dennoch mir hier repetieret;

Du kurzärmiger Geselle,

Wisse, daß du delirierest!

Denn die Kerkerstrafe stehet

Auf dem offnen Disputieren

Von Studenten gegen jeden,

Den die höhern Würden zieren." --

"Ja, ich kenne die Gesetze,"

Spricht Meliore, "und die Pflichten

Eines Christen, daß er rede

Den Verkehrten ins Gewissen." --

"Predge weiter," sprach der Lehrer,

"Und entpflichte dich, mein Christe,

Daß ich dem Gesetz dich gebe

Ungestört in deinen Pflichten!"

Und Meliore sprach: "Ich nenne

Jene Berge, euch Gewitter;

Euer dunkelmaulend Wesen

Ist nur dunkel, um zu blitzen.

Seit die Welt im Zirkel gehet,

Kühlet sich das Wetter blitzend,

Doch, als sei's das erst und letzte,

Bläht sich jegliches Gewitter.

Nur daß man die Sterne heller

Sehe auf der Berge Gipfel,

Lasset ihr, euch selbst verwetternd,

Euren trüben Schwall verwittern.

Und wo werdet ihr dan stehen,

Wann zuletzt der ewge Richter

Nach den ewigen Gesetzen

Euch und jene kommt zu richten?

Die geschimpfet auf die Recht,

Werden stehen auf der Linken,

Da wo Gottes Affen stehen,

Die gefallnen Engel hinkend.

Die unzähligen Systeme

Frevelnder Philosophien

Werden flehen, bei den Hexen

Auf den Besen aufzusitzen.

Ihr Allfresser, wo des ersten

Magen noch der zweite frisset,

Wenn ihm selbst schon aufgefressen

Seinen Magen hat der dritte!

Ja, der Teufel wird den letzten

Noch zertrennen in der Mitte,

Daß das Maul den Leib kann fressen;

So wird sich die Kete schließen!

Meister, du hast diese Schwerter

In der Schule selbst geschliffen,

Höhre Anschauung mich lehrend

Der Natur und der Geschichte." --

Aber zu dem Volk gewendet

Ruft Apone: "Holla, Sbirren,

Diesen Jüngling führt zum Kerker!"

Und Meliore wird umringet.

Nochmals blickt er nach Biondetten,

Folget freudig dann den Sbirren,

Als sollt er zur Hochzeit gehen,

Denn er höret ihre Stimme.

Und zu seinem Turme kehret

Apo wird, finstern Blickes;

Brach er gleich den Speer der Rede,

Haftet tödlich doch der Splitter.

Freudig nichtig, gleich Raketen,

Luftgetragen auf den Stimmen

Hört er noch ein Vivat brennen,

Und der Schwarm verliert sich singend.

Leise Lüfte hör ich wehen,

Schüchtern kehren zu der Linde

Auch die Vögel, und es treten

Aus dem Haus die beiden Kinder.

Rosablanka und Biondette

Grüßen sich mit stummen Winken;

Da sich ihre Wege trennen,

Lassen sie die Blicke sinken.

** Romanze VI: Pietro

Sieh, es schürzet Rosablanke

Sich ihr Röcklein vor dem Tore,

Rückt den Korb, daß er nicht wanke,

Sich bequemer auf dem Kopfe.

Ganz befangen in Gedanken

Und erfüllt mit neuer Sorge

Eilet durch das Feld die Schlanke

Wie auf traumbeschwingter Sohle.

Höret nicht den "Guten Abend",

Den der Wandrer ihr geboten,

Und erwidert kaum das Amen

Auf ein: Jesus sei gelobet!

Aber an den letzten Garten

Steht des Gärtners Fenster offen:

"Rosablanke, Rosablanke!"

ruft er ihr mit freudgem Tone.

"Willst du so vorüber wandeln?

Nimm vorlieb; hier sind Melonen,

Feigen, Ananas, Orangen,

Alle bloß für dich gebrochen!

Lange hab ich dein geharret;

Die mit dir zum Markte zogen,

Sind schon lang zurückgewandert.

Wo hast du so lang verzogen?"

Und die Jungfrau spricht, sich sammelnd:

"Bald hätt ich mein Wort gebrochen,

Aber lieber mirs erlasse,

Denn es sinket schon die Sonne!

Ängstlicher, als du geharret,

Harret mein der Vater Kosme.

Sieh, wie lange schon die Schatten!

Wäre ich den Berg erst oben!

Sei Geleitsmann deinem Gaste,

Ich will deine Güte loben!"

Also bittet Rosablanke;

Jener greift nach seinem Korbe,

Füllt ihn unten mit Orangen,

Legt die zarten Feigen oben,

Hängt zur Schulter ihn am Stabe,

Tritt heraus und schließt die Pforte.

Und er spricht zur Seite wandelnd:

"Zürnen hätt ich mit dir sollen,

Sehnlich hab ich dein geharret,

Und nun ist auch dies verloren!

Dies ist ihrer Schritte Schallen,

Glaubt ich, wenn mein Herz so pochte,

Blickte ängstlich durch die Kammer

Ob auch alles sei geordnet.

Und wenn ich dann wieder dachte:

Sie versprach dirs nur zum Hohne,

Fühlt das Herz ich lauter schlagen

Als den Tritt der leichten Sohlen.

Wer mir bot den guten Abend,

War an mir zum Lügner worden,

Und die schnellen Stunden standen

Boshaft still an meiner Pforte."

Also sprach er. Tränen drangen

Ihm ins Aug, geheime Boten

Züchtger Flamme, die gefangen

Lag bis jetzt im Jugendstolze.

Doch dies fühlt nicht Rosablanke.

Ungeschickt zu seinem Troste

Spricht sie: "Gib mir die Orangen,

Die du für mich abgebrochen!"

Nimmt die goldne Frucht und danket.

Mutiger spricht er: "O Holde,

Wolltest du mit gleichem Danke

Nehmen, was du selbst gebrochen!

Was vertraulich bei dem Mahle

Ich, dein Wirt, dir bieten wollte,

Dieses Herz muß auf der Straße

Scheu und unstet ich dir opfern.

Mich ernähret wohl mein Garten;

Um Bologna aller Orten

Siehst du keinen so gewartet

Und so vorteilhaft geordnet.

Und, verzeih, ich muß es sagen;

Also hab ich ihn erzogen

In dem heimlichen Verlangen,

Daß du drinnen mögest wohnen.

Wärst du mit hineingegangen,

Unter bunten Blumenkronen

Eine Königin, empfangen

Hätt ich dich mit dieser Krone!"

Und nun setzt er Rosablanken

Auf das Haupt die Blumenkrone,

Die er in dem Korb bewahret,

Ruhend auf den Früchten oben.

Und die Jungfrau in Gedanken

Gehet mit bekränzten Locken

Ihm zur Seite durch den Abend,

Gleichend einer stummen Flore.

Pietro aber spricht: "Dein Vater

Könnte dann bei uns auch wohnen,

Und er wäre nie verlassen,

Eines blieb ihm stets zum Troste.

Und an manchem schönen Abend

Kömmt mein Bruder Jacopone,

Der an Weisheit hochgeachtet,

In den Garten, sich erholend.

Und zur Freundin wirst du haben

Rosarosen, seine fromme

Stille Gattin; dir gefallen

Wird mein Bruder auch, Meliore."

Aber stumm bleibt Rosablanke,

Und der Jüngling spricht betroffen:

"Schweige nicht, o laß mich Armen

Nicht in zweifelhaftem Troste.

Seit als Gärtner deinem Vater

Ich gepflegt die roten Rosen,

Trag ich heimlich, Rosablanke,

Weißer Rosen bittre Dornen.

Ich versetzte ihm im Garten

Weiße, rote, gelbe Rosen

Und begehrt am letzten Abend

Eine weiße mir zum Lohne.

Da gabst du von deinem Stamme

Mir ein Zweiglein, dicht in Moose

Hüllt ich's, trug's zu meinem Garten,

Stellt es in den besten Boden.

Schonend ist der Sonne Wagen

Über dieses Reis gezogen,

Segnend hat des Mondes Schale

Guten Tau zu ihm gegossen.

Hoch bei goldnen Pomeranzen

Rankt sie aus den grünen Wolken,

Deines Namens Sternbild strahle

Günstig meinem Horizonte!

Paradiesisch blüht der Garten,

Seit die Rose bei mir wohnet,

Und ich gleich dem ersten Manne,

Eh das Weib geschaffen worden."

Aber Rosablanke dachte

Nun des Traums von diesem Morgen,

"Pietro," sprach sie, "eine Schlange

Rankt um deinen Baum die Rose!

Und der Herr hat sie geschaffen

Aus der sehnsuchtvollen Woge

Seines Busens; des Entschlafnen

Herz entstieg die Traumgeborne.

Die Orange wird zum Apfel,

Und der Apfel wird zum Tode,

Willst du schließen in die Arme,

Die dir in dem Herzen wohnet.

Heute früh in meinem Garten

Grub er traurig bei den Rosen

Nach dem göttlichen Erbarmen,

Das er mit dem Weib verloren.

Und die bunte, böse Schlange

Drang zu mir und meinen Rosen,

Doch Mariens Füße traten

Nieder diese Schuld des Todes.

Nimm zurücke die Orange,

Die du mir vom Baum gebrochen,

Denn ich teile keinen Apfel

Weil der Herr um mich gestorben."

Also redet Rosablanke.

Pietro schweigt, und tief betroffen

Legt der Jüngling die Orange

Zu den andern in dem Korbe.

Schweigend gehn sie nun zusammen

Bis zu der Kapelle oben,

Und des Abends Zaubergarten

Schwankt vor ihrem Aug entrollet.

Aus den Tälern wächst der Schatten,

Und es betet schon die Sonne

Ihren Abendsegen, schwankend

Auf des Waldes goldnen Kronen.

Durch des Himmels Gründe wallen

Wolkenschafe, goldgeflocket;

In dem Abendmeere badend

Trinken sie die Purpurwoge.

Und zum Rosengarten wandelt

Sich zu baden nun die Sonne,

Einen Mantel webt im Schatten

Ihr die Nacht aus grauem Flore.

Als sie schwebet ob dem Bade,

Gleicht es einem Feueropfer,

Sie dem Phönix, der mit Flammen

Sich verjünget in dem Tode.

Aber rings aus Luft erstarren

Hohe Purpurburgen, golden

Wundervolle Inseln wachsen

Aus des Äthers glühnden Wogen.

Und die Inseln werden Drachen

Und die Burgen all Sankt George

Und der Sonne Strahlen Lanzen,

Gen die Drachen blank erhoben.

Aber ewig sich verwandelnd,

Wo sie aufeinander stoßen,

Ziehn sie eine Bucht kristallen

Um der Sonne Bad voll Rosen.

Wie ein Schäfer scheu und schmachtend,

Lauschend schleicht auf leichten Sohlen

Zu der spröden Hirtin Bade,

Zieht der Mond schon hinter Wolken.

Nieder zuckt sie gleich Dianen;

Jungfräulich erglühnd im Zorne

Spritzt empor sie Goldkristalle,

Birgt den Schoß im Wellenschoße.

Und der Mond, den Tropfen trafen,

Steht gehörnt gleich Aktäone,

Und zu Sternen rings erstarren

Um ihn her die goldnen Tropfen.

Mahnend zieht die Nacht den Mantel

Vor des Unterganges Tore,

Und die Herzen fühlen alle,

Wer verloren, wer gewonnen.

Seine Schmerzen nicht mehr fassend,

Spricht nun Pietro: "Deine Rosen,

Sonne, sind im Abendgarten

All verblutet an den Dornen.

Paris gab den goldnen Apfel

Liebend hin der Schaumgebornen,

Aber mir ward ausgeschlagen

Die Granate, scheu geboten!

Und die Sonne gleicht dem Apfel,

Paris gleicht dem Silbermonde,

Und das Meer des Unterganges

Der entschleierten Dione.

Aber ach, meine Granate

Gleicht den Äpfeln von Gomorrha,

Innen voll von giftger Asche,

Außen lustig und voll Wohnne.

Und es drohet mir die blanke

Todessichel dort des Mondes,

Wie in meinem armen Garten

Tödlich steht die weiße Rose!" --

"Pietro!" spricht nun Rosablanke,

"Umschaun hat der Herr verboten,

Sahst du in den Abendflammen

Sodom und Gomorrha lodern.

Gab zurück ich dir den Apfel,

Denk getröstet meiner Worte:

Keinen Apfel mit dem Manne

Teil ich; Jesus ist gestorben!

Lasse sinken all dies Trachten,

Lasse sinken diese Sonne,

Lasse wachsen diese Schatten!

Sinkt zur Ruhe, wächst zum Troste!

Sieh, die Kerne der Granate,

Die verglichen du der Sonne,

Sind als Sterne aufgegangen,

Leuchtend zu den Ewgen Lobe.

Betend sollst du nun betrachten,

Wie gehütet von dem Monde

Sie wie Gottes Lämmer wandern,

Und du sollst nicht trauern wollen.

Trauern nicht um die Granate,

Trauern nicht um eine Rose,

Trauern nicht um Rosablanke,

Die dem Himmel sich verlobet!"

Und nun nimmt sie die Gewande

Von Biondetten aus dem Korbe,

Legt sie an und fromm verwandelt

Steht sie eine weiße Nonne.

Pietro spricht: "Leb wohl, zum Garten

Kehre ich, die Hochzeitskrone

Pfleg ich dir, dir muß sie tragen

weiße Rosen, mir die Dornen!"

Und zur Erde kniet er jammernd,

Aus den dunklen Augen flossen

Tränen heiß, und seine Arme

Hielt er schmerzemporgehoben.

Aber in den Büschen raschelt's,

Und die Jungfrau spricht: "Es kommen

meine Freunde, ausgegangen

Sind die Hirsche, mich zu holen.

Beten werd ich noch heut abend,

Daß die kühlen Tauestropfen

Diese Nacht dein Herz erlaben,

Und dich ruhig seh der Morgen."

Romanzen vom Rosenkranz · 第 2 / 13 段