sah in die Weite. Ihr frauenhaftes Mädchenhaupt mit der gehaltenen und
klargeschiedenen Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich
gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in
frommer Majestät. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem
herrlichen Gebilde erschütterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser
Pracht und Fülle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt
habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und
nun -- ist es denn Wahrheit? -- würdest du mir zürnen, wenn ich nicht mit
aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines
Wunsches würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück stärker als
meine andächtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch
Willkür und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu
mir kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und
Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen,
stärker als sie.
»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte Kaja plötzlich und
lächelte fragend, »dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer,
und ich fürchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich
deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen
Schwester. -- Wenn du mich berührst, wirst du ruhiger, ich fühle es ...
Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß
du gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich durch lauter
Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort genügte, aber das gibt es
nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer
alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort auch nicht, aber
seinen Sinn. Ich habe und weiß und behalte ihn heute. Ich bin da, und
ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht
bin ich klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du bist
jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, obgleich du mich
ein Kind nennst. Ich höre dies und alles, als hätte ich es schon tausend
Jahre lang gehört!«
»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und
trägt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in
meinen Augen!< rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«
»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.
»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«
»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«
»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«
»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, daß ich dich
manchmal beneide?«
»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.
Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die Antwort geben, ihr
Kopf kam mir nah und ich spürte ihren Atem, den Lebensduft der Frage,
die sie tat, die Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen
Leib.
* * * * *
Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, nach all den Tagen der
heißen und herrlichen Freiheit, die mich durch Wald und Wogen um ihr
stilles Haus geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht
gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter gepeinigt,
im Schein der großen Erinnerung, die wie die Sonne über allen Stunden
stand, war mir der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich
machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.
Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen am Teetisch ein junger
Herr. Was war natürlicher und was hätte mich mehr in eine planlose
Bestürzung werfen können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm
mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend aufzubringen
vermochte, beschleunigte meinen Schritt und tat, als wollte ich wieder
gehen, noch ehe ich recht angekommen war.
Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, Tante Mimseys zarte
Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten mich, ich fand darüber meinen
Weg, der als ein Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich
deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, alten
Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu machen. Sie nahm sich meiner gütig
an, wie griff sie gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme
Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.
Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in meiner; sichere,
lebendige Augen prüften mich unbefangen, ein klein wenig spöttisch, aber
nicht mehr, als man einem Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das
Recht zugesteht, die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er war
groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller Blick glitzerte
ein wenig, aber nicht hart, sondern fröhlich und klug. Seine Züge, alles
andere als knabenhaft, waren eindringliche Lebensrunen, die von
Erlebnissen sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ
mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es schien, als sei er
gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn herantraten, seine Zurückhaltung
war selbstbewußt. »Eberhard« verstand ich; wo war doch der Name schon
gefallen?
Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht ein wenig
ernster als sonst. Was bedeutete dieser Ernst? Ich wappnete mein Herz in
bebenden Klammern des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft
nicht, die in mir erwachte.
Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach den Resultaten
meiner Forschungen zu fragen, ich mußte so antworten, daß mir unter
gleichmütigeren Fragen einer späteren Prüfung von anderer Seite zwei
Wege offen blieben.
»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet überfallen«,
erzählte mir Kaja und sah an mir vorüber, während sie sprach, so daß ich
nur eine törichte Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und
planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn in alle Richtungen
und verstand nur das, was nicht für sie bestimmt war. Endlich gab sie es
auf, teilzunehmen und kraute Niko.
»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich Vetter Eberhard.
Kaja sah mich an.
Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, wenn auch
durchaus liebenswürdiger Hohn. Er sah an meiner Kleidung so augenfällig
vorbei, daß sie mir auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:
»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. In der Hauptsache
beschäftigt mich jedoch der Mensch, und an ihm vornehmlich sein
sonderbarer Hang, Fragen zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben
wünscht.«
Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von einer noch so feinen
Regung ihrer Lippen hätte nehmen können.
Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme erst nun
erwacht.
»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner alten Tante eine
gediegene Grundlage, um Ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie hört nur
leider etwas schwer.«
»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft nicht immer
vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr liegt natürlich nahe. Es soll
dann gewöhnlich damit anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten
ihren Sinn versteht.«
Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte sie mir helfen zu
müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:
»Warum lachen Sie?« fragte ich.
»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der Menschen zu
erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« antwortete sie kühl.
Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich schwieg und sah vor
mich hin. Warum habe ich die Hand geschlagen, die sich mir bot, dachte
ich, warum vermute ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind?
Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst du, daß meine
schreckliche Hilflosigkeit in den Augen Gleichgültiger deutlich wird,
wie sie den Augen deiner Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht,
daß ich böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor
Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?
Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände reichen. Vetter
Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. Mit heiterer Unbekümmertheit
betrachtete er mich, es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens
ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz zu bestehen,
von der Sorge zu unterliegen, trübte das kluge Gesicht. Er fragte mich
nicht mehr, da ich doch ungern zu antworten schien, auch so waren die
Welt und ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach mit ihr,
als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag auf dem Tisch. Ich maß die
Entfernung zwischen ihr und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit
erschien, war für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.
Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.
»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.
Ich lehnte ab, ohne zu danken.
»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie rauchen ja, Kaja
erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre ganzen Tabakbestände vernichtet
haben. Oder ist das zuviel gesagt?«
Ich sah ihn an und antwortete:
»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich wissen lassen
wollten.«
»Wieso? -- Also Sie rauchen jetzt nicht ...«
Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch und durch von einer
großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine Augen sahen in ihren Zügen nur ein
gleichmäßig-holdes Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war
ein wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das unsere Rede
nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys leise Zurückgesetztheit, an
diese zärtliche Beachtung aller Einzelheiten, die das alte Fräulein so
rührend zur Schau trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun
und Sprechen zu verbergen trachtete.
Nun sah Kaja mich an und sagte:
»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, vielleicht am
Strand, wie sonst?«
»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« sagte ich leichthin
zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen sehr dankbar. Für den Heimweg nehme
ich sie gern.«
»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, wie Sie
vielleicht glauben.«
* * * * *
Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister der Zuversicht und Not
wechselten miteinander ab, Wolken zogen über den Mond, der nur selten
sein klares Licht in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem
Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte die See
rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, die sich zu mir drängten
oder weit abrückten. Bald rang ich um Schlaf und bald um Kraft, aber
beide mieden mich und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und
verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. Was soll ich dir
gestehen, damit du mir Ruhe gibst?
Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich erhob mich nicht,
weil ich die langen Morgenstunden fürchtete und die entkräftigenden
Schwankungen des Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres,
süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und an den hellen Gram
seiner Täler. Unter den beinahe finsteren Baumkronen ist es kühl, von
großer Weite und ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus den
bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie schweben als bunte,
lautlose Vögel durch den Frieden der Fluren. Bald dieser, bald jener
läßt sich auf unserer Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des
atmenden Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll sich am
Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen der Nebelstrich, das ist
der vergangene Tag.
Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die Eimer klapperten, sie
ging zum Brunnen. Ich will gehen und ihr helfen, dachte ich, und blieb
liegen und begleitete sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der
seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, langsam
gemeinsam herauf. Han hatte über dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock
an, und wir drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein wenig
und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, die beiden Eimer
hoben sich mit ihr und sie ging langsam ins Haus. Nein, wir sprachen
nicht, Han war noch schweigsamer geworden.
Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond noch. Der Horizont über dem
Meer war von mattem, bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob.
Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt sich aus. Ich
dachte an jenen Tag, den ich emporkommen sah, nachdem ich Kaja zum
erstenmal umarmt hatte. Endlich tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber
die Macht ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten Sinne, ihr
Licht betäubte mich und ich schlief ein.
Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen Schlaf: Ich sah Kaja
nackt am Strand über den feuchten Sand laufen, dicht an der Brandung,
die ihre Schaumseen nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja
lief wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes Haar
wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. Sie lief ein wenig
ungeschickt, und mir war, als schrie sie helle, kurze Schreie, wie über
ihr die Möwen. Es waren zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie
dahintrieben, bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand fallen
ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am fernen Strand liegen
blieb. --
Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen niedergelegt haben,
den Kaja mir genannt hatte, denn ich schrak von ihrer Stimme empor. Ihr
Blick in meine erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes
Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren Augen, dem ich
noch niemals begegnet war. Es war eine wehmütige Erwartung darin, als
wenn ihr Mund ein mütterliches Wort gesprochen hätte.
»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.
»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«
»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«
»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett geschlafen.«
»Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.«
Sie sah sich um.
»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, wieviel erfuhr
ich doch da über dich, wie naiv du bist und zugleich wie listig, klug
und töricht, unvorsichtig und schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich
sprach rasch und beiläufig, als wollte ich erst auf das kommen, was mich
wesentlich bewegte.
Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:
»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für mich wird sich alles
zu einem Ganzen vereinen, was dir, im Traum, wie du sagst, so
willkürlich zusammengesetzt erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich
meine oft,« fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu
leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem sie es
geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend in grauer Mühe
verstreichen. Sie sind schwach, nichts als das.« Sie lachte leise vor
sich hin. »Im Grunde bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der
Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber mich laß in
Ruh.«
»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre sie längst zerfallen.
Sie hat eine tiefe Beziehung zum Wert des Menschen.«
»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh hin und sage das den
Männern. Ich bin ein Weib. Ich fühle mich eurer Gemeinschaft nicht
zugehörig, und solange ich keine Anforderungen an euch stelle,
versündige ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe.
Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, weitere
Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«
Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den Stielen, um sie kürzer
zu machen.
»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? Das alles ist es ja
nicht, wenn du mich doch einmal anhören wolltest. Weißt du, was du tust,
wenn du dich außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich
gekränkt?«
»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie zog die Hand über
ihr Haar und runzelte forschend die Brauen.
»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte dich ändern, dich
bessern. Ich liebe dich!«
»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte sie die
Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit es zu mildern.
»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein Herz davon. Du sollst mich
anhören, weil ich nicht schweigen kann und reden muß, aber ich spreche
nicht in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer du bist, aber
ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich fügte in meinen Gedanken hinzu:
Töricht bin ich, töricht.
»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, »füge doch hinzu,
daß du glücklich wärst, wenn du mich verachten könntest.«
»Du bist klug wie Feuer.«
»Ist das Feuer klug?«
»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts von der Liebe.«
»Leuchtet es nicht?«
»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen Dasein
braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was es braucht, und alles, was
es hindert.«
»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, sagte sie, einen
Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein gefährlicher Mensch, du
raubst der Natur ihre Ruhe.«
»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn begreife. Ich bin ein
Mensch, sonst nichts. Glaubst du denn, ich klagte dich an, um mich zu
verteidigen, oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, es ist
umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug so sein, daß ich mich
gering mache, um zu rechtfertigen. Es soll nichts von mir gelten, als
daß ich hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. In solcher
Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit des Vergänglichen
beginnt das Menschenbewußtsein, erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr
Wirken. Ich habe einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die
Lebensbereiche derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam
bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind haben werde, so ist es ihr
Frieden, wenn ich etwas zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe
zerstören, wenn meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen ihren
Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist tötet. Eine furchtbare
Macht wird auf meiner Seite sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar,
das ist die Jugend ...«
Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem Blick an, der tief
sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein Herz blutete darunter, denn ich
fühlte eine Zustimmung voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne
Gemeinschaft. Aber sie wußte es nicht, sie sagte:
»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch allein.«
»Weshalb sagst du das?«
»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist Gott, oder die
Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie willst du zu ihm kommen?«
»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«
Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er schmerzte mich, als
sei meine Hoffnung unsühnbar und eine ewige Schuld.
»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich dich mißachten
könnte, wenn ich dich nehmen und genießen könnte, wie du genommen und
genossen sein willst. Ich kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube
ich. Sieh, mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel
und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit lauter Klage vor
deinem Wesen auf, sie sucht die Augen ihrer selbst, ihren einzigen
Blick, und macht mich ungewiß und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du
bist, wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand oder
Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie Aussprechbare. Es ist
nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht Heimat, alles das ist zu wenig, es
gibt kein Wort. Das Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort,
Kaja.«
»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie meine letzten Worte
überging, »so müßte doch dein Hinnehmen nicht abhängig sein von meiner
Tugend oder Untugend.«
»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber meine Hingabe ist
davon abhängig! Nicht jenes Glück, von dem du sprichst, und das du reich
und beseligend austeilst, nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein
anderes, das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst mich
mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen Heimweh nach ewigem
Bestand.«
Sie sah mich unruhig und böse an.
»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie ungeduldig.
»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem Augenblick begriff
ich, daß ein Mensch einen anderen zu töten vermag. Aber gleichzeitig
fühlte ich meine Liebe zu diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die
fernen blauen Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können und
Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses lieblichen süßen
Scheins, der auf ihrer nackten Schulter lag und im Fall ihres hellen
Haars. Aber weder die Berge noch der holde Schein weichen im Frühling
auf unser Geheiß von uns.
Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich dieser Welt niemals
anders Herr zu werden vermöchte, als indem ich sie ganz erlitt.
Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten Sonne auf das
Dorf zu. Die Möwen flogen über den Wellen und der Horizont über dem
Wasser verschmolz in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne waren
Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht die Dinge verschmelzen und
ineinander übergehen, sondern im Licht, in einem Glanz, der nicht
blendete. Ich bin wie jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos
wanderte, um den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde
berührt.
Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von Himmel und Erde der Trost
liegt, und nicht in der Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt,
wie ein Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt mir,
ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, daß meine
Betrübnis daher stammte, daß sie mir verloren war, aber ich wußte in
heimlichen Gründen der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun
Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und daß sie nicht
allein sein würde.
Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, die über dem grünen
Bogen der Landschaft, im Blauen, auf das Meer zu wanderten, aber die
Betrübnis, die mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der
großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor Schmerzen blind
und taumelnd: Es muß etwas geben, es muß etwas geben ... warum quält
mich mein übergroßes Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen,
ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott ans Herz legen
und möchte es glauben, ohne Zweifel und ohne Not. Ich möchte es glauben,
wie das Wasser zu Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es
sein ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das ich habe, das
in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: Ich und mein Glück. Ich will
es sein, ganz sein! Es darf keine Macht im Himmel und auf der Erde
geben, die es betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines
Liebesglücks willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen und
Traurigkeit.
So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, wie in
Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne scheint und warmer Regen
niedergeht, in denen der Acker taut und keimt, in denen die Quellen der
Berge sich im Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, in denen
im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen und dahinsinken, die
nicht bestimmt waren, Früchte zu tragen.
Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der Seele in jener holden
Ungewißheit verstreichen soll, die uns mit Ungeduld und unstillbarem
Verlangen erfüllt, und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des
Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß der Erde, die warme
Brust der Mutter, die Süßigkeit unseres Traums der Zugehörigkeit zu
ihrem dunkeln Reich der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem
Widerschein des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, bis das
Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde und Himmel vor den
Augen unserer Seele öffnen. Das ist der Scheideweg, die Stunde unseres
Abschieds von der Mutter, um zum Vater emporzufinden.
Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht nach unserem
Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne Hoffnung unter dem Kreuz und kennt
den auferstandenen Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist
groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, sich im
Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit nur ein Gleichnis der
Wahrheit ist. Aber je weniger die hohe Forderung sich im Vergänglichen
bewähren kann, -- ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! -- _um so
mächtiger_ blüht ihr Glanz _über_ der Welt auf. Weil es auf der Erde
nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, deshalb fordere ich
dreifach und hundertfach! Und wunderbar! Indem ich nicht ruhe, und mein
heiliger Eifer überhand nimmt, strahlt mir die schöne Welt der
vergänglichen Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht
doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und mir zugetan,
nicht aufgabst zu fordern?
* * * * *