Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und Han verbrachte,

nachts in den Garten des Wasserschlößchens schlich, kaum noch ein

Mensch, hörte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich

verdunkelt, dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still

geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und es tröpfelte aus dem

Ahorn auf mich nieder, die Kühle der Sommernacht war voller Gerüche, und

jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl waren

die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über den wachsenden

Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal.

Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch die nassen

beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit diesem Klang kam mich ein

schauriges Frieren an, es legte sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als

ob dieses unnennbare, zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen aus

ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von ihrem nackten Leib

aufstieg, der in einer furchtbaren Weise preisgegeben sein mußte. Wie

glühende Schneiden zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf

meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern und

Funken.

Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den Schrei des Schmerzes

mit einem Jubelruf verwechseln können, den Seufzer der Erhobenheit mit

dem Stöhnen der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben oder Tod

gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu irren in der Stille der

Nacht oder im Trubel des Marktes dies eine, dies unfaßbare und doch so

überdeutliche Vibrieren im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige

Feuer der Lüsternheit entzündet hat.

Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme eines Mannes, jenen

tiefen singenden Klang, der dem Ohr des Mannes zu den qualvollsten

Geräuschen des Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen

könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. Ich entsinne

mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger Lustbarkeit mich viel

später im Leben mit einem Mädchen zusammenführte, um dessen billige

Gunst der Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches warb,

und über deren Schulter ich im Spiegel für einen kurzen Augenblick mein

unbewachtes Gesicht sah. Ich versteinerte über diesen Zügen und floh wie

vor einem geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.

Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu deutlich, zu wahr,

als daß ich sie schon im Bewußtsein verstand? Gibt es eine

Wahrnehmungsfähigkeit des Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind

wir zuweilen eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es kam

mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein Lachen von grauser

Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht und mitleidig. Arme, kleine Kaja,

lachte ich vor mich hin, hat es dich in den Krallen und schüttelt es

dich, arme Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? Und

über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas wie eine gutmütige

Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester da oben, du lieber Irgendwer.

Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens in eine andere

Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen Kerl bei sich, einen Mann im Bett,

heimlich bei Nacht, wie ein Dienstbote, wie ---- wie einst mich. War ich

nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen gewesen? Und

nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und versuchte, mir die

Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit zuzuwerfen. Aber wohin

sollte ich mich wenden? Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich

allein auf der Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber

ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht flüchten,

sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir in der Schule hatten

singen müssen.

Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von einem Menschen, der

sich im Zimmer bückte, zwei Hände zum Vorschein und zogen langsam und

leise die beiden Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir

und Kaja entstanden, für immer.

Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch einen Wald gegangen ist,

vermag wenig Einzelheiten in seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die

Bilder unvorhergesehen wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl

ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares Bild der

Natur hervorbringen. Es ist die grell, in bengalischem Grün aufflammende

Waldwildnis, ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht,

dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden Wasser und im betäubenden

Krachen des Donners verwildert. Der neue Eindruck folgt so rasch dem

kaum erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste bestreiten

und zu einem einzigen Gesamtempfinden von Grauen, Angst, Ergriffenheit

und Andacht verschmelzen. Wohl bleibt hier ein durchleuchteter

Wassersturz, dort eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte

Baumkronenwolke in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu stark von

allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente verwoben, als daß wir ihr

Beschauer und Beurteiler blieben.

So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem Erlebnis vor Kajas

Zimmerfenster folgten. Es war schon morgendämmrig, als ich in mein

Fenster einstieg. Im unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden

erhob und zitternd vor mir stand.

»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg bebend.

Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? dachte ich. Han ist

die Hausgenossin eines Fischers am Meer, am Meer, an dem ich weile, aus

diesem oder jenem Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.

»Geh, Han, und schlaf.«

Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren Knieen.

»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das Frühlicht auf deinem

Scheitel, der hell schimmert.«

»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist traurig ...«

»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch traurig wird man

zuweilen, nimmt dies und das, ein Mensch, wie es kommt.«

»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so iß doch, stärke

dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht warum.«

So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein in der

leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum. Ich sah sie an und hörte ihre

Worte, und es lief mir aus den Augen über mein Gesicht und tropfte auf

den Boden in der Stille, so daß ich es hörte. --

Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ihre

Strahlen sanken schräg an meinem Fenster vorüber und streiften die

Hauswand, an der farbige Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer

beweglichen Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und

schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten klang die Stimme

Lüdersens und verstummte, es herrschte draußen wieder die große

Sonnenstille des Sommers.

Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war neu geteert worden und

duftete so stark, daß sein Hauch mich wie eine Glutwelle überfiel. Das

Wasser flüsterte kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein

nacheinander heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut

schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber und erblickte

fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas rote Kappe leuchtete, und

hinter diesen bildhaft feinen, fernen Strandfigürchen war die Weite

lichtblau und verschwommen, ein Traumtal ohne Ende.

Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten arbeitete.

»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern eintrat, »ich

wollte nur ...«

»Hast du Geld, Han?«

»Geld?«

»Antworte.«

»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der Kommode.«

»Und anderswo?«

»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr als hundert Taler.«

»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.«

Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins Zimmer.

»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen Lächeln ihre von

der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. »Gleich, sogleich, aber geh

derweil nicht fort.«

Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das schmale Heft gab,

das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt und mit einem Bändchen

verschnürt war.

»Kommst du wieder?« fragte sie.

Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.

Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen, es ging zwischen

Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder, auch hier und da durch

Wald. Ich sah Windmühlen munter am Werk, und hörte die Stimmen der

Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs sagte ich mir, daß

ich Hans erspartes Geld nicht nehmen dürfte, aber woher sollte ich die

Mittel erlangen, um den Plan ausführen zu können, der mich beschäftige?

Und war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der sich meiner

bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter Vogel auf der Tenne

eines Bauernhauses unter den Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht,

ob es mir ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht wußte,

was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht hätte

vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine gnädige Führung meines

Geschicks ließ mich an jenem Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte

meiner Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und einfältiges

Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich im Bann der armen

lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten Hoffnung, um mich so vor einer

Untat zu bewahren, die mich hätte verderben können.

Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme und erstand mir

Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen ich bedurfte, um der äußeren

Erscheinung nach in einen Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir,

an mir wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich erschrak,

als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte und zog den Hut.

Es fehlte mir jetzt nichts mehr, sogar ein paar Handschuhe besaß ich und

einen Stock mit verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten

Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und bemerkte plötzlich,

daß ich weinte. Darüber mußte ich lachen, und ich bemühte mich, diesen

Umstand der Tränen zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich

auffiel. Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden über diesen

Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen, und ich würde es wohl

verstanden haben, mich, wie einen anvertrauten Schützling, an den mich

eine beiläufige Teilnahme band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde

mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert einem

wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige Aufmerksamkeit, die die

Höflichkeit vorschreibt, wenn er sittsam zu sprechen versteht?

Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir geschah, und ein

heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. Auf dem Heimweg schreckte mich

der Staub der Straße, weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie

aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte gegen vier Uhr

sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate anlangte, er war zum

Fischfang draußen und Han empfing mich unter der offenen Tür des Hauses.

»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die Hände zusammen und

wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.

»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug ihre Augen

nieder, um ihr Glück nicht zu verraten.

Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer in mir

aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung, ich fürchtete ihre

Zustimmung und Freude und mir graute davor, daß ein Trostschimmer in mir

aufflammte, als riefe ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als

gäbe es im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber schon ein

einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte führen können,

erschütterte mich grausam, da er mich an die Abgründe der heimlichen

Gewißheit führte, die mich langsam verzehrte. Ich darf nicht denken,

dachte ich, es gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte

ich vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken töten

sollte.

Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, sie erschrak

heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen hatte, weit mehr erschien,

als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung gewesen war. Mit einem unbewußten

Lächeln der Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben,

barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. Es gehörte

nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück schmälern.

* * * * *

Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse denke, die

nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, der heute schreibt, der

gleiche, der einst neben mir herschritt, als ich zum Wasserschlößchen

ging, nicht aber der, der alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins

mit mir, wie wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig

dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und sah mich mit

spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute sehe ich mich noch

dahinschreiten, aber meine Augen spotten nicht mehr. Wohl denen, welchen

mit der Erinnerung Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und

nicht Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung

vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen glauben, der

mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. Nur aus wahrhaftiger Glut und

Tränen steigt uns die Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie

beschämt, weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz unseres

Daseins.

Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, als den Menschen, die

ich kenne und die ich oft darum beneidet habe, daß sie sich ihrem

Schmerz ganz hinzugeben vermochten. Sie können schwer verlieren und

leicht vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen.

Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und euch, denn ich mag nicht

darüber sprechen. Auf einem schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah

ich einst einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen Körper von

Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine ruhigen Augen schienen seine

Peiniger zu betrachten. Mir war, als müsse ich die Pfeile aus seinem

Körper ziehen, damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber

ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, darum wollte ich

es nicht, in meinen Gedanken, denn ich beneidete ihn glühend um das, was

er sah. --

So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele am Strand dahin,

den ich gut kannte. Die schwarzen Rippen des alten Wracks starrten aus

dem Sand empor und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht

am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene Staffelei, ein

kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom Meer her in den Garten

einzudringen, da mich dort die großen, verwilderten Baumgebüsche noch

eine Weile schützten.

Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich Kajas Stimme in der

Nähe und blieb stehen. Ich erblickte sie neben Eberhard unter einer der

Buchen, deren Stamm von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich

am Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. Sie trug ihr

leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, und ihr Haar war nur

flüchtig, in einem feuchten Knoten, tief zwischen den Schultern

gehalten. Offenbar kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und

trug ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen hüllten ihre

Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe ihres Kleids verwob sich mit dem

Licht, das in Goldflecken durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle

ihres Körpers schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen

Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe gewährten. Ich

spürte ihren Duft und hörte den Schlag ihres Bluts, ich schmeckte die

bleichen Schatten dieses Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie

Wein.

»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard mit böser, ein

wenig verschleierter Stimme. »Ich bin nicht dein Narr, und deine Späße

gefallen mir nicht. Für wen hältst du mich? -- Wo warst du?«

Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, zu der ihn sein

schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, halb abgewandt und den

schönen Kopf schräg nach ihr hinübergerichtet, so daß ich sein

jugendlich kühnes Profil über seiner Schulter sah.

Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre leise Art, eher

mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in Worten deutlich, und sonderbar

schüchtern, unterwürfig wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich

herausfordernd. Bat sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war

betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit getragen und

hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer Zurückhaltung.

»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge Mann barsch. »Ich

habe mir deine Kammertür nicht geöffnet, um von dir eingeschlossen zu

werden. Glaubst du, deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache

mir aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! Was dir noch

fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit du endlich zum Genuß

deiner Freiheit kommst. Das willst du! Und das ...«

Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über die Schulter ...

wieder, ein drittes Mal. Er stand da wie aus hartem Holz, unbeweglich.

Lau und hell, ohne Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen

nieder, umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und heiß

darauf.

»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den Blick zu ihm empor.

»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete er, »wir wollen im

Stil bleiben. Steh auf! Komm mit!«

Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so fest umschlingend,

daß ihr das Gehen beinahe unmöglich war, aber so schien es ihm recht zu

sein. Wie ein nachsichtiger Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr

herab, verächtlich und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung

und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot, sah ich ihn doch als

einen gefügigen Sklaven und bebte vor Kajas Macht. »Das willst du! Und

das ...« klang sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines

Steins im zerspringenden Glas nachklingt. --

* * * * *

Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie sah, daß ich mein

Bündel und meinen Stock bei mir hatte. Ich war stundenlang um das Haus

geirrt, um sie zu finden.

»Du gehst?« fragte sie.

»Ja, Kaja, ich gehe.«

»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«

Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, solange ich lebe.

Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann damit, denn ich

vermochte mich nicht mehr aufrecht zu halten.

»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir steht die Welt offen,

nichts ist dir verschlossen, und vielleicht bringst du es zu etwas. Wer

weiß ...«

»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht immer. Es ist mir

nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, und welche Gaben meiner

Natur erlaubten mir auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir

haben viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über mich

gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, auch ist es wohl so,

daß man über sich einem Menschen nicht viel mehr zu sagen vermag, als er

selber spürt.«

»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja.

Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht, aber das Meer

ging bewegt, und sein Rauschen fiel in unsere Stimmen. Kaja schien

leicht zu frösteln, denn sie war sommerlich bekleidet, und ihre Arme

waren unbedeckt, wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar

trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer wie ein

lebendiges Gut.

»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... oder?«

Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und ihre Augen,

unberührt wie die eines Kindes, senkten sich und schienen ohne Eifer zu

warten.

»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat mich, es dir zu

bestellen. Willst du ihr nicht noch die Hand drücken? Sie hat dich sehr

ins Herz geschlossen.«

»Weiß sie denn, daß ich fort will?«

»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...«

»Du hast es ihr gesagt ...«

»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und sich nach Westen hält, so

kommt man in eine schöne Gegend, die bewaldet ist und Seen hat. Ich war

mit einem ... mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne

Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«

»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel unterwegs ist wie

ich, der sieht mancherlei. Solche Orte haben Beschaulichkeit und

Besinnung für sich, und man verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln

oder zu rüsten, nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung.

Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie zuweilen

aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen, stillen Wasser

erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter diesen Bäumen, als müßte

ich mich auf ihre Wipfel stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu

schauen. Nein, das Meer ist es nicht.«

»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte Kaja nach einer

Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde ich unabhängig sein. Hier ist es

still und langweilig.«

Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine Weile vor uns

auf einen Halm des zähen Deichgrases nieder und gaukelte dann auf das

Meer hinaus. Er entschwand bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja

ließ den trockenen Sand durch die Finger gleiten.

»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer Weile die

Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete ein haltloses Lächeln ihre

Worte, und diesmal war mir als verscheuche sie in ihm etwas wie eine

flüchtige Regung des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr

langsam fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast etwas

anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, aber wie soll ich es

tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich es für unnütz halte, sondern weil

ich es nicht kann. Möchtest du doch scheiden und glauben, ich sei

glücklich; wenn du das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du

keine Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, das ist

deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute Reise, Lieber.«

Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten uns ab, und ich

schritt davon, ohne mich umzusehen. --

Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor Fuß, als träte ich eine

sinnlose Maschine. Ich muß wohl zu Boden geschaut haben, denn ich sehe

noch heute den Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße

unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen,

Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, da der Sommer

vorgeschritten war. Ich häufe und mehre etwas zwischen ihr und mir,

dachte ich, es wird langsam, mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb

stehen, ohne den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. Es

waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir längst gewohnt sind zu

überhören, die Wanderstimmen der Luft und das Flüstern von Pflanzen,

Insektensummen und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. Auch

erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde bin ich, dachte ich, ach

könnte ich sie, die unerreichbare, unübersehbare, zwischen dich und mich

legen. Aber du sollst nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr

tragt schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach und Wut, und

ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!

Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. Der eine Fuß am Boden

rief mit dumpfem Aufschlag: Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und

mir war, als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort auflesen,

sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, und ich mußte die Last

schleppen. Wie licht hat es mir doch durch manche Träne des Abschieds

einst geschimmert, aber nun wird es umher dunkler und dunkler.

Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der mich aufnahm. Ich

schritt tief gebeugt, und meine Hände hingen herab, mein Schritt klang

nicht mehr, denn ich hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die

ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen können, mir war

zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende unter mir, die sich zwischen

mich und mein Leben legte, mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten

hatten.

Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing mich in der Waldtiefe so

mächtig, daß ich an einem Baumstamm niedersank. Die Berührung meines

ganzen Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie mich, mir war,

als sänke die gesammelte Last des Wegs neben mich in die Pflanzen, und

das Moos kühlte die Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen,

und die Augen schlossen sich.

Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden · 第 12 / 13 段